My Wish - Strahle wie die Sonne - Audrey Carlan - E-Book
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My Wish - Strahle wie die Sonne E-Book

Audrey Carlan

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Beschreibung

Wie du dich auch entscheidest, meine Wünsche werden dir Halt geben

Wie ihre jüngere Schwester Suda Kaye bekommt auch Evie Ross regelmäßig Briefe ihrer verstorbenen Mutter Catori. Jedes Jahr weigert sie sich, den Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen. Catoris Streben nach Freiheit und Abenteuer hat Evie nie nachvollziehen können. Für sie bedeutet Glück, abgesichert zu sein und mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Als sie unerwartet weitere Briefe entdeckt, die auf ein großes Familiengeheimnis hindeuten, beginnt Evie darüber nachzudenken, was sie sich selbst für ihr Leben wünscht. Zum Glück ist da Milo, der sie besser versteht als jeder andere - und der eine unglaubliche Anziehungskraft auf sie ausübt. In ihn könnte sie sich verlieben. Aber das würde bedeuten, sich fallenzulassen, verletzbar zu sein. Kann Evie über ihren Schatten springen und das Abenteuer Liebe eingehen?

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Seitenzahl: 468

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DASBUCH

Wie ihre jüngere Schwester Suda Kaye bekommt auch Evie Ross regelmäßig Briefe ihrer verstorbenen Mutter Catori. Jedes Jahr weigert sie sich, den Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen. Catoris Streben nach Freiheit und Abenteuer hat Evie nie nachvollziehen können. Für sie bedeutet Glück, abgesichert zu sein und mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Als sie unerwartet weitere Briefe entdeckt, die auf ein großes Familiengeheimnis hindeuten, beginnt Evie darüber nachzudenken, was sie sich selbst für ihr Leben wünscht. Zum Glück ist da Milo, der sie besser versteht als jeder andere – und der eine unglaubliche Anziehungskraft auf sie ausübt. In ihn könnte sie sich verlieben. Aber das würde bedeuten, sich fallenzulassen, verletzbar zu sein. Kann Evie über ihren Schatten springen und das Abenteuer Liebe eingehen?

DIEAUTORIN

Audrey Carlan schreibt mit Leidenschaft prickelnd-romantische Unterhaltung. Ihre Romane veröffentlichte sie zunächst als Selfpublisherin und wurde daraufhin bald zur internationalen Bestseller-Autorin. Ihre Serien Calendar Girl und Trinity stürmten in Deutschland die SPIEGEL-Bestsellerliste. Audrey Carlan lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im California Valley.

AUDREY

CARLAN

My Wish

Strahle wie

die Sonne

ROMAN

Aus dem Amerikanischen

von Nicole Hölsken

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe TOCATCH A DREAM erschien erstmals 2021 bei Harlequin Enterprises ULC.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe 02/2022

Copyright © 2021 Audrey Carlan, Inc.

Published by Arrangement with AUDREYCARLAN, INC.

Dieses Werk wurde im Auftrag

der Jane Rotrosen Agency LLC vermittelt durch

die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2022 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Anita Hirtreiter

Umschlaggestaltung: bürosüd, www.buerosued.de

Satz: Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-26527-4V001

www.heyne.de

Für Gabriela McEachern,

denn genau wie Evie machst du die Welt

um so vieles heller. Möge dein Licht

auch weiterhin leuchten.

Anmerkung für die Leser

Hallo, meine neuen Freunde,

Strahle wie die Sonne ist ein vollkommen eigenständiger Roman. Doch wer das erste Buch der Wish-Serie, Breite deine Flügel aus, gelesen hat, der kennt bereits die Geschichte von Suda Kaye. Im vorliegenden Band geht es um ihre Schwester Evie. Wie ich schon im Vorgängertitel erwähnte, hat mich die Familiengeschichte meiner lieben Freundin und langjährigen persönliche Assistentin Jeananna zu diesen Romanen inspiriert. Ihre Mutter ist in weiten Teilen das Vorbild für Suda Kaye, deren Schicksal im ersten Roman geschildert wird, während ihre Tante mir die Vorlage für Evie geboten hat. Dennoch weise ich darauf hin, dass sämtliche Geschehnisse in diesem Roman ausschließlich meiner Fantasie entsprungen und somit Fiktion sind.

Die Hauptfiguren dieser Serie sind zur Hälfte amerikanische Ureinwohner – Native Americans. Trotz Jeanannas Bericht über die bewegte Historie ihrer Mutter sowie ihrer Familie, die ihre Wurzeln sowohl bei den Comanchen als auch bei den Wichita hat, konnte ich nicht widerstehen. Ich musste einfach meine eigene Geschichte darüber erfinden, wie das Leben für eine Frau sein könnte, die ihre Jugend zu einem großen Teil in einem Reservat amerikanischer Ureinwohner verbracht hat.

Vieles ist das Ergebnis stundenlanger Recherche, zu der auch die intensive Beschäftigung mit der Sprache der Comanchen und der Navajos gehörte, um bei den wenigen Worten, die ich benutzt habe, so genau wie möglich zu sein. Außerdem flossen auch persönliche Erfahrungen von Jeanannas Familienmitgliedern mit ein, wodurch ich einen Roman geschaffen habe, der hoffentlich Frauen auf der ganzen Welt zu berühren vermag.

Doch als Autorin habe ich mir natürlich auch diverse Freiheiten erlaubt und möchte keinesfalls irgendjemanden verletzen. Ich weiß, wie reichhaltig und vielschichtig die Kultur der Native Americans und ihrer Stämme ist, und ich freue mich wahnsinnig, dass ich diese wunderbaren Menschen ein wenig näher beleuchten durfte.

Ich bin davon überzeugt, dass viele von uns genau wie Evie Angst haben, ihre Flügel allzu sehr auszubreiten. Chancen zu ergreifen, bei denen wir womöglich zu viel aufs Spiel setzen. Ich hoffe, ihr lernt durch die Welt meiner Romane, dass Risiken sich oft lohnen und dass man nie zu alt oder zu jung ist, um seine Träume zu verfolgen.

Was Schwestern angeht, nun ja, ich selbst habe drei mit mir blutsverwandte und ein paar seelenverwandte. Ich stamme von einer sehr großen italienischen Familie ab, in der Schwestern stets zu jeder Facette des Lebens dazugehören, also ein ähnlich inniges Verhältnis haben wie Suda Kaye und Evie.

Ich hoffe zutiefst, dass ein kleiner Teil der Erfahrungen von Evie, Suda Kaye, Milo, Camden, Toko oder anderer Figuren in euch nachhallen und ihr am Ende dieser Geschichte überlegt, welchen Traum ihr in eurem Leben noch verwirklichen wollt. Vielleicht gibt euch diese Geschichte den letzten Anstoß, den ihr benötigt, um alle Vorsicht in den Wind zu schlagen und euch auf das zu fokussieren, was ihr euch vom Leben wünscht.

Denn eins kann ich euch versprechen … Es ist niemals zu spät.

Mit all meiner Liebe

Audrey

Prolog

Vor zehn Jahren …

Tränen laufen mir über die Wangen, als Tahsuda, mein Toko, was auf Comanche so viel wie »Großvater« heißt, mir einen dicken Stapel rosafarbener Umschläge reicht, die von einem Satinband zusammengehalten werden. Obenauf erkennt man die wunderschöne Handschrift meiner Mutter. Einen weiteren Stapel reicht er meiner achtzehnjährigen Schwester, Suda Kaye.

»Von meiner Catori für ihre taabe und ihre huutsuu«, beginnt er, wobei er die Comanche-Kosenamen benutzt, die meine Mutter uns einst gab. »Damit sie an jedem ihrer Geburtstage ein Stück von ihr haben. Einen für heute, und einen für jeden Geburtstag und wichtigen Augenblick eures zukünftigen Lebens. Ich lasse euch jetzt erst einmal allein, aber ihr sollt wissen, dass ich immer für euch da bin.« Tahsuda legt die Hände unter seinem abgetragenen rot-schwarzen Poncho zusammen und neigt den Kopf. Sein seidenglattes rabenschwarzes Haar schimmert im Licht der Sonnenstrahlen, die durch unser Schlafzimmerfenster hereinfallen, in tiefem Mitternachtsblau. Wie sehr sein Haar dem meiner Mutter ähnelt! Ich muss schlucken, denn ein Schluchzen sitzt schmerzhaft in meiner Kehle und will sich in einer Flut aus Kummer und Trauer seinen Weg nach oben bahnen.

