Mytheria - Lena Weinert - E-Book
Beschreibung

Ruby war schon immer anders und doch merkt sie nichts von dem alltäglichen Krieg der Mächte um sie herum. Zwei Männer kämpfen um ihre Liebe. Gut und Böse sind auf der Suche nach ihr, um alles ein für alle Mal zu beenden. Sie verbirgt die Lösung für den Sieg oder den Untergang. Nichts ist so, wie es scheint, denn die Bösen sind nicht alle schlecht. Alles hängt von einer Person ab, die nicht weiß: Was ist richtig und was falsch? Wird sie sich mit Hilfe ihrer besten Freundinnen Josie und Saphira für die richtige Seite entscheiden und das Leben ihrer über allem geliebten Menschen retten?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:416

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Sammlungen



Lena Weinert

Mytheria

© 2017 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: fotolia: Woman praising at sunrise Datei: 122364999

Urheber: kevron2001

Printed in Germany

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-2148-8

Großdruck:     ISBN 978-3-8459-2149-5

eBook epub:    ISBN 978-3-8459-2150-1

eBook PDF:  ISBN 978-3-8459-2151-8

Sonderdruck  Mini-Buch ohne ISBN

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ich widme dieses Buch

meiner Mutter und meiner besten Freundin,

Prolog

Wie konnte es nur so weit kommen?

Besser gesagt: Wie konnten wir es nur so weit kommen lassen?

Alles nur wegen eines dummen Mädchens oder genauer gesagt: alles nur wegen mir. Ich hätte nie hierher kommen sollen, aber ich habe es getan und diese eigenartige Welt erforscht. Das kann ich jetzt nicht mehr rückgängig machen.

Wir sind jetzt ganz auf uns allein gestellt. Niemand würde auch nur auf die Idee kommen uns jetzt noch zu helfen. Um mich herum sehe ich überall von Angst verzerrte Gesichter und weinende Familien. Alle meine Freunde, Kameraden und Feinde, die noch leben, auf engstem Raum dem Verzweifeln nahe. Doch all das wird von dem lauten Beben der Wände übertönt, die langsam unter den starken Schlägen der Feinde nachgeben.

Langsam wird mir immer mehr bewusst, dass wir das nicht überleben werden. Ich werde meine Familie und Freunde nie wieder sehen. Aber, wenn ich ganz ehrlich bin, denke ich in meinen letzten Momenten des Lebens nicht über den Tod nach, sondern nur an seine smaragdgrünen Augen. Er geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf und mir wird immer mehr bewusst, dass ich ohne ihn nicht mehr leben kann.

Jetzt ist es zu spät. Alles ist allein meine Schuld. ALLEIN meine Schuld! Vielleicht sind sie alle schon verloren und grade dieser Gedanke macht mich verrückter als der bevorstehende Tod.

Unsere letzte Chance war es, sich in die inneren Paläste unserer Heimat zurückzuziehen. Die letzten Weltenwanderer, Anlaiel und Terde, sind meinen Anweisungen in den sicheren Tod gefolgt…

Was kann ich jetzt nur machen?

Kapitel 1

Ruby

Ihr denkt euch wohl: Paläste? Im 21. Jahrhundert?

Dazu kann ich euch nur sagen, dass es schon immer Dinge gab, die eigenartig für die Welt der normalen Menschen waren. Ja sogar erschreckend!

Jedoch lag es schon immer in deren Natur, außergewöhnliche Dinge und Geschehnisse zu ignorieren oder zu vergessen. Vor vielen Jahrhunderten war das ganz anders: da wussten alle von der verborgenen, magischen Welt.

Vor nicht allzu langer Zeit wusste auch ich nichts davon, denn auch ich war mal ein ganz normales Mädchen auf einer ganz normalen Schule.

Na ja - vielleicht nicht ganz normal. Aber davon solltet ihr euch wohl selbst überzeugen.

Geboren wurde ich auf derselben Welt wie ihr - auf dem Planeten Erde, und zwar in der Stadt Dortmund. Meiner Meinung nach ist das die beste Stadt auf der Erde. Aber Mytheria, die geheime und magische Welt, auf der ich mich derzeit befinde,  übertrifft alle Orte der Erde um Längen.

Ich wohne in einem kleinen Haus mit einer wundervollen Mutter, die ich über alles liebe, und einem Vater, den ich - trotz einem eher kompliziertem Verhältnis- akzeptiere und liebe. Mit zwei Geschwistern an der Seite hat man viele Höhen und Tiefen, die sich regelmäßig abwechseln.

Meine Eltern mussten mir natürlich einen schrecklichen Vornamen geben und unser Nachname hört sich sogar noch komischer an. Ruby Wolverton! Wer hat schon so einen Namen? Wahrscheinlich nur Mädchen im Mittelalter. Auch meine Geschwister sind nicht besser dran. Meinen vier Jahre älteren Bruder nannten sie Andrew und meine zwei Jahre ältere Schwester bekam den Namen Veronica.

Damit ihr versteht, wie es zu dem heutigen Tag kam, erzähle ich euch, wie all das angefangen hat. Bisher hatte ich eigentlich immer ein ganz normales Teenagerleben. Hatte viele Freunde, gute Noten und war immer für Spaß zu haben. Egal, wie ich mich fühlte, ich trug zu jeder Zeit ein Riesenlächeln im Gesicht.

All das machte meinen Charakter aus. Ich war offen und ehrlich, kontaktfreudig und vorbehaltlos. Heute würde ich mich eher als schwach und weichlich beschreiben, aber immerhin war ich noch ein Kind- mein Leben lag noch vor mir.

So kam es, dass ein Tag fast alles veränderte. Etwas, das meine Zukunft gravierend beeinflussen würde.

Es war ein ganz normaler Tag, also eigentlich so wie immer. Wie sonst auch ging ich zur Schule und setzte mich neben meine beste Freundin. Saphira Blanx. Sie war ein Jahr jünger als ich und ich kannte sie schon seit ihrer Geburt. Anfangs waren wir keine Freundinnen, sondern nur Nachbarn, aber das änderte sich, als wir zusammen in die weiterführende Schule kamen.

An dem Tag sah sie besonders hübsch aus. Ihre braunen Haare mit dem leichtem Rotschimmer fielen glatt über ihre Schultern, die durch das Fahrrad fahren eigentlich meist zerzaust waren. Das Licht fing sich in ihren klaren, hellblauen Augen und ich musste anfangen zu lachen, als sich ihre vollen, roten Lippen zu einem endlos langen Grinsen verzogen.

„Heute mal wieder einen Clown gefrühstückt?“, fragte ich, während ich sie weiterhin lachend musterte.

„Ich bin einfach nur gut drauf, aber das wird sich sowieso gleich ändern. Immerhin haben wir jetzt Englisch bei Frau Hofmann“, erwiderte sie seufzend. Eine kleine und sehr pummlige Frau, die leider unsere Klassenlehrerin war.

Genau dann betrat sie den Raum. Wir beide hatten sie noch nie wirklich gemocht. Leider neigte sie immer mehr dazu, uns viel mehr Hausaufgaben aufzugeben als die anderen Klassen aufbekamen. Aber das war nicht weiter schlimm, sondern im Nachhinein sogar sehr hilfreich. Schlimm war, dass sie immer anfing, uns anzumeckern, wenn wir bei den Hausaufgaben etwas falsch machten.

Es fing ganz harmlos mit leisem Tadel in ihrer Stimme an, doch nach den ersten zwei Monaten wurden wir regelrecht angeschrien. Nur ihre Lieblinge natürlich nicht.

