My Dear Sherlock - Nichts ist, wie es scheint - Heather Petty - E-Book

My Dear Sherlock - Nichts ist, wie es scheint E-Book

Heather Petty

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11,99 €

Beschreibung

Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache

Sherlock und Mori haben ihren ersten Fall gelöst, doch was erst als Spiel gedacht war, wurde zu einer ernsten und für Mori sehr persönlichen Angelegenheit. Nun erhält Mori anonyme Drohbriefe und die Liste möglicher Verdächtiger ist lang. Jemand hat Mori zur Zielscheibe gemacht, es scheint nur eine Frage der Zeit, bevor die Katastrophe hereinbricht. Fest steht aber auch, dass Mori alles tun wird, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Und niemand – nicht einmal Sherlock – wird sie davon abhalten können.

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EPUB

Seitenzahl: 376

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Heather Petty

MY DEAR SHERLOCK

NICHTS IST, WIE ES SCHEINT

Aus dem Amerikanischen von Anne Brauner

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Für meine liebe Freundin Sophie, die alle liebt, die ich James nenne.

H. P.

1. Auflage 2016

© 2016 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2016 Heather Petty

Die englische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel:

»Lock & Mori – Mind Games« bei Simon & Schuster Books For Young Readers,

einem Imprint von Simon & Schuster Children’s Publishing Division, USA

Übersetzung: Anne Brauner

Umschlaggestaltung: semper smile, München

unter Verwendung der Fotos von:

Arcangel (Maria Heyens);

Shutterstock (mimagephotography, pisaphotography)

jk · Herstellung: UK

Satz: Uhl & Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-17166-7V001www.cbj-verlag.de

KAPITEL 1

Ich betrachtete den siegesgewissen Sherlock Holmes und wünschte, er würde wenigstens kurz mal zucken. Er hielt die Waffe mit einer Hand über dem Kopf, sodass das Schaftende zwischen uns auf den Boden zeigte.

»Bist du bereit?«, fragte er.

Ich neigte mein Kinn zu einer Art Nicken und brummte unverbindlich. »Hmm.«

Auch ich hielt meine eigene Waffe mit beiden Händen an den Enden hoch, gerade so hoch, dass ich ihn darunter hindurch anfunkeln konnte. In dieser perfekten Höhe konnte ich den über den Kopf gezielten Schlag bestens abwehren, mit dem er schon den ganzen Nachmittag den Kampf eröffnete. Er schwitzte und seine Wangen waren rosig – teilweise von der Anstrengung, hauptsächlich jedoch aus purer Freude.

»Vergiss nicht, dass du mich aus dem Gleichgewicht bringen willst. Nutze meine Kraft, um deine eigene zu verstärken.« Er schenkte mir sein wohl arrogantestes Lächeln. »Was nicht heißen soll, dass es soweit kommen wird.«

So glücklich hatte ich ihn seit Wochen nicht gesehen und das hätte mir zu denken geben sollen. Konnte es wirklich sein, dass er sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als wenn wir mit Stöcken aufeinander losgingen? Nicht dass ich von Sherlock Holmes wirklich ein normales Verhalten erwartete. Doch als wir uns vor meinem letzten Kurs aus der Schule geschlichen hatten, wäre ich nie darauf gekommen, dass er mich in eine Kampfkunstschule führen würde.

Er hatte mich in der vergangenen Woche dabei erwischt, wie ich unbeholfen Aikido-Kata auf dem Speicher unseres Hauses übte. Daraufhin hatte er beschlossen, ich müsste Bartitsu lernen, angeblich die weltbeste Form der Selbstverteidigung. Selbstverständlich benutzte Lock gerne das Wort »weltbeste«, wenn er eigentlich »antiquiert« meinte.

Erwartungsgemäß ließ Lock seinen Spazierstock in einem Halbkreis über seinem Kopf durch die Luft sausen und schlug ihn dann mit voller Kraft zu mir herunter. Ich ließ das krumme Ende meines Stocks im letzten Moment los, bevor das Geräusch des Aufpralls unserer Stöcke durch den Raum schallte. Lock, der arrogante Mistkerl, grinste bei diesem Geräusch und sah zu, wie das losgelassene Ende auf den Boden fiel. Er dachte, er hätte schon gewonnen, doch die Freude verging ihm, als er merkte, was ich vorhatte.

Nun nutzte ich tatsächlich die Wucht seines Schlages, indem ich meinen Spazierstock herumschwang und auf seine Hand sausen ließ, bis er die Waffe mit einer erfreulich schmerzverzerrten Grimasse fallen ließ. Ich kickte den Stock mit einem gezielten Tritt außer Reichweite und drückte den Griff meines Stocks gerade so fest unter sein Kinn, dass es unangenehm war.

»Du lernst echt schnell«, sagte er und schüttelte die Hand aus. Nun grinste er schon wieder, vielleicht in Reaktion auf mein Lächeln, oder er wollte so tun, als machte ihm die Streckung seines Halses nichts aus. Ich hob den Stock höher und zwang ihn so auf die Zehenspitzen.

»Du bist so vorhersehbar.« Ich nahm den Stock herunter und zwirbelte ihn zwischen den Händen, um mit dem Griff sein Knie einzuhaken, doch ich war wohl zu langsam. Irgendwie behielt er das Gleichgewicht, als er auf mich zu hopste. Ich wollte mich wegdrehen, doch er packte meine Schultern und ging durch meinen fehlgeleiteten Schwung mit mir zu Boden. Als wir auf die Matte knallten, hätte es mich eigentlich am schlimmsten erwischen müssen, weil er auf mir landete, aber in letzter Minute legte er die Hände um meinen Hinterkopf und ersparte mir die fällige Gehirnerschütterung. Stets ein Gentleman, der gute Lock – aber nur bis er sich vor Lachen schier ausschüttete, statt sich mit einer Entschuldigung von mir herunter zu wälzen.

Ich ließ ihm ganze zehn Sekunden seinen Spaß, ehe ich ihn warnte: »Ich bringe dich sofort um, wenn du mich loslässt.«

»Kein großer Anreiz.« Er stützte sich auf die Ellbogen und lächelte auf mich herab. »Noch eine Runde?«

Ich konzentrierte mich auf sein Lächeln statt auf sein Gewicht, das in meinem Kopf laute Alarmsirenen auslöste. Die Erinnerungen kämpften gegen meine Konzentration an – Erinnerungen an eine Nacht vor zwei Wochen, an meinen Vater, daran, dass ich keinen Finger rühren konnte, und an seine grausamen Augen über mir. Und an sein warmes Blut auf meiner Wange.

»Muss das sein?«, ächzte ich etwas zu gequält. Ich zwinkerte zur Ablenkung.

In Locks Blick zuckte Besorgnis auf, doch das reichte nicht, um mich loszulassen. Vielleicht war es aber auch nur ein weiterer Test. Wir hatten nicht über diese Nacht und meinen Vater gesprochen – kein einziges Wort, seit es geschehen war. Das hatte ich so entschieden. Sherlock hatte gesagt, dass er mich nie löchern würde, dass er warten würde, bis ich das Thema anschnitt, falls ich es jemals tun würde. Trotzdem fühlte es sich hin und wieder so an, als versuchte er tastend, meine Gedanken zu lesen.

