Nachbeben. - Katja Gäbler - E-Book

Nachbeben. E-Book

Katja Gäbler

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Beschreibung

Die historischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ragen wie Nachbeben eines Erdbebens in unsere Zeit hinein. Jede »kleine Geschichte«, jedes einzelne Leben trägt Spuren der »großen Geschichte« in sich. 24 sehr persönliche Lebensgeschichten erzählen vom Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart und porträtieren gleichsam ein ganzes Jahrhundert. Jedes Nachbeben stellt uns vor die Frage, wie vergangene Erfahrungen unsere Erinnerung, unsere Wahrnehmung der Welt, unsere Identität im Hier und Jetzt prägen – auch über Generationen hinweg.

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Nachbeben

Begegnungen mit deutschen Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Umschlag: Ruine des Schlosses Schlobitten (Ostpreußen) (© privat, aufgenommen im August 2015)

Alle Rechte vorbehalten © 2015 Duncker & Humblot GmbH, Berlin Fremddatenübernahme: L101 Mediengestaltung, Fürstenwalde Druck: Druckerei Conrad GmbH, Berlin Printed in Germany

ISBN 978-3-428-14826-4 (Print) ISBN 978-3-428-54826-2 (E-Book) ISBN 978-3-428-84826-3 (Print & E-Book)

Gedruckt auf alterungsbeständigem (säurefreiem) Papier entsprechend ISO 9706

Internet: http://www.duncker-humblot.de

Für meine Großmutter Irmgard Engel, geb. Imlau 27. Dezember 1925–17. Oktober 1977 Fabian Wehner

Für alle, die zu früh gestorben sind.

Für meinen Vater Michael Gäbler 25. Februar 1959–5. Februar 2013 Katja Gäbler

Vorwort

Opa kommt mit der Post. Regelmäßig landen Artikel der „Berliner Zeitung“ und der „Super Illu“ in meinem Briefkasten. Es geht um Geschichte, um Deutungshoheit, um die DDR. Opa kommt aber auch mit Abenteuergeschichten von fremden Ländern. Immer mit Begeisterung, immer mit einer Pointe. Glanz in den Augen, spricht er von seinem Diplomatenleben im Irak und in Ägypten. Unmut, spricht er heute über die Politik der „BRD“, über Weltanschauung. Wir beide wollten immer ein Buch schreiben. Ich sollte fragen, er wollte antworten. Was war denn nun früher?

Die DDR. Heißes Eisen. Und immer heißer. Je mehr ich darüber las, desto weniger stimmten meine Gedanken mit denen meines Opas überein. Zu Hause: Eine gänzlich andere Perspektive auf die Geschichte. Streit provozieren? Mein Nachfragen änderte sich, nicht aber so, dass ich ihn angriff. Darf ich eure Akte sehen? Nein, das sei entwürdigend, einen Staat nach seinem Untergang so auszuziehen. Und wozu überhaupt? Das sei Geschichte und für ihn abgeschlossen. Enttäuschung. Wissen, spüren, dass ich da noch etwas nachholen muss. Das Thema lässt mich nicht los, und doch führe ich nicht häufig Diskussionen darüber. Zu viel Angst zu verletzen und verletzt zu werden. Die DDR war eine Diktatur, ja. Aber. Und zugleich. Für mich ist sie mehr, auch Heimat meiner Familie. Irgendwie bin ich auch stolz darauf, aus der DDR zu sein, ein Ossi. Etwas anders zu sein, in Heidelberg und Hamburg, ein anderes Gepäck zu haben.

Ich will meine Geburt um fünf Jahre nach vorne verschieben. Dann wäre ich Thälmannpionier geworden, immerhin eine Erfahrung mit einer Massenorganisation. Was hätte das mit mir gemacht, zum Appell antreten, strammstehen? Und überhaupt, die Maueröffnung bewusst erleben. So weine ich, wenn ich die Bilder sehe, weil es mich bewegt und weil ich nicht dabei war. Aber älter als zwölf hätte ich in der DDR nicht werden wollen.

Dieser Text bereitet Kopfzerbrechen. Gehe ich zu weit? Trete ich Opa auf den Schlips? So neugierig, so ängstlich. Was steht in den Akten? Was macht das mit mir? Will ich es wissen?

Einmal ist es übrigens doch geschehen. Ein Streit. Sehr heftig, sehr laut, ein langer, zwanzigseitiger Brief landete danach in meinem Briefkasten.

Mein Opa ist Johannes Oehme. Einen Teil meiner Fragen habe ich ihm für dieses Buch gestellt.

Katja Gäbler

[8] Ich habe meine Oma Irmgard nie kennengelernt. Trotzdem weine ich, als ich vor den Trümmern ihrer Taufkirche im ehemaligen Ostpreußen stehe. Januar 2011. Das Dorf verschwunden, das Land unter friedlicher Schneedecke. Ich weiß, vor 66 Jahren war Krieg, sind sie hier aufgebrochen, fuhr der Zug nach Königsberg und weiter nach Gotenhafen. Um ein Haar auf „die Gustloff“ …

Kindheit. Oma Irmgard hätte mich mit ihrem hellblauen VW-Käfer abgeholt, spannende Ausflüge in den Zoo oder an die Nordsee, erzählte meine Mutter. Da war Oma Irmgard längst gestorben. Geflohen, gelandet in Hamburg-Blankenese, ein neues Zuhause. Eine heile Welt? Milchmann, Elbe, Bullerbü, sonntags ein Riegel Schokolade, erzählte meine Mutter. Seelische Trümmer? Keine Rede davon, aber immerzu hatte Oma Irmgard Magenschmerzen. Wo liegt Ostpreußen, Mama? Irgendwo im Osten. Oma Irmgard musste Blankenese verlassen, Opas Arbeit wegen. Umzug nach Oldenburg, ein zweiter Heimatverlust? Sie hat sich nicht gewehrt, später Magenkrebs, erzählte meine Mutter. Im Oktober 1977 ist Oma Irmgard gestorben. Meine Mutter muss sehr traurig gewesen sein, aber keine Zeit, mein Bruder wuchs in ihrem Bauch. Wegen Magenschmerzen saßen wir oft beim Kinderarzt.

Raus. Studium in Greifswald. Ostsee, seltsames zu-Hause-Gefühl, vage Neugier auf das Land weiter östlich, ein Satz in Schleiermachers Monologen, der haften bleibt: „Immer mehr zu werden was ich bin, das ist mein einziger Wille“. Glieder einer Kette, rückwärts Krebsen um voran zu kommen, literarische Umwege. Mit dem Rad durch Polen und das Baltikum, Reiseleiter „Ostpreußisches Bilderbuch“, Hildegard Juhl, Gustloff, das Puzzle setzt sich zusammen.

Heute wohne ich in Hamburg-Blankenese, das Haus ganz ähnlich, Hirschpark, Elbe, Altes Land. Auf dem Friedhof gieße ich die Blumen. Wessen Geschichte ist das? Meine oder ihre? Bin ich belastet oder bereichert, beschränkt oder erweitert? Nicht lange her, da antwortet eine Bekannte auf die Frage, warum sie Freiwilligendienst in Jerusalem, in Yad Vashem mache, ihre Großeltern seien Nazis gewesen, „aber wieso sollte ich versuchen, mich davon zu befreien? Was ich tue, fühlt sich richtig an.“

Fabian Wehner

[9] Heidelberg, Herbst 2010, wir lesen Ibsen: „Aber, Manders, ich glaube fast, wir alle sind Gespenster. Nicht nur das, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, geht in uns um. Es sind alle erdenklichen alten, toten Ansichten und allerhand alter, toter Glaube und so weiter. Es lebt nicht in uns; aber es sitzt uns trotzdem im Blut, und wir können es nicht loswerden. […] Es müssen ringsum im ganzen Lande Gespenster leben. Sie müssen so zahlreich sein, glaube ich, wie Sand am Meer. Und dann sind wir alle so gottsjämmerlich lichtscheu, einer wie der andere.“1

Lichtscheue überwinden, auf die Reise gehen, mit dem Zug ringsumher durchs ganze Land. Überall leben Gespenster, tragen andere Gewänder und Namen, spuken offen oder versteckt, gefährlich, gebändigt, als Last oder Glück. „Reden, unbedingt!“, heißt unsere Parole. Gespenster ans Licht! Die Gespenster der anderen haben uns die eigenen besser verstehen gelehrt. Sollen sie spuken, aber mit offenem Visier!

1 Ibsen, Henrik: Gespenster, in: Ders., Die großen Dramen, Düsseldorf 2006, S. 345.

Inhaltsverzeichnis

Prolog: Das Beben und das Nachbeben

Zur Einführung

I. Kindheit

Elfriede Brüning

Nie war ich ein Liebling der Kritik. Unsere Schriften galten als Proletkult

Georg Kohtz

Das schlimmste ist, dass der Krieg nicht aufhört

Elisabeth Furtwängler

Ich glaube, ich bin Furtwängler treu geblieben

Hans von Seggern

Während der Gefangenschaft wurde die Bibel mein wichtigster Zeitvertreib

Albert Scheel

Es war ein wunderschöner Abend, kurz vor Todesschluss

Annelise Pflugbeil

Es war sehr schmerzlich, dass das ganze Hinterpommern weg war

Hildegard Leyden

Der Hitler hat mein ganzes Leben verdorben

Gottfried Lemberg

Ich habe Nachtangst. Lächerlich, nicht?

