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2016 in Leipzig mit dem Indie Autor-Preis ausgezeichnet, erscheint Hanna Kuhlmanns viel beachtetes Debüt nun auch als Taschenbuch: Shivari wurde vom Gott des Wassers dazu auserwählt, sein Erbe anzutreten – und dank dieser neuen Fähigkeiten gelingt es Shivari schnell, innerhalb der Diebesgilde der Stadt Vesontonio aufzusteigen. Doch die Welt der Götter ist im Umbruch, und auf den eigensinnigen jungen Dieb warten weitaus größere Aufgaben, als die Herrschaftsinsignien aus dem Palast zu stehlen. Und dann ist da noch Fuchs, ein junger Adliger, der mehr Gefallen an einem Leben als Meisterdieb denn als künftiger Fürst findet, und Shivaris Weg immer wieder kreuzt … Preisgekrönte, klassische Fantasy mit einem originellen Twist.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2018
Hanna Kuhlmann
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Shivari wurde vom Gott des Wassers dazu auserwählt, sein Erbe anzutreten – und dank dieser neuen Fähigkeiten gelingt es Shivari schnell, innerhalb der Diebesgilde der Stadt Vesontonio aufzusteigen. Doch die Welt der Götter ist im Umbruch, und auf den eigensinnigen jungen Dieb warten weitaus größere Aufgaben, als die Herrschaftsinsignien aus dem Palast zu stehlen. Und dann ist da noch Fuchs, ein junger Adliger, der mehr Gefallen an einem Leben als Meisterdieb denn als künftiger Fürst findet, und Shivaris Weg immer wieder kreuzt …
Der Schwarzgewandete
Schwarzer Dunst
Fuchs
Verfolgt
Der Erbe
Erhebung
Der Funke
Nacht
Hochfürst Radovan
Der Voyeur
Schwarzer Drache
Wie Wind
Der Meisterdieb
Stahlritter
Unter Drachen
Ungewöhnlich gewöhnlich
Von Söhnen und Fürsten
Nachtgedanken
Besser als erwartet
Schwer zu töten
Die Suche nach Antworten
Shivari gegen Drake
Ein langer Tag
Raue See
Der Brüllende Bär
Der herzlose Mann
In Scherben
Der Anfang vom Ende
Schattenspiele
Dämmergedanken
Der Winterball
Erdensohn und Wasserdrache
Nachtschatten
Menschen und Dämonen
Shivari
Chroms Schwur
Die letzte Antwort
Ich machte mich auf den Weg, als die ersten Dämmerdrachen flogen. Vor mir lag Vesontonio, majestätisch wie ein König, aufdringlich wie eine Hure. Eine stinkende, übermüdete Hure, die ihre besten Tage schon lange hinter sich hatte, denn hier in den Elendsvierteln bekam man selten das, was einem zustand.
In der hereinbrechenden Dunkelheit kroch das Gesindel aus seinen Löchern, lauerte in dunklen Gassen, versammelte sich an Kreuzungen und lungerte in den Hinterhöfen herum. Die Nacht war noch zu jung, um sie als gefährlich zu bezeichnen. Aber hier am unteren Ende der Gesellschaft war es sowieso nie wirklich sicher.
Weil ich mir keine Schuhe leisten konnte, lief ich barfuß und achtete darauf, nicht in irgendwelche Scherben oder Splitter zu treten. Gerade heute wollte ich es nicht darauf ankommen lassen, und auf den Schmerz konnte ich auch getrost verzichten. Zwar heilten meine Wunden schneller, wenn ich in meine Substanz griff, aber heute Nacht brauchte ich jede einzelne Essenz daraus, um erfolgreich zu sein. Viel mehr Versuche würde Askani mir nicht geben.
Ich ließ die rauen Straßen, die ungehobelten Menschen und vor allen Dingen den Gestank mehr und mehr hinter mir, je näher ich dem Königsviertel kam. Die Fassaden wurden sauberer, die Häuser weniger baufällig und die Straßen so blitzblank, dass ich mich fast schon schämte, meine Schmutzfüße darauf zu setzen. Fast.
