Mütter erzählen - Susann Bontrup - E-Book

Mütter erzählen E-Book

Susann Bontrup

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9,49 €

Beschreibung

Was bedeutet das Muttersein für Frauen? Wie erleben sie ihre Mutterrolle? In diesem Buch berichten acht Frauen über ihre Erfahrungen, Gedanken und Erlebnisse als Mutter. Offen und ehrlich geben sie Einblick in ihre individuellen Geschichten.

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Seitenzahl: 225

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Anika

Anja

Bettina

Daniela

Heike

Imke

Laura

Saskia

Nachwort

Vorwort

Als ich sechsundzwanzig Jahre alt war, verspürte ich plötzlich den innigen Wunsch ein Baby zu bekommen.

Ich hatte mir im Vorfeld sehr viele Gedanken dazu gemacht, wie ich als Mutter sein würde. Ich hatte einige Ideen dazu, wie ich mich verhalten würde, habe Bücher gelesen und andere Mütter beobachtet. Jedoch hat mich erst die Erfahrung als Mutter gelehrt, dass ich vor dem Muttersein nur wenig Wissen darüber hatte, was es wirklich bedeuten würde, ein Kind zu lieben, für es verantwortlich zu sein und es großzuziehen.

Mit der Geburt meines Sohnes betrat ich ein mir unbekanntes Land. Auf dieser Reise habe ich Gefühle des größten Glücks und der tiefsten Verzweiflung durchlebt. Ich lernte Seiten an mir kennen, die ich nicht erahnte, im Positiven wie im negativen Sinn. In den schönsten Stunden unseres Zusammenseins erlebte ich ein Glück, dass jede Faser meiner Seele durchdrang. In den dunkelsten Momenten schmiedete ich manchmal „Fluchtpläne“. Und oft stellte ich mir die Frage, ob es anderen Frauen ebenso erging.

Was bedeutet das Muttersein für Frauen? Wie erleben sie ihre Mutterrolle? Mir geht es in diesem Buch um den Austausch unter Müttern. Ich habe mich gefragt, wie andere Mütter es erleben und welche Erfahrungen sie machen.

Diese acht Frauen waren so offen und haben sich mit mir darüber unterhalten. Im Gespräch habe ich ihnen vorbereitete Fragen gestellt, habe aber auch auf die Erzählungen der Frauen reagiert und daher gestaltet sich jede Unterhaltung etwas anders. Die Gedanken und Erfahrungen meiner Gesprächspartnerinnen habe ich in diesem Buch festgehalten. Ihre Geschichten zeigen, wie individuell der Lebensweg und auch die Erfahrungen als Mutter sein können. Anika berichtet über das Leben als Alleinerziehende und ihre Erschöpfung, die sich in Panikattacken äußerte. Anja lebt ebenfalls allein mit ihrer Tochter und erzählt, wie sie ihr Leben mit einer Jugendlichen und einem erwachsenen Sohn erfährt. Bettina erwartet ihr zweites Kind und berichtet über die Veränderungen in ihrem Leben durch die Geburt ihres ersten Sohnes und wie es ist, unter der Woche allein mit dem Kind zu sein, da ihr Mann beruflich unterwegs ist. Jung Mutter zu werden und ein Schreibaby zu haben, das sind die Erfahrungen von Daniela und sie beschreibt, wie ihr Leben sich verändert und welche Herausforderungen sie zu bewältigen hat. Heike berichtet, wie ihr Leben als Mutter von erwachsenen Kindern aussieht und erklärt, dass der Job der Mutter nicht mit dem Auszug der Kinder endet. Imke erlebte in ihrer Schwangerschaft eine Schwangerschaftsvergiftung und ihr Sohn erfuhr einen schwierigen Start in sein Leben. Sie erzählt, wie es ihr und ihrem Mann erging und welche Hoffnungen sie für die Zukunft ihres Sohnes hat. Zwillinge! Diese Nachricht überraschte Laura und ihren Mann. Wie ein Leben mit Zwillingen aussieht und welche Erlebnisse sie hat, beschreibt uns Laura. Saskia musste ohne ihre Mutter aufwachsen, die bei einem Autounfall jung verstorben war. Sie beschreibt, die dramatische Geburt ihrer zweiten Tochter und die ersten Monate mit ihr als Schreibaby. Welche Gedanken und Gefühle sie erfahren hat, erzählt sie uns in ihrer Geschichte als Mutter.

