Mystische Gewässer - Mayke Dorn - E-Book

Mystische Gewässer E-Book

Mayke Dorn

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Beschreibung

Sie wirken harmlos. Wie ganz normale Gewässer. Und doch sind sie nicht das, was sie zu sein scheinen, denn ihr Wasser ist kein gewöhnliches. Egal, ob es versteckt gelegene Seen sind, unheimlich anmutende Tümpel oder Weiher, einige Gewässer – groß oder klein – bergen ein fantastisches, kaum zu fassendes Geheimnis. Manche sind aber auch gefährlich und werden gemieden, oder es wird versucht, ihre Existenz geheim zu halten. Einige wurden sogar absichtlich dem Vergessen anheimgegeben. Einzelne sollen gar nicht real sein, und um das eine oder andere Gewässer sollte man besser einen großen Bogen machen. Doch warum? Was ist so seltsam oder gruselig an diesen? Neugierig geworden? Dann lasst euch überraschen, welche Geheimnisse die verschiedenen Geschichten anspülen werden.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gewässer

Anthologie

Alle Rechte vorbehalten.

Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden.

Eine anderweitige Vervielfältigung des

Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.

Die Namen und Handlungen sind frei erfunden.

Evtl. Namensgleichheiten oder Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.

www.verlag-der-schatten.de

Erste Auflage 2025

© Coverbilder: Depositphotos Vitalina_G,

ELIZABETHPOLIASHENKO, jonnysek

Covergestaltung: Verlag der Schatten

© Bilder: Depositphotos tilpich.yandex.ru (See mit Steinen),

photoflorenzo (See mit Baumspiegelung), lkpro (Der Ursuppen-Dialog), Haritonoff (An einem heißen Sommertag), ira.foto3 (X), bereta (Episode 36: Grave Secrets), alexanderkonsta (Lebenswasser), Argument, [email protected] (Ammoniten), pandionhiatus3 (Der See ist wieder da),kavita (Tulusee), EcoPimStudio (Der letzte Tropfen Zukunft), nblxer (Das Haus am See),ekina1 (Das Grauen im Wald), Vitalina_G (Sorg, der Wassergeist), YuliyaKirayonakBO (Seelensplitter), prudek (Der Teich der schnellen Zeiten)

Tino Förster (verwahrlostes Gewässer), Wikipedia (Gestade der Vergessenheit), Miniteich-anlegen (Tropennacht), Eva Hausmann (Zeichnung Ente), BIF (Flammen der Vergangenheit)

Lektorat: Verlag der Schatten

© Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster, Ruhefeld 16/1, 74594 Kreßberg-Mariäkappel

E- Mail: [email protected]

ISBN: 978-3-98528-047-6

Sie wirken harmlos.

Wie ganz normale Gewässer.

Und doch sind sie nicht das, was sie zu sein scheinen, denn ihr Wasser ist kein gewöhnliches.

Egal, ob es versteckt gelegene Seen sind, unheimlich anmutende Tümpel oder Weiher, einige Gewässer – groß oder klein – bergen ein fantastisches, kaum zu fassendes Geheimnis. Manche sind aber auch gefährlich und werden gemieden, oder es wird versucht, ihre Existenz geheim zu halten. Einige wurden sogar absichtlich dem Vergessen anheimgegeben. Einzelne sollen gar nicht real sein, und um das ein oder andere Gewässer sollte man besser einen großen Bogen machen.

Doch warum?

Was ist so seltsam oder gruselig an diesen?

Neugierig geworden?

Dann lasst euch überraschen, welche Geheimnisse die verschiedenen Geschichten anspülen werden.

Inhalt

Mayke Dorn: Der Ursuppen-Dialog

Bettina Ronschke: Tropennacht

Hans-Werner Halbreiter: An einem heißen Sommertag

Lennox Lethe: X

Valentin Hahn: Episode 36 – Grave Secrets

Bettina Ickelsheimer-Förster: Lebenswasser

Judith Molitor: Ammoniten

Friederike Stein: Der See ist wieder da!

Katharina Kanzan: Tulusee

Thomas Roth: Der letzte Tropfen Zukunft

Lia Pipa: Das Haus am See

Denise De Lorenzo: Das Grauen im Wald

Antje Höblich: Sorg, der Wassergeist

Sebastian Doncks: Seelensplitter

Selma M. Rentzow: Flammen der Vergangenheit

Marcel Zischg: Der Teich der schnellen Zeiten

Mayke Dorn: Der Ursuppen-Dialog

Wäre der Himmel an diesem Sommernachmittag nicht nachtschwarz gewesen, hätte man hier an der Flussmündung einen weiten Blick aufs Meer gehabt. Doch es war finster, und ziemlich kalt war es auch, wie schon im letzten Winter und im letzten Sommer.

Die beiden, die dazu etwas Sinnvolles zu sagen gehabt hätten, hatten die letzten 431 Tage nach Katastrophenbeginn damit zugebracht, sich in Schweigen zu hüllen. Sie zogen es vor, diesen ersten Wimpernschlag lang lediglich zuzuschauen. Und es hatte viel zu sehen gegeben während solch einem Weltuntergang, puh. Nachdem ihnen das Spannendste an Hören und Sehen vergangen war – es war nach den Feuern sowieso viel zu schnell dauerhaft dunkel geworden –, hatten sie sich aufs Schmecken verlegt. Bitter war das Ende gewesen, sehr bitter, und der Tod – niemand konnte das leugnen, der ihm entronnen war – roch nach faulen Eiern. Neben all der Epik, die ein herabstürzender Himmel mit Druckwellen, Schreien, Wegrennen, Feuersbrünsten und Tsunamis mit sich brachte, war der Geruch banal gewesen.

Die zwei, die das – natürlich – überlebt hatten, legten keine solchen Maßstäbe an Geruch, aber ordinär fanden sie die ganze Sache schon, und genau deshalb hatten sie bislang geschwiegen. Die Angelegenheit war so dermaßen unerquicklich, dass ihnen zunächst nichts dazu eingefallen war. Vielleicht schmollten sie auch ein bisschen. Die ganze Sache … war ihnen nicht zuletzt ein wenig peinlich. Schließlich waren sie davon ausgegangen, dass sie hier das Sagen hatten, und im Traum nicht daran gedacht, jemand von außerhalb würde ihnen eines Tages derart ins Handwerk pfuschen. Aber seit einigen Erdumdrehungen (sie konnten die Wechsel von Tag und Nacht in der andauernden Dunkelheit nicht erkennen, wohl aber spüren – besonders eines der beiden) merkte jedes die Unruhe des anderen. Wie unausgesprochene Gedanken, die trotzdem so deutlich am Brodeln und Schwappen sind, dass sie auf irgendeiner Ebene dennoch einen Laut zu senden scheinen. Und dieser Laut war auf beiden Seiten ein tiefes, schweres Seufzen.

An diesem Sommernachmittag stieß das Süße also das Salzige an. Natürlich war dafür nicht speziell dieser Ort an dieser Küste nötig gewesen. In gewisser Weise hätte dieses Gespräch an jeder Flussmündung stattfinden können – und das tat es auch –, aber ein Fokus auf eine konkrete Stelle half dabei, sich zu sammeln. Dunkel war es sowieso auf beiden Erdhalbkugeln, deshalb war die Optik des Ortes egal, und nach langem Schwanken hatten sie ihrer beider Bewusstsein hierher verlegt; an einen der Punkte, die genau zwischen der Unglücksstelle und dem von ihr am weitesten entfernten Punkt auf dem Planeten lagen. So, fand jeder von ihnen, waren ihre Gedanken nicht unmittelbar von der Erinnerung gebannt, kamen sie sich aber auch nicht feige vor, indem sie sich allzu weit vom Ursprung dieses Übels zurückzogen.

Nun schubste das Salzige sacht zurück. So ging es hin und her, denn so richtig wollte keines anfangen, und ein Weilchen ergötzten sich beide an ihrem Rhythmus und kicherten wortlos in sich hinein. Es lag eine Laune in der Luft, es mit dem Humor entweder gleich wieder sein zu lassen oder überzuschwappen. Die Tendenz ging zu Ersterem.

Das Brackwasser der Flussmündung war hinsichtlich seiner Verschmutzung nach wie vor übler als üblich, was es schwerer machen würde, klare Worte zu finden und den jeweils anderen zu verstehen. Beiden ging es im wahrsten Sinne des Wortes dreckig, aber es half ja nichts.

