Beschreibung

Eine Auswahl des Autors aus seinen: „Tagebuchnotizen, Briefen und Vorträgen — um ein bisschen unser Leben zu beleuchten, das um sie kreiste — um sie, die wir liebten und lieben, als unsere Douce Mère, Sweet Mother, [Süße Mutter]... in der Hoffnung, dass diese Darstellung ihre Persönlichkeit dem Herzen des Lesers näher bringen und helfen wird, die Flamme der Liebe, die sie in jedem entfacht hat, der mit ihr in Kontakt kam, weiterbrennen zu lassen."

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Seitenzahl: 355

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MUTTER und Ich

M. P. Pandit

Inhaltsverzeichnis

IMPRESSUM

VORWORT

BRIEFE

MUTTER UND ICH

TAGEBUCHNOTIZEN

EINIGE VORTRÄGE

SRI AUROBINDO DIGITAL EDITION

IMPRESSUM

Englischer Originaltitel: „MOTHER and I“Copyright: Dipti Publications, Pondicherry 605002, Indien

Deutsche Übersetzung: Kathrin Dannebauer

Deutsche Ausgabe mit freundlicher Genehmigung vonLotus Brands, Inc., PO Box 325 Twin Lakes, WI, 53181, USA

Copyright 2010 für die deutsche AusgabeKathrin Dannebauer

Alle Rechte vorbehalten

***

Deutsche E-Book Ausgabe:

ISBN 978-3-937701-57-8

© 2018 AURO MEDIAVerlag und FachbuchhandelWilfried Schuh

[email protected]

VORWORT

Es war während einer meiner Besuche in Bombay. Ein enthusiastischer junger Mann wollte meine Handfläche sehen. Normalerweise habe ich für Handlesekunst und Astrologie nichts übrig, aber um meine Begleitung nicht zu enttäuschen, streckte ich meine Hand aus. Er schaute sie gründlich an und rief: „Ihr Leben wird von einer Frau bestimmt!“ Alle Umstehenden waren höchst verlegen. Ich war amüsiert, denn tatsächlich ist mein Leben auf überwältigende Weise von einer FRAU erfüllt gewesen, die keine andere als die Mutter ist.

Und wirklich. Immer, seit mein Leiter und Mentor, Sri Kapali Sastriar, mich mit der Mutter in Verbindung gebracht hat, hat es keinen Bereich in meinem Leben gegeben, in dem sie nicht präsent ist. Alles, was ich schreibe, kann nur einen kleinen Einblick in dieses Spiel vom Tropfen und dem Ozean geben.

Und dennoch gibt es einige Dinge, an denen ich Sie teilhaben lassen möchte. Es ist unendlich schade, dass ich keine Aufzeichnungen über meinen Austausch mit der Mutter oder den anderer, soweit ich sie kannte, gemacht habe. Was mir vorliegt, sind nur einige wenige Notizen, die ich während bestimmter Zeiten meines Lebens im Ashram unregelmäßig aufgezeichnet habe. Aus diesen Tagebuchnotizen und Briefen wurde eine Auswahl getroffen, um etwas Licht auf unser Leben zu werfen, das um sie zentriert war, die wir als unsere Douce Mere, Süße Mutter, liebten und lieben. Natürlich musste vieles ausgelassen werden, weil es für eine Veröffentlichung zu heilig ist. Hoffentlich wird das, was in diesen Seiten berichtet wird, ihre Persönlichkeit dem Herzen des Lesers näher bringen und helfen, die Flamme der Liebe, die sie in jedem, der mit ihr in Kontakt gekommen ist, zu erhalten.

Nun zum Aufbau dieses Buches: der erste Teil besteht aus Auszügen von Briefen Sri Kapali Sastriars an mich von meinem dreizehnten Lebensjahr an. Er war es, der mich für das Leben mit Mutter vorbereitete. Der zweite Teil umfasst Auszüge aus Mutters Briefen sowie meine Notizen zu bestimmten bedeutsamen Momenten. Der dritte Teil besteht aus Tagebucheintragungen, die sich unter meinen Papieren fanden.

Ich weiß nicht, ob ich vor dem Wagnis der Veröffentlichung dieser Papiere hätte warten sollen, bis ich alles, was ich über die Mutter zu sagen hatte, vervollständigt gehabt hätte. Eine Zeit lang schien mir das so. Aber der Austausch dauert fort, Enthüllungen ihrer Wahrheit strömen herein und immer neue Ausblicke eröffnen sich. Ich sollte nicht planen, sondern den Fluss fließen lassen, wohin er will.

8.4.1984M. P. Pandit

Teil I

BRIEFE

BRIEFEvon Sri Kapali Sastriar

Ich erfuhr, dass Du das Foto einer großen Seele, einer sehr, sehr großen Person1 – in der ich Gott gefunden habe – am 15. August entdeckt hast, seinem Geburtstag. Wie hast Du es bekommen? Glaubst Du nicht, dass darin ein Geheimnis liegt? Du kannst mehr darüber wissen, wenn Du älter wirst. Du hast meine besten Wünsche. Möge Gott Dich segnen!

21.9.1934

*

Was Sünde und animalisches Leben betrifft, ist das die alte Geschichte. Sünde ist nichts als Schwäche; es ist eine gewaltige Unwahrheit und ein grausamer Scherz der Puranas. Niemand, nicht einmal der schlimmste Schurke unter uns, kehrt zum Tierzustand zurück.

Jede Seele ist ein Teil Gottes; bestimmte Seelen wählen niedrige Geburten für bestimmte Erfahrungen; diese als von Gott verhängte Strafen für frühere Schlechtigkeit zu nennen, ist eine kindische Vorstellung und ein mit Pfaffenlist gelehrtes und von der gedankenlosen Gesellschaft blind akzeptiertes religiöses Dogma; das ist monströs und dumm. Die Sündenidee ist ein Krebsgeschwür, ich wiederhole es, eine kolossale Heuchelei. Madhav muss lernen, fröhlicher zu sein, lasse ihn nicht grübeln. Gott straft nie.

August 1933

*

Du sprichst von „Inkarnationen“ und „Übermensch“. Das sind sehr interessante Themen; aber ich fürchte, ich kann jetzt nicht darüber schreiben, obwohl dies für mich während meines ganzen Lebens höchst faszinierende Themen waren.

28.5.1934

*

Bevor Du zu Bett gehst, bitte darum, dass Dein Körper während des Schlafens unter Göttlichem Schutz stehen soll und keine schlechten Träume kommen. Warum bildest Du Dir ein, dass Du etwas Falsches getan hast und ich deshalb schweigsam war? Da war nichts unrecht bei Dir, noch war ich schweigsam. Wenn Du Dich an das erinnerst, was ich Dir gesagt habe, und versuchst, es nach und nach in die Praxis umzusetzen, wirst Du sicherlich Erfolg sehen.

