Mysteriöse Friedhöfe und Grabstätten - Anna Noah - E-Book

Mysteriöse Friedhöfe und Grabstätten E-Book

Anna Noah

4,0

Beschreibung

Verlassen liegen sie da. Niemand hat sie seit Jahren betreten. Kein Mensch kümmert sich mehr darum. Die Grabsteine sind verwittert, die Inschriften oft kaum mehr lesbar. Gras, Moos, einst auf den Gräbern gepflanzter Efeu, wild aufgegangene Bäumchen oder Sträucher dominieren das Bild … Doch nicht nur diese von der Welt fast vergessenen Friedhöfe bergen die verschiedensten Geheimnisse. Auch hinter einzelnen Grabstätten stecken oft mysteriöse bis gruselige Geschichten. Und manchmal ist sogar ein verwildertes Stück Land oder ein Gebäude etwas anderes, als es zu sein scheint. Neugierig geworden? Dann folgt uns einfach und betretet die einzelnen Friedhöfe. Lasst euch überraschen, welche Mysterien die Geschichten jeweils aufdecken werden.

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mysteriöse

Friedhöfe

und

Grabstätten

Anthologie

Alle Rechte vorbehalten.

Das Buchcover darf zur Darstellung des Buchesunter Hinweis auf den Verlag jederzeit freiverwendet werden.

Eine anderweitige Vervielfältigung desCoverbilds ist nur mit Zustimmungdes Verlags möglich.

Die Namen und Handlungen sind frei erfunden.

Evtl. Namensgleichheiten oder Handlungsähnlichkeiten

sind zufällig.

www.verlag-der-schatten.de

Zweite Auflage 2025

© Coverbilder: Fotolia marsea, Denis Rozhnovsky

Covergestaltung: Verlag der Schatten

© Bilder: Bettina Ickelsheimer-Förster (eingezäunte Grabstätte, Ninna Nanna,), Mona Ickelsheimer (Zeichnung Kreuz), Stefanie Bernhardt Photography (Bild Kreuz), Engelbert Gottschalk (Tsunamigräber)

Fotolia Stuart Monk (Grabstein), Angelika Bentin (Nebel), Denis Rozhnovsky (Blitz), Henryk Niestrój (Für immer vereint), pureshot (Geheimnis des Totengräbers), icephotography (Solange es nicht dunkel ist), IRIS Productions (Wiedertötung), alisseja (Totgeschwiegen), seama, Cherries (Legende der weinenden Lilien), Himchenko (Besuch von Richard) , eloleo (Apfelblütengrab),

Cinematographer (Wo nichts mehr ist), Artsiom Petrushenka (Wald), kristina rütten, Andrey Burmakin (Pfeil), Dark Illusion (Helenas Erbe)

Lektorat: Verlag der Schatten

© Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster,

Ruhefeld 16/1, 74594 Kressberg-Mariäkappel

info@verlag-der-schatten

E-Mail: [email protected]

ISBN: 978-3-946381-51-8

Verlassen liegen sie da.

Niemand hat sie seit Jahren betreten.

Kein Mensch kümmert sich mehr darum.

Die Grabsteine sind verwittert, die Inschriften oft kaum mehr lesbar. Gras, Moos, einst auf den Gräbern gepflanzter Efeu, wild aufgegangene Bäumchen oder Sträucher dominieren das Bild …

Doch nicht nur diese von der Welt fast vergessenen Friedhöfe bergen die verschiedensten Geheimnisse. Auch hinter einzelnen Grabstätten stecken oft mysteriöse bis gruselige Geschichten. Und manchmal ist sogar ein verwildertes Stück Land oder ein Gebäude etwas anderes, als es zu sein scheint.

Neugierig geworden? Dann folgt uns einfach und betretet die einzelnen Friedhöfe.

Lasst euch überraschen, welche Mysterien die Geschichten jeweils aufdecken werden.

Inhalt

Olaf Stieglitz: Für immer vereint

Oliver Müller: Das Geheimnis des Totengräbers

Luise Eichler: Solange es nicht dunkel ist

Thomas Karg: Die Wiedertötung

Ernst-Diedrich Habel: Totgeschwiegen

Anna Noah: Die Legende der weinenden Lilien

Sandra Karin Foltin: Besuch von Richard

Engelbert Gottschalk: Die Friedhofswärterin

Verena Kreutz: Das Apfelblütengrab

Marina Heidrich: Ninna Nanna Welschenkind

Raphael Gensert: Wo nichts mehr ist

Alexander Schwamm: Wald

Eva von Kalm: Der Pfeil

P. C. Thomas: Helenas Erbe

Olaf Stieglitz: Für immer vereint

Die Baumkronen hielten die heiße Sommersonne kaum ab. Trotz des Blätterdachs staute sich die schwüle Mittagshitze unter den Bäumen, und ich fühlte mich wie ausgedörrt. Es war heiß, und ich hatte mich verlaufen. Schon seit über einer Stunde wusste ich nicht mehr, wo ich mich befand. So lange war es her, dass ich den Spazierweg verlassen hatte. Seitdem irrte ich kreuz und quer durch den Wald. Inzwischen war ich müde, durstig und mein ganzer Körper klebrig vom Schweiß. Meine langen Haare verfingen sich immer wieder in niedrigen Ästen, und mein Rock blieb am Buschwerk hängen. So sehr es mich bei der Hitze freute, keine Hose zu tragen, zum Querfeldeinlaufen wäre es wohl doch das praktischere Kleidungsstück gewesen.

Während ich die herabhängenden Zweige einer Tanne zur Seite drückte, schien es, als träte ich plötzlich in eine andere Welt, so unvermittelt tauchte die niedrige Mauer mit dem Eisenzaun vor mir auf. Meine Hände tasteten über die durch florale Muster miteinander verbundenen, verrosteten Stangen, um mich zu überzeugen, dass sie kein Traum waren. Wilder Efeu umschlang das Metall wie die dürren Hände eines Gefangenen seine Gitterstäbe. Die Stangen endeten einen halben Meter über meinem Kopf in Spitzen, die an mittelalterliche Speere erinnerten. Zwischen den Eisenstäben hindurch konnte ich ein von Buschwerk überwuchertes Gelände sehen, aus dem schief stehende Grabsteine und Skulpturen emporragten wie Ertrinkende.

Dort drinnen spendeten keine Bäume Schatten. Der Friedhof lag schutzlos unter der brennenden Sonne. Trotzdem ging eine seltsame Kühle von dem vergessenen Gelände aus, die mich frösteln ließ, ohne mir dabei Erleichterung von der Hitze zu verschaffen.

Ich tastete mich am Zaun entlang auf der Suche nach einem Eingangstor. Mit der Hand hielt ich immer Kontakt zu den rostigen Stangen, auch wenn das bedeutete, dass ich mich durch dichtes Buschwerk hindurchkämpfen musste. Zu stark war das Traumhafte der Szenerie, zu groß die Angst, dass der Friedhof unverhofft wieder verschwinden würde, falls ich um ein Dickicht herumginge und den Zaun aus den Augen verlor.

Ich begann mich zu fragen, ob es vielleicht gar keinen Eingang gab, so unsinnig diese Vorstellung auch sein mochte. Ich überlegte bereits, über eine der rechteckigen Säulen zu klettern, als schließlich doch ein zweiflügeliges Tor auftauchte. Es war mit einer verrosteten Kette und einem altertümlich wirkenden Schloss versperrt. Ein auf dem Boden liegendes Schild aus einfachem Blech, das sich vor langer Zeit schon von den Eisenstäben abgelöst hatte, verbot das Betreten des Geländes. Falls einmal ein weiteres Schild mit dem Namen des Friedhofes existierte, so war dieses entfernt worden.

Ich nahm einen großen Ziegelstein auf, der sich aus dem Mauerwerk gelöst hatte. Ächzend hob ich ihn über meinen Kopf und schlug ihn dann mit aller Kraft auf das Schloss und die Kette. Das verrottete Metall konnte nicht mehr als zwei, drei Hieben standhalten, bevor es knirschend nachgab. Ich schürfte mir die Fingerknöchel blutig auf, ohne weiter darauf zu achten. Als das Schloss mit einem Stöhnen aufsprang, ließen meine zerschundenen Finger den Ziegelstein fallen. Das Tor war so festgerostet, dass ich es auch ohne Schloss und Kette zuerst nicht öffnen konnte. Schließlich musste ich mich mit dem Bein an einen Torflügel stemmen und mit beiden Armen an dem anderen ziehen. Ich keuchte, meine Hände brannten, weil weitere Haut davon abgeschürft wurde, mein Rücken meldete sich mit schmerzhaften Stichen. Als sich der Flügel schließlich mit protestierendem Kreischen öffnete, rieselte der Rost in dicken Flocken zu Boden, und ich stürzte der Länge nach nach hinten. Ich achtete auf meine Schmerzen ebenso wenig wie auf das Blut, das über meine Finger lief.

