Mythalia - C. Berz - E-Book

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C. Berz

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Beschreibung

Das Pfauenreich – 50 Jahre nach Ende des Krieges zwischen Elfen und Menschen … Linnea ist glücklich mit ihrem Leben als fahrende Musikantin. Doch kurz nach ihrem 18. Geburtstag ist plötzlich nichts mehr wie vorher. Sie hat wundersame Visionen von einer Brücke aus purem Licht, die in eine mystische Welt führt. Diese Entdeckung bedeutet höchste Gefahr für den Frieden zwischen den Welten. Linnea ahnt noch nicht, dass alles ins Wanken gerät, sobald sie die Brücke überquert. Marion hat sich längst daran gewöhnt, ihren Lebensunterhalt als Dirne zu verdienen. Einer ihrer Freier hat es ihr dabei besonders angetan. Mit jedem Tag wird ihre Beziehung zum Freiherrn von Hagel greifbarer – und gefährlicher. Ausgerechnet er hat angeblich ein schreckliches Verbrechen begangen, für das er sterben soll. Kann Marion ihm vertrauen?

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C. Berz

Impressum

Texte:   © 2021 Copyright by C. Berz

Umschlag: © 2021 Copyright by Acelya Soylu

Verantwortlich

für den Inhalt: C. Berz

Prolog

Die Pfauenveste war die größte und älteste Festung im ganzen Reich. Häuser, Mauern und Türme wuchsen wie eine gewaltige, runde Treppe auf zwölf Ebenen den Berg empor bis zu ihrem Herzstück, dem Bergfried. Der Rundturm, der einsam im Zentrum der Festung stand, war so hoch, dass sein kegelförmiges Dach meist bis in die Wolken ragte und von ihnen verschluckt wurde. Jedoch nicht heute, nicht an diesem Wintertag. Der Himmel erstrahlte in einem klaren, tiefen Blau, die Luft war kalt und rein. Zu späterer Stunde tauchte die untergehende Sonne die Zinnen und Dächer der Pfauenveste in warmes, beruhigendes Licht. Doch so schnell die Helligkeit schwand, so schnell legte sich ein dunkler Schatten über die Festung des Pfauenkönigs. Der Schatten des Krieges.

   In jener Winternacht endete der Jahrhunderte andauernde Krieg zwischen Elfen und Menschen. In jener Nacht gelang es den Elfen, in die Hauptstadt der Menschen einzudringen.

Silip war ein dünner und hochgewachsener Sohn eines Knappen und einer Zofe. Er hatte dunkelbraunes Haar, das ihm in wirren Strähnen über die Schultern fiel und müde, tiefliegende Augen. Wie jedem Bewohner der Stadt hatte man auch ihm Schwert und Armbrust in die Hände gedrückt, als der Angriff der Elfen nahte. Doch der Junge musste nicht lange kämpfen.

   Ein Diener kam stolpernd neben einem der Ritter zum Stehen. Eine Hand gegen die Rippen gepresst, stieß er hervor: „Sie sind … auf dem Weg … in die Zehn!“

   Der Ritter hatte keine Zeit aufzublicken, denn soeben zwang er einen Gegner in die Knie und spaltete ihm den spitzohrigen Schädel. Doch der Knappe des Ritters horchte auf und wirbelte alarmiert herum. Der Knappe war Silips Vater.

   „Sie wollen die Kinder. Silip, deine Mutter! Du musst sie warnen. Lauf zu ihr, schnell! Lauf!“

   Und Silip warf die Armbrust fort und lief. Auf der zehnten Ebene des Turms waren die Söhne des Pfauenkönigs untergebracht. Silips Mutter war das Kindermädchen. Der Junge rannte so schnell wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Das Pflaster flog unter seinen Füßen dahin. Er erklomm Treppen und Mauern in Windeseile, während er Schwertern und Pfeilen auswich und keuchend über Leichen sprang. Es war unmöglich, schneller als ein Elf zu sein. Aber die Vorstellung, dass die Feinde seine Mutter zuerst erreichen könnten, spornte Silip an. Er ließ Menschen und Elfen gleichermaßen hinter sich und spürte den Schmerz seiner protestierenden Lunge kaum.

   In den Korridoren des Turms war es ruhig und Silips Hoffnung wuchs, als er die zehnte Ebene erreichte, wo seine Mutter die Kinder hütete. Dort war der Deinstboteneingang! Japsend stieß er die Tür auf – und warf sich sofort zu Boden. Im selben Augenblick, da Silip durch die Hintertür das Zimmer betrat, wurde die breite Vordertür krachend aus ihren Angeln gerissen. Der Junge kauerte sich rasch hinter einen schweren Vorhang und beobachtete mit vor Furcht aufgerissenen Augen, was vor sich ging.

   Mindestens zwanzig Elfen marschierten im Gleichschritt in den großen Raum hinein. Sie glichen einander auf verblüffende Art und Weise, mit ihrer makellosen, indigoblauen Haut, den spitzen Ohren und den blutbefleckten schwarzen Rüstungen. Selbst das schwarze, glatte Haar fiel jedem der Männer auf die gleiche Weise bis zu den Hüften herab wie flüssiges Pech. Allen voran schritt ein breitschultriger, imposant wirkender Elf, der als Einziger einen goldenen Helm trug. Silip traute seinen Augen kaum. Vor ihm stand der König der Elfen! Fasziniert betrachtete der Junge die eleganten Geschöpfe und konnte seinen Blick nur unter Anstrengung losreißen, um nach seiner Mutter Ausschau zu halten. Er musste nicht lange suchen.

   Die Mitte des Raumes nahm ein großer, weicher Teppich aus doppellagigem Bärenpelz ein. Bis zum Eindringen der Elfen hatten drei Kleinkinder unbeschwert darauf gespielt. Es waren die beiden Söhne des Pfauenkönigs und deren Cousin. Der kleinere der beiden Prinzen lag auf dem Bauch und hatte sich bis eben noch mit einer Rassel beschäftigt. Der Ältere saß auf einem niedrigen Hocker dicht neben seinem Cousin und ließ soeben vor Schreck sein Holzpferd fallen. Der König der Elfen hatte kaum einen Schritt auf die Kinder zu gemacht, da öffnete Ludwig, der Cousin der Prinzen, den Mund und begann herzzerreißend zu schreien.

   Augenblicklich war Silips Mutter zur Stelle. Bevor die Elfen eines der Kinder greifen konnten, kniete sich das Kindermädchen mitten auf den Teppich und breitete schützend ihre Arme aus. Beiläufig strich sie dem weinenden Ludwig über den hellbraunen Haarschopf, den Blick starr auf den König der Elfen gerichtet. Stolz und zugleich voller Angst erkannte Silip, dass nicht ein Funken Furcht in den Augen seiner Mutter lag.

   „Beseitigt sie!“, bellte der Elfenkönig.

   Alle Elfen zogen in einer einzigen Bewegung ihre Waffen und kamen auf Silips Mutter zu.

   Alle, bis auf einen.

   „Mein König, wartet!“

   Gesprochen hatte ein Elf, der die anderen Elfen um einen ganzen Kopf überragte. Trotzdem war er ziemlich schlaksig und wirkte recht jung. Sein Schwert steckte noch in seinem Gürtel und er machte keine Anstalten, es zu zücken. Die anderen Elfen zögerten, also schritt der junge Elf zügig an ihnen vorüber, streckte Silips Mutter seine blaue Hand entgegen und sagte:

   „Bitte, geht beiseite. Sonst werden sie Euch töten.“

   Doch sie starrte ihn nur argwöhnisch an, deshalb wiederholte er eindringlich, aber sanft:

   „Ich bitte Euch. Kommt zu mir. Dann wird Euch nichts geschehen. Den Kindern auch nicht.“

   Von seinem Versteck aus beobachtete Silip, wie sich die Gesichtszüge seiner Mutter entspannten. Auch Silip konnte nicht anders, als der ruhigen Stimme des Elfen zu vertrauen. Seine Mutter zögerte kurz, dann ergriff sie die Hand des Elfen und ließ sich von ihm zur Tür bugsieren. Sie warf einen besorgten Blick auf die Kinder, denn der kleine Ludwig fing gerade wieder an zu weinen und auch die beiden Königssöhne quengelten, weil ihr Kindermädchen sie alleine ließ.

   Doch der Elf drängte sie weiter. „Geht jetzt. Ihnen passiert nichts.“

   Erleichtert schaute Silip zu, wie der Elf seine Mutter aus dem Zimmer und damit außer Gefahr brachte. Doch für die Kinder war es noch nicht vorbei.

   „Dein Mitgefühl für die Unschuldigen hat dich schon immer schwach gemacht. Du bist weich“, schnaubte der König und bedachte den jungen, großen Elfen mit einem abfälligen Blick. „Nun denn, Männer. Tötet die Kinder.“

   Silip hielt erschrocken die Luft an. Doch die Elfen hatten kaum zwei Schritte auf die Kinder zugemacht, als sie der junge Elf entsetzt unterbrach.

   „Was?! Aber mein König!“

   Silip staunte nicht schlecht, als die Elfen innehielten und verunsichert zwischen dem König und dem jungen Elfen hin und her blickten. Elfen waren die loyalsten Wesen auf dieser Welt. Sie taten immer ihre Pflicht, was es auch kostete. Noch nie hatte Silip gehört, dass ein Elf seinem Herrn widersprach.