7.6.1934

*

Deshalb ist es nicht nur nicht falsch, nach einem höheren Leben zu streben, sondern es kann sehr leicht falsch sein, dieses Streben, das der eigenen Natur und der Seele des eigenen Wesens entspringt, nicht zu verstärken, besonders wenn man, wie Du es tust (Dein Erlebnis bedeutet das), sichtbare Zeichen eines ungewöhnlichen Lichts und der Wahrheit findet. Diese Erlebnisse sind Fingerzeige der leitenden Hand der Göttlichen Mutter in ihrer alles umfassenden Liebe und Güte für die, die sie um Hilfe, Führung und Frieden anrufen, – um Kraft, damit sie sich in dem lebendigen physischen Körper enthüllen und für ihr eigenes Göttliches Ziel manifestieren kann. Für Befreiung und endgültige Seligkeit oder für irgendeinen oder noch viel mehr dieser unermesslichen Reichtümer ihres Göttlichen Wesens.

Was Du gesehen hast, ist echt, nicht versponnen oder falsch. Es ist unratsam und auch schwierig, Dir in den engen Grenzen eines Briefes schriftliche Erklärungen Deiner Lichter- und Farben-Vision zu geben.

Weil Du ein Student bist und Yoga nicht auf regelmäßige Weise ausüben kannst, ist es das Beste für Dich, wenn Du Deine Erfahrungen – wann immer sie kommen – genau aufschreibst, und nicht deprimiert bist, wenn Du keine hast, und damit wartest, – bis die Zeit reif oder die Ausbildung abgeschlossen ist, – die Bedeutung solcher Erfahrungen wissen und unter den direkten Einfluss des Göttlichen Meisters, der Göttlichen Mutter kommen zu wollen.

In der Zwischenzeit halte Dich an das Gebet2, da Dein ganzes Streben in ihm zusammengefasst ist, denke darüber nach, assimiliere seinen Geist und forme Deine normale Haltung in Übereinstimmung mit diesem Gebet. Die Mutter hilft Dir in Antwort auf Dein tägliches Gebet mit Sicherheit in ihrer eigenen Weise, sodass Du in Deinem Leben eines Tages herausfinden magst, dass es eher immer sie war, die in Dir gewachsen ist, als dass sie Dein Wachstum unterstützt hat.

27.6.1934

*

Ich möchte wiederholen, dass beim Aufstehen und Zubettgehen eine kurze Zeit des Betens für Dich momentan ausreichend ist. Was immer Du an Licht, Form oder Bild siehst, musst Du anschauen und beobachten und es als einen möglichen Gewinn behalten, ohne überglücklich oder aufgeregt zu sein. Du musst warten, bis die Zeit kommt, wenn Du in Deinem allmählichen Wachstum als Resultat Deines täglichen Gebets das Wissen über den Wert, die Bedeutung und den ganzen Sinn der Visionen und anderer Erfahrungen erlangst, die Du machst und vielleicht weiterhin in anderer Art oder variierender Intensität bekommst. Auf keinen Fall darfst Du sie kurzerhand als ‚Verlockungen’ abtun, weil Du das in einem Buch so gelesen hast.

Für die Absolvierung Deines Examens braucht es kein spezielles Gebet, da Du es genauso wie die anderen vorher bestehen kannst.

18.7.1934

*

Die irgendwie notwendige Verspätung meinerseits, ein kurzes Schweigen für einige Wochen (was Du ‚keine Briefe von mir’ nennst), darf keine Basis sein (oder dazu gemacht werden) für fantastische Ängste oder Zweifel bezüglich Deiner inneren Stärke, des Glaubens und der Hingabe und Deines Vorstoßes auf das Ideal, das Anziehungskraft auf Dich ausübt. Eine Anziehungskraft, die von unmissverständlichen Zeichen echten Interesses und zentraler Aufrichtigkeit Deinerseits und auch von sichtbaren Zeichen einer lebendigen und bewussten Gegenwart begleitet ist, welche sofort oder nach einer Weile Antworten auf Deine Bedürfnisse, Dein Gebet und Deinen Ruf in der Meditation nach Gott oder der Göttlichen Mutter gibt.

28.8.1934

*

Dass Du in Ruhe, Stärke und Weisheit wachsen mögest, ist mein aufrichtiges Gebet zum Göttlichen. –

Ich bin froh zu sehen, dass es Dir möglich ist und immer besser gelingt, Dinge mit einem ruhigeren Geist zu betrachten.

Deine Bemühungen werden mit Sicherheit von Erfolg gekrönt sein, wenn Du durchhältst, still und ruhig, im Einklang mit der Rolle, die von Dir als Jugendlichem, als Sohn, als Bruder, als Student, als werdender Mann, als eine Seele, die nach einer höheren Göttlichen Bewussten Gegenwart mit all ihrem dazu gehörenden Licht, Macht, Frieden und Seligkeit strebt, zu erfüllen verlangt wird.

P.S. Streiche aus Deinem Geist die verfrühte Frage nach Heirat oder sogar Geld-Verdienen. Zuerst erlaube Dir selber, in Stärke und Weisheit zu wachsen. Entscheidungen können getroffen werden, wenn die Zeit kommt, wenn Du ganz erwachsen bist.

4.9.1934

*

Diese Beschränkung des Briefwechsels geschieht in Deinem besten Interesse. Ich freue mich, dass Du immer ausgeglichener und natürlich zunehmend folgsamer, disziplinierter und lieb bist wie sonst auch.

Ein Wort über „Atmosphäre“. Ja, die Atmosphäre in Sirsi3 ist spirituell, Du hast Recht. Weißt Du warum oder weshalb? Ich kann Dir nicht sagen warum. Aber Du kannst es wissen, wie sie spirituell ist. Weil jemand oder einige im Haus offen für spirituellen Einfluss sind, und der manifestiert sich in der (äußeren) Umgebung. Deshalb ist „Atmosphäre“ etwas essentiell Inneres, Okkultes, Psychisches und Spirituelles. Sie ist nicht vorrangig physisch oder etwas Äußerliches. Das ist der Grund dafür, dass ein spiritueller Mensch, der seine persönliche Atmosphäre mit sich trägt, sich überall niederlassen und den Ort zu einem Zentrum spiritueller Kraft machen kann, welches für spirituell empfängliche Menschen hilfreich sein kann, aber nicht für andere.

Sogar wenn ein realer Ort als Zentrum spiritueller Atmosphäre bezeichnet wird, ist diese nicht eigentlich physisch (Sauerstoff, Stickstoff, Wasserdampf), sondern sie ist fühlbar und nützlich nur für denjenigen, dem sie wichtig ist; aber ein spirituell Suchender soll nicht immer von der äußeren Atmosphäre abhängig sein. Er muss es fertig bringen, seine eigene (spirituelle) Atmosphäre zu schaffen, wo immer er auch hin geht.

16.10.1934

*

Ein Stotra ist ein Gebet; und das Gebet ist ein wirksames Mittel für den Gott zugewandten Willen und das Streben. Deshalb hängt die Wirksamkeit eines Gebetes in bestimmter Fassung oder Form (Renuka oder Saptashati) vom Glauben ab, den jemand an die von ihm verwendete Form hat, und vielmehr noch von seiner Hingabe an die angerufene Gottheit.