Hildegard Juhl

Das Verlässliche, die Erde, die ist weg

Hans-Wilhelm v. Bornstaedt

Ich bin im Land meines Herkommens wieder eingewurzelt

Johannes Runge

Ick kann ut Schmatzin nicht rut

Walter Steitz

Spontan ist mir Minderwertigkeitskomplex eingefallen. Aber damit bin ich nicht zufrieden

Friedrich Graf zu Dohna-Schlobitten

lang, wie mein Vater, vom brennenden Schloss geträumt

Christoph Ackermann

Ich werde noch immer ganz krank, wenn Lebensmittel weggeschmissen werden

Volkwin Marg

Gleichschaltung zum Rhythmus-Applaus ist mir widerlich, da klatsche ich unwillkürlich gegen an

Johannes Oehme

1989 ist für uns eine Welt zusammengebrochen

Wolf Christian von Wedel Parlow

Meine adlige Familie war tief verstrickt. Diese Wedel Parlow Erkenntnis hat mich nicht losgelassen

Fedja Müller

‚Schuld‘ daran, da zu sein, während mein Vater nicht mehr da war

Frank Tidick

Starke Frauen spielen in meinem Leben eine große Rolle. Das fängt bei meiner Mutter an, die mich auf der Flucht wie eine Löwin beschützt hat

Michael Naumann

Deshalb ist in der Familie und auch in mir eine Art Aufstiegsdrang erhalten geblieben. Nie wieder arm

Abt Franziskus Heeremann van Zuydtwyck

Der Adel hat etwas Vertrautes für mich, aber richtig zu Hause bin ich auch dort nicht mehr. Wahrscheinlich reicht mir das Kloster

Sebastian Pflugbeil

Die Leute benahmen sich von einem Tag auf den anderen so, als ob wir in einem freien Land lebten. Und dann war es ein freies Land!

Peter May

Polizisten sind für mich noch heute ein Stück weit ‚Bullen‘

Gudrun Polak

Christliches Handwerkerkind in der DDR, das ging eigentlich gar nicht

II. Jugend

Elfriede Brüning

Nie war ich ein Liebling der Kritik. Unsere Schriften galten als Proletkult

Georg Kohtz

Das schlimmste ist, dass der Krieg nicht aufhört

Elisabeth Furtwängler

Ich glaube, ich bin Furtwängler treu geblieben

Hans von Seggern

Während der Gefangenschaft wurde die Bibel mein wichtigster Zeitvertreib

Albert Scheel

Es war ein wunderschöner Abend, kurz vor Todesschluss

Annelise Pflugbeil

Es war sehr schmerzlich, dass das ganze Hinterpommern weg war

Hildegard Leyden

Der Hitler hat mein ganzes Leben verdorben

Gottfried Lemberg

Ich habe Nachtangst. Lächerlich, nicht?

Hildegard Juhl

Das Verlässliche, die Erde, die ist weg

Hans-Wilhelm v. Bornstaedt

Ich bin im Land meines Herkommens wieder eingewurzelt

Johannes Runge

Ick kann ut Schmatzin nicht rut

Walter Steitz

Spontan ist mir Minderwertigkeitskomplex eingefallen. Aber damit bin ich nicht zufrieden

Friedrich Graf zu Dohna-Schlobitten

Ich habe es nicht brennen sehen, aber jahrzehntelang, wie mein Vater, vom brennenden Schloss geträumt

Christoph Ackermann

Ich werde noch immer ganz krank, wenn Lebensmittel weggeschmissen werden

Volkwin Marg

Gleichschaltung zum Rhythmus-Applaus ist mir widerlich, da klatsche ich unwillkürlich gegen an

Johannes Oehme

1989 ist für uns eine Welt zusammengebrochen

Wolf Christian von Wedel Parlow

Meine adlige Familie war tief verstrickt. Diese Erkenntnis hat mich nicht losgelassen

Fedja Müller

‚Schuld‘ daran, da zu sein, während mein Vater nicht mehr da war

Frank Tidick

Starke Frauen spielen in meinem Leben eine große Rolle. Das fängt bei meiner Mutter an, die mich auf der Flucht wie eine Löwin beschützt hat

Michael Naumann

Deshalb ist in der Familie und auch in mir eine Art Aufstiegsdrang erhalten geblieben. Nie wieder arm

Abt Franziskus Heeremann van Zuydtwyck

Der Adel hat etwas Vertrautes für mich, aber richtig zu Hause bin ich auch dort nicht mehr. Wahrscheinlich reicht mir das Kloster

Sebastian Pflugbeil

Die Leute benahmen sich von einem Tag auf den anderen so, als ob wir in einem freien Land lebten. Und dann war es ein freies Land!

Peter May

Polizisten sind für mich noch heute ein Stück weit ‚Bullen‘

Gudrun Polak

Christliches Handwerkerkind in der DDR, das ging eigentlich gar nicht

III. Reife

Elfriede Brüning

Nie war ich ein Liebling der Kritik. Unsere Schriften galten als Proletkult

Georg Kohtz

Das schlimmste ist, dass der Krieg nicht aufhört

Elisabeth Furtwängler

Ich glaube, ich bin Furtwängler treu geblieben

Hans von Seggern

Während der Gefangenschaft wurde die Bibel mein wichtigster Zeitvertreib

Albert Scheel

Es war ein wunderschöner Abend, kurz vor Todesschluss

Annelise Pflugbeil

Es war sehr schmerzlich, dass das ganze Hinterpommern weg war

Hildegard Leyden

Der Hitler hat mein ganzes Leben verdorben

Gottfried Lemberg

Ich habe Nachtangst. Lächerlich, nicht?

Hildegard Juhl

Das Verlässliche, die Erde, die ist weg

Hans-Wilhelm v. Bornstaedt

Ich bin im Land meines Herkommens wieder eingewurzelt

Johannes Runge

Ick kann ut Schmatzin nicht rut

Walter Steitz

Spontan ist mir Minderwertigkeitskomplex eingefallen. Aber damit bin ich nicht zufrieden

Friedrich Graf zu Dohna-Schlobitten

Ich habe es nicht brennen sehen, aber jahrzehntelang, wie mein Vater, vom brennenden Schloss geträumt

Christoph Ackermann

Ich werde noch immer ganz krank, wenn Lebensmittel weggeschmissen werden

Volkwin Marg

Gleichschaltung zum Rhythmus-Applaus ist mir widerlich, da klatsche ich unwillkürlich gegen an

Johannes Oehme

1989 ist für uns eine Welt zusammengebrochen

Wolf Christian von Wedel Parlow

Meine adlige Familie war tief verstrickt. Diese Erkenntnis hat mich nicht losgelassen

Fedja Müller

‚Schuld‘ daran, da zu sein, während mein Vater nicht mehr da war

Frank Tidick

Starke Frauen spielen in meinem Leben eine große Rolle. Das fängt bei meiner Mutter an, die mich auf der Flucht wie eine Löwin beschützt hat

Michael Naumann

Deshalb ist in der Familie und auch in mir eine Art Aufstiegsdrang erhalten geblieben. Nie wieder arm

Abt Franziskus Heeremann van Zuydtwyck

Der Adel hat etwas Vertrautes für mich, aber richtig zu Hause bin ich auch dort nicht mehr. Wahrscheinlich reicht mir das Kloster

Sebastian Pflugbeil

Die Leute benahmen sich von einem Tag auf den anderen so, als ob wir in einem freien Land lebten. Und dann war es ein freies Land!

Peter May

Polizisten sind für mich noch heute ein Stück weit ‚Bullen‘

Gudrun Polak

Christliches Handwerkerkind in der DDR, das ging eigentlich gar nicht

Epilog: Vom Beben und Nachbeben

Danksagung

Bildnachweise

Prolog

Das Beben und das Nachbeben

Valdivia/Chile, 22. Mai 1960

Das Erdbeben kam an einem Feiertag. Da hat es gewackelt. Dann fielen gleich die Möbel um und ich hab noch gerufen, wir sollen doch nicht raus, wir sollen doch bleiben. Das Geschirr fiel runter und Blumentöpfe fallen und da bin ich raus, raus bis auf die Straße, in totaler Panik. Ich bin gleich hingefallen. Das wackelte dermaßen, dass man nicht stehen konnte. Auf den Häusern waren Wassertanks, die schwappten hin und her. Schwapp, Schwapp, Schwapp. Und dann hat man schon diese Wellen gesehen, immer die Straße hoch. Das Gefühl ist: Das ist jetzt für immer, für ewig, so ist das jetzt eben. Das geht nicht vorbei. Du hast keinen Halt mehr, du kannst dich nicht auf die Erde verlassen. Das war ein sehr langes Gefühl, weil es ein sehr langes Erdbeben war, viereinhalb Minuten. Und dann die Nachbeben. Man weiß ja nie, wie heftig der nächste Stoß ist, man denkt, der nächste kommt, und noch schlimmer. Ich wollte aufstehen, bin aber immer gleich wieder umgefallen. Und immer hoch und wieder runter. Irgendwie hab ich es nochmal ins Haus geschafft und meine Flöte und meine Noten gerettet. Da war totales Chaos. Überschwemmung.