   Der junge Elf fuhr fort: „Wir wollten sie gefangen nehmen.“

   „Das reicht nicht aus. Einer von ihnen ist dazu bestimmt, der nächste Pfauenkönig zu sein. Wir haben es fast geschafft. Wenn wir erst dieses Land erobert haben, können wir nicht riskieren, die Thronerben leben zu lassen. Sie sind der Feind.“

   „Sie sind unschuldig. Ich werde es nicht tun.“ Der junge Elf deutete auf die anderen Elfen. „Und deine Männer auch nicht, wie du siehst.“

   Eine Woge des Zorns huschte über das Gesicht des Königs. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zog er sein eigenes Schwert aus der Scheide – einen elegant geschwungenen Säbel mit glänzendem, schwarzem Griff und goldener Parierstange – und betrat den Spielteppich. Ludwig brüllte inzwischen aus Leibeskräften nach seinem Kindermädchen.

   „Tu das nicht!“, schrie der junge Elf.

   Mit unfassbarer Schnelligkeit sprang er seinem König in den Weg und ergriff sein eigenes Schwert. Er hatte es bereits zur Hälfte gezogen, da traf ihn der vernichtende Blick seines Herrn und er erstarrte in der Bewegung. Nun brannte unverhohlene Wut in den Augen des Königs.

   „Das wagst du nicht“, flüsterte er drohend.

   Da begann der junge Elf ein wenig zu zittern. Er schluckte geräuschvoll. Resignierend schob er schließlich sein Schwert zurück in die Scheide. Mit einem triumphierenden Ausdruck im Gesicht ließ ihn der König links liegen und schritt an ihm vorbei. Dann hob er seinen Säbel und holte zum tödlichen Schlag aus.

   Obwohl sich Silip schrecklich fürchtete, wusste er, dass der Zeitpunkt gekommen war, einzuschreiten. Er nahm all seinen Mut zusammen, um sich auf den König stürzen – als ihm der große, schlaksige Elf zuvor kam.

   „Nein, Vater!“, brüllte er.

   So schnell, dass Silip ihm kaum mit den Augen folgen konnte, warf sich der Elf auf seinen König. Er stieß ihn mit solcher Kraft gegen die Brust, dass der König durch das Zimmer und zur Tür hinaus stolperte, wo er mit scheppernder Rüstung gegen die Wand prallte. Und dann ging auf einmal alles ganz schnell.

   „Da sind sie!“ Draußen auf dem Korridor wurden Rufe laut. „Feuer!“

   Im nächsten Augenblick war das Surren von Bogensehnen zu hören und drei Pfeile schossen von der Seite auf den König zu. Der erste glitt an seinem schwarzen Brustharnisch ab, ohne Schaden anzurichten. Der zweite jedoch traf ihn in die Seite, knapp unter der Achsel. Und der dritte Pfeil durchschlug schließlich seinen Hals.

   Der junge Elf stieß bei diesem Anblick einen grauenhaften Schrei aus. „NEIN!“

   Aber der König der Elfen konnte nichts mehr erwidern. Er öffnete den Mund, doch es quoll nur grünlich-blaues Blut hervor. Er trat noch zwei Schritte in den Raum hinein, bevor er vornüber kippte und reglos mit dem Gesicht nach unten liegen blieb.

   „Vater“, flüsterte der junge Elf mit kraftloser Stimme.

   Es dauerte nicht lange, bis zwei Dutzend Ritter und Knappen in den Raum hinein strömten. Auch Silips Vater war unter ihnen. Die Menschen hatten ihre Waffen gezückt, doch die Elfen griffen nicht an, sondern starrten allesamt fassungslos auf die Leiche ihres Königs. Als die Menschen das bemerkten, zogen sie es vor, die Elfen einzukreisen und zu umzingeln. Offenbar identifizierten sie den jungen Elf gleich als den Königssohn, denn Ibish, der oberste Ritter, trat vor und richtete die Spitze seines Schwertes auf den Elfenprinz.

   Dann fragte Ibish laut durch sein Helmvisier: „Hast du irgendwelche letzten Worte?“

   Wenn es einen richtigen Zeitpunkt gab, um zu handeln, war er jetzt. Ohne weiter nachzudenken, sprang Silip auf, um den Elf zu retten, der das Leben seiner Mutter verschont hatte.

   „Wartet!“, rief er und drängte sich zwischen den Elfen und Menschen hindurch.

   Entschlossen stellte er sich direkt vor den obersten Ritter, der ihn völlig verblüfft anstarrte. Aber es war Silips Vater, der zuerst das Wort ergriff.

   „Silip? Da bist du ja! Wo ist deine Mutter?“

   Silip lächelte seinen Vater an und zeigte auf den Elfenprinz. „Sie haben Mama verschont. Seinetwegen.“

   Und ehe jemand etwas erwidern konnte, sprudelten die Worte wie ein Wasserfall aus dem Mund des Zwölfjährigen hervor.

   „Der Prinz wollte auch die Kinder verschonen. Er hat sich gegen seinen König gestellt. Und er …“ Silip zögerte, bis er leiser als zuvor sagte: „Der Prinz hat seinen Vater in eure Schusslinie gestoßen.“

   Bei seinen Worten zuckte der junge Elf kaum merklich zusammen und senkte beschämt den Kopf. Ibish beäugte Silip misstrauisch, richtete das Wort aber an den Elfenprinz.

   „Ist das wahr?“, fragte er barsch.

   Da warf einer der Ritter mit einem Schnauben ein:

   „Du fragst einen Elfen nach der Wahrheit?“

   „Soweit ich weiß, können sie nicht lügen“, gab Ibish zurück.

   „Das gilt aber nur gegenüber ihrem Herrn. Ihm sind sie absolut ergeben.“

   Einer der Elfen stöhnte leise auf. „Unser Herr ist tot“, flüsterte er.

   Das brachte alle zum Verstummen. Silip kam sich schrecklich winzig vor zwischen all den hochgewachsenen, breitschultrigen Gestalten.

   Trotzdem erhob er abermals die Stimme: „Der Prinz hat sich gegen seinen Herrn gewandt, Sir Ibish.“

   Endlich blickte der junge Prinz auf, reckte stolz sein bartloses, blaues Kinn und verkündete mit fester Stimme: „Es reicht. Dieser Krieg … hat er nicht schon lange genug gedauert? Über hunderte von Jahren ist so viel Blut vergossen worden. Blaues oder rotes Blut – das macht doch längst keinen Unterschied mehr. Und wenn wir jetzt so weit gekommen sind, dass wir unschuldige Kinder ermorden … Dann will ich diesen Krieg nicht gewinnen. Lasst uns verhandeln. Auf friedliche Weise, ohne zu kämpfen.“

   Ein Raunen ging durch die Reihen der Elfen, doch sie widersprachen ihm nicht. Gebannt wartete jeder die Reaktion des obersten Ritters ab. Doch Ibish schüttelte bedauernd den Kopf.

   „Es kann keine Verhandlungen geben, solange nicht eine von beiden Parteien als Sieger hervorgeht.“

   Der Elfenprinz nickte. Damit hatte er gerechnet.

   „Dann soll es so sein“, sagte er.

   Plötzlich machte er eine rasche Bewegung, die viel zu schnell für die langsamen Reflexe der Menschen war. Im nächsten Augenblick hatte er seine Gürtelschnalle gelöst und sein Waffengurt fiel klappern auf den Steinboden. Nun beugte der Prinz sein linkes Bein und sank vor Sir Ibish zu Boden. Etwas langsamer als zuvor zog er sich dabei Bogen und Köcher von den Schultern und legte beides zu seinem Schwert.

   Seine Stimme flatterte ein wenig, als er hervorstieß: „Wir kapitulieren.“

   Eine Zeit lang wagte es niemand, sich zu rühren oder auch nur ein Wort zu sprechen. Aber dann wichen die Menschen allmählich zurück und senkten ihre Waffen. Die Elfen taten es ihrem Prinzen gleich und gingen auf die Knie. Sie waren besiegt.

Das war der Tag, an dem die Elfen den Krieg verloren. Der Elfenprinz konnte all seine Männer zum Rückzug bewegen – denn dank Silip hatte man sein Leben verschont. Es folgten noch weitere, lange Jahre der Verhandlungen. Doch an diesem Tage endete das fürchterliche Blutvergießen und der Krieg war vorüber.

Stürmische Nächte

Der Himmel verdunkelte sich zusehends. Dichter und dichter wurden die Wolken. Aus einem lauen Sommerlüftchen entwickelte sich rasch ein pfeifender, kühler Wind, der das Gras niederdrückte und Wellen auf der Wasseroberfläche der Unser entstehen ließ. Ganz leicht nur kräuselte sich das Wasser, verzerrte die Spiegelbilder der Bäume und Gräser bis zur Unkenntlichkeit. Auf einmal wirkte der Fluss düster und bedrohlich. Das Licht drang nur noch schwach durch die Wolken und nahm die Farbenvielfalt der Welt mit sich fort.

   Doch die Welt störte sich nicht daran. Das fröhliche Trällern der Vögel drang unaufhörlich durch den Wald. Dutzende verschiedene Arten zwitscherten ihre Lieder weiter, das Hämmern eines Schwefeltrommlers klang durch die Luft. Die Dämmerung lockte aber auch die Geschöpfe der Nacht langsam hervor.