»Scheiße«, sagte das Süße und brach damit das lange Schweigen. »Einfach scheiße.«

»Scheiße, Dreck, Blut und Fleisch«, korrigierte das Salzige betont sachlich. »So viel Biomasse. Alles hin.«

»Da stehen wir ganz schön in der Kreide und uns trifft doch keine Schuld!«, sagte das Süße und lachte freudlos über seinen eigenen Witz.

»So was von. Wer hätte das ahnen können mit diesem Einschlag. So gemein. Zeit für ein neues Zeitalter würde ich sagen.«

»Hm, ja, schon schade. Du siehst übrigens, wenn ich das sagen darf, ziemlich sauer aus.«

»Wen soll das wundern? Das kommt vom ganzen Schwefel und dem Staubzeug. Was da alles freigesetzt worden ist, unfassbar. Das Zeug haben wir jetzt dauerhaft hier. Das muss man alles filtern und irgendwo unterbringen. Verrate mir – wer kann bitte so viel Carbonat gebrauchen? Und den Schwefel erst und den Ruß. Hätte ich eine Atmung, würde ich damit ein paar Jahre Pause machen, bis sich das Ganze gelegt hat. Wenn ich versuchen würde, mich wieder in den Vorher-Zustand zu restaurieren – ich wüsste nicht, ob ich mit einer Million Sonnenumläufe hinkäme, um das zu schaffen. Na ja, hat Zeit und ist im Moment nicht so wichtig. Ich für meinen Teil bin generell immer noch etwas verdattert. Ein Meteorit. Dazu fällt mir nichts ein. Aber bei mir ist eh grad Ebbe. Sag du doch mal was.«

»Bei mir sieht’s auch nicht viel besser aus. Ich hab fast alles verloren. Bei der Kälte und Dunkelheit hat hier alles die Grätsche gemacht, was mit Photosynthese nicht mal eine Weile aussetzen kann. Wenn das so weitergeht, muss ich die Nummer mit den Moosen und Flechten eins zu eins noch mal von vorne durchziehen. Von den Tieren will ich gar nicht reden. Bin fast froh, dass es so dunkel ist. Reicht, wenn man das alles nur hören und riechen kann.« Es lachte erneut sein hohles Lachen. »Ha, schau uns an, zwei getrübte Wässerchen, denen der Durchblick fehlt. Und du musstest ja auch gleich so eine Riesenwelle machen, als es losging.«

»Ich hatte keine Wahl, als es passierte, und das weißt du genau! Das war ein direkter Effekt durch den Druck des Aufschlags. Und du musst gerade reden. Bei dir an Land stand doch unmittelbar alles Mögliche in Flammen. Kannst eigentlich froh sein, dass ich da einmal drübergerutscht bin, bevor deine komplette Flora und Fauna eingeäschert worden wäre. Selbst hast du ja wenig dazu beigetragen.«

»Schon gut, schon gut«, beschwichtigte das Süße. »Ich war in meinen sofortigen Möglichkeiten limitiert. Und ganz ehrlich: Ich hab mich zwar ganz schön erschrocken, aber Entwicklung ist Entwicklung. Ich dachte: Jetzt ist die Zeit des Zuguckens. Weder du noch ich sind in Gefahr, so groß war das Teil ja nun auch wieder nicht. Ich sagte mir: Mal sehen, wie das Leben damit so umgehen wird.«

»Das hast du gedacht?«

»Ja. War eigentlich eh mal wieder Zeit für eine Wende.«

»Na ja, einiges von dem, was jetzt hin ist, war bereits auf dem absteigenden Ast, das stimmt schon. Bei den Sauriern ist dir, ehrlich gesagt, schon eine Weile entwicklungstechnisch nichts mehr eingefallen. Ich meine, das war mal eine immer neu aufstockende Vielfalt. Und zuletzt war von dem, was da ab und zu im Meer gelandet ist, klar ersichtlich, dass dir die Ideen ausgegangen sind. Aber du hattest dich eh längst auf Neues verlegt – leugne es nicht, diese ganzen Vögel und Insekten. Mir ist auch aufgefallen, dass du Reptilien erfunden hast, die man beim besten Willen nicht mehr Saurier nennen kann. Schade ist es trotzdem. Ich mochte die ganz großen. Ich hätte gern noch größere gehabt! Etwas, was uns gerecht wird vielleicht.«

»Ach was, du bist größenwahnsinnig. Schau es dir an«, sagte das Süße, »vor allem das Kleinzeug hat überlebt: Schnecken ja, Langhälse nein. Vögel ein paar, Mosas null. Dafür jede Menge deiner Fische, denn du hast dich auch nicht mehr nur an Saurier gehalten.«

»Scheiß Vögel«, warf das Salzige ein. »Fast alle Flatterviecher, die nicht ihre Flügel wieder runterentwickelt haben, haben Angst vorm Meer. Ist in den letzten Jahrtausenden kaum mal eines hier aufgetaucht. Oder abgetaucht. Von denen werd ich nichts vermissen. Aber ein paar, die sich vom Vogeldasein weiterentwickelt hatten, waren ganz vielversprechend.«

»Die Krokodile bleiben bei mir, damit das klar ist. Diese einstmaligen Vögel holst du dir nicht endgültig rüber, die haben schon viel zu viel von ihrem Ursprung verloren.«

»Wir werden sehen, wir werden sehen. Das Brackwasser ist ihnen bereits schmackhaft geworden. Das ist gut. Und sie sind nicht verschwunden, trotz des Einschlags.«

»Du hast genug Tiere, Salziges, halt dich an die. Aber ja, Krokodile sind zwar nicht groß, aber immerhin haben wir sie noch.«

»Ja, die halten was aus. Aber deine Theorie mit dem vielen ›zu groß‹ passt sowieso nicht durchgehend. Es ist dir vielleicht nicht aufgefallen, aber alle meine Ammoniten sind hin. Ich habe in jede Bucht, jeden Gezeitentümpel und jede Tiefseerinne geschaut. Nichts. Seit ich sie gebastelt habe, haben bei jedem großen Tabula rasa immer ein paar überlebt und aus sich selbst heraus eine neue Vielfalt geschaffen. Ammoniten sind bezaubernd! … Waren bezaubernd.« Das Salzige seufzte. »Ich wurde nie müde, ihnen zuzuschauen und mit ihnen zu spielen. Diese ganzen Gase haben ihre Panzerchen aufgelöst, wie ich Vogelspuren am Strand. Ich dachte immer, die Kopffüßler wären sicher, aber zusammen mit der Planktonkrise hatten sie einfach gar keine Chance. Tja.«

»Du könntest sie neu schaffen, wenn du willst.«

»Das ist gegen unsere Regeln!« Die Welle, die sich aus dem Meer die Flussmündung hinauf warf, ließ keinen Raum für Zweifel an der Meinung des Salzigen. »Was sich einmal als untauglich erwiesen hat, wird nicht wiederholt, und da ist es egal, ob wir es selbst vernichtet haben oder etwas von außerhalb dafür gesorgt hat«, sagte es. »Bloß weil dieser Fall vorher noch nie eingetreten ist, heißt das nicht, dass diese Regel gebrochen werden kann. Also sind Ammoniten Vergangenheit.« Die Welle zog sich ins Meer zurück und das leise Rauschen, mit dem sie ging, klang wie ein Seufzer im Wind.

»Ich habe sowieso den Verdacht«, sagte das Süße so trocken, wie ein Gewässer es vermag, »dass du sie so zahlreich angezüchtet hast, dass du bis zum Ende der Welt ihre Überbleibsel betrachten kannst. Wie dem auch sei. Du hast recht mit deinem einen Punkt: Alle bisherigen Neuanfänge waren eigene Entscheidungen – oder Folgen eigener Entscheidungen«, räumte es ein. »Das mit dem Meteoriten konnte keiner ahnen. Und jetzt schau uns an«, sagte es und schwappte Süß- und Salzwasser brackig durcheinander, sodass all die Abbruchstücke von Bäumen, Grassoden-Fetzen, Überreste toter Tiere, Holzkohlebrocken und tausenderlei Partikel im Schoß der beiden durcheinanderwirbelten. »So ein Schlamassel!«

Das Salzige gluckste. »Schlamm und Asseln, zumindest davon gibt es noch genug.«

»Sind die besten«, betonte das Süße. »Direkt nach Bakterien, Pilzen und Grünalgen, da kommen die Asseln, finde ich.«

»Ich weiß nicht. Ich mochte die Langhälse wirklich. Nur bei dem mit den 500 Zähnen, da hab ich mich immer gefragt, was du dir dabei gedacht hast. Aber die anderen … wundervoll.«

»Möchtest du eine Langhals-Assel zum Trost? Ich glaube, sie wäre evolutionär nicht durchsetzungsfähig, aber ich könnte dir eine machen.«

»Ach, hör mir auf mit deinen Launen der Natur! Und gib nicht so an, nur weil bei dir mehr rauskommt als bei mir.« Das Salzige schlug ein paar Schaumkronen gegen die Küste, um seinen Unmut zu unterrauschen.