Auf dem Windweg in der Nähe des Tempels sah ich aus der Entfernung die ersten Wachen. Sie begleiteten die Anzünder, die entlang der Hauptstraße die Laternen zum Leuchten brachten. Das war für mich das Zeichen, eine Etage höher weiterzumarschieren.
Ich bog in eine Seitenstraße und vergewisserte mich, dass ich unbeobachtet war, bevor ich in meine Substanz tauchte.
Sofort wurde die Welt unendlich viel klarer. Meine Sinne schärften sich, und ich spürte in meiner unmittelbaren Umgebung jede Pfütze, jeden Stein und jeden Splitter. Ich nahm den Dreck auf meinen Füßen wahr, den rauen Stoff meines Mantels, das leise Fiepen der Mäuse in einer Hauswand hinter mir. Mein Atem kam mir wie eine Sturmböe vor, verräterisch laut in dieser Welt der Stille.
Ich wartete einige Momente, bis ich mich an den Energiestrom gewöhnt hatte, der durch meinen Körper floss, und zog dann ein paar Essenzen aus meiner Substanz, die ich in meine Füße leitete und dort verdichtete. Vorsichtig setzte ich einen Fuß an die Mauer vor mir und belastete ihn kurz, um zu prüfen, ob er standhielt. Tat er. Dann setzte ich den zweiten Fuß daneben und stand nun waagerecht an der Wand, darum bemüht, das Gleichgewicht zu halten.
Sobald ich mein ganzes Gewicht dagegenstemmte, spürte ich den sanften Sog meiner Substanz, die die Energie verbrauchte. Ich verringerte sie etwas und hielt mich dafür mit den Händen an der Mauer fest, damit ich nicht abrutschte, als meine Magie etwas nachließ. Ich sollte mich nicht jetzt schon zu sehr verausgaben, ich wusste schließlich nicht, was im Laufe dieser Nacht noch alles geschehen würde, und wollte gut vorbereitet sein.
Angespannt fing ich an zu klettern und verscheuchte nebenbei ein paar Staubdrachen, die mich angifteten, weil ich ihre Nester als Trittstufe benutzte. Hier waren sie nicht so zahlreich wie in den Elendsvierteln, denn die Edelmänner hatten gerne saubere Fassaden. Als wäre ein tadelloses Äußeres gleichbedeutend mit einem reinen Inneren.
Oben angekommen, zog ich mich leicht keuchend auf das Flachdach. Vesontonios Lichtermeer erwachte langsam unter mir zum Leben, und ich ließ mir ein paar Minuten Zeit, um zur Ruhe zu kommen und mein Vorhaben noch einmal zu überdenken. Noch war es nicht zu spät, noch konnte ich umkehren. Schließlich war ein Einbruch ins Rathaus, um die Insignien des Bürgermeisters zu stehlen, ziemlich schwierig und für jemanden von meinem Stand ohnehin reiner Selbstmord, da ich keine höhere Magie beherrschte. Aber Askani wollte nun einmal die Insignien als Beweis meiner Eignung für die Aufnahme in die Diebesgilde. Dieser Mistkerl wusste ganz genau, wie schwierig es selbst für einen gut ausgebildeten und erfahrenen Dieb war, in das Haus eines Staatsbeamten einzudringen, weswegen er mir mit Vorliebe Aufträge erteilte, die ich kaum oder gar nicht bewältigen konnte. Insgeheim hoffte ich ja, eine seiner Huren würde ihm im Schlaf die Kehle aufschlitzen, dann wäre die Welt besser dran, aber das traute sich ja niemand. Zu mächtig war der Schwarze Drache, um einfach so in der Nacht zu verschwinden.
Ich atmete tief ein und konzentrierte einige Essenzen in meinen Beinen, bevor ich Anlauf nahm. Kurz vor der Dachkante ließ ich meine Magie frei und sprang über die breite Hauptstraße aufs nächste Dach, das ein Stockwerk über mir lag. Ich spürte nur ein leichtes Pochen in den Knien, als ich aufkam. Zu viel Energie durchströmte meinen Körper, als dass ich ernsthaft Schaden nehmen, geschweige denn wirklichen Schmerz empfinden konnte. Ohne an Schwung zu verlieren, lief ich weiter und nahm die Fassade des nächsten Gebäudes ins Visier. Mein zerschlissener Mantel flatterte hinter mir her.