   Eine kleine Fledermaus schoss zwischen den dichten Blättern einer Baumkrone hervor und flog in raschem Zick-zack auf eine weite Grünfläche hinaus, die sich in einer ausladenden Kurve der Unser mitten im Wald auftat. Ein Mädchen saß dort, auf einem mit gelbem Eselskraut bewachsenen Stein, unweit des Flussufers. Linnea blickte auf, als sie das helle Pfeifen der Fledermaus vernahm und strich sich das dunkelbraune Haar hinter eines ihrer Ohren, um sie besser betrachten zu können. Ein warmes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Für eine Türmerin war Linnea außergewöhnlich hellhäutig. Die Türmer waren Nomaden und konnten es sich nicht leisten, teure Unterkünfte zu bezahlen – abgesehen davon durften sie ohnehin nur außerhalb der Städte lagern. Auch dieses 17-jährige Mädchen war also ohne jeglichen Luxus aufgewachsen, hatte nie hinter dicken Mauern in einem weichen Bett mit unzähligen Kissen geschlafen und war ohne Diener und Kammerzofen ausgekommen, die sie jeden Morgen weckten und in prunkvolle Seidengewänder kleideten. Linneas Kleidung bestand aus einer schmutzigen, ausgefransten Hose und ebenso verdreckten und ausgetretenen Korbsandalen, sowie dem für Spielleute typischen bunten Überwurf aus einem groben, sackartigen Stoff.

   Einen Augenblick lang sah Linnea der Fledermaus zu, wie sie ihr ein paar Mal pfeifend um den Kopf schwirrte, bis sie schließlich einen Haken in der Luft schlug und hinter dem Mädchen zwischen den Zelten der Spielleute verschwand. Das halbe Dutzend Zelte gab ein armseliges Lager ab, dort neben dem großen Gutshof am Rande des kleinen Ortes Markt Ruder.

   Das Türmermädchen wandte sich den Zelten zu. Die dünnen Planen flatterten im Wind und die Glockenspiele vor den Zelteingängen klimperten um die Wette. Sonst rührte sich nichts. Ein Schatten hatte sich über das Lager gelegt wie ein unsichtbares, drohendes Unheil. Doch die Stille und die Düsternis lagen nicht nur am Wetter. Die Dämmerung brach herein.

   Ein Gefühl sagte Linnea, dass es noch lange nicht regnen würde, doch sie beschloss trotzdem, zurückzukehren. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch und schlang die Arme um ihren Körper, um sich vor dem plötzlich schneidenden Wind zu schützen. Eben schaute sie sich noch ein letztes Mal um, da blieb ihr Blick an etwas auf der anderen Seite des Flusses hängen. Linnea kniff die Augen zusammen – doch dann wandte sie sich ab und stapfte zu den Zelten zurück, während sie sich einredete, sich die Bewegung zwischen den Bäumen am anderen Ufer nur eingebildet zu haben.

   Achtlos lief sie an den ersten Zelten vorbei – deren Bewohner kannte sie nicht, es war das erste Mal, dass das ganze Lager aus für sie völlig fremden Türmern bestand. Das Mädchen näherte sich dem letzten Zelt in der Reihe. Die Zeltplanen waren bereits alle heruntergeschlagen und fest verschnürt, um dem nahenden Sturm standhalten zu können. Auf die weiße Plane war ein farbiges Wappen gestickt. Ein silberner Turm auf rot-weißem Grund – das Zeichen der Spielleute. Daneben hieß es in verschnörkelter Schrift: DieMuskelfurchen und gleich darunter war noch ein kleineres Symbol gestickt: Es stellte den Umriss eines Mannes dar, der mit seinen nach oben gereckten Oberarmen prahlte.

   Die Männer dieser Familie hatten wohlgeformte Muskeln, die sie gerne zur Schau stellten. Sie verdienten ihr Geld mit Vorführungen ihrer Stärke und Ausdauer. Dabei kämpften sie regelmäßig mit Schwertern und Felsbrocken oder rangen mit wilden Tieren. Ihre Körper waren vernarbt und ihre weitbekannten Muskeln wiesen tiefe Furchen auf, woraus schließlich mit der Zeit ihr Familienname entstanden war.

   Auf dem lockeren Kiesboden vor dem Zelteingang lag eine weiße Lichtwölfin. Sie hob den Kopf, als Linnea näher trat.

   „Na, Räubertochter?“, sprach sie die Wölfin an und bückte sich, um ihr das pelzige Kinn zu kraulen. Das Tier brummte zufrieden und rutschte demutsvoll zur Seite, damit das Mädchen eintreten konnte.

   „Achte gut auf uns, ja?“, flüsterte Linnea der Wölfin zu, bevor sie die Eingangstür – in den Stoff eingenähte, dünne Holzbretter – zur Seite schob und das Zelt betrat.

   Drinnen empfingen sie wohlige Wärme und blauer Kerzenschein. Das halbe Dutzend flackernder blauer Kerzenflammen vermittelte Linnea eine Geborgenheit, wie man sie nur Zuhause spüren konnte. Der Sturm hatte das Lager inzwischen erreicht und heulte um das Zelt, doch der dicht gewebte Stoff hielt Kälte und Wind ab.

   Ein anderes Geräusch übertönte das Pfeifen des Windes: der Gesang ihrer Mutter. Sie saß auf einem dreibeinigen Holzschemel, ein aufgerolltes Blatt Pergament in den Händen, und sang konzentriert, was sie las. Eine wundervolle Stimme hatte sie. Sie musste sich nicht anstrengen, sie sang einfach. Sie war geboren, um zu singen, um die Herzen ihrer Zuhörer zu erfreuen. Auf den Märkten sang und tanzte sie für ein breites Publikum, während ihre Tochter die Begleitmusik spielte. Die Lieder, die sie vortrug, stammten allesamt aus der Feder ihrer Tochter.

   Von ihren Zuhörern wurden die beiden oft für Schwestern gehalten. Linneas Mutter wusste die kleinen Fältchen um ihre Augen gekonnt mit dem Saft gestampfter Beeren zu kaschieren. Die beiden schminkten ihre Gesichter auf die gleiche Art und Weise, sodass man kaum mehr einen Unterschied erkannte. Lediglich ihre Hautfarbe unterschied die beiden voneinander. Die Mutter besaß die für Türmer übliche, von der Sonne gebräunte Haut, während ihre Tochter die vornehme Blässe ihres Vaters geerbt haben musste. Dunkelbraunes Haar und dunkelrot geschminkte Augen waren die Markenzeichen der Linnie-Schwestern, wie sie unter den Türmern genannt wurden. Lannie und ihre Tochter Linnea waren besonders in Markt Ruder gerne gesehene Berühmtheiten.

   Linnea blieb im Eingang stehen und lauschte der engelsgleichen Stimme ihrer Mutter, wie sie die letzten Strophen eines schönen aber düsteren Liedes sang:

   „Die Nebel am Grunde, sie singen

    Von Asche und Feuer und Glut.

    Das Wasser, es dürstet nach mir

    Und schäumt bis zum Morgen vor Blut.

    Der Rauch des Schicksals vergeht.

    Der Schatten zur Sonne hin blickt.

    Blutiger Nebel verebbt,

    Vom Schatten fortgeschickt.“

Lannies Stimme wurde leiser, bis sie völlig vom Heulen des Windes verschluckt wurde, doch das traurige Lied hallte im Kopf ihrer Tochter noch lange nach und säte Schwermut in ihrem Herzen. Als sie geendet hatte, wandte Lannie sich ihrer Tochter zu und lächelte. Sofort wich die Traurigkeit, die der Gesang hinterlassen hatte, einem Gefühl von Vertrautheit und Wärme.

   „Da bist du ja.“

   Linnea trat näher und griff nach dem Blatt Pergament, das ihre Mutter vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Nachdenklich betrachtete sie es und erkannte ihre eigene Note in der Schrift.

   „Ist das von mir?“, fragte sie überrascht.

    Lannie lächelte. „Das ist eines deiner ersten Werke. Wenn ich mich nicht täusche, ist es sogar das Erste, das du speziell für meine Stimme geschrieben hast.“

   „Wirklich? Das weiß ich gar nicht mehr …“

   Mit einem Schulterzucken rollte Linnea das Blatt wieder zusammen und legte es zurück. Dann ließ sie sich Lannie gegenüber auf einem hochlehnigen Holzstuhl nieder.

   Nach einer Weile schob Lannie ihr einen Tonbecher hin.

   „Hier. Trink etwas Trauersaft mit mir.“

   Dankbar nahm Linnea den Becher entgegen. Der Alkohol ließ ihre Kehle brennen, doch es tat gut, zu spüren, wie sich in ihrem Körper wieder Wärme ausbreitete. Sogleich nahm sie einen zweiten Schluck. Eine Zeit lang genossen Mutter und Tochter das stille Beisammensein, tranken ab und zu einen Schluck und beobachteten die flackernden blauen Kerzenflammen auf dem Tisch. Doch schließlich stellte Linnea die Frage, die ihr auf der Zunge lag, seit sie das Zelt betreten hatte:

   „Mutter, ist Steinspalter immer noch nicht zurück?“

   Steinspalter war Lannies Ehemann, jedoch nicht Linneas Vater. Lannie beteuerte, sich nicht mehr an den Mann zu erinnern, der ihr eine Tochter geschenkt hatte. Sie sagte stets, sie habe alles vergessen, was geschehen war, bevor sie sich den Spielleuten anschloss. Niemand wusste etwas über ihre Vergangenheit. Sie war schwanger bei den Spielleuten aufgenommen worden und hatte drei Jahre später Steinspalter von den Muskelfurchen geheiratet. Er war der Stärkste unter ihnen. Seinen Namen hatte er sich verdient, indem er bei nahezu jeder Vorstellung ganze Steinbrocken mit bloßen Händen zermalmte.

   Lannie stellte ihren Becher langsam ab und fuhr sich mit den Fingern über die Lippen, bevor sie mit einem leisen Seufzen antwortete:

   „Er ist bei seinem Vater. Das weißt du doch.“

   „In Wintertal? Immer noch?“

   Steinspalters Vater war der Graf von Wintertal. Er herrschte über Markt Wintertal, einen kleinen Ort, genau an der Stelle, wo sich die Unser teilte und ihr Flusswasser zwei getrennten Strömen übergab. Er war einmal ein einfacher Tagelöhner gewesen, doch er war durch schmutzige Geschäfte und unverschämten Geiz reich geworden. So hatte er sich die Gunst des Pfauenkönigs und einen Adelstitel erkaufen können. Seine vier Söhne und zwei Töchter jedoch erhielten kaum etwas von seinem Gold und mussten sich ihren Lebensunterhalt als Spielleute verdienen.