Kummer, weil ich so wütend auf sie bin wegen all der Zeit, die wir zusammen sein hätten können. Trauer, weil sie diese Welt vor sechs Monaten verlassen hat und wir jetzt – ich mit zwanzig und Suda Kaye mit achtzehn – dem Leben allein gegenüberstehen. Diesmal ist sie nicht zu einem ihrer zahllosen Abenteuer aufgebrochen. Daran waren wir seinerzeit gewöhnt. Wenn das Fernweh sie packte, pflegte sie, im Haus herumzuwuseln, ihren ramponierten Koffer zu packen und uns davon vorzuschwärmen, was sie auf ihren Reisen tun und sehen wollte. Während sie in fremden Ländern unterwegs war, wohnten wir auf unbestimmte Zeit im Reservat bei unserem Großvater und gingen weiterhin zur Schule. Monate später kehrte sie dann mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Lied im Herzen wieder in unser Leben zurück, als sei sie niemals fort gewesen.

Aber wenigstens kam sie damals noch zurück!

So verhasst es mir auch war, dass unsere Mutter uns ständig verließ, um auf Reisen zu gehen, so wusste ich doch immer, dass ich sie irgendwann wiedersehen würde. Mit vom Wandern müden Füßen tänzelte sie dann in Tokos Haus zurück und erzählte uns jede Menge großartige Geschichten aus einer Welt, an der ich selbst eigentlich gar kein Interesse hatte. Ich hatte nicht das Bedürfnis zu verreisen, auf und davon zu fliegen. Denn dafür müsste ich in Kauf nehmen, von meiner Familie mehrere Monate am Stück getrennt zu sein, die sich dann bestimmt ständig fragte, wo ich war, mit wem ich zusammen war und ob es mir gut ging oder nicht.

Keinesfalls. Das war nicht meine Art. Und würde es auch nie sein.

Ich befühle das Satinband, das die Umschläge zusammenhält, und nehme den meinen mit zu dem Papasansessel in der Ecke unseres gemeinsamen Zimmers. Suda Kaye streckt sich auf ihrem Doppelbett aus. Wir wohnen in einer Zweizimmerwohnung in Pueblo. Meine Schwester hat gerade ihren Highschoolabschluss gemacht, und ich gehe auf das örtliche College.

Catori Ross hätte nie damit gerechnet, krank zu werden. Auf all ihren Reisen und bei all ihrem Erlebnishunger nahm sie sich nie die Zeit für regelmäßige Gesundheitschecks. Da sie wie das blühende Leben war, hatte sie geschlagene zehn Jahre lang keinen Arzt mehr aufgesucht, bevor sie begann, sich unwohl zu fühlen. Nach drei ganzen Monaten der Lethargie und Niedergeschlagenheit – zwei Eigenschaften, die meiner Mutter sonst völlig fremd waren – versetzten uns die ersten Tests den ersten Schlag.

Krebs.

Im Endstadium.

Sie war fest davon überzeugt, ihn besiegen zu können, aber wie hat Toko es so treffend formuliert? Der Krebs sollte ihm sowohl seine Frau als auch seine Tochter nehmen. Seiner Ansicht nach war es von Anfang an vorherbestimmt. Das war der Grund, warum er Mom nie die Hölle heißmachte, wenn sie herumreiste und uns bei ihm zurückließ. Er fand, dass jeder auf die Stimme seines Herzens hören solle, dass Träume nicht nur für die Schlafenden da seien. Man sollte ihnen folgen und sie einfangen.

Unsere Mutter hatte gelebt. War jedem Traum mit unstillbarem Hunger hinterhergejagt. Ich fürchte, meine Schwester wird in ihre Fußstapfen treten.

Suda Kaye sitzt an das Kopfteil ihres Bettes gelehnt, während ich mich in den Papasansessel kuschele. Ich öffne das Satinband und lege sämtliche Briefe bis auf den obersten zur Seite. Auf dem Umschlag stehen das heutige Datum und der Kosename, den sie für mich hatte. Taabe, was auf Comanche so viel heißt wie »Sonne«.

Mom nannte mich ihre Sonne, weil ich ein ganz und gar heller Typ bin, während sie dunkelhäutig war, wie es meine Schwester auch ist. Mom war eine reine Native American genau wie Toko. Suda Kaye und ich sind nur zur Hälfte Ureinwohner und haben außerdem verschiedene Väter. Ich komme äußerlich nach meinem Vater Adam Ross. Wie Dad habe ich blondes Haar und blaue Augen. Doch die hohen Wangenknochen, die mandelförmigen Augen und die vollen rosigen Lippen habe ich von meiner Mutter geerbt. Suda Kayes Haar hingegen ist von einem dunklen Kaffeebraun. Außerdem hat sie bernsteinfarbene Augen und wird eines Tages einen atemberaubenden Körper haben. Schon jetzt weist er die weiblichen Rundungen auf, die für eine Sanduhrfigur charakteristisch sind – volle Büste, schmale Taille, breite Hüften. Ich hingegen bin groß, schlank und athletisch gebaut. Doch trotz des Farbenspiels von Hell und Dunkel können wir unsere Abstammung beide nicht leugnen.

Wir sind Catoris Töchter, eine lebendige Mischung aus ihr und unseren leiblichen Vätern. Obwohl Suda Kaye und ich nicht allzu viel über ihren tatsächlichen Dad wissen. Wir wissen nur, was Mom uns später berichtete – dass sie mit ihm einen Fehler begangen habe. Sie und ihr Ehemann, mein Vater Adam, hatten eine Krise gehabt und waren sogar ein Jahr lang getrennt gewesen. In dieser Zeit war sie auf Reisen gegangen und von diesem Abenteuer schwanger mit meiner Schwester zurückgekehrt. Ich war erst zwei, als sie zur Welt kam, weshalb diese Vorgeschichte für mich nie auch nur die geringste Rolle gespielt hatte. Mein Vater behandelte Suda Kaye beinahe genauso wie mich, was allerdings ebenfalls kein besonders großes Thema war, denn auch er war nicht oft da. Er war beim Militär und häufig im Ausland stationiert.

Ich fahre mit dem Daumen über den Umschlag und die wunderschöne Handschrift meiner Mutter.

Ich vermisse dich, Mom.

Dann hole ich tief Luft, lehne mich in meinem Sessel zurück und öffne den ersten Brief.

Evie, meine goldene taabe,

nie und nimmer hätte ich gedacht, einmal in diese Lage zu geraten. Dass ich Dich und Deine Schwester verlassen müsste, ohne jemals zurückkehren zu können. Ich weiß, Du hast meine Ruhelosigkeit immer gehasst, da sie mich von Dir und Suda Kaye fortführte, aber innerlich war ich ständig bei Euch. Du warst ununterbrochen in meinen Gedanken und in meinem Herzen. Und ich habe Dich stets geliebt.

Ich musste meine Träume verfolgen, taabe. Eines Tages wirst Du das verstehen.

Ich hoffe sehr, dass Du eines weißt: Meine Liebe zu Dir transzendiert jegliche Wirklichkeit, Raum und Zeit, und auch unsere endgültige Bestimmung. Sie ist wie die Sonne und scheint jeden Tag hell und klar. Sie endet nie, ist immer warm und wird Dir und Deiner Schwester Euer Leben lang Licht spenden.

Nun, da ich fort bin und Du nicht mehr die schwere Bürde trägst, sowohl für mich als auch für Suda Kaye sorgen zu müssen, möchte ich, dass Du Dir intensiv Gedanken darüber machst, was genau Du Dir vom Leben wünschst. Nur Du selbst. Stecke Dir hohe Ziele. Lebe aus vollem Herzen.

Was willst Du da draußen noch erforschen?

Welche Orte auf der Welt willst Du sehen?

Welche Reisen möchtest Du unternehmen?

Denk an all die Schönheit, die ich im Laufe der Jahre durch meine Geschichten und Fotos mit Euch geteilt habe. Diese Erfahrungen sind ein Riesenteil von mir geworden. Und ich bin so dankbar, dass ich sie machen durfte. Sie haben mir die Fähigkeit verliehen, Euch die Augen dafür zu öffnen, dass im Leben alles möglich ist.

Ich bedaure nur eines: dass ich Dich und Deine Schwester immer zurücklassen musste. Doch jetzt hoffe ich, dass Du Dir ebenfalls die Zeit nehmen wirst, die Welt zu erkunden.

Evie, Du stehst mit beiden Beinen fest auf Gottes grüner Erde, bist fest verwurzelt darin. Diese Wurzeln musst Du herausziehen, mein liebes Mädchen. Sprenge sämtliche Fesseln und mache Erfahrungen, die ihresgleichen suchen. Vielleicht wirst Du mein Fernweh dann ja verstehen. Ich wollte fort, den Wind in meinen Haaren spüren, den Sand zwischen meinen Zehen, den Kies unter meinen Schuhen. Ich habe jeden Augenblick meines Lebens ausgekostet, und das wünsche ich mir von Herzen auch für Dich.

Bitte nimm das Erbe, das ich Dir hinterlassen habe, und gönne Dir damit etwas Schönes.