Immer wieder warf ich prüfende Blicke nach unten. Je näher ich dem Stadtzentrum kam, desto öfter musste ich in Deckung gehen, wenn neugierige und aufmerksame Augenpaare nach oben sahen. Es war nun beinahe völlig dunkel, und als ich mich schließlich auf einem Dach gegenüber dem Rathaus hinter einem First versteckte, um von den patrouillierenden Stahlmännern nicht entdeckt zu werden, nahte der gefährlichere Teil meines Plans.
Diese Art von Magie war mir nicht vertraut, und es war gefährlich, höhere Zauberei zu wirken, ohne den dazu nötigen Spruch oder die Kenntnisse zu besitzen. Ich hatte schon viele Schattenmagier und Assassinen gesehen, die sich in einen Mantel aus Finsternis hüllten, um eins zu werden mit der Nacht. Allzu schwer hatte das nie ausgesehen. Aber wenn ich nicht als Krüppel oder Häufchen Asche im Wind enden wollte, durfte ich mich nicht verkalkulieren.
Wieder griff ich in meine Substanz, tiefer diesmal, und zog mehrere starke Essenzen daraus hervor, die ich um meinen Körper zu legen versuchte wie ein gut sitzendes Hemd. Einige Augenblicke vergingen, ohne dass etwas passierte, und ich merkte, wie sich die Magie wirkungslos verflüchtigte. In Gedanken fluchte ich heftig. Mit diesem dummen Versuch hatte ich wertvolle Energie verschwendet.
Beim nächsten Mal zog ich nicht allzu viele Essenzen, konzentrierte mich aber stärker auf die Dunkelheit um mich herum, versuchte, mich den Schatten anzupassen, ein Teil von ihnen zu werden. Dieses Mal hielt ich die Essenzen, als ich sie um meinen Körper wickelte, und versuchte durch pure Willenskraft, ihnen die Farbe der Nacht zu verleihen.
Es klappte, wenn auch nicht so wie erhofft. Ein grauer Schleier legte sich vor meine Augen, sodass ich selbst mit meinen geschärften Sinnen nicht mehr so viel erkennen konnte wie zuvor. Außerdem floss mir die Magie wie Wasser durch die Finger. Sie gehorchte meinen Befehlen nur widerwillig, als hätte ich sie in falsche Bahnen gelenkt. Sollte sie mir entgleiten, konnte das gefährlich werden. Brandgefährlich. Ich musste mich beeilen.
Schnell trat ich aus meiner Deckung und lief geradewegs auf das Rathaus zu. Unten auf der Straße schritten die Stahlmänner auf und ab, einer von ihnen müsste nur für einen Moment nach oben schauen, um mich hell erleuchtet im Licht der Straßenlaternen zu erkennen. Ich setzte auf zwei Karten: darauf, dass niemand von diesen muskelbepackten Trotteln schlau genug war, die Umgebung auch von oben zu sichern, und darauf, dass mein Mantel aus Schatten mir lange genug Deckung geben würde, bis ich mich an der Fassade festhalten konnte und einen Weg hineingefunden hatte.
Der Aufprall war unkoordiniert und für meine Verhältnisse fast schon beschämend tollpatschig. Den Großteil meiner Aufmerksamkeit hatte ich der kräftezehrenden Schattenmagie gewidmet und dabei nicht genug Energie in meine Füße umgeleitet, sodass ich bei der Berührung der Wand nicht wie sonst daran haften blieb, sondern mehrere Meter nach unten rutschte, bevor ich mich wieder fing und stärker darauf konzentrierte.
Mit zitternden Muskeln klebte ich an der Mauer und wartete mit zusammengekniffenen Augen auf die Rufe der Stahlmänner, die lauthals Alarm schlugen. Doch es blieb ruhig, was mir bestätigte, dass diese Idioten sogar noch dümmer waren, als ich angenommen hatte. Mein Schattenmantel war noch intakt, aber nicht mehr lange, denn mit Schaudern bemerkte ich, dass ich bereits über die Hälfte meiner Kräfte verbraucht hatte. Wenn ich noch genug Energie für den Rückzug haben wollte, sollte ich schnellstmöglich in das Gebäude gelangen, den Auftrag erledigen und dann das Weite suchen. Ich war nicht erpicht darauf, die Rote Festung von innen zu sehen.