»Ich würde sagen, du als Ursuppe bist einfach zu versalzen«, sagte das Süße.

»Halt die Klappe. Als ließe sich das mit ein paar Tausend Sonnenumläufen mal eben schnell ändern. Aber eines Tages, wenn du nicht mehr damit rechnest, wird das Leben auf leiser Sole daherkommen.«

»Ja sicher.«

»Vergiss nicht, wo du herkommst. Letztendlich wirst du, das alles gebiert, immer wieder aus mir geboren.«

»Tja, dann bist wohl du die Quelle allen Übels.« Das Süße verwasserwirbelte die Worte des Salzigen, ließ die Staubteile im Brackwasser in der Strömung tanzen und sang leise eines seiner vielen Nonsens-Lieder:

»Schlamm, Schlick, Schleim ~ bist du mein?

Im Keim!

Gebär’ ich, bleib ich nicht allein.«

»Los, lass uns Schadensaufstellung machen«, sagte das Salzige und versuchte, nicht eingeschwappt zu klingen. Es hasste es, wenn das Süße Oberwasser hatte.

Sie schwappten eine Weile wortlos und betrachteten all die Orte, an denen sie gleichzeitig waren.

»Es ist nicht überall gleich schlecht«, sagte das Süße, das von den beiden den Überblick über das Land hatte. »Aber schon sehr fatal. Es liegt im Prinzip alles voll mit abgestorbener Biomasse. Manche Orte sind in Sachen größere Flora und Fauna fast komplett tot, so wie hier. Gestade der Vergessenheit.«

»Also ich erinnere mich an alles ziemlich gut«, sagte das Salzige. »Ich vergesse kein Wesen und keinen Stein, egal, wie lange er schon zu Sand zermahlen sein mag. Ich bin viel zu groß, als dass ich jemals mit Erinnerungen überlaufen könnte. Ts, Gestade der Vergessenheit …«

»Dann der Versessenheit«, warf das Süße ein. »Ich habe Lust auf was Neues. Komm, geben wir’s zu, die Giganten-Nummer, diese Megafauna, das war vielleicht doch nicht so gut durchdacht. Wir fanden: großer Planet, also große Lebewesen – selbst wenn wir zwangsläufig klein anfangen mussten. Na ja, war ja alles ein Experiment. Aber schau an, ein Meteorit und schon geht alles den Bach runter.«

»Und es wird noch viel Wasser deine Bäche runterfließen, ehe sich etwas ändert, wenn ich mir das so angucke«, beschied das Salzige. »Bevor hier wieder volles Sonnenlicht ankommt, vergehen, würde ich sagen, bestimmt zwanzig, dreißig Sonnenumläufe. Vorher brauchst du mit nichts ernsthaft loslegen. Oder du wirfst unter den jetzigen Bedingungen wahllos Lebenseinheiten aufs Land und guckst, wer’s verträgt.«

»So wie letztes Mal quasi? Grundsätzlich okay, aber lass uns vorher ein paar Ausschlusskriterien für die eine oder andere neue Lebensform festlegen.«

Jetzt war es das Salzige, das in seinem sonoren Ton zu einem eigenen Lied anhob:

»Ursprung-sprung,

Eisprung-sprung,

Umschwung oder falscher Prunk?«

»Was wäre denn«, beharrte das Süße, »wenn wir die Vögel oder neuen Reptilien oder irgendwas so ausstatten würden, dass sie sich gegen einen Meteoriteneinschlag wappnen könnten?«

Das Meer kräuselte amüsiert die Wellen. »Gegen einen Meteoriten? Ernste Frage?«

»Oder meinetwegen gegen eine Gefahr von vier, fünf Größenordnungen darunter. Eine Lebensform, die so klug ist, dass sie das Problem erkennt, bevor es eintritt, und rechtzeitig etwas dagegen tun kann. Die sich Werkzeuge dagegen bauen könnte, wenn man ihr die eine oder andere Million Sonnenumläufe Entwicklungszeit gäbe.«

»Du bist so süß.«

»Sehr witzig! Ich meine es ernst.«

»Ich verstehe den Reiz des Gedankens absolut«, gestand das Salzige. »Sehr sogar. Was das alles an Neuem und Unerwartetem bedeuten könnte … Aber dir ist schon klar, dass wir diejenigen sind, die hier erschaffen. Und wenn man unser Tun nicht unter dem Aspekt von Probieren, Entwickeln und Kreieren sieht, könnte man einige unserer Entscheidungen getrost als ›Fehler‹ bezeichnen. Nun stelle dir eine Lebensform vor, die wir mit einem Fünkchen dieses Handlungsspielraums ausstatten. Sie würde auf jeden Fall Fehler machen. Komplexe Fehler. Das gab es bisher nicht. Bisher sind unsere Kreationen klug genug, dass sich ihre Fehler auf Einzelschicksale beschränken wie: ›War keine gute Idee, aus diesem Pfuhl zu trinken‹. Solch eine neue Lebensform würde unser Werk unverhältnismäßig stärker beeinflussen als alle anderen.«

Nach diesem Ausspruch waren die beiden großen Wasser relativ ruhig und ersannen die Möglichkeiten und Folgen, die aus dieser neuen Idee geboren werden könnten. Beide schwiegen zwei Jahre, in denen die Atmosphäre kaum heller wurde, um sich all diesen Gedanken vollends hinzugeben und nebenbei ihre Lebensräume ein wenig aufzuräumen.

»In welcher Kategorie«, nahm das Salzige den Faden eines Tages wieder auf, »hattest du dir diese neue Art denn vorgestellt?«

Sie hatten ihr Gespräch dieses Mal in eine besonders kalte Region verschoben, um bei dieser heiklen Angelegenheit ein kühles Gemüt zu bewahren. Der Strom der Flussmündung teilte eine Gruppe Eisschollen, wo er ins Meer floss, und das leise Knacken und Knirschen des Eises waren die einzigen Klänge, die sich in das Rauschen der beiden Wasser mischten.

»Ich bin ja schon sehr angetan von den Vögeln«, begann das Süße, aber es wurde sogleich unterbrochen.

»Keine Vögel. Wenn ich mitmischen soll, dann bei einem Lebewesen, das mir näher ist. An einen Seevogel hattest du doch nicht gedacht, oder?«

»Nein, nein. Vermutlich würde ich es mit einem Säugetier versuchen. Die, die sich hier zuletzt etabliert hatten, gefallen mir gut, und das ein oder andere scheint die Nummer erfreulicherweise überlebt zu haben. Ja, ich denke, ein Säugetier sollt’s sein, da ist noch viel Entwicklungsspielraum, und ich fühle, dass sich das so gestalten ließe, dass es in mehreren Lebensräumen klarkommen würde.«

»Wir könnten es mit guten Sinnesleistungen ausstatten, zusätzlich zu dem eigentlichen Intellekt«, schlug das Salzige vor. »Damit es wie Pilze über seine eigene Art hinaus kommunizieren kann.«

»Die Idee mit der Kommunikation ist gut. Die Lebewesen dieser Art brauchen dafür Fähigkeiten. Aber bevor sie beispielsweise mit Tieren oder Pflanzen sprechen können, müssen sie lernen, miteinander zu sprechen, auf komplexe Weise.«

»Ich finde die Kommunikation deiner Pilze, wie du sie mir beschrieben hast, schon ziemlich komplex. Und sehr viel nativer. Diese Art, die wir im Sinn haben, würde sich von der Instinkthaftigkeit zwangsläufig distanzieren und vieles künstlich werden lassen. Auch die Sprache würde eine künstliche werden, weil sich diese Art über abstrakte Sachverhalte verständigen müsste.«