Doch seit der Nacht, in der mein Vater mich beinahe umgebracht hätte, hatte ich nicht nur mit Stöcken trainiert. Am Wochenende hatte ich mich hinten in die Turnhalle zu einem Selbstverteidigungskurs geschlichen – ich wollte nur zusehen oder hatte es zumindest so geplant. Doch als die Frau mein zerschlagenes Gesicht bemerkte, überredete sie mich, nach Ende des Kurses zu ihr zu kommen. Sie hatte bis weit nach Mitternacht bestimmte Szenarien mit mir geübt und die Situation, in der ich mich jetzt mit Sherlock befand, hatten wir fast genauso trainiert.

Ich wusste, wie ich ihm entrinnen konnte. Ich steckte nicht wirklich unter ihm fest.

Doch diese Erkenntnis milderte meinen Schrecken nicht, auch nicht den kalten Schweiß oder das Bedürfnis, auf Sherlock einzuprügeln, bis er mich losließ – allesamt Symptome von Opfern. Allerdings hatte ich keine Zeit, in Ruhe darüber nachzudenken, weil Sherlock den Eindruck machte, als wollte er etwas sagen, und wenn er mich noch einmal fragte, ob es mir gut ging, würde ich mit Sicherheit gewalttätig werden.

Ich beeilte mich, als Erste zu sprechen, aber leise. »Du magst dieses Bartitsu-Zeug ein bisschen zu gern.«

Ich hätte erwartet, dass er seine Frage dennoch stellte, doch er hielt sich im Zaum und antwortete schlicht: »Stimmt.«

»Weil es uralt ist?« Ich weiß, wie ich hier wegkomme, wiederholte ich in Gedanken, obwohl es gar nicht nötig war. Die Panik war so gut wie vorbei.

»Weil es voller Überraschungen ist.« Er fuhr mit dem Finger über meine Schläfe und strich mir eine schweißnasse Strähne hinters Ohr. Dabei veränderte sich sein Gesichtsausdruck und ich musste mich beherrschen, um nicht zu grinsen, weil er sich so leicht ablenken ließ.

»Runter.« Ich drückte gegen seine Brust, doch er rührte sich nicht.

»Würde ich ja machen, aber ich will nicht sterben.«

»Stirb schnell oder blutig.« Ich beugte ein Bein, legte es an seine Hüfte und neigte spielerisch den Kopf, um die Gewichtsverlagerung zu überspielen. »Deine Entscheidung.«

Er strich mit dem Finger über mein Kinn. »Wie viel Zeit habe ich?«

Ich lächelte, um zu verbergen, dass mein Atem schneller ging. »Zehn Sekunden. Ab sofort.«

Bei zehn drückte ich mich mit dem Fuß ab, wie ich es gelernt hatte, und drehte mich, bis ich anstelle der Hände die Füße gegen seine Brust stemmen konnte. Er riss die Augen auf, kurz bevor ich die Beine durchdrückte und ihn mühelos auf die Seite warf. Diesmal war niemand da, um seinen Kopf zu schützen. Er hätte mir beinahe leidgetan, als sein Kopf auf die Matte schlug, aber ich hatte ihn schließlich gewarnt.

Er hielt sich den Kopf, als er sich hinsetzte. »So blutig nun auch nicht. Wahrscheinlich sollte ich dankbar sein, dass du Gnade hast walten lassen.«

»Richtig, ich bin die Großherzigkeit in Person.« Als ich die Hand zu einer Geste der Versöhnung ausstreckte, stand Sherlock so schnell auf, dass ich ihn versehentlich zu nah an mich heranzog. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu sehen, und hatte gerade erst den Anflug von Heiterkeit darin entdeckt, als er mich noch enger an sich drückte. Sein Mund schwebte nur Zentimeter über meinem. Ich räusperte mich und fragte schnell: »Und was willst du tun, um dich zu bedanken?«

»Ich mache es wieder gut.«

»Mit einer unterwürfigen Entschuldigung und Geschenken?«

Das fand er lustig, doch dann gab er nach. »Selbstverständlich, aber vorher …«

Ich wusste, dass er mich küssen wollte. Seit die letzten kämpfenden Paare aufgehört und uns mit unseren Spazierstöcken im Übungsraum allein gelassen hatten, suchte er nach einer Gelegenheit. Da ich jedoch auch schon wusste, wie ich reagieren würde, drohte aufsteigender Schmerz das Glück dieses gemeinsamen Tages zu verdrängen.

Ich trat einen Schritt zurück. »Vorher?«

Er lächelte und rückte im gleichen Rhythmus nach. »Dir bleiben noch genau zwei Schritte, bevor dir der Platz ausgeht, dumme Fragen zu stellen.«

Ich machte noch einen Schritt. »Findest du nicht, dass du auf Knien um Vergebung betteln solltest, bevor irgendetwas anderes angesagt ist?«

Er antwortete nicht und fixierte meine Lippen, die ich unwillkürlich zu einem Schmollmund verzogen hatte. Dann gelang mir irgendwie ein gelangweilter Gesichtsausdruck, als ich den wie von Sherlock vorhergesagt letzten Schritt rückwärts machte. Als ich die Wand im Rücken spürte, suchte ich krampfhaft nach einer Bemerkung, mit der ich ihn von seinem Vorhaben abbringen könnte. Nach einer Frage. Eine Frage hatte ich noch gut.

Doch soweit ließ er es nicht kommen. Er stützte sich ab, indem er den Unterarm und eine Hand flach neben meinem Kopf an die Wand legte. Den anderen Arm schlang er um meine Taille und schmiegte sich an mich. Kurz bevor er mich küssen konnte, wurde ich noch niedergeschlagener, obwohl man es meiner neckenden Stimme nicht anhörte: »Betteln kann man das nicht nennen.«

»Oh doch, es ist eine Form davon.«

Er hatte recht. Die Art, wie er wartete, bevor er mich küsste, und der flehende Blick, dass dieses der Tag sein sollte, an dem ich ihm endlich vergab – dass wir mit diesem Kuss zur Normalität zurückkehrten. Lock bettelte und es hätte funktionieren sollen. Auch ohne dass sich unsere Lippen berührten, hatte ich allein durch seine Nähe Schmetterlinge im Bauch und mein Atem ging schneller. Er hatte diese Wirkung auf mich, Lock, obwohl es nicht so sein sollte. Nicht mehr.

Weil alles nur vorübergehend war.