An diesem langen Schultag konnte sich niemand so richtig auf den Unterricht konzentrieren. Auch ich unterhielt mich die ganze Zeit mit Saphira und beschwerte mich über Quincy, die mal wieder Stress machen musste.

Quincy und ich stritten ständig um Mia. Mia und ich waren eine Zeit lang sehr gute Freundinnen und Quincy war schon immer eifersüchtig auf mich. Es ging oft um belanglose Sachen, wie die Planung des Tages oder unterschiedliche Meinungen. Demnach war ich mal wieder kurz vorm Ausrasten.

Frau Hofmann schrie schon bei dem ganzen Lärm. Trotzdem wollte ihr Niemand zu hören. Am Rande meiner Erzählung hörte ich nur noch: „Das ist wichtig. Dieses Thema müsst ihr euch in euren dummen Kopf reinkloppen.“

Hatte ich das richtig verstanden? Scheinbar schon, da alle in der Klasse in lautes Gelächter ausbrachen. Dabei wurde unsere Lehrerin immer wütender. Der Kommentar unseres Klassenclowns Elias, sie solle doch endlich mal etwas chilliger werden, brachte das Fass zum Überlaufen.

Der schrille Schrei von Frau Hofmann ließ die ganze Klasse verstummen. Sogar Elias Lächeln war verschwunden. So wütend hatten wir sie noch nie erlebt. Genau in diesem Moment spürte ich, wie ich niesen musste. Natürlich konnte ich ihn im unpassendsten Augenblick nicht halten.

Sofort richtete sich alle Aufmerksamkeit auf mich. Das böse Funkeln in Frau Hofmanns Augen verkündete das bevorstehende Unheil. Somit ließ sie die größte und unberechtigtste Schimpftirade auf mich los, die ich je gehört hatte.

Allerdings war ich mir keiner Schuld bewusst. Zwar hatte ich auch gelacht, aber das war ungerechtfertigt.

Mein Gesicht glühte rot vor Zorn. Ich dachte nur: „Halt den Mund. Halt einfach deinen dummen Mund!“ Dabei legte ich all meine Wut in diesen einen Gedanken.

Und dann passierte das Unglaublichste, was mir jemals in meinem Leben passiert war. Um mich herum war es still, aber ich sah wie Frau Hofmann immer noch ihre Lippen bewegte. Doch dann merkte sie, dass sie keine Worte hervorbrachte und alle starten sie erstaunt an.

Langes Schweigen folgte und meine Lehrerin schien erstarrt zu sein.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich das getan haben musste. Ich war schuld daran, dass sie keine Stimme mehr hatte. Aber das konnte nicht wahr sein, oder doch? Trotz des guten Gefühls war mir klar, dass ich das irgendwie rückgängig machen musste.

Verzweiflung machte sich in mir breit, als mir klar wurde, dass ich gar nicht wusste, wie ich das gemacht hatte. Also griff ich nach der erstbesten Idee, die mir durch den Kopf schoss. Wieder versuchte ich all meine Gefühle in meine Worte zu legen.

Leise flüsterte ich: „Sprich weiter.“

Erschrocken sah sie mich an. Über mich selbst schimpfend, weil ich es besser hätte denken sollen, erwiderte ich ihren Blick.

Aber alles was sie von sich gab war eine Frage: „Du?“

Das war alles. Doch dieses eine Wort ließ einen Schauer durch meinen ganzen Körper laufen. Derweil hatten auch die Anderen den Blick der Lehrerin bemerkt und starrten mich ängstlich an. Nur in Mias und Saphiras Blicken sah ich Mitgefühl.

Da ich der unangenehmen Situation unbedingt entkommen wollte, rannte ich hinaus und direkt weiter nach Hause. Dort angekommen stürmte ich durch die Haustür direkt in die Arme meiner Mutter.

Lange Zeit konnte ich wegen dem immer noch anhaltenden Schock nicht sprechen und blieb einfach in der wohlfühlenden Umarmung. Leider konnte ich nicht ewig schweigen. Sie würde sich fragen, was passiert sei.

Doch zu meinem Erstaunen war es nicht meine Mutter, die unser Schweigen brach, sondern die vorsichtig klingende Stimme meiner Schwester Veronica, die von der Schule nach Hause gekommen war und nervös den Raum betrat.

Es kam bei uns immer seltener vor, dass wir wie normale Schwestern über unsere Gefühle sprachen. Das  lag jedoch nicht an mir, sondern daran, dass sie sich immer mehr zurückzog. Damit meine ich, dass sie immer mehr Dinge alleine oder mit ihren Freundinnen unternahm. Oder besser gesagt: einfach weniger mit mir. Wenn wir sprachen dann größtenteils über informative, unnötige oder komische Sachen.

In diesem Moment sah ich dennoch viel Besorgnis in ihrem Blick. Da ich mich nicht länger vor dem Thema drücken konnte, erzählte ich die Geschichte mit meiner Lehrerin von Anfang bis zum Ende. In Veronicas Blick sah ich dasselbe Entsetzen, was ich auch bei meinen Mitschülern bemerkt hatte. Aber bei dem Blick meiner Mutter fiel mir etwas sehr eigenartiges auf.

Anstatt mich anzublicken, starrte sie ausdruckslos, aber trotzdem leicht panisch, geradeaus. Es schien, als wäre sie mit ihren Gedanken und Gefühlen weit weg. Für einen sehr langen Augenblick rührte sie keinen Muskel. Plötzlich klingelte das Telefon.

Meine Mutter zeigte weiterhin keine Reaktion. Also ging ich ans Telefon, wobei meine Schwester mir neugierig folgte. Am Telefon stellte ich beängstigt fest, dass Frau Hofmann die Person am anderen Ende der Leitung war.

Ich wusste natürlich genau, wen sie sprechen wollte, und brachte das Telefon schnell und ohne ein Wort in den Hörer zu sprechen zu meiner Mutter. Zögernd nahm sie das Telefon entgegen. Wahrscheinlich konnte sie sich auch denken, wer uns da anrief. Ich wollte einfach nur noch alleine sein. Also rannte ich in mein Zimmer und wickelte mich in meine Decken ein.

Am liebsten hätte ich stumpf vor mich hin geheult, aber ich konnte es einfach nicht. Stattdessen wurde ein Gedanke immer deutlicher: Das hab ich getan!

Beunruhigt schlief ich spät in der Nacht endlich ein.

Die ganze Nacht wurde ich mit Alpträumen gequält. Ich als Außenseiterin. Nicht, dass ich das nicht schon gewesen wäre, aber das hat den großen Ausschlag gegeben. Jetzt würden mich alle hassen und für noch komischer halten, als sie es sowieso schon taten.

Schweißnass wachte ich am nächsten Morgen auf. Ich stand auf und schaute in den Spiegel an meiner Wand: dunkle Augenringe und kreidebleiche Haut. Vom Weinen waren meine Augen auch noch stark angeschwollen und dicke Schminkestriche verliefen über mein ganzes Gesicht.

Insgesamt verlief der Morgen trotzdem sehr ruhig. Zu ruhig! Meine Mutter sagte kein Wort. Also zu Niemandem. Ich dachte, sie wäre einfach noch geschockt davon, dass irgendjemand mir so einen Streich gespielt hatte. Heute weiß ich, dass noch viel mehr hinter dem Benehmen meiner Eltern steckte. Mehr als ich jemals für möglich gehalten hätte.