Schau Dir die Welt an, mein Schatz.

Mit all meiner Liebe

Mom

Ich beiße die Zähne aufeinander und wische mir mit dem Handrücken über die Nase. Anschließend falte ich meinen Brief wieder dreifach zusammen und schiebe ihn in den Umschlag zurück. Ich räuspere mich, streiche mit der Hand darüber. Dann halte ich ihn mir an die Nase und atme den vertrauten Duft nach Zitrus, Patschuli und einem Hauch Erde ein.

»Riecht nach ihr.« Ich räuspere mich ein zweites Mal, doch mir läuft bereits eine verräterische Träne über die Wange.

Suda Kaye schnüffelt ebenfalls an ihrem Brief und lächelt traurig. »Mom hat immer gesagt, wenn man schon nach irgendwas duften muss, dann wenigstens nach etwas Natürlichem. Fruit and spice.«

»And everything nice!« Ich lache leise, dann seufze ich, weil die Worte aus ihrem Brief in meinem Herzen und meiner Seele schwären und sich mit dem intensiven Kummer vermischen, den ich in den sechs Monaten seit ihrem Tod noch kein Stück überwunden habe.

»Ich vermisse sie. Manchmal stelle ich mir vor, dass sie sich nur wieder auf ein weiteres Abenteuer eingelassen hat, weißt du? Dann darf ich stinksauer sein und mir all die gehässigen Dinge ausdenken, die ich zu ihr sagen werde, wenn sie endlich mit einem Koffer voller schmutziger Klamotten und Mitbringsel zurückkehrt, mit denen sie versucht wiedergutzumachen, dass sie uns alleingelassen hat.«

Meine Schwester schnappt nach Luft, und ihre atemberaubenden bernsteinfarbenen Augen füllen sich mit noch mehr Tränen. »Evie, sie wollte nicht gehen …«

Ich balle die Hände zu Fäusten, und der Zorn über die vielen verlorenen Jahre, die wir mit ihr hätten haben können, erwacht aufs Neue. »Diesmal nicht, Suda Kaye, aber was ist mit den ganzen anderen Malen? So viel verlorene Zeit. Und wofür?« Ich schnaube und stehe auf. Wandere ruhelos im Zimmer auf und ab, die Briefe fest an meine Brust gepresst wie einen geliebten Teddybären. »Spaß. Wilde Erfahrungen. Abenteuer! Das hat sie umgebracht. Dieses Bedürfnis, immer woanders zu sein, weil sie dachte, sie könnte etwas verpassen.« Mit verbitterter Miene deute ich auf sie. »Na ja, mein Weg ist das jedenfalls nicht. Auf gar keinen Fall. Unter keinen Umständen. Ich stehe mit beiden Füßen fest im Leben. Ich werde mein Studium beenden, werde erst den Bachelor in Finanzwirtschaft machen und anschließend den Master und etwas aus meinem Leben machen. Und ich werde glücklich werden!«

Nur dass ich keine Ahnung habe, wie ich das ohne meine Mutter je schaffen soll. Ich hatte ja schon früher keine Ahnung, wie ich die Leere füllen sollte, die sie mit jeder ihrer Abenteuerreisen in mir hinterließ. Es kam mir so vor, als würde sie immer noch größer. Aber meine Mutter … sie war so eine wunderbare Frau. Wenn sie da war, hatte sie eine unglaubliche Präsenz. Mit jeder Rückkehr schien sie die klaffende Wunde meines Herzens wieder zu schließen.

Hin und her zu laufen reicht mir nicht mehr. Also werfe ich den Briefstapel auf einen Stuhl und lasse mich auf das Bett neben meine Schwester fallen, das Gesicht dramatisch in der Armbeuge vergraben, sodass meine Nase die Matratze berührt. Ich atme tief ein und aus in dem Bemühen, nun vor meiner kleinen Schwester nicht zusammenzubrechen.

Langsam und beruhigend streichelt sie mir übers Haar. Nachdem ich mich wieder gefangen habe, zumindest vorläufig, drehe ich mich um.

»Was stand in deinem Brief?«, frage ich.

Suda Kaye benetzt die Lippen und blickt zur Seite. Wir haben keinerlei Geheimnisse voreinander, ich merke allerdings, dass sie mir das jetzt doch lieber verheimlichen würde. Aber letztlich knickt sie ein und gibt mir den Brief. Ich richte mich auf, setze mich im Schneidersitz aufs Bett und lese laut.

»Suda Kaye, huutsuu.« Ich halte mir die Hand vor den Mund und schließe die Augen. »Kleiner Vogel«, stoße ich die Bedeutung des Kosenamens heiser hervor. Meine Schwester ist ebenfalls immer für ein Abenteuer zu haben. Mit ihrer dramatischen Aura und ihrer glühenden Begeisterung für alles Mögliche konnte sie sogar den Großeinkauf im Supermarkt für jedermann zum Highlight der Woche machen. Das Gleiche gilt für den Waschsalon, die Autowaschanlage, einen Spaziergang durch die Nachbarschaft. Immer gibt es etwas zu erleben, zu sehen, zu hören, zu fühlen. Meine Schwester saugt das Leben in sich auf wie ein Schwamm. Und sobald sie ausgetrocknet ist, fängt sie wieder von vorn an. Auch wenn es mir nicht passt, muss ich mir eingestehen, dass sie ganz nach unserer Mutter kommt.

Sie schenkt mir ein breites Lächeln. »Bis in alle Ewigkeit, taabe«, antwortet sie.

Bevor Suda Kaye ihren Gefühlen noch mehr nachgeben kann, überfliege ich jetzt schnell ihren Brief. Mit jedem Satz wird es mir immer schwerer ums Herz. Im Grunde rät Mom meiner Schwester, ihr Zuhause zu verlassen. Sich in ihr Auto zu setzen und die Welt zu bereisen, wobei sie mit den Staaten anfangen soll. Mich zu verlassen, um mir die Möglichkeit zu geben, dem Ruf meines Herzens zu folgen, ohne dass die Sorge um meine kleine Schwester mich zurückhält. Mir dreht sich der Magen um, und Säure steigt in meiner Kehle empor, während ich die letzten paar Sätze lese. Wenn ihr langjähriger Freund Camden sie wirklich liebe, so ist darin zu lesen, dann wird er sie freilassen.

Mit zitternden Händen gebe ich ihr den Brief zurück. Mein ganzer Körper ist völlig steif. Ich habe das Gefühl, als habe man mir das Herz durchbohrt und mich sterbend am Wegesrand zurückgelassen.

Meine Mutter will, dass meine Schwester – meine beste Freundin – mich verlässt.

Dass sie fortgeht, womöglich genauso lang wie Mom. Auf jeden Fall aber lange genug, um sich selbst zu finden.

»Das machst du nicht wirklich, oder?«, frage ich mit eindeutig angstvoller Stimme.

Sie beißt sich auf die Innenseite ihrer Wange und nickt.

»Suda Kaye … das darfst du nicht tun. Was ist mit Camden? Er wird es nicht verstehen. Ein Typ wie er. Das Leben, das er dir bieten will. Keinesfalls. Du musst einfach …« Ich atme scharf aus, ergreife die Hände meiner Schwester und drücke sie in dem Versuch, ihr stumm all die Sorge und all die Angst zu übermitteln, die mich befallen werden, wenn sie mich zurücklässt. Aber ich sage kein Wort. In diesem Augenblick muss sie diejenige Entscheidung treffen, die für sie die richtige ist.

Also schlucke ich den Kloß in meinem Hals herunter und flüstere: »Was wirst du tun?«

Sie sieht mir in die Augen, schaut mir geradezu in die Seele und spricht jene drei Worte aus, die ich niemals von ihr hören will. »Ich werde davonfliegen.«

Ich schließe die Augen, beuge mich vor und gebe ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich hab’ dich lieb, Suda Kaye.« Mehr fällt mir nicht ein. Die Worte sind ursprünglich, ehrlich und lebensverändernd.

»Du könntest doch mitkommen, oder nicht?« Ihre Stimme ist plötzlich voller Hoffnung. Aber dass ich sie weiter an mich binde oder gar versuche, ihr Leben zu organisieren, ist wohl kaum Sinn der Sache. In ihrem Brief an sie hat Mom keinen Zweifel daran gelassen. Und in meinem eigenen verdammt noch mal auch nicht.

Ich schüttele den Kopf und lege meine Hand auf ihre weiche Wange. »Du musst deinen eigenen Weg gehen.«

Sie nickt, faltet ihren Brief zusammen und steckt ihn wieder in den Umschlag. Dann bindet sie ihre Briefe wieder zum Bündel zusammen.