Daran erinnerte ich mich, als ich mein Gesicht abwandte und seine Lippen nur meine Wange streiften. Vorübergehend. Dieses Wort hielt ich stets im Bewusstsein, wenn ich mit Lock zusammen war. Seit dieser Nacht vor zwei Wochen, in der Lock die Polizei zu mir geschickt hatte, um mich vor meinem Vater zu retten, wusste ich, dass es bald vorbei sein würde. Wir waren auf verschiedenen Wegen unterwegs, die jetzt noch nebeneinander verliefen, doch wir mussten bereits die Arme ausstrecken, um die Verbindung über den Spalt zu halten. Und dieser Spalt war immer noch da, er wurde täglich größer, wenn ich den unschuldigen Funken in Sherlocks Augen sah und die schwarze Asche der Wut spürte, die meinen eigenen Blick verdunkelte.

Ich habe dich gerettet, schien er mir mit jedem Blick zu sagen.

Du hast das Unausweichliche nur hinausgezögert, entgegnete ich ihm, wenn ich zurückschaute. Sherlock hatte meinen Vater daran gehindert, mich zu töten. Das tat ihm ganz offensichtlich kein bisschen leid. Doch er hatte die Polizei gerufen, obwohl er gar nicht gewusst hatte, ob ich wirklich Hilfe brauchte. Das hatte er getan, weil er kein Vertrauen zu mir hatte. Was das Beste für mich und meine Brüder war, interessierte ihn nicht. Er wollte nur nicht, dass ich mich veränderte. Das hatte er selbst gesagt. Er hatte mich davon abgehalten, meinen Vater umzubringen, weil er vergeblich versuchte, einen letzten Rest von Unschuld in mir zu bewahren.

Es hätte tatsächlich funktionieren können. In den ersten Stunden nach der Verhaftung meines Vaters musste ich auf so viele Kleinigkeiten achten, musste Polizisten beschwichtigen und Journalisten abwimmeln, dass ich fast vergessen hatte, welch kaltes finsteres Wesen in dieser Nacht aus mir geworden war. Ich lenkte mich mit praktischen Aufgaben ab und lagerte das Geschehene in einer Schublade in meinem Kopf, bis ich mich eines Tages in ferner Zukunft damit befassen konnte, wenn meine Welt nicht mehr in Scherben lag.

Doch in den letzten zwei Wochen musste ich diese Nacht immer wieder durchleben, musste allen möglichen Polizisten etwas zu Protokoll geben, die meine Geschichte überprüften und nach dem kleinsten Fehler durchforsteten, bevor sie auch nur erwogen, ihn von uns fernzuhalten. Die Verhaftung meines Vaters brachte uns nicht die Freiheit, die Sherlock sich vorgestellt hatte. Obwohl die Polizei ihn vor mir verborgen hielt, war mein Vater in meinem Gedächtnis stets bei mir und drang auf unvorhersehbare Weise in meinen Alltag ein.

An dem Tag mit Lock im Kampfstudio war es nicht zum ersten Mal passiert, dass eine Erinnerung aus jener Schublade ausgebrochen war und ich vollkommen die Haltung verlor. Es war auch nicht das erste Mal, dass die Wut wieder hoch kochte und mich daran erinnerte, dass ich Sherlock Holmes nicht mehr vertrauen durfte. Und dass er selbst mir sowieso nie wirklich vertraut hatte. Und dass er mich verraten hatte, als er mir hätte helfen können, sodass mein Vater wie ein Warnblinklicht in der Ferne schwebte – ein Versprechen zukünftiger Probleme.

Doch obwohl mir all der Zorn und die Erinnerungen den Schädel sprengten, obwohl ich den Kopf vor seinem Kuss weggedreht hatte, konnte ich Sherlock nicht wegstoßen. Ich lasse es nicht zu, dass mein Vater mir noch etwas nimmt. So begründete ich es mir, doch ich wusste es selbst besser. Es war nicht alles gut zwischen uns. Vielleicht würde es nie wieder gut werden. Doch er war immer noch mein Lock und ich begehrte ihn weiterhin. Das war zwar nicht fair, aber so war es eben.

Deshalb schmiegte ich eine Hand an seine Wange, als Sherlock den Kopf hängen ließ und schwer an meinem Hals seufzte. Damit würde ich seine Enttäuschung wahrscheinlich nicht lindern, aber wenn ich mich nur auf das Hier und Jetzt konzentrierte, wenn ich seinen Verrat und meinen gewalttätigen Vater vergessen konnte, gelang es mir vielleicht, Lock an meiner Seite zu halten – bevor ich mich auflöste, meine Gefühle für immer verdrängte oder etwas tat, das ihn für immer vertrieb. Ich legte meine Wange an seine und hielt ihn ganz fest. Vorübergehend, schon klar. Ich war nur noch nichtbereit loszulassen.

KAPITEL 2

Im Bus zurück zur Baker Street war Sherlock in Hochform. Äußerlich war er die Ruhe selbst, aber seine Hände zuckten und er verschränkte sie in immer neuen Variationen – auf dem Schoß, unter seinen überkreuzten Armen, um die Knie – als suchten sie nach einem Ruheplatz. Ich deutete das als eine Widerspiegelung seiner gedanklichen Verfassung. Bedeutete das, meine Reglosigkeit spiegelte meinen Geisteszustand wider? Verkörperten wir auf perfekte Art alles Peinliche und Ausgebrannte?

Vor einigen Wochen hätten seine nervösen Zuckungen mich noch wahnsinnig gemacht, bis ich einfach seine Hand genommen hätte. Vor Wochen hätte er sich daraufhin sofort beruhigt. Und schon meldete sich bei dieser Vorstellung der bekannte Herzschmerz. Denn die Mori von vor einigen Wochen existierte nicht mehr – jedenfalls nicht so, wie sie für Lock sein sollte. Und so sehr ich mir wünschte, die Hand auszustrecken und sein Gezappel zu beenden, brachte ich es nicht über mich. Er sollte ja nicht denken, dass alles wieder gut war. Wahrscheinlich hätte ich mich überhaupt nicht mit ihm treffen sollen, doch das brachte ich auch nicht fertig. Wenn es um Sherlock Holmes ging, scheiterte ich an allem Möglichen.

Nachdem er die Hände auf die Rückenlehne des Vordersitzes gelegt hatte, drehte er sich schließlich zu mir um. »Ich habe ihn gelöst«, sagte er. »Den Fall der vermissten Ratte.«

»Sehr gut. Bist du doch noch zu ihm nach Hause gegangen?«

Sherlock schüttelte den Kopf. Ich war in Locks Labor in der Schule gewesen, als Martin Banks hereingekommen war und ihn angefleht hatte, die vermisste Ratte seiner Freundin zu suchen. Martin sollte auf die Ratte aufpassen und hatte die Käfigtür nach dem Füttern nicht richtig geschlossen. Ich war gegangen, nachdem Lock den armen Jungen gezwungen hatte, einen Grundriss des ganzen Hauses aufzumalen, und ihn mit Fragen bombardierte.

»Die Ratte steckte in der Matratzenfederung im Zimmer seiner Schwester, genau wie ich es vorhergesagt hatte.«

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich nahm mir vor, demnächst eine gründliche Untersuchung meiner Matratze vorzunehmen.