In dem Moment, da ich das Gelände des Friedhofs betrat, überkam mich erneut das Gefühl, in eine andere Welt zu treten. Obwohl es kaum Schatten gab und auch kein Lüftchen sich rührte, schien die Sommerhitze hier nicht anzukommen. Die Geräusche von Vögeln, die im Wald noch allgegenwärtig waren, schienen weit entfernt und waren kaum noch zu hören. Die Szenerie hatte etwas Irreales, Unwirkliches, als würde der Friedhof so, wie er sich mir darbot, nicht hierhergehören.

Ich konnte jetzt besser erkennen, wie heruntergekommen alles war. Viele Grabsteine standen schief oder waren bereits umgefallen, manche waren so alt, dass die Witterung sie zerbrochen hatte. Den steinernen Skulpturen ging es nicht besser, alles war von Pflanzen überwuchert, die Bronzestatuen dick vom Grünspan überzogen. Die Abbilder von Engeln und Verstorbenen schauten mich aus blinden Augen vorwurfsvoll an, als wäre die Verwahrlosung meine Schuld. Spuren von Tieren sah ich jedoch keine. Die alten Kieswege, die zwischen den Gräbern hindurchführten, konnte man noch gut erkennen, während die Ruhestätten selbst fast alle überwuchert waren. Vereinzelte Grüfte trotzten noch erfolgreich dem Grün, das auf ihren steinernen Fundamenten keine Wurzeln schlagen konnte. Doch ich interessierte mich nicht für die Gewölbe, obwohl bei manchen von ihnen die schweren Türen längst aus ihren Angeln gefallen waren und daher ungehinderten Zugang in ihr Inneres gewährten. Mein Blick wanderte einzig über die Grabsteine. Mühsam versuchte ich, die verblassten und durch Moos oder Schmutz unkenntlichen Inschriften zu entziffern. Sehr oft musste ich über das Buschwerk steigen, um mit blutigen Fingern die Buchstaben und Zahlen freizurubbeln.

Ich fror, gleichzeitig war meine Kehle wie zugeschnürt vom Durst. Meine Haut fühlte sich heiß an, als hätte ich Fieber. Wenn ich mich durch Pflanzen kämpfte oder über eine umgefallene Skulptur kletterte, keuchte ich vor Anstrengung. Doch ich gönnte mir keine Pause.

Schließlich rieben meine Finger die Jahreszahl frei, die ich suchte. Fünfundvierzig Jahre alt war das Grab und zählte damit zu den jüngeren Gräbern hier an diesem Ort. Nicht nur die Jahreszahl stimmte, sondern auch das Datum. Die Verletzungen an meinen Fingern waren wieder aufgegangen, und während ich die eingravierten Buchstaben und Zahlen vom Schmutz befreite, hinterließ ich in ihnen mein Blut. Als ich den freigelegten Namen las, lächelte ich und nickte.

Lily, meine schwarze Katze, hörte mich schon, obgleich ich noch im Treppenhaus war. Deutlich erklang ihr vorwurfsvolles Miauen durch die Wohnungstür hindurch. Als ich aufsperrte, saß sie wie immer direkt dahinter und beschwerte sich lautstark. Die Luft in der Wohnung war stickig, da ich tagsüber nicht lüften konnte. Ich hätte damit nur die Sommerschwüle in die Wohnung gelassen. Bei den momentanen Außentemperaturen staute sich die Hitze auch so in der kleinen Dachgeschosswohnung. Kaum zu Hause angekommen spürte ich bereits, wie mir frischer Schweiß am Körper hinunterlief.

»Ist ja gut, mein Schatz. Du bekommst sofort dein Fressen«, versuchte ich, die Katze zu besänftigen. Diese gab jedoch wie sonst auch erst Ruhe, als sie frisches Nassfutter in ihrem Napf hatte.

So leicht wie Lily ließ sich meine Oma leider nicht beruhigen. Schon seit dem Öffnen der Tür konnte ich ihr durchdringendes Weinen hören. Oma Hildegard weinte immer. Jeden Tag kam sie zu mir, um zu weinen. Und das schon seit vielen Jahren.

Ich öffnete die Tür zum Wohnzimmer und fand meine Großmutter auf dem Sofa sitzend. Der gebrechliche, dürre Körper in der altmodischen Kleidung wurde vom Schluchzen geschüttelt. Als ich mich vor sie kniete, sah Oma kurz auf und zeigte mir das von Tränen nasse Gesicht. Diese hatten schon vor langer Zeit tiefe Rinnen in die ledrige Haut gewaschen.

»Oma Hildegard. Du musst nicht mehr traurig sein. Ich habe es gefunden. Hörst du? Es wird jetzt alles gut.« Beruhigend lächelte ich meine Großmutter an.

Für einen kurzen Augenblick drangen meine Worte zu der verzweifelten Frau durch und ließen ihre Augen aufleuchten. Doch der Moment verging, und erneut rannen die Tränen über ihr Gesicht.

Die Sorge, ich könnte den Friedhof nicht wiederfinden, erwies sich als unbegründet. Fortan ging ich jeden Tag dorthin und kümmerte mich um das von mir gefundene Grab. Ich befreite es von Unkraut und Buschwerk und säuberte den Grabstein von Moos, Schmutz und von meinem eigenen Blut. Sogar neue Blumen wurden von mir gepflanzt. In einem kleinen Schuppen fand ich das dafür benötigte Werkzeug wie eine Hacke und eine Schaufel. Die Blumen kaufte ich auf dem Markt und brachte sie mit. Obwohl ich in der seltsamen Kühle des Friedhofs immer fröstelte, trieb mir die Arbeit am Grab doch stets auch den Schweiß aus den Poren, als wäre die Kälte nur eine Illusion, hinter der sich nach wie vor die schwüle Sommerhitze verbarg. Was auch eine Erklärung für meinen ständigen, nicht nachlassenden Durst gewesen wäre.

»Wer zur Hölle sind Sie? Sie dürfen gar nicht hier sein!«

Als der alte Mann plötzlich neben mir stand, blieb mir vor Schreck beinahe das Herz stehen. Die Schaufel, mit der ich gerade gearbeitet hatte, fiel aus meiner Hand, als ich mich zu ihm umdrehte. Der Mann mochte siebzig Jahre oder älter sein. Das schlohweiße Haar war noch voll, und er trug es ungewöhnlich lang. Vielleicht gehörte er früher zu einer Rockergang oder etwas Ähnlichem, denn die sehnigen Arme, die aus dem T-Shirt ragten, waren mit verblassten Tattoos bedeckt. Das war bei einem Mann seines Alters etwas Ungewöhnliches. Anders als heutzutage. Das Leben hatte den Hautbildern durch Falten und Narben neue Bedeutungen verliehen. Zu dem Wenigen, das man noch erkennen konnte, gehörten die Buchstaben, die auf die geschwollenen Knöchel der abgearbeiteten Hände tätowiert worden waren. »L-I-F-E« stand auf seiner rechten, »D-E-A-TH« auf der linken Hand. Wie gebannt starrte ich auf die beiden Worte, als läge hinter den Buchstaben eine tiefere Bedeutung verborgen als nur eine Dummheit aus jungen Jahren.

»Ich habe Sie etwas gefragt! Wer sind Sie, und was machen Sie hier?«

»Ich bin Josefine Rütten«, beantwortete ich leise zumindest eine seiner Fragen.

Der Mann wartete, ob ich vielleicht noch mehr sagen wollte, als sein Blick auf den Grabstein fiel und er die Inschrift las, die inzwischen von mir freigelegt worden war.

»Ah, ich verstehe.« Seine Körperhaltung und sein Gesichtsausdruck verloren viel von ihrer Feindseligkeit. »Sie sollten trotzdem nicht hier sein. Wirklich nicht. Dieser Friedhof ist vor über vierzig Jahren geschlossen worden.« Er redete nun mit deutlich leiserer Stimme.

»Warum?«, fragte ich zaghaft.

»Warum was?«

»Warum ist der Friedhof stillgelegt worden? Wissen Sie was darüber?«

Der Mann mit den schlohweißen Haaren hob den Kopf und blinzelte zur strahlenden Sonne hinauf. Er zögerte, als wäre die Antwort auf meine Frage nichts, worüber man bei Tag reden sollte. Doch dann beschloss er, trotzdem zu antworten.

»Oh, ich denke, da weiß kaum jemand mehr drüber als ich. Ich war damals der Friedhofswärter. Deshalb schaue ich auch noch immer ab und zu nach dem Rechten. Haben Sie das Schloss kaputt gemacht?«

»Nein«, log ich. »Was ist hier damals passiert?«, fragte ich dann noch einmal.