Meine Schwester gehört nicht zu den Menschen, die irgendetwas auf die lange Bank schieben. Also holt sie den großen Koffer unter ihrem Bett hervor, den Mom ihr zum Abschluss geschenkt hat, und hebt ihn auf die Decke. Schweigend helfe ich meiner Schwester, ihre Sachen zu packen, wobei wir systematisch vorgehen. Das Letzte, was sie obenauf legt, ist ein Foto von Mom, mir und ihr selbst, das im vergangenen Jahr aufgenommen wurde, bevor unsere Mutter zu krank dafür wurde. Es war ein schöner Tag gewesen, und wir hatten im Park gepicknickt. Wir hatten gelacht, etwas gegessen und zugehört, wie Mom eine Geschichte nach der anderen zum Besten gab.

Damals wusste ich, dass die guten Tage gezählt sein würden, also ermutigte ich sie beim Erzählen, während Suda Kaye förmlich an ihren Lippen hing.

Hand in Hand gehen meine Schwester und ich zum Auto und verstauen ihr Gepäck im Kofferraum.

»Weißt du schon, wohin du fährst, nachdem du dich noch mal mit Camden getroffen hast?«, frage ich, denn ich weiß, dass sie nicht abreisen würde, ohne ihn noch einmal zu sehen.

Sie lächelt und zuckt mit den Schultern. »Wir sind hier in Mittelamerika. Ich werde einfach irgendeine Richtung einschlagen und so lange fahren, bis ich zu müde bin. Dann halte ich an und entscheide, wo es als Nächstes hingehen soll.«

»Ruf mich an. Ich komme überallhin, um dich abzuholen. Egal, w-wohin.« Meine Stimme zittert. Traurig nehme ich Suda Kaye in die Arme und atme ihren Duft ein – Kirschshampoo und Körperlotion. Ich präge mir den Duft tief ein, damit ich in den einsamen Monaten, vielleicht sogar Jahren, die vor mir liegen, davon zehren kann. Ich weiß, dass ich es brauchen werde.

Suda Kaye umrundet ihren Wagen und öffnet die Fahrertür. »Vermiss mich«, sagt sie, und nun strömen die Tränen wie ein Sturzbach über meine Wangen.

»Vermiss du mich noch mehr!«, flüstere ich und halte die Hand in die Höhe.

Sie tut es mir gleich und legt ihre Handfläche auf meine. »Immer.«

Lange blicke ich den immer kleiner werdenden Rücklichtern hinterher, bis sie schließlich in der schwarzen Nacht verschwunden sind. Bald darauf schaue ich zum Himmel hinauf, zu der Unzahl funkelnder Sterne, die sich wie eine Flut von Diamanten über schwarzen Samt ergießt.

Ich wähle mir einen Stern aus und schicke den gleichen Wunsch zum Himmel, den ich schon seit meiner Kindheit bestimmt tausendmal hinaufsandte.

»Ich wünschte, irgendwann würde jemand, den ich liebe, bei mir bleiben.«

Kapitel 1

Gegenwart

Eigentlich habe ich mir nie etwas sehnlicher als ein normales Leben gewünscht. Eine Mutter, die nach der Schule an der Bushaltestelle stand, die mir und meiner Schwester bei den Hausaufgaben half, das Abendessen kochte und uns danach ins Bett brachte. Einen starken Vater, der an seiner Familie hing, der stets da war und seinen beiden kleinen, leicht zu beeindruckenden Mädchen zur Seite stehen konnte, egal was auch geschah. Und dann würde ich eines Tages meinen Traummann heiraten und einen Beruf ergreifen, in dem ich genug Geld verdiente, um etwas zum Haushalt beizusteuern, der mir aber auch genug Zeit für meine Kinder ließ. Später würden diese irgendwann flügge, bauten sich ein eigenes Leben auf, und ich würde an der Seite meines Liebsten alt werden und mit ihm den Ruhestand genießen. Wir wären zwei Rentner, die in den Tag hineinlebten und ansonsten Zeit mit ihren Enkeln verbringen wollten.

Ein beständiges, schönes Leben.

Ich glaube, die meisten Menschen wünschen sich das, was sie in ihrer Jugend nicht haben oder hatten. Meine Familie war voller Liebe, aber es gab weder Beständigkeit noch Verlässlichkeit. Der einzige Erwachsene, auf den ich mich verlassen konnte, war mein Großvater. Mom wollte die Welt erkunden und hielt es nie länger an ein und demselben Ort aus. In meiner Jugend bekam ich meine Mutter kaum zu Gesicht. Das Gleiche galt für meinen Vater Adam Ross, der als Soldat mit unerschütterlichem Patriotismus die meiste Zeit in anderen Ländern diente und so gut wie nie einen Fuß auf den Boden der Vereinigten Staaten setzte.

Und dann war da noch Suda Kaye. Mein Ein und Alles. Meine kleine Schwester. Immer an meiner Seite, ihre Hand in der meinen, während wir die Höhen und Tiefen unserer unorthodoxen Erziehung meisterten. Nur dass das mangelnde Engagement unserer Eltern für sie kein Grund zum Groll oder für Missstimmungen war. Nein, meine geliebte Suda Kaye war selbst ebenfalls total lebenshungrig. Ähnlich wie unsere Mutter hatte sie das Bedürfnis, in die Freiheit zu fliegen, sich vom Wind tragen zu lassen und so viel wie möglich von dem, was das Leben zu bieten hatte, in sich aufzunehmen.

Ich war immer das genaue Gegenteil. Reif. Bedacht. Geerdet. Zufrieden mit dem Pfad, der mir vorgezeichnet war. Demzufolge konnte ich tun, was ich wollte, konnte betteln, konnte mit dem Fuß aufstampfen oder – wie in meiner Kindheit – einen Wutanfall bekommen, es nützte nichts: Die Menschen, die ich liebte, verließen mich immer.

Immer.

Zugegeben, Mom kehrte alle drei bis zehn Monate zu uns zurück, verbrachte ein paar Wochen mit ihren Mädchen zu Hause, aber dann wurde sie aufs Neue von dieser Unruhe gepackt, und schon war sie wieder auf und davon. Ich habe dieses Bedürfnis umherzuziehen, aus reiner Abenteuerlust die Menschen, die man liebt, im Stich zu lassen, nie verstanden. Suda Kaye schon. Sie betete die Erde an, auf der unsere Mutter wandelte, und wollte genau wie sie sein. Und zehn Jahre lang machte sie haargenau das Gleiche. Ließ mich hängen, als ich sie am meisten brauchte. Bis irgendetwas in ihrem Innern sie nach Hause zu mir und zu Camden Bryant zurücktrieb, zu dem Mann, den sie liebte und ebenfalls zurückgelassen hatte.

So etwas würde ich ihr oder einem geliebten Mann niemals antun. Schließlich hat man keine Garantie, ob man da draußen in der Welt überhaupt etwas verpasst, weshalb ich lieber gar nicht erst verreise, um das, was ich habe, nicht aufs Spiel zu setzen.

Dennoch gibt es im Leben eines jeden wohl diese winzigen Augenblicke, die letztlich bestimmen, wer wir sein sollen. Herausforderungen, denen wir begegnen und die uns entweder den einen Weg oder einen anderen entlangführen. Kleine, wunderbare Lichtschimmer, die in unserer Entscheidung, wo wir letztlich landen wollen, den Unterschied machen.

Entscheidungen. Im Leben geht es darum, Entscheidungen zu treffen. Mit jener Freiheit, die der große Schöpfer uns geschenkt hat.

Ich glaube, wenn wir unsere Entscheidungen mit Bedacht treffen, sämtliche potenziellen Risiken und Konsequenzen durchdenken, werden wir mit Glückseligkeit belohnt. Entscheiden wir uns aber für das Falsche, scheitern wir und erleiden großen Kummer.

Dabei habe ich doch immer die richtigen Entscheidungen getroffen.

Ich habe geholfen, meine kleine Schwester aufzuziehen, während meine Eltern aus unterschiedlichsten Bedürfnissen heraus im Ausland waren.

Ich war eine hervorragende Schülerin und Studentin.

Das College habe ich nicht nur mit dem Bachelor, sondern sogar mit dem Master in Finanzwirtschaft abgeschlossen.

Ich habe bis zur Erschöpfung gearbeitet, habe mir einen Kundenstamm aufgebaut und mein eigenes Anlageberatungsunternehmen. Mittlerweile besitze ich Filialen in Denver und in einem Vorort von Pueblo, Colorado. Meiner Entscheidung, bodenständig zu leben, bin ich treu geblieben – und doch bin ich unglücklich.

Mit dreißig bin ich jetzt eine erfolgreiche Geschäftsfrau mit tollem Portfolio, einem vollen Bankkonto und Kapitalanlagen, einer privaten Altersvorsorge und einer profitablen Firma, und doch … nichts.

Kein Mann, der zu mir gehört.