Die Geschichten der acht Mütter sollen Mut machen, sich als Mutter selbst anzunehmen, sich mit anderen auszutauschen, ehrlich mit sich zu bleiben, Unterstützung zu suchen, wenn sie gebraucht wird und Stolz auf alles Geschaffene zu sein.

Anika

„Das Muttersein macht mich erwachsener. Man sieht viele Dinge ganz anders.“

Anika ist dreiunddreißig Jahre alt, ist geschieden und hat zwei Kinder im Alter von drei und dreizehn Jahren.

Was ist eine Mutter? Wie definierst du eine Mutter?

Eine Mutter ist immer für die Kinder da. Die meckert nie. Aber ich glaube, das ist eine Wunschvorstellung. Die perfekte Mutter hat alles im Griff. Sie macht alles für ihr Kind. Ist völlig tiefenentspannt.

Stellst du dir die Frage, ob du eine gute Mutter bist?

Ich stelle mir ziemlich oft die Frage, ob ich eine gute Mutter bin. In Situationen, wenn sie frech ist und nicht hört. Im Kindergarten ist sie das liebste Kind und Zuhause kann ich das überhaupt nicht bestätigen. Klar gibt es Momente, da ist sie auch echt lieb, aber manchmal, wenn sie ihren Willen nicht kriegt, schmeißt sie sich auf den Boden und dann platzt mir echt die Hutschnur. Sie war schon immer so, aber jetzt wo ich alleine bin, kriege ich es mehr mit. Als ich noch mit meinem Mann zusammen war, konnten wir uns die Kleine aufteilen. Er hat sie nun am Wochenende, um mich zu entlasten. Es gibt auch Wochenenden, wo er auch etwas unternehmen will. Dann nehme ich sie auch. Ich finde, er muss auch mal sehen, was ich eigentlich leiste.

Wie bist du Mutter geworden bzw. warum?

Als ich das erste Mal Mutter geworden bin, das war überhaupt nicht geplant. Gar nicht. Ich war auch völlig überfordert mit der Situation, weil ich noch in der Ausbildung war. Ja, meine Mama war ziemlich geschockt. Ich war neunzehn. Und ich wollte das Kind trotzdem behalten. Und alle haben gedacht, ich werde das nicht schaffen. Auch mit der Ausbildung nicht. Schwanger, lernen und arbeiten. Das haben sie mir nicht zugetraut. Das fand ich schade. Ich habe es aber trotzdem geschafft. Da war ich sehr stolz. Die einzige Unterstützung, die ich hatte, war der Vater gewesen. Meine Mutter hat sich nie um mich gekümmert. Und dann war man auf einmal Mutter. Aber ich habe das in dem Alter überhaupt nicht realisiert. Da war auf einmal so ein Baby. Ich liebe den heute über alles. Aber ich habe mich wenig um ihn gekümmert. Sehr wenig. Das kam dann erst, als wir hier hochgezogen sind. Da war er dabei. Da war er gerade zwei, glaube ich. Da hat er mich dann auch wirklich wahrgenommen als Mutter. Er war ja viel bei seinem Vater und bei Oma, also die Mutter des Vaters.

Bei der ersten Geburt bin ich da rein und habe gedacht, dass ziehst du jetzt durch. Und das läuft schon. Hat auch nur vier Stunden gedauert und dann ging das. Als ich ihn auf dem Arm hatte, wusste ich zwar, du bist jetzt Mama. Aber. Man hat versucht, sich das einzureden. Bei der Kleinen war alles anders. Das war eine bewusste Entscheidung für die Schwangerschaft. Ich habe das alles mit ihr viel bewusster wahrgenommen und habe viel verglichen. War aufgeregt, wie eine freudige schwangere Mutti. Auch diese Geburt verlief ziemlich schnell und einfach.