»Das ist schwierig zu sagen. Immer mehr Leute behaupteten, dass es unheimlich geworden sei zwischen den Gräbern. Besucher erzählten, dass sie die Anwesenheit von jemandem spürten, auch wenn sie allein waren. Manche glaubten, ein unverständliches Flüstern zu hören, andere redeten von einem Scharren und Kratzen unter der Erde.«

»Haben Sie auch so etwas erlebt?«

Der Weißhaarige warf mir einen entschlossenen Blick zu. In seinen Augen konnte ich lesen, dass er diese Frage nicht beantworten würde. Stattdessen erzählte er einfach weiter.

»Noch schlimmer wurde es, als immer öfter jemand des Nachts auf den Friedhof kam, um irgendwelche magischen Rituale abzuhalten. Kaum ein Morgen, an dem ich keine Kerzen fand oder an dem keine okkulten Symbole auf die Erde oder an die Grabsteine geschmiert waren. Manchmal fand ich auch weitere Zutaten für irgendwelche dunklen Zauber.« Der alte Mann ließ seinen Blick über die schiefen und umgestürzten Grabsteine schweifen, als erinnere er sich daran, wie es hier früher einmal ausgesehen hatte. Er schüttelte den Kopf und seufzte. »Nach ein paar Jahren, in denen es immer schlimmer wurde, schloss man den Friedhof für die Öffentlichkeit. Eine Zeit lang schaute ich noch regelmäßig nach dem Rechten und patrouillierte auch in der Nacht. Zwei-, dreimal musste ich jemanden vertreiben, der über den Zaun steigen wollte. Dann wurde es mit der Zeit wieder ruhig.«

»Haben die anderen Sachen auch aufgehört? Das Flüstern? Und das Scharren?«

Der alte Mann starrte mich nur an, und ich erkannte, dass er mir auch darauf keine Antwort geben würde.

Die Luft in meiner Wohnung war so stickig und drückend wie immer, als ich abends nach Hause kam. Lily beschwerte sich lautstark, bis ihr Napf gefüllt wurde.

Oma Hildegard war da und weinte. Das ewige Schluchzen und Wimmern schien in meine Schädelknochen einzudringen und dort als ständiges Echo widerzuhallen. Ich schloss die Augen, kämpfte den Drang in mir nieder, ebenfalls zu weinen, ebenso wie den, die verzweifelte Frau anzuschreien, damit sie endlich aufhörte.

»Oma«, sagte ich besänftigend, nachdem ich mich wieder unter Kontrolle hatte. »Oma, ich habe dir doch erzählt, dass ich das Grab gefunden habe. Es wird jetzt alles gut werden. Ich habe es vorbereitet. Du wirst deinen Mann wiedersehen, Oma. Du wirst mit Opa Hermann wieder zusammen sein.«

Als ich den Namen nannte, hörte meine Oma auf zu weinen. Verständnis blitzte in ihren Augen auf. Etwas, das ich schon lange nicht mehr bei ihr gesehen hatte.

»Opa Hermann«, flüsterte sie mit vom ewigen Schluchzen heiserer Stimme. Die schmalen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

Die Veränderung hielt an bis spät in die Nacht. Dann hörte ich sie wieder weinen.

Es mochte ungefähr eine Woche vergangen sein, als der Mann auftauchte. Ich war jeden Tag auf dem Friedhof gewesen, um mich um das Grab zu kümmern. Außer Clausen, dem Friedhofswärter, war ich in der ganzen Zeit keiner Menschenseele begegnet. Trotzdem wusste ich sofort, dass nicht Clausen derjenige war, unter dessen Schritten der Kies knirschte, als jemand hinter mich trat. Sein Schatten fiel auf mich und auf das Grab, doch die Finsternis, die mit ihm kam, hatte nichts mit dem verdeckten Licht der Sonne zu tun.

Ich drehte mich zu ihm um. Seine Haare waren rotblond, seine Augen grau, trotzdem war ich noch nie jemandem begegnet, der eine solche Dunkelheit mit sich brachte. Der Fremde war darin eingehüllt wie in einen Mantel. Es war keine Finsternis, die man mit den Augen sah, sondern eine, die man in der Seele spürte.

Die grauen Augen wanderten über den Namen auf dem Grabstein, bevor sie sich an meinem Gesicht festzusaugen schienen. Das verursachte mir eine Gänsehaut.

»Bist du eine Verwandte?«, fragte er und nickte zu der Inschrift.

»Die Enkelin«, antwortete ich, und meine Stimme verlor sich in der Kälte und der Finsternis, die mich nun umgab und zu verschlingen drohte.

Seine unheimlichen grauen Augen bohrten sich immer tiefer in die meinen. Ich erinnerte mich daran, dass man die Augen das Fenster zur Seele nennt, und bekam Angst vor seinem Blick. Die Hacke glitt aus meinen Händen, und ich stand auf. Mit von der schwarzen Erde schmutzigen Händen hinterließ ich dunkle Male auf meinem Sommerrock, als ich versuchte, ihn glatt zu streichen. Meine Beine zitterten, und mir wurde für einen Moment schwindlig. Sicher ein Zeichen dafür, dass ich wieder zu wenig getrunken hatte.

»Ich muss jetzt gehen.« Wieder verklangen meine Worte, als stünde ich ganz allein in einer nächtlichen Wüste.

Er musterte mich noch eine Weile, bevor er sprach: »Wirst du wiederkommen?«

»Ja«, sagte ich.

Erneut nickte er. Ich drehte mich um und verließ den Friedhof sowie die fremde Welt, die nur hier zu existieren schien.

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Das hohe Wimmern meiner Großmutter ließ es nicht zu. Sie war jetzt die ganze Zeit bei mir. Ihre Tränen drohten auch mich in einen Abgrund von Trauer und Hoffnungslosigkeit zu spülen. Mühsam hielt ich mich am Rand des Abgrundes fest und widerstand dem Sog ihres Weinens. Ich hatte ihr von dem finsteren Mann nichts erzählt. Warum? Das wusste ich selbst nicht.

Als ich ein paar Tage später wieder durch das Tor mit dem noch immer aufgebrochenen Schloss trat, lauerte mir Clausen bereits auf. Sein wilder Blick machte deutlich, dass etwas passiert war.

»Au!«, beschwerte ich mich leise, als er mich mit festem Griff am Oberarm packte und zu dem Grab zog, um das ich mich jetzt seit etwa zwei Wochen kümmerte. »Was ist denn los?«

»Ich habe etwas gefunden«, knurrte er nur und zerrte mich weiter mit sich, sodass meine Füße im knirschenden Kies wegzurutschen drohten.

Als wir angekommen waren, ließ er mich los und zeigte auf das Grab. Eine umgekippte schwarze Kerze lag dort und ein Loch war ausgehoben worden, vielleicht eine Handspanne im Durchmesser und doppelt so tief. Unter den von mir gepflanzten Blumen war etwas vergraben gewesen. Ein schlichtes Püppchen aus Reisig und Stofffetzen sowie Wurzeln, Federn und Bündel von Kräutern. Alles war befleckt von der Erde des Friedhofs. Dem Püppchen war aus Wachs ein Kopf geknetet und ein paar Haare daran befestigt worden. Die dunklen Flecken in seinem Gesicht ließen an Verwesung denken.

»Da! Siehst du es?« Clausen war aufgebracht, sein Gesicht hektisch gerötet. Mit der Hand, auf deren Knöcheln »L-I-F-E« tätowiert war, zeigte er auf die von ihm ausgegrabenen Dinge. »Es beginnt wieder! All die Jahre war Ruhe! Doch jetzt geht es wieder los! Verdammt, Mädchen, ich hätte dir niemals erlauben sollen, auf diesen Friedhof zu kommen!«

Ich ging vor den Sachen in die Hocke und atmete durch.

Clausen plapperte aufgeregt weiter. »Das sind die gleichen Dinge, die ich damals schon immer bei den Ritualen fand. Eine schwarze Kerze und daneben war dann immer eine solche Puppe vergraben. Was hat es damit auf sich? Was soll das?«

»Es ist ein Zauber des Rufens«, sagte ich leise, während die Kühle des Friedhofs in meine Glieder drang.