Keine Familie, mit der ich alles, was ich mir aufgebaut habe, teilen könnte.

Letztlich bin ich allein.

Evie Ross.

Und nun stehe ich am Scheideweg. Frage mich, was wohl passieren wird, wenn ich die falsche Abzweigung nehme. Zwar können sich meine Träume doch noch irgendwann erfüllen, trotzdem geht jede Entscheidung mit Risiken, Opfern und Unsicherheit einher.

Opfer sind mir nicht fremd. Ich wäre nicht so weit gekommen, ohne alles zu geben und hart zu arbeiten. Aber das Risiko und die Unsicherheit lassen mich zögern. Wäre ich so mutig wie meine Schwester und meine Mutter, würde ich einfach die Augen schließen und springen in der sicheren Überzeugung, dort aufzukommen, wo das Schicksal es will. Doch so bin ich nun mal nicht gestrickt. Ich muss sämtliche möglichen Ergebnisse kennen, um überhaupt den ersten Schritt zu machen.

Glauben.

Tahsuda, mein Großvater, würde jetzt sagen, dass ich glauben muss. An meine Reise. Dass ich akzeptieren muss, was das Schicksal oder die Vorsehung für mich bereithalten, und dass ich unterwegs so viele kalkulierte Risiken wie möglich eingehen muss. Er würde mir raten, mir vorzustellen, was ich mir so sehr wünsche, dieses Traumbild ins Universum hinauszuschicken und abzuwarten, bis es mir dazu verhilft, wie es das schon seit Äonen tut.

Ich glaube nicht an Schicksal oder Vorsehung oder auch an Träume. Sie haben mir noch nie weitergeholfen.

Außerdem: Wie fängt man einen Traum?

Träume sind trügerisch und unbeständig und je nach den persönlichen Wünschen Veränderungen unterlegen.

Werde ich je erkennen, ob ich meinen Traum gefangen habe, oder wird er mir durch die Finger rinnen wie Wasser, das flussabwärts strömt?

Suda Kaye glaubt, dass jedem endlos viele Träume zustehen. Dass man sie übereinanderstapeln und aufrichtig und mit ganzem Herzen verfolgen soll. Sie findet es okay, wenn einige niemals Früchte tragen, weil es vielleicht nicht so sein soll.

Solange ich denken kann, habe ich immer nur einen einzigen Traum gehabt.

Jemanden zu finden, den ich liebe und dessen Liebe zu mir groß genug ist, dass er mich nie verlassen will.

Dieser Traum hat sich nie erfüllt.

Und ich fürchte, das wird er auch nicht.

* * *

»Wie hast du es nur geschafft, mich dazu zu überreden, Suda Kaye?«, stoße ich mürrisch zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während ich den eng anliegenden Hüftgürtel mit den herabbaumelnden Goldmünzen umlege. Er klimpert und klingelt beim Zubinden. Meine Badlah ist in einem wunderschönen Petrolton gehalten, und das BH-förmige Oberteil ist über und über mit goldenen Perlen bestickt. Der Rock besteht aus feinstem Tüll, der zum Top passt und in schmeichelnden Stoffschleiern herabfließt, um die weiblichen Rundungen zu betonen und den Körper der Tänzerin ins allerbeste Licht zu rücken.

Ich betrachte mich im Spiegel und stelle fest, dass er nur noch mehr betont, dass ich fast nackt bin, anstatt irgendetwas zu verbergen.

Suda Kaye steht neben mir und mustert ihr Spiegelbild ebenfalls, während sie einen platinfarbenen Haarreif in ihre langen kaffeebraunen Haare schiebt. Ihr Outfit ist dunkelpurpurn mit silbernen Akzenten und macht aus ihr den Inbegriff der Bauchtänzerin. Nicht dass ich neben ihr eine schlechte Figur abgeben würde. Eine blonde, blauäugige Tänzerin in den traditionellen Gewändern ist allerdings ein seltener Anblick.

»Du siehst toll aus. Und du machst schon seit deiner Kindheit orientalischen Tanz. Das hier ist ein Firmenevent. Wenn du die Hüften im falschen Takt kreisen lässt, wird es niemand merken, das garantiere ich dir. Du tust meiner Tanzgruppe wirklich einen Gefallen, wenn du heute Abend einspringst.«

Ich verdrehe die Augen und seufze. Wenn meine Schwester mir nicht die rührselige Geschichte der Frau erzählt hätte, die eigentlich heute in diesem Aufzug hätte auftreten sollen, hätte ich mich niemals bereit erklärt. Doch zu hören, dass ein Kind an Leukämie erkrankt ist, erschütterte mich zutiefst. Für die Mutter des Jungen ist diese Bauchtanzgruppe eine kleine Flucht vor dem Trauma, das die Betreuung ihres kranken Sohns darstellt. Unglücklicherweise ging es dem Jungen jetzt schlechter, sodass sie an diesem abendlichen Auftritt nicht mitwirken konnte. Deshalb hatte ich eingewilligt, sie zu vertreten.

Unsere Mutter war früher eine begnadete Bauchtänzerin gewesen und brachte uns schon die Bewegungen bei, als wir noch ganz klein waren. Eines der ersten Geschenke von ihr, an die ich mich erinnern konnte, waren diese hübschen kleinen Metallbecken, die unter dem Namen Zimbeln bekannt sind und häufig beim orientalischen Tanz zum Einsatz kommen. Wir Schwestern hatten viel Spaß und spielten unaufhörlich mit diesen Zimbeln, während wir im ganzen Reservat herumtanzten, in dem wir den Großteil unserer Kindheit verbrachten.

»Komm, ich helfe dir.« Meine Schwester bringt mir einen reich verzierten goldenen Haarreif und platziert ihn strategisch geschickt auf meinem Oberkopf. Er ist wunderschön, und in dem kompletten traditionellen Outfit komme ich mir nun beinahe vor wie eine türkische Prinzessin.

Bei unserem Anblick leuchten Suda Kayes Augen auf. Sie macht einen Hüftshimmy und lässt die Münzen klirren, ein wohlklingendes Geräusch, das mein Herz vor Aufregung schneller schlagen lässt. Ich imitiere ihre Bewegungen, und schon bald tanzen wir in vollendeter Harmonie.

Unser Reiz besteht in der Gegensätzlichkeit. Die eine Schwester hell, die andere dunkel.

Nach einer Weile hüpft meine Schwester begeistert auf und ab und zieht mich dann in die Arme. »Der heutige Abend wird sicher toll! Ganz wie in alten Zeiten.«

Ich schmiege mich an sie und wiege mich mit ihr von links nach rechts. »Das sagst du doch nur, weil dein Mann im Zuschauerraum sitzt und du eine kleine Rampensau bist!«

Sie löst sich von mir und grinst breit. »Stimmt! Jeder Tag, an dem ich Cam mit erotischen Shimmys verführe, ist ein guter Tag. Für dieses Projekt, in das seine Stiftung investiert hat, hat er verdammt hart gearbeitet und unzählige Überstunden gemacht.« Sie zieht einen Schmollmund. »Höchste Zeit, dass mein Mann sich mal wieder ein wenig amüsiert.«

Ich lache leise und checke im Spiegel noch einmal meinen Lippenstift. Ein schimmerndes Pink, das hervorragend zum Outfit und meinem naturgemäß hellen Teint sowie meinem blonden Haar passt. Mein Bauch ist vollkommen nackt, und ein nervöser Schauer überläuft mich. Ich lege die Hand darauf und atme tief ein und aus.

»Bist du aufgeregt?« Suda Kaye runzelt die Stirn.

Ich reiße die Augen auf. »Wann hast du mich das letzte Mal in so einer freizügigen Aufmachung gesehen? Ich meine, Bein zu zeigen macht mir nichts aus, aber in einem Kleidungsstück, das nicht größer ist als ein Bikinioberteil, und einem Sarong vor einem Raum voller seltsamer Männer mit dem Hintern zu wackeln, daran bin ich nun mal nicht gewöhnt.«

Suda Kaye winkt lässig ab, als kümmere sie das nicht im Geringsten. »Also bitte. Du wirst sie alle umhauen, so wie du aussiehst.«

»Suda Kaye, ich habe an keinem von ihnen Interesse.«

Sie grinst. »Du lügst. Ich weiß genau, dass einer von ihnen es dir durchaus angetan hat.« Sie grinst wie blöde, und ich habe das Gefühl, dass mein Herz gleich meine Brust sprengt.