Ich habe zu diesem Thema nichts weiter zu sagen; Du kannst alles verwenden, was Dich anzieht. Alles, was ich sagen kann, ist, dass das Renukastotra sicherlich auf seine Art kraftvoll ist, und ich habe es aus persönlichen Gründen gerne gemocht. Das Saptashati ist berühmt und seine Verehrer zahlreich. Du kannst sie alle verwenden, wenn Du möchtest. Aber ich frage mich, warum Du Deinem Geist erlaubst, ein Opfer von Zweifeln bezüglich dieser Arten von Gebet zu werden. Ich hoffe, Du entscheidest Dich für das und tust das, was Dein Herz befriedigt.

P.S.

Deinen Brief vom 28. habe ich heute vor mir; ich bin höchst erfreut. Mehr gibt es im Moment nicht. Gut, sei glücklich, Madhav, sei immer glücklich.

27.10.1934

*

1. Einige Träume sind wahr, weil man in das Traumland mit einem Wahrheits- Bewusstsein gelangt und in den Wachzustand ohne viel Unwahrheiten-Mixtur, ohne dass das Traumerlebnis sehr verfälscht wird, zurückkommt.

2. Einige sind nicht wahr, weil man in einen Schlafzustand geht und von Dingen oder Ereignissen träumt, die eine grobe Wiedergabe seiner persönlichen Gefühle, Vorurteile und Vorlieben sind, welche ihm teilweise im Wachzustand bekannt oder völlig unbekannt, aber latent im Wesen vorhanden sind, – wie gefangen in den physischen und vitalen Wesensteilen und auf eine Gelegenheit für freies Spiel in den Träumen wartend, wo man keine bewusste Kontrolle hat.

Es gibt andere Faktoren, welche den Charakter von Träumen bestimmen. Wenn man Erfahrung gewinnt, kann und muss man fähig sein, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber das braucht natürlich Zeit. Ich denke, Du kannst das, was ich in wenigen Zeilen oben allgemein gesagt habe, auf bestimmte Träume anwenden und brauchst nicht jedem Traum große Bedeutung zumessen. Verstehst Du?

Dann hast Du mich in Deinem letzten Brief gebeten, Dich zur Mutter zu bringen. Ich verstehe Dich nicht genau; auch in diesem Brief sagst Du, dass ich der Mutter Dein Gebet usw. übermitteln muss. Das ist es, was Du tatsächlich zu sagen scheinst. Ich fürchte, ich muss Dich wieder an das erinnern, was ich Dir mehr als einmal gesagt habe, – dass Du noch jung bist, ein Schüler in den Teenagerjahren usw. Wenn die Zeit reif ist, wird es (in Deinem Fall) überhaupt keine Schwierigkeiten geben, die notwendige Erlaubnis zu bekommen und ihre direkte persönliche Nähe zu haben. Welche Zusicherungen brauchst Du noch?

Mein lieber Madhav, ich hoffe, Du wirst gern diesen Wink und auch meine Versicherung aufnehmen – dass es für mich ziemlich unangebracht und unnötig im Augenblick ist, zu Mutter über Dich zu sprechen, und dass es sehr richtig ist, dies zu tun, wenn die Zeit gekommen ist, wenn Du bereit bist und meine Hilfe brauchst. In der Zwischenzeit bin ich hoffnungsvoll, dass der Funke in Dir stetig zu einer Flamme des Strebens nach Gott heranwächst und Du in keiner Hinsicht in irgendeiner Weise ein Verlierer bist. Du wirst gewinnen, wenn Du den Sinn meiner Aussage begreifst.

Du sagst, dass „Stolz und Heuchelei“ in Dir sind und durch die Gnade der Mutter entfernt werden müssen; ich weiß nicht, welche Art Stolz Du hast; ich habe nichts dergleichen gesehen, das Dich in Deinem Kontakt mit mir irgendwie überlagert hätte. Es gibt keine Notwendigkeit für ein besonderes Gebet für seine Beseitigung. Wenn Du Dir sicher bist, dass Du jetzt in irgendeiner Form oder einem Ausmaß davon heimgesucht wirst, wird das nachlassen, wenn die Zeit reif ist.

Außerdem, warum nennst Du Dich einen Heuchler? Wenn Du Dir Deiner – wie Du es nennst – Heuchelei sicher bist, kann kein Gebet sie beseitigen; Du selbst musst sie wegwerfen, da Du Dir ihrer, wie Du sagst, bewusst bist und deshalb dieses Element leicht aus Dir entfernen kannst. Bedenke aber, dass ich weder sage noch dem zustimme, dass es irgendetwas Unaufrichtiges in dem gibt, was Du mir jemals persönlich gesagt hast oder gedacht hast, wenn Du schreibst:

‚Da ist Heuchelei in mir’.

Noch eine Sache: Du sagst, jeder Brief von mir bringt Dir Freude oder spirituelles Wachstum. Vielleicht tut er es. Nun, das ist dann ein ausreichender Anlass, Dir mehr Aufregung zu verschaffen oder etwas, das mit den Pflichten eines Heranwachsenden, eines Bruders und Schülers, wie Du es bist, in Konflikt geraten kann.

Ich hoffe, Du hast jetzt sowohl den Geist als auch den Buchstaben dessen verstanden – und wirst es noch besser verstehen können – was ich Dir gesagt habe und jetzt sagen will. Es wird sehr gut sein, wenn Du mir hilfst, Dir nicht mehr als einmal im Monat zu schreiben.

Ja; Du kannst Savitri4 sagen, dass ich mich immer an sie und ihre süßesten und reinsten Gedanken und Gefühle, mit denen sie mich damals umgab, erinnere; ich bin jetzt, wie immer, ihr Anna; dass sie, ihr Vithal5 und ihre Kinder immer mehr gedeihen, ist mein sehnlicher Wunsch und mein Gebet!

24.10.1934

*

Soweit bin ich nun wirklich glücklich, gute Nachricht zu bekommen bezüglich der Dinge, die Dir von mir aufgezeigt wurden und die Du selber durch Deine zunehmende Integrität und Intelligenz und Dein Pflichtgefühl entdeckt hast.

Was ich über die Frage der „Atmosphäre“ und „Träume“ gesagt habe, ist im Moment von besonderem Nutzen für Dich. Was Du sonst noch angibst, getan zu haben – Gebet, Meditation, Glauben und Hingabe stärken usw. – ist alles sehr gut. Sundaribai6 in Dharwar ist ein großes Glück für Dich in Bezug auf das, was Du spirituelle Atmosphäre nennst. Meine Liebe an Mitra und meine wärmste Zuneigung an Sundari und Dich selbst.

29.11.1934

*

Du brauchst keine Angst zu haben, vom richtigen Weg abzukommen, solange Du Dich an das Ideal und an die großen Seelen erinnerst, auf deren Hilfe Du in Zeiten, wenn Du sie brauchst, zählst, z.B. an Sri Aurobindo und die Mutter.