   In letzter Zeit bestellte der Graf immer häufiger seine Söhne zu sich. Sie sollten Aufträge für ihn erledigen, die ganz offensichtlich zwielichtiger Natur waren, denn Steinspalter erzählte den beiden Frauen fast nie etwas darüber. Linnea war sich sicher, dass der Graf und seine Söhne gegen das Gesetz verstießen. Sie kannte den Grafen nicht besonders gut, doch gut genug, um ihn nicht zu mögen. Der alte Mann konnte nichts alleine tun, er brauchte immer jemanden, der sich die Hände für ihn schmutzig machte.

   „Aber – er ist doch bereits vor einer Woche dorthin aufgebrochen. Wenn man zügig reitet, ist man innerhalb einer Stunde in Wintertal. So lange war er noch nie fort…“

   „Ich weiß“, sagte Lannie leise. „Mach dir keine Sorgen, ja?“

   Linnea schwieg. Ihre Mutter verzehrte sich innerlich vor Ungewissheit und Sorge um ihren Ehemann, Linnea sah es in ihren Augen. Wortlos griff sie über den Tisch und nahm Lannies Hand in ihre. Sie drückte diese bedeutungsvoll und versicherte:

   „Ich mache mir keine Sorgen, Mutter. Er kommt sicher bald zurück.“

* * *

Doch er kam nicht. Die ganze Nacht hindurch lag Lannie wach und wälzte sich unruhig hin und her. Auch Linnea fand nur wenig Schlaf. Den folgenden Tag verbrachten beide größtenteils schweigend. Ob beim Kochen, Pferde striegeln, Felle und Teppiche ausklopfen oder beim Baden im Fluss, sie wechselten nur wenige Worte. Am späten Nachmittag sahen sie erstmals ein paar bekannte Gesichter, als sich weitere Türmer dem Lager anschlossen und zwei große Zelte gleich neben dem ihren errichteten: Das fahrende Händlerehepaar Lydia und Birk, sowie die alte Eiserne Witwe – seit dem Tod ihres Mannes Wahrsagerin.

   Als Mutter und Tochter am Abend erneut allein bei Kerzenschein am Tisch saßen, klopfte es an der provisorischen Eingangstür. Räubertochter, die den beiden ins Zelt gefolgt war, fuhr auf und knurrte drohend. Doch Lannie schob sie nur schnell zur Seite und öffnete rasch die Tür. Es war offensichtlich, wen sie erwartete. Ebenso offenkundig war die Enttäuschung in ihrem Gesicht, als sie nicht ihren sehnsüchtig erwarteten Ehemann, sondern drei Türmer erblickte. Aber sie fing sich überraschend schnell wieder und setzte ein freundliches Gesicht auf, um die Neuankömmlinge zu begrüßen.

   „Tante, schön dich wiederzusehen!“ Lannie schloss die Eiserne Witwe sogleich in die Arme. Lannie nannte sie Tante, seit die Alte sie aufgenommen hatte, als sie mit Linnea schwanger war.

   „Lydia, Birk. Willkommen.“

   Auch den anderen beiden schenkte Lannie Umarmungen.

   „Darf man sich zu euch gesellen?“, fragte die Eiserne Witwe mit falscher Höflichkeit, während sie das Zelt bereits mit drei Schritten durchquerte und sich hinter Linnea stellte.

   „Ja sicher, kommt herein.“

   Lannie war nicht gut darin, ihre Gefühle zu verbergen und so gelang es ihr auch an diesem Abend nicht, sich zu verstellen. Ihre Stimme, ihr Blick, ihre ganze Haltung, verrieten, dass ihr nicht wohl dabei war, in der Abwesenheit ihres Mannes Gäste zu empfangen.

   Auch Linnea erhob sich jetzt, trat auf die Eiserne Witwe zu und umarmte sie fest. Die langen, schlohweißen Haare der Alten rochen nach Kräutern und Seifenwasser. Linnea hatte sie vermisst. Es war beinahe ein Jahr her, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Sie hatte befürchtet, ein runzliges Weib vor sich zu sehen, das kaum noch gehen konnte, aber die Eiserne Witwe sah aus wie eh und je. Sie hielt sich gut für ihr Alter. Die Alte hielt Linnea an den Schultern fest und beäugte das Mädchen mit gerunzelter Stirn.

   „Meine Güte, du bist schon wieder gewachsen!“, stellte sie schließlich mit gespieltem Entsetzen fest. Tatsächlich überragte Linnea sie um beinahe zwei Kopflängen.

   „Ich glaube, du bist wohl eher geschrumpft, Tante.“

   Die Eiserne Witwe stieß ein glucksendes Lachen aus.

   „Ja, da hast du recht. Ich bemerke es selbst: Wenn man alt wird, wächst man nach unten anstatt nach oben.“

   Nun musste auch Linnea lächeln. Nacheinander begrüßte sie jetzt auch Lydia und Birk. Sie musste schließlich feststellen, dass nicht die Eiserne Witwe, sondern Lydia besorgniserregende Veränderungen durchlebt hatte. Auch sie war scheinbar geschrumpft, ihr aschblondes Haar klebte ihr in dünnen Strähnen am Kopf, ihre braungebrannte, wettergegerbte Haut hing schlaff von den Wangenknochen herab und warf unzählige Falten. Ihre Waden waren dick geschwollen, als stünde Wasser darin. Einzig ihre Kleidung vermochte ein wenig zu verbergen, wie sehr sie abgenommen hatte. Die schwarze Händlerkluft mit der weißen Schärpe passte wie angegossen, da Lydia ihre Kleider selbst schneiderte.

   Linnea, Lannie, die Eiserne Witwe, Lydia und Birk saßen lange beisammen und tranken. Geredet wurde dabei nicht viel. Nachdem auch auf die Frage, wo denn Steinspalter sei, außer einem gemurmelten „Wintertal“ nur noch abwesende, sorgenvolle Blicke von Lannie folgten, beließen es die Gäste bei belanglosen Gesprächsthemen wie dem Sturm, dem Lästern über die Dirnen oder der Diskussion über verschiedene Möglichkeiten, Zeltplanen zu flicken. Das traute Beisammensein, mangelte dem Ganzen auch etwas an Fröhlichkeit, erinnerte Linnea an die vielen wunderschönen Abende draußen am Lagerfeuer. Zu Dutzenden hatten sich die Türmer ums Feuer gehockt, geplaudert, gesungen und getrunken. Heißen Trauersaft, Bartenbräu und starkes Apfelliquid. Wann würde sich wohl das nächste Mal ein solcher Abend ergeben?

   Nachdem die Gäste das Zelt verlassen hatten, schlüpften Mutter und Tochter in ihre Betten. Schweigsam löschten sie die Kerzen und versuchten zu schlafen. Steinspalter war immer noch nicht zurück.

   Und der Sturm heulte unaufhörlich ums Zelt.

Hagel    

„Ja, sehr gerne sogar, Hagelchen“, sagte Marion mit vor Aufregung bebender Stimme. „Ich möchte Euch gerne auf eurem Hof besuchen kommen!“.

   „Dann mach dich so hübsch wie du es vermagst und zieh dir etwas Anständiges an, damit man nicht sofort erkennt, was du bist!“, befahl der Freiherr von Hagel sogleich und erhob sich.

   „Viel unanständiger als wir beide kann man sich wohl kaum kleiden, oder?“, stichelte Marion und musterte ungeniert den entblößten Körper ihres Gegenübers.

   Er war einer ihrer häufigsten und zahlungsfreudigsten Kunden. Und dazu noch ausgesprochen attraktiv.

   Der Freiherr von Hagel erwiderte nichts auf ihre Bemerkung, während er sich umständlich in seine enge Lederkleidung zwängte. Marion verstand nicht, weshalb reiche Männer so etwas trugen. Sie konnte nur Nachteile darin erkennen. Bei jeder noch so kleinen Bewegung knarrte das Leder und bequem sah es auch nicht aus. Ganz zu schweigen von der langen Prozedur beim Ankleiden. Obwohl … Einen Vorzug hatte der hautenge Anzug doch: Die Oberarmmuskeln des Freiherren traten deutlich hervor und auch sein breiter Brustkorb und die starken Waden kamen wunderbar zur Geltung.

   „Ich nehme an, du hast heute noch einiges zu tun?“

   „Oh ja, Hagelchen. Es werden noch andere kommen, es ist noch nicht spät. Ihr könnt ruhig noch bleiben und uns Gesellschaft leisten. Ihr wisst ja, ich mag es schmutzig.“

   Mit einem breiten Grinsen ergänzte sie: „Ich rufe meine Freundin dazu – etwas Apfelliquid und sie wird beinahe so unanständig wie ich. Natürlich, sie ist noch sehr jung und es mangelt ihr an meiner Erfahrung. Aber vertraut mir, Ihr werdet es nicht bereuen. Habt Ihr schon einmal ihre Rundungen betrachtet?“ Zur Untermalung ihrer Beschreibung begann Marion aufreizend ihre Hüfte zu bewegen und fuhr sich mit den Fingern langsam und gespielt genießerisch durch das lange, dunkle Haar. „Wie sie sich bewegt und ihr Haar schüttelt ist einmalig“, schwärmte sie.