Doch erstmals konnte ich mir nur Gedanken über den heutigen Schultag machen. Größtenteils darüber, wie ich ihn am besten überstehen konnte. Ich wusste ja, dass meine Klassenlehrerin schon mit meiner Mutter gesprochen hatte, aber ich hatte Angst vor den Reaktionen meiner Mitschüler.

Der Weg zur Schule war ganz normal wie immer, aber auf dem Schulgelände spürte ich die neugierigen Blicke im Nacken.

Immer noch ruhig, ging ich in die Klasse und setzte mich auf meinen Platz. Niemand sprach mich an. Nicht einmal meine Freundinnen Saphira und Mia. Zu meinem Glück kam aber auch keine gemeine Bemerkung von Quincy. Ich glaube bis heute, dass alle etwas eingeschüchtert von mir waren.

Sie sollten es besser wissen. Kann doch nicht sein, dass sie an übermenschliche Fähigkeiten glauben. Also ich tu es nicht.

Saphira wollte gerade etwas sagen, als unser Erdkundelehrer Herr Schüner die Klasse betrat. Auch wenn er es nicht offensichtlich zeigte, merkte jeder, der nicht blind war, dass auch er von dem Vorfall am vorherigen Tag gehört hatte. Ich hätte mir ja denken können, dass sich das herumspricht und mittlerweile alle davon wussten.

Eigentlich war ich immer gut im Unterricht und machte in jedem Fach mit, aber an diesem Tag konnte ich mich einfach nicht konzentrieren. Nach zwei langen Stunden klingelte es endlich zur Pause und ich musste mich den Fragen meiner - hoffentlich immer noch - besten Freundinnen stellen.

Zuerst musterten sie mich nur. Es schien, als würden sie überlegen, ob sie mich wirklich darauf ansprechen sollten. Auch wenn ich gehofft hatte, nicht darüber reden zu müssen, wollte ich nicht länger so angestarrt werden. Also seufzte ich kurz und brach dann selbst das Eis: „Ich werde euch nicht auffressen.“

„Was hast du gestern gemacht?“, unterbrach mich Saphira auf einmal. So war sie noch nie. Ihre Stimme war so laut und aufgebracht, dass man es fast als schreien einstufen konnte.

Das erste Mal in ihrem Leben wurde sie mir gegenüber laut. Komischerweise war ich stolz auf sie. Ich hatte schon immer gewollt, dass sie sich bei anderen Menschen durchsetzt oder eben wiedersetzt und wenn sie mit mir anfing, dann war das eben umso besser.

„Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Aber mein erster Gedanke zu der Frage war: Jemand hat mir einen Streich gespielt.“ Genau genommen war das nicht mein einziger Gedanke dazu, aber ich war zuvor noch nicht bereit gewesen, es mir selbst einzugestehen. Also fügte ich hinzu: „Oder ich bin einfach nicht ganz normal. War ich doch noch nie.“

Leider hörte Quincy meinen Kommentar und musste mich direkt vor der ganzen Klasse lächerlich machen: „Bist du auch nicht und wirst du auch niemals sein. Wie alt bist du? Fünf? Wahrscheinlich wollte Frau Hofmann dich wirklich nur veralbern! Dass du ihr das glaubst ist bitter und wie du schon sagtest, nicht normal.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, schob Mia mich auf den Schulhof.

„Hör nicht auf sie. Sie meint es nicht so. Ich denke ihr ist gar nicht bewusst, was sie gerade gesagt hat.“

Nach dieser Aussage fragte ich mich, ob sie mir helfen oder Quincy verteidigen wollte. Immer öfters nahm sie Quincy in Schutz. Hatte sie die Seiten gewechselt? Lästerte sie vielleicht schon hinter meinem Rücken mit ihr über mich?

Es war kindisch von mir über verschiedene „Seiten“ zu reden und etwas paranoid, dass ich so überreagierte, aber in dem Moment war mir das ziemlich egal. Wenn es um Quincy ging, war ich wie ein Bulle, dem ein rotes Tuch  vor die Nase gehalten wird. Ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, was es damit auf sich hatte, lief ich einfach drauf los und direkt gegen eine Mauer.

In dem Fall verteidigte Mia das rote Tuch und wurde so selbst zu einem. Bevor ich überreagieren konnte, atmete ich einmal tief ein und funkelte sie vorerst einfach nur wütend an.

Entschuldigend sagte sie: „So ist sie halt!“

Ich musste mich wirklich mit aller Willenskraft zusammenreißen, um sie nicht lauthals anzubrüllen. Nachdem ich sie also weiter schweigend anfunkelte, ging sie weg. Zu meinem Bedauern wandte auch Saphira sich zum Gehen.

Entsetzen durchströmte mich, als mir bewusst wurde, wie alleine ich letztendlich war. Und das allein aus dem Grund, dass ich so schnell wegen solcher Kleinigkeiten wütend geworden bin. Wie konnte ich nur innerhalb eines Tages all meine Freunde verlieren?

Adrian

Der Blick meines Königs ließ keinen Widerspruch gelten. Er war schon alt und hat viel mitgemacht, aber seine Augen haben nichts von diesem intensiven Ausdruck verloren. Jeder seiner Befehle musste von mir ohne Widerrede ausgeführt werden, ob ich wollte oder nicht. Daran hatte ich mich in den letzten Jahren schon gewöhnt, aber dieses Mal fühlte es sich falsch an.

Ich war gerade erst heimgekehrt von einer Aufspürungsmission, als mein Vater mich zu sich rufen ließ. Das konnte nichts Gutes verheißen. Auch wusste ich schon, dass ich direkt wieder aufbrechen musste.

Aber so etwas hätte ich echt nicht erwartet. Auf einem Bein kniend und mit gesunkenem Kopf wartete ich auf seine Aufmerksamkeit. Mein Zeichen der Untergebung quittierte er mit einem Nicken und ich erhob mich.

Mit seinem typischen Befehlston teilte er mir meine nächste Aufgabe mit: „Du musst jemanden für mich finden. Ihr Name ist Ruby Wolverton. Spüre sie auf, gewinne ihr Vertrauen und führe sie zu uns. Das ist von höchster Wichtigkeit. Es könnte uns einen entscheidenden Vorteil unseren Feinden gegenüber verschaffen.“

Ruby Wolverton. Ich durchsuchte all meine Erinnerungen nach diesem Namen, konnte aber nichts finden. Ich kannte sie nicht. Schade, denn das hätte mir einen sofortigen Vorsprung verschafft. So hätte ich nicht mehr lange suchen müssen.

Natürlich fragte ich mich auch Sachen wie: Warum sie? Wobei könnte es einen Vorteil bringen oder was ist an ihr so besonders, aber ich hakte nicht genauer nach.

Stattdessen fragte ich: „Wo finde ich sie?“

„Auf dem Planeten Erde. Einige Spione berichten von einem Aufwallen dunkler Magie in Europa. Weiter konnten wir die Suche nicht eingrenzen, aber ich weiß, dass das für dich reicht, um sie zu finden.“

Fragend zog ich die Augenbrauen hoch. Ohne jeden Zweifel war ich in diesem Gebiet besser als jeder Spürhund. Doch um ganz Europa nach einer einzelnen Person abzusuchen ohne jegliche weitere Informationen war einfach aussichtslos.

Da konnte ich ja gleich blind in der Gegend herumlaufen. Aber es war ein Befehl meines Herrschers. All seine Anweisungen Folge zu leisten. Egal wie aussichtslos sie mir erschienen.