Wenn solche Dinge Dich überkommen, nimm sie als vorüberziehende Wolken und bitte um Hilfe, rufe die Mutter mit dem Herzen. Bei stetem Üben kann Deine Fähigkeit wachsen, Dir Deines Ideals so bewusst zu sein, dass die störenden und verlockenden Träume allmählich aufhören, ihren Kopf hervor zu strecken. Denke daran, bevor Du ins Bett gehst, und bete, dass Dein Körper mit der Zeit ein Tempel der Mutter wird, die Wohnstatt des Höchsten Göttlichen.

Es macht mir großes Vergnügen zu lesen, was Du über Sundariacca schreibst. Was Du über Sunder7 sagst, lässt mich darauf schließen, dass Du spirituell feinfühliger geworden bist; es ist eine Art psychisches Wachstum in Dir, was Dich so empfinden lässt. Und das ist keine Überraschung.

Bitte schreibe mir, was Du von Jaynath8 gesehen und gehört hast. Der Junge ist mir sehr wichtig. Warum ist Sundari nach Sirsi gegangen? Ist es, um etwas zu helfen, weil Jaynath krank ist? Bei dieser Flut von Fragen kannst Du Dir vorstellen, wie sehr mein Herz und meine Seele bei Jaynath und seiner Genesung sind. Möge die Mutter den Jungen segnen und ihm Heilung schenken!

Ich habe mein Programm mitgeteilt; weil ich einige Tage bleiben will, um mich bezüglich Jaynaths Bewegung in Richtung Fortschritt zu überzeugen, brauchst Du Dich nicht zu beeilen, mich zu besuchen. Du kannst mich sehen, wenn es passt. Oder wenn ich wiederkomme, gehe ich nach Dharwar, und sehe Euch alle, Mitra usw. Das bedeutet nicht, dass ich Dich bitte, nicht nach Sirsi zu kommen. Ich werde immer froh sein, Dich zu treffen und zu umarmen, aber das darf Deinerseits keine Vernachlässigung des Colleges mit sich bringen wegen meiner Anwesenheit hier, besonders, wenn das Examen so bald stattfindet.

9.1.1935

*

Ich schicke Dir schon jetzt diese Nachricht, weil ich den Zug nach Madras nehme.

Eine Erinnerung durch mich ist unnötig, weil Du die notwendige Haltung bereits hast, obschon immer von Dir erwartet wird, sie in zunehmendem Maße zu pflegen und das mit genügend Intensität, um dynamisch (d. h. effektiv) im Verhalten, Leben, Wachen oder Schlafen zu sein – und nicht bloß ein Ideal oder einen Gedanken im Kopf zu haben. Denn ich bin überzeugt von den spürbaren Zeichen der Integrität, des Wertes und des wachsenden Ernstes Deinerseits, die Gaben der begabten Wenigen zu teilen und zu den Guten, den Großen, den Edlen und Weisen gezählt zu werden. Diese Qualitäten sind, wenn voll entwickelt, eine ausreichende Erinnerung – wenn eine Erinnerung überhaupt nötig ist, – und sind effektiver als beratende Worte, die man in Zeiten gelegentlichen Vergessens des IDEALS braucht, in lockeren Momenten oder wenn man von Unvermögen heimgesucht wird, von dem kein Mensch ausgenommen ist.

Das Beste in mir steht Dir natürlich zur Verfügung.

28.1.1935

*

Warum solltest Du in Dir „Bedenken hegen, dass Du vom rechten Pfad abkommen könntest“ usw. und ihnen Nahrung geben? Wie kannst Du so einen Zweifel hegen und pflegen und zur gleichen Zeit von mir oder irgendjemandem erwarten, Dir das Versprechen zu geben, dass Du „trotz des Zweifels“ nicht fallen wirst? Alles, was ich sagen kann, ist, dass so ein Zweifel furchtbar unvernünftig und eine Ablehnung meiner gut begründeten Hoffnung in Dich ist, und deshalb eine Beleidigung Deines und meines gesunden Menschenverstandes. Es kann keinen schlimmeren Angriff auf Deinen noblen Glauben an ein höheres Leben und herrliches Schicksal geben als den Einmarsch des Zweifels, gleich ob er sich sanft in Dich herein stiehlt, um dort irgendwo zu lauern, oder frech von vorn auftaucht und attackiert.

Deshalb muss noch zwischen uns geklärt werde, wer das Versprechen gibt – Du oder ich. Aber ich hoffe, Du findest mich ganz einfach realistisch, wenn ich meine, dass Du jetzt an der Reihe bist oder bald sein wirst, das Versprechen zu geben; – Madhav, sei immer heiter und glücklich. Was oder wen solltest Du fürchten?

19.2.1935

*

Warum zweifelst Du wieder und sagst: „Verlass mich nicht“. Schnüre alle diese abstrusen Ängste und Zweifel zusammen und wirf das ganze Bündel ins Arabische Meer. Du musst das tun; wirst Du es tun? Das ist das Versprechen, das Du mir geben sollst – und gib es zuerst Dir, und dann mir.

Heute ist der 21ste – ein großer Tag hier.9 Das Darshan ist vorbei.

21.2.1935

*

Heute habe ich Deinen Brief vom 24. dieses Monats bekommen. Er ist, wie Du sagst, ziemlich ‚lang’ – aber zu meiner Freude, einmal wegen seines Anliegens und dann wegen der Art Dich auszudrücken im Hinblick auf das Versprechen, das Du auf meinen Wunsch hin gibst, der nach einem früheren Brief von Dir gerechtfertigt war. Du erklärst, dass von meinen zwei Briefen der letztere Dich fröhlicher und ruhiger gemacht hat. Das ist völlig wahr; aber Du deutest mir damit an, dass der vorhergehende Brief wohl eine hart zu knackende Nuss war. Vielleicht stimmt das; vielleicht war er in seinem Inhalt etwas zu stark, doch Du würdest ihn aus diesem Grund nicht für unverdaulich halten. Der Grund ist, dass der zweite Brief in einer anderen Verfassung geschrieben wurde, in der die Macht der Wahrheit offenbar durch die Süße der Liebe gemildert werden konnte und es so dem Patienten leichter machte, sie zu genießen und zu schlucken.

Du kannst mir jetzt wieder schreiben, wenn die Prüfungen vorbei sind. Das soll nicht heißen, dass Du wichtige Briefe, die keinen Aufschub dulden, nicht schreiben sollst. Alles, was ich meine, ist, dass Du mir mit dem Schreiben langer Briefe eine große Freude machen kannst, wenn Du frei bist und Muße hast und nicht in dieser Zeit, wenn Du eingespannt bist. Ich wiederhole noch einmal, dass meine Liebe, meine Zuneigung, meine Fürsorge, mein Einsatz – was auch immer sie Dir bedeuten mögen – alle uneingeschränkt und ohne Vorbehalte immer da sind. Aber es gibt eine Bedingung, dass sie Dir voll und wirksam zur Verfügung stehen. Nur die Zeit kann diese Bedingung erfüllen. Die Bedingung ist, dass Du wachsen musst, um für all diese Stärke und Fitness, nach denen Du strebst, bereit zu sein. Und das ist wieder eine Frage der Zeit. Bis dahin mache in dem Glauben, der schon in Dir ist, weiter. Wegen der Zweifel, die den Glauben attackieren, – für sie soll kein Platz sein.

