Nach dem Trauma - Gaby Gschwend - E-Book

Nach dem Trauma E-Book

Gaby Gschwend

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14,99 €

Beschreibung

Dieser Ratgeber hilft Betroffenen, ihren Angehörigen und unterstützenden Personen, die möglichen Folgen traumatischer Erfahrungen besser zu verstehen und damit umzugehen. Im Informationsteil lernen Sie verschiedene Formen und mögliche psychische und gesundheitliche Folgen von Traumatisierung kennen. In einem zweiten Teil wird dann auf verschiedene spezielle traumatische Ereignisse eingegangen. Der dritte Teil enthält grundsätzliche Tipps, Strategien und Übungen zur Selbsthilfe im Umgang mit belastenden Reaktionen und zur Stärkung Ihrer Persönlichkeit und Ihrer Selbstheilungskräfte. Im vierten Teil erfahren Sie, was Angehörige und Freunde hilfreich beitragen können, um die Heilung der Seele zu unterstützen, über den Umgang mit traumatisierten Kindern, und auch, wann es angezeigt ist, Unterstützung von psychologisch-psychotherapeutischen Fachpersonen in Anspruch zu nehmen.

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Seitenzahl: 152

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Gaby Gschwend

Nach dem Trauma

Verlag Hans Huber

Psychologie Sachbuch

Wissenschaftlicher Beirat:

Prof. Dr. Dieter Frey, München Prof. Dr. Kurt Pawlik, Hamburg Prof. Dr. Meinrad Perrez, Freiburg (CH) Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen

Von Gaby Gschwend ist bei Hans Huber außerdem erschienen:

Gaby Gschwend

Notfallpsychologie und Trauma-Akuttherapie

Ein kurzes Handbuch für die Praxis 101 Seiten 2. Aufl. (ISBN 3-456-84088-8)

Gaby Gschwend

Trauma-Psychotherapie

Ein Manual für die Praxis 133 Seiten (ISBN 3-456-84074-8)

Bücher über Posttraumatische Belastungsstörungen beim Verlag Hans Huber – eine Auswahl:

Willi Butollo / Maria HaglTrauma, Selbst und Therapie Konzepte und Kontroversen in der Psychotraumatologie 256 Seiten (3-456-84037-3)

Mary Ann DuttonGewalt gegen Frauen Diagnostik und Intervention Aus dem Englischen übersetzt von Karin Dilling 256 Seiten (3-456-83633-3)

Claudia Herbert / Ann WetmoreWenn Albträume wahr werden Traumatische Ereignisse verarbeiten und überwinden Aus dem Englischen übersetzt von Irmela Erckenbrecht 203 Seiten (3-456-84218-X)

Helen KennerleySchatten über der Kindheit Wie sich frühe psychische Traumata auswirken und wie man sie bewältigt Aus dem Englischen übersetzt von Karin Dilling 219 Seiten (ISBN 3-456-83963-4)

Philipp A. Saigh:Posttraumatische Belastungsstörung Diagnose und Behandlung psychischer Störungen bei Opfern von Gewalttaten und Katastrophen Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Wengenroth 218 Seiten (3-456-82593-5)

Patricia ResickStress und Trauma Grundlagen der Psychotraumatologie Hrsg. Andreas Maercker 224 Seiten (ISBN 3-456-83954-5)

Frauke TeegenPosttraumatische Belastungsstörungen bei gefährdeten Berufsgruppen

Gaby Gschwend

Nach dem Trauma

Ein Handbuch für Betroffene und ihre Angehörigen

Adresse der Autorin Frau lic. phil. Gaby Gschwend Kurhausstrasse 5 CH-8032 Zürich

Lektorat: Monika Eginger Umschlag: Atelier Mühlberg, Basel Satz: Nathalie Sbicca Panarelli eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Anregungen und Zuschriften bitte an: Verlag Hans Huber Hogrefe AG Länggass-Strasse 76 CH-3000 Bern 9 Tel: 0041 (0)31 300 45 00 Fax: 0041 (0)31 300 45 93 E-Mail: [email protected]