»Nein …«

Jetzt leuchtet ihr Gesicht auf, als schiene die Sonne geradewegs durch sie hindurch. »Ja.«

»Das hast du mir bisher verschwiegen. Suda Kaye, das kriege ich nicht hin.« Ich deute auf meinen halb nackten Körper. »Nicht vor ihm.«

Suda Kaye lacht schallend, dreht mich um und führt mich zu den anderen Tänzerinnen hinüber. »Du kannst, und du wirst, denn die Mami eines kranken kleinen Jungen braucht jetzt weibliche Solidarität, und ich kenne dich. Meine Evie würde andere Frauen niemals im Stich lassen, nur weil sie beim Anblick ihres Jugendschwarms total nervös wird.«

Ich beiße die Zähne zusammen und balle die Hände zu Fäusten. »Ich hasse dich.«

Sie schnaubt. »Du liebst mich so sehr, dass du für mich sterben würdest! Und jetzt verlass dich auf deine kleine Schwester. Ich mach das schon. Und du glaubst gar nicht, wie gut.« Sie wackelt mit den Augenbrauen und wackelt mit ihren sexy Hüften, sodass die Münzen erneut melodisch klimpern.

Die Leiterin der Tanztruppe kommt zu uns und reicht jeder von uns ein Paar Zimbeln. Ich schlinge die Schlaufen um die entsprechenden Finger und lasse sie ein paar Mal erklingen, um mich zu vergewissern, dass sie richtig sitzen.

»Na gut, Ladys. Wie bei unserer Probe werden wir uns nun zwischen die Tische schlängeln und uns strategisch dort aufstellen, wo ihr ein kleines schwarzes X auf dem Boden seht.«

Ich stupse Suda Kaye an und flüstere: »Ich habe bei den Proben gar nicht mitgemacht. Ich weiß nicht, wo ich anhalten muss.«

»Keine Sorge. Bleib einfach zwei bis drei Meter hinter mir. Wenn ich stehen bleibe, tust du es einfach auch. Ich achte schon darauf, dass du an der richtigen Stelle landest.«

»Okay.« Ich nicke und atme tief durch, um meinen rasenden Puls zu beruhigen.

Ich darf nicht mal den Gedanken daran zulassen, dass irgendwo in diesem Saal mein Jugendschwarm sitzt. Jener Mann, den ich seit Monaten meide oder genauer gesagt seit er anlässlich der Eröffnung von Suda Kayes Boutique wieder in unser Leben getreten ist. Er hat die Verbindung zu Camdens Stiftung hergestellt. Dieses eine Zusammentreffen veränderte Suda Kayes ganzes Leben. Als sie persönlich bei der Stiftung vorsprach, war ihre erste Liebe Camden Bryant ebenfalls anwesend. Er wurde ihrem Laden als Betreuer zugewiesen und sollte die Investition der Stiftung überwachen. Eine verrückte Begebenheit folgte der nächsten, und jetzt sind wir hier, mehr als ein halbes Jahr später, und meine Schwester ist frisch mit ihrem Traummann verheiratet und lebt endlich im gleichen Bundesstaat wie ich.

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht begeistert darüber bin, meine Schwester zurückzuhaben. Ihre Anwesenheit hilft gegen meine innere Leere, aber immer noch gibt es in meinem Herzen eine klaffende Wunde von der Größe des Grand Canyon, die in all den Jahren nie verheilt ist. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, mich niemals wirklich ganz zu fühlen. Doch Suda Kayes Anwesenheit hilft mir sehr. Da ich sie täglich sehen kann, beginnt der Krater in meiner Seele sich ein wenig zu schließen, aber – wie gesagt – keineswegs ganz. Und die Hoffnung, mich irgendwann einmal vollständig fühlen zu können, hat mich schon vor langer Zeit verlassen.

Als die Musik einsetzt, öffnen sich die Doppeltüren zu dem riesigen Ballsaal des Hotels. Die ersten Tänzerinnen laufen hinein, eine nach der anderen, wobei sie sich in einigem Abstand zueinander bewegen. Einen Moment lang schließe ich die Augen, lasse die Musik in mein Unterbewusstsein dringen und Nervosität und Angst hinwegspülen. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich, wie meine Schwester anmutig die Arme zu beiden Seiten ausbreitet. Ich tue es ihr gleich und folge ihr.

Gelegentlich drehen wir uns um die eigene Achse, machen Schlangenarme, lassen die Röcke schwingen oder zur Musik die Hüften kreisen.

Suda Kaye führt mich zur rechten Seite des Saals ganz nach vorn. Sie konzentriert sich auf einen Tisch, an dem ein Mann mit langem sandfarbenem Haar sitzt, der nur Augen für sie hat. Ich blicke zu Boden und sehe, dass ich mein Kreuz noch nicht erreicht habe. Also folge ich ihr, bis sie genau vor Camdens Tisch stehen bleibt. Ich selbst tanze um einen Tisch mit vier weiteren Personen herum. Sie nickt mir zu, und ich verharre auf dem X am Boden.

Die Musik verändert sich, und ich sehe, dass Suda Kaye die Arme emporhebt und jene Choreografie tanzt, die wir uns schon als Kinder fest eingeprägt haben. Diese Schrittfolge hat uns vor langer Zeit unsere Mutter beigebracht. Ganz automatisch fällt mir jede einzelne Bewegung wieder ein, und ich gebe mich der Musik hin, mache Hip Drops und betone die Beats und den Fluss mit meinen Zimbeln.

Dabei habe ich einen Mordsspaß und verliere mich völlig in der Musik. Ich lasse die Hüften kreisen und wirbele herum, um mich zwei anderen Tischen zuzuwenden. Und prompt bleibt mir die Luft weg, als mein Blick auf die kohlrabenschwarzen Augen des einzigen Mannes fällt, den ich von jeher mehr als jeden anderen begehre.

Milo Chavis.

Ich schlucke meine Überraschung herunter und mache weiter. Doch nun tanze ich nur noch für ihn.

Seine dunklen Augen blicken unverwandt in meine und pausieren lediglich, um meinen Körper von Kopf bis Fuß zu mustern. Es ist wie eine federleichte Liebkosung, die ich beinahe spüren kann, angefangen von meinen mit perlenbesetzten Sandalen bekleideten Füßen, dann an meinen nackten Beinen hinauf und über meine kreisenden Hüften, über meine angespannten Bauchmuskeln und meine sich windenden Schultern. Ich wölbe den Rücken und schiebe meine Brust nach vorn, lasse den Oberkörper im rechten Winkel über meinen Hüften kreisen.

Da ich diesen Tanz im Blut habe, habe ich Gelegenheit, seine männliche Pracht auf mich wirken zu lassen. Er hat pechschwarzes Haar, das in der Mitte akkurat gescheitelt ist und das er im Nacken zusammengebunden hat. Ich kann nicht erkennen, wie lang es ist, aber ich weiß, dass er es stufenweise mit Lederbändern am Rücken zusammenhält. Sein Kinn und die Wangenknochen hätten von Rodin höchstpersönlich gemeißelt sein können, so ausgeprägt sind sie. Markant thronen seine schwarzen Brauen über seinen dunklen Augen, und seine Haut ist von jenem tiefen Braun, das die Wüstenhügel im Reservat nach Sonnenuntergang annehmen. Er trägt einen schwarzen Anzug und ein strahlend weißes Hemd. Darüber entdecke ich eine kompliziert gemusterte Bolo Tie aus schwarzem Leder. Ihre verdrehten Schnüre hängen an seiner breiten Brust hinab, während an seiner starken Kehle ein eingeätztes Medaillon mit daumennagelgroßem Türkis in der Mitte prangt.

Einhundert Prozent amerikanischer Ureinwohner.

Einhundert Prozent Mann.

Einhundert Prozent wunderschön.

Einhundert Prozent alles, was ich mir immer schon gewünscht habe, mir aber niemals gehören wird.

Doch ich will mich nicht länger selbst quälen, also wirbele ich herum, sodass ich in die andere Richtung sehe. Ich folge den Bewegungen der anderen und werfe einen Blick zu Suda Kaye hinüber. Sie lächelt und deutet mit einem Kopfnicken zu Milo hinüber, als habe sie mir gerade ein Geschenk gemacht.

Ich schließe die Augen und fahre mit dem Tanzen fort, bis die Musik sich verändert. Die Luft scheint von den Klängen zu vibrieren, die Melodie wird wilder, steigert sich bis hin zum stürmischen Finale, nach dem die Tänzerinnen den Rückzug antreten sollen.

Gott sei Dank.

Mehrfach drehe ich mich um die eigene Achse, lasse die Fingerzimbeln erklingen, um unseren dramatischen Abgang zu untermalen, und bleibe kaum einen Meter vor Milo stehen, als ziehe er mich magisch an.

Sein Kinn ist immer noch hart, doch als ich ihm in das wunderschöne Gesicht sehe, zuckt dort ein Muskel. Ich kann den Blick nicht abwenden. Dieser Mann ist einfach atemberaubend, und ich liebe ihn seit meinem achten Lebensjahr.

Nicht dass ich ihm das je gesagt hätte.