27. 2. 1935

*

Ich vermute, Du siehst in mir nicht eine Autorität in allen nur vorstellbaren Gebieten; deshalb beschränke ich mich auf eine allgemeine Bemerkung und verzichte darauf, über den jungen Dichter zu Gericht zu sitzen, dessen Streben nach einer gelebten Wahrheit und höherer Führung durch intelligentes Denken und mit feinem Gefühl in diesen flüssigen Zeilen, 48 an der Zahl, Ausdruck findet. All dieses habe ich mit Zuversicht gesagt und vermute, es reicht für den Zweck.

Wenn ich nicht mehr sage, wenn ich nicht auf die Details von Skandierung, Versfuß, Rhythmus und all die anderen Regeln metrischer Komposition eingehe, kommt es daher, weil meine Kenntnisse englischer Dichtung gleich Null sind, während das sehr unvollkommene Erwachen in mir des ästhetischen Gespürs für Klang und Maß und angedeutete Schönheit des Gedankens, Gefühls oder Empfindens gänzlich gerechtfertigt, wenn nicht gar positiv unterstützt wird durch die völlige Abwesenheit eines Interesses an dieser Muse.

Aber ich mag auf dieses Thema zurückkommen und einige Tipps zu den Bedingungen geben, die einen Dichter begünstigen müssen, wenn er ein Erfolg werden soll; da Du nun mit Pariksha (Examen) verheiratet bist und der viel versprechende Augenblick (shubhamuhurta) näher kommt und Erfolg in Aussicht steht, musst Du eine andere Haltung zum Werben um Kavita (Dichtung) einnehmen. Sogar wenn Letztere Annäherungsversuche macht, kannst Du es Dir jetzt nicht leisten, Zeit mit ihr zu verbringen, und Du weißt, Bigamie ist nach englischem Gesetz nicht legal. Lass das Vorhaben ruhen, bleibe ihren Annäherungsversuchen gegenüber taub, ignoriere alle Regeln der Ritterlichkeit, danach kannst Du dann sicher das Werben wieder aufnehmen. Später dann, wenn Du als Dichter erfolgreich bist, sogar wenn es nur ein Teilerfolg ist, wird es Musik im Himmel geben, obschon hier vielleicht keine Hochzeit stattfinden wird.

9.3.1935

*

Nein, Du bittest mich zu entschuldigen, wenn irgendetwas in Deinem früheren Brief falsch gesagt war. Dafür besteht keine Notwendigkeit oder Gelegenheit, denn da ist nichts falsch. Es mag dort Gelegenheit für Lob geben; aber hier besteht dafür kein Bedarf, weil Du wiederholt gesagt hattest, dass du zu mir gehörst und sozusagen ein demütiger Teil von mir wärst. In dem Fall wäre es Eigenlob. Führe schöne Gespräche mit Sundari und den Akkas10, erzähle ihnen, was ich schreibe.

LANGE BRIEFE: Du brauchst keine langen Briefe schreiben, bevor die Prüfungen nicht vorbei sind; danach kannst Du das wieder aufnehmen. Du verstehst das, guter Madhav, Lieber, Du verstehst, was ich meine.

Mögest Du Erfolg haben!

20.3.1935

*

Dein Brief – über Dich selbst –, was Du sagst, ist in Ordnung. Du hast in der Tat überhaupt keinen Grund, Dir über irgendetwas Sorgen zu machen. Bleibe Deiner Sache treu und eine strahlende Zukunft ist Dir gewiss.

Bez. Sundaribai: Es ist großartig und stellt offenkundig einen wirklichen Zustand ihres inneren Lebens dar – später mehr dazu. Für den Moment übermittle ihr meine herzliche Liebe und wärmste Zuneigung.

13.4.1935

*

Wegen Deiner Zweifel – lass mich sehen, ob sie sich selbst übertreffen. Wenn mein Schreiben sie beseitigen kann, will ich das jetzt tun. Aber ich denke, sie sind unbegründet und kommen aus falscher Quelle und werden zu gegebener Zeit oder irgendwann einmal verschwinden und Dich nicht weiter ärgern. Aber ich erinnere mich, was Du über diese „Zweifel“ gesagt hast. Lass uns sehen; aber auch Du musst Dich erinnern. Madav, ich frage mich, warum Du keine robuste, glückliche und heitere Perspektive entwickelst. Gut, ich hoffe hierauf noch einmal zurück zu kommen, bevor ich von hier abreise.

2.5.1935

*

Warum solltest Du Wert auf Formen legen? Wir haben hier keine Vorschriften. Wenn es nicht viel zu schreiben gibt, ist eine Postkarte immer willkommen; ich frage mich, warum Du solche Ideen hast und denkst, Du müsstest um Entschuldigung bitten, weil Du eine Postkarte schreibst. Fühl’ Dich frei, fühl’ Dich wie zuhause, wenn Du schreibst.

4.5.1935

*

Es ist an Dir, die Bedeutung des Traumes zu untersuchen und seinen vollen Wert für Dich zu erkennen; alles was ich dazu sagen kann ist dies:

Es ist keine Reihe verrückter Ideen, die konkrete Form annehmen, wenn Du schläfst. Dieser bestimmte Traum verkörpert einige subtile Wahrheiten, die Einfluss auf Dein Leben und die Ideale haben, auf die Dein Leben versucht zuzusteuern. Obschon Dein Mental sehr wahrscheinlich das aktuelle Geschehen in der subtilen Traumwelt überlagert hat, ist der Traum im Wesentlichen wahr. Vor allem hebt er wieder Deine Zweifel auf bezüglich Deiner Integrität, Kompetenz, Aufrichtigkeit und der vielen ungezählten Fehler, Verzweiflung, Misstrauen und dem ganzen Rest, den der Mensch geerbt hat und worüber Du mir gelegentlich geschrieben hast. Mögest Du immer glücklich sein.

Madhav, sei immer gesegnet!

Mai 1935

*

Du musst zwischen den beiden wählen – Geschichte und Philosophie. Wenn Du später Jura nimmst, ist Geschichte gut. Wenn Du befürchtest, dass Deine Gesundheit wahrscheinlich beeinträchtigt wird, wenn Du Dich dem Studium widmest, dann gibt es natürlich die unvermeidliche Faulenzerzuflucht; hole Dir von Sunderanna philosophischen Rat betreffs des weiteren Lebensverlaufs nach dem B.A., und entscheide Dich dann. Persönlich möchte ich mich nicht in Deinen Entschluss einmischen, für den Du ja verantwortlich bist. Nimm, wenn Du Dich dafür begeistern kannst, Geschichte und Volkswirtschaft. Was immer Du nimmst, ich wünsche Dir vollen Erfolg und zunehmende Gesundheit und Zufriedenheit.