»Des Rufens? Was soll denn hier gerufen werden? Das ist doch alles über vierzig Jahre her! Das macht doch keinen Sinn, dass jetzt jemand wieder damit anfängt.«

»O doch.« Ich schloss die Augen und spürte, wie die Kälte meine Seele erreichte und zum Erschaudern brachte. »O doch. Denn dieses Mal war das Rufen erfolgreich.«

Die nächtlichen Geräusche des Waldes verstummten, als ich am Abend desselben Tages noch einmal das Tor zum Friedhof durchschritt. Die Veränderung war sofort spürbar. Zu dieser Stunde befand ich mich auf dem echten Friedhof. Tagsüber war er stets nur ein schwaches Abbild geblieben, die scheinbare Kühle und Dunkelheit des Geländes der vergebliche Versuch, seinen wahren Charakter anzudeuten. Jetzt, wo es auf Mitternacht zuging, war der Friedhof er selbst und die Stimmung gab endlich sein wirkliches Wesen wieder. Alter lag in der Luft. Verwesung und Verfall. Tod. Und dunkle Magie.

Der Finstere stand bereits dort, wie ich es erwartet hatte. Wie wir beide dieses Zusammentreffen erwartet hatten.

»Du bist gekommen«, sagte er nur.

»Das habe ich ja gesagt.«

Er nickte. »Es gibt Dinge, die du erfahren sollst. Die du wissen musst.«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Das denke ich nicht.«

Er erwiderte nichts, und gemeinsam gingen wir zu dem Grab. Stille legte sich wie ein Leichentuch über die Umgebung. Das einzige Geräusch war der Kies, der im Takt unseres Gleichschritts knirschte und der die Stille eher betonte, als sie zu durchbrechen. Dann standen wir vor dem Grabstein, auf dem man inzwischen die vollständige Inschrift lesen konnte.

Hildegard Rütten

Geboren:

23. April 1929

Verstorben:

12. Juli 1972

Hermann Rütten

Geboren:

13. Januar 1926

Ich kniete mich neben dem Stein nieder und fuhr mit den Fingerspitzen die Inschrift nach, die den Namen meiner Großmutter nannte. Das Sterbedatum von Opa Hermann hatte man nicht in den Stein gehauen. Weil er nie neben Oma Hildegard zur Ruhe gelegt worden war.

Der Finstere stand auf dem Kiesweg. »Du hast gesagt, du bist ihre Enkelin. Ich möchte, dass du weißt, wer ich bin.«

Meine Stimme war leise, meine Worte wisperten durch die Nacht wie das Schlagen von Mottenflügeln. »Du bist Hermann Rütten.« Ich drehte mich zu ihm um. »Du bist mein Großvater.«

Er kniff die Augen zusammen. Offenbar hatte er damit nicht gerechnet. Als ich aufstand, trat er unwillkürlich einen Schritt zurück. Seine Füße streiften das Gebüsch, das den Kiesweg begrenzte, und er senkte den Blick.

»Was …?« Er bückte sich und schob einen der Zweige zur Seite, um herauszufinden, was sein Fuß gerade berührt hatte.

Es war eine Hand. Sie gehörte zu einem Arm, der unter dem Gebüsch hervorragte. Das silberne Licht des Vollmonds reichte aus, um die Buchstaben lesen zu können, die vor langer Zeit auf die Knöchel der linken Hand tätowiert worden waren: »D-E-A-TH«.

Alarmiert schaute er auf, doch es war bereits zu spät. Er konnte dem Hieb mit der Hacke nicht mehr ausweichen. Derselben Hacke, mit der ich am Nachmittag Clausen den Schädel einschlagen musste.

Für den alten Friedhofswärter tat es mir leid. Ich hatte ihn nicht töten wollen. Aber warum musste er den Zauber finden, mit dem mein Großvater von mir hierhergelockt worden war?

Knirschend fuhr der Spaten in die dunkle Erde. Ich schippte nach links, denn rechts vom Grab hatte ich vorsichtig die ausgestochenen Grassoden und die Blumen samt Wurzelwerk abgelegt. Am Ende meiner Arbeit würde ich die Ruhestätte meiner Großeltern erneut herrichten, damit sie wieder so schön war, wie in den letzten Wochen von mir vorbereitet.

Während der Arbeit warf ich einen Blick über meine Schulter auf die reglose Gestalt von Hermann Rütten. Er lag noch da, wo mein Schlag mit der Hacke ihn niedergestreckt hatte.

»Weißt du, Opa, jahrelang wusste ich weder von dir noch von meiner Großmutter. Meine Mutter hat nie von euch erzählt. Dabei war sie es, die damals als Erste versuchte, den Wunsch von Oma Hildegard zu erfüllen. Anscheinend ist sie in der Nacht öfter hierhergekommen. Das hat Clausen erzählt. Doch es ist ihr nie gelungen, den Zauber erfolgreich durchzuführen, mit dem sie dich hätte rufen können.«

Es gab ein hässliches Geräusch, als das Metall des Spatens auf den alten Sarg traf. Ich war froh, dass ich das schwere Ding nicht aus dem Grab würde hieven müssen. Er bestand aus massivem Holz, das auch nach Jahrzehnten noch nicht verfallen war. Nur mit Muskelkraft wäre mir das sicher nicht gelungen. Ich schaufelte weiter, denn ich musste den Deckel komplett freilegen. Ich hatte in dieser Nacht noch eine Menge Arbeit vor mir.

»Irgendwann hörte meine Mutter auf, es zu versuchen. Ich wuchs auf, ohne etwas von euch zu ahnen. Weder wusste ich, dass mein Großvater Dämonenblut besaß, noch dass Oma Hildegard eine Hexe war. Wenn es nach meiner Mutter gegangen wäre, hätte ich nie von dem Erbe erfahren, das durch meine Adern fließt.«

Es bereitete mir einige Mühe, die Flügelschrauben zu lösen, die den schweren Sargdeckel festhielten. Ich ächzte, als ich ihn mühsam aufklappte. Der Sarg war wohl fast luftdicht abgeschlossen gewesen, denn vom Leichnam meiner Großmutter war das Meiste noch erhalten. Aber das wusste ich ja von ihren Besuchen. Vielleicht gab es aber auch eine andere Ursache für den mangelnden Verfall. Sowohl bei Oma als auch bei ihrem Sarg. Es mochte an dem Friedhof liegen. Oder an ihrer Hexenkunst. Vielleicht auch an beidem.

Das ledrig mumifizierte Gesicht sah aus, als würde sie jammern und weinen. Ein Ausdruck, den ich nur allzu gut von ihr kannte.

»Hast du deine Tochter eigentlich je kennengelernt? Wusstest du überhaupt, dass sie existiert? Wenn ja, interessierte es dich?« Ich stellte dem reglosen Körper meines Großvaters die Fragen, auf die ich nun keine Erwiderung mehr bekommen würde. Das Knirschen des Kieses war die einzige Antwort, während ich ihn zu dem Sarg schleifte.

»Mutter ist vor zehn Jahren gestorben. Ich vermute, dass du das auch nicht weißt. Sie hat mir nie etwas von Hexerei erzählt oder gar beigebracht. Das lernte ich alles später von Oma. Manchmal denke ich, dass es Mutters Zauber war, der meine Großmutter damals von mir ferngehalten hat. Erst nach dem Tod deiner Tochter konnte der Geist von Oma Hildegard mich heimsuchen. Da war sie schon ziemlich durch den Wind, wenn du mir den Ausdruck verzeihst. Sie konnte mir nicht sagen, wo ihr Grab liegt. Deshalb musste ich zuerst danach suchen, um ihr ihren Herzenswunsch erfüllen zu können. Mir war aber bewusst, dass es sich um keinen gewöhnlichen Friedhof handeln konnte.«

Als ich den Körper von Opa Hermann in den Sarg rutschen ließ, drückte er Oma Hildegard zur Seite. An der Wand des Sarges wurde sie hochgeschoben und gedreht, sodass sich ihr vertrockneter Arm mit der klauenartigen Hand auf Opas Brust legte, als wollte sie ihn festhalten. Ich lächelte, denn der Anblick schien mir irgendwie romantisch.

Erneut musste ich mich abmühen, um den Sargdeckel wieder zu schließen. Während ich die Flügelschrauben eindrehte, erklangen die ersten dumpfen Laute aus dem Inneren des Sarges. Opa Hermann war erwacht und offenbar mit seiner Situation und Gesellschaft unzufrieden. Die Schreie wurden lauter und panischer, und ich meinte sogar, das Kratzen seiner Finger am Sargdeckel hören zu können. Als ich dann die dunkle Friedhofserde zurück in das Loch schippte und so das Grab nach und nach wieder auffüllte, wurden die Geräusche immer leiser, bis sie verstummten.

Auf dem Nachhauseweg brach endlich das Gewitter los, auf das die Stadt schon seit Wochen wartete und hoffte. Ich hatte keinen Schirm dabei, doch das machte nichts, denn ich genoss den kühlen Regen, der mir den Schweiß und den Schmutz der letzten Stunden vom Körper wusch.