Ich habe den Kleinen anfangs gar nicht an mich herangelassen, weil ich es nicht wollte. Ich habe den nur abgeschoben. Immer zu seinem Papa oder zur Oma. Und habe mein Leben weitergemacht, wie vorher. Das hat mir hinterher sehr leidgetan. Ich hatte auch in der Zeit ein schlechtes Gewissen, aber das war erst später groß. Ich glaube, ich hätte mehr Unterstützung von meiner Mama haben wollen.

Nach dem Umzug war ich nur Mutter. Ich habe nur auf den aufgepasst. Ich habe den gar nicht mehr losgelassen. So als wenn ich versucht habe, etwas gutzumachen. Das hat er auch gemerkt, glaube ich. Er hing auf einmal unheimlich an mir. Das war ja vorher überhaupt nicht so. Das war dann ein richtiges Mutti-Kind. Er war dann erst bei einer Tagesmutter und dann ist er in den Kindergarten gekommen. Ich habe dann meine Arbeit bekommen und habe sehr viel gearbeitet. Ich hatte wieder wenig Zeit für ihn. Und dann hat er angefangen, Scheiben einzuschmeißen im Kindergarten, die Kinder getreten, gehauen, war frech. Und so kannte ich ihn überhaupt nicht. Der war immer mein kleiner Süßer und der hört und baut keine Scheiße. War völlig fremd das Kind. Und dann habe ich mich mit ihm hingesetzt und dann haben wir geredet. Da war er vier oder fünf Jahre alt. Da hat er gesagt, er will nach Hause. Er will wieder zu Oma und Papa. Ob ich denn böse bin. Ich habe gesagt, ich kann dir das nicht verbieten, wenn du das möchtest. Wir können das erstmal auf Probe machen. So habe ich mich dann mit dem Vater besprochen. Und wenn er sich nach vier bis fünf Wochen Zuhause wohlfühlt, dann machen wir das alles schriftlich. Ich habe ein bisschen gehofft, er will wieder zu mir, aber da war nichts zu machen. Er ist dort dann zum Kindergarten gegangen und in die Schule gekommen. Ich habe alles richtiggemacht. Diese Entscheidung war die richtige. Dieses Kind entwickelt sich bombig. Ich bin so stolz auf meinen Sohn. Das habe ich ein Stück weit dem Papa und Oma zu verdanken. Ich glaube, hier wäre er nicht glücklich geworden. Wir haben heute ein sehr gutes Verhältnis.

Damals haben das viele Mütter nicht verstanden. Die haben mich ignoriert. Meine Arbeitskollegen haben nicht mehr viel mit mir gesprochen. Eine hatte mich mal darauf angesprochen und gesagt, wie kannst du dein Kind weggeben? Ich brauchte damals eine kurze Auszeit von meiner Arbeit. Ich habe mich krankschreiben lassen, weil ich unheimlich unter dieser Trennung gelitten habe. Es ist schwer, Hilfe zu bekommen. Und auf Arbeit hatte es schon die Runde gemacht, warum ich krankgeschrieben war. Und da hatte mich die eine angesprochen und gesagt, so etwas ist doch keine Mutter. Da habe ich gesagt, ich habe das getan, was ich für mich als richtig empfunden habe. Und nicht was heutzutage das Traumbild von anderen Leuten ist. Wenn es nicht funktioniert, dann funktioniert es nicht. Ich kann doch mein Kind nicht zwingen. Und wenn ich dann in andere Filialen gekommen bin, wurde ich immer angesprochen, dass ich mein Kind weggeben habe. Darauf habe ich dann immer nur gesagt, ich denke nicht, dass wir uns darüber unterhalten müssen. Das geht keinen was an.