Inhalt

Einleitung

Information zum Trauma

1. Was ist ein Trauma?

1.1 Situationsmerkmale

1.2 Persönliche Faktoren

2. Mögliche Folgen

2.1 Erstreaktionen

2.2 Die Posttraumatische Belastungsstörung

2.3 Komplexe Trauma – Folgestörungen

3. Typische Beschwerden infolge Traumatisierung

3.1 Körperliche Auswirkungen

3.2 Belastende Erinnerungen / Wiedererleben

3.3 Verdrängung und Vermeidung

3.4 Belastende Gefühle

3.5 Negative Annahmen und Überzeugungen

Spezielle Ereignisse

4. Schicksalsschläge

4.1 Verkehrsunfälle

4.2 Schwere Krankheit

4.3 Unerwarteter Todesfall

5. Gewalt in Beziehungen

5.1 Vergewaltigung

5.2 Häusliche Gewalt

6. Trauma und Kind

6.1 Gewalt an Kindern

Selbsthilfe

7. Was man für sich selbst tun kann

7.1 Körperliches Wohlbefinden

7.2 Umgehen mit wiederkehrenden Erinnerungen / dem Wiedererleben

7.3 Umgehen mit Angst und Vermeidung

7.4 Umgehen mit belastenden Gefühlen

7.5 Umgehen mit negativen Gedanken und Überzeugungen

7.6 Soziale Unterstützung suchen

Unterstützung von anderen

8. Wie Angehörige und Freunde helfen können

8.1 Praktische Hilfe

8.2 Heilsame Gespräche

8.3 Was Sie vermeiden sollten

8.4 Kindern helfen

9. Unterstützung von Fachpersonen

9.1 Psychologische Soforthilfe

9.2 Trauma – Psychotherapie

Anhang

Die Übungen

Literatur

Die Autorin

Einleitung

Die Wahrscheinlichkeit, eine traumatische Situation zu erleben, ist hoch. Etwa jeder Zweite erlebt nach heutigen Berechnungen mindestens einmal im Leben ein traumatisches Ereignis. Die körperlichen Verletzungen, die kann man sehen, nicht aber die seelischen Wunden, die dabei entstehen können. Dabei sind diese oft schmerzhafter und heilen nur langsam. Von vielen Einzelschicksalen, die sich häufig auch privat, im Verborgenen, ereignen, von körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt, erfahren wir nichts. Doch nur schon durch die Medien erreichen uns täglich Schreckensmeldungen. Wir lesen, hören, sehen von Überfällen, Attentaten und Entführungen, von Naturkatastrophen und kriegerischer Gewalt, von Vergewaltigungen und von Gewalt an Kindern. Traumatische Ereignisse sind immer extreme Ereignisse, die den Rahmen alltäglicher Erfahrungen und Belastungen bei weitem übersteigen. Es handelt sich um außergewöhnlich bedrohliche Schreckenssituationen, die mit intensiver Angst und dem Gefühl von absoluter Macht- und Hilflosigkeit einhergehen. Das muss nicht in spektakulärer Form geschehen, wie es z. B. bei einer technischen- oder einer Naturkatastrophe der Fall ist, häufig sind es «alltäglichere» Ereignisse wie z. B. ein Verkehrsunfall, den man überlebt hat, die Diagnose einer schweren Erkrankung oder der unerwartete Tod eines nahe stehenden Menschen. Erst in solchen Situationen wird uns wirklich deutlich, wie einschneidend sich eine derartige Erfahrung auf die seelische und körperliche Gesundheit auswirken kann, denn das Erlebte gräbt sich tief in das Gedächtnis ein und bemächtigt sich des Unbewussten. Wenn Sie dieses Buch lesen, haben Sie wahrscheinlich vor kurzem oder vor längerer Zeit selber ein traumatisches Ereignis erlebt, das Sie seelisch und häufig auch körperlich verletzt, Sie um Ihr seelisches oder gesundheitliches Gleichgewicht gebracht und Sie verändert hat. Oder Sie stehen jemandem nahe, der mit einem Schicksalsschlag konfrontiert wurde oder Gewalt erlebt hat und möchten ihn unterstützen. Dieses Manual möchte Betroffenen, ihren Angehörigen und anderen Interessierten helfen, die möglichen Folgen traumatischer Erfahrungen besser zu verstehen und damit umgehen zu können. Es soll Anregungen und Hilfestellung im Prozess der Bewältigung und Verarbeitung von Schreckensereignissen vermitteln und die Ihnen eigenen Selbstheilungskräfte unterstützen. Im Informationsteil erfahren Sie etwas über die verschiedenen Formen und über die möglichen psychischen und gesundheitlichen Folgen traumatischer Erlebnisse. Der zweite Teil geht vertieft auf verschiedene spezielle traumatische Ereignisse ein und zwar auf solche, die in der Lebensrealität häufig vorkommen und die viele Menschen betreffen. Ergänzt werden diese Informationen durch situationsbezogene Anregungen und Hinweise zur Bewältigung dieser speziellen Ereignisse. Im dritten Teil werden praktische Anregungen, Strategien und Übungen zur Selbsthilfe vorgestellt, die den Umgang mit belastenden Reaktionen erleichtern und zur Stärkung Ihrer Persönlichkeit und zu der Ihrer Selbstheilungskräfte beitragen. Und schließlich erfahren Sie, was Angehörige und Freunde tun können, um die Erholung und Heilung nach dem Trauma zu unterstützen. Sie erhalten Hinweise zum Umgang mit traumatisierten Kindern, und auch dazu, wann es angezeigt ist, Unterstützung von psychologischpsychotherapeutischen Fachpersonen in Anspruch zu nehmen, die dieses Buch keinesfalls ersetzen kann. Um sprachliche Schwerfälligkeiten zu vermeiden, ist der Text in der männlichen Form geschrieben.

Information zum Trauma

1.Was ist ein Trauma?