»Die Ratte hatte sich an dem Plüsch eines Teddybären seiner Schwester bedient und ein Nest gebaut.«

An der Art, wie Lock die Augenbrauen hochzog und an mir vorbei aus dem Fenster schaute, erkannte ich, dass er noch nicht fertig war. Ein gescheiterter Versuch, lässig rüberzukommen.

»Weiter. Erzähl von dem knopfäugigen Ungeheuer und welchen Anteil du daran hattest, dass es wieder in den Käfig kam, in den es gehört.«

»Es waren vier Babys, genau wie ich gesagt habe!«

Krass geraten, würde ich sagen, doch Lock platzte vor Stolz.

»Martin war so beeindruckt, weil ich das Rätsel gelöst habe, ohne mein Labor zu verlassen, dass er die vielen Hinweise nicht bemerkt hat, die er bei näherem Nachdenken auch selbst hätte finden können.«

Ich drehte den Kopf leicht zum Fenster und beobachtete den beständigen Strom von Scheinwerfern, der uns entgegenkam. »Sein Geld hast du bestimmt trotzdem genommen, oder?«

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Lock das Gesicht verzog. »Er hat nur die Hälfte von dem dagelassen, was er mir anfangs angeboten hatte.«

»Vielleicht hättest du nicht damit angeben sollen, wie einfach es war.« Ich blätterte grinsend in einem schmalen Physikbuch, das meine Mathelehrerin mir aufs Pult gelegt hatte. Sie versuchte ständig, mein Interesse dafür zu wecken, aber ich bevorzugte reine Mathematik. Vielleicht war mir die Theorie aber auch immer lieber als das Materielle. »Wie viele sind das dann in diesem Monat?«

»Wie viele was?«

»Tja, wie nennst du es überhaupt? Ein Problem? Einen Fall? Hast du dich zum Schuldetektiv hochgearbeitet? Sollen wir eine Empfangsdame einstellen und ein Büro für dich in einem schäbigen Stadtteil eröffnen?«

Sherlock winkte ab, doch ich merkte, dass meine spitzen Bemerkungen ihn unter der Maske falscher Bescheidenheit zum Lächeln brachten. »Nichts dergleichen. Ich finde ein paar unwichtige Sachen und durchgebrannte Haustiere.«

Das stimmte nicht ganz. Seit ein Journalist in der vergangenen Woche einen Artikel über den »jugendlichen Spürhund, der einem Mädchen das Leben rettete« geschrieben hatte, wurde Sherlock ständig von problembeladenen Mitschülern behelligt. Ich hätte gedacht, er würde sie abweisen, um sich der Forschung zu widmen, doch da hatte ich mich vertan. Und seine Fälle wurden immer schwieriger.

»Was ist mit Riva?«

Es wäre besser gewesen, wenn ich diesen Fall nicht erwähnt hätte. Nach dem Theaterkurs war ich zu Lock ins Labor gegangen, um ihn daran zu erinnern, dass die Schule aus war, und hatte warten müssen, bis er den Test von achtzehn verschiedenen Sorten Zigarettenasche beendet hatte, deren Marke er allein am Geruch erkennen wollte. Riva hatte sein Labor in normaler Alltagskleidung betreten, doch sie sagte nichts und hielt den Blick auf den abgetretenen Linoleumboden gerichtet. Lock und ich hatten uns kurz angesehen, aber eine Zeit lang nichts gesagt. Schließlich hatte ich es satt zu warten.

»Hast du etwas zu sagen?«, hatte ich gefragt. »Es macht nicht den Eindruck, als fändest du es besonders toll, dass wir dich anstarren.«

Riva nickte und legte die Fingerrücken an ihre Wangen. »Ich brauche Hilfe.«

»Deine Abteilung«, sagte ich zu Lock und nahm meine Schultasche, um zu gehen.

Riva gab ein Geräusch von sich, aus dem ich schloss, dass ich sie nicht mit Lock allein lassen sollte. Ich ließ die Tasche fallen und setzte mich wieder.

»Meine Mutter ist verschwunden«, sagte sie.

»Hast du das der Polizei gemeldet?«, fragte Sherlock.

Allein bei dem Wort riss Riva die Augen auf und wich zwei Schritte zurück. Ich stand auf und ging zu ihr und hob die Hand, um Lock von weiteren Fragen dieser Art abzuhalten.

»Anscheinend nicht«, sagte ich. »Du hast Angst, dass deine Mutter Ärger bekommt, wenn du es der Polizei meldest, stimmt’s?«

Sie nickte.

»Darf ich fragen, wie du heißt?«

»Riva Durand.«

»Und wie alt bist du?«

»Vierzehn.«

Ich nickte knapp und drehte mich zu Lock um. »Wenn ein Elternteil ein Kind längere Zeit allein zu Hause lässt, nennt die Polizei das ›Kindesverwahrlosung‹. Und weil Riva zu jung ist, um unbeaufsichtigt zu bleiben, würden sie sie in eine Wohngruppe stecken, bis entschieden wird, ob die Mutter verklagt wird oder nicht.«

Lock hatte mich einige Sekunden lang angesehen.

Ich senkte meine Stimme: »Es sei denn, du hilfst ihr, bevor es jemand merkt.«

Lock runzelte die Stirn, aber er stellte Riva einen Stuhl hin, damit sie neben mir sitzen konnte. Dann setzte er sich in seinen Schreibtischstuhl und rollte zu uns. »Erzähl mir bis in die letzte Kleinigkeit alles über den Tag, an dem sie verschwunden ist.«

Diesen Fall hatte er nicht bequem vom Labor aus gelöst, doch er hatte die Mutter des Mädchens recht schnell gefunden. Sie hatte bei einer Freundin auf dem Sofa übernachtet und die Nachwirkungen eines zu langen Wochenendes auskuriert. Dann hatte sie die Zeit aus den Augen verloren – oder irgendeine andere Ausrede dafür gefunden, dass sie am liebsten vergessen würde, dass sie eine Tochter hatte, um die sie sich kümmern musste. Zum ersten Mal blieb mir einer von Locks Fällen noch nach seiner Lösung länger im Gedächtnis. Ich hatte sogar in den beiden Nächten danach vor Rivas Haus gewartet, bis ihre Mutter nach Hause gekommen war. Auf diese Weise hatte ich erfahren, dass Riva ebenfalls jüngere Geschwister hatte – nur waren ihre alle noch unter fünf.

Lock dagegen hatte das Rätsel gelöst und fertig. Als ich ihn am nächsten Tag zum Mittagessen im Labor besuchte und vorschlug, etwas zu unternehmen, damit es nicht wieder geschah, war sein Vorschlag, Rivas Mutter anzuzeigen. War ja klar.

»Darüber haben wir bereits gesprochen. Auch, warum es Unsinn wäre.«

»Dafür ist die Polizei zuständig.« Erst einen Augenblick später hatte er seinen Fehler bemerkt, die Bemerkung aber nicht zurückgenommen, da er sie selbst nicht für falsch hielt – nur anscheinend, so etwas zu mir zu sagen.