Bei der zweiten Schwangerschaft ging es mir bombig. Ich habe das richtig wahrgenommen. Bei dem Großen war es ja anders. Da war man schwanger, jung und da hat man sich gedacht, ja, der Bauch wird immer größer und irgendwann kommt das Kind und fertig ist. Aber bei meiner Tochter habe ich das ganz anders wahrgenommen. Ich fand die Schwangerschaft unheimlich toll. Dann dieses Zimmer einrichten oder vor dem PC sitzen und irgendwelche Sachen bestellen. Was muss sie haben und was für eine Wiege soll es sein? Ich wollte, dass da alles perfekt ist. Und dass es nicht noch einmal so wird wie bei dem Großen. Ich liebe ihn unheimlich, aber ich konnte ihm das ja nie zeigen und geben. Er weiß, dass ich unheimlich liebe. Das weiß er. Er weiß, wenn er die Schule mal durchhat, dass er herkommen kann. Am liebsten sollte er gestern schon hier einziehen. Er fehlt mir. Er fehlt mir ganz schön, auch für meine Tochter. Sie weiß, dass sie einen Bruder hat, aber mit drei, ja. Sie weiß, dass er am Kühlschrank hängt, bei ihr im Zimmer steht und ich erzähle ihr immer, das ist dein Bruder. Schön ist auch, dass er sich für sie interessiert. Er fragt oft nach, wie es seiner Schwester geht.

Als ich noch in einem Supermarkt in einem Dorf gearbeitet habe, da war es so, dass vormittags die Mütter zum Einkaufen kamen. Es musste schnell gehen, denn der Kindergarten machte 12.00 Uhr zu und das Kind muss pünktlich abgeholt werden. Da habe ich schon manchmal gedacht, ich möchte von Beruf Frau und Mutter sein. Die Frauen gehen dann nach Hause. Mehr machen die gar nicht. Und das Geld ausgeben von den Männern. Ich komme aus dem Osten und bin es gewohnt, dass auch die Frauen Vollzeit arbeiten. Für mich gehört zum Muttersein das Arbeiten dazu. Ich brauche für mich auch die Abwechslung.

Ich habe mich oft mit meiner Arbeitskollegin verglichen. Sie ist so eine Übermutter. Völlig die Ruhe selbst. Ich habe sie noch nie gegenüber ihren Kindern meckern gehört. Aber ich denke, lieber meckere ich einmal mehr, kümmere mich darum, dass meine Wohnung sauber ist und nicht überall Sachen herumliegen. Man kann ja auch mit den Kindern aufräumen. Bei ihr gehen die Kinder vor und die Wohnung sieht auch so aus…

Insgesamt find ich, ich schimpfe zu viel. Abends, wenn sie ins Bett geht, dann fällt ihr immer noch ein, sie muss etwas trinken. Ich dachte, ich drehe den Spieß um und biete ihr vor dem Schlafen etwas zu trinken an. Kaum liegt sie im Bett, sagt sie, Mama, ich habe immer noch Durst. Dann sitze ich nur fünf Minuten auf dem Sofa und will mal durchschnaufen, dann ruft sie und sagt, die Musik geht nicht. Das geht dann eine Stunde lang. Die Musik geht nicht, ihr Bett steht schief usw. Sie ist eigentlich müde, aber sie schläft nicht ein. Wenn sie das dritte oder vierte Mal kommt, dann werde ich laut. Ich komme dann in Rage. Einmal habe ich die Tür zugeschmissen. Sie war geschockt und ist weinend eingeschlafen. Ich hatte dann so ein schlechtes Gewissen und mich gefragt, willst du so sein, wie deine Mutter. Ich bin dann in ihr Zimmer und habe, sie war im Halbschlaf, mich bei ihr entschuldigt.

Wut verbinde ich mit meinem Stiefvater. Ich will nicht laut sein und auch nicht, dass meine Tochter laut wird. Ich will nicht, dass meine Tochter leidet und Angst hat so wie ich früher.

Tagsüber hat sie auch ihre Zickereien. Wenn sie wutentbrannt irgendwo sitzt und dann lasse ich sie in Ruhe. So lange, bis sie sich ausgebockt hat. Sie muss mich aber sehen, sonst ist das Geschrei groß. Abends ist es schwierig für mich.