Traumatische Ereignisse sind einschneidende, schreckliche Ereignisse, die außerhalb des gewöhnlichen menschlichen Erfahrungsbereichs liegen. Sie übersteigen bei weitem das Ausmaß und die Intensität gewöhnlicher Alltagsbelastungen und bewirken in uns Entsetzen, Furcht und das Erleben einer intensiven Hilflosigkeit. Menschen sind plötzlich in einen schweren Verkehrsunfall entwickelt, jemand erfährt aus heiterhellem Himmel, dass er schwer krank ist, ein Kind wird körperlich und/oder seelisch misshandelt, in einer intimen Beziehung wird körperlicher und seelischer Terror ausgeübt, jemand wird mit dem unerwarteten Tod eines nahe stehenden Menschen konfrontiert oder ist plötzlich einer Naturkatastrophe ausgeliefert. All diese verschiedenen Ereignissen haben etwas gemeinsam: die Betroffenen stehen ihnen hilflos gegenüber, sie haben keinen wirklichen Einfluss auf die Situation und meist besteht auch körperliche Gefahr oder sogar Lebensgefahr. Das sind existenziell bedrohliche Erfahrungen. Sie erschüttern, kurzfristig oder auch andauernd, das seelische und körperliche Gleichgewicht der davon Betroffenen und verändern ihr Leben und ihre Persönlichkeit. Glücklicher-weise verfügt der Mensch, körperlich wie seelisch, über erstaunliche Selbstheilungskräfte. Wunden, auch schwere Wunden, können, bei angemessener Beachtung und unterstützender Behandlung, langsam heilen. Unter geeigneten Bedingungen kommt es auch im seelischen Bereich allmählich zu einem Erholungs- und schließlich Heilungsprozess, man erholt sich vom Schrecken des Unfassbaren, lernt langsam, das Geschehene zu akzeptieren und damit zu leben. Die Belastungserscheinungen lassen nach, die seelischen Wunden vernarben und heilen allmählich. Die Erfahrung bleibt ein schmerzhafter Teil des eigenen Schicksals, aber vor dem Hintergrund des Erlebten geht doch «das Leben weiter», wie der Volksmund sagt, auch wenn es nicht mehr das unbeschwertere Leben von «vorher» ist. Das traumatische Ereignis wird nicht vergessen. Aber es verblasst mit der Zeit im täglichen Leben und andere Gedanken und Erinnerungen können wieder an Raum gewinnen. Dieser Bewältigungsprozess gelingt aber nicht «automatisch» in jedem Fall und bei allen Menschen. Manche drohen, am Trauma zu zerbrechen und es gelingt ihnen nicht oder nur bruchstückhaft, ihr Leben wieder neu aufzubauen. Die zerstörerische Erfahrung kann nicht bewältigt werden, die seelischen Wunden heilen nicht oder brechen immer wieder auf, seelische und körperliche Belastungsreaktionen werden zu chronischen Beschwerden und Symptomen, die das Leben dauerhaft beeinträchtigen. Ob einem Menschen die Bewältigung und Überwindung eines schrecklichen Ereignisses gelingt oder nicht, hängt vom Zusammenwirken verschiedener Faktoren ab. Sie können den Erholungs- und Heilungsprozess unterstützen, aber auch blockieren und verhindern. Es sind auf der einen Seite die Merkmale der traumatischen Situation selbst und andererseits individuelle Faktoren und die persönlichen Lebensumstände des Betroffenen, die dabei zusammenwirken.