»Dann ist da noch die Sache mit den Werkzeugen«, sinnierte das Süße. »Das wird ein ganz schön mächtiges Wesen, wenn wir es mit einer derartigen Kommunikationsfähigkeit ausstatten und dann zusätzlich noch mit der, dass es Werkzeuge erdenken kann.«

»Ach was, dafür machen wir es schwach«, sagte das Salzige. »Es muss unterdurchschnittlich in seiner Körperkraft sein, sonst kommt es gar nicht auf die Idee, dass es Werkzeuge brauchen könnte.«

»Wie meinst du das?«

»Kein Fleischfresser-Gebiss und keine Muskulatur, die es besonders schnell machen würde – wenn es jagen will, soll es sich anstrengen müssen.«

»Willst du dann einen Fleischfresser mit evolutionären Nachteilen?«, fragte das Süße. »Dann können wir es direkt lassen.«

»Hast recht«, gestand das Salzige. »Dann ein Allesfresser. Das Wesen kommt ohne Fleisch klar, aber falls es auf den Geschmack kommen sollte, dann funktioniert mein Gedanke.«

»Einverstanden. Ein eher schwächlicher Allesfresser der Klasse Säugetier. So weit bin ich dabei. Aber was ist mit dem Tag, wo es seine Werkzeuge derart perfektioniert hat, dass dadurch ein Ungleichgewicht entsteht? Es muss nicht zwingend so kommen, aber die Chancen sind groß, dass es sich parasitär verhalten und versuchen könnte, sich alle anderen untertan zu machen.«

»Es gab ja den Gedanken, dass es über seine Art hinaus kommunizieren kann. Wenn es von den meisten neuzeitlichen Pflanzen und Tieren Signale wahrnehmen und verstehen könnte – Bakterien und Pilze lassen wir mal weg, das würde solch ein Gehirn sicherlich überfordern – und zudem lernfähig ist … warum sollte es sich zwangsläufig parasitär entwickeln müssen?«

»Ich glaube, es würde sich ausbreiten wie deine Ammoniten.«

»Meine Ammoniten haben niemandem geschadet. Nun ja, außer dem Plankton natürlich und was sie sonst gegessen haben.«

»Eben. Irgendwas wird immer verspeist. Aber was, wenn die neue Art unersättlich ist?«

»Dann töten wir sie halt«, sagte das Salzige. »Wenn sie es nicht sowieso selbst tut. Wenn sie wirklich so destruktiv wird, wie du denkst, dann wäre sie nicht die erste, die sich selbst vernichtet hat, bevor wir überhaupt angefangen haben, aufmerksam dabei zuschauen zu können.«

»Und wenn sie so schwierig wird, dass sie nicht nur einem Meteoriteneinschlag, sondern auch unserer Macht trotzt?«

»Wir haben alle Möglichkeiten dieser Welt zur Verfügung. Und sie bereits benutzt, um andere Arten hinter uns zu lassen. Kein Atem eines Lebewesens ist lang genug, um uns zu überdauern. Es braucht unsere Luft, unsere Wasser, unsere Wärme, die Erde, die anderen Arten, mit denen wir den Ausgleich allen Lebens einpendeln. Wenn du etwas erschaffst, das uns langfristig schadet und das nicht dazulernt, dann ist es mir erst einmal egal, ob ich einen Tag oder eine Jahrmillion brauche, um es zu den Ammoniten zu schicken.«

»Schön gesagt. In den ehemaligen Küstengebieten, aus denen du dich irgendwann dauerhaft zurückgezogen hast, haben meine Sickerwasser übrigens das ein oder andere wirklich gut gemachte Fossil gefunden. Ich würde dir ja zu gerne mal auf den Grund gehen und schauen, was du da in deiner Sammlung hast.«

»Tja, salzige Wasser sind tief.«

»Sag schon. Was hast du da unten?«, beharrte das Süße.

»Kann ich dir in deine Tümpel, Pfützen und Pfuhle, Weiher und Teiche gucken? Das alles entzieht sich meinem Blick, also red du nicht von Geheimniskrämerei. Regen und deine Rinnsale flüstern mir von allerlei, was da glibbert, glubscht und gleitet, was noch nie den Weg bis zu meinen Stränden gefunden hat.«

»Du könntest einfach fragen. Und grundsätzlich ist das alles überschaubar. Du hingegen bist um so vieles größer als ich, so viel … tiefer. Du könntest da unten alles erschaffen, soweit Salzwasser das vermag. Im Vergleich zu mir sind dir in Sachen Größe fast keine Grenzen gesetzt. … Hör auf, Wirbel zu erzeugen, ich weiß genau, dass dir der Gedanke der Megafauna noch immer gefällt!«

Das Salzige dachte an seine eigenen Geheimnisse, weit unten in der Tiefe, beschützt von einer Dunkelheit, die dort auch herrschte, wenn kein Meteorit vom Himmel gestürzt war. Eifersüchtig gehütet und, vielleicht, eines Tages bereit für oben. »Nicht ganz … Ich bin im Laufe der Zeit auch auf andere Ideen gekommen. Mir gefällt mittlerweile etwas, was du mehr oder weniger mit den Pilzen angefangen hast und was ich bei den Fischen wiederholt hab und du dann auch noch mal bei deinen verflixten Vögeln.«

Das Süße sah die Gemeinsamkeit. »Ein kollektives Bewusstsein? Schwarmintelligenz?«

»Ja. Das hat Zukunft.«

Das Süße verlor sich einige Augenblicke in seinen Strudeln, ließ sein Bewusstsein über den Globus wandern, von Bergseen über Wasserfälle zu Mooren, spürte durch die Wasser seiner Wolken hoch hinauf in die Atmosphärenschichten, hinter denen seine Fühler – leider, leider – endeten, und kehrte zurück ins Brackwasser, diesen Ort der Zweisamkeit, den seltsamerweise nur die merkwürdigsten Lebewesen für sich erobert hatten. Sie beide, das Süße wie das Salzige, mochten jene Kreaturen. Sie waren … ein bisschen vermessen. Ihnen beiden so nahe sein zu wollen … Es war mühsam, meist tödlich, zu versuchen, sich Salz- und Süßwasser zugleich anpassen zu wollen, aber wer es schaffte, lebte ein Leben mit wenig Konkurrenz. Die größte war die zwischen den beiden Wassern. Hätten die Krokodile gewusst, wie sehr ihre Schöpfer um sie buhlten, sie hätten sich kaputtgelacht und nur um sie zu ärgern das Leben im Wasser aufgegeben und wären zum Spaß in die Wüste umgesiedelt, wenn sie körperlich gekonnt hätten.

Aber das Süße dachte an den letzten Kommentar des Salzigen, der tief eingesickert war. »Wäre das nicht eine interessante Möglichkeit für ›danach‹?«, fragte es.

»Nach was?«, fragte das Salzige.

»Nach dem Versuch mit der überlegenen Art. Nicht, dass das die einzige neue wäre. Es klafft eine riesige Lücke, die ausgefüllt werden will. Ich würde diverses Leben an Land und ins Wasser werfen, und du tust das ebenfalls. Und dann schauen wir wie immer, was sich Schönes entwickelt und auf welche Ideen es uns bringen mag. Und mit dieser überaus nervenzellenreichen Art warten wir eine Weile. Sollen sich all die anderen Arten erst einmal ihren Platz erobern. Dann wird er ihnen auch nicht allzu einfach wegzunehmen sein. Wir bauen eine Welt, die in sich noch stabiler ist als alle Versuche zuvor. Wir haben mittlerweile Milliarden von Sonnenumläufen lang Erfahrungen gesammelt und wissen, wie das besonders gut geht; wir sind so weit. Ich freue mich richtig darauf!«