6.6.1935

*

Dein Brief ist interessant. Dies ist ein Problem, das den Menschen schon immer verwirrt hat, seit er etwas entwickelte, das man Moralbewusstsein nennt. Wenn ich nur eine kurze Antwort gebe, ist es für Dich momentan zu schwer, zu verstehen. Ein zehn Seiten langer Brief mag in die Richtung gehen, Dich zu überzeugen. Aber ich weise darauf hin, dass es für jemanden viel besser ist, die Antwort selbst herauszufinden; das ist möglich, da man nicht nur an Jahren älter wird, sondern auch an Bewusstheit, Weisheit und allgemeinen Fähigkeiten, die sich durch Erfahrung und Beobachtung vervollkommnen.

Soviel möchte ich als Gedankennahrung anführen:

1. Moral ist relativ; es gibt keine absolute Regel.

2. Moral ist nicht Spiritualität.

3. Moral ist eine Notwendigkeit, die von selbst wegfällt, wenn spiritueller Drang oder spirituelles Bewusstsein den Weg in das eigene Wesen finden. Lies das Gospel of the Gita11über Dharma, und auch ‚Einwände und der Aufruf’.

Du hast es vielleicht schon einmal gelesen. Aber lies es jetzt und denke darüber nach und versuche, das Prinzip auf das Problem anzuwenden; vielleicht ist es Dir dann möglich, die volle Tragweite der Fragen, welche Du in Deinem Brief besprichst, zu erfassen. Wenn nötig, werde ich versuchen, Antworten in der Form zu geben, in der Du sie gerne auf Deine Fragen hättest. Aber zuerst versuche Du es und sieh, ob Du Deine Fragen nicht selbst beantworten kannst. Denke auch daran,

„Zu Verantwortungen gehören auch Rechte“,

„Hinter Pflichten sind oft Interessen verborgen“.

Noch einmal möchte ich dies sagen, dass die Antwort auf Deine Frage notwendigerweise bei verschiedenen Menschen verschieden sein muss; es gibt keine stereotype Moralregel für alle Menschen unter allen Bedingungen und für alle Zeiten.

3.7.1935

*

Es ist nicht so, dass ich Deine Briefe nicht bekomme, mein Geist ist anderweitig voll beschäftigt. Es gibt im Augenblick nichts Dringendes oder Wichtiges Dir schriftlich mitzuteilen. Die ‚Stille’ hat diese und keine andere Bedeutung. Sie bedeutet nicht, dass ich Deine ‚Lösung’ für unrichtig halte. Nur Deine Schlussfolgerung ist falsch.

26.7.1935

*

Sundaribai hat mir ganz treu ihren Auftrag von Dir übermittelt; und Sushila12 hat Deinen Brief übergeben. Momentan warte ich noch darauf, dass ich mit Zuversicht genügend Stärke in Deiner Physis erwarten kann, der Anziehungskraft von Sex im Traumbewusstsein zu widerstehen, so dass der Körper und das äußere Leben ihre Rolle im Einklang mit den Anforderungen des Geistes und dem Rhythmus des inneren Lebens, nach dem Du so aufrichtig strebst, spielen können.

Im Augenblick stärke Deinen Glauben, damit er, wenn Du schläfst, mehr und mehr in Deinem Körper wirksam wird. Nach dem 15ten werde ich Dir wieder schreiben. Ich erwarte natürlich, dass Du in Deiner Antwort einen besseren Bericht über Dich und Deine Gesundheit geben kannst.

6.8.1935

*

Wie ich mir wünsche, dass Du besser für Deine Gesundheit sorgen würdest. Möge die Göttliche Mutter Dich mit einer starken und robusten Physis segnen, welche für eine vollere Nutzung dieser Zeit Deiner Vorbereitung auf ein höheres Leben nötig ist.

13.9.1935

*

Gesundheit ist für das weltliche Leben unerlässlich, im gleichen Maße, wenn nicht noch mehr, für ein göttliches Leben unserer Auffassung. Ich bete zur Göttlichen Mutter, dass sie Dir im Überfluss zuteil werde.

16.9.1935

*

Dein Brief. Die Bedeutung des ersten Traumes ist, dass Du außer Reichweite des Unglückes, des grausamen Scherzes des Elefanten, gekommen bist; und die des zweiten, in welchem Du das Darshan der Mutter hattest, muss Dir klarer gewesen sein, da Du selber in Deinem späteren Brief angibst, dass Du seit diesem Traum glücklich, ruhig usw. gewesen bist.

Das ist alles gut, sehr gut sogar. Aber Du musst um eine wachsende Kontrolle bitten über Deine Emotionen und Leidenschaften, besonders der Aufregung, sei es die Freude des tatsächlichen und erzielten oder antizipierten Erfolges oder Ängste jedweder Art.

Ja, Du kannst mir immer schreiben; das bedeutet nicht, dass Du es Dir leisten kannst, über das, was Du in der Vergangenheit erreicht hast und in Zukunft vollbringen kannst, geschwätzig zu werden. Erreiche Dein Ziel mit Ruhe, ohne mit irgendjemandem darüber zu reden; wenn Du an mich schreibst, bedeutet das, dass Du laut denkst, das ist alles; verstehst Du?

Antw.: RHETORIK: Mildere den Humor, indem Du in Anführungsstrichen hinzufügst ‚Entschuldigen Sie die Ungehobeltheit, verehrte Herren’, nach dem Satz ‚Das Unberechenbare... nicht Vergleichbare’, – Du musst gleich, nach dem Begehen der Ungehobeltheit auf sie hinweisen; siehst Du den Punkt?

19.11.1935

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Ich war froh, als ich hörte, dass man gut über Deinen Vortrag gesprochen hat, konnte Dir aber nicht zu seinem Erfolg gratulieren, weil Du gesagt hast, dass der Erfolg durch mich kam. Wie kann ich denn etwas tun, was gleichbedeutend mit Selbstlob ist?

Das Zittern der Beine wird aufhören, wenn Du Dich an den Job gewöhnst, – ich meine das Reden-Halten. Ich denke nicht, dass das ein ernster Fehler für einen Anfänger ist.

TRÄUME: Dass Du Dich an die großen Namen von Sri Aurobindo und der Mutter in solch prüfenden Träumen erinnerst, ist das einzig Wichtige und in der Tat sehr gut. Aber der Tiger oder der Elefant in den früheren Träumen, die Dich zu verletzen drohten, sind ein Signal von Kräften der Leidenschaft, denke ich, die versuchen, in Dir Aufnahme zu finden. Natürlich kannst Du immer vor solchen Versuchungen und üblen Kräften im tatsächlichen Leben gerettet werden, indem Du Dich einer höheren Kontrolle übergibst und ein noch disziplinierteres Leben führst und Dich des hohen Ideals im Wachzustand erinnerst.