Am nächsten Tag bin ich in die Uni gegangen. Der Rektor hat gesagt, ihr Deutschen kennt das ja. Ihr habt ja den Krieg erlebt. Und dann kamen die Flüchtlinge. Die waren ja ausgebombt, ausgebebt. Wir haben die versorgt, wie man das eben gelernt hatte bei den Wandervögeln. Mutter war ja auch Wandervogel.

Oldenburg, 08. Februar 2012

Das Verlässliche, die Erde, die ist weg. Das war’s. Das blieb das dauernde Empfinden. Ich habe mich nie mehr sicher gefühlt. Das Leben ist gefährdet. Ich hatte ja nie Vertrauen ins Leben. Doch, zu Hause, vor 45. Ich hab Angst, immer Angst. Einfach Angst. Ich kann mich der Erinnerung nicht entziehen, versuche aber, mich ihr tagsüber nicht auszusetzen. Nur wenn ich schlafe, dann ist Schluss mit meinem Willen, dann überfällt sie mich. Im Traum gehe ich immer wieder mit unter. Manchmal wache ich nachts auf und Mutter ist bei mir, ganz präsent. Sie sitzt an meinem Bett. Dann muss ich mir einen kräftigen Schluck Wodka eingießen.

Hildegard Juhl hat ihre Mutter Erna, ihre Schwester Deike und ihren Bruder Hans bei der Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 verloren.

Zur Einführung

Das Erdbeben von Valdivia war das schwerste Erdbeben des 20. Jahrhunderts. Am 22. Mai 1960 um 15:11 Uhr zeigten die Seismographen eine Amplitude von 9,5 auf der Richterskala an. Ein Viertel der chilenischen Bevölkerung wurde obdachlos.

Die junge Professorin der Universität Valdivia Hildegard Juhl saß in diesen Minuten zu Hause beim Kaffee. Das Erdbeben hat sie viele Jahre zurückgeführt ins Zentrum ihrer persönlichen Lebenskatastrophe. Beim Untergang der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 sind ihre Mutter Erna, ihr Bruder Hans und ihre Schwester Deike im eiskalten Wasser der Ostsee ertrunken. Hildegard Juhl erzählt vom Erdbeben in einer Sprache, die beide Katastrophen miteinander verwebt: Aus Erdbebenobdachlosen werden erst ausgebombte, dann ausgebebte Flüchtlinge, so entsteht assoziativ eine direkte Beziehung zwischen 1945 und 1960, zwischen Danzig und Valdivia. Schon ist sie wieder zurück auf dem Weg durch den Schnee zum schönen Schiff in Gotenhafen. Das Erdbeben war stark, stark genug, um als Metapher auszudrücken, was 1945 mit ihrem Leben geschehen ist: Die Erde ist kein sicherer Ort mehr, das Verlässliche, die Erde, die ist weg. Noch siebzig Jahre später fehlt Hildegard Juhl Grund unter den Füßen. Und dann die Nachbeben. Man weiß ja nie, wie heftig der nächste Stoß ist. Das Erdbeben von Valdivia ist das Sinnbild eines lebenslangen Nachbebens des Winters 1945.

Das 20. Jahrhundert ist voller Erdbeben, die bis heute nachbeben. Zwei Weltkriege, ein Kalter Krieg, fünf politische Systeme, eine blutige und eine friedliche Revolution sind als „große Geschichte“ die eine Seite der Medaille, die sich auf der anderen Seite in der „kleinen Geschichte“ widerspiegelt. Jede „kleine Geschichte“, jedes einzelne Leben trägt Spuren der „großen Geschichte“ in sich. Als Nachbeben lassen sie sich über mehrere Generationen spüren.

Am 27. Januar 1945, drei Tage vor dem Untergang der Gustloff, befreiten die Soldaten der Roten Armee das deutsche Vernichtungslager Auschwitz. Die Shoah, das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte, war nicht länger zu leugnen. Da waren von Deutschen schon mehrere Millionen Menschen ermordet worden.

9.000 Menschen waren es, die mit der Gustloff untergingen. Neuntausend. Oder sagen wir lieber Zehntausend? Wir dürfen niemanden vergessen, [19] und dann die Shoa-Toten. Hildegard Juhl ist nicht einverstanden mit der Zahl der Toten, überhaupt mit diesen abstrakten Zahlen, die die Würde jedes einzelnen Lebens überspielen. Gleich assoziiert sie die ermordeten Menschen des Holocaust, niemanden vergessen. Sowenig vergleichbar die Ertrunkenen der Gustloff und die Ermordeten von Auschwitz, die Opfer des Nationalsozialismus und die deutsche Zivilbevölkerung sind: Das Leid Aller kann in großer Intensität nachbeben.

Besonders deutlich wird dies auch in den Lebensgeschichten der beiden Jugendfreunde Johannes Runge und Hans Wilhelm v. Bornstaedt. Beide wuchsen auf einem vorpommerschen Gut auf, besuchten das Anklamer Gymnasium und wurden als Jugendliche Flakhelfer in Peenemünde. Beide verloren nach dem Krieg Heimat und Gutsbesitz und lebten in der Zeit der deutschen Teilung im Westen. Beide kehrten schließlich in ihrem letzten Lebensabschnitt zu ihren Wurzeln in Vorpommern zurück.

Johannes Runge wuchs als Sohn eines bürgerlichen Gutsherrn im vorpommerschen Schmatzin auf. Kurz bevor die Rote Armee Schmatzin erreichte, hat sein Vater die eigenen Kinder erschossen und sich und seine Frau anschließend im See ertränkt. Offenbar sah er keine andere Möglichkeit, seine Familie vor der Roten Armee zu schützen, so deutet Johannes Runge heute das Geschehen. Weil er als junger Soldat im Krieg war, hat er die Familientragödie überlebt. Heute charakterisiert er seinen Vater als ‚Beschützer‘ der Familie. Diese Sichtweise hilft ihm, mit dem Geschehen weiterzuleben, weil sie dem Tod einen Sinn gibt, das hehre Motiv vor die verheerenden Folgen stellt, dem Vater keine andere Wahl lässt, als die Familie zu erschießen.

Der Bruch in Johannes Runges Leben verlagerte sich vom Verlust der Familie auf den Verlust des Gutes. Dadurch ist es ihm möglich, mit dem Bruch zu leben, nach außen zu handeln, wo innere Auseinandersetzung zu schwer ist. Denn das Nachbeben zeigt sich in seinem lebenslangen Wunsch, das Gut weiterzuführen und die Familientradition fortzuschreiben. Im Wege stand ihm dabei die Wegnahme in dunklen Tagen der Nachkriegszeit, die Enteignung durch die Bodenreform. Nach dem Fall der Mauer sei ihm aber völlig klar gewesen, dass wir uns um den alten Familienbesitz kümmern mussten.

Inzwischen ist der Familienbetrieb wieder aufgebaut. Auf 1024 Hektar Boden betreibt Johannes Runge moderne Landwirtschaft als reinen Ackerbaubetrieb und sogar die Nachfolge ist durch seine Enkeltochter gesichert. So ist im Gegensatz zu Hildegard Juhl seine Lebensgeschichte trotz des schrecklichen Erdbebens keine Tragödie: Jeden Tag laufe ich noch heute glücklich über die mir so bekannten Felder, über die ich 50 Jahre nicht laufen konnte. Manchmal bleibe ich stehen und bin im festen Glauben, dass meine Eltern das noch mitansehen können.

[20] Im Unterschied zu Johannes Runge ging es Hans-Wilhelm v. Bornstaedt bei der Rückkehr nicht um die Fortführung des landwirtschaftlichen Betriebes, sondern um das Land seiner Vorfahren selbst. Land spielt im Selbstverständnis der alteingesessenen pommerschen Adelsfamilie eine große Rolle. Hans-Wilhelm v. Bornstaedt hat nach der Rückkehr Wald gekauft, Bäume gepflanzt und ist mit dieser symbolischen Handlung wieder fest eingewurzelt. Sein Erdbeben war der Verlust, sein Nachbeben die lebenslange Bewältigung der Aufgabe alles dafür [zu] tun, die soziale Ebene, in die ich hineingeboren bin, annähernd wieder zu erreichen. Da er dazu lange nicht mehr auf materielles Erbe zurückgreifen konnte, bediente er sich symbolischen Kapitals: Als pommerscher adliger Gutsbesitzer ist man Soldat, Johanniter und Jäger. Die betonte Pflege dieser drei Traditionen half ihm, die Erschütterung durch den Verlust zu kompensieren: Aus meinem Elternhaus ist mir das Gefühl mitgegeben worden, zur höheren sozialen Ebene in Deutschland zu gehören. Selbst als Bauernknecht hat mich dieses Gefühl getragen, […] die Prestigerente ist immer geflossen.