   „Ach, sei still, Dirne!“, fuhr er sie an. „Es reicht! Du plapperst zu viel, das habe ich dir schon immer gesagt.“

   Marion lächelte zufrieden. Wenn er zornig war, gefiel er ihr noch besser. Dann loderte in seinen schwarzen Augen etwas Manisches und Düsteres. Sein Herz war zerfressen von Hass und Wut. Das spürte sie jedes Mal aufs Neue, wenn er sie in ihrem Zelt besuchte, um vor der Wirklichkeit zu fliehen, die so wenig Fröhliches für ihn bereithielt.

   „Dann also heute Abend.“

   „Gut, Hagelchen. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen.“

   Ohne ein weiteres Wort verließ der Freiherr das Zelt und Marion verspürte unwillkürlich einen Stich dabei, ihn gehen zu lassen. Die Eingangsplane flatterte und das Windspiel draußen läutete unaufhörlich. Es stürmte jetzt seit vier Tagen ununterbrochen. Marion erspähte bereits den nächsten Kunden vor dem Zelt. Der Nachmittag war noch jung, aber die Männer waren unersättlich.

   Ob Tag oder Nacht – es gab immer einen, der sich nach der warmen Umarmung einer Frau sehnte.

   Eine braungebrannte Hand schlug den Vorhang zurück, der die beiden Zeltkammern der Dirnen voneinander trennte. Die jüngere der beiden Dirnen, namens Tia, lugte vorsichtig hinter dem Stoff hervor. In ihren kleinen, braunen Augen brannte blanker Hass und die Gier nach Vergeltung.

   „Freu dich nur, Hagel!“, wisperte sie, den Blick auf den Zelteingang gerichtet, „Dieser Abend wird ganz sicher der unvergesslichste deines Lebens werden.“

* * *

Der Wald verschluckte die beiden Frauen augenblicklich. Es dämmerte gerade erst, doch sobald Marion und Tia zwischen die eng zusammenstehenden Bäume traten, breitete sich Dunkelheit um sie aus. Die holprige Straße zum Hof des Freiherren, gerade breit genug, um zwei entgegenkommenden Kutschen Platz zu bieten, führte durch den dichten Wald – immer dem Flusslauf der Unser folgend. Lautlos schlängelte sich der Fluss zur Rechten der Straße durch den dunklen Wald.

   Sie waren nur wenige Minuten gegangen, da lichteten sich die Bäume wieder für den großen, für alle zugänglichen Hafen zu Markt Ruder, wo sich auch an diesem Abend Menschenmassen tummelten. Fast ein Dutzend Schiffe befand sich in der Bucht, darunter auch eines der schwarzen Hexenschiffe. Kalt und bedrohlich lag es zwischen den auffällig bemalten und bunt beflaggten Schiffen und Booten. An Bord regte sich nichts, die Bullaugen im Rumpf waren mit schwarzen Tüchern verhangen. Marion betrachtete das unheimliche Schiff neugierig, doch als sie merkte, mit welcher Abscheu und Furcht Tia es anblickte, legte sie der jungen Frau einen Arm um die Schultern und zog sie fort.

   Schon bald hatten sie den Hafen zu Ruder hinter sich gelassen und folgten der Straße weiter durch den Wald. Nach kurzer Zeit sahen sie in der Ferne flackerndes, eisblaues Licht zwischen den Bäumen hervorblitzen. Sogleich waren die ersten Ställe und Koppeln zwischen den Bäumen zu sehen, die die Panzernashörner des Freiherren von Hagel und des Grafen von Ruder beherbergten. Leises Schnauben und Scharren drang aus den Ställen. Auf den Koppeln rührte sich nichts. Gleich dahinter befanden sich die zwielichtigen Holzbaracken, in denen die Garde des Freiherren lebte. Gegen diese wenig einladenden Baracken bevorzugte Marion doch lieber ihr kleines, aber eigenes Dirnenzelt.

   Dann schließlich lichtete sich der Wald und gab den Blick frei auf das Hagelhaus. Es war ein einstöckiges Gebäude, dessen Fassade völlig von Flammenblatt überwuchert war. Unscheinbar – zumindest nach außen hin. Doch Marion wusste, dass die wahre Pracht des Hagelhauses unter der Erdoberfläche lag.

   Bevor sie aus dem Wald heraus und in Sichtweite der Garde vor den Eingang traten, hielt Marion Tia mit einem sanften Griff zurück. Forschend sah sie der Jüngeren in die Augen und erblickte neben dem Hass und der Entschlossenheit auch einen Anteil Furcht.

   Marion drückte ihre Hand. „Wir schaffen das.“

   Die Jüngere nickte ausdruckslos. Marion konnte sehen, wie sich Tias Kiefermuskeln anspannten. Ihr Blick wurde kalt, als sie die Augen zukniff und hinüber zum Hagelhaus starrte.

   „Hör zu, Tia“, zischte Marion und packte sie an den Schultern. „Ich weiß, du würdest Hagel am liebsten auf der Stelle auslöschen, aber ich bitte dich – Sieh mich an!“

   Offenbar überrascht, der plötzlichen Schärfe in Marions Stimme wegen, sah sie auf.

   „Tia. Bitte, du musst dich an den Plan halten, sonst ist alles verloren! Versprich mir, dass du ihm nicht an die Gurgel springst, sobald du ihn siehst.“

   Wieder nickte sie nur.

   „Gut. Hast du alles, was du brauchst?“

   Tia deutete auf den Ausschnitt ihres hellblauen, mit weißen Bändern durchzogenen Kleides. „Ja.“

   „Die tragbare Waffenkammer einer Frau“, scherzte Marion, woraufhin sie ein flüchtiges Lächeln von Tia erntete.

   „Bereit?“

   „Bereit.“

   Gemächlich traten sie zwischen den Bäumen hervor und folgten dem von Apfelbäumen gesäumten Weg über die Wiese zum Hagelhaus. Marion ließ die Hand der Jüngeren erst los, als sie auf dem lockeren Kies vor dem Eingang ankamen. Sieben blaue Fackeln verströmten dort ihr kaltes Licht. Ebenso viele Gardisten flankierten den Eingang.

   Der Hauptmann, ein glattrasierter Kerl mit stechend grünen Augen, näherte sich den beiden Frauen und wies sie an, sich vorzustellen.

   Marion spürte Tias Unsicherheit und ergriff lieber selbst das Wort: „Tia und Marion. Türmerinnen, bestellt aus dem Lager bei Ruder.“

   Der Gardist musterte die beiden abschätzend. Marion fühlte sich immer unwohler in dem langen schwarzen Kleid, durchzogen von Bändern in dem gleichen hellblauen Ton, den auch Tias Kleid hatte. Die langen weiten Ärmel waren schrecklich hinderlich und beim Laufen musste sie ständig darauf achten, nicht über den Saum zu stolpern. Am Nachmittag war sie beinahe verzweifelt bei dem Versuch, ihr Dekolleté etwas zu erweitern, um sich nicht ganz so eingesperrt zu fühlen. Warum hatte Hagelchen auch verlangen müssen, sie solle sich anständig anziehen?!

   „Tragt ihr irgendwelche Waffen bei euch?“, fragte der Hauptmann gelangweilt.

   Aus dem Augenwinkel konnte Marion sehen, wie Tia den Atem anhielt. Doch sie selbst blieb gelassen. Sie wusste mit dem Militär umzugehen.

   Sie machte einen Schritt auf den Gardisten zu und schmiegte sich an seine Seite. Die Augen niederschlagend, flüsterte sie in aufreizendem Ton: „Ihr könnt mich gerne danach absuchen, Hauptmann …“

   Nach einem skeptischen Blick sprang er zu ihrer eigenen Überraschung tatsächlich darauf an. „Nein, schon gut. Aber später gerne – wir stehen noch den ganzen Abend Wache …“, erwiderte er, während er forsch ihre Taille umfasste.

   „Ich werde vorbeischauen“, versprach sie und entwand sich mit einer geübten Bewegung seinem Griff.

   Der Hauptmann wies zwei seiner Gardisten an, die beiden Frauen nach drinnen zu begleiten.

   „Danke, meine Herren“, sagte Marion mit einem zuckersüßen Lächeln und mahnte die vor Panik starre Tia mit einem Blick, es ihr gleichzutun. Glücklicherweise schöpfte niemand Verdacht, als Tias Lächeln kläglich erstarb und Marion sie rasch nach drinnen zog.

Marion und Tia fanden sich in einem winzig kleinen Empfangsraum wieder, beleuchtet von einer einzigen blauen Fackel. Rechts und links gähnten schwarze Türöffnungen, die Wände waren kahl und schmucklos.

   Der Gardist führte sie geradeaus eine Treppe hinunter. Der Weg zog sich schier unendlich lang. Die beiden folgten dem Mann über zahllose Treppenfluchten hinunter in den Schlund des Hauses. Ab und zu passierten sie einen Wachmann oder begegneten einem Diener, doch es war schrecklich still in dem düsteren Gemäuer. Auf beiden Seiten zweigten immer wieder weitere Treppen und Flure ab, an denen ihr Führer meist unbeirrt vorbeieilte. Manchmal erhaschte Marion sogar einen Blick in eines der unzähligen Zimmer des Hagelhauses. Diese waren sehr wohl geschmückt mit Wandteppichen und Wappen an den Wänden, beinhalteten schwere Stühle mit prunkvollen, samtenen Bezügen, große Himmelbetten sowie massive Schränke und allerlei wuchtige Möbelstücke aus dunklem, edlem Holz. Doch all die Mühen, diesen Ort wohnlich und warm zu gestalten, konnten nicht verbergen, was dieses Haus einst gewesen war: Ein Mausoleum.