Wie hat dich das Muttersein persönlich beeinflusst? Wie erlebst du dich als Mutter?

Erwachsener. Man sieht viele Dinge ganz anders. Man ist auf einmal so streng. Was heißt streng? Man setzt den Kindern Grenzen. Wo ich früher immer gedacht habe, wenn Mutter gemeckert hat oder mein Stiefvater, da habe ich gedacht, dass wirst du nie machen! Du wirst deinem Kind alles erlauben! Aber man sieht so vieles anders. Nicht mehr wie vor zehn oder fünfzehn Jahren. So locker flockig. Man sieht die Dinge ernster.

Entsprichst du deinen persönlichen Vorstellungen als Mutter?

Ich habe vor allem vor meinem zweiten Kind viel im Fernsehen gezappt. Habe mir viele Dokus angesehen. Ich habe mir alles angeguckt. Ich habe Bücher gelesen. Ich habe viel davon mitgenommen. Es war auch alles einfacher als sie da war. Oh – es ist doch gar nicht so schwer!

Wie hast du die erste Zeit erlebt?

Ich habe es genossen! Ich war Zuhause. Der Papa war noch da und hat seinen Meister gemacht. Es war so richtig wie Happy Family. Es lief und es war ganz toll! Bis ich dann krank wurde und dann ging nichts mehr.

In dem Jahr als meine Tochter geboren ist, da ging es mit mir ziemlich bergab. Ich weiß nicht, ob ich unterfordert war. Ich bin ein Mensch: ich gehe arbeiten und kriege nebenbei trotzdem alles hin. Und da war ich Zuhause und habe mich ums Kind gekümmert. Sie war als Baby ziemlich pflegeleicht. Sie hat kaum geschrien, nur wenn sie Hunger hatte. Ansonsten hat sie geschlafen. Im August hatte es dann angefangen, dass ich nicht mehr riechen und schmecken konnte. Das ist seitdem weg. Trotz vieler Tests, wissen die Ärzte bis heute nicht, wo es herkommt. Also ist wohl im Kopf irgendetwas blockiert. Und im Dezember, in dem gleichen Jahr, bin ich am Flughafen umgekippt. Ich habe Panikattacken, Angststörungen gekriegt. Dann bin ich im Januar wieder angefangen mitarbeiten. Nach zwei Wochen arbeiten bin ich wieder umgekippt. Wieder mitten in der Nacht Panikattacken und Angstzustände gekriegt. Da dachte ich, wie mache ich das mit dem Kind jetzt? Dann hatte ich nur noch Sorgen um das Kind! Es hat sich alles nur noch um das Kind gespielt, weil ich nicht wusste, wie ich das machen soll. Das habe ich bis Oktober geschafft, bis die Angstzustände schlimmer wurden. Dann bin ich in der Psychiatrie gelandet.

Die Angstzustände sind schlimm. Nachts aufstehen, Fenster aufreißen, weil dir die Luft wegbleibt. Eigentlich ja nicht, aber du hast das Gefühl! Der Kopf schaltet komplett aus. Wie oft habe ich zu meinem Mann gesagt, dass er einen Krankenwagen rufen soll. Ich kann nicht mehr! Die Beine funktionieren nicht mehr. Es funktioniert ja nichts mehr! Der Körper ist ja völlig lahm. Es war eine sehr sehr schlimme Zeit und wenn ich dann auf Arbeit war, ist alles von mir abgefallen. Da habe ich echt funktioniert! Ich habe meinen Job gut gemacht. Ich habe da wieder gelächelt. Es war alles in Ordnung. Aber sobald ich aus dem Laden gegangen bin, habe ich auf die Uhr gesehen und wusste, ich muss mein Kind abholen. Da ging es wieder los. Wenn ich bei meiner Tochter war und ich sie angesehen habe, war für mich auch die Welt in Ordnung. Aber dieser Druck! Dazu kam, ich hatte einen Mann, der sehr putzkrank ist. Das kam auch noch dazu. Dann hat man abends so gesessen: hast du das gemacht, hast du das gemacht? Und wenn man dann nachts zur Ruhe gekommen ist, ging es los.