Hans-Wilhelm v. Bornstaedts Lebenserzählung offenbart ein zweites Beben und Nachbeben seines Lebens: Die Prägung als Kindersoldat des „Dritten Reiches“. Er war 15 Jahre alt, als er Flakhelfer in Peenemünde wurde. Die Haltung und die Gefühle von uns Jungen im Dienst an der Waffe lohnt sich heute nicht zu beschreiben, sie können nicht mehr verstanden werden. Trotz dieser Ankündigung, verrät er Gefühle und Haltung gleich im nächsten Satz, nämlich die jugendliche Begeisterung für Größe und Stärke in der Überzeugung aus Vaterlandsliebe zu handeln: Er unterstreicht dies, indem er von überwältigenden Eindrücken bei den Weltpremieren der V1 und V2 genannten Raketen in Peenemünde spricht. Selbst der gereifte Mann hat die jugendliche Bewunderung nie ganz abgelegt: Und jetzt ein Kuriosum: Das Deutsche Reich in größter Not hat im Januar 1945 von der Entlassung aus der Flak bis zur Einberufung in den Wehrdienst einen ganzen Monat gebraucht. […] So ist das! So unvollkommen ist selbst ein Deutsches Reich. Dass selbst ein Deutsches Reich unvollkommen sein kann, hieße im Umkehrschluss, dass es in der jugendlichen Vorstellungwelt der Vollkommenheit schon sehr nahe gewesen sein muss. V. Bornstaedts Prägung gibt sich noch heute deutlich zu erkennen, dennoch ist er überzeugter Demokrat. Er konnte dieses Dilemma seines zweiten Nachbebens lösen, indem er ein zweigeteiltes Weltbild entwickelte: Er trennt scharf zwischen political correctness und historischer Wahrheit. Die „Wahrheit“ sind die Eindrücke seiner Jugend. Political correctness aber, die Verurteilung des „Dritten Reiches“ brauchen wir als Waffe im Überlebenskampf, ohne die wir nicht überleben. Aus dieser Wortwahl spricht das früh gelernte sozialdarwinistische Gedankenmuster. Er tritt als liberaler Realist auf und betont, wie wichtig es sei, political correct zu sprechen, zum einen, um nicht in den Verdacht „falscher politischer Ge[21]sinnung“ zu geraten, und zum anderen damit die Nazi-Partei heute keine Stimmen bekomme. Die gedankliche Sortierung der Welt in zwei Schubladen hat ihm erlaubt, das Erdbeben des Scheiterns, woran er geglaubt hat, in sein Selbstbild zu integrieren. So gesehen ist v. Bornstaedts Umgang mit beiden Erschütterungen seines Lebens erfolgreich gewesen.

Auch das Jahr 1989 und der darauf folgende Systemwechsel bebt in vielen DDR-Biographen als entscheidendes Bruchdatum nach. Während die Wende für die Oberlausitzer Bäckermeisterin Gudrun Polak unwahr, aufregend und schön war, ist für den Diplomaten Johannes Oehme 1989 eine Welt zusammengebrochen. Er scheint bis heute nicht in der Bundesrepublik angekommen zu sein.

Auch in Sebastian Pflugbeils Erzählung bebt 1989 nach. Er wuchs als Kind einer Kirchenmusikerfamilie in Greifswald auf, setzte sich früh mit sozialismuskritischen Schriften auseinander und gehörte schließlich als Strahlenexperte zu den Gründern des Neuen Forums2.

Es hat wohl keine wichtigere, intensivere und prägendere Zeit als diese zehn Wochen von September bis November 1989 in seinem Leben gegeben. Er beschreibt sie als die freiesten Wochen, die er je erlebt habe. Auf einmal wurden zuvor gefürchtete Leute wie Honecker oder Mielke zu kleinen Männchen. Die Leute benahmen sich von einem Tag auf den anderen so, als ob wir in einem freien Land lebten. Und dann war es ein freies Land!

Doch die Hoffnung ist der Enttäuschung und Verbitterung gewichen, die Vorstellung eines „Dritten Weges“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus ist mit der Wiedervereinigung gescheitert. Sebastian Pflugbeil bleibt auch nach 1989 in der Rolle des Oppositionellen, die er als Nicht-FDJ-Mitglied, Wehrdienstverweigerer und Begründer des Neuen Forums in der DDR zeitlebens ausfüllte. Die Erfahrung, dass der Staat der ‚Feind‘ ist, nimmt er nach der Wiedervereinigung mit und überträgt sie auf die Bundesrepublik, die heutige wie die damalige. Rückblickend beschreibt er es so, als habe er schon seit seiner Jugend nicht nur eine kritische Haltung gegenüber der DDR, sondern auch gegenüber dem Westen gehabt, der für ihn nie ein Traum gewesen sei, ihm sei vielmehr als Kind schon klar gewesen, dass da ziemlich viel schief läuft.

In seiner Kritik setzt er die heutige Bundesrepublik sogar mit einer Diktatur gleich: Ich könnte heute aus dem Stand mehr und wahrscheinlich gravierendere Punkte als damals aufzählen, die für eine Revolution sprä[22]chen. Faktisch haben wir es heute wieder mit einer Diktatur von ganz wenigen Leuten zu tun. Auch sein Wort des Jahrhunderts könnte deutlicher nicht ausdrücken, was er von der Welt hält. Es lautet: Ungerechtigkeit.

Seiner Lebensrolle als ‚Oppositioneller‘ ist er gerade nach den für ihn so enttäuschenden Erfahrungen 1989/90 treu geblieben, nicht aber verbunden mit totalem Rückzug und Verstummung. Sebastian Pflugbeil reist noch heute um die Welt, und hält Vorträge, um vor den Strahlengefahren der Kernkraftwerke zu warnen, vor allem seit dem Erdbeben in Japan 2011.

Das Nachbeben zeigt sich in der Art und Weise wie wir unser Leben erinnern und erzählen.

Vom Erinnern und Vergessen

Das Leben ist nicht linear, logisch und geordnet, sondern diffus, chaotisch und unordentlich. Widersprüchliches geschieht gleichzeitig, wir erleben eine unüberschaubare Fülle von Einzelheiten. Vom Leben erzählen ist hingegen ganz anders. Rückblickendes Erzählen bringt Ordnung in das Chaos, folgt den Gesetzen logischer Verknüpfung in Sprache. Wir gestalten damit unsere Vergangenheit, unser Gewordensein, geben uns Herkunft, Weg und Ziel, erklären uns selbst, indem wir anderen erklären, wer wir sind. Wir stiften uns im Erzählen also Identität und Sinn, indem wir Zusammenhänge herstellen, wo sonst keine wären.

Umgekehrt heißt das, dass Lebenserzählungen Rückschlüsse auf unsere Identität zulassen. Wer wir sind, wie wir die Welt und unsere Entwicklung darin wahrnehmen, kleiden wir in Sprache, darin, was wir erinnernd erzählen und was nicht, wie wir erinnernd erzählen und wie nicht. Im erinnernden Erzählen schaffen und vergewissern wir also zuerst unsere Identität und stellen nicht einfach den Ablauf von Geschehnissen dar: „Ich erzähle, (al) so bin ich.“ Wir erzählen Vergangenes immer von unserer Gegenwart aus, die wir verständlich machen wollen. Was und wie wir erzählen, sagt darum viel mehr über die Gegenwart aus, als über unsere Vergangenheit. Dieser Prozess wird in der Wissenschaft Konstruktion der narrativen Identität genannt.

Was entscheidet aber darüber, welche erlebten Szenen in das Drehbuch unseres Lebens aufgenommen werden und welche nicht?

[23] Was wir erinnern

Entgegen unserer Hoffnung sind viele Erinnerungen über große Zeiträume hinweg nicht zwingend stabil, sie verändern, verdichten oder verlieren sich, so wie wir uns verändern. Dies geschieht meist unbewusst und ohne Vorsatz. Erinnerungen können also im Hinblick auf die Vergangenheit trügen, und zwar nicht nur weil sie von allen Erfahrungen, die wir nach dem erzählten Erlebnis gemacht haben, beeinflusst sind. Sie sind auch von den Erfahrungen und Erzählungen unserer Umgebung geprägt. Dadurch können individuelle Erinnerungen stark durch kollektive Erinnerungsmythen gefärbt sein. Beispielsweise sind viele Erzählungen an die Flucht aus dem Osten im Winter 1945 durch den Hinweis dramatisiert „mit dem letzten Zug“ geflohen zu sein: Meine Mutter erzählte immer, wir seien mit dem letzten Zug im Januar 1945 geflohen, so schildert es Frank Tidick. Georg Kohtz, der seine Mutter vor der Roten Armee warnen wollte, sei gesagt worden, sie habe sich mit meiner Schwester in den letzten Zug gerettet. Der „letzte Zug“ gehört wie das „zugefrorene Haff“ oder „die Gustloff“ zu jenen emotional und assoziationsreich aufgeladenen Begriffen, die wie eine verdichtete Chiffre für die kollektive Erinnerung an die Flucht im Frühjahr 1945 stehen. Faktisch muss es gar nicht der letzte Zug gewesen sein, und es ist unwahrscheinlich, dass so viele Menschen gerade in diesem Zug zugleich gesessen haben. Die Erinnerung kann instabil sein, entscheidend ist das aber nicht. Entscheidend ist das im Wort „letzter“ dramatisch mitgedachte Gefühl des Erstaunens und der Dankbarkeit, einem drohenden Schrecken gerade noch einmal entkommen zu sein. Dieses Gefühl spricht für das Hier und Jetzt die Wahrheit und hat hier seine Bedeutung.