»Wir haben es nur mit Mühe geschafft, meine Brüder bei Mrs Hudson unterzubringen. Was glaubst du wohl, was mit Riva und ihren Geschwistern geschehen würde? Wenn sie zum Beispiel keinen Freund haben, der noch mit seinem fünfzigjährigen Kindermädchen in Verbindung steht?«

»Sie ist nicht unser Kindermädchen«, widersprach Lock. »Nicht mehr.«

»Ja, das ist gerade der wichtige Punkt hier.«

Sherlock hatte sich stirnrunzelnd wieder seiner Ascheforschung zugewandt. Seit Rivas Besuch war er zu Pfeifentabak übergegangen. »Gehen wir mal davon aus, dass sie nicht zusammenbleiben können. Entweder geben wir uns mit dem zufrieden, was wir getan haben, oder wir rufen die Polizei, weil wir es besser finden, wenn sie zwar getrennt aber versorgt werden, statt zusammen und verwahrlost zu bleiben.«

Ich hatte ihn angestarrt, weil ich mich so sehr danach sehnte, dass er diese Bemerkung wieder zurücknahm. Aber das würde er nicht tun. Nicht einmal, wenn ich ihn daran erinnern würde, dass meine Brüder bei der Fürsorge gelandet wären, wenn er mit mir ebenso leichtfertig umgesprungen wäre. Und dass ich, wenn ich so alt wäre wie Riva oder nur ein Jahr jünger als ich war, in einer Wohngruppe untergebracht worden wäre, statt in meinem eigenen Haus zu leben – weil seine geschätzte Rechtsprechung der Meinung war, dass ich mich mit sechzehn um mich selbst kümmern konnte, solange ich einen anständigen Platz zum Leben hatte, und Riva mit ihren vierzehn Jahren nicht.

Daran würde ich ihn aber nicht erinnern, weil das pure Zeitverschwendung wäre. Nein, er dachte sowieso nur an seine blöden Aschehäufchen. Deshalb sagte ich nur: »Es wäre auch zu schön gewesen, wenn du deinen kostbaren Verstand ausnahmsweise für etwas Wichtiges benutzen würdest.« Und dann war ich aus dem Labor gestürmt, vollkommen überzeugt davon, dass ich mit seinen Idealen und seiner lächerlichen Auffassung von Recht und Gesetz fertig war. Doch dann hatte er nach jedem Kurs auf mich gewartet und auch den Bus genommen, mit dem ich nach Hause fuhr, bis ich ihn nicht länger ignorieren konnte.

Wir hatten das alles erst zwei Tage zuvor durchgekaut und nun schnitt ich das Thema erneut an. Wieso? Um ihm vorzuführen, was sein Handeln bei anderen bewirkte?

»Es geht nicht nur um unwichtige Sachen und durchgebrannte Haustiere. Es ist nicht gerade unwichtig, einen Erziehungsberechtigten aufzuspüren.«

Sherlock sah gereizt aus dem Fenster. »Der Fall hat mich nicht einmal einen Tag gekostet.«

»Sie weiß jetzt, wo ihre Mutter ist.«

»Hast du nicht vorgeschlagen, wir sollten noch mehr tun?«

Seufzend schluckte ich alles hinunter, was ich ihm an den Kopf werfen wollte. Ich hatte keine Lust, wegen so etwas Dämlichem neuen Streit anzufangen. Dann lieber wegen etwas anderem. »Ich dachte, es geht dir immer nur um das Rätselhafte.«

Sherlock wandte sich wieder mir zu, doch ich hielt den Blick auf mein Heft gesenkt. Als er sprach, war sein Ton sanfter als ich erwartet hätte. »Wir können immer noch die Polizei rufen.«

Das hätte mich wirklich nicht überraschen dürfen, aber manchmal war dieser Junge so ahnungslos, dass ich mich fragte, was er überhaupt im Kopf hatte. »Die Polizei.«

»Ich meine ja nur-«

»Nach allem, was du gesehen hat.« Dazu konnte er nun nichts mehr sagen und wir starrten uns an, während der Bus langsamer fuhr und anhielt. Ich stand auf, rollte mein Heft zusammen und sauste aus dem Bus. Sherlock lief mir nach und hielt mit mir Schritt. Dann nahm er meine Hand, die ich ihm überließ, ohne es richtig zu merken, bis ich wie ein schmollendes Kind gewirkt hätte, wenn ich sie ihm wieder entzogen hätte.

»Bist du wirklich nicht in der Lage, von der Sicht deines Vaters abzusehen und das Gesetz so einzuschätzen, wie es gedacht ist?«, fragte er.

Ich warf ihm einen bösen Blick zu. »Die Rechtsprechung ist nicht absolut. Gesetze schwanken unter dem Einfluss der guten und bösen Menschen, die sie verfassen und durchsetzen, sodass einige Bürger vom Gesetz mehr unterdrückt werden als andere.«

»Weil sie ärmer sind?«

»Selbstverständlich. Wohlstand, Rasse, Geschlecht, Behinderung, Orientierung – was Vorurteile hervorbringt, befördert auch Ungerechtigkeit.«

»Und nur die Rechtsprechung kann dieser Ungerechtigkeit etwas entgegensetzen. Oder glaubst du wirklich, dass Bestechlichkeit und Vorurteile abnehmen, wenn die Polizei keine Autorität mehr darstellt?«

»Hast du so viel Angst davor, dass wir ohne Polizei alle zu Ungeheuern mutieren?«

»Nicht alle.«

»Wer denn dann?«

Sherlock sah mich an und wandte den Blick schnell wieder ab. Ich? Fürchtete er sich davor, was aus mir werden könnte? Ich betrachtete einen Augenblick lang sein Profil und dann unsere verschränkten Hände. Als ich loslassen wollte, hielt er mich ganz fest. Er hatte allen Grund, sich Sorgen um mich zu machen. Doch er lag falsch, wenn er dachte, die Polizei könnte mich aufhalten. Das würde ihr nie gelingen.

Aber ich wollte seinen Gedanken auf den Grund gehen. »Du glaubst also wirklich fest an Recht und Gesetz? Oder machst du dir nur Sorgen, was ohne sie aus mir werden könnte?«

»Aus dir …« Lock hielt so lange inne, dass ich das Gefühl bekam, recht zu haben. Dann sah er mich ausdruckslos an. Hatte er in diesem Moment Angst vor mir? Der Gedanke wäre mir nie gekommen, aber möglich war es schon. Sogar wahrscheinlich. Er hatte mich in dem verletzlichsten und schwärzesten Augenblick meines Lebens gesehen – alles an ein und demselben Tag. Eigentlich müsste ich mich wundern, wenn er keine Angst vor mir hätte.