Mein damaliger Mann hat es nicht ernst genommen. Er versteht es bis heute nicht, wie so etwas gehen kann. Im Oktober damals hat er wirklich gesehen, dass es mir echt schlecht ging. Da hat die Panikattacke das erste Mal fast einen ganzen Tag angehalten. Dann hat er gesagt, jetzt ist Feierabend. Er hat mich ins Auto gesetzt mit meiner „Noch“-Schwiegermutter. Dann haben sie mich ins Krankenhaus gefahren. Es war schlimm für mich in der Notaufnahme, weil ich immer gesagt habe, was ist mit meinem Kind? Da muss doch einer aufpassen! Dann bin ich dort auf Toilette gegangen und bin dort auch wieder umgefallen. Die haben sich gewundert, wo ich bleibe. Dann haben sie im Krankenhaus Tabletten gegeben und seitdem stehe ich eigentlich unter „Drogen“ (scherzhaft). Sechs Wochen war ich in der Klinik und konnte sechs Wochen mein Kind nicht sehen. Das war für mich schlimm. Sehr sehr schlimm. Ich war nicht für sie da. Ich wusste nicht, wie es ihr geht! Meine Tagesmutter hatte mir täglich Bilder geschickt. Dann bin ich rausgekommen, konnte mein Kind endlich wieder in die Arme schließen. Dann ist sie mir nicht mehr von der Seite gewichen. Man hat es gemerkt, dass Mama ihr gefehlt hatte, Sie hatte Angst, wenn ich sie zur Tagesmutter gebracht hatte, denn ich fing ja wieder das Arbeiten an. Sie hatte gedacht, ich komme nicht mehr wieder. Das war eine sehr sehr schlimme Zeit, sehr schlimm! Ich habe ihr gesagt, Kind ich komme wieder! Ich lasse dich nie wieder alleine!

Dann kam die Reha, weil ich wieder umgekippt bin. Dann haben wir die Reha beantragt und da habe ich gesagt, dass mache ich nur mit meiner Tochter. Wir waren dann gemeinsam in der Reha. Dort hat sie sich verändert, aber auch ich habe mich verändert. Ich wurde ruhiger, gelassener, bin noch mehr auf meine Tochter eingegangen.

Ich war sieben Wochen auf Reha. Dann bin ich wieder arbeiten gegangen. Dann wollten die mich in einen anderen Ort in eine andere Filiale versetzen. Ich habe guten Willen gezeigt und gesagt, okay, ich versuche es, Die neuen Kollegen kannten meine Geschichte jedoch nicht. Es hat dort nicht funktioniert aus verschiedenen Gründen. Meine Ärztin schrieb mich krank und seitdem bin ich wieder krankgeschrieben.

Jetzt mache ich ja den Tagesmutterkurs. Ich brauche einen Neuanfang. Und dann will ich für meine Kleine mehr da sein. Dann soll sie nur noch bis zwölf in den Kindergarten. Dann bin ich auch so eine Mutti. Aber ich finde, dann hat sie was von mir und ich kann auch so Geld verdienen, in dem ich mit kleinen Kindern arbeite. Ich kann mein eigener Chef sein.

Inwieweit gestattest du dir, Fehler als Mutter zu machen? Was sind in deinen Augen Fehler?

Ich möchte am liebsten gar keine Fehler machen. Schimpfen ist ein Fehler. Wenn ich nicht mit ihr jeden Abend am Tisch sitze und Abendbrot esse, das ist ein Fehler. Das gebe ich zu. Das habe ich viel gemacht und das ist das einzig Positive, was ich von Zuhause auch kenne. Aber sie sitzt nicht still. Das regt mich so auf. Dann steht sie auf und ich sage, bleib sitzen. Wir essen noch Abendbrot. Seit einer Woche habe ich es aufgegeben. Ich finde, als Mutter ist das ein großer Fehler. Da hat man sich zusammenreißen. Aber es geht im Moment nicht, weil ich nur meckere. Ich sage ständig, bleib sitzen. Ihr fällt dann ein, dass ein Kuscheltier dabeisitzen muss oder sie muss auf Toilette. Das ist manchmal echt anstrengend. Aber missen möchte ich sie auch nicht!