Erste Erinnerungen

Alle Lebenserinnerungen dieses Buches beginnen mit der ersten Erinnerung. Gerade dabei ist nicht entscheidend, ob das Erzählte wirklich dem ersten Moment entspricht, den wir bewusst erlebt haben, sondern was die Bedeutung ist, die dieser Erinnerung innewohnt. „Wenn man sich diese Bedeutung genau anschaut, wenn man solche Erinnerungen fast so angeht, als wären sie Träume, entdeckt man etwas Außergewöhnliches: Es wird einem klar, daß selbst diese Erinnerungen, die aus dem Säuglingsalter und der Kindheit stammen, in Wirklichkeit vom ganzen Leben eines Menschen handeln.“3 Die ersten Erinnerungen „benennen den Ort, von dem wir unseren Ausgang nahmen“, es ist ein „mythischer Ort, an dem wir geliebt oder [24] gehaßt werden, verlorengehen oder sicher sind, zu Opfern werden oder nicht, fähig oder unfähig sind“.4

Wolf von Wedel Parlow etwa schildert eine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Vater. Bezeichnenderweise taucht der Vater gleich in seiner ersten und frühesten Erinnerung auf, und zwar mit einem wichtigen Charakterzug: Meine Erinnerungen setzen ein, noch bevor ich laufen lernte. Sie spielen auf dem väterlichen Gut Polßen in der Uckermark. Es kommt das Bild meines Vaters, der mich unter den Kachelofen schiebt und erwartet, dass ich drunter durchkrabble. Ich fange an zu krabbeln, muss meinen Kopf querlegen, um durchzukommen. […] Er lacht nur, ein schepperndes Lachen, wie eine Laubsäge. Mein Vater neigte zu Späßen solcher Art. Das Schönste war für ihn, eine Situation herbeizuführen, bei der sein Gegenüber hilflos war. Solche Späße des Vaters wiederholen sich in Wolf von Wedel Parlows Erzählungen immer wieder in ganz unterschiedlichem Gewand. Sie helfen in der Erzählung zur Erklärung seines Bemühens, ganz anders zu sein, gradlinig zu leben, wo der Vater seinen Leidenschaften freien Lauf gelassen, seine Möglichkeiten voll ausgelebt habe.

Auch Friedrich Graf zu Dohna-Schlobittens erste Erinnerung ist symbolisch für sein Leben: Meine früheste Erinnerung ist, dass ich mich auf den Rücken warf, wenn meine Geschwister mich ärgerten, und stumm vor Wut nur ganz langsam strampeln konnte, während sie sich ausschütteten vor Lachen. Diese früheste Erinnerung wirkt wie eine Grundlegung seines späteren Lebens. Hier findet sich die erste Andeutung einer lebenslangen Widerständigkeit gegen die Erwartungen, die an ihn gestellt wurden und die Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer eigenständigen Identität mit vielen Umwegen und Sackgassen auf dem Lebensweg.

Symbolische Episoden

Wie diese ersten Erinnerungen „symbolische Episoden“ sind, durchziehen weitere symbolisch aufgeladene Einzelerinnerungen unsere Lebenserzählungen. Sie sind ein Wegweiser zu unserer Selbstwahrnehmung. Der Architekt Volkwin Marg markiert in einer symbolischen Episode gleich drei seiner Identitätsmerkmale: Ich saß wieder unter dem Flügel, lauschte und sah ihre behaarten Beine, wie sie vehement die Dämpfer trat und Rachmaninow spielte. Das dröhnte in den Ohren, ich war wie besoffen davon. Bei den Lesungen wollten sie mich natürlich ins Bett scheuchen, aber ich versteckte mich zwischen Holzstapel und Kachelofen. Das ging so lange gut, bis ich eingeschlafen war und mitsamt des Holzstapels in den Raum krachte. Flü[25]gel, Rachmaninow und Lesungen verweisen auf die bildungsbürgerliche und kunstsinnige Prägung im Danziger Elternhaus. Volkwin Marg sitzt in der Erzählung wieder und wieder unter dem Flügel, lauscht, nicht nur Rachmaninow, sondern auch den Schubertliedern seiner Mutter oder den riesigen Basspfeifen der Orgel in der Danziger Marienkirche. Dabei ist er stets wie besoffen davon, deftige Worte, mit denen er die Verbindung zur urwüchsigen Luthersprache markiert: in der Tradition der pottgesunden Pastorenfamilie. Nicht zuletzt ist Margs Episode auch eine schelmenhafte Selbsttätigkeit zu eigen, die sein ganzes Leben durchzieht. Die Kinderstreiche, vom Schule-Schwänzen und Auskneifen in die Danziger Werft, über das Versteck hinter dem Kachelofen, bis hin zum Totchen-Spielen im Bombenkeller spiegeln sich in der beruflichen Gegenwart: Ich bin noch immer unterwegs wie als Kind, mit Eimer und Schaufel in der großen gemeinschaftlichen Sandkiste zum Burgen bauen, mit Begeisterung und Frustrationen, abends ermüdet und morgens erlebnishungrig.

Worte des Jahrhunderts

Genau solch ein pars-pro-toto-Verhältnis zum ganzen Leben, hat schließlich auch die Antwort auf unsere jeweils letzte Frage nach dem „Wort des 20. Jahrhunderts“. Sie ist viel mehr als historische Reflexion, ein persönli­ches Resümee der Lebensgeschichte. Für Elisabeth Furtwängler, der seit 1954 verwitweten Frau des Dirigenten Wilhelm Furtwängler, ist es beispielsweise Musik, für Georg Kohtz, den Weltkriegssoldaten, Krieg, für den lebenslangen Oppositionellen Sebastian Pflugbeil ist es Ungerechtigkeit und für Johannes Oehme, dessen staatlich verkörperte Lebensideale mit der DDR untergingen, kein glückliches.

Wie wir erinnern

Wir drücken unsere Identität sprachlich durch Identifizierung und Distanzierung aus. Das wird schon erkennbar durch die Worte, die wir benutzen, um Personen oder Ereignisse unseres Lebens zu beschreiben.

Leitmotive

Leitmotivisch wiederholte Begriffe oder Phrasen dienen der Lebenserzählung als roter Faden und zeigen immer wieder aufs Neue, wer wir sind, ja sogar, wer wir schon immer waren. Wie so vielen anderen fehlt Fedja Müller der Vater, seit er nicht aus dem Krieg heimgekehrt ist. Er wächst vaterlos auf in der bayerischen Provinz, die man sich nicht unaufgeklärt genug [26] vorstellen kann. Fedja Müller beschreibt ein Leben in Opposition zu Verdrängung, Gewalttätigkeit und Krieg. Dafür steht symbolisch seine Mutter, die jederzeit gewalttätig werden konnte und von der er immer wieder schwere Schläge bekommen habe. Den Vater hat er kaum kennengelernt, trotzdem wird ihm der Charakter des Vaters zum richtungsweisenden Gegenentwurf der Mutter, zum Auftraggeber für sein eigenes, der ‚Friedfertigkeit‘ und ‚Aufklärung‘ verschriebenes Leben. Der fehlende Vater taucht als Leitmotiv der Erzählung in Kindheit, Jugend und Reife insgesamt 17-mal auf, er sei einer der sanftesten Männer, die ich bis heute kennengelernt habe gewesen, unaggressiv, friedliebend und warmherzig. Fedja Müller hat in diesem kaum gekannten und lebenslang vermissten Vater jenen Helden gefunden, der in der deutschen Nachkriegsgesellschaft für ihn nicht zu finden war. Er ist eine symbolische Partnerschaft mit diesem Vater eingegangen, um im Anderssein als Pazifist bestehen zu können. Mehr noch, Fedja Müller empfindet Schuld, Schuld daran, da zu sein, während er nicht mehr da war.

Assoziative Verknüpfungen

Nicht nur leitmotivisch wiederholte Worte, sondern auch die Wortwahl mithilfe derer wir Ereignisse der Vergangenheit veranschaulichen, lässt Identifizierung und Distanzierung erkennen. Ein Beispiel dafür sind die Worte, die Begegnungen mit den alliierten Soldaten seit dem Frühjahr 1945 beschreiben sollen. Russen und Amerikaner werden in verschiedenen Biographien mit ganz unterschiedlichen Worten erinnert, zu jeweils subjektiven Prototypen aufgebaut.