So hat er mich erzogen und danach habe ich immer gehandelt. Jedes Widerwort wurde bestraft. Jede Vernachlässigung und jede Verweigerung gilt als Hochverrat. Niemals würde ich mich gegen meinen König, meinen Vater stellen. Nur er blieb mir noch.

Meine Mutter starb vor vielen Jahren. Im Alter von 11 Jahren musste ich dabei zusehen, wie die verkohlten Überreste meiner über alles geliebten Mutter in einem Sarg auf dem Fluss des letzten Weges davon schwammen.  Jonama Van Dell starb ehrenvoll während des ersten Krieges zwischen den Niedergestellten und uns.

Skrupellos töteten sie meine schon verletzte Mutter. Niemand außer meinem Vater hatte es gesehen. Er versuchte noch sie zu retten, kam aber zu spät. Unsere Feinde flüchteten, bevor wir sie vernichten konnten und mit ihnen die Mörder meiner unschuldigen Mutter.

Sie hatte nie Krieg gewollt. Immer wieder versuchte sie, ihren Mann zur Vernunft zu bringen. Das Schlimmste daran war, dass dabei auch meine ältere Schwester starb.

Schon immer war sie ein begeisterter Fan von Kampfkünsten gewesen. Viele Lehrer haben sie schon unterrichtet und ich muss zugeben, sie war echt gut. Leider nicht gut genug.

Unsere Eltern befahlen ihr daheim im sicheren Palast zu bleiben und haben sogar Aufpasser auf sie angesetzt, aber sie schaffte es zu entfliehen.

Doch Niemand wusste genau, wie meine sechzehnjährige Schwester Siena gestorben war. Auch eine Leiche fand man nicht. Nach einer einjährigen Suche gaben wir es auf. Sie wurde niemals wieder von irgendjemandem gesehen.

Ohne die Beiden konnte mein Vater mich ganz nach seinem Willen formen. Ich wurde zu seinem treusten Ergebenen und ich wollte ihn niemals enttäuschen. Bis jetzt war mir das auch immer gelungen, aber bei dieser Mission hielt ich meine Fähigkeiten definitiv nicht für ausreichend. Das übertraf all mein Können.

Genauso gut hätte er mir anweisen können: Laufe so oft im Dunkeln gegen die Wand, bis du die Tür findest, suche nach den Schwächen eines unbekannten Individuums und entführe eine Ameise unbemerkt aus einem Ameisenhaufen direkt vor den Augen der Königin.

Klingt einfach? Das war es ganz sicher nicht. Ganz automatisch kam mir schon das „Wie ihr wünscht, mein König“ über meine Lippen.

Vater nickte zufrieden und meinte: „Wenn du willst, kannst du in den Überwachungsraum und nach ihr Ausschau halten, aber spätestens nächsten Morgen bist du weg!“ Dann schickte er mich mit einer einfachen Wischbewegung seiner faltigen Hand aus dem Saal.

Im Flur viel Aislin mir direkt in die Arme. Ihr Liebesgehabe ging mir mehr und mehr auf die Nerven. Sie verstand einfach nicht, dass lass uns eine Pause machen so viel heißt, wie wir sind kurz vorm Schluss machen und du gehst mir auf die Nerven.

Wieder einmal schob ich sie vorsichtig, aber bestimmt, von mir weg. Ihr Schmollmund konnte mich auch nicht davon abhalten.

Ich wollte mich gerade bei ihr entschuldigen und ihr eine Ausrede auftischen, warum ich sofort weg musste, aber da drehte sie sich schon wirbelnd um und schlug mir dabei mit ihren schimmernden, langen Haaren ins Gesicht. Mit einem letzten pferdeähnlichen Schnaufen stolzierte sie davon.

„Frauen, die werde ich wohl nie verstehen“, murmelte ich und ging dann Richtung der geheimen Spionageräume.

Zwar kann so gut wie jeder durch ein Fenster blicken und dann stetig wechselnde Bilder anderer Welten sehen, wenn man es will, aber mit unserem speziellen Bildschirm konnten wir die zufällig ausgewählten Orte auf eine bestimmte Reichweite reduzieren. Das heißt, ich konnte mir auch nur Europa ansehen oder nur eine bestimmte Stadt.

Also, wenn ich gewusst hätte, in welcher genauen Stadt Ruby Wolverton sich befand. Da das nicht der Fall war, musste ich wohl einfach die Augen offen halten und mir jede auffällige Person und alle besonderen Orte perfekt einprägen.

Das stellte sich als schwieriger raus, als gedacht. Ich hätte mir doch denken müssen, dass das Mädchen nicht mit einem Pfeil über dem Kopf durch die Gegend laufen würde oder besser mit einem übergroßen Namensschild. Meine Suche wäre beendet und ich müsste nur noch meinen Charme spielen lassen.

So einfach machte sie es mir nicht. Ich versuchte mir so viele Gesichter einzuprägen, dass ich bald den Überblick verlor. Mitten bei einem beruhigenden Opernkonzert wurde mir schwarz vor Augen.

Helle Sonnenstrahlen, die durch das Fenster über mir auf mein Gesicht trafen, ließen mich aufschrecken. Rasend schnell packte ich meine Habseligkeiten zusammen und machte mich auf den Weg nach Europa.

Immer mehr Tage strichen an mir vorbei, ohne dass ich jemals etwas Interessantes entdeckt hätte. So viele Länder, so viele Menschen und keine Spur von Ruby Wolverton.

Nicht in Portugal oder in Lettland. Nicht in Polen und keinesfalls in der Ukraine. Jetzt befand ich mich in Frankreich. Direkt neben dem Eiffelturm. Alles an dieser Sehenswürdigkeit faszinierte mich. Ich hätte ewig davor stehen und es bewundern können.

Leider war mir das nicht gegönnt. Auch in Frankreich gab es keine Person mit diesem Namen. Durch Zufall habe ich erfahren, dass jemand eine Bekannte in Deutschland hatte, die so hieß.

Also nicht direkt durch Zufall. Natürlich sorgte ich in jeder Stadt dafür, dass der Name in jedermanns Hintergedanken war, sodass jemand, der sie kannte, den Drang hatte, über sie zu sprechen.

Zufall war es jedoch, dass eine von denen ein paar Meter weiter stand und ebenfalls den Eiffelturm bewunderte. Unauffällig lauschte ich dem Gespräch zwischen ihr und einem Jungen. Übersetzt bedeutete ihr Wortwechsel ungefähr:

„Schatz, erinnerst du dich noch an das Mädchen vom Schüleraustausch?“, fragte das Mädchen.

„Nicht wirklich.“ Ihr Freund schien ziemlich desinteressiert zu sein, doch entweder bemerkte das Mädchen es nicht oder sie ignorierte das einfach.

„Du weißt schon… Ruby. Die temperamentvolle Schlampe, die immer hinter meinem Rücken über mich lästerte.“

„Nö, kein Plan, von wem du sprichst.“

Charmant lächelnd meinte ich: „Entschuldige, wenn ich störe, aber ich habe nur den Namen Ruby gehört. Ihr redet nicht zufällig über Ruby Wolverton, oder?“

Der Junge zog misstrauisch eine Augenbraue hoch und baute sich mit seiner vollen Größe neben seiner Freundin auf. Er war riesig und blickte von oben herab hochnäsig auf mich herunter.

Du bist zwar größer als ich, aber definitiv nicht stärker. Auch ohne Magie könnte ich dich jetzt und hier grün und blau schlagen.

Äußerlich blieb ich genauso freundlich wie vorher, und ich konnte regelrecht sehen, wie seine Freundin bei meinem Anblick dahin schmolz. Deswegen gab sie mir auch - ohne irgendwelche Bedenken - eine Antwort.