1.1 Situationsmerkmale

Situationsmerkmale des Traumas sind die objektiven Merkmale der traumatischen Situation, das heißt, die Art des traumatischen Ereignisses, seine Intensität und die Dauer. Es sind nämlich äußerlich ganz verschiedene Situationen und Ereignisse, die zu einer Traumatisierung führen können. Es bedeutet zum Beispiel einen Unterschied, ob die Gewalt durch andere Menschen verursacht wurde wie es bei körperlichen Misshandlungen oder bei sexueller Gewalt der Fall ist, oder ob eine Gewalterfahrung in unser Leben einbricht, von der wir unabhängig vom Verhalten anderer Menschen erfasst werden. Dies ist zum Beispiel bei technischen und Naturkatastrophen der Fall oder wenn wir plötzlich damit konfrontiert werden, dass wir von einer schweren Krankheit betroffen sind. Wurde die traumatische Situation unabhängig von menschlichen Absichten, «schicksalhaft», ausgelöst, wird unser Weltvertrauen erschüttert und verletzt. Das Gefühl, das wir uns selbstverständlich in der Welt bewegen können und in ihr grundsätzlich sicher sind, wird erschüttert. Werden wir Opfer von Gewalt durch andere Menschen, erschüttert diese Erfahrung dazu auch nachhaltig unser Vertrauen in andere, das Menschenvertrauen ist verletzt und beeinträchtigt das Erleben von Sicherheit in Beziehungen und der Zugehörigkeit zu anderen Menschen. Erfahren wir von einer schweren Krankheit, verändert sich das Verhältnis zum eigenen Körper, in dem wir uns plötzlich nicht mehr sicher fühlen, der plötzlich unberechenbar wird und zu einem unheimlichen Gegenüber. Für die Folgen der traumatischen Erfahrung und für ihre Verarbeitung macht es auch einen Unterschied, ob die Schreckenssituation einmalig, kurzfristig und in sich abgeschlossen war wie bei einem Autounfall, oder ob Sie wiederholt oder über einen längeren Zeitraum hinweg traumatisiert wurden, zum Beispiel durch häusliche Gewalt. Und schließlich spielt auch der Zeitpunkt in Ihrem Leben eine Rolle, zu dem Ihnen das Trauma widerfahren ist. Wenn traumatische Erfahrungen, insbesondere Gewalt durch andere Menschen, schon in der Kindheit gemacht wurden, wird die Seele noch tiefer und umfassender verletzt. Und je jünger das Kind zum Zeitpunkt der Trauma-tisierung war und je weniger Unterstützung durch Erwachsene es hatte, desto schwerwiegender sind im allgemeinen auch die Folgen für die weitere Persönlichkeitsentwicklung und Lebensgeschichte. Einen weiteren Einfluss auf die Erholung und Verarbeitung haben die möglichen Langzeitfolgen und Lebensauswirkungen des Traumas, sei es auf der gesundheitlichen, der finanziellen oder auch juristischen Ebene. Bleibende körperliche Beeinträchtigungen, Arbeitslosigkeit als Folge des Traumas oder jahrelange Prozesse und versicherungstechnische Auseinandersetzungen wirken sich zusätzlich belastend aus und erschweren die Überwindung des Traumas.