»Ich weiß nicht«, sagte er schließlich. »Habe ich Angst vor dem, was aus dir werden könnte? Oder habe ich vielmehr Angst davor was ohne Einschränkung durch das Gesetz mit Sicherheit aus mir werden würde?« Er sah mir in die Augen und fragte: »Fürchte ich mich mehr vor dir oder vor mir?«

Damit hatte ich nicht gerechnet und seine krause Stirn ließ vermuten, dass es auch für ihn unerwartet kam. Doch er erholte sich rasch. »Nehmen wir also an, du hättest recht, und es gäbe keine Gerechtigkeit auf der Welt. Dann bleibt uns doch nur das Gesetz!«

»Und was soll man mit Gesetzen ohne Gerechtigkeit?«

»Es ist immer noch das Gesetz. Ein Vertrag zwischen Menschen in einer Gemeinschaft, der das friedliche Miteinander regelt.«

»Aber ohne Gerechtigkeit sind Gesetze wertlos. Warum sollte man sich an etwas halten, wovon niemand etwas hat?«

Sherlock hielt meine Hand noch fester und schwieg, bis wir die Baker Street erreicht hatten. »Es gilt, ob du nun etwas davon hast oder nicht.«

Ich strich mir das Haar aus dem Gesicht und blickte nach oben in den sternenlosen Himmel. »Soll ich es vielleicht so formulieren, dass die Gesetze für mich nicht gelten, weil ich sie nicht akzeptiere?«

»Dann wären wir also Anarchisten?«

Ich seufzte. »Anarchie ist gleichbedeutend mit Chaos, so wie das Gesetz. Das gehört zusammen. Alles Willkürliche ist nutzlos … Hör auf, mich anzulächeln, Sherlock Holmes.«

Er gab sich nicht einmal den Anschein, auf meine Worte einzugehen. »Ich kann nicht anders.«

»Oh doch, du willst nur nicht.« Als ich ihn mit dem Ellbogen anstieß, lachte er, doch dann hörte er ungewöhnlich schnell wieder auf. Noch ein Schritt, dann blieben wir abrupt stehen.

Eine Menschentraube stand um mein Haus herum, vor dem zwei Autos parkten – eine dunkle Limousine und ein grauer Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht. Polizisten gingen ein und aus. Wir liefen los und als ich näher kam, sah ich eine blonde Frau an der Treppe, die schützend die Arme um meine kleinen Brüder Michael und Sean legte. Mein ältester Bruder Freddie stand direkt vor ihnen und starrte mit verschränkten Armen einen Beamten an, der ihn über seinen Notizblock hinweg musterte.

»Betreten verboten«, sagte ein Polizist, als ich unter dem Absperrband hindurch tauchte, das die Autos und unseren Hauseingang träge flatternd abgrenzte. An seinem gemeinen Grinsen merkte ich, dass er sehr wohl wusste, wer ich war.

»Das ist mein Haus«, sagte ich und stempelte ihn gleich als einen Verbündeten meines Vaters ab. Das gehörte zu einem kleinen Spiel, das ich mir in der langen Wartezeit ausgedacht hatte, während ich auf der Wache etwas zu Protokoll geben sollte. Jeder Polizist, mit dem ich es zu tun bekam, wurde unter der Kategorie »Vaters Verbündeter«, »Nicht Vaters Verbündeter« oder »Versager unabhängig von etwaiger Loyalität« eingestuft.

Als ich einen Schritt nach vorn machte, wollte er sich mir in den Weg stellen, doch Lock ging dazwischen. Ich überließ es ihm, die Dinge zu klären. Der Beamte, der sich mit Freddie befasste, sah mich höhnisch an, als ich zu ihnen trat.

»Du behauptest, das wäre deine Tante?«, fragte er. »Das muss sie erstmal beweisen.«

»Aber nicht Ihnen«, konterte die Frau und brachte mich mit ihrem amerikanischen Akzent zum Lächeln. Als sie mir zuzwinkerte, löste die Welle der Erleichterung die Knoten in meinem Kopf, die ich gar nicht bemerkt hatte. »Ich bin spät dran, nicht wahr?«

Alice.

Nach der Verhaftung meines Vaters musste ich mich durch einen ermüdenden Stapel offizieller Formulare, Anleitungen und Anträge arbeiten, um die Jungen zusammenzuhalten, damit sie nicht ins Heim kamen. Mrs Hudson beantragte sofort, sie bei sich unterbringen zu dürfen, was auch genehmigt wurde, aber nur für zwei Monate. Ich hatte keine Ahnung, wie es danach weitergehen sollte. Offenbar war das aber auch gar nicht nötig.

»Tante Alice!«, sagte ich und reagierte mit einem knappen Nicken auf Michaels und Seanies fragende Blicke, das sie ein wenig beruhigte. Michael nahm sogar Alices Hand und ich hätte ihm am liebsten durchs Haar gewuschelt. Stattdessen stellte ich mich zwischen Fred und den höhnischen Polizisten, der unser Schauspiel sehr kritisch beäugte. »Ich dachte, du schaffst es erst im nächsten Monat, sonst hätte ich den Jungen natürlich erzählt, dass unsere Tante kommt.«

»Sie haben ganz schön gestaunt«, erwiderte sie und lächelte Seanie an, der sofort den Blick senkte. »Aber Mrs Hudson hat mir geholfen, mich vorzustellen, und Fred konnte sich sogar noch an mich erinnern.«

Selbstverständlich war Alice nicht unsere Tante. Die Schwester unserer Mutter konnte sonst wo im Ausland leben oder auch genauso gut um die Ecke wohnen, so oft wie wir von ihr hörten. Nämlich nie. Alice war in ihrer Jugend die beste Freundin unserer Mutter gewesen, und ihr größter Fan. Außerdem war sie als Einzige aus dem Trickbetrügerteam um meine Mutter dem Tod von meines Vaters Hand entronnen.

Alice wandte sich wieder dem Polizisten zu. »Meine Papiere sind in Ordnung und liegen dem Tri-Borough Jugendamt vor. Ich habe das vorläufige Sorgerecht für diese Kinder, bis die gesetzliche Vormundschaft in Kraft tritt. Wenn Sie nun bitte unser Haus verlassen würden.«

Der Polizist räusperte sich und beugte sich zwischen uns vor. »Wie ich hörte, lebt die Tante dieser Kinder in Australien.«

»Dann sollten Sie aufpassen, wem Sie zuhören, Officer« – ich nahm mir Zeit, den Finger über seinem Namensschild schweben zu lassen – »Parsons, nicht wahr?«

»Dann bist du die Lügnerin«, sagte er mit selbstgefälliger Miene, als er ein Wort auf seinem Block durchstrich. »Beziehungsweise die Tochter. Hab mich versprochen.«

»Wie schlau, der Officer Parsons. Ist er nicht schlau, Tante Alice?«

»Und wie«, sagte Alice mit ihrem süffisantesten amerikanischen Akzent.

Als es hinter uns blitzte, wurde mir schwer ums Herz. Jemand hatte die Presse gerufen. Dennoch fragte ich unverfänglich, nachdem ich mich vor Freddie geschoben hatte, um den Fotografen die Sicht auf ihn zu versperren: »Und, worum geht es hier? Haben Sie uns vermisst?«

»Wir haben einen Tipp bekommen-«, antwortete er, doch seine Worte gingen in dem Geschrei unter.