„Ja, genau die. Ich bin extra zu ihr nach Deutschland gefahren. In so eine winzig kleine Stadt namens Sassenberg. Aber ich muss zugeben, dass deren Haus echt niedlich war. Nicht gerade luxuriös, aber ihre Familie hat einen guten Geschmack. Außerdem war die Lage super. Direkt an der Hauptstraße zwischen einem Supermarkt und einem Klamottenladen, ist doch perfekt…“

Das waren schon mehr Informationen, als ich gebraucht hätte, und so konnte ich endlich meine erste Fährte aufnehmen.

Auf nach Sassenberg. Ruby Wolverton, ich komme.

Es war nicht schwer, die Zielperson ausfindig zu machen. Doch so hätte ich mir Ruby Wolverton niemals vorgestellt. Arrogant, selbstverliebt und dickköpfig. Noch dazu extrem leichtsinnig.

Mein Kopf wollte einfach nicht verstehen, welchen Nutzen sie für uns haben sollte. Nach zwei Tagen beobachten fand ich immer noch nichts Besonderes an ihr.

Heute wollte ich mich unauffällig in ihr Umfeld mischen, um sie dann auf mich aufmerksam zu machen. Zu meinem Glück bekam ich gerade die perfekte Gelegenheit geboten.

Ruby war mit ein paar Freundinnen auf dem Weg zu einer Bar. Anscheinend wurde eine von ihnen achtzehn und das wollten sie wohl gebührlich feiern. Mit ihrem nuttigen Aufzug wäre es nicht unnormal, von fremden Männern angequatscht zu werden, und ich muss zugeben, hässlich war sie auch nicht gerade.

Ihre gewellten schwarzen Haare gingen bis zur Hälfte ihres Rückens und umrahmten in zarten Wellen ihr sonnengebräuntes Gesicht. Dabei schienen ihre grünen Augen wie Katzen alles genau zu erfassen. Ungewöhnlich für ein Mädchen in dem Alter, aber trotzdem nichts Besonderes. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.

Möglichst leise huschte ich der lauthals lachenden Truppe hinterher und prägte mir dabei jede Charaktereigenschaft der einzelnen Personen ein.

Der Pub war innen genauso schäbig wie von außen und trotzdem vollkommen überfüllt. Deswegen war die Luft stickig und von Bakterien verseucht. Überall wimmelte es von verschwitzten, vor sich hin taumelnden Menschen. Einige konnten nicht mehr stehen und versuchten sich mühsam auf einem Stuhl zu halten.

Mitten auf der Tanzfläche wackelte Ruby mit ihren perfekten Kurven vor sich hin und drängte sich an jeden halbwegs gutaussehenden Jungen. Mit meinem verführerischsten Lächeln schob ich mich näher an sie heran.

An ihrem Blick erkannte ich, dass sie sich direkt zu mir hingezogen fühlte. Es klingt selbstverliebt, aber ich war mir meines überdurchschnittlich guten Aussehens definitiv bewusst und ich genoss die Vorteile davon in vollen Zügen.

Instinktiv überschwemmte ich sie mit Komplimenten, die sie mit einem gierigen Blick in sich aufsog, nur um dann rot anzulaufen.

Ruby

Die letzten Monate des Schuljahres waren die einsamsten, die ich jemals erlebt hatte. Alle meine Freunde - außer Saphira, die aber auch nur noch wenig Zeit hatte, weil sie natürlich viele neue Freunde fand -, hatten sich von mir abgewandt und meine Mitschüler sprachen kein Wort mehr mit mir. Keiner wollte mehr neben mir sitzen, und so war der Platz neben mir immer leer.

Dem Unterricht konnte ich auch gar nicht mehr folgen. Das einzige Fach, das mein Interesse weiterhin wecken konnte, war Mathematik. Es wurde schon in meinem ersten Schuljahr zu meinem Lieblingsfach. In den anderen Fächern beschäftigte ich mich größtenteils damit, meinen Block mit unnötigen Bildern voll zu kritzeln.

Wenigstens hatte ich seitdem keine Probleme mehr mit Frau Hofmann gehabt, die ab da an nur noch ganz selten etwas zu mir sagte.

Auch Zuhause war es nicht besser. Ich hörte oft, wie meine Eltern sich anschrien, und auch mein Bruder und ich stritten fast jeden Tag. Mein Bruder wurde leider immer sehr schnell aggressiv und wütend und ich verstand mich sehr gut darin, ihn bis zur Weißglut zu treiben. Wir waren definitiv keine gute Mischung.

Unsere Schwester war oft die Ruhestifterin unserer Streitereien, aber viel reden taten wir immer noch nicht miteinander. Sie zog sich nämlich mehr und mehr in ihr Zimmer und somit in sich selbst zurück.

Meinen Vater sah ich nur selten, da er den Großteil des Tages am Arbeiten war. Leider blickte meine Mutter immer noch oft sehr abwesend drein, wenn sie mich sah. Auch wenn sie immer versuchte, liebevoll zu lächeln, merkte ich ihr ihre Angst und leichte Verzweiflung jedes einzelne Mal an.

Sogar an meinem zwölften Geburtstag, dem 18. September, kam nur Saphira zu mir rüber, um mit mir zu feiern. Auch wenn sie wegen einer angeblichen Nachhilfestunde in Deutsch nur kurz bleiben konnte - jeder wusste doch, wie gut sie wirklich in jedem Fach war - war es schön, mal wieder offen und vor allem alleine mit ihr reden zu können.

Denn anscheinend fanden die meisten meiner Mitschüler das, was vor einigen Monaten geschehen ist, immer noch entweder etwas angsteinflößend oder lächerlich und hielten es deswegen nicht für nötig, zu kommen. Diese Erkenntnis hatte mich sehr deprimiert. Auch wenn ich die meisten von ihnen nie wirklich gemocht hatte, wollte ich nicht vollkommen ausgeschlossen werden.

Zu meiner Zufriedenheit hatte Saphira sich trotz der Beliebtheit nicht verändert. Immer noch meine beste Freundin von vorher. Für mich war sie zu dem Zeitpunkt die einzige Freundin, und ich war ihr sehr dankbar dafür, dass sie mich nicht ganz alleine ließ.

Obwohl ich in der Schule oft, oder besser gesagt, fast immer alleine war, rückten die Sommerferien immer näher. Der Tag an dem ich mein wirklich schrecklich ausgefallenes Zeugnis bekam, war ein weiterer Tiefpunkt dieser Zeit für mich. Nur die zwei in Mathe konnte mich dabei etwas aufheitern.

Die Ferien kamen früh und vergingen genauso schnell wieder. Größtenteils traf ich mich mit Saphira und unternahm etwas mit meiner Familie. Auch Mia meldete sich mal wieder bei mir, und wir fingen wieder an, uns zu verabreden. Man merkte mir sofort nach ihrer Nachricht an, wie erleichtert ich war, dass sie noch etwas mit mir zu tun haben wollte.

Ich hatte erst Angst am ersten Schultag des sechsten Schuljahres zur Schule zu gehen. Doch dieses Gefühl stellte sich wieder einmal als unbegründet heraus, da die meisten meiner Klassenkameraden mich wie zuvor einfach ignorierten. Genau genommen hätte ich mir das denken können. Warum hätten sie mich denn so viele Monate später erst darauf ansprechen sollen?