1.2 Persönliche Faktoren

Nicht nur das traumatische Ereignis, sondern auch die Persönlichkeit des Betroffenen, seine Stärken und Verletzlichkeiten, seine Lebensgeschichte und auch seine aktuellen Lebensumstände stellen Faktoren dar, die die Selbstheilungskräfte unterstützen, aber auch hemmen und blockieren können. Dabei ist von großer Bedeutung, welche Schutzfaktoren und Widerstandskräfte in der bisherigen Lebensspanne ausgebildet werden konnten und aktuell verfügbar sind. Das können zum Beispiel verlässliche, unterstützende Beziehungen sein, andere, gute, Lebenserfahrungen oder auch Erfolgserlebnisse in anderen Lebensbereichen, die ein Gegengewicht zur traumatischen Erfahrung bilden. Auch persönliche Charaktereigenschaften wie zum Beispiel der Wille, nicht aufzugeben oder die Fähigkeit, aktiv nach Verbündeten und nach Lösungen zu suchen, spielen hier eine Rolle. Auf der anderen Seite gibt es auch persönliche Risikofaktoren, die sich hemmend auf die Überwindung des Geschehenen auswirken oder sogar verhindern, dass das Trauma unbeschädigt ausgehalten und bewältigt werden kann. Dies ist der Fall, wenn man in seinem Leben noch viele andere sehr belastende Ereignisse erleben musste oder auch dann, wenn man wenig ausgleichende positive und stärkende andere Lebenserfahrungen machen konnte. Bedeutung für den Heilungsprozess haben also neben den Situationsmerkmalen der traumatischen Situation selbst auch die stärkenden und schützenden Erfahrungen, die Sie bis zum Einbruch des Traumas gemacht haben und auf der anderen Seite die kritischen und schwächenden Erfahrungen bis dahin. Persönlichkeitsstärkende und unterstützende Erfahrungen, vor allem in der Kindheit, erhöhen die psychische Widerstandsfähigkeit und bilden einen stabilen seelischen Boden, der auch Erschütterungen standhalten kann. Schlechte Erfahrungen, vor allem wiederholte oder andauernde Angriffe auf den Körper und / oder die Seele, schwächen das seelische Immunsystem. Ein anderer wichtiger persönlicher Faktor sind auch Ihre aktuellen Lebensumstände. Das Ausmaβ, in dem Sie Anteilnahme und Unterstützung erhalten, durch Angehörige, durch Freunde, an der Arbeitsstelle, in Form gesellschaftlicher Solidarität ist hier wichtig. aber auch, inwieweit aktuell noch zusätzliche Belastungen bestehen, z. B. im Beruf oder im Beziehungsleben.