Milo hatte nie Gefühle für mich, und ich bezweifele, dass er jemals welche entwickeln könnte. Noch nie hat er mir auch nur den kleinsten Hinweis darauf gegeben, dass er mehr als Freundschaft oder – nun, da wir älter sind und beide nicht mehr im Reservat leben – wenigstens eine Bekanntschaft will. Da ich vier Jahre jünger bin als er, hat er mich immer als Kind betrachtet. Dieses linkische, magere, schlaksige kleine Mädchen, das er retten musste, als es schikaniert wurde.

Tahsudas Enkelin. Catoris Tochter. Suda Kayes Schwester.

Mehr war ich nie für ihn, und obwohl er mir dauernd E-Mails schreibt und in meinem Büro anruft, um einen Termin für irgendeine geschäftliche Angelegenheit zu vereinbaren, über die er mit mir sprechen will, habe ich mir alle Mühe gegeben, ein solches Zusammentreffen zu vermeiden.

Ihn vor einigen Monaten beim Lunch mit seiner Frau – oder besser gesagt Ex-Frau, wie ich inzwischen weiß – zu sehen, riss die alte Wunde wieder auf, löschte allerdings die Flamme, die seit zweiundzwanzig Jahren in mir brannte.

Ich würde mich nicht länger nach Milo Chavis verzehren.

Er ist nicht der Richtige für mich.

Diesen Entschluss habe ich erst vor Kurzem gefasst, aber ich habe fest vor, mich daran zu halten, bis ich einen einigermaßen gut aussehenden, langweiligen, hart arbeitenden Mann gefunden habe, der mich so liebt, wie ich bin. Mit allen Ecken und Kanten. Nicht dass ich ziemlich schwierig wäre, aber ich habe jede Menge Marotten, über die ich kürzlich sogar mit einer Therapeutin gesprochen habe.

Wir starren einander so lange an, dass schon wieder eine neue Melodie angestimmt wird und Suda Kaye mich aus meiner Lethargie reißt. »Los, los, los«, treibt sie mich an.

Ich zucke zusammen und tänzele zurück zu den geöffneten Türen, durch die die Tänzerinnen strömen wie vielfarbiges Konfetti aus einer Konfettikanone.

Sofort zieht mich meine Schwester in eine ruhige Ecke von den anderen Tänzerinnen fort. »Okay, erzähl mir alles. Von deinem Anblick war er ja restlos begeistert!«, neckt sie mich mit vor Aufregung bebender Stimme.

Ich schürze die Lippen und schüttele den Kopf. »Du hättest mich wirklich vorwarnen müssen.«

»Keinesfalls. Nee-nee«, wehrt sie empört ab. »Wenn ich das getan hätte, wärst du nicht mitgekommen.«

Stöhnend lege ich den Kopf in den Nacken und blicke zur Decke. »Lieber Gott, bitte bewahre mich vor meiner wohlmeinenden Schwester, ehe ich die Geduld verliere.«

»Er hat dich die ganze Zeit über angestarrt«, sprudelt sie atemlos hervor. »Die anderen Tänzerinnen hat er keines einzigen Blickes gewürdigt. Er hat sich ausschließlich auf dich konzentriert.«

»Weil ich dank deiner Planung genau vor ihm stand!«, knurre ich.

»Schwesterherz, du musst unbedingt mit ihm reden. Er ist seit Monaten hinter dir her. Gib ihm eine Chance und hör ihm zu …« Sie verstummt vielsagend.

»Gute Idee. Klingt absolut logisch. Du solltest auf deine kleine Schwester hören, nizhoni«, ertönt eine tiefe, männliche Stimme direkt hinter uns.

Nizhoni. Auf Navajo heißt das so viel wie »schön«. Bei diesem Kompliment schließe ich die Augen. Ich weiß nicht genau, seit wann er mich so nannte, aber ich fand es immer süß. Unglücklicherweise setzte mir dieses Wort jedes Mal sofort Flausen in den Kopf, sodass ich mir hin und wieder einbildete, er würde meine Gefühle zumindest ein ganz klein wenig erwidern.

Suda Kaye fallen beinahe die Augen aus dem Kopf, und sie grinst breit. »Milo, schön dich zu sehen. Wir haben gerade von dir gesprochen.« Jetzt strahlt sie förmlich.

Wütend funkele ich meine Schwester an, setze dann jedoch ein Lächeln auf, drehe mich um und weiche ein paar Schritte zurück. Ich falte die Hände vor mir, wobei die Zimbeln ein albernes Klirren von sich geben.

Milo steht da, hat die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er ist so groß, dass er den Vorraum zum Ballsaal plötzlich viel kleiner erscheinen lässt.

»Ich mach mich mal auf die Suche nach Cam.« Suda Kaye packt meine Schultern und gibt mir einen Kuss aufs Haar, bevor sie davonflattert wie der freie Vogel, der sie nun einmal ist.

Ich beiße mir auf die Unterlippe und warte, dass er etwas zu mir sagt.

»Du gehst mir aus dem Weg.« Seine Stimme klingt streng und anklagend.

»Na ja, so würde ich es nicht gerade formulieren.« Obwohl es den Nagel auf den Kopf trifft, aber ich will es trotzdem nicht zugeben.

»Du hast meine Anrufe ignoriert.«

»Vielleicht hatte ich nur einfach viel zu tun. Du weißt doch, wie es in der Finanzbranche zugeht. Es wird nie langweilig.« Wenn das keine Lüge ist. Finanzberater kennen jede Menge langweiliger Momente, die sie damit zubringen, den Markt zu beobachten und Hinweise auf gute Investitionen zu verfolgen.

»Warum, Evie?« Seine Stimme klingt wie das leise, warnende Donnergrollen, kurz bevor das Gewitter so richtig losgeht.

Ich schlucke und wende den Blick ab. »Sieh mal, wir kennen uns schon so lange.«

Er nickt und wartet schweigend auf weitere Erklärungen.

»Du hast dein Leben, ich habe meines«, improvisiere ich lahm, um ihm nur ja nichts von meinen wahren Motiven zu offenbaren.

Aber er beißt weder an, noch lässt er mich vom Haken. Er verschränkt die Arme über seiner breiten Brust, sodass der Stoff sich um seinen gewaltigen Bizeps spannt. Was würde ich nicht dafür geben, ihn mal ohne Klamotten zu sehen. Im Reservat früher lief er immer mit nacktem Oberkörper herum, doch damals waren wir Kinder. Ich war acht, er zwölf und im Grunde noch ein kleiner Junge. Nach seiner Pubertät beobachtete ich ebenso eifrig wie fasziniert, wie er immer mehr zu diesem Mammut von Mann heranreifte. Mit achtzehn jedoch besuchte er das College in einer anderen Stadt, und als ich selbst vierzehn war, zog Mom mit uns nach Pueblo, damit wir auf eine öffentliche Highschool gehen konnten. Nachdem wir das College hinter uns hatten, blieben wir über E-Mails und die sozialen Medien in Verbindung und bemerkten irgendwann, dass wir in der gleichen Branche arbeiteten. Aber mehr war da nicht.

»Das ist keine Antwort«, rügt er mich.

Ich lasse die Schultern sinken. »Nun, ich bin keine Rechenschaft schuldig.« Eine so abweisende Reaktion ist ziemlich untypisch für mich, sodass ich fast stolz auf mich bin.

»Du findest mich attraktiv«, bemerkt er rundheraus.

Ich erstarre. Die Welt versinkt in einem Strudel, als mir die Wahrheit immer deutlicher zu Bewusstsein kommt.

»Wie bitte?« Ich keuche beinahe.

»Deshalb meidest du mich. Du fühlst dich von mir angezogen.«

Ich weiche zurück und stoße zwischen zusammengebissenen Zähnen ein »Gar nicht wahr!« aus. Und untermauere die Lüge durch noch mehr gespielte Entrüstung: »Wie kannst du es wagen!«

Seine Lippen zucken, bis er fast grinst. »Ich bin nicht beleidigt. Vielmehr erfreut, denn ich habe dich immer gemocht.«

Gemocht!

Ich blinzele etwas dümmlich und versuche zu realisieren, dass mein Traummann mich mag. Mag. Genauso wie jemand für einen anderen netten Menschen empfindet, den er gerade kennengelernt hat, oder für einen langjährigen Bekannten.

Ich schüttele den Kopf und halte die Hand in die Höhe. »Ich gehe jetzt.« Hastig will ich an ihm vorbeistürmen, aber er streckt seinen langen Arm aus und umfasst meine Taille, zieht mich an sich und presst mich an seine harte Brust.