Als wir alle auf unseren gewohnten Plätzen saßen, passierte etwas Unerwartetes. Frau Hofmann kam nicht allein zur Tür herein. Ihr folgte ein dürres und großes Mädchen. Unsere Lehrerin erklärte uns, sie wäre unsere neue Mitschülerin.

Die Neue stellte sich kurz vor: „Hey. Mein Name ist Josie Johnson und meine Familie und ich sind vor wenigen Tagen nach Dortmund gezogen. Ich kenne hier noch niemanden… also freue ich mich über jede neue Bekanntschaft.“

Den letzten Satz sagte sie mit einem reizenden Lächeln im Gesicht. So als wäre sie das unschuldigste und liebste Mädchen der ganzen Welt.

Alle starrten sie erwartungsvoll an, doch sie sagte nichts mehr und Frau Hofmann wies sie an, sich auf irgendeinen freien Platz im Klassenraum zu setzen.

Josie schien nicht lange zu überlegen und schritt selbstbewusst in meine Richtung. Ich dachte erst, sie wolle sich auf den Platz neben Jan setzen, der ganz in meiner Nähe saß. Doch sie begab sich auf den Stuhl neben mir.

Anscheinend interessierte es sie nicht, dass niemand mit mir sprach und ich ziemlich allein in der hintersten Ecke des Raumes saß.

Während sie ihre Sachen auspackte, musterte ich sie gründlich. Genau wie Saphira hatte auch sie blaue Augen. Nur waren ihre mehr von einem dunklen blau. So wie funkelnde Saphire. Diese Ausstrahlung zog mich einfach in ihren Bann.

Ihre langen Haare waren in einem zarten rosa gefärbt, welches immer dunkler wurde. Am Ansatz war es weiß und die Spitzen wirkten fast schon schwarz.

Panik durchlief mich, als sie mich dabei ertappte, doch sie lächelte nur und fragte: „Hi, wie heißt du?“

Der Klang ihrer Stimme ließ  mich zittern, und ich brachte nur leise eine kurze Antwort hervor: „Ruby Wolverton.“

„Nett, dich kennen zu lernen, Ruby.“ Kurz seufzte sie und fügte dann noch hinzu: „Wie sagte meine alte Sitznachbarin immer so schön: Wenn alle schlafen und einer spricht, nennt man dies Unterricht.“ Schnell antwortete ich mit einem gespielten Gähnen.

„Es wird noch interessant mit dir. Das ist mir jetzt schon klar.“ Lächelnd drehte sie sich weg und folgte weiter fleißig dem Unterricht.

Ein Gefühl von Glück über eine nette Sitznachbarin mischte sich mit einem seltsamen Gefühl, dass ich nicht erklären konnte. Es kam mir so vor, als spürte ich etwas, wenn ich in ihrer Nähe war. Etwas, was mir sehr vertraut vorkam. So, als würde ich sie schon lange kennen oder eher so, als hätten wir etwas ganz Besonderes gemeinsam.

Doch ich kam einfach nicht darauf, was genau ich da fühlte, und so zwang auch ich mich dazu, weiter dem Unterricht zu folgen.

In der Pause kam Josie auch zu mir, und wieder überraschte sie mich damit.

„Es tut mir Leid, wenn ich dich irgendwie störe, aber ich kenne niemanden und du scheinst sehr nett zu sein.“

Verlegenheit breitete sich in mir aus. „Ich finde auch, dass du sehr nett wirkst, aber ich weiß nicht, ob es dir nicht aufgefallen ist, ich habe hier sehr wenige Freunde. Die Anderen wollen nichts mit mir zu tun haben, weil…“

„Ich interessiere mich nicht dafür, was andere sagen und du bist mir auch keine Erklärungen schuldig. Ich mache mir gerne einen eigenen Eindruck von einer Person, bevor ich ein Urteil über jemanden fälle. Außerdem finde ich es lustig, wenn die Leute denken, ich bin bekloppt. Es verschafft Freiheit und Ruhe.“

„Diese Einstellung gefällt mir sehr. Du glaubst gar nicht, wie froh ich darüber bin, dass du dich neben mich gesetzt hast.“

Wir unterhielten uns die ganze Pause und lachten so gut wie ständig. Es war schön, mal wieder von Herzen lachen zu können.

Das war der beste Schultag für mich, seit dem Vorfall vor… ihr wisst ja, welchen Vorfall ich meine.

Meine Mutter guckte mich verwundert an, als ich über beide Ohren strahlend nach Hause kam. „Welches Einhorn ist dir denn über den Weg gelaufen?“

„Nein Mama. Wir haben eine neue Schülerin in der Klasse. Ihr Name ist Josie Johnson und sie ist super nett.“

Sie sagte zwar, sie freue sich für mich, aber man merkte ihr an, dass sie größtenteils erleichtert war, weil wir jetzt ein anderes Gesprächsthema zusammen hatten als den Vorfall.

Aber das war mir egal, und ich erzählte ihr alles, was ich an einem Tag über Josie erfahren hatte. Ich wollte ihr schon fast von meinem seltsamen Gefühl in Josies Gegenwart erzählen, schloss meinen Mund dann jedoch wieder, weil ich fand, es hörte sich etwas gruselig an.

Außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass ich noch einmal diese Angst in ihren Augen sehen könnte, die erst vor kurzem verschwunden ist. Ich hoffte, sie nie wieder so sehen zu müssen.

„Jetzt verstehe ich, was du meintest. Sie hört sich wirklich außerordentlich freundlich an“, sagte sie, nachdem ich fertig war mit meiner Erzählung. Vielleicht bildete ich mir das nur ein, doch ich glaubte, ein Aufblitzen von Hoffnung in ihren Augen zu sehen.

Ich konnte meine Mutter schon seit zwei Monaten überhaupt nicht mehr richtig einschätzen. Früher konnte ich mir immer ungefähr denken, was sie gerade dachte oder fühlte. Ich sah es an ihrer Mimik und Gestik.

Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass ich immer noch einen bestimmten Gesichtsausdruck erkennen konnte. Es war ihr Blick, der mir deutete, dass sie sich Sorgen um mich machte. Ich bedauere es, da sie mich in letzter Zeit ständig so ansah.

Das brachte mich dazu, mir Sorgen um sie zu machen, und ich wurde das Gefühl einfach nicht los, dass das erst der Anfang von unseren Problemen und somit auch der Sorgen war.

Ich schüttelte diesen Gedanken von mir und überlegte, was ich mit dem Rest des Tages anfangen konnte.

Meine Mutter kam mir damit zuvor, indem sie fragte: „Hast du Lust, mit Veronica, Andrew und mir einkaufen zu fahren?“

„Ja, ich brauche sowieso noch Sachen für die Schule und eine kurze Hose. Jetzt, wo es immer wärmer wird. Besser shoppen gehen als Sport machen, denn beim Shoppen verbrenne ich definitiv mehr Kalorien.“

„Kaum zu glauben, aber das ist bei dir ja wirklich so. Ich denke, wir sollten alle noch nach Anziehsachen für den Sommer gucken. Also fahren wir zur Mall“, meinte sie. „Andrew! Veronica! Kommt ihr?“

„Ja, Mama. Einen Moment noch“, lautete die einstimmige Antwort meiner Geschwister.

Bei meinem Bruder mussten wir wirklich nur zwei Minuten warten, aber meine Schwester brauchte noch eine Viertelstunde, um endlich fertig zu werden. Als sie die Treppe herunterkam, stießen wir drei gleichzeitig einen ungeduldigen Seufzer aus und fielen in lautes Gelächter. Sogar Veronica lachte mit uns, was sehr selten geworden war.