Johannes Oehme etwa, der Lebensglück und persönlichen Aufstieg eng mit der DDR verknüpft, lässt keinen Zweifel an seiner Identifikation: Die Furcht vor den Russen war im Dorf nicht sehr groß. Im Gegenteil, ich würde sagen, dass die Bombardierung von Chemnitz und Dresden uns eher die Amerikaner und Briten fürchten ließ. Die amerikanischen Flieger machen in Vogelformation Angst und werfen Flugblätter mit lebensbedrohlichem Inhalt und in verachtender Sprache ab: Sachsen, ihr kleinen Zwerge, ihr kommt zuletzt in die Särge, die amerikanische Fliegerschokolade, die der Vater dem kleinen Johannes mitbringt, schmeckt bitter. Ganz anders hingegen die Russen, die den Neunjährigen nicht als ‚kleinen Zwerg‘, sondern als Erwachsenen behandeln, mit denen er geritten, geraucht und Wodka getrunken habe und unglaublich gut befreundet gewesen sei. Vergewaltigungen habe es nicht gegeben, da ist nie etwas passiert. Übergriffe erscheinen in milden Worten: Die Offiziere versuchten mit den Frauen anzubändeln. Den negativ assoziierten Worten fürchten, Särge und bitter stehen also reiten, befreundet und anbändeln gegenüber, und lassen so die Prototypen bildreich entstehen.

[27] Der nur ein Jahr ältere Volkwin Marg, der einer bürgerlichen Pastorenfamilie entstammt und noch vor dem Mauerbau aus der DDR in den Westen geflohen ist, benutzt ganz andere Worte, um das Verhalten der russischen Besatzungssoldaten zu beschreiben. Die riesige Armee von Männern ohne Frauen sei nicht immer unter Verschluss gehalten worden. Ließ man sie ‚frei‘ plünderten marodierende Soldaten einen Gasthof und brachten im Suff die ganze Familie um. Dagegen habe die entrüstete Bevölkerung nichts tun können, denn wenn der russische NKWD nachts zugriff, verschwand ein Mensch spurlos. Die Verhaftung führte dem Sagen nach über das ehemalige KZ Sachsenhausen. Unter Verschluss, plündernde, marodierende Soldaten, Suff und Familie umgebracht lassen die Assoziationen ‚unzivilisiert‘ und ‚unmenschlich‘ zu. Die Verweise auf NKWD, nachts und Verschwinden wirken wie eine dunkle Bedrohung, der man schutzlos ausgeliefert ist, das ehemalige KZ Sachsenhausen stellt eine Analogie zwischen sowjetischer Besatzungsmacht und NS-Regime her.

Ähnlich assoziationsreich ist die narrative Identität verdeutlicht, wenn von der Roten Armee als dunkler Walze (Georg Kohtz), oder Iwan, der herankriecht (Fedja Müller zitiert einen Heidelberger Kollegen) gesprochen wird.

Der Prototyp des Amerikaners tritt dagegen oft als ‚gütiger und ungefährlicher Befreier‘ auf. Für Hildegard Leyden, die, als „Halbjüdin“ stigmatisiert, das Ende des „Dritten Reiches“ herbeigesehnt hat, war es der schönste Tag in meinem Leben […], als ich die ersten Amis in Heidelberg vor dem Europäischen Hof stramm stehen sah. Johannes Runge, der von seiner Mutter vor den Russen gewarnt wurde, empfindet es als Glück in amerikanische Gefangenschaft gekommen zu sein, von der Tätigkeit des Bewachens hielten die Amerikaner […] nicht so viel, vielmehr machten sie häufig ein Nickerchen. Wolf von Wedel Parlow schließlich, erinnert die Ankunft der Amerikaner in Franken, die er 1945 als Junge erlebt hat, als bunt und spannend, ein aufregendes, aber ungefährliches Erlebnis, wie die ersten Jeeps vorfuhren und die Soldaten mir Kaugummis schenkten.

Interessanterweise finden sich Identifizierung und Distanzierung in Christoph Ackermanns Erzählung aufgeteilt auf kindlich-emotionale und erwachsen- reflektierte Deutung: Er erzählt in der Empörung des Zehnjährigen, der nach Kriegsende 1945 nicht verstehen konnte, dass die Amerikaner den hungernden Deutschen Nahrung vorenthielten: Aber die Amerikaner waren verbiestert, sie wollten nicht einmal, dass wir ihr altes Brot aus den Mülltonnen aßen. Also fuhren sie es in den Wald, um es dort abzuladen und anzuzünden. Die versammelte Dorfjugend habe das verkohlte Brot aus den Flammen gefischt, genauso wie die Mägen von Hähnchen aus Mülltonnen. Davon konnte die ganze Familie satt werden. Das damalige Ungerechtigkeitsempfinden ist drastisch assoziativ als ‚verhungern lassen‘ verdeutlicht:[28] altes Brot anzünden, und aus Mülltonnen fischen, werden der Sättigung einer ganzen Familie gegenübergestellt. Von heute aus betrachtet, wird dieses Gefühl jedoch relativiert durch den gleichwohl knapperen rechtfertigenden Hinweis: Wir erfuhren später, dass sie vorher das KZ Dachau befreit hatten. Die hatten einen Rochus auf alles, was deutsch war.

„Freudsche Versprecher“

Manchmal zeigen „Freudsche Versprecher“ im Erzählen, dass das Erlebnis eine weit über das Geschehen hinausgehende Bedeutung hat. Albert Scheel etwa hat 1945 als Sanitätsoffizier den Häuserkampf in Berlin miterlebt, berichtet von den letzten Tagen, will „kurz vor Toresschluss“ sagen, wählt aber das Wort Todesschluss und gibt damit Einblick in Schrecken und nahende Befreiung. Auch Hildegard Juhls eingangs erwähnte sprachliche Verflechtung des Erdbebens 1960 mit der Flucht 1945 im Wort Ausgebebte, das Erdbebenopfer und Ausgebombte ineinander setzt, ist dafür ein gutes Beispiel. Hans-Wilhelm von Bornstaedt schließlich, der kindliche Gutsbesitzer, der Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg und dann Offizier bei der Bundeswehr war, nennt die Zeit nach 1990 in einem vielsagenden Versprecher die Nachkriegszeit. Und in der Tat: V. Bornstaedts Krieg ging mit dem Fall des Eisernen Vorhangs in doppelter Weise zu Ende. Einerseits endete für den Soldaten die militärische Bedrohung, und für den Gutsbesitzer ist das erste Mal seit 1945 eine Rückkehr möglich. Die offenen Wunden des Verlusts konnten sich schließen.

Aktivität und Passivität

Unsere Sprache gibt oft auch Auskunft darüber, ob wir unser Leben als „geglückt“ oder „missglückt“ empfinden. In einer „gelungenen“ Biographie tritt der Erzähler in der Regel als aktiver Gestalter seines Lebens in Erscheinung, hat an entscheidenden Wendepunkten bewusste Entscheidungen für oder gegen etwas getroffen, die ihn dahin gebracht haben, wo er heute ist. Hans-Wilhelm von Bornstaedt lebt im Bewusstsein beide Lebensziele, die er sich 1945 gesetzt hat, aus eigener Kraft erreicht zu haben. Ich trete jetzt unter der Goebbels’schen Propagandadusche hervor [und] muss und werde alles dafür tun, die soziale Ebene, in die ich hineingeboren bin, annähernd wieder zu erreichen.

Hildegard Leyden konnte ihren Lebenstraum, mit ihrem Koloratursopran Sängerin zu werden, dagegen nicht erfüllen, ihr Leben ist nicht so „gelungen“, wie sie es sich gewünscht hat. Auch ihre Erzählung ist deshalb ganz anders. Nicht sie ist Herrin über ihr Schicksal, sie erinnert ihr Leben als [29] gelenkt. Hitler ist ihr personifizierter Lebensverderber, sie selbst sein Opfer: Bei uns zu Hause war immer high life, meine Mitschülerinnen sind gerne zu mir […] gekommen, aber als dann der Hitler kam, hat keiner mehr mit mir geredet. Seit der nationalsozialistischen Machtübernahme kann ihr jüdischer Vater nicht mehr am Breslauer Theater auftreten, muss später emigrieren, das Theaterkind Hildegard Leyden kann nie wieder an ihren Traum anknüpfen: Der Hitler hat mein ganzes Leben verdorben.

Was wir vergessen

Von der Gegenwart aus Vergangenes erinnern heißt im Umkehrschluss immer Vergessen, denn wir erinnern uns nur an bestimmte Ereignisse, bestimmte Personen, bestimmte Prägungen, die eine bestimmte Bedeutung für unsere Gegenwart haben. Überspitzt gesagt gilt: Was wir vergessen, haben wir gar nicht erlebt. Trotzdem ist Vergessen kein unumkehrbarer Prozess, was vergessen ist, kann auch wieder erinnert werden, wenn die Situation es verlangt.