»Und wenn diese Welt auf einem besonders guten Weg ist … willst du besagte Art hinzufügen? Das wird aufregend. Vielleicht wird sie selbst das nächste Tabula rasa verursachen.« Das Salzige unterbrach sich. »Ich glaube, wir forcieren diesen Gedanken zu sehr … Bei den zahlreichen Möglichkeiten, die wir dieser Art mitgeben wollen, ist wahrscheinlich,dass sie sich nicht völlig gleich entwickelt. Die Hoffnung ist doch, dass die meisten es schaffen, jenes Fressen-und-gefressen-Werden hinter sich zu lassen. Dass sich diese Lebensform dann zu einer Zwischenstufe zu dem entwickelt, was du dir von einer mit allem verknüpften, sozialen Schwarmintelligenz erhoffst. Etwas, was neben unserem dezenten Willen, die Welt zu beeinflussen, auch Weitsicht erbt. Und falls nicht, antworten wir darauf mit der nächsten Idee: Lebewesen, die dieses Mal auf emotionaler Ebene intelligenter sind als alles zuvor und über die Grenzen aller Arten hinweg. Der Parasit würde dann abgelöst durch etwas, was nicht egoistisch, sondern ganzheitlich denkt.«

»Es reizt mich immer noch ein bisschen, Idee eins zu überspringen«, gestand das Süße. »Seit ich das mit den Pilzen und Bäumen als Kombination gemacht habe, hat mich nichts mehr mit einer so großen Freude angefüllt, dass sie derart bis heute anhalten würde. Wir beide sind groß, ein Kollektiv unserer selbst. Es ist irgendwie nur richtig, dass auch alles Leben auf der Erde vernetzt ist und sich zusammenfügt.«

»Aber?«

Das Süße ließ einige Wirbel eine Extrarunde im Kreis drehen, bevor es sein Wasser zum Weiterfließen entließ. »Es … widerspricht der Spielweise unseres Seins nicht, auch völlig neue Wege zu gehen. Ich will sehen, was diese kreative Art tut, denn ich bin sicher, dass sie uns auch positiv überraschen wird. Ich möchte sehen, wie sie nach den Sternen genauso liebevoll greift wie nach ihren Neugeborenen. Ich mag skeptisch sein, aber es werden Lebewesen aus Fleisch und Blut, sie selbst sind Natur, und alles, was sie schaffen, wird in seinem Ursprung ebenfalls aus der Natur kommen. Du hast recht, es wäre reichlich sonderbar, wenn sie vergäßen, dass sie selbst Teil davon sind.«

»Wir sollten ihnen zutrauen, ein paar Grundparameter über unsere Welt durchaus zu begreifen.«

»Eben!«

»Sie sollten auch weit über den reinen Instinkt begreifen können, was Gemeinschaft heißt oder überhaupt, zu leben.«

»Ja! Ich habe Lust auf dieses Experiment!«

»Ja!« Das Salzige überlegte kurz. »Gib ihnen, wenn möglich, einen Hang zur Neugier. Wer weiß, vielleicht werfen sie ja einen Blick in meine Tiefen. Es würde mir gefallen, wenn sie die Ammoniten fänden und sich verzweifelt fragten, was das war und von wann und wie sie zugrunde gingen.«

»Und wenn sie es verbocken, rotten wir sie aus und fahren mit der Schwarm-Idee fort?«

»Ich schwärme jedenfalls schon jetzt dafür.«

Beide lachten, dass nur so die Blasen aufstiegen. Sie waren in der Sache auf einer Wellenlänge angekommen.

Es war ein schwarzer Tag, an dem die beiden Ursuppen, die das Blut der Welt darstellen, eine neue Idee hatten, was sie aus dem ihnen eigenen Eintopf bald an die Oberfläche steigen lassen würden, aber diese Idee war wie ein Leuchtturm. Denn die partikeldichten Nachttage würden vorübergehen und viel Neues würde das Licht der Welt erblicken.

Und es blubberte in den Tümpeln, brodelte in den Schlick-Pfützen, es leckte die Brandung über die Strände und gemeinsam furzten sie neues Leben in die Welt.

Mayke Dorn ist Halterin eines Großrudels Stifte. Mal ist es ihr ein Schutz vor der Welt, mal geht sie damit auf Jagd nach Sinn und Wahrheit.

Die Norddeutsche Jahrgang 87 hat aus Versehen in Westfalen Wurzeln geschlagen, wo sie zusammen mit einer Pflanze pro Quadratmeter wohnt, Taubenfüttert, wo es verboten ist, und auch sonst ist sie ganz normal.

Bettina Ronschke: Tropennacht

Es fing damit an, dass die Katze nicht mehr auf den Balkon wollte. Selbst wenn ich dort saß, blieb sie im Wohnzimmer, wie hinter einer unsichtbaren Wand, drückte sich erst rechts und links hinter dem Rahmen herum und plierte um die Ecke nach draußen. Schließlich legte sie sich auf das Sofa. Kein Plantschen mit dem Wassernapf oder der Gießkanne, kein Lauern auf dusselige Meisen oder Schwebfliegen. Ansonsten war sie fit und fidel, fraß gut und verdaute auch vernünftig.

Vielleicht lag es daran, dass es so unglaublich heiß war. Eine Hitzewelle hatte die Gegend fest im Griff. Die Temperaturen lagen schon seit Tagen bei weit über 30 Grad, und das bei einer Luftfeuchtigkeit bis zum Anschlag. Heute war der bisherige Höhepunkt gewesen – die Hölle. Tropfsteinhölle sozusagen. Man brauchte sich gar nicht zu bewegen, um im eigenen Saft zu garen. Das Büro war klimatisiert, aber zu Hause bekam ich die Hitze gar nicht mehr aus der Wohnung. Sagte Kachelmann nicht, man solle sich dem Wetter entspannt aussetzen, um dem Körper Gelegenheit zu geben, sich daran zu gewöhnen? Ich bezweifelte, dass das auch unter diesen extremen Umständen funktionierte, wollte aber guten Willen zeigen.

Am Freitag holte ich mir auf dem Nachhauseweg ein Brot, eine Kiste Biobrause und fertige Antipasti aus dem Kühlregal. Ich hatte vor, das Wochenende mit einem ausgedehnten, herzhaften Abendbrot einzuläuten. Tun konnte man ohnehin nichts. Ich schaute noch in den Briefkasten, und während die Tür langsam zufiel, hüpfte draußen ein lila-grün kariertes Fröschlein vorbei.

Punkt eins: Es war wirklich sehr feucht. Wie in den Tropen.

Punkt zwei: Ich brauchte ganz dringend Erholung.

Ich warf die Einkäufe ab, machte mir einen Teller zurecht, nahm noch eine Kräuterbrause mit raus und füllte die Schüssel vor dem Liegestuhl neben dem Miniteich mit kühlem Wasser für ein erfrischendes Fußbad.

Das halbe Weinfass hatte ich erst dieses Frühjahr aufgestellt. Erst lief es schlecht an, ich musste mehrfach das Wasser wechseln und es immer wieder gründlich ausschrubben. Ich erlag den Verlockungen der chemischen Industrie und hoffte nach jeder neuen Flasche mit Gefahrenzeichen auf dem Etikett auf Besserung, aber der Belag wurde immer eigenartiger. Es waren definitiv keine Algen, sondern anfangs farbloser Glibber, der auch das Wasser selbst trübte, später weißliche Fäden, die die Wände überzogen wie Unterwasser-Spinnweben. Dafür blieb endlich das Wasser klar, sodass ich es nicht mehr wechseln musste und endlich ein bisschen Grünzeug mit rein konnte. Trotz des merkwürdigen Schmiers an den im Wasser treibenden Wurzeln war das Fass inzwischen schön zugewachsen, um nicht zu sagen zugewuchert. Ab und an nahm ich ein Eimerchen von diesem potenten Pflanzenmaterial mit zum Teich in der Nähe, dessen frisch ausgebaggerter, karger Zustand ein wenig floristische Unterstützung gebrauchen konnte. Jeder, der zu Besuch auf meinen Balkon kam, bewunderte den üppigen Bewuchs und die exotisch anmutenden Pflanzen, von denen ich mich gar nicht erinnern konnte, sie gekauft zu haben. Im Gegenteil: Wegen der abschreckend komplexen Anleitung, wie die Wurzelballen von Seerose & Co. eingepackt werden sollten, hatte ich nur einige Schwimmpflanzen auf der Wasseroberfläche drapiert. Nun wuchsen auch Stängel über das Wasser hinaus, die duftende Blüten in atemberaubenden Farben trugen. Schwimmpflanzen waren auch noch da, aber selbst die sahen anders aus als die ersten. Nur eine winzige Fläche wurde noch von einem Belüfterstein freigehalten, der von einer kleinen Solarzelle mit Akku gespeist wurde und Tag und Nacht lief. Hunderte kleiner Bläschen zerplatzten zart an der Oberfläche. Bis gestern. Jetzt lief er zwar, aber es kam nur grobes Geblubber. Ich zog am Schlauch und schaute in die Röhre. Dieses porige Ding am Ende, aus dem die feinperlige Luft ausströmte, war weg. Der Schlauch endete in einem glatten, aber sehr schrägen Schnitt. Na, das konnte so ja auch nicht halten, da hatte ich wohl am falschen Ende gespart. Müsste ich die Tage mal rausfischen und reparieren. Aber nicht jetzt – jetzt hatte ich Hunger. Ich hob die Schultern, ließ sie fallen wie bei einer Entspannungsübung nach dem Reha-Sport und zog den Stecker. Nun war wenigstens Ruhe.