Voller glücklicher Erwartung stiegen wir ins Auto und fuhren zur nächstgelegensten Mall. Diese war sehr groß und wie immer auch sehr voll. Da wir uns nicht trennen wollten, beschlossen wir, immer in dieselben Läden zu gehen.

Der erste Laden, den wir betraten, war einer mit vielen Kleidern. Kurz und lang, elegant und modern, schön und hässlich. Alle möglichen Ankleidestyles waren dort vertreten. Manches mehr und manches weniger.

Da meine Mutter und ich Kleider liebten, stürzten wir uns direkt auf die ersten Aufsteller. Eins meiner Ausgewählten war eng geschnitten und mit einem Blumenmuster bestickt und das andere war luftig und schlicht in einem sanften Rosa.

In dem nächsten Laden gab es nur Jungenklamotten und wir Frauen berieten in dem Fall Andrew bei seiner Entscheidung. Auch er fand mehrere schöne T-Shirts und Hosen.

Wie immer durfte jeder von uns abwechselnd einen Laden aussuchen, und so war als nächstes Veronica an der Reihe. Es war ein für mich einschüchternd wirkendes Geschäft. Überall um mich herum hingen nur Klamotten in schwarz oder in Tönen, die so dunkel aussahen, dass sie fast schwarz waren.

Früher trug sie fast gar kein schwarz und jetzt trägt sie fast nur noch schwarz. Wie konnte sie sich in nur einem Jahr so stark verändern? Was ist mit meiner super offenen und immer fröhlichen Schwester passiert?

Obwohl ich nichts von den Sachen ansprechend fand, tat ich trotzdem so, als interessierte ich mich für die Kleidung. Nach einer Weile entdeckte ich tatsächlich etwas, was mich interessierte. Es sah aus wie ein Rock mit Strass-Steinen am Saum. Leider lag es zu hoch oben auf einem Regal und ich wusste, dass meine Geschwister und ich dort niemals dran kommen würden. Meine Mutter konnte ich auch nicht fragen, da sie gerade in der Umkleide war.

Fürs Erste begab ich mich so nahe wie möglich vor das Regal und stellte mich dann auf meine Zehenspitzen. Eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass ich da trotzdem nicht dran kommen würde.

Auch wenn ich wusste, dass mir das nicht helfen würde, starrte ich den Rock entschlossen an. Dabei stellte ich mir mit einem Grinsen im Gesicht vor, wie meine Blicke den Rock durchbohren würden. Sofort erinnerte mich das an Superhelden mit ihren bekannten Hitzeblicken und lachte angesichts der Kindheitserinnerungen, wie ich früher immer voller Erwartungen wegen der bevorstehenden Serie auf dem Sofa gesessen hatte.

Ein Leuchten über mir brachte mich in die Gegenwart zurück. Vor meinen Augen fingen die - komischerweise zerlöcherten - Überreste des Rockes zu brennen an.

Panisch sah ich mich im Laden um. Zu meiner Zufriedenheit waren alle - auch die Verkäuferin - damit beschäftigt, meine Mutter zu beraten, die sonst nie diesen Style trug und sich dadurch auch nicht damit auskannte.

Also hatte das niemand gesehen. Panisch riss ich einen Feuerlöscher von der Wand und löschte damit die Flammen.

Der Rock hat einfach so angefangen zu brennen. Genau in dem Moment, als ich das wollte. Schon wieder so ein paradoxer Zufall? Was bedeutet das jetzt für mich. Immerhin ist es noch einmal passiert. Das kann… konnten alles keine Zufälle gewesen sein. Bedeutet diese Situation jetzt, dass ich eine… eine Hexe bin, wie sie im Buche steht. Unwahrscheinlich! Also, was bin ich nur? Ich wünschte nur, dass alle Beweise dafür weg wären. Wie soll ich das den Anderen erklären?

Plötzlich hörte ich hinter mir einen erstickten Schrei meiner Mutter. Schnell drehte ich mich in ihre Richtung und sah, dass sie alle die Umkleide verlassen hatten. Einzig die Verkäuferin merkte nichts von alldem. Nicht mal der Schaum des Feuerlöschers auf dem Regal schien ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

Schnell drehte ich mich wieder zu den verbrannten Resten des Rockes um und musste verwirrt feststellen, dass der Schaum weg war. Genauso wie der Rock selbst.

Erschrocken blickte ich wieder meine Mutter an und zuckte bei dem Schmerz und der Sorge zusammen, die ich mal wieder in ihren Augen sah. Meine Geschwister brachten vor Staunen kein Wort heraus.

Die nichtsahnende Verkäuferin guckte uns verblüfft der Reihe nach an, um dann zu sagen: „Wollen sie die Kleider…“

„Wir gehen jetzt! Kommt Kinder“, unterbrach Susanne die Frau forsch.

Während sie den Laden verließen, konnte ich mich nicht bewegen. Ich war noch viel zu  verwirrt, geschockt und sogar etwas verängstigt davon, dass sie mich bemerkt hatten. Es war noch viel schlimmer, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.

„Komm sofort her, Ruby“, rief meine Mutter mir streng, aber mitfühlend entgegen.

Sie hörte sich nicht wütend an und auch nicht enttäuscht, sondern ängstlich. Die Angst, die ich auch nach meiner ersten Benutzung von Magie bei ihr bemerkte. Eben diese Angst, die ich hoffte, nie wieder hören beziehungsweise sehen zu müssen.

Schnell lief ich ihnen hinterher. Niemand sagte etwas, bis wir zu Hause ankamen. Nachdem wir das Haus betreten hatten, schickte meine Mutter Veronica und Andrew in deren Zimmer. Sie wartete, bis wir das Schließgeräusch der Türen hörten, bevor sie mich einfühlsam anblickte.

Dann begann sie mir ihre Gedanken und Sorgen mitzuteilen: „Ich kann mir denken, wie verwirrt du momentan bist und auch, dass du viele Fragen haben musst. Jedoch kann ich dir gewisse Dinge noch nicht verraten. Vielleicht kannst du mich jetzt noch nicht verstehen, aber ich weiß, dass du es irgendwann tun wirst. Fürs Erste muss ich dich eindringlich darum bitten, vorsichtiger mit deiner Gabe umzugehen. Wenn die falsche Person das von dir mitbekommt, kann nicht einmal ich dir helfen.“

Eine kleine Vorwarnung - oder zumindest ein Teil der Wahrheit - wären für mich zu der Zeit wirklich hilfreich gewesen. Leider musste ich noch ziemlich lange darauf warten. Zu lange!

„Mama. Du machst mir Angst. Ich weiß doch noch gar nicht wie oder was ich da gemacht habe… Ist das denn wirklich so gefährlich?“, fragte ich sie.

„Hab keine Angst! Ich wollte dir keine Angst machen. Du musst deine Fähigkeiten erforschen. Aber Eile mit Weile. Tu mir nur den Gefallen und pass auf dich auf. Versuch am besten, dabei von niemandem außer mir und deinem Vater gesehen zu werden“, erwiderte sie.

Bei den letzten Worten schloss sie mich in ihre Arme. So verharrten wir, bis mich die Müdigkeit packte und ich versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.