Zu Hause angekommen, riss ich als Erstes sämtliche Fenster auf, um die schwüle Hitze der vergangenen Wochen aus der Wohnung zu bekommen. Lily, meine schwarze Katze, beschwerte sich wie immer, bis sie endlich ihr Futter bekam. Einen so faulen und verfressenen Familiar hatte wohl noch keine Hexe besessen.

Oma Hildegard war nicht mehr da. Natürlich nicht, schließlich war ihr langjähriger Wunsch heute in Erfüllung gegangen. In all den Jahren hatte sie mir immer und immer wieder vorgejammert, wonach sie sich sehnte. Schon bald wurde mir klar, dass, solange meine Großmutter keine Ruhe fand, ich es auch nicht tun würde. Also musste ich wohl oder übel nach einem Weg suchen, ihr zu helfen.

Endlich hatte ich es geschafft. Am Ende konnte ich sogar noch die Beschriftung des Grabsteins nach ihren Wünschen ergänzen. Die mit Hammer und Meißel eingehauenen Buchstaben und Zahlen sahen nicht so sauber aus wie die ursprünglichen, aber es war der Wille, der zählte, nicht wahr?

Hildegard Rütten

Geboren:

23. April 1929

Verstorben:

12. Juli 1972

Hermann Rütten

Geboren:

13. Januar 1926

Verstorben:

Irgendwann im August 2017

Vielleicht auch nicht

Für immer vereint!

Nichts hatte sie mehr gewollt, als die Ewigkeit Seite an Seite mit Opa Hermann zu verbringen. Dem Mistkerl, der sie damals schwanger hatte sitzen lassen. Jetzt waren sie zusammen. Auch wenn er nun ebenfalls auf dem verwunschenen Friedhof lag, glaubte ich nicht, dass sein Geist mich heimsuchen konnte. Großmutter würde dafür sorgen, dass er jetzt für immer an ihrer Seite blieb.

Ich vermutete, dass es keine angenehme Ewigkeit für ihn werden sollte.

»Okay, Lily«, sagte ich zu der schwarzen Katze, die noch fraß und mich dabei wie immer völlig ignorierte. Ich nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank und beschloss zur Feier des Tages auf ein Glas zu verzichten. »Die Hexerei wird an den Nagel gehängt. Morgen schau ich, dass ich die Ausbildung zur Sporttherapeutin wieder anfange.«

Olaf Stieglitz wird von zwei Katzendamen in einer gemeinsamen Wohnung in Wuppertal geduldet.

Nach längerer Schreib-Abstinenz hat er 2016 wieder begonnen, an seiner Karriere als weltberühmter Schriftsteller zu arbeiten. Zurzeit versucht er sich dabei überwiegend an Kurzgeschichten, mit denen er sich bei verschiedenen Ausschreibungen bewirbt und auch schon erste Erfolge verbuchen konnte.

Unter seinem Namen findet sich bei Facebook eine Autorenseite.

Oliver Müller: Das Geheimnis des Totengräbers

Als die letzten Sonnenstrahlen des Tages versanken, schloss ich die Tür meiner Wohnung hinter mir ab. Ich drehte den Schlüssel zweimal um und ließ ihn dann in meiner Hosentasche verschwinden.

Meine Schritte führten mich aus der kurzen Straße, an deren Ende mein kleines Häuschen stand, hinaus. Ich bog nach rechts ab auf den Marktplatz. Kurz hielt ich inne und ließ den Blick über die freie Fläche wandern.

Am gegenüberliegenden Ende hatte es mal einen Krämerladen gegeben. Als Kind hatte ich es geliebt, mich dort zwischen den vielen Gefäßen aufzuhalten. Hin und wieder hatte die alte Dame, die das Geschäft betrieb, ein Bonbon für mich gehabt.

Wenn ich jetzt zu dem Haus sah, in dem heute ein Friseur war, meinte ich stets, den süßen Geschmack wieder auf der Zunge zu haben. Es war nur das Aufflackern einer Erinnerung, die schnell verblasste.

Diese Zeiten waren ewig vorbei. Rasend schnell waren die Jahre vergangen. Die Zeit machte für niemanden halt. Eben war ich noch ein Kind gewesen, jetzt war ich ein alter Mann.

Die Kinder der Geschäftsinhaberin hatten den Laden nicht weiterführen wollen. Ich lachte auf. Sie waren schlauer gewesen als ich. Ich hatte den Beruf meines Vaters übernommen. Heute wünschte ich, das wäre nicht der Fall gewesen. Ändern ließ es sich aber auch nicht mehr. Genau genommen hatte ich auch keinen Beruf mehr. Seit fünf Jahren war ich Rentner.

Als unsere Stadt dem Tagebau weichen musste und wir alle umgesiedelt wurden, hatten wir keinen eigenen Friedhof mehr bekommen. Unsere Toten wurden in der Nachbarstadt begraben. Es war ein Unding. Aber wer dachte schon an die alten Menschen, die ihre Verblichenen besuchen wollten? Heute zählte nur noch das Geld. Selbst in einer so kleinen Stadt wie unserer.

Viele von den Jungen waren gar nicht an den Ort der Umsiedlung gezogen, sondern hatten ihr Glück gleich in den größeren Städten im Umkreis versucht. Wer konnte es ihnen verdenken?

Die meisten Menschen hätten Neuberg nicht mal mehr eine Stadt genannt, sondern ein Dorf. Keine zweitausend Seelen wohnten hier noch. Man kannte sich. Und das machte meine Aufgabe deutlich härter.

Die Alten, die ihre Heimat nicht loslassen konnten, hatten das Städtchen neu aufgebaut. Mittlerweile war ich einer von ihnen. Alt und nutzlos. So fühlte ich mich zumindest manchmal. Man brauchte mich nicht mehr. Zumindest die Lebenden nicht. Nur die Toten hatten noch Verwendung für mich. Aber auch nicht alle. Nur die auf meinem alten Friedhof.

Als ich den Ort verließ, atmete ich auf. Zwar wohnte ich dort, aber wirklich meine Heimat war er nicht mehr geworden. Mit jedem Schritt jedoch, der mich näher an die Gegend meiner Kindheit brachte, fühlte ich mich freier. Als würde ich nach Hause gehen.

Der Fußmarsch war lang, aber es ging nicht anders. Ein Auto besaß ich nicht, und Busse fuhren nicht in diese Richtung.

Bis ich den Friedhof erreichte, würden fast zwei Stunden vergehen.

Ich nutzte die Zeit, um über das nachzudenken, was vor mir lag. Auf den Weg brauchte ich mich nicht zu konzentrieren. Ich kannte ihn auswendig.

War es ein Wunder? Oder eher ein Fluch?

Oft schon hatte ich darüber nachgedacht, aber zu einer zufriedenstellenden Antwort war ich noch nie gekommen. Nur konnte ich unmöglich der Einzige ein, der dieses Schicksal zugeteilt bekommen hatte. Ich hatte überlegt, den jüngeren Kollegen aus der Nachbarstadt zu fragen, die Idee aber wieder verworfen.

Sprechen sie auch zu dir? Kannst du sie hören?

Ich glaube nicht, dass es eine Art Berufskrankheit ist, wenn die Toten mit einem sprechen. Nein, es musste einen anderen Grund dafür geben. Mein Vater war schließlich auch Totengräber gewesen, und er hatte nie davon erzählt, dass die Verstorbenen aus den Gräbern zu ihm sprachen.

Vielleicht sollte ich ihn fragen. Die Möglichkeit dazu hätte ich ja …

Es wurde langsam dunkler. Ich orientierte mich mehr in die Mitte des Weges, denn die Ränder wurden bereits von Unkraut überwuchert. Die Natur holte sich zurück, was der Mensch nicht mehr wollte. Ein Geben und Nehmen. Auch wenn der Teil, den der Mensch sich unwiderruflich nahm, bedeutend größer war als der, den die Natur zurückeroberte.

Die Flächen, die der Tagebau beanspruchte, waren gewaltig. Da war es ein Wunder, dass der alte Friedhof noch bestand. Irgendwann würde vermutlich auch er für immer verschwinden. Doch bis dahin würde ich noch so oft wie möglich meine Aufgabe dort erfüllen.

In der Ferne sah ich die Silhouetten einiger verlassener Häuser auftauchen. Von nun an war es nicht mehr weit. Unwillkürlich beschleunigte ich meine Schritte. So, als wolle ich es endlich hinter mich bringen.

Die Häuser waren mittlerweile heruntergekommen. Ihnen fehlte die Pflege ihrer Besitzer. Einige waren nur noch Ruinen. Zum Teil stierten glaslose Fenster mich an, als wären es aufgerissene Augen. Hier hatten sich Menschen Zutritt verschafft in der Hoffnung, die ausgezogenen Leute hätten etwas Brauchbares zurückgelassen. Vielleicht hatten auch Obdachlose die Chance genutzt, ein paar Nächte im Trockenen zu verbringen.