Mir wird in seinen Armen ganz schwindelig, und ich lege beide Hände auf seinen Oberkörper. Doch er hält mich fest und schiebt mich gleichzeitig ein wenig nach hinten, sodass ich den Kopf in den Nacken legen und zu ihm aufblicken kann. Ich bin eins fünfundsiebzig groß, aber er überragt mich mit seinen eins dreiundneunzig dennoch beträchtlich, zumal ich keine Absätze trage.

»Lass es mich anders formulieren. Ich fühle mich außerordentlich zu dir hingezogen, Evie Ross.« Seine Worte fahren mir direkt ins Hirn, schlängeln sich an meinem Rückgrat hinab und nisten sich heiß zwischen meinen Schenkeln ein.

Mein Herz pocht wie wild, und ich werde rot. »Ach wirklich?«, rutscht es mir heraus, während ich mich langsam in seinen Armen entspanne.

»Ja. Obwohl mein romantisches Interesse an dir nicht der Grund für meine Anwesenheit hier ist. Das sparen wir uns für ein anderes Mal auf. Ich will dir ein Angebot machen, über das du nachdenken solltest.«

Ich runzele die Stirn und werde mir meiner Füße bewusst, die nun wieder mehr von meinem eigenen Gewicht tragen. »Ein Angebot?«

»Ich denke, wir verfolgen die gleichen beruflichen Interessen. Zusammen wären wir ein dynamisches Team und in der Finanzwelt eine Größe, mit der man rechnen muss.«

Angesichts der Tatsache, dass er meine Geschäftstüchtigkeit zur Sprache bringt, während ich halb nackt in seinen Armen liege, weiche ich einen Schritt zurück. Plötzlich ist mir kalt, und die Hitze von vorhin löst sich sofort in Luft auf.

»Natürlich. Du möchtest mit mir Geschäfte machen.« Ich schnaube.

Er nickt. »Du bist eine kluge Geschäftsfrau. Die beste Finanzberaterin, die mir in dieser Gegend untergekommen ist, und wir haben gemeinsame Interessen.«

»Gemeinsame Interessen?« Ich schüttele den Kopf, als sei das hier ein Traum, aus dem ich jeden Augenblick aufwachen müsste. Bitte lass mich aufwachen.

»Ja. Unser Volk. Dein Unternehmen ist erheblich größer, aber ich genieße das Vertrauen sämtlicher Stämme in der Umgebung – ein Vertrauen, das man leicht auf die umliegenden Staaten ausweiten könnte. Ich würde mich gern mit dir treffen und mit dir über eine Fusion reden. Gemeinsam könnten wir meiner Meinung nach sogar noch erfolgreicher sein und den Native Americans landesweit helfen.«

Ich schließe die Augen, überkreuze die Arme und reibe mir über die Haut, um mir Wärme zu spenden. Mir ist eiskalt. »Ich glaube nicht, dass ich momentan an einer Expansion interessiert bin.« Schon wieder eine Lüge. Ich finde bereits seit geraumer Zeit, dass es sinnvoll wäre, in anderen Staaten weitere Zweigstellen zu eröffnen, vielleicht sogar in Kansas oder Utah.

»Gestatte mir den Versuch, dich beim Dinner zu überzeugen.« Seine dunklen Augen lodern, und er streckt die Hand aus, um mit einer langen Strähne meines blonden Haars zu spielen.

Nutzt er meine Schwäche für ihn aus, um mich ins Bett zu bekommen? Oder um mich auf dienstlicher Ebene herumzukriegen? Beklommen wird mir klar, dass das alles nur ein Trick ist. Er sieht eine Gelegenheit, um mehr Geld zu verdienen, und setzt sein gutes Aussehen und die langjährige Schwärmerei eines dummen kleinen Mädchens ein, um zum Ziel zu gelangen.

Beschämt schüttele ich den Kopf. »Nein, nein. Das geht nicht. Ich muss jetzt los. Mach’s gut, Milo.«

Mit Tränen in den Augen renne ich buchstäblich den Flur hinab auf ein paar Räume zu, in denen die Tanzgruppe sich umzieht. Ich mache mir gar nicht die Mühe, mich ebenfalls umzuziehen, sondern schnappe mir bloß meine Tasche und haste zur Tür.

»Evie!« Suda Kaye läuft mir hinterher, Camden ihr dicht auf den Fersen. Aber ich bleibe nicht stehen, sondern flüchte mich in das sichere Refugium meines schwarzen Porsche Cayenne und rase nach Hause.

Kapitel 2

Ms. Ross, Ms. Williamson ist jetzt bereit, Sie zu empfangen.« Shelley, die Empfangsdame meiner Therapeutin, lächelt liebenswürdig und deutet mit dem Arm auf die Tür zum Büro ihrer Chefin.

Ich schenke ihr nur ein ausdrucksloses Lächeln, denn ich bin nicht in der Stimmung, sympathisch zu wirken. Ich bin immer noch fuchsteufelswild, weil diese Situation zwischen Milo und mir einfach oberpeinlich war.

Seither hat er mir auf die Mailbox gesprochen und mir eine Textnachricht geschrieben. Letztere überraschte mich. Vornehmlich, weil er mir eher wie der Typ Mann vorkommt, der ein persönliches Gespräch vorzieht, bei dem er gleich zur Sache kommen kann. Wobei die Kürze seiner Nachricht – »Ruf mich an« – tatsächlich darauf schließen lässt, dass er nur ungern schreibt.

Mein Handy piept, und ich blicke auf die neueste Textnachricht herab. Das wäre dann Nummer sechs von Suda Kaye. Sie schreibt viel und gern. Doch zu ihrer Verteidigung sei gesagt, dass sie gestern Abend und nochmals heute Morgen versucht hat, mich anzurufen. Ich bin beide Male nicht drangegangen. Ich überfliege ihre Nachrichten und bemerke, dass sie immer aufgeregter werden.

Warum bist du weggelaufen? Wie ist deine Unterhaltung mit Milo gelaufen? Ist was passiert?

Du hast ausgesehen, als ob du gleich losheulst. Ruf mich zurück. Egal zu welcher Uhrzeit.

Die folgenden beiden Nachrichten trafen heute Morgen ein.

Bist du sauer auf mich? Bitte sei nicht sauer auf mich.

Scheiße. Du bist sauer auf mich. Ruf mich zurück und schrei mich an. Ich komm damit klar.

Und jetzt also diese. Ich schnaube leise und erhebe mich, streiche die Knitterfalten an meinem schwarzen Bleistiftrock glatt.

Schwesterherz, ich kriege langsam Panik. Ruf mich zurück, sonst steh ich heute noch vor deiner Tür.

Geschieht ihr recht. Sie ist immerhin diejenige, die mich überhaupt erst in diese peinliche und lächerliche Lage hineinmanövriert hat. Sie wusste, dass Milo an diesem Dinner teilnehmen würde, und hat mir absichtlich nichts verraten. Das ist genauso schlimm, wie die weibliche Solidarität zu verraten. Nein, eigentlich sogar schlimmer, denn wir sind mehr als bloß Schwestern im Geiste. Sie hat nicht einfach nur versucht, eine Freundin oder eine Bekannte in die Pfanne zu hauen, sondern mich, ihre leibliche Schwester! Suda Kaye wusste genau, was sie tat. Womöglich hat sie die Geschichte sogar bewusst eingefädelt, um mich dazu zu bringen, halb nackt vor Milo herumzutanzen.

Ich beiße die Zähne aufeinander und betrete energisch das Büro meiner Therapeutin. Ich bin zwar erst zum dritten Mal hier, doch seit gestern Abend weiß ich, dass ich mir alles von der Seele reden muss.

Ms. Williamson ist eine zierliche schwarze Frau mit wahnsinnig durchtrainierten Beinen, einem strahlenden Lächeln und wunderschönen Braids, die sie zu einem niedrig sitzenden Pferdeschwanz zusammengefasst hat. Sie muss um die fünfzig sein, aber ich würde mich niemals trauen, sie nach ihrem Alter zu fragen.

»Hallo, Evie.« Sie streckt mir die Hand entgegen, und ich schüttele sie und schenke ihr – anders als Shelley – ein aufrichtiges Lächeln.

»Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen.« Ich setze mich hin, lege züchtig die Beine über Kreuz und halte die Spitze meiner Lackleder-Peeptoe-Louboutins so, dass ich sie bewundern kann. Selbst im Ausverkauf haben sie ein Vermögen gekostet, sind allerdings jeden Penny wert. In ihnen wirken meine Beine endlos lang und lassen mich sieben bis zehn Zentimeter größer wirken. Als Frau, die in einer von Männern dominierten Welt arbeitet, muss man sämtliche Vorteile nutzen. Außerdem sind sie ausgefallen, sexy und elegant.

»Ich freue mich, dass es geklappt hat.« Ms. Williamson lehnt sich auf ihrem Sessel schräg gegenüber meiner Couch zurück. »Nun, wie kann ich Ihnen helfen?«