   Die fensterlosen Korridore verbreiteten Kälte und Kummer. In den großen Räumen, an denen sie vorbeiliefen, standen teilweise noch steinerne Särge, zum Gedenken an die Verstorbenen aus längst vergangenen Zeiten. Je tiefer sie gelangten, desto mehr schienen Decke und Wände Marion zu erdrücken. So tief unter der Erde, ohne Vogelgezwitscher, ohne Fenster, das Rauschen der geisterhaften Flammen und die eigenen widerhallendenden Schritte als einzige Geräusche. Unwillkürlich bekam Marion das klaustrophobische Gefühl, als würde sie zum Grund eines tiefen Brunnens hinabsteigen. Marion erkannte, wie das tapfere Leuchten Stück für Stück aus Tias Gesicht wich. Sie hätte ihr gerne Mut zugesprochen, doch der Gardist lief dicht vor ihnen und würde aufgrund der immerwährenden Stille wohl jedes noch so kleine Flüstern verstehen. Abgesehen davon war sie sich gar nicht sicher, ob ihr angesichts der trostlosen Umgebung überhaupt ermutigende Worte in den Sinn gekommen wären.

   In Tias Augen konnte sie die Fragen lesen, die sich auch in ihren Kopf geschlichen hatten: Selbst wenn sie heute Abend Erfolg hatten, wie sollten sie je wieder aus diesem Irrgarten herausfinden? Hatten sie überhaupt eine Chance, zu entkommen, sobald der Freiherr tot war?

* * *

Das Hagelhaus besaß einen beeindruckenden Festsaal, tief unter der Erde. Warmes orange-goldfarbenes Feuer knisterte in gleich zwei Kaminen, blaue Kerzenflammen flackerten in zahlreichen Wandnischen und machten Fenster unnötig. Der kalte Steinboden war über und über mit Fellen und weichen Kissen bedeckt, auch ein paar bequeme Liegen fanden sich in dem hohen Saal. An der Decke hing ein gewaltiger Kronleuchter, dessen Kerzenhalter jedoch leer waren – er diente lediglich der Dekoration. Am anderen Ende des Raumes führte eine Wendeltreppe hinauf zu einer Galerie, die – mit einem Geländer gesichert – einmal rund um den Festsaal verlief. Zwei Gardisten des Freiherren patrouillierten dort oben, doch die Galerie war nicht gut genug einsehbar, um zu erkennen, wie viele Männer sich dahinter in der Dunkelheit verbargen.

   Seit etwa einer Stunde hielten sich Marion und Tia bereits im Festsaal auf. Die ganze Zeit über waren weitere Dirnen zu ihnen gestoßen, inzwischen war etwa ein Dutzend von ihnen anwesend.

   Trotz der Aufgabe, die ihr noch bevorstand, begann Marion langsam, Gefallen an dem Abend zu finden. Der Freiherr kümmerte sich vorzüglich um seine weiblichen Gäste und war bisher noch nicht aufdringlich geworden. Letzteres überraschte Marion und enttäuschte sie sogar ein wenig. Den Großteil der letzten Stunde hatte sie damit zugebracht, es sich auf einer Liege bequem zu machen und sich den Hals zu verrenken, um Hagel im Auge zu behalten. Einerseits tat sie dies selbstverständlich, um sicherzugehen, dass sie den passenden Augenblick nicht versäumte, ihren Plan in die Tat umzusetzen – andererseits fiel es ihr ohnehin nicht schwer, ihn andauernd anzusehen. Er war ein Bild von einem Mann – gutaussehend, stolz, mutig, selbstbewusst und dazu noch reich.

   Marion achtete sehr darauf, ihn ununterbrochen zu beobachten und gleichzeitig nicht seine Aufmerksamkeit zu erregen. Es fiel ihr schwer, sich von ihm fernzuhalten, doch sie durfte sich nicht von ihm einwickeln lassen, wenn der Plan funktionieren sollte. Vorsorglich trank sie keinen Alkohol, um ihre Sinne nicht abzustumpfen.

   Dass so viele Frauen anwesend waren, konnte sich sowohl zum Nachteil als auch zum Vorteil entwickeln. Zudem schlich sich immer wieder Sorge in ihre Gedanken, als sie überlegte, wie sie es wohl ertragen würde, Hagel etwas anzutun. Doch die entscheidende Frage war: Wie weit würde Tia gehen?

   Als zwei Dirnen Hagel auf eine Liege drückten und sich an der Verschnürung seiner Lederkleidung zu schaffen machten, versperrten sie ihm die Sicht auf Marion. Das war ihre Gelegenheit. Sofort sprang sie auf und eilte raschen Schrittes zur Wendeltreppe. Sie würde die Gardisten auf der Galerie ablenken, damit Tia ihre Chance bekam.

   Sie drängte sich zwischen den anderen Frauen hindurch – und erstarrte, als sie ihren Namen hörte. Hagels schneidende Stimme donnerte durch den Saal und löste ein nicht gerade unangenehmes Schaudern in Marions Körper aus. Mit wild klopfendem Herzen wandte sie sich um und sah den Freiherren langsam und bedrohlich auf sich zukommen. In seinen Augen flammte Zorn.

   Marion setzte ihre aufreizende Dirnen-Miene auf.

   „Hagelchen – “

   „Wer hat dich heute alles in deinem Zelt besucht?“, dröhnte er laut, obwohl er inzwischen direkt vor ihr stand.

   „Ich? Wer? Wieso?“

   „Nun sag schon!“ Er packte sie grob am Arm, was ein wohliges Kribbeln in jede ihrer Körperregionen sandte. „Den ganzen Abend bin ich schon auf der Suche nach dir. Wen hast du heute alles empfangen, Dirne?!“

   Marion hatte sich inzwischen von ihrem Schrecken erholt, konnte ihn aber dennoch nur anstarren. Eine ganze Weile schaute sie ihm tief in seine dunklen Augen und wünschte sich, sie könne in seine Seele hineinblicken. Wie gerne würde sie ihm durch das tiefschwarze Haar streichen, ihm warme Worte zuflüstern, um die Bitterkeit und den Schmerz zu vertreiben. Zwei Dinge, die ihm stets ins Gesicht geschrieben standen.

   Als er anfing, sie unsanft zu schütteln, schreckte sie hoch. Fieberhaft überlegte sie, wovon der Freiherr sprach.

   „Zum letzten Mal: Wer?“

   Marion ignorierte die Frauen, die bereits neugierig die Köpfe wandten und zu tuscheln begannen. Sie lächelte und hob das Kinn. „Nun weiß ich, was Ihr von mir wollt, Hagelchen. Ja, der Hauptmann Eurer Garde war bei mir. Er hatte etwa ein halbes Dutzend Eurer Gardisten dabei.“

   Sein hübsches Gesicht rötete sich vor Wut – war das eine kleine Narbe, da auf seiner Wange?

   Rasch fügte sie hinzu: „Ich habe ihn abgewiesen.“

   „Du – hast was?“

   „Beruhigt Euch. Es war, nebenbei bemerkt, nicht das erste Mal, dass er bei mir aufgetaucht ist … Wie auch immer, eine einzige Frau kann schlecht sieben Mann gleichzeitig bedienen. Nicht einmal ich schaffe so etwas.“

   Der Freiherr runzelte die Stirn, Marion konnte sein Misstrauen spüren – er war klug. Nun galt es, schwerere Geschütze aufzufahren. Sie musste ihn so weit beschwichtigen, dass er sie wieder gehen ließ. Sie setzte eine zuckersüße, verführerische Miene auf und fasste ihn an seinem glattrasierten Kinn.

   „Nichts für ungut, aber die meisten in Eurer Garde besitzen einfach nicht die nötige Reife für jemanden wie mich.“ Sie näherte sich ihm kaum merklich und hauchte: „Ganz anders als Ihr, mein Hagelchen …“

   Langsam lockerte er seinen Griff und erlaubte Marion, zurückzutreten. Ihr Arm pochte an der Stelle, wo sich seine Finger in ihre Haut gegraben hatten. Im nächsten Moment beachtete er sie auf einmal nicht mehr, sondern blickte über ihre Schulter. Bevor Marion noch etwas sagen konnte, stieß er sie aus dem Weg und rauschte an ihr vorbei. Völlig perplex, aber erleichtert, weil sie scheinbar eine zweite Chance bekam, wandte sie sich um.

   Ihr Herz rutschte ihr bis in den Magen, als sie in der Frau, auf die der Freiherr so forsch zuschritt, Tia erkannte. Augenblicklich setzte sie sich in Bewegung und folgte ihm auf dem Fuß, während sie innerlich betete, Tia möge ihre Selbstbeherrschung nicht verlieren. Von weitem konnte Marion sehen, wie Tia die Hände zu Fäusten ballte und den Blick senkte, damit der Freiherr ihre Mordlust nicht darin brennen sah. Neben ihr stand eine der anderen Dirnen. Offenbar waren Tia Marions Schwierigkeiten nicht entgangen, da sie bereits die Initiative ergriffen hatte und zusammen mit der anderen Frau auf dem Weg zur Wendeltreppe war. Wusste die Andere von Tias Plan?

   „Hallo, meine Schönen. Ihr wollt doch nicht etwa schon gehen? Die Nacht ist noch lang“, sprach der Freiherr mit barscher Stimme und verstellte ihnen den Weg.

   Tia schwieg, ihr Atem ging flach. Die Andere errötete angesichts des plötzlichen Erscheinens ihres Gastgebers.

   Doch Marion war bereits zur Stelle. Sie las die Dankbarkeit in Tias Augen, als sie einwarf:

   „Die beiden werden sich nur etwas frisch machen wollen, nicht wahr?“

   Der Freiherr wandte sich irritiert zu ihr um, richtete dann seinen Blick jedoch wieder auf die beiden Frauen.