Ich konnte mich bei jedem Haus erinnern, wer früher dort gewohnt hatte. Komisch, dass mir die alten Sachen präsenter waren als manches Neue.

Ich suchte und fand den Weg, der zum etwas außerhalb gelegenen Friedhof führte. Schon von Weitem erkannte ich die Mauer aus Naturstein, die den Totenacker eingrenzte. Der Weg war nun nicht mehr asphaltiert. Kies knirschte unter meinen Sohlen, als ich an der Mauer entlangschritt, bis ich das Tor erreichte. Es war schmiedeeisern und gut zwei Meter hoch. Ich zog den Torschlüssel aus der Tasche und ließ ihn im Schloss verschwinden. Knarzend öffnete er das Tor. Als ich es aufschob, quietschte es erbärmlich. Es klang wie eine klagende Seele.

Ich dachte an meinen Vergleich und musste lachen. Er war nicht zutreffend. Klagende Seelen klangen ganz anders.

Nur wenige Meter hinter dem Tor stand die alte Hütte, die damals mein Arbeitsplatz gewesen war. Hier hatte ich meine Tage verbracht, wenn mal wieder eine Beerdigung anstand.

Im hinteren Teil des Friedhofs hatte es auch eine Kapelle gegeben, in der die Toten kurz vor der Bestattung noch einmal aufgebahrt wurden. Hier konnten die Menschen während der Trauerfeier noch einmal Abschied nehmen und mit den Toten sprechen. Nur dass sie den Menschen für gewöhnlich nicht antworteten.

Ich ging zur Hütte. Sie war ebenfalls verschlossen, aber auch für sie besaß ich den Schlüssel. Als ich eintrat, bemerkte ich den Geruch, der mir so vertraut war.

Es war kühl im Inneren und der Weg hatte mich angestrengt. Von Mal zu Mal wurde er beschwerlicher. Ich fragte mich, wie oft ich ihn noch schaffen würde?

Drinnen hatte sich nichts verändert. Der alte Stuhl stand noch genau dort, wo er beim letzten Mal gestanden hatte – direkt vor dem Tisch, auf dem das batteriebetriebene Radio stand.

Es war gut vier Wochen her, dass ich hier gewesen war. Ich kam immer nur zu Vollmond. Der Zeitpunkt hatte keine Bedeutung, ich hätte jeden Tag kommen können, um mit den Toten zu sprechen. Aber ohne das Licht des Vollmonds war es mir zu dunkel auf dem Friedhof, denn die Laternen leuchteten nicht mehr. Es wunderte mich, dass sie nicht abgebaut worden waren.

Ich zog mir den Stuhl zurecht und setzte mich. Eine kleine Pause würde mir guttun. Ich schaltete das Radio an und hörte zuerst nur ein Rauschen. Ich musste am Rädchen drehen und die Antenne leicht bewegen, damit der Sender klar hereinkam.

Mein Blick fiel aus dem schmutzigen Fenster der kleinen Hütte. Viel sah ich nicht im Schein des Mondes, also schloss ich die Augen. Ich sammelte Kraft für das, was mir bevorstand. Es war nicht das erste Mal und vermutlich auch noch nicht das letzte Mal. Aber wer wusste das schon?

Ich wollte noch das Lied abwarten und dann mit meiner Runde beginnen. Morten Harket sang gerade die letzten Zeilen von »Lay me down tonight«. Wie passend. Ich mochte das Lied. Immerhin ging es darin um den Tod.

Ich drückte mich von dem alten Holzstuhl hoch und stemmte die Hände in die Hüften. Der Stuhl knackte genauso wie meine Knie. Das feuchte Herbstwetter war Gift für meine Knochen. Aber die Aufgabe, die mir bevorstand, musste erledigt werden.

Der Tod … Ich musste schmunzeln. Die einen hielten ihn für das Ende, die anderen hofften auf ein Leben nach ihm. Dass es aber so aussehen würde, das dachte bestimmt niemand. Weder die Christen noch die Anhänger anderer Religionen, die auf ein Eingehen in den Himmel oder die Hölle warteten. Wer rechnete schon damit, dass einen der Sensenmann bloß abholte und dann auf der Türschwelle abstellte? Ab da musste jemand anders den Schaffner spielen.

Der Vergleich ließ mich grinsen. »Ihre Fahrkarte, bitte«, sagte ich und lachte leise auf.

So, jetzt wurde es wirklich Zeit. Der Vollmond war bereits deutlich zu sehen. Wenn ich noch einigermaßen pünktlich in mein Bett kommen wollte, musste ich los.

In wenigen Minuten würden sie wieder anfangen zu jammern, all die Unglücklichen in ihren Gräbern. Mehr als zwei oder drei schaffte man nie an einem Abend. Und in meinem Alter hatte ich auch keine Lust mehr, mir die ganze Nacht draußen um die Ohren zu schlagen. Sonst lag ich schneller bei den Jammernden, als es mir lieb war. Immerhin stand bald mein siebzigster Geburtstag an. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass anderswo ein so alter Totengräber noch im Dienst war. Aber ich hatte eben eine spezielle Aufgabe übernommen. Eine, die keine Regelaltersgrenze kannte.

Gott sei Dank waren wir eine kleine Gemeinde gewesen, aber auch ziemlich überaltert. Die Alten, die ich hier unter die Erde gebracht hatte, hatte ich oft selbst viele Jahre gekannt. Die Einschläge kamen näher. Das machte es umso schwerer für mich.

Etwas verwunderte mich immer wieder. Ihr ganzes Leben waren viele von ihnen jeden Sonntag in die Kirche gerannt und hatten gebeichtet. Das war nie mein Fall gewesen. Trotzdem mussten sie jetzt wieder Abbitte leisten. Ausgerechnet bei mir. Warum?

Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder hatten sie unseren guten Pastor nach Strich und Faden belogen und daher keine wahre Absolution erhalten, oder das Beichten brachte einem schlussendlich doch keine Bonuspunkte ein, wenn es zur letzten Abrechnung kam. Pech! Wie stand es mit dem Rest der zehn Gebote? Ich wusste es nicht. Noch nicht.

Ob der Pastor wohl auch mal bei mir Abbitte leisten musste? Ich grinste bei der Vorstellung. Wahrscheinlich wäre es für ihn ein größerer Schock als für mich. Aber bisher wirkte er auf mich noch ziemlich rüstig. Und er würde auch nicht auf diesem Friedhof begraben werden. Keiner mehr.

Als ich die alte Hütte verließ, zog ich den Reißverschluss der Jacke hoch. In der Innentasche steckte mein Flachmann. Ein wärmender Schluck dann und wann konnte nicht schaden. Auch im Spätsommer nicht. Manchmal brauchte ich den selbstgebrannten Schnaps auch, um den bitteren Geschmack der Totenbeichten runterzuspülen.

Ich zog die Tür zu und verriegelte sie wieder. Dabei hatte sich seit Jahren kein Mensch mehr hierherverirrt.

Kalter Wind schlug mir ins Gesicht, als ich langsam über den Kiesweg schritt. Ich stellte den Kragen hoch und zog meine Mütze tief in die Stirn. Doch weder das noch mein dichter Bart halfen gegen die Kälte, die wie mit Nadeln in meine Haut stach.

Wem ich heute zuhören würde, wusste ich nicht. Ich hatte kein System. Manchmal war es ein Name auf einem der Grabsteine, der mich anlockte, manchmal das Jammern, das aus der Tiefe zu mir drang. Manche Toten warteten schon viele Jahre auf ihre endgültige Ruhe. Für mindestens einen von ihnen würde es heute Nacht so weit sein.

Bereits nach wenigen Metern hörte ich das Wehklagen. Zuerst war es nur ein leises Geräusch, das klang, als würde der Wind es über eine große Ferne an meine Ohren tragen. Aber mit jedem Schritt wurde es lauter.

An den ersten Gräbern ging ich vorbei, ich blickte die Grabsteine gar nicht an. In diesem Teil des Friedhofs hatten die letzten Beerdigungen stattgefunden. Es waren die Toten, die am kürzesten warteten. Ich fand es fairer, wenn ich zu denen ging, die schon länger in der Erde lagen.

Ich versuchte in mir selbst zu versinken, nur auf die Stimmen zu lauschen. Versuchte herauszufinden, welche besonders mitleiderregend klang.

Fast wie in einem Dämmerzustand ging ich weiter. Die Stimmen übertönten sich gegenseitig. Wenn ich mich nicht auf eine speziell konzentrierte, waren die Worte fast nie zu verstehen. Dafür sprachen zu viele durcheinander. Männer und Frauen. Menschen, die bei ihrem Tod uralt gewesen waren. Junge, die ihr Leben noch vor sich gehabt hatten, als sie unvermittelt dem Schnitter gegenüberstanden und er ihren Lebensfaden kappte. Zum Glück keine Kinder. Denn Kinder hatten nichts zu beichten.