Ich griff mir den Teller und stellte die Flasche neben dem Liegestuhl auf den Boden. Der Balkonteppich quatschte. Ich setzte die Flasche noch mal etwas fester auf: Klitschnass! Hatte ich mit der Fußschüssel gekleckert? Das hätte ich doch merken müssen, dann wären meine Hände auch nass geworden.

Sieh an, traute sich die Katze wohl doch wieder raus. Im Miniteich hatte sie allerdings noch nie geplantscht.

Mir kam ein anderer Gedanke: Ob er leckte? Das konnte ich mir zwar nicht vorstellen, denn so schnell rottet ein Weinfass nicht. Ich hatte es extra auf Terrakottafüße gestellt, damit es von unten Luft bekam. Trotzdem stand ich auf und fühlte einmal ringsum unter dem Rand entlang.

Alles trocken.

Ich ließ mich wieder in meinen Liegestuhl sinken und schloss für einen Moment die Augen. Würzige Abendluft füllte meine Lungen, eine leichte Brise strich lauwarm über Oberarme, Hals und Gesicht. Der fruchtig-süße Duft der Wasserpflanzen wirkte geradezu hypnotisch – wie von selbst lockerten sich meine Muskeln und meine Sinne. Auf den Bäumen hinter der Wiese jagten sich ein paar Eichhörnchen; ich konnte ihr Kicksen hören und das Geräusch der Krallen auf der Rinde. Kein Rasenmäher auf der anderen Seite des Baches, keine Heckenschere und keine Motorsäge störte die Idylle. Keiner der bekloppten Hunde bellte und steckte damit die Nachbarshunde an. Noch nicht mal Verkehrslärm von der Landstraße drang herüber. Das war der Inbegriff von Sekundenglück. Einfach bequem hier liegen zu dürfen und zu entspannen.

Zum Essen stellte ich die Rückenlehne wieder etwas höher, zog die Fußschüssel in Position, versenkte meine Mauken darin, mampfte genussvoll, freute mich über den schmackhaften Kontrast der Kräuterbrause und las einen klassischen Whodunnit, der schon zwei überraschende Wendungen bereitgehalten und noch gut die Hälfte der Seiten übrig hatte.

Als ich aufstand, um aufs Klo zu gehen, fiel mein Blick auf ein gebogenes Etwas unter dem Tisch, der auf der anderen Hälfte des Balkons stand. Ich bückte mich. Darunter war es dunkel, aber ich glaubte, eine Garnele zu erkennen. Ich nahm die Fliegenklatsche und schubste das Ding vorsichtig unter dem Tisch hervor. Es bewegte sich nicht. Das hätte ich von einer Garnele in dieser Umgebung allerdings auch nicht erwartet.

Komisch, dass die Katze das Ding noch nicht zerlegt oder gar gefressen hatte. Kam zwar auf ihrem Speiseplan normalerweise nicht vor, aber sie war ja sonst auch nicht so wählerisch. Die Vögel vertilgte sie samt Füßen und Schnabel. Allein bei dem Gedanken kratzte es mich im Hals. Wo war sie überhaupt?

Ich sah mich um. Sie stand direkt hinter mir im Wohnzimmer und schaute aufmerksam, trat aber mit keiner Pfote auf den Balkon.

Mithilfe der Fliegenklatsche bugsierte ich das Ding auf den Tisch. Es war von außen trocken, aber nicht ausgetrocknet, also mehr oder weniger frisch. Und ziemlich groß, vielleicht acht bis zehn Zentimeter lang, so genau konnte ich das nicht schätzen, weil vor allem der vordere Teil immer noch eingebogen war. Es sah weder wie eine Nordseegarnele aus noch wie ein Shrimp oder so. Es war noch komplett, soweit ich das erkennen konnte, also nicht küchenfertig vorbereitet: vollständiger Panzer, keine abgebrochenen Beine oder Fühler. Es schien mir seitlich abgeplattet zu sein, vielleicht eher wie ein mutierter Bachflohkrebs – die kannte ich nur in winzig.

Je länger ich es betrachtete, desto mehr breitete sich ein ungutes Gefühl in mir aus, ohne dass ich den Grund dafür herausfand.

Ich schnupperte; es roch fischig-modrig.

Ich schaute nach oben. Ob die Nachbarn über mir exotische Speisen aus ihrer Heimat zubereitet hatten und es von dort versehentlich heruntergefallen war? Die Balkons waren gleich groß und lagen direkt übereinander. Da hätte es schon um die Kurve fallen müssen. War eine Taube ins Katzenschutznetz getrudelt und hatte es fallen lassen? Hatte ein unbekannter Gönner der Katze ein Leckerchen von unten auf den Balkon geworfen? Vielleicht war es vergiftet! Man hörte doch immer wieder von ausgelegten Giftködern. Aber was sollte jemand gegen eine Wohnungskatze haben? Die kackte nicht in fremde Rosenbeete und fing auch nur ganz vereinzelt mal eine Meise, die so doof war, durch das Netz auf den Balkon zu schlüpfen. Das schien mir nicht besonders plausibel, mir fiel aber auch nichts Besseres ein.

Ich warf das Ding in den Müll, knotete den Beutel zu und trug ihn direkt nach unten in die Tonne. Weiß auch nicht, warum, ich wollte das einfach schnell loswerden und nicht mehr darüber rätseln müssen – Haken dran.

Zurück in der Wohnung hatte ich es schon fast verdrängt. Die Treppe machte mich völlig fertig. In dieser Schwüle bekam ich schlecht Luft. Ich konnte nicht widerstehen und fläzte mich erneut in den Liegestuhl. Dabei drehte ich ihn ein bisschen, damit ich mich auf dem Balkon, der nur knapp anderthalb Meter tief war, richtig ausstrecken konnte. Allerdings war es inzwischen zu dunkel zum Lesen. Ich schnappte mir also Handy und Ohrstöpsel, startete einen Podcast, schlürfte meine Brause weiter und kämpfte dagegen an, gänzlich einzuschlafen.

Schwapp-schwapp.

Klatsch.

Diese Geräusche gehörten nicht zum Podcast. Ohrstöpsel raus und lauschen. Es platschte hinter mir, als wäre die Katze ins Fass gefallen, allerdings lag die in Sphinx-Positur drinnen auf dem Sofa und beobachtete etwas hinter mir. Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Ich sprang die zwei Schritte ins Wohnzimmer und schaute durch die seitliche Scheibe.

Tatsächlich, irgendetwas durchbrach immer wieder die grüne Oberfläche und ließ die hohen Stängel tanzen. Mit dem Wasserschwall flogen kleine Schwimmpflanzen über den Rand nach draußen. Ich konnte aber nur einen dunklen Schatten sehen. Er schlug hin und her und klatschte gegen den Rand.

Vogel – das konnte nur ein Vogel sein. Selbst eine Meise konnte bestimmt ordentlich Wasser verdrängen, wenn sie tüchtig mit den Flügeln schlug. Vielleicht hatte sie sich in den Pflanzen verheddert.

»Was fliegt die auch noch durch die Gegend, wenn es schon fast dunkel ist. Mensch, Liz, jetzt stell dich nicht so an! Die ertrinkt noch.«

Ich hielt den Atem an, riss mich zusammen und trat ans Fass. Schaufelförmig tauchte ich beide Hände ins Wasser, um das Vieh herauszuheben. Ich rechnete mit nassen Federn, Krallen und Schnabel, aber nicht mit glitschigen Schuppen. Mein Schaufelgriff hatte funktioniert, etwas Großes und Schweres wand sich in meinen Händen. Zwischen meinen Fingern zappelten Extremitäten. Ich ließ das Vieh fallen und machte einen Satz rückwärts – entsetzt starrte ich auf meine Hände, dann wieder auf das Fass. Uäh!