Das Vergessen hat dabei verschiedene Wurzeln. Wir vergessen Dinge, die für unsere Gegenwart nicht bedeutend sind. Wir vergessen Dinge, die wir nicht wissen wollen oder deuten sie so um, dass sie wieder in unser Selbstkonzept passen. Und wir vergessen das, was nicht auszuhalten ist, was uns solche Angst gemacht hat, dass wir es verdrängen mussten. Diese Form des Vergessens schließlich, das traumatische Vergessen, ist ein Überlebensmechanismus.

Vom Weiterleben und Weitergeben

Weiterleben erlittener Traumata

Der Krieg begleitet mich ständig. Eine Zeitlang schlief ich nur mit durchgeladener Pistole im Nachtkasten. Ich habe Nachtangst. Lächerlich, nicht? Wenn hier in unserem Haus die Tür auf ist, und man so wunderbar hereingucken kann, stelle ich mir vor, ein MG-Schütze guckt rein und schießt. […] Dieses Immer-wach-sein, 24 Stunden ohne Schlaf, immer wach sein, immer die Angst, dass man abgeschossen wird, das ist die Neurose, die ich zweifellos habe. […] Sie dürfen mir keine Beruhigungsmittel geben, ich habe Angst vor dem Kontrollverlust.

Gottfried Lemberg ist vom Krieg schwer gezeichnet. Als junger Soldat der Wehrmacht hat er an der Ostfront russische Soldaten im Nahkampf erschossen. Bei Kriegsende musste er Leichenteile von 40 Kleinkindern in Margarinekisten sortieren, je nach Einschätzung, was gehört ungefähr zu[30]sammen. Durch diese Erlebnisse hat er ein schweres Trauma erlitten, das er zwar nie vergessen hat, das aber zeitweise durch Jurastudium und Richteramt überlagert werden konnte: In dieser Zeit dachte ich nicht viel über den Krieg nach. Ich sah nur mein Ziel. Mitte der 80er Jahre allerdings erlitt er in kurzer Folge einen Herzinfarkt, eine Rippenfellentzündung und eine Krebserkrankung, war dem Tode erneut sehr nah. Diese neue Bedrohungssituation hat ihn berufsunfähig gemacht, den Krieg in die Gegenwart geholt, das Trauma reaktiviert. Seitdem hatte er Nachtangst, schlief nur mit durchgeladener Pistole und stellte sich vor, ein MG-Schütze guckt rein und schießt. Im traumatischen Erinnern fließen die Zeiten ineinander. Die Erzählung Gottfried Lembergs ist so detailreich, bildhaft und drastisch, als fände der Krieg mitten in seinem Wohnzimmer statt. Einzig die zynische Wortwahl scheint immer wieder Distanz zu schaffen: Lächerlich, nicht? oder Luftminen haben die angenehme Eigenschaft, die Lungen zu zerreißen. Dieser Zynismus kann auch als Anzeiger besonders starker emotionaler Aufrüttelung und verzweifelter Abwehrversuche dagegen gelesen werden. Gottfried Lembergs Jugend wurde missbraucht, als er zum bedingungslosen Töten ausgebildet wurde. Sein Krieg bebte unaufhörlich nach, bis zu seinem Tod im Frühjahr 2014.

Weitergeben erlittener Traumata

Schlobitten ist direkt nach dem Krieg komplett ausgebrannt. Das erste Wiedersehen in den 70er Jahren war sehr merkwürdig, denn man sieht dort ja keine Leiche vor sich, sondern ein Skelett. Ich habe es nicht brennen sehen, aber jahrzehntelang wie mein Vater immer wieder vom brennenden Schloss geträumt. Das war eine Verletzung, eine offene Wunde.

Friedrich Graf zu Dohna-Schlobitten ist im ostpreußischen Schloss Schlobitten aufgewachsen. Den Brand des Jahres 1945, der das große Schloss vernichtete, hat keines der Familienmitglieder gesehen. Trotzdem hat Friedrich Graf zu Dohna-Schlobitten, wie sein Vater jahrzehntelang vom brennenden Schloss geträumt. Der Verlust des jahrhundertealten Familienbesitzes war eine Verletzung, eine offene Wunde, eine Katastrophe des Vaters, die sich auf den Sohn übertragen hat.

Alexander Fürst zu Dohna-Schlobitten hat mit seinem Sohn kaum über die emotionale Bedeutung des Verlustes gesprochen, aber schon für das Kind in Ostpreußen war die väterliche Angst vor dem Feuer durch die ständige Anwesenheit einer Kunsthistorikern, die das Inventar des Schlosses aufgenommen hat, spürbar. Als Schlobitten wirklich verloren gegangen war, musste der Zwölfjährige beim ersten Nachkriegs-Weihnachtsfest den Schmerz des Vaters erleben: Mein Vater hielt eine kleine Rede, aber er schluchzte zwischendurch laut auf. Das hatten wir noch nie erlebt. Er wuss[31]te, dass Schlobitten für immer verloren war. Das außergewöhnliche Weinen Alexander Fürst zu Dohna-Schlobittens ist eine symbolische Episode der Erinnerung, weil sie für das sprachlose und hilflose Entsetzen des starken Vaters steht, das von seinem Sohn unbewusst als Hilfsappell verstanden wird. Friedrich zu Dohna-Schlobitten identifizierte sich mit dem unverarbeiteten Schmerz des Vaters, weil er sich nach dessen Liebe und Anerkennung sehnte. Gerade er musste zeitlebens darum kämpfen. Nachdem der ältere Bruder im Kindesalter gestorben war, wurde er zum Erben mehr dressiert als erzogen. Nach dem Krieg hat er lange nicht zu Eigenständigkeit gefunden. Ich galt als ziemlich wurschtig und nonchalant damals. Erst heute weiß ich, dass ich massive Depressionen hatte. Ich glaube, mein Vater hat nicht viel von mir gehalten, während er für mich ein prägendes Vorbild war. Er war ein sehr starker Vater, hat immer wieder entscheidend in mein Leben eingegriffen. Trotzdem konnte er den Ansprüchen nie genügen und sich darum nicht frei entfalten. Die diffuse Schwerfälligkeit, das Leben zu bewältigen bis hin zu massiven Depressionen und die Identifizierung mit Trauer und Schmerz des Vaters sind zwei Seiten derselben Medaille. Die Katastrophe des Vaters ließ keinen Platz für die Individualität des Sohnes. Bei unbewusst vollzogenen Vorgang der Traumaübertragung von einer Generation auf die andere spricht man von „transgenerationaler Weitergabe“: Schlobitten ist als Aufgabe in mir. Das Nachbeben findet so auch in der zweiten Generation statt. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1998 konnte Friedrich Graf zu Dohna-Schlobitten die lebenshinderliche Belastung in eine eigenständig bejahende Annahme des väterlichen „Auftrags“ umwandeln. Er hat spät in die Rolle des Erben hineingefunden, indem er beispielsweise die vom Vater angefertigte Inventarliste digitalisiert und mithilfe vieler Fotos einen virtuellen Rundgang durch Schlobitten erstellt hat.

Diesem letztlich glücklichen Ausgang steht das Beispiel eines Anderen gegenüber. Bei ihm ist die Integration des „Auftrages“ in das eigene Lebenskonzept nicht gelungen, die Belastung der transgenerationalen Übertragung wiegt so schwer, dass eine Veröffentlichung in diesem Buch nicht möglich ist. Es ist die Geschichte eines Menschen, dessen Familie im „Dritten Reich“ eine umstrittene Rolle gespielt hat. Im Interview charakterisierte er sich, 86-jährig, als Enkel, durch andere zum Enkel geworden und selbst unbedeutend. Name und Erbe wiegen schwerer als das Selbstgefühl. Das führt so weit, dass es ihm bis heute schwerfällt, seinen Namen zu nennen: Es ist jedes Mal ein Zwang. Zeitlebens mied er die Öffentlichkeit. Das Unbehagen spiegelte sein zögerliches Reden während des Interviews bis hin zur Autorisierung der Druckfassung seiner Lebensgeschichte wider. Schon unsere Fragen waren ihm sichtlich unangenehm, er antwortete so knapp wie möglich, kam nie ins Erzählen. Erst an seinen zahlreichen Einwänden nach Vorlage des Manuskripts erkannten wir sein Dilemma, uns [32] zwar einerseits Rede und Antwort stehen zu wollen, andererseits aber der drohenden Gefahr ausgesetzt zu sein, dass durch eine Veröffentlichung sein seelischer Schutzschild durchbrochen werden könne: Ich setze mich ohnehin täglich von morgens bis abends damit auseinander. Täglich drehe ich mich um dieselben Fragen. Wie konnte es so weit kommen? Wie hätte es vermieden werden können? Ich stehe morgens mit diesen Fragen auf und nehme sie abends mit ins Bett. Die Fragen kreisen lebenslang und kommen zu keinem Ende. Hinter diesen Fragen stehen die schwer vereinbaren Kategorien von Motiv und Wirkung des großväterlichen Handelns und die Unvereinbarkeit der kindlichen Wahrnehmung eines liebevollen, traditionsbewusstpaternalistischen Großvaters mit der Ambivalenz des Politikers. Das ständige Kreisen der Fragen hat er aber von seinem Vater übernommen, der wiederum Scheitern und öffentliche Geringschätzung des Großvaters und der ganzen Familie nach dem Krieg nicht verarbeiten konnte: Mein Vater hat sehr viel bei mir abgeladen, seine Gedanken, seine Überlegungen. Er hat immer wieder darüber gesprochen und den Stab an mich weitergegeben. Hier fand die Übertragung nicht durch Schweigen und unbewusstes Handeln, sondern durch Reden statt, durch den bewussten Gebrauch des Kindes als „therapeutischen Partner“ zur Linderung des väterlichen Schmerzes.