»Lasst Moriarty frei! Befreit den Unschuldigen! Lasst Moriarty frei!«

»Ins Gefängnis mit ihm, wo er hingehört! Unsere Polizei muss wieder sauber werden!«

»Lasst Moriarty frei!«

Die Demonstranten waren zurück, von beiden Seiten. Ein Kahlkopf, der forderte, meinen Vater auf dem Marktplatz aufzuknüpfen, und eine kleine lockige Frau mit rot geschminkten Lippen, die dagegen wetterte. Sie war unsere Version von Sally Alexander, die allerdings keine Miss-World-Kandidatinnen mit Mehl bewarf, sondern mich und meine Familie seit der Verhaftung meines Vaters mit unflätigen Beleidigungen bombardierte.

Vielleicht hinkte der prominente Vergleich, doch irgendwie hatte sie etwas, das mir gefiel. Es konnte daran liegen, wie sie mit ihrem knochigen Finger auf die Polizisten einstach, die sie wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses auf der Baker Street wegschaffen wollten. Oder wie sie die Beamten beim nächsten Mal mit selbst gebackenen Teilchen und einer Kanne Tee versorgte, als würden sie sich schon ewig kennen. Sie schlug sich auf die Seite eines Monsters, aber sie ließ sich von niemandem den Mund verbieten. Diese Frau brachte man nicht zum Schweigen. Wie sollte ich keinen Respekt vor ihr entwickeln?

»Findet den wahren Regent’s-Park-Killer! Gebt uns unseren Sergeant wieder! Lasst Moriarty frei!«

Ihr Gegenüber sah wie ein Niemand aus, und auch wenn er die rechtschaffenere Botschaft verkündete, hatte er etwas Abstoßendes. Wenn er uns sah, hob er stets die Nase, als könnte er den Geruch des Gencodes unseres Vaters wittern. Ehrlich gesagt, war er der letzte Penner.

»Werft den Schlüssel weg! Nulltoleranz für Korruption bei der Polizei!«

Dennoch sagte er nur das Richtige.

Von hinten legte jemand eine schwere Hand auf meine Schulter. »Der Inspector will dich sehen.«

Die Hand war sofort wieder verschwunden, doch als ich mich umdrehte, stand Sherlock bereits mit spitzer Nase vor der Knollennase des offenbar größten und breitesten Constable von ganz London.

Mit einem Lächeln in der Stimme, wenn auch nicht auf den Lippen, sagte Lock: »Ich bestehe darauf, dass Sie sie nicht berühren. Aber gehen Sie doch vor zum Inspector. Ich bin gespannt, was er zu erzählen hat.«

Der riesige Constable nahm die Schultern zurück, um sich noch breiter in die Brust zu werfen, aber er ließ es gut sein. Ohne Lock aus den Augen zu lassen, hob er einen Wurstfinger in meine Richtung und sagte: »Du nicht. Nur sie.«

»Oh, was machen wir denn da?«, klagte Lock, ohne auch nur einen Zentimeter zurückzuweichen. »Sie ist minderjährig und muss wohl von einer Erziehungsberechtigten begleitet werden«- er zeigte auf Alice -, »die im Augenblick alle Hände voll zu tun hat, sich um drei kleine Jungen zu kümmern, die aus Gründen, die uns niemand mitgeteilt hat, ihr Zuhause nicht betreten dürfen.«

Der Constable schnaufte und zog dann ohne ein weiteres Wort zum Haus ab. Sherlock zuckte die Schultern, nahm meine Hand und ging mit mir hinter dem Polizisten her.

KAPITEL 3

Detective Inspector Mallory saß am Kopf unseres Küchentisches und hatte ein langes schlankes Bein über das andere gelegt, als wäre er zum Tee eingeladen. Als wir näher kamen, trank er einen Schluck aus einer winzigen Tasse, ohne Sherlock und mich zu begrüßen, und blätterte in dem Ordner, der aufgeschlagen auf dem Tisch lag. Als Mallory sich räusperte, ließen uns die beiden Polizisten, die unsere Küchenschubladen und Schränke durchsucht hatten, mit ihm allein – mit dem DI, der mich unter den würgenden Händen meines Vaters hervorgezogen hatte.

Wenigstens dafür sollte ich ihm vielleicht dankbar sein, doch ich konnte die Bilder der Vergangenheit nicht abschütteln, in denen er mit Detective Sergeant Day in der Tür stand und nichts zu unserer Rettung vor dem betrunkenen Monster in unserem Haus unternahm. Ich sah es vor mir, wie sie fröhlich winkten, wenn sie mich und meine Brüder mit dem Ungeheuer allein ließen, und wie ihre Blicke über die blauen Flecken und Prellungen in den Gesichtern meiner Brüder hinwegglitten. Und als wären das nicht genügend Gründe, diesen Mann zu hassen, erinnerte ich mich ständig daran, wie abschätzig er mich angesehen hatte, als ich in meinem Krankenhausbett sitzend meinen Vater der Morde im Regent’s Park bezichtigt hatte, unter deren Opfern auch meine beste Freundin Sadie gewesen war. Jedes Wort, das der Inspector gesprochen hat, während er mir – nur Stunden nachdem er meinen Vater davon abgehalten hatte, mich umzubringen – direkt in mein zerschlagenes Gesicht sah, hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. »Ein wütender Betrunkener ist noch lange kein Mörder, Miss Moriarty.«

Jetzt ließ Mallory uns minutenlang schweigend stehen, und als er das Wort ergriff, war seine Stimme ruhig und gelassen. »Miss Moriarty.«

Mein Tonfall war nicht ganz so sanft. »Mallory.« Ich hätte gern ein Dutzend Fragen auf ihn abgefeuert, für wen er sich eigentlich hielt und was zum Teufel er in meinem Haus zu suchen hatte, doch mit seinem anhaltenden Schweigen wollte er mich sicher zu einer derartigen Explosion herausfordern. Ich würde alles tun, um die Erwartungen dieses Mannes zu enttäuschen.

Schließlich seufzte Mallory und blätterte eine Seite in seinem Aktenordner um. »Habt ihr das Schwert, mit dem die Menschen im Park getötet wurden?«

»Um mehr geht es hier nicht? Sie suchen die Waffe, die mein Vater benutzt hat?«

Als Mallory nicht antwortete, meldete sich Sherlock zu Wort. »Der Beamte vor der Tür sagte, Sie hätten einen Tipp erhalten. Sind Sie deshalb hier? Weil jemand behauptet, die fehlende Tatwaffe wäre hier im Haus?«

Im Umgang mit meinem Vater und seinen Taten habe ich mehrere dumme Fehler gemacht, aber das mit Abstand Blödeste war, die Waffe, mit der er all diese Menschen erstochen hatte, im See des Regent’s Park zu versenken. Damals dachte ich, durch das Entwenden der Waffe könnte ich sein Serienmörderritual unterbinden und für mehr Sicherheit sorgen. Doch ich bewirkte nichts davon und half ihm im Gegenteil im Kampf gegen die Anklage. Mein Vater hatte den buchstäblichen rauchenden Colt im Schrank aufbewahrt, und ich konnte es niemand anderem als mir selbst vorwerfen, dass dieser Schuldbeweis nicht mehr dort lag.