Ich fragte mich, wie die Toten mich wahrnahmen. Konnten sie meine Schritte hören? Oder mich sogar sehen? Nahmen sie wahr, dass hier jemand über ihnen ging, der so anders war als sie? Leuchtete mein Leben wie eine Fackel in ihrer Dunkelheit? Ich wusste es nicht und traute mich nie zu fragen.

Dann erreichte ich eine Ecke des Friedhofs, in der es ruhiger wurde. Hier standen hohe Tannen, die sich im Wind wiegten. Ihr Rauschen war eine eigene Stimme. Es war einer meiner Lieblingsorte auf dem Friedhof. Deswegen zog es mich oft hierhin, wenn ich den Toten lauschen ging.

Ich blieb stehen und versuchte meine Gedanken auf eine Stimme zu fokussieren. Die Stimme eines Mädchens oder einer jungen Frau erweckte mein Interesse. Zum ersten Mal seit Minuten hob ich den Kopf an und ließ den Blick schweifen. Der Vollmond spendete genug Licht.

Ich suchte den Grabstein des Mädchens. Er lag an einem schmalen Weg, der auf beiden Seiten mehrere Gräber aufwies. Ich schritt ihn aufmerksam ab. Auf der linken Seite sah ich nur Männernamen. Am Ende der Reihe drehte ich um und überprüfte die andere Seite. Dort entdeckte ich das Grab. Eingemeißelt in einen grauen Granitstein las ich ihren Namen: Antonia Lea Fachner. Geboren am 14. 11. 1958, gestorben am 17. 05. 1977.

Neunzehn Jahre. Das war wahrlich kein Alter, um vom Angesicht der Erde zu verschwinden. Ich hatte mich entschieden. Antonia war die Stimme, der ich heute als Erstes meine Aufmerksamkeit schenken wollte. Sie sollte ihre Ruhe finden. Als ich diesen Beschluss gefasst hatte, verstummten nach und nach die anderen Stimmen. Es war, als ob sie mitbekommen hätten, dass ihre Zeit der Erlösung jetzt nicht gekommen war. Sie stellten ihr Klagen ein und lauschten mit mir der Beichte von Antonia.

Ich setzte mich vor dem Grab auf den Boden und legte die Hände kurz auf die Erde, die das junge Mädchen seit mehr als dreißig Jahren zudeckte.

»Antonia … Hörst du mich?«, fragte ich leise.

Ich wusste, dass ich nicht zu sprechen brauchte. Es reichte aus, in Gedanken mit den Verstorbenen zu kommunizieren.

Ja, ich höre dich, Totengräber. Endlich kommst du zu mir. Du hast dir viel Zeit gelassen.

»Manch andere warten bereits viel länger auf mich. Und andere werden noch länger auf mich warten müssen. Willst du mir deine Geschichte erzählen?«

Das werde ich. Aber sie wird dir nicht gefallen.

»Ich habe schon so viele Geschichten gehört, sie wird mich nicht schocken.«

Das denkst du jetzt.

»Was willst du? Mir Angst machen?« Ich bereute fast, dass ich dieses Grab ausgesucht hatte. Nur weil jemand tot war, brauchte er ja nicht unfreundlich zu sein. Doch mein Entschluss stand fest. Ich würde mir ihre Worte anhören.

Das brauch ich nicht zu wollen, das wird passieren. Du denkst, du bringst den Toten ihre Ruhe, aber weißt du auch, ob du sie nicht in die Hölle schickst? Was, wenn sie lieber hierbleiben wollen?

»Was danach kommt, das wisst nicht mal ihr. Und weder du noch ich können es ändern.«

Willst du wissen, warum ich so jung gestorben bin?

»Eine Krankheit?«, fragte ich.

Nein.

»Dann war es ein Unfall?«, stellte ich eine weitere Vermutung auf.

Wieder falsch geraten, Schaufelschwinger.

»Du könntest ruhig etwas höflicher sein, Göre«, sagte ich. Aber wirklich ärgerte ich mich nicht. Dazu reichte so etwas schon lange nicht mehr aus.

Was heißt hier Göre? Ich bin achtundfünfzig Jahre alt.

»Für mich bist du neunzehn.«

Wenn du mich sehen würdest, würdest du mich noch wesentlich älter schätzen. Die Tote lachte auf.

Kurz stellte ich mir vor, wie Antonia jetzt aussah. Das konnte ich ganz gut, schließlich hatte ich auch ab und zu Gräber räumen müssen, um Platz für Neuankömmlinge zu machen. Dreißig Jahre unter der Erde veränderten einen Menschen gewaltig. Der Sarg war oft nur noch morsches Holz, das unter dem Spaten zerbröselte, sodass dem Blick auf die Toten nichts mehr im Wege stand.

»Was war es dann, das dich ins Grab brachte?«

Du!

Jetzt lachte auch ich auf. »Ich kann mich zwar nicht erinnern, aber es ist schon logisch, dass ich dich hier eingebuddelt habe.«

Das ist richtig, aber das meine ich nicht.

»Sondern?«

Du weißt also nicht, dass du es warst, der mich getötet hat?

Ein Raunen und Tuscheln setzte in den anderen Gräbern ein und verstummte erst, als ich weitersprach. »Was soll das? Wessen beschuldigst du mich hier?«

Da staunst du, was? Du hast die Saat selbst gesät, die du hier erntest.

»Ich habe nie jemanden getötet!«, fuhr ich auf. »Und wenn du weiter so einen Unsinn von dir gibst, gehe ich einfach. Es gibt genug Tote, die auf mich warten und meinen Besuch mehr wertschätzen.«

Warum sollte ich lügen? Wie wäre es, wenn du einfach zuhörst, Schaufelschwinger?

Ihr schien dieser Spitzname für mich zu gefallen. Mir nicht. Aber ihre Ankündigung hatte mich neugierig gemacht. Ich wollte wissen, was dahintersteckte.

»Also gut, erzähl weiter! Ich hoffe, es dauert nicht allzu lange. Sonst hole ich mir hier draußen noch den Tod.« Ich zog den Reißverschluss höher, obwohl er schon bis zu meinem Kinn geschlossen war. War es wirklich so kalt? Oder ließen mich die Worte der Toten frösteln?

Den holst du nicht, den hast du schon gebracht.

»Lass die Anspielungen und rede endlich!«, knurrte ich. Ich dachte an den Flachmann in meiner Tasche. Ein kleiner Schluck würde mir guttun, aber noch widerstand ich der Versuchung.

Antonia begann zu erzählen: Es war 1977. Der Frühling ging langsam in den Sommer über, und ich war glücklich wie noch nie. Ich war seit fast einem Jahr mit meinem Freund zusammen. Philipp und ich waren ein Traumpaar. Wenigstens empfand ich das so. Und bald würde unser Glück perfekt sein. Ich erwartete ein Kind. Ich erfuhr es, als Philipp auf Montage war für zwei Monate. Ich zählte die Tage bis zu seiner Rückkehr. Dann war es so weit. Er wollte am Abend bei mir sein. Ich kochte sein Lieblingsessen und dekorierte den Tisch. Als es klingelte, zündete ich die Kerzen an und rannte zur Tür. Ich riss sie auf und warf mich ihm an den Hals. Fest drückte ich mich an ihn und versuchte ihn zu küssen. Doch er reagierte abweisend. So kannte ich ihn gar nicht.

»Was ist mir dir?«, fragte ich ihn.

Er schob mich in das Zimmer und schloss die Tür hinter sich ganz langsam und vorsichtig, als würde er sich eingesperrt fühlen, wenn sie zu war.

»Wir müssen reden. Setz dich!«, sagte er.

»Ich habe dein Lieblingsessen gekocht«, erwiderte ich mehr automatisch. Ich wollte, dass er wieder so wurde, wie ich ihn kannte. Wollte die düsteren Ahnungen vertreiben, die allmählich aufzogen.

»Antonia«, setzte er an. »Ich habe jemanden kennengelernt. Eine andere Frau und … ich … ich werde dich verlassen.«

Ich fiel auf den Stuhl. Ich hatte den Satz gehört, aber ich verstand ihn nicht. Wollte ihn nicht verstehen. Ich konnte nicht glauben, dass er mit nur einem Satz all unser Glück wegwischte wie Dreck. Er setzte sich mir gegenüber und starrte auf den Tisch. Der Schein der Kerzen, der vorhin noch strahlend war, kam mir jetzt düster und bedrohlich vor. Er warf flackernde Schatten auf Philipps Gesicht.

»Hast du was zu trinken?«, fragte er mich.