Er vertraut mir nicht, wurde Marion schmerzlich bewusst.

   Glücklicherweise hatte die andere Dirne ihre Zunge wohl doch nicht verschluckt: „Ja, Herr. Wir brauchen eine kleine Pause von dem Trubel hier drin. Nur ein wenig Luft … Das belebt die Sinne…“ Ein wenig übertrieben klimperte sie mit den Wimpern. „Wenn wir zurück sind, zeigen wir euch, wie lebendig wir sein können…“

   Die lederne Kleidung des Freiherren knarzte, als er sich vorbeugte und die Dirne an sich zog. Mit einem rätselhaften Lächeln griff er ihr ins Haar, versenkte sein Gesicht darin und sog ihren Duft genussvoll ein. „Lass mich nicht zu lange warten, Kleine.“

   „Aber nicht doch“, gab sie zurück, küsste ihn auf die Wange und zog sich dann rasch mit Tia zurück.

   „Manchmal wird mir das Ganze einfach zu viel …“, hörte Marion sie noch zu Tia sagen, als die beiden die Treppe hinaufstiegen. Nein, sie hatte keinen Schimmer von Tias Plan. Das einzige, was Marion jetzt noch tun konnte, war den Freiherren abzulenken. Sie konnte nur hoffen, dass Tia allein mit den Wachen fertig wurde.

   „Ich merke schon, meine Gäste sehnen sich nach mehr Unterhaltung. Und überhaupt … Dich habe ich heute sträflich vernachlässigt, Marion.“

   Marion lächelte. Wohlige Wärme stieg in ihr auf, als er ihre Hüften umfasste. Sie würde diesen Abend für ihn so schön gestalten, wie sie es vermochte.

Die Zeit verflog so schnell wie Rauch im Wind. Sie lag gerade auf einer weich gepolsterten Liege, während der halbnackte Freiherr sich daran machte, die Verschnürung ihres Kleides zu lockern, um ihren Oberkörper freizulegen, als sie Tia erblickte. Marion starrte regungslos über die Schulter des Freiherren nach oben. Die Gardisten auf der Galerie waren verschwunden. Stattdessen stand dort Tia gegen die Brüstung gelehnt, ein Blasrohr aus dem hellen Holz des Knallbuschgewächses im Anschlag.

   Die Blicke der beiden Frauen trafen sich – Marions voller Bedauern und Tias voller Hass. Die Jüngere stützte ihre Ellenbogen auf die Brüstung und beugte sich vor. Als sie Luft holte und das Blasrohr an ihre Lippen setzte, schloss Marion die Augen. Einen Herzschlag lang spürte sie nur den Atem des Freiherren auf der Haut. Das Unausweichliche erwartend, grub sie unwillkürlich ihre Fingernägel in seinen nackten, muskulösen Rücken.

   Dann hörte sie bereits den Pfeil durch die Luft zischen. Gleich darauf bohrte sich die Metallspitze in Hagels Fleisch. Der Freiherr gab nur einen winzigen Schmerzenslaut von sich. Reflexartig hob er die Hand in den Nacken und richtete sich halb auf. Doch seine Kraft verließ ihn wahnsinnig schnell. Schon gab er ein ersticktes Stöhnen von sich und musste sich mit beiden Armen an der Liege abstützen. Seine schwarzen Augen flackerten. Dann brach er über ihr zusammen. Marion seufzte. Sie hatte gehofft, Tia ließe ihr etwas mehr Zeit mit ihm.

   Mit einiger Mühe und einem grauenvollen Gefühl in der Magengrube schob sie Hagel von sich, als um sie herum Schreie laut wurden. Einige der Frauen rannten Hals über Kopf davon, als sie den winzigen Pfeil mit der Befiederung aus ebenso kleinen, weißen Federn aus seinem Nacken ragen sahen. Zwei Dirnen fielen neben ihm auf die Knie und prüften seine Atmung und den Herzschlag.

   „Mein Herr? Mein Herr, könnt ihr mich hören? Bitte!“

   Seine Lippen bebten und er stammelte etwas Unverständliches. Seine Augen rollten nach hinten und er begann haltlos zu zittern. Mit zusammengebissenen Zähnen erhob sich Marion, die Tränen mühsam zurückhaltend. Sie hatte sich darauf verlassen, dass er einen schnellen Tod haben würde. Wie lange würde es noch dauern, bis das Gift in dem Pfeil sein Herz zum Stillstand brachte?

   Plötzlich wurde die schwere Tür aufgestoßen und eine große Gruppe Männer stürzte herein. Es waren mindestens fünfzehn Gardisten, begleitet von einem alten Mann in einer grauen Robe.

   Der Hofarzt. Marion vergaß kurz, wie man atmete und ehe sie es sich versah, zerrte man sie weg von dem schwitzenden, schlotternden Freiherren. Das konnte nicht sein. Wieso war der Arzt so früh hier?

   Der Hofarzt hockte sich auf den Rand der Liege, auf welcher der Freiherr zusammengebrochen war und beugte sich besorgt über ihn, während er einem Gardisten bereits Anweisung gab, ihm zu helfen. Sofort eilte dieser mit einer blauen Kerze an seine Seite, um ihm Licht zu spenden. Stille breitete sich in kalten Wellen in dem großen Saal aus. Alle standen wie gebannt im Kreis um die Liege herum und starrten den Freiherren an, als erwarteten sie, dass jeder seiner Atemzüge der letzte sein könnte.

   Der alte Mann zog ein Tuch aus den Falten seiner Robe hervor, wickelte es um seine Hand und ergriff mit den so geschützten Fingerspitzen den kleinen Pfeil. Mit einem Ruck zog er ihn aus dem Nacken des schweratmenden Opfers und legte ihn behutsam in ein kleines graues Kästchen, das ihm der Gardist hinhielt. Kein Blut sickerte aus der Wunde – das Gift versiegelte sie von Innen.

   Dann fühlte der Arzt die Stirn des Freiherren und prüfte anschließend dessen Herzschlag. Offenbar tief beunruhigt hielt er seinen Assistenten zur Eile an, woraufhin dieser ein weiteres Kästchen hervorholte. Marion stockte abermals der Atem, als er den Deckel abnahm. Darin lag ein identischer Pfeil, allerdings mit roter anstatt weißer Befiederung. Offensichtlich enthielt er ein Gegenmittel. Wie konnte es sein, dass der Gardist dies bereits bei sich hatte?

   Während der Hofarzt sich anschickte, auch diesen Pfeil wieder mit dem Tuch zu ergreifen, streckte der Freiherr ihr eine Hand entgegen. Zögernd betrachtete Marion seine zitternden Finger, bevor sie sie schließlich ergriff. Hagels Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. 

   „Du … du bist meine … Medizin“, stieß der Freiherr hervor, woraufhin sie ihm ohne nachzudenken einen Kuss in die Handfläche drückte.

   Der Freiherr stöhnte auf und konnte ein schmerzerfülltes Keuchen nicht unterdrücken, als der Hofarzt seinen Kopf leicht anhob und ihm den rot befiederten Pfeil genau an der Stelle in den Nacken rammte, wo auch der giftige vorher gesteckt hatte. Für einen Moment schloss Hagel die Augen und es sah so aus als verließen ihn die letzten Kräfte. Jetzt, da der Augenblick seines vorherbestimmten Todes vorüber war, könnte Marion es auf keinen Fall ertragen, ihn doch sterben zu sehen, das wusste sie. Doch als sie seine Hand fest drückte und voller Zuneigung seinen Vornamen flüsterte, schlug er die Augen wieder auf und sein Lächeln glückte ihm diesmal schon besser.

   Das Gegengift wirkte. Man konnte deutlich beobachten, wie sich seine Atmung beruhigte und sein Gesicht wieder an Farbe gewann. Sein Körper lag schlaff und reglos da, aber er hatte aufgehört, zu beben. In seinen Augen las Marion Erleichterung und wohl zum ersten Mal so etwas wie Dankbarkeit, während er sie unverwandt anblickte.

   Nun, wo das Leben des Freiherren gerettet war, begann die Garde sich der Frauen zu erinnern, die noch immer um die Liege herumstanden. Eine nach der anderen wurde nach draußen geführt. Marion sträubte sich hartnäckig gegen den Mann, der ihren linken Arm ergriffen hatte, doch er war kräftig und hatte keine Probleme, sie zum Ausgang zu zerren.

   „Was hat das zu bedeuten?“, rief sie.

   Der Gardist antwortete barsch: „Offensichtlich hatte jemand ein Attentat auf den Freiherren geplant.“

   „Erzählt mir etwas, auf das ich nicht von selbst gekommen wäre. Zum Beispiel, wer es gewesen ist.“

   „Es war eine junge Frau. Sie hat zwei Männer getötet und einen weiteren niedergeschlagen. Und pass auf, wie du mit mir redest, du ungehobeltes Weibsbild!“

   Obwohl der Gardist sie anstarrte, als ob er sie gleich schlagen würde, ließ Marion nicht locker. „Es war eine Frau? Was wollt Ihr damit sagen?! Wo ist sie jetzt?“ Doch der Mann antwortete ihr nicht, sondern schleifte sie einfach grob mit sich.

   Ungeachtet des Tumults wurde Marion dennoch aus dem Augenwinkel Zeugin einer Handlung, die sie dermaßen entgeisterte, dass sie jeglichen Widerstand aufgab und sich bereitwillig zur Tür führen ließ. Der Hauptmann der Garde ließ unauffällig – jedoch nicht unauffällig genug – einen Beutel Münzen in die ausgestreckten Hände der Dirne fallen, die vorhin mit Tia den Raum verlassen hatte.