„Komm meine Schlafmütze. Bringen wir dich ins Bett.“

Kurz bevor sie die Tür schloss, flüsterte ich bereits im Halbschlaf eine Frage, die eigentlich ein Witz aus einer Zeitung war: „Ist es zu spät, mich wie ein Baby in ein Bettlaken zu wickeln und bei einer normalen Familie vor die Haustür zu legen… und ich würde einfach so tun, als wäre ich ein vollkommen normales zwölfjähriges Mädchen?“ In dem Fall meinte ich es jedoch ernst. Ich fühlte mich verzweifelt. Wie sollte ich jemals in der Klasse akzeptiert werden, wenn ich wirklich nicht normal war? Leider war mir nicht klar, wie sehr ich meine Mutter damit verletzt hatte.

Vorm Einschlafen dachte ich darüber nach, ob mich ihre Worte etwas beruhigter oder eher noch besorgter gemacht hatten. Meine Antwort war definitiv besorgter.

Kapitel 2

Adrian

In gerade mal zwei Monaten wechselte ich von einem völlig Fremden zu Rubys festem Freund. Normalerweise wäre sie mir viel zu vorschnell gewesen, aber da ihre Zuneigung und Vertrauen zu mir mein Ziel war, freute ich mich über ihre Naivität.

Doch sie hatte mir gegenüber noch nicht genug Vertrauen, um mir blind überallhin zu folgen. Sie musste mir mit Herz und Seele verfallen sein, bevor ich sie mitnehmen konnte.

Heute wollte ich sie zu einem romantischen Mitternachtspicknick an den Strand mitnehmen und so unsere Beziehung noch vertiefen. Allein der Gedanke daran widerte mich an. In all der Zeit habe ich nichts an ihr gefunden, was mir auch nur annähernd gefallen hätte.

Ihre Art kotzte mich an, aber ich musste so tun, als hätte ich sie mehr als alles andere geliebt. Auch wenn das Gegenteil der Fall war. Auf der Welt gab es keine Person, die schlimmer war.

Immerhin gab es sechs Milliarden Menschen auf der Erde und ich musste gerade ihr begegnen. Warum musste sie mein Ziel sein? Wenn sie bei meinem Vater sein würde, nahm ich mir vor, jeden Kontakt zu ihr abzubrechen.

Mein Wecker riss mich aus den Gedanken. Es war kurz vor Mitternacht. Schnell schnappte ich mir den prall gefüllten Picknickkorb und fuhr mit meinem Auto zu ihrem Haus.

Ruby konnte ihre Aufregung nicht verstecken und wackelte neben mir ständig hin und her. Außerdem fragte sie mich ununterbrochen, was ich vorhatte. Sie ging mir so dermaßen auf die Nerven, dass ich das Gefühl hatte, jeden Moment platzen zu müssen.

Eigentlich hatte ich auch für sie kochen wollen, nur schmeckt mein Selbstgemachtes nie jemandem. Was ich überhaupt nicht verstand. Alles, was ich kochte, war einfach brilliant. Zumindest meiner Meinung nach.

Aber ich wollte sie ja nicht verschrecken. Also ein romantischer Strand um Mitternacht mit einem Picknick. Wie sollte ich sie besser verführen können?

Mit meinen Vermutungen traf ich mal wieder genau ins Schwarze. Um Punkt Mitternacht beugte sich Ruby zu mir herüber und wir küssten uns leidenschaftlich. Langsam schob ich meine Hände unter ihr T-Shirt und ihr entfuhr ein erregtes Stöhnen. Immer näher schmiegte sie sich an mich ran.

Das war ein eindeutiges Zeichen für mich. Jetzt war der Punkt gekommen, an dem sie mir bis zum Ende der Welt folgen würde. Ich merkte es nicht daran, weil sie sich mir hingab, sondern an der Art, wie sie es tat. Alles war perfekt und mein Auftrag so gut wie ausgeführt.

Plötzlich glitt eine kaum merkliche magische Welle über meine Sinne. Fast hätte ich es nicht bemerkt, aber ich hatte es mir ganz sicher nicht eingebildet. Jemand hatte schwarze Magie genutzt. Jemand, der nicht wusste, wie man es verbergen konnte.

Es konnte nur meine Zielperson gewesen sein. Die Welle wurde ganz sicher nicht von dem vor Leidenschaft bebenden Körper neben mir verursacht. Ich hatte mich getäuscht und die falsche Person verführt.

Ruckartig hielt ich inne und stand perplex auf. Die falsche Ruby starrte mich traurig und verbittert von unten an. Aber das war mir egal. Von da an musste ich nicht mehr so tun, als würde ich sie lieben.

Also drehte ich mich einfach um und ließ sie alleine am Strand zurück. Ihre Gefühle waren mir egal, ihre Schluchzer waren mir egal und sie war mir mehr als egal.

Dieses Mal war ich mir über den Aufenthaltsort der Zielperson zu hundert Prozent sicher. Sie lebte in Dortmund und es war nur noch eine Frage von Wochen, bis ich sie finden würde.

Ruby

Am nächsten Tag vertrieb Josie all meine Sorgen, indem sie mich die ganze Zeit zum Lachen brachte. Ich war sehr verwundert darüber, dass sie direkt bemerkt hatte, dass es mir gar nicht gut ging. Dabei hatte ich versucht - es so gut wie ich konnte - zu verbergen. Doch obwohl wir uns erst einen Tag kannten, merkte sie es leider direkt, als ich in die Klasse kam.

Es war eine sehr gute Idee von ihr, mich mit Witzen aufzuheitern, und ich hatte ihr das nie vergessen. Zu meiner Erleichterung respektierte sie es auch, dass ich ihr nicht erzählen wollte, was mit mir los war. Auch interessierte sie sich nicht für die missbilligenden Blicke unserer Lehrer und Mitschüler. Die Lehrer fanden es einfach nur nicht gut, dass sie nicht aufpasste.

In einer Englischstunde mit Frau Hofmann wurde Josie sogar aufgefordert, sich umzusetzen. Josie wollte sich das nicht gefallen lassen und hatte sofort eine passende Antwort parat: „So sehr ich Sie auch respektiere, es wird nichts ändern. Egal wie oft Sie mich umsetzen, ich rede sowieso mit jedem.“

Frau Hofmann musterte sie mit einem missbilligenden Blick, ließ es aber ansonsten auf sich beruhen. Und so konnte sie sich fast immer bei allen Lehrern rausreden.

Bei den Anderen war es nicht so einfach, denn unsere Mitschüler missbilligten ihren ganzen Umgang mit mir.

Man merkte, dass sie sie mochten, aber nicht mit ihr sprachen, weil sie mit mir befreundet war. Ich machte mir große Sorgen darum, dass sie mich auch irgendwann alleine lassen würde und ich wieder niemanden zum Reden gehabt hätte.

Doch sie versicherte mir immer wieder, wenn ich traurig wurde, dass sie mich schon länger als ihre neue beste Freundin betrachtete und mich viel zu gerne hätte, um mich wieder alleine zu lassen. Damit vertrieb sie jedes Mal meine Unsicherheit.

Wir trafen uns von dem Tag an fast jeden weiteren Tag und teilten so gut wie alle Geheimnisse miteinander. Nur das eine konnte ich ihr natürlich nicht anvertrauen. Ich hatte viel zu große Angst davor, sie damit zu vertreiben.

An den Tagen, an denen sie keine Zeit hatte und ich auch nichts anderes zu tun hatte, erforschte ich die merkwürdigen Kräfte in mir. Doch irgendwas machte ich falsch. Was auch immer ich mir vorstellte, egal ob ausgesprochen oder gedacht, nichts funktionierte. Ich wusste nicht was es war, da ich meiner Meinung nach nichts anders machte, als bei den ersten beiden Situationen, in denen ich meine Magie genutzt hatte.