GLAUBE: Du brauchst Dich um die verhältnismäßige Größe von X oder Y nicht zu sorgen. Denn Du kannst das jetzt jedenfalls nicht verstehen und solche Einschätzungen sind voreilig und gezwungenermaßen falsch. Für Dich selbst: Glaube an den Einen Göttlichen Herrn – den Meister wie auch die Mutter. Mit dem Wachsen Deines Glaubens und Deiner Hingabe wird der Rest folgen und offenbar werden wie das Tageslicht.

18.12.1935

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Die Rhetorik! Sehr gut:

„Rationalismus als Religion der modernen Welt – war er bis jetzt ein Erfolg oder ein Misserfolg?“ Ist es der Rationalismus Russells? Schaue Dir die getippten Seiten von Anami13 an. Du wirst weit mehr finden, als Du für Deinen Zweck brauchst. Alles hängt davon ab, was wir mit dem Begriff ‚Rationalismus’ genau meinen. Wenn Du damit meinst, dass die Vernunft die letztendliche Autorität in der Sphäre religiösen oder spirituellen Lebens ist, und dass sie die Grundlage von Gewissheit im Wissen ist, dann ist das Zeitalter dieses ‚ismus’ fast vorbei, was die bedeutenden Denker und Pioniere des Denkens betrifft. Vielleicht hat er überlebt und wird auf dem unkreativen und fruchtlosen Boden eines sehr begrenzen Kreises von Leuten, die man die schicke Gesellschaft engstirniger Leute nennt, überleben. Aber wenn Du mit ‚rational’ meinst, sensibel bei der vernünftigen Erläuterung ungewöhnlicher Themen zu sein wie z.B. solchen, die in die Kategorie der Religionen und außergewöhnlichen und ultramenschlichen Erfahrungen fallen, dann ist er sicher lobenswert und bleibt eine Notwendigkeit sogar für jene, die ein echtes religiöses Leben führen, – und nicht nur für einen effizienten Umgang mit menschlichen Problemen im weltlichen Leben.

Wenn Du an das Evolutionsprinzip glaubst, dann kannst Du sehen, dass der rationale Mensch auf irgendeiner Stufe der Evolution eine infarationale Stufe mit infrarational brutalen Elementen und tierischen Instinkten hatte, die, obschon nicht immer dominant, im rationalen Menschen als Erbe der Vergangenheit zu finden sind. In gleicher Weise, wenn das rationale Wesen im Laufe der Evolution einen ‚suprarationalen’ Zustand erreicht, kann das ‚rationale’ Element genauso beibehalten werden – nur dem ‚suprarationalen’ untergeordnet (welches sicherlich nicht irrational ist), – so wie das infrarationale jetzt durch das rationale Wesen beibehalten wird, welches es soweit als möglich der moralischen Kraft und mentalen Kontrolle unterwirft.

Beachte: Was sind Leidenschaft, Ärger, Lust usw. anderes als infrarational und dem Tier eigen?

Lies auch Sri Aurobindo über ‚Zweifel’ – Anami hat eine Kopie getippt. Ich hoffe, das ist genug. Wünsche Dir – dem angehenden Redner – Erfolg.

24.12.1935

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Ich hoffe, vom Resultat und der Wirkung des Vortrags zu hören, wenn Du ihn vor den Zuhörern gehalten hast. Ich bin sicher, Deine Redegabe wird sich spüren lassen. Angehender Redner, erblühe voll, öffne Dich dem Licht, das den Duft der bezaubernden Qualität der Seele verströmt, wenn sich Blütenblatt um Blütenblatt öffnet, ruhig und ohne Aufregung, zum Stolz, zur Freude und zum Lächeln jener, zu denen Du aufgrund Deiner natürlichen Umgebung gehörst.

19.1.1936

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Ich bin bezüglich des Auf und Ab Deiner Stimmung nicht unaufmerksam. Du bist nicht allein damit, die ganze Welt segelt im gleichen Boot. Aber das ist nur ein ärmlicher Trost? Ja, aber Du hast mehr Grund, Dich glücklich zu fühlen als die meisten Männer und Frauen Deines Alters und Deiner Lebenssituation. Möge diese Depression bald aus Deinem Leben verschwinden!

Ja, ich habe Deinen früheren Brief bekommen, als ich in Tiruvottiyur war, und habe die Ereignisse, die Vortragskünste usw. aufmerksam beachtet. Siehst Du darin die Lektionen für Dich? Deshalb, sei vorsichtig, sprich weniger, aber höre nicht ganz auf zu sprechen, weil das Deine Stimmung sonst wahrscheinlich dämpft.

13.2.1936

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Als ich Deinen früheren Brief las, war ich ein bisschen betreten, weil Du anscheinend den Sinn falsch verstanden hast, in dem ich die Worte ‚sei vorsichtiger’ usw. gebraucht habe, und ihnen gestattet hast, Dich unglücklich zu machen. Es würde mir wirklich Leid tun zu hören, dass Du über irgendetwas unglücklich bist; Dein Respekt mir gegenüber kann nur effektiv sein, wenn Du mich glücklich machst. Und mein Glücklichsein über Dich ist nur möglich, wenn Du wirklich glücklich bist.

Mein Stift bewegt sich in diesen Tagen nicht weiter aufgrund bestimmter wichtiger Aktivitäten, und auch wegen des sicheren Gefühls und Willens in mir, dass Du positiv friedvoll und glücklich ohne einen langen Brief von mir sein solltest. Ich freue mich auf die Zeit, wenn meine in Dich gesetzten Hoffnungen Wirklichkeit werden und sich eine vielseitige Persönlichkeit in Madhav offenbaren wird.

Ich versichere Dir noch einmal, dass mein Interesse an Deinem umfassenden Wohlbefinden durch die Erfahrung innewohnender Integrität in Dir angespornt wird. Was mehr? Willst Du wieder unglücklich sein und mich dabei unglücklich machen, was meiner Meinung nach bedeuten kann, dass Dein Respekt für mich unfruchtbar und vertrocknet ist und keine wohltuenden Ergebnisse hervorbringt?

24.2.1936

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Deinen interessanten Brief habe ich in der Hand und ich hoffe, dass Du Dich – nach Deinen eigenen Worten – daran hältst, ‚Ängsten’ ab jetzt keinen Raum mehr zu geben. Aber ich darf hinzufügen, dass ‚sich keine Sorgen machen’ eine negative Haltung ist, aber eine positive Haltung notwendig wäre, die Dir möglich ist und sein muss, um die ‚Sorgen’, welche meistens durch schiere Gewohnheit von außen kommen, zurückzuweisen. Das würde dann auch effektiv sein. Ich bin mir sicher, dass Du Deinen vollen Beitrag zur allgemeinen Harmonie dort im Haus leisten wirst, das in hohem Maße Dein Vertrauen und Deine brüderliche Zuneigung verdient.