   Marion konnte nur hoffen, dass Tia die Flucht gelungen war. Angesichts der vielen Gardisten waren ihre Chancen jedoch leider verschwindend gering. Sie wollte sich lieber gar nicht erst ausmalen, was mit Tia geschehen würde, sollte man sie erwischt haben.

Balthasar der Unsichtbare 

Sonnenschein schimmerte durch die Zeltwände, sodass es nicht mehr nötig war, Kerzen anzuzünden. Der Sturm war abgeflaut und die Wolken aufgebrochen, die goldgelbe Sonne strahlte vom klaren Himmel herab und es war heiß. Von draußen drangen die für ein großes Lager – denn dazu war es inzwischen geworden – typischen Geräusche. Nebenan badete jemand in einem Fass voller Flusswasser sein Kind, das mit vergnügtem, hellem Lachen laut darin herumplantschte. Jemand schob einen ratternden Karren am Zelt vorüber und brachte diesen am anderen Ende des Türmerlagers quietschend zum Stehen. Außerdem waren das Klirren von Werkzeugen und Schaukampfwaffen, das derbe Gelächter der Männer und dumpfe Schläge eines Hammers auf einen Holzpflock zu hören. Darunter mischte sich der melodische Klang einer Flöte.

   Linnea beachtete die vielen Geräusche kaum. Sie schob sich lieber genussvoll einen Löffel nach dem anderen in den Mund. Wie lange war es her, dass sie zum letzten Mal Kartoffeltorte mit Riesengurken und Speck gegessen hatte?

   „Iss nicht so schnell, sonst hast du nichts davon!“, ermahnte sie die Eiserne Witwe, die bereits selbst die letzten Reste auf ihrem hölzernen Schneidebrett zusammenkratzte. Nachdem sie alles verzehrt hatte, wandte sich die alte Wahrsagerin ihrem riesenhaften Rauchpuma zu, dessen gewaltiger Kopf auf der Tischplatte ruhte.

   „Keine Angst, Osiris. Dich würde ich nie vergessen.“

   Dabei schob sie ihm drei fette Streifen Speck ins geöffnete Maul. Die letzten Streifen Speck, wie Linnea mit Bedauern feststellen musste …

   Die Raubkatze richtete ihre gelben Augen erwartungsvoll auf sie. Doch Osiris begriff sehr schnell, dass bei ihr nichts zu holen war. Ein klein wenig beleidigt trollte er sich, rollte sich zu Füßen seiner Herrin zusammen und bettete den massigen Kopf auf den Vorderpfoten. Nun tat er, als schliefe er, regte sich ab und zu, drehte sich auf die Seite und offenbarte seinen dicken Ranzen. Es war völlig unnötig, dass die Eiserne Witwe ihm zu Fressen gab. Er war ein Raubtier und sehr wohl in der Lage, selbst auf die Jagd zu gehen – das hieß, nun war er das nicht mehr, nachdem sie ihn fett gefüttert hatte. Ab und zu fing er noch ein paar Holzmäuse, doch für Großwild war er einfach nicht mehr schnell genug.

   „Nun haben wir doch nichts für deine Mutter übrig gelassen“, bemerkte die Eiserne Witwe und betrachtete mit Bedauern die leeren Teller.

   „Sie hätte eh nichts gegessen. Seit Steinspalter fort ist, da ist sie ziemlich verzweifelt. Sie isst kaum, sie spricht nicht und schläft sehr schlecht.“ Linnea machte sich ebenfalls große Sorgen um ihren Stiefvater, aber es gelang ihr besser als ihrer Mutter, sich nicht der Verzweiflung hinzugeben.

   „Ach, ihm wird schon nichts passiert sein. Mein Sohn ist ständig fort, ich sehe ihn zweimal im Jahr – wenn überhaupt. Zerbreche ich etwa an meiner Sorge?!“

   „Dein Sohn ist Pirat!“

   „Ganz genau. Kapitän Kojote ist Pirat. Das bedeutet, dass er jeden Tag – vielleicht sogar genau in diesem Augenblick – in Schwierigkeiten gerät. Ich kann nichts tun, um ihm zu helfen. Er geht seinen eigenen Weg. Ich vertraue darauf, dass er weiß, was er tut. Verstehst du das?“

   Linnea senkte den Kopf. „Ja, das tue ich. Es ist nur so, Steinspalter hat uns noch nie für eine so lange Zeit verlassen. Das passt nicht zu ihm. Ich habe so ein komisches Gefühl … Kannst du nicht … ?“ Zögernd brach Linnea ab.

   Die Eiserne Witwe lächelte. „Kann ich nicht was?“

   „Du weißt schon … in die Zukunft sehen oder Karten legen! In die Kristallkugel schauen! Handlesen oder Knochen werfen oder aus Teeblättern lesen! Die Wahrheit in der Asche suchen oder was auch immer. Bitte, es muss doch eine Möglichkeit geben.“

   „Das ist nicht so einfach, Linnea. Sieh mich nicht so an! Ich kann nur die Zukunft jener Menschen sehen, die bei mir sind. Ab und zu habe ich auch Visionen von anderen, aber die kann ich nicht beeinflussen.“

   Linnea seufzte.

   Die Falten, die sich auf der Stirn der Alten bildeten, zeigten ehrliches Mitgefühl. „Es tut mir leid. Aber ich bin keine Hexe.“

   „Ist schon gut …“

   „Lass uns … Lass uns doch über etwas anderes reden, hm? Zum Beispiel über dich, Linnea.“

   Linnea verzog das Gesicht.

   „Über mich? Inwiefern?“, fragte sie vorsichtig.

   „Du bist beinahe erwachsen. Hast du schon Pläne?“

   Als Linnea immer noch nicht verstand, beugte sich die Eiserne Witwe über den Tisch hinweg zu ihr und fuhr verschwörerisch fort: „Es wird Zeit, dass du einen Mann findest.“

   „Hör mir bloß auf damit! Ich habe schon meine Erfahrungen mit Männern gemacht. Die reichen mir völlig aus, danke schön!“

   Die Eiserne Witwe schnaubte verächtlich. „Erfahrungen? Ich bitte dich! Du hast höchstens einmal hineingeschnuppert in die köstliche Welt der Liebe.“

   „Tante, bitte – “

   „Nein, wirklich, du kannst ruhig ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Nur so findest du den Richtigen. Es ist gut, wenn du nicht gleich dem Erstbesten um den Hals fällst. Du musst die Unterschiede wahrnehmen. Die beiden Versuche, die du begonnen hast, zählen nun wirklich nicht als Erfahrungen.“

   Linnea war versucht, sich jegliche weitere Bemerkung zu verkneifen, damit das Gespräch nicht noch unangenehmer für sie wurde, aber da war eine Stimme in ihrem Innern, die ihr riet, sich das nicht gefallen zu lassen.

   Also murrte sie trotzig: „Es waren bereits drei. Und meine Beziehung mit dem Sohn des Freiherren vom Eichenwald hat fast vier Jahre gehalten.“ Den letzten Satz murmelte sie leise, kaum hörbar.

   Nachdenklich runzelte die Eiserne Witwe die Stirn. „Ja, er war wirklich ein guter Mann, dieser Siegfried … Wenn er sich nicht mit dieser Katharina verlobt hätte.“

   Gegen ihren Willen begann Linnea, ihren ehemaligen Geliebten in Schutz zu nehmen. „Er wollte das nicht! Wir hatten große Pläne. Er wollte Alchimist werden und seinen jüngeren Bruder das Erbe als Freiherr antreten lassen.“ Linnea wurde wehmütig und ihre Gedanken begannen zu wandern. „Wir hätten doch fortlaufen sollen … Wir konnten doch nicht ahnen, dass Siegfrieds Eltern hinter seinem Rücken die Verlobung mit der Tochter dieses Grafen arrangiert hatten!“

   „Schluss damit!“, unterbrach die Alte sie scharf. „Es tut dir nicht gut, über ihn zu reden oder nur an ihn zu denken. Das Ganze ist vorbei, Siegfried ist Vergangenheit.“

   Natürlich hatte die Eiserne Witwe Recht, die Erinnerung an ihn tat weh. Aber sie sehnte sich so sehr nach ihm. Im Grunde war die Sehnsucht nie weg gewesen.

   „Vielleicht – “

   „Vergangenheit!“

   Widerstrebend fügte sich Linnea und brachte das Thema nicht mehr zur Sprache. In ihrem Innern tobte jedoch ein Wirbelsturm der Gefühle, der sich so schnell nicht mehr legen würde. Dieses Gespräch hatte ihr die Vergangenheit ein Stück zurück gebracht und alles wieder aufgewühlt, was sie für ihn empfand. In der kommenden Nacht würde sie keinen Schlaf finden – auch wenn ihr noch nicht bewusst war, dass es dafür noch andere Ursachen geben würde …

   Als sich Osiris schwerfällig erhob und alles andere als grazil aus dem Zelt stapfte, um dem verlockenden Geruch von gegrilltem Fleisch zu folgen, welcher wohl von einem der Kochfeuer herrührte, lehnte sich die Eiserne Witwe ächzend in ihrem hölzernen Stuhl zurück und sprach: „Ich habe vorhin nicht nur deine Liebes- und Heiratspläne gemeint. Ich möchte wissen, was du vorhast, Linnea.“

   „Wovon redest du?“

   „Na komm! Hast du etwa vor, dein ganzes Leben über Türmerin zu bleiben?!“

   „Ja“, antworte Linnea.

   Die Eiserne Witwe starrte sie ungläubig an und war offenbar unfähig, darauf etwas zu erwidern.