Wie erlebst du dein Umfeld? Darfst du ehrlich sein und sagen, dass es mit deiner Tochter auch ab und an anstrengend ist?

Ich habe Schwierigkeiten mit den Müttern hier im Dorf ins Gespräch zu kommen. Ich bin erst vor ein paar Monaten hergezogen. Sie sehen wie gefühlte vierzig aus und dann komme ich daher und man sieht mir nicht unbedingt an, dass ich über dreißig bin. Ich habe das Gefühl, von ihnen nicht ernst genommen zu werden. Sie haben hier schnell Vorurteile, ganz ganz schnell. Ich habe echt Schwierigkeiten hier anzukommen. Wenn ich „Hallo“ sage, dann geht der Kopf runter und es kommt ein kurzes „Hi“, aber mehr nicht.

Nur meine Tagesmutter, die wurde meine Freundin. Die sagt ab und zu mal etwas, so wie, mir reicht es heute oder ich bin geschafft. Mit ihr kann ich darüber reden.

Mütter sprechen nur über ihre Kinder. Und ich frage mich, haben sie nichts anderes worüber sie sprechen können? Ich denke, ihr seid doch auch noch da! Muss man da unbedingt nur über Wackelzähne sprechen? Wenn sie ausgehen, dann treffen sie sich auf Tupperwarenpartys. Ich wollte da nicht hin. Da würde ich mit den ganzen Muttis sitzen und überlegen, welche Trinkflasche ich für mein Kind kaufe. Nein, danke! Das tue ich mir nicht an. Sie gucken nur, welche Farbe die Trinkflasche hat und ob es ja auch die richtige Farbe für ihr Kind ist, statt etwas für sich selbst zu tun.

Du siehst in dir neben der Mutter auch noch eine Frau?

Ja und ich möchte auch so bleiben.

Ich habe meine Freundin oft gefragt, ob sie mit mir etwas unternehmen möchte. Aber sie muss Samstag und Sonntag mit ihren Kindern verbringen. Und dann frage ich sie, ob sie wirklich muss und sie nicht mal etwas für sich tun möchte. Da fragt sie mich, ob ich nicht mal etwas mit meiner Tochter unternehmen möchte. Ich sage ihr, ich unternehme so viel mit meiner Tochter. Und der Papa ist auch noch da. Aber ich muss doch nicht jedes Wochenende mit den Kindern ins Schwimmbad, danach das Wochenende in den Tierpark und so weiter. Wo bin ich denn dann dabei? Wo? Nirgends. Die sind jeden Sonntag reiten, das ist Pflicht. Dann sage ich, dann komme ich mit. Dann könnte meine Tochter auch mal reiten. Jetzt fragt sie mich gar nicht mehr, weil ihr Mann etwas dagegen hat, denn das ist den ihr Ritual.

Wie war das mit deiner Beziehung? Ihr seid jetzt getrennt?

Wir sind getrennt. Die Beziehung lief schon eine ganze Zeit nicht mehr gut. Er hat mich in der schweren Zeit viel unterstützt und war für mich da, nach dem er mitgekriegt hat, dass es schlimm ist, jetzt ist er der Meinung, es ist nicht mehr schlimm, denn ich kriege ja Tabletten.

Mit unserer Tochter war es schwierig. Er hatte wenig Zeit für sie gehabt. Was mich ärgert, er war bis heute nicht einmal im Kindergarten und hat geguckt. Ich weiß, er liebt sie und würde alles für sie tun, aber das reicht mir nicht. Ich finde, er muss mehr Interesse an ihr zeigen. Die Klamotten zum Beispiel. Er verlässt sich unheimlich darauf, dass ich einkaufen gehe. Er würde nie auf die Idee kommen. Ich war einmal so frech und habe ihr zu kleine Sandalen angezogen. Ich dachte, der Wink mit dem Zaunpfahl wird er schon kapieren. Nö. Sie kam mit diesen Latschen auch wieder zurück.