Unter Stöhnen rannte ich ins Bad und wusch und bürstete meine Hände, bis mir die offene Balkontür einfiel. Ich lief den Flur wieder runter und schielte durchs Wohnzimmer.

In diesem Moment kam mir die Katze mit angelegten Ohren entgegen, flach wie eine Flunder, und verschwand in Richtung Schlafzimmer. Ich rannte durch den Raum und schob die Tür zu, Riegel hoch. Jetzt erst riskierte ich einen Blick zum Fass. Um besser ins Dunkel schauen zu können, knipste ich das Licht im Wohnzimmer aus.

Nichts.

Ich wartete. Die Oberfläche war ruhig. Auch um das Fass herum keine Bewegung, soweit ich das mit langem Hals von hier aus sehen konnte.

Noch eine ganze Weile ging ich vor der Glasfront auf und ab und beobachtete das Fass.

Nichts tat sich.

Ich ließ mich auf die Sofakante fallen. Was stimmte hier nicht? Vor allem: Stimmte was mit mir nicht? Das konnte doch alles nicht sein. Mit Wasserpflanzen werden Schnecken und auch schon mal Planarien eingeschleppt, aber keine Fische oder Ähnliches. Ich hatte zwar schon gehört, dass Wasservögel an den Füßen oder im Gefieder Fischeier von einem Tümpel zum anderen transportieren. Aber selbst wenn das stimmen sollte, die Vorstellung von einer Stockente oder einem Teichhuhn auf meinem Fass hier war lächerlich, schon wegen des Netzes rund um den Balkon. Außerdem war das ja kein kleines Fischlein gewesen. Wie lange brauchten Fische, um so groß zu werden? Und diese Extremitäten zwischen meinen Fingern hatten sich nicht wie Flossen angefühlt, sondern eher wie muskulöse Beinchen. Ich schlang die Arme um den Oberkörper und zog die Füße aufs Sofa.

Es gibt nichts Übersinnliches, sondern immer eine logische Erklärung. Wenn man sie nicht findet, bedeutet das nicht, dass es sie nicht gibt. Selbstverständlich können auch natürliche Erklärungen gefährlich sein, etwa wenn sich herausstellt, dass die Geräusche im Haus von einem Einbrecher stammen. Außerdem kamen noch diverse psychische Phänomene infrage, die man selbst typischerweise nicht ohne Weiteres erkennen konnte. Ich war ratlos. Wen konnte ich um Hilfe bitten? Das würde mir doch niemand glauben. Ich glaubte mir ja selbst nicht. Das konnte einfach nicht sein.

Ich schleppte mich ins Bett.

Nach einer unruhigen Nacht voller schleimiger Ungeheuer wachte ich erst kurz vor Mittag auf. Es war schon wieder brüllend heiß. Ein kurzer Regenguss in der Nacht hatte keine Abkühlung gebracht, sondern nur wieder die Luftfeuchtigkeit aufgefüllt. Irgendwann war die Katze unter dem Bett hervorgekommen und hatte sich am Fußende eingerollt. Da lag sie immer noch und guckte mich an.

Ein Blick zum Nachttisch – och nö –, das Handy hatte ich auf dem Balkon liegen lassen. Die Ohrstöpsel auch. Bestimmt waren jetzt die Akkus leer. An das Ding im Wasser konnte ich mich zwar erinnern, aber es schien mir weit weg und unwirklich, wie aus einem meiner schlimmen Träume dieser Nacht. Im hellen Tageslicht war da mit Sicherheit nichts Ungewöhnliches. Trotzdem machte ich im Wohnzimmer noch einmal kehrt, um mir Schlappen anzuziehen. Nur vorsichtshalber. Doch der Teppich war trocken, die Wasseroberfläche still. Bloß einige verstreute Wasserpflanzenteile erinnerten an den Seegang vom Abend.

Ach, bestimmt hatte ich die Pflanzen selbst rausgeschaufelt.

Ich schnappte mein Equipment, zog mich ins Wohnzimmer zurück, schloss die Schiebetür, frühstückte und grübelte. Solange Handy und Ohrstöpsel noch luden, konnte ich mich nicht ablenken. Ich bemühte mich um einen objektiven Blick auf die Sache, fand aber beim besten Willen keine Erklärung.

Halluzination oder Paralleldimension? Nur ich oder auch andere? Ein blöder Streich?

Immer wieder kam meine Gedankenspirale auf meinen Bruder, den Angler. Ich hielt inne und schlug mir mit der flachen Hand auf die Stirn.

Na klar! Der hatte sich einen Scherz erlaubt und einen Fisch in das Fass gesetzt. Alles hatte eine einfache, natürliche Erklärung.

Ich schickte ihm eine Textnachricht und lud ihn unschuldig auf eine Tasse Kaffee ein. Der sollte mir nicht nur Rede und Antwort stehen, sondern das Vieh gefälligst auch direkt wieder mitnehmen.

Ich war dran mit Flurwoche, was auch das Ausfegen der Mülltonnenbucht bedeutete. Es lohnte sich meist nicht, weil die Nachbarin vor mir immer sehr ordentlich war. Auch heute hätte ich fast ohne Unterschied sofort wieder abziehen können. Nur in der Ecke lag ein plüschiges Häufchen. Mit dem Kehrblech bewaffnet, beugte ich mich hinunter.

Du liebe Zeit, so üppigen Schimmelpilz hatte ich ja noch nie gesehen. Bah, ich wünschte, ich hätte eine Atemschutzmaske.

Es handelte sich um echten Plüsch. Kein Pilzrasen, sondern Fell. An den langen Ohren erkannte ich, dass es ein Wildkaninchen sein musste. Ein Kaninchen hatte ich hier im Hof noch nie gesehen, jedenfalls nicht tot. Es kam schon mal vor, dass vor der Fassade irgendwo ein toter Vogel lag, der oben gegen ein Fenster geflogen war. Dann stank es, und man konnte dem Volk der Insekten bei der Arbeit zusehen, bis sich jemand erbarmte und das arme Ding in die Büsche beförderte. Das hier stank nicht. Es schien äußerlich intakt, aber flach und leer wie eine Moorleiche. Wie ausgesaugt.

Ich fasste das Kehrblech richtig und spürte fast zugleich einen heftigen Schmerz im Handrücken. Dort saß eine Mücke in Elefantengröße und trieb ihren Rüssel in mein Fleisch. Wie unter einer Lupe konnte ich alle anatomischen Details erkennen, einfach weil das Biest so riesig war. Reflexartig schlug ich nach dem Monster. Eine Welle der Übelkeit spülte über mich hinweg, als der Körper zwar zermatschte und das Blut spritzte, aber meine Finger auf stabile, dicke Beine trafen. Es schüttelte mich vor Ekel.

Jetzt wusste ich, was dem Kaninchen zugestoßen war.

Dann ein Schmerz am linken Schulterblatt.

An der Hüfte.

Das Kehrblech schepperte auf den Boden, ich rannte um mich schlagend zur Haustür und fummelte den Schlüssel heraus, das Schloss traf ich erst im dritten Anlauf. Ich drückte die Tür von innen zu, so schnell es gegen die Federung ging, und scannte mein Sichtfeld nach Bewegung, lauschte nach typischen Geräuschen.

Staub tanzte glitzernd durch das Licht, das durch das Fenster hereinfiel. Sonst sah ich nichts. Es blieb still.

Dann begann der Juckreiz. Ich hechtete die Treppe hoch. Im Bad am Arzneischrank schluckte ich erst eine Antiallergietablette und konnte mich dann nicht zwischen der Mückenstichsalbe und der Wunddesinfektion entscheiden.

Ein Blick in den Spiegel und ich beschloss, dass eine Dusche nötig sei, um das Blut abzuwaschen. Eines der Viecher hatte mich an der Schläfe erwischt.

Da klingelte es.

»Hey, Liz. Wie siehst du denn aus? Kettensägenmassaker?«

»Das glaubst du mir eh nicht.« Ich kratzte mit beiden Händen an wechselnden Körperteilen.

Lukas hob die Augenbrauen.