2. Mögliche Folgen

Während die unmittelbaren Erstreaktionen auf ein traumatisches Ereignis bei fast allen Menschen ähnlich sind, wenn vielleicht auch an Ausmaß und Intensität verschieden, verläuft die längerfristige Bewältigung eines Traumas individuell sehr unterschiedlich.

2.1 Erstreaktionen

So wie nach Schreckensereignissen typische körperliche Stress- und Notfallreaktionen auftreten wie ein beschleunigter Herzschlag, eine schnelle Atmung, eine erhöhte Muskelanspannung, so gibt es nach traumatischen Erfahrungen auch charakteristische seelische Folgereaktionen. Es sind möglicherweise heftige, aber ganz normale Reaktionen auf außergewöhnliche Belastungen, die im allgemeinen nach einer kurzen Zeitspanne langsam wieder abklingen. Sie oder ein Teil davon treten bei den meisten Menschen auf, die eine traumatische Situation erleben. Das ist wichtig zu wissen, weil viele Menschen über diese, Ihnen sonst wesensfremden Belastungsreaktionen, erschrecken. Sie «erkennen sich selbst nicht wieder» und haben Angst, «verrückt» oder «krank» zu werden.

Typische Belastungsreaktionen sind kurz nach einem traumatischen Ereignis:

Intensive Erinnerungen an das Geschehene drängen sich Ihnen immer wieder auf. Das kann in verschiedener Form und Intensität geschehen. Die Spannbreite reicht dabei von unwillkürlichen Erinnerungen, die Sie unwillkürlich «überfallen» und die von intensiven Gefühlen begleitet sind, über so genannte «Flashbacks», in denen «der Film» des Geschehenen oder einzelne Szenen davon immer wieder vor Ihrem inneren Auge ablaufen bis hin zu einem eigentlichen «Wiedererleben» der traumatischen Situation, als sei sie aktuell gegenwärtig. Auch Träume können auftreten, die das Ereignis wiedergeben oder sonst bedrohlich, schrecklich, gewalttätig sind.

Die Angst- und Bedrohungsgefühle halten an, auch, nachdem die Situation vorbei ist. Sie sind innerlich unruhig und vielleicht sehr schreckhaft, besonders bei unerwarteten, lauten Geräuschen oder wenn sich Ihnen jemand von hinten nähert. Es treten Schlaf- und Konzentrationsstörun gen auf. Man findet keine Ruhe und ist in ständiger innerer «Alarmbereitschaft».

Sie vermeiden Erinnerungen an das Trauma oder meiden bestimmte Orte, Situationen oder Menschen, die Erinnerungen an das Ereignis wachrufen könnten.

Erinnerungen an das Geschehene sind nur bruchstückhaft oder gar nicht vorhanden.

Es kommt zu einem Interesseverlust. Aktivitäten, die Ihnen «vorher» Freude machten und etwas bedeuteten, stehen Sie nun teilnahmslos gegenüber. Viele Menschen berichten über eine Art genereller «Gefühlstaubheit».

Sie verspüren heftige Gefühle und haben emotionale Ausbrüche, die Ihnen vielleicht sonst wesensfremd sind. Viele Menschen erleben z. B. eine ungewohnte Reizbarkeit und eine ausgeprägte Empfindlichkeit an sich.

Noch einmal: all das sind kurz nach einem schrecklichen Ereignis normale seelische Notfall- und Belastungsreaktionen. Bei den meisten Menschen klingen sie unter unterstützenden Bedingungen nach einer gewissen Phase der Erholung innerhalb von wenigen Tagen bis ca. 4 bis 6 Wochen nach dem Ereignis ab. Die Strategien und Übungen im Buch können Sie im Umgang mit solchen Belastungsreaktionen unterstützen. Sollten sie jedoch nicht schwächer werden und länger als 4 bis 6 Wochen andauern, ist dies ein Hinweis darauf, dass der Prozess einer Erholung und der Verarbeitung des Traumas blockiert ist.