Es ärgert mich. Auch mit Donnerstag. Er weiß ganz genau, dass ich jeden Donnerstag zur Schule muss. Und jedes Mal muss ich sehen, wo kriege ich jemanden her? Meine Tagesmutter nimmt meine Kleine. Ich hatte die ersten Male ihn gefragt, ob er aufpassen kann. Es sind ja nur zweieinhalb Stunden und dann kann er wieder fahren. Nein, das ging nicht. Beim ersten Mal war der Grund seine Freundin, beim zweiten Mal auch, beim dritten Mal habe ich nicht mehr gefragt. Ich fand es schlimm. Denn er macht es doch nicht für mich, sondern für unsere Kleine. Er ist der „Wochenendpapa“. Da muss er nicht viel tun. Er wohnt noch bei seinen Eltern. Das ist dann noch mal schöner. Der hat es echt einfach und ich habe hier gar keinen. Für ihn steht Arbeit immer ganz oben. Das habe ich immer an ihm bemängelt.

Bei der Frage, wo die Kleine hauptsächlich wohnen soll, habe ich klipp und klar gesagt, dass sie bei mir wohnen soll. Ich habe schon einmal ein Kind verloren. Ein zweites Mal mache ich das nicht mit.

Für unsere Tochter war die Trennung von uns erst ein bisschen schwierig, weil sie es nicht verstanden hat, erst hier, dann da und hin und her. Dann kam die Reha noch dazwischen. Als wir wiedergekommen sind, dann hatte sie es begriffen. Sie weiß, wann sie zu Papa geht und wann sie bei mir ist.

Wir wissen, mein Exmann und ich, dass wir beide Fehler gemacht haben. Aber wir würden es nie über unsere Tochter austragen. Das wissen wir beide! Sie kann am allerwenigsten was dafür. Sie soll ihren Papa haben und ihr eigenes Bild von ihrem Papa.

Du sagtest ja, du bist allein. Welche Unterstützung würde dir helfen?

Bessere Arbeitsbedingungen im Einzelhandel. Aber es würde nicht funktionieren. Der Druck ist dort zu groß. Selbst wenn ich Stunden reduziere. Ich weiß, wie es läuft. Dann kommen Anrufe, kannst du hier nicht oder da.

Deine Sorgen als Mutter: Du hast Sorge, dass dein Kind nicht intelligent genug wird? Wieso?

Das ich ihr nicht genug beibringen kann. Eigentlich ist es ja nicht mein Job, aber eigentlich schon. Als Mutter muss ich mein Kind ordentlich erziehen und ihr Sachen mit auf den Weg geben. Ich möchte, dass aus ihr etwas wird. Weil ich weiß, aus dem Großen wird auch etwas und der macht seinen Weg echt bombig und ich möchte, dass die Kleine das auch so macht. Dem Großen ist vieles auch zugefallen. Der musste nicht viel lernen, der konnte das auch so. Er macht mich stolz. Und das soll bei der Kleinen auch so sein. Er war schon immer klug. Ich glaube, ich vergleiche die beiden viel zu sehr. Das ist mein Fehler.

Wie ist es alleinerziehend zu sein?

Es ist okay. Ich wünsche mir momentan keine Beziehung. Erstmal mein Leben auf die Reihe kriegen. In manchen Situationen hätte ich gerne Unterstützung.

Und im Einzelhandel alleinerziehend zu sein, ist nicht möglich. Es gibt natürlich Alleinerziehende. Die arbeiten weniger Stunden. Nur als stellvertretende Filialleiterin musst du strammstehen. Da kannst du Überstunden nicht einfach abwehren. Meine alte Chefin hat mir während meiner Krankheit den Rücken gestärkt. Als ich aus der Reha wiederkam, dann hieß es, ich habe eine neue Chefin. Die mochte mich nicht. Ich konnte dort nicht weitermachen.