»Einen Tipp«, sagte ich, weil ich plötzlich genau wusste, wer dieses abendliche Chaos losgetreten hatte. »Einen Anruf? Oder hatte einer der Beamten, die meinem Vater treu ergeben sind, etwa eine Vorahnung?«

Mallory blätterte erneut um, ohne aufzusehen. Man hätte fast meinen können, ich wäre es nicht wert. »Antworte bitte.«

»Habe ich etwa kein Recht zu erfahren, warum Fremde in meiner Privatsphäre herumschnüffeln, ehe ich mich Ihren Fragen stelle?«

»Nein.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch, sodass seine Teetasse auf der Untertasse klirrte. »Dieses Recht hast du verwirkt, als du einen Detective beschuldigt hast, ein Serienmörder zu sein, und dennoch weiter in seinem Haus wohnst.«

»Ich bin sechzehn, was mir, wie Sie genau wissen, das Recht gibt, allein zu wohnen. Und das ist mein Haus.«

»Das ist immer noch ein Tatort, wenn du die Wahrheit gesagt hast –«

»Das habe ich.«

Mallory fuhr fort, als hätte ich nichts gesagt. »– und deshalb, nein, Miss Moriarty, hast du hier gar kein Recht mehr. Ich stelle dir die Frage noch einmal. Ist das Schwert, mit dem die Bürger im Regent’s Park getötet wurden, in deinem Besitz oder nicht?«

Ich starrte so lange auf seinen Scheitel, bis er endlich den Blick hob und mich ansah. »Nein, ist es nicht.«

Mallory nickte. »Verstehe. Nun, wir haben es noch nicht gefunden. Ich gehe davon aus, dass es ein wichtiges Beweisstück der Anklage gegen denjenigen sein wird, der diese Verbrechen tatsächlich begangen hat.«

Ich verschränkte die Arme. »Als ob Sie das nicht wüssten.«

Mallory sah mich unverwandt an und schwieg.

»Heißt das, wir tun jetzt so, als hätten Sie nicht gerade noch verhindert, dass er seine eigene Tochter umbrachte?«

»Er blutete im Gesicht und an der Brust. Man könnte auf die Idee kommen, dass er sich selbst verteidigen musste.«

Lock legte die Hand auf meine Schulter. Nur deshalb schaffte ich es, die nächsten Worte nicht zu schreien. »Ich habe Ihnen schon gesagt, dass er das selbst getan hat!«

»Ja. Mit dem Messer, auf dem deine Fingerabdrücke sind.« Mallory drehte den Kopf von meiner wütenden Fratze zurück zu seinen Unterlagen. »Du denkst wohl, es wäre keine große Sache, eine solch gewaltige Beschuldigung gegen einen Polizisten zu erheben. Das ist es aber. Die Polizeiwache von Westminster ist eine Bruderschaft, Miss Moriarty. Wenn einer von uns Erfolg hat, triumphieren wir alle. Und wenn ein Bruder fällt, trauern wir alle. Wenn einer von uns sündigt« – jetzt sah er mich wieder an – »sind wir alle besudelt.«

»Dann klebt Blut an Ihren Händen, Detective Inspector Mallory, schon allein das Blut dreier kleiner Jungen, die Sie nicht vor den Fäusten Ihres Waffenbruders beschützt haben.«

Mallory zuckte zusammen, doch diesmal schlug ich mit der Faust auf den Tisch und zwang ihn, mich wieder anzusehen. Lock legte erneut die Hand auf meine Schulter.

»Und dann mit dem Blut der fünf Opfer im Park.« Ich senkte die Stimme und streckte ihm meine offene Hand hin. »Und an unser beider Hände klebt das Blut eines Mädchens, das erwürgt wurde, weil es meinen Brüdern Kuchen mitgebracht hat. Aber, täuschen Sie sich nicht, Inspector, wenn Sie diesen Mann als Ihren Bruder bezeichnen, sind Ihre Hände in der Tat besudelt. Vielleicht werden sie nie wieder sauber.«

Mallory wollte etwas sagen, aber ich stürmte aus der Küche und rief zu ihm zurück: »Hier werden Sie das Gesuchte nicht finden, also verlassen Sie gefälligst mein Haus.«

Doch meine Worte gingen unter, als ein Polizist mit strahlenden Augen ins Haus und zur Küche lief und rief: »Chef! Wir haben etwas gefunden!«

Ein Schwarm von Beamten drängte sich am Eingang und folgte Mallory nach draußen. Lock und ich sahen ihnen nach.

»Was könnten sie denn finden?«, fragte er.

Ich zuckte die Achseln. »Draußen stehen nur die Mülltonnen.«

»Und wie lange stehen die da schon?«

Das wusste ich nicht, aber es war unheimlich ruhig, bis Alice plötzlich rief: »Du bleibst hinter mir, mein Junge!«

Ich sauste noch vor Sherlock nach draußen und stieß beinahe mit zwei Polizisten zusammen, die mit dem Rücken zu mir auf der untersten Stufe standen. Obwohl sie mich nicht durchließen, konnte ich durch sie hindurch erkennen, was sie aus unserem Müll geholt hatten.

Es war eine Hand. Eine abgetrennte Hand, grau und fleckig und durch die Verwesung leicht geschwollen. Sie steckte in einem großen Frischhaltebeutel.

Ein Zuschauer schrie und Alice gab ihr Bestes, meine Brüder aus der Schusslinie zu halten, während die Woge aus Blitzlichtern und Kameras auf uns zurollte. Um uns herum versank die Welt im Chaos, doch die ganze Zeit sahen die Polizisten nur mich an – das Mädchen mit der abgehackten Hand im Müll.

Sherlock reagierte als Erster, schlang einen Arm um meinen Bauch und trug mich praktisch ins Haus. Er scheuchte mich in die Küche und versicherte mir mehrmals, dass der Fund nichts mit mir zu tun hatte, aber auch er wusste, dass er mich nicht davor beschützen konnte, was nun auf mich zukam. Schließlich saß ich zwischen Lock und Alice in der Küche, während der Inspector sich wieder auf seinen Stuhl setzte.

Nachdem er lange schweigend in seinem Aktenordner geblättert hatte, klappte Mallory ihn zu, hob den Blick und sagte zu mir: »Du kommst mit auf die Wache.«

Ich wusste nicht, was er dachte. War er froh, skeptisch oder einfach nur gelangweilt? Ich wusste nicht einmal, was ich selbst denken oder fühlen sollte. Mir fiel nur eine Person ein, die der Polizei einen Tipp geben und dafür sorgen konnte, dass sie auch fündig wurde – doch dieser Jemand saß seit zwei Wochen im Gefängnis. Und während ich in Gedanken jeder Spur nachging, wie mein Vater mir diesen Schlamassel einbrocken konnte, wirkte mein Schweigen, als wäre ich mit Mallorys Forderung einverstanden.