2.2 Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Manchmal werden die Beschwerden chronisch. Bei ca. 1/3 der Betroffenen gelingt die Bewältigung und Verarbeitung des traumatischen Ereignisses (kurzfristig) nicht und es entwickelt sich eine eigentliche Posttraumatische Belastungsstörung. Die oben beschriebenen Erstreaktionen bleiben anhaltend und intensiv bestehen oder treten gar erst neu auf, und es kommt zu keiner Beruhigung und Erholung. Man bleibt sozusagen «am Trauma hängen». Die psychischen Notfallreaktionen dauern über den unmittelbaren Einfluss des traumatischen Ereignisses hinaus an und verfestigen sich zu chronischen Symptomen, die das Leben anhaltend beeinträchtigen.

Die Hauptmerkmale einer Posttraumatischen Belastungsstörung sind:

Wiederholte unausweichliche Wiedererinnerungen an das Ereignis. Das

Wiedererleben

von Bildern, Geräuschen, Gerüchen, Körperempfindungen oder «Rückblenden» in die traumatische Situation.

Eine anhaltendes, sich vielleicht sogar ausweitendes

Vermeidungsverhalten

wie es oben beschrieben wurde. Man geht allem aus dem Weg, gedanklich, gefühlsmäßig oder ganz real, was irgendwie an das Ereignis erinnern könnte.

Häufig zieht man zieht sich körperlich und/oder emotional von anderen Menschen zurück, fühlt sich von ihnen entfremdet.

Der Zustand gesteigerter

Erregbarkeit

, die innere Unruhe, die Schlaflosigkeit, die Schreckhaftigkeit und die Angstgefühle halten unvermindert an. Das vegetative Nervensystem ist aus dem Gleichgewicht und führt einen Dauererregungszustand herbei.

Viele Menschen leiden unter quälenden Gedanken und unter Gefühlen von

Hoffnungslosigkeit

. Es scheint ihnen zum Beispiel, dass sie keine gute Zukunft oder befriedigende Beziehungen mehr haben oder überhaupt je wieder glücklich sein könnten.

Auch wenn die Symptome schon länger als ein bis zwei Monate bestehen, können die Strategien und Übungen im Buch dazu beitragen, Ihre Heilungskräfte zu stärken, um sie bewältigen und überwinden zu könne. Bei anhaltenden starken Symptomen ist aber zusätzlich die Unterstützung durch eine Fachperson zu empfehlen, Näheres dazu in Kapitel 9.

2.3 Komplexe Trauma – Folgestörungen

Neben der Posttraumatischen Belastungsstörung gibt es aber auch noch andere mögliche psychische Langzeitfolgen von Traumatisierung. Bei diesen ist eine kompetente psychotherapeutische Behandlung unbedingt empfehlenswert. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn sich begleitend oder infolge der traumatischen Erfahrung zusätzlich oder anstelle posttraumatischer Symptome auch andere gesundheitliche Störungen entwickelt haben. Dies können Depressionen sein oder Angstkrankheiten, der Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen und Medikamenten, aber auch Essstörungen oder verschiedene körperliche Symptome und Krankheiten. Komplexe Folgen entstehen vor allem bei (wiederholten) Gewalterfahrungen, vor allem in der Kindheit. Diese bewirken auch einschneidende Persönlichkeitsveränderungen, die sich zum Beispiel in negativen Überzeugungen über sich selbst, in Selbstablehnung und Selbsthass, äußern, und in einem tiefen Misstrauen anderen Menschen gegenüber. Tief verwurzelte Überzeugungen der eigenen Macht- und Hoffnungslosigkeit und die Ablehnung des eigenen Körpers, in dem man sich nicht zu Hause fühlt, sind häufig. Die gesamte Persönlichkeit, ihre Gefühle und Gedanken, die Gesundheit und das Alltagsund Beziehungsleben, sind dauerhaft durch das Trauma geprägt und «vergiftet».

3. Typische Beschwerden infolge Traumatisierung