Wie konnte er jetzt an so was Banales denken? Ich war fassungslos. Trotzdem stand ich auf und ging mechanisch, wie eine aufgezogene Puppe, in die Küche. Und dort sah ich es! Das Fläschchen Schlafmittel. Ich hatte es für meine Großmutter aus der Apotheke geholt. Es war ein starkes Mittel. Wenige Tropfen sollten für stundenlangen Schlaf reichen. Ich entkorkte eine Flasche Wein, trank einen großen Schluck ab. Dann füllte ich das Mittel in den Wein und schüttelte die Flasche leicht. Ich nippte wieder an ihr. Es war nicht zu schmecken. Im Wohnzimmer nahm ich zwei Gläser aus dem Schrank, goss uns ein. Ein Glas stellte ich vor ihm ab, das andere behielt ich in der Hand und prostete ihm direkt zu. Ich wollte, dass er stirbt. Niemand sollte ihn haben, wenn ich ihn nicht haben konnte. Und ich wollte das Kind töten. Das Produkt unserer Liebe fühlte sich jetzt an wie ein Fremdkörper in mir. Schweigend tranken wir. Als er sein Glas leer hatte, füllte ich schnell wieder nach. Und mir goss ich den Rest hinzu.

»Auf unseren Abschied«, sagte ich und hatte schon Schwierigkeiten zu sprechen. Auch Philipp fielen nach und nach die Augen zu.

»Es tut mir leid«, lallte er. »Wenn ich ausgetrunken habe, werde ich gehen. Es ist … wohl … besser.«

Auch bei ihm zeigte das Mittel immer stärker Wirkung. Ich trank das Glas aus und versuchte es auf den Tisch zu stellen. Es rutschte mir aus der Hand und fiel auf den Tisch. Dort kippte es um. Letzte Tropfen Rotwein spritzten auf das weiße Tuch. Sie sahen aus wie Blutstropfen.

»Was ist … mit mir?«, hörte ich Philipp murmeln.

Ich wollte ihm antworten, aber meine Zunge gehorchte mir nicht mehr. Dann rutschte ich vom Stuhl und sank auf den Teppich. Als ich ein letztes Mal die Augen öffnete, stand Philipp über mir. Dann versagten auch ihm die Beine ihren Dienst, und er fiel auf mich. Ich spürte sein Gewicht kaum noch. Alles war in weite Ferne gerückt. Aber ich war froh, dass wir so starben, wie wir gelebt hatten: Arm in Arm. Ich schloss die Augen wieder. Zum letzten Mal.

»Das Mittel hat gewirkt?«, fragte ich, als Antonia nach einigen Sekunden immer noch nicht fortfuhr. Ich musste gestehen, dass mich ihre Geschichte gepackt hatte. Liebesdramen hörte ich häufiger, vor allem von Frauen. Auch Selbstmorde aus Liebe waren nichts Neues für mich. Aber ein erweiterter Suizid, wie es in der Fachsprache hieß, das hatte ich in der Tat zum ersten Mal. Und Antonias damalige Schwangerschaft machte die Tat doppelt bitter.

Jetzt brauchte ich wirklich einen Schluck aus dem Flachmann. Meine Finger zitterten leicht, als ich ihn herausholte. Ich trank einen kleinen Schluck. Der Geschmack breitete sich in meiner Mundhöhle aus, und der Schnaps brannte in meiner Kehle.

Das hat es.

»Aber wieso hast du dann gesagt, ich hätte dich getötet?«, fragte ich.

Das Schlafmittel hat bei Philipp gereicht.

Ich brauchte mehrere Augenblicke, bis mir der Sinn ihres Satzes bewusst wurde. »Und bei dir nicht?«, fragte ich zögernd.

Ahnst du es nicht? Ich war nur scheintot. Ich bekam nicht mit, wie man uns fand. Erst in der Leichenhalle hörte ich wieder etwas, aber ich war nicht fähig, mich zu regen. Ich bekam mit, wie der Sarg geschlossen wurde. Wie ich über den Friedhof gefahren und hier in der Erde versenkt wurde. Und wie du mich lebendig begraben hast. Mit meinem toten Kind im Bauch. Verzeih ihm, dass er nicht zu dir spricht, aber er war noch zu klein, um sprechen zu können.

»Nein!«, entfuhr es mir.

Doch, Schaufelschwinger! Du hast meinen Tod endgültig besiegelt. Und wenn du mir nicht glaubst, frag Philipp. Er liegt am anderen Ende des Totenackers.

»Aber … Antonia … ich …« Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mir wurde schlecht. Ich setzte den Flachmann an und trank ihn in einem Zug leer. Doch auch das half mir nicht, das Grauen zu verarbeiten.

Hör schon auf zu stottern. War ja nicht deine Schuld. … Oder etwa doch?

Sie lachte auf. Ihr Lachen klang in meinen Ohren wie eine Anklage.

Und jetzt gib mir meine Ruhe und widme dich den anderen Verwesenden. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja irgendwann irgendwo mal wieder.

»Das hoffe ich nicht. Mögest du in Frieden auf ewig ruhen«, sagte ich den Spruch auf, der diese Unterhaltungen stets beendete und für mich zu einem Ritual geworden war. Ein letztes Stöhnen drang aus der Tiefe hervor, dann kehrte Ruhe ein. Auch die anderen Toten schwiegen.

Ich stand noch lange vor dem Grab von Antonia Lea Fachner und ihrem ungeborenen Kind. Unfähig, mich zu bewegen. Selbst als leichter Nieselregen einsetzte, starrte ich weiter auf den Stein mit ihrem Namen.

War ich ein Mörder? Ihr Mörder? Ich schüttelte den Kopf. Nein! … Oder doch? Meine Gedanken rasten. Der Zweifel nagte an mir. Warum nur hatte ich ausgerechnet dieses Grab aufgesucht? War es Zufall gewesen? Oder Schicksal?

Endlich riss ich mich los. Ruckartig drehte ich mich um und rannte los. Es sah aus wie eine Flucht, und auf gewisse Art und Weise war es das auch.

Ich ging so schnell nach Hause wie noch nie und kroch förmlich ins Bett. Doch Schlaf fand ich keinen.

Oliver Müller hat vor ein paar Jahren das Schreiben für sich entdeckt. Unter anderem schreibt er für die Serien »Rex Corda« und »Ad Astra« (Mohlberg-Verlag), »Deinoid XT« (Verlag Peter Hopf) sowie für »Vampir Gothic« (Romantruhe).

Mittlerweile veröffentlicht er auch Romane in bekannten Serien wie »Maddrax«, »Professor Zamorra« und »John Sinclair«.

Wenn er die Zeit findet, schreibt er gern Kurzgeschichten, was diverse Veröffentlichungen in Anthologien belegen.

Luise Eichler: Solange es nicht dunkel ist

Seit Cora in der Hoffnung auf eine Abkürzung ihren Pfad verlassen hatte, war ein halber Tag vergangen. Statt der erwarteten Minuten hatte es Stunden gedauert, bevor sie überhaupt wieder einen Weg gefunden hatte, und bei diesem handelte es sich weder um den, nach welchem sie gesucht, noch um jenen, von welchem sie sich zuvor entfernt hatte. Das ahnte sie und folgte ihm dennoch, schlug er doch eine Schneise in das Dunkelgrün des Waldes und würde sie so bis an dessen Rand führen. Über den Wipfeln der alten Eichen färbte sich das Firmament in ein leuchtendes Orange, das sich tapfer gegen den Eintritt der Nacht stemmte. Cora genoss diesen Anblick, bis schließlich dunklere Töne jede Wärme aus dem Farbenspiel des Himmels verdrängten und ein zuvor unbemerkter Schein in ihr Bewusstsein trat. Ein gedimmtes Leuchten, mehr war es nicht, was da zu Füßen eines rastenden Wanderers kauerte – dem ersten menschlichen Wesen, seit sie verloren gegangen war.

Es handelte sich um einen Greis mit weißen Haaren und einer Haut wie helle Kiefernrinde, wie sie beim Näherkommen bemerkte. Er trug die übliche bräunlich-beige Kleidung des Küstenvolkes, das auf der anderen Seite des Gebirges nahe den Klippen lebte.

Merkwürdig, dachte Cora, solche Leute trifft man für gewöhnlich nicht in den Wäldern diesseits der Berge.

Noch merkwürdiger erschien ihr allerdings der aus einem großen Weidenkorb dringende Lichtschein.

»Guten Abend, mein Kind. Zu so später Stunde noch allein hier draußen?«, fragte der Alte mit besonnener Stimme.

Amüsiert stieß sie die Luft aus. Wann hatte man sie mit ihren vierzig Jahren zum letzten Mal Kind genannt? Sie antwortete: »Ebenso wie du, Väterchen.«