Na gut, er wollte es nicht anders.

Mitten in einer artistischen Verrenkung, um auch den Mückenstich am Knöchel zu erreichen, deutete ich mit dem Kinn zur Wohnungstür. »Unten bei den Mülltonnen. Das waren Mücken so groß wie Taranteln. Guck mich an, ich bin total zerstochen.«

»Ach ja, und Schneeflocken so groß wie Kuhfladen, dass man die Schneeketten anlegen muss.« Er lachte.

Ich verschränkte die Arme. »Siehste! Hab ich doch gesagt, du glaubst mir nicht.« Ich machte auf dem Absatz kehrt.

Während Lukas mit dem Rolli auf den Balkon kurvte, klatschte ich mir Wasser ins Gesicht, um wenigstens wieder erkennbar zu sein, besprühte mich an den verbeulten Stellen mit Wunddesinfektion, trug nach dem Trocknen auch noch Salbe auf, zog ein frisches Top an und lief in die Küche. Meiner Ansicht nach ging nichts über handgebrühten Filterkaffee. Das brauchte ich jetzt. Ganz dringend.

Mit den Tassen in den Händen trat ich zu Lukas auf den Balkon und setzte mich an den Tisch.

»Was riecht denn hier so?«, wollte mein Bruder wissen und guckte sich um.

»Das sind die hohen Wasserpflanzen da. Toll, oder?«

»Krieg ich Kopfschmerzen von.«

»Ich find’s geradezu hypnotisch entspannend.« Zumindest bis gestern Abend.

Ab und zu tupfte ich die Stiche ab, aus denen immer noch Blut austrat. An anderen kratzten meine Finger wie von selbst.

»Du bist wirklich ganz schön verbeult. Mit dem Knubbel da an der Schläfe sieht deine linke Hälfte aus wie Frankensteins Monster. Falls du nachher noch auf die Piste wolltest: Das kannst du vergessen.«

»Guck dir diese fetten Stiche an!« Ich zeigte ihm einige, die sich an jugendfreien Körperstellen befanden. »Auch wenn du es mir nicht glauben willst, normale Mücken waren das keinesfalls. Überhaupt bin ich zurzeit irgendwie im falschen Film.« Ich erzählte vom Monster des Miniteichs. »Dieses Vieh, das du mir da reingesetzt hast, nimmst du gefälligst wieder mit. War total lustig, aber jetzt ist es genug.«

Lukas runzelte die Stirn. Man sah es geradezu hinter seiner Stirn rattern. Anscheinend ergebnislos. »Hä?«

»Na, diesen Karpfen oder was immer das sein mag. Hat mich voll erschreckt, ich hätte mir fast in die Hose gemacht. Und schlafen konnte ich auch nicht. Das ist übrigens auch tierschutzrechtlich fragwürdig.« Ich drohte mit dem Zeigefinger.

»Ich verstehe kein Wort.«

Ich schaute zum Fass; er folgte meinem Blick.

»Du meinst, ich hätte dir da einen Fisch reingesetzt? Wozu sollte das gut sein? Ich hätte dein dämliches Gesicht ja gar nicht sehen können. Außerdem war ich seit fast drei Wochen nicht mehr hier, das hättest du doch schon längst mal gemerkt.« Er wendete und rollte rüber zum Fass. »Das hat doch bestimmt allmählich Außentemperatur, DAS ist tierschutzmäßig eine Zumutung, das will ich dir mal sagen. Besonders, wenn du Fische darin hältst.«

»Ich halte ja gar keine Fische da drinnen! Du warst das doch, du hast ihn reingesetzt!« Mit der Zeit wurde ich böse. Er konnte es doch wenigstens zugeben und ihn wieder mitnehmen. Stattdessen tat er unwissend.

»Wo ist denn nun der vermeintliche Fisch?«

Ich drückte ihm die Fliegenklatsche in die Hand. »Man kann nicht viel sehen wegen der ganzen Entengrütze auf der Oberfläche.«

Lukas korrigierte: »Das ist ein Schwimmfarn.« Er rührte im Fass. Es tat sich nichts. Kein Klatschen, kein Schlagen. »Da ist nichts drin.«

Mannmannmann, musste man denn echt alles selber machen? Bei der Gelegenheit könnte ich aber direkt den Belüfterstein suchen.

»Geh mal zur Seite.« Ich beugte mich über das Fass und hielt einen Finger ins Wasser. Es war wirklich ziemlich warm. Geradezu tropisch. Ich schob die Schwimmpflanzen beiseite, um ins Wasser sehen zu können. Das half nicht: Dicht unter der Oberfläche wimmelte es von gigantischen Mückenlarven, die sich sofort weiter nach unten verzogen. »Bäh! Hast du das gesehen?«

»Nee, ehrlich gesagt nicht. Da ist kein Fisch drin, das bildest du dir ein.«

»Ich meine diese monströsen Mückenlarven! Da fasse ich ganz sicher nicht rein. Die Mutanten unten bei den Mülltonnen kommen aus diesem Fass hier!«

Lukas verdrehte die Augen. »Ganz bestimmt. Deshalb sind sie auch unten bei den Mülltonnen und nicht hier.« Er manövrierte sich auf dem engen Balkon geschickt zum Tisch zurück und nahm einen Schluck Kaffee. Dann deutete er auf etwas jenseits des Netzes. »Coole Deko. Wo hast du das denn her? Und warum versteckst du es hinter dem Strauch? Sieht voll echt aus.«

Ich schob ihn zur Seite, damit ich auch gucken konnte, und prallte vor Schreck zurück. Eine riesige Spinne! Hellbraun und fast durchscheinend. Der gepanzerte Körper maß etwa fünf Zentimeter. Die langen, jetzt irgendwie unkoordiniert eingefalteten Beine waren besetzt mit Stacheln und Dornen, das vordere Beinpaar verdickt zu kräftigen, messerscharfen Scheren – eine Krabbe!

»Was denn, erschrickst du vor deiner eigenen Deko? Guter Trick!« Lukas lachte mich aus.

»Das ist nicht meins, hab ich noch nie gesehen. Lebt es noch?«

»Ach, das ist doch nur eine Exuvie.«

»Eine – was?«

»Na das, was nach der Häutung übrig bleibt. Bei Schlangen, Insekten, Spinnentieren. Das hier ist von einer Meereskrabbe, würde ich mal sagen. Damit kenn ich mich nicht so aus. Sieht echt zum Fürchten aus, irgendwie archaisch.«

Archaisch – das klang nach Urwelt und Dinosauriern, da konnte ich ihm nur zustimmen. Mir kam ein Gedanke: Die Viecher häuten sich, um wachsen zu können, und das hier war nur eine leere Hülle. »Heißt das, hier läuft jetzt irgendwo ein Vieh rum, das noch größer ist als der zu klein gewordene Ganzkörperanzug hier?«

Lukas guckte schief. »Willst du mich veralbern? Wenn du es wirklich nicht selber warst, hat dir jemand anders das leere Ding dahin gesetzt. Als Gag, um dich zu erschrecken. Diese Tiefseewasauchimmer sind doch an Land garantiert nicht lebensfähig. So eine Häutung dauert auch ein paar Stunden. Und da es nicht mehr drin ist, muss es die wohl überlebt haben.«

»Ich sag ja, das klettert hier jetzt irgendwo rum!« Ich schaute unter den Tisch, hinter die Bank und an die Decke über mir, bis ich mir albern vorkam.

Lukas beobachtete mich und feixte.

»Ach, wieder so ein toller Spaß von dir – wie mit dem Fisch!«

Mein Bruder lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Spinn hier mal nicht rum, ich war das nicht!«

»Aber jemand von außen käme höchstens an den Balkonkasten, aber nicht an den Miniteich. Der steht ja innerhalb des Netzes. Und das ist noch heil.«

»Jetzt krieg dich mal wieder ein, dafür gibt es bestimmt eine einfache Erklärung.« Lukas strich sich über den Bauch. »Ich könnte ein Häppchen vertragen. Und du auch. Essen beruhigt die Nerven.«

Vielleicht hatte er ja recht, meine Sinne waren einfach etwas überreizt. Ich seufzte. »Schnittchen?«

»Schnittchen wären super.«

»Dann holst du aber die Getränke aus dem Keller.«

Ich ging in die Küche und schmierte ein paar Brote.