Noch ein Wort, das ich schon in einem vorherigen Brief hätte sagen sollen, es aber irgendwie vergessen habe. Du scheinst zu denken, dass ich Dich wegen eines ‚Überlegenheits-Komplexes’ kritisiere. Absolut nicht, im Gegenteil, mein Rat an Dich war immer, zu entdecken und zu fühlen, dass Du wirklich über der Allgemeinheit stehst, dass Du ein gesundes und zufriedenes Selbstvertrauen hast, der inneren Stärke vertraust und eine würdevolle Zurückhaltung bezüglich Deiner Möglichkeiten und Bestrebungen übst und nicht vom Lob von Ebenbürtigen oder weniger Ebenbürtigen mitgerissen wirst. Gib auch Kummer und Depressionen keinen Raum, weil ein super Schulmeister und einige seiner bewundernden Schüler Dich richtig oder falsch so beurteilen, dass Du den Preis in einem Redner-Wettbewerb nicht verdientest. Obschon die Meinung anderer einen Wert an sich hat, Dein Verdienst und Deine Fähigkeiten und die konsequente Freude, diese auszudrücken, sollen nicht von irgendjemandes Bescheinigung abhängen. Schließlich sind alle Richter Menschen und können sich irren. Und wenn es so wäre, dass Du bei einem bestimmten Anlass keinen Preis verdienst, – kann es nicht sein, dass solche Fehlschläge ‚Steine im Bauwerk des Erfolgs’ sind?

Du musst die Lektion lernen – keine Eifersucht erwecken, ein gewinnendes Wesen entwickeln und so weiter – das ist leicht zu sagen, aber schwer zu tun, weil sogar geübte erwachsene Männer nicht so leicht zu einer feindseligen Zuhörerschaft sprechen können. Lass es dabei bewenden.

Dann komme ich zum Thema S.N.14Pooja und der von Dir erwähnten Show. Ich verwende die zwei Initialen dieses langsilbigen Gebildes, um Platz zu sparen. Es gibt einige Aspekte dieser Frage, die Du, so wie ich Dich verstehe, nicht zu beachten scheinst; die auch ich auf diesem begrenzten Raum hier nicht diskutieren kann. Aber ich will nur Dein Denken anregen und einige Bemerkungen machen, die die Kehrseite der Medaille zeigen mögen. Bevor ich das tue, lass mich Dir sagen, dass ich in der Kritik im Wesentlichen mit Dir übereinstimme und den Geist Deiner Äußerungen anerkenne.

Zuerst: man muss kompetent sein beurteilen zu können, was das für ein Swami ist und welches seine Motive sind. Gibt es irgendeinen religiösen Wert in diesem S.N.-Ritual, wie es dieser Führer von Tausenden verknöcherten Menschen, die er gesammelt hat und zu dem heiligen Flecken in oder nahe Poona führen will, durchzuführen vorgeschlagen hat? Die Antwort kann so oder so ausfallen. Schlimmstenfalls ist dieser Mann ein Betrüger, ein Gauner, der versucht, mehr Geld zu verdienen, als er tatsächlich ausgibt, und sich einen Namen machen will. Oder, wenn man nachsichtig sein möchte, ist er ein an abergläubischen Kult glaubender Verrückter. Lasst uns diesen Mann jetzt vergessen und zu dem kommen, was Du die Verschwendung von 800.000 Rupien nennst, die nutzbringender ausgegeben worden wären, hätte man den Millionen Menschen ohne Arbeit Erleichterungen gewährt. Hier bin ich nicht auf Deiner Seite; ich weiß, es ist nicht Deine Ansicht, sondern Du sympathisierst mit dieser Sicht und teilst sie mit anderen. Natürlich ist nichts wirklich falsch an dieser von den professionellen Gesellschaftsreformern und ihren Institutionen vertretenen Ansicht. Aber meine Ohren sind es müde, den Jargon dieser so genannten Freidenker (d.h. Nicht-Denker): „Nieder mit den ignoranten Kulten der unwürdigen Vergangenheit“ zu hören. Ich kann Dich nicht der Masse einfach denkender Leute folgen sehen, bei denen es Mode ist, in den Chor der monotonen Musik oder einiger Slogans der Macher einer modernen Gesellschaft oder eines Ultra-Patriotismus einzustimmen.

Du musst die Frage unabhängig studieren, Fakten sammeln, Pro und Kontra abwägen und zu einem Ergebnis kommen, – und Dir nicht gestatten, in der allgemeinen Masse konfuser Ideen unterzugehen, die die Stimme eines Sozialarbeit-Lehrers oder eines College-Professors wiedergeben. Überlege einmal: was ist eine Verschwendung vom nationalen oder sozialen Standpunkt aus? Du bist ein Geschichts- und Wirtschaftsstudent. „3000“ Rupien wurden in Dharwar ausgegeben! Wer waren die Nutznießer der Wohltätigkeit? Die Bäuche der Brahmanen, die Kaufleute in Dharwar, die die notwendigen Dinge für den Zeltplatz bereitstellten, die Kulis, die ihre Arbeit getan haben, – alle haben profitiert. Hiervon kannst Du nur die Überfütterung als Verschwendung bezeichnen, die einen kleinen Bruchteil mehr als eine normale Verköstigung kostet und nur einen geringen Prozentsatz der Gesamtausgaben ausmacht. Alles Übrige ist keine Verschwendung; es bleibt in Dharwar. Dasselbe kann man von den kompletten „800.000“ sagen. Ein großer Prozentsatz des Geldes wird im Land bleiben, während ein kleiner Prozentsatz vielleicht von den überfütterten Bäuchen verschwendet wird. Elektriker, ausgebildete und ungelernte Arbeiter, Kaufleute usw. bekommen Geld von dem Swami. Was die Verschwendung für den Magen angeht, nun, was machst Du mit den Millionen, die jedes Jahr aus dem Land fließen, und mit den enormen Summen, die verschwendet werden in Shows, Feuerwerken, auf Partys (ich vermute, Du stimmst zu, Dinner-Partys der höheren Kreise einschließlich üppiger Verköstigung und anderem dazu zu zählen) sowie auf den von Söhnen des Landes genossenen kriminellen Luxus? Die Achthunderttausend sind ein Tropfen im Ozean der Verschwendung, die vor unseren Augen stattfindet. Wie findest Du das? Nun, ich kann noch viel mehr zu diesem Thema sagen.

Sei stark und glücklich, Madhav, mit herzlicher Liebe.

3.3.1936

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Nein. Ein indirekter Schlag war nicht beabsichtigt. Am wenigsten kann Madhav das Ziel eines Angriffs von meiner Seite sein. Es war einfach nur ein Argument des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, das wir beim Diskutieren solcher Dinge nicht außer Acht lassen können. Mehr bei nächster Gelegenheit, falls wir uns treffen.

Dein Reisen im Auto ist ein guter Traum. Dein Verhalten in einem anderen Traum den Bhats gegenüber ist interessant und bedeutsam.