Die Konfrontation mit der eigenen Belastung durch Veröffentlichung droht, die ständige Debatte im eigenen Kopf wieder unkontrollierbar und verletzend werden zu lassen. Wieder würde nicht über ihn, sondern über Vater und Großvater der Stab gebrochen und nochmals die geringe Selbstachtung bestätigt. Öffentlichkeit könnte nicht allen widerstreitenden persönlichen Gefühlen gerecht werden. Narrative Identität kann schmerzhaft sein.

Aufbau des Buches

Dieses Buch entstand aus dem Projekt „Reden. Unbedingt!“. Seit fünf Jahren beschäftigt unsere Neugier eine Frage: Welche Nachbeben des 20. Jahrhunderts spüren wir noch heute? Sie war und ist unser Antrieb für das Projekt. Das Bedürfnis anzufangen und Fragen zu stellen, war dabei zunächst größer, als zu wissen, wohin diese Reise führt.

Die Neugier führte uns durch ganz Deutschland, wir wollten möglichst viele Epochen, Regionen und Milieus erkunden, brachte uns zu Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten. Durch unsere Begegnungen lernten wir die Nachbeben des 20. Jahrhunderts besser kennen, auch unsere eigenen.

Eine Auswahl der Gespräche, die wir zwischen 2010 und 2015 geführt haben, ist hier im Buch versammelt. Diese, wenngleich nicht repräsentative, so doch große Vielfalt von Lebensgeschichten ermöglicht in ihrer Gesamt[33]heit unterschiedliche Einblicke in Beben und Nachbeben des 20. Jahrhunderts. Die Texte, die aus oftmals vielstündigen Interviews entstanden sind, wurden von uns zu einem Text in Ich-Perspektive zusammengefügt. Wir entschieden uns für diesen Weg, um den mündlichen Sprachgebrauch beizubehalten. Die mündliche Sprache erlaubt einen direkteren Einblick in die narrative Identität.

Wir unterstellen jeder unserer Geschichten dabei grundsätzlich Glaubwürdigkeit. Es geht uns nicht um die „historische Wahrheit“, die Lebensgeschichten dienen nicht als vermeintlich objektive „Zeitzeugenberichte“ der erlebten Geschichte, sondern zeigen, wie die Gesprächspartner ihr Gewordensein erzählen und ihre Identität erzählend herstellen.

Die Geschichten sind in die drei Lebensabschnitte Kindheit, Jugend und Reife aufgefächert. So können beispielsweise die 20er Jahre in Berlin, Beginn und Ende des Nationalsozialismus, und 1989 aus verschiedenen Blickwinkeln gelesen werden. Natürlich wurden die Ereignisse der „großen“ Geschichte im Kleinen ganz verschieden erlebt, sie werden unterschiedlich erzählt und bewertet. Darin tauchen die verschiedenen Ideologien und Weltanschauungen des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger ungefiltert, mehr oder weniger reflektiert auf. Das muss man aushalten können, auch wenn es manchmal schwer ist.

2 Das Neue Forum war eine 1989 gegründete Reformbewegung in der DDR, die zu einem Sammelbecken der Opposition wurde. Zu den zentralen Forderungen gehörten: Bürgerrechte, Schutz der Umwelt und Entmilitarisierung.

3 Kotre, John: Weiße Handschuhe. Wie das Gedächtnis Lebensgeschichten schreibt, München / Wien 1996, S. 239.

4 Ders., S. 247.

I. Kindheit

Elfriede Brüning

* 8. November 1910 in Berlin † 5. August 2014 in Berlin

Hinter mir in der Schlange stand einmal ein junger Mann. Plötzlich fiel er um. Er hatte einen epileptischen Anfall und ich war geschockt. Das war 1917, während des Krieges, als ich mich häufig anstellen musste, um Lebensmittel zu ergattern. Meist kam ich nach stundenlangem Warten mit leeren Händen nach Hause. Gab es doch etwas, musste ich anschreiben lassen. Wenn ich an meine Eltern denke, sehe ich sie nur arbeiten. Meine Mutter nähte Mützen und mein Vater stand bis spät in die Nacht an der Hobelbank. Das Geld reichte trotzdem nicht. Sie trauten sich irgendwann nicht mehr in die Läden zu gehen.

Dennoch habe ich die Armut als Kind nicht empfunden. Ich war viel mit meinem fünf Jahre jüngeren Bruder unterwegs. Im Puppenwagen bin ich mit Wolfgang umhergezogen, habe mit ihm gespielt, bin mit ihm zum Arzt [38] gegangen. Eigentlich habe ich ihn damals großgezogen. Ich nahm ihn auch mit, wenn ich während des Generalstreiks mehrmals täglich zum Wasserpumpen auf die Straße gehen musste.

Die Wirtschaftskrise Anfang der 20er Jahre verschlimmerte unsere Armut. Mein Vater konnte unsere kleine Familie nicht mehr ernähren, er musste sein Gewerbe abmelden und stempeln gehen. Meine Eltern entschieden dann, es noch einmal selbstständig zu probieren und einen Laden zu mieten. Dort stellte mein Vater erneut seine Hobelbank auf. Sie hatten immer hochfliegende Pläne für uns. Die Enttäuschung darüber, dass meine Mutter als Klassenbeste mit 14 durch einen Beschluss ihrer Stiefmutter „in Stellung“ gehen musste, führte wohl dazu, dass wir die höhere Schule besuchen durften. Finanziell war das sehr schwierig für meine Eltern. Meine Mutter wollte deswegen immer etwas zum Lebensunterhalt beitragen und kam auf die Idee, in dieser neu gemieteten Ladenwohnung eine Leihbücherei aufzumachen. Sie war eine begeisterte Leserin, wenn sie ein spannendes Buch hatte, türmte sich der Abwasch.

Wie aber sollten wir die Leihbücherei eröffnen? Wir hatten ja kein Betriebskapital. Schließlich zimmerte mein Vater die Einrichtung, mein Bruder pinselte das Schild und wir verpfändeten meine ersten 100 Mark Verdienst als Kontoristin an eine Firma, die uns Bücher liefern sollte. Als die Bücher bei uns ankamen, waren wir jedoch entsetzt. Die Firma hatte uns nicht ihre Bestseller, sondern ihre Ladenhüter geschickt, ganz wertloses Zeug und trotzdem auch davon so wenig, dass wir gezwungen waren, sie mit der Breitseite ins Regal zu stellen. Unsere Kunden waren vor allem die Arbeiter aus den großen Betrieben von Siemens und AEG. Wenn sie in unseren Laden kamen, gab es immer große Diskussionen. In einem waren sie sich jedoch einig: Unsere Bücher taugen nicht viel, wir sollten besser die Bücher der Arbeiterschriftsteller führen, „Brennende Ruhr“ von Karl Grünberg zum Beispiel. Wir taten wie geheißen, schafften uns die Bücher an, lasen sie selbst und so ist früh mein Interesse an Politik geweckt worden. Leider verdienten wir nicht genug. Wenn jemand zwei Bücher entlieh, bekamen wir 20 Pfennig. Die Miete betrug 150 Mark. Es war absehbar, dass es schief gehen würde und es ging auch schief. Wir mussten die Miete schuldig bleiben, bekamen den Räumungsbefehl, und es drohte der Gerichtsvollzieher.

Weil ich diese ganze Misere hautnah miterlebte und durch die Bücher viel gelernt hatte, war ich früh politisch bewusst und trat in die Kommunistische Partei ein. Als ich den Genossen vom drohenden Besuch des Gerichtsvollziehers erzählte, beruhigten sie mich und sagten, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, sie würden helfen. Ein paar Tage später rückten fünf kräftige junge Männer an und schleppten im Regen alles Bewegli[39]che aus unserem Laden und unserer Wohnung auf die Straße. Sie verteilten es dort untereinander.

Nachdem der Gerichtsvollzieher dagewesen war und wenig zur Räumung gefunden hatte, haben wir alles wiederbekommen, bis auf den letzten Blumentopf. Diese Aktion der Solidarität machte einen tiefen Eindruck auf mich und insbesondere auf meinen Vater, der erst durch diese Aktion politisiert wurde.

Von den „Goldenen Zwanzigern“ habe ich nichts mitbekommen. Theateraufführungen konnte ich mir nicht leisten. Wir demonstrierten für Arbeit und Brot und für die Freilassung der politischen Gefangenen. Zwischen Rechts und Links tobten Straßenkämpfe, aber wir waren überzeugt, dass wir letzten Endes siegen würden, und kurz vor der Revolution stünden.