Wie ein Staubdrache kletterte ich an der Mauer entlang, prüfte jedes Fenster, aber alle waren mit einem Wachzauber versehen, der losging, sobald man versuchte, es gewaltsam zu öffnen. Also versuchte ich das erst gar nicht.
Die traditionellen Einbruchsmethoden wurden von Magiekundigen immer weniger geschätzt, schließlich konnte man mit einem guten Zauber sogar Dinge transportieren, ohne sich vom Fleck zu rühren. Die Tatsache, dass man an die hohen Fenster des Rathauses ohne Magie nicht unbemerkt herankam, hatte die Erbauer des Gebäudes offenbar in der Ansicht bestärkt, ein zusätzlicher Schutz vor Einbrechern, wie zum Beispiel Vorhängeschlösser, wäre unnötig, wenn ein gut platzierter Zauber ebenso wirkungsvoll war.
Ja, die Fenster hatten alle Schlösser, aber so erbärmliche, dass sich jeder Dieb ins Fäustchen lachen würde, wenn er diese Sicherheitsvorkehrungen an einem Haus in den Elendsvierteln oder sogar in der Nacht zu Gesicht bekäme. Es dauerte nicht mal eine Minute, da hatte ich ein Fenster geöffnet, ohne den Zauber auszulösen.
Ich ließ mich nach innen fallen und rollte mich auf dem Teppichboden ab, während ich hinter mir das Fenster wieder zuzog. Prüfend sah ich mich um und entledigte mich sofort meines Schattenmantels, als ich sicher war, dass mich niemand beobachtete.
Ich atmete schwer, versuchte aber, so leise wie möglich zu sein, um kein Risiko einzugehen. Es blieb so ruhig wie das Wellenmeer im Sommer. Waren denn im Gebäude selbst keine Wachen postiert? Das war ja wirklich armselig. Und deswegen hatte ich mir so viele Gedanken gemacht?
Nicht übermütig werden, ermahnte ich mich. Wer wusste schon, was in dieser Nacht noch alles passieren würde, und ich hatte keine Ahnung, ob ich genauso unbehelligt wieder hinausgelangen konnte, wie ich hineingelangt war. Vielleicht täuschte ich mich ja und war in eine Falle getappt …
Sobald sich mein rasender Puls wieder einigermaßen beruhigt hatte, setzte ich mich auf und schlich geduckt durch den langen Gang. Meine Glieder waren schwer wie Blei, und es hatte selten einen Zeitpunkt in meinem Leben gegeben, an dem ich so müde gewesen war. Es kostete mich große Überwindung und Anstrengung, durch die düsteren Gänge zu laufen und dabei nicht die Orientierung zu verlieren. Die Dunkelheit war beinahe allumfassend, und hätte ich nicht in meine Substanz gegriffen, wäre ich so blind wie ein neugeborenes Kätzchen gewesen. Und genauso hilflos.
Ich vermutete das Amtszimmer des Bürgermeisters ganz oben im Gebäude, diese Edelmänner waren ja so leicht zu durchschauen. Dass ich die Treppe und das oberste Stockwerk erreichte, ohne dass jemand Alarm schlug, machte mich misstrauisch. Konnte es wirklich so einfach sein? Ich traute dem Frieden nicht.
Die Tür zum Amtszimmer stand offen, und sofort zog ich mehrere Essenzen aus meiner Substanz, um mich notfalls verteidigen zu können. Geduckt und angespannt schlich ich an der Wand entlang und spähte vorsichtig in den großen Raum.
Eine Seite war fast komplett verglast, sodass man einen atemberaubenden Blick auf die Stadt hatte, die sich in allen Farben und Lichtern vor dem Gebäude erstreckte. Mehrere Schränke und Regale befanden sich an den Wänden, und ein großer Schreibtisch stand direkt vor dem Fenster, sodass der Herr Bürgermeister – wahrscheinlich mehr, als ihm guttat – den Anblick der Stadt genießen konnte, die er zusammen mit dem Hochfürsten regierte.
Und noch jemand anderer genoss die Aussicht.
Der Mann war vollständig in einen nachtschwarzen Umhang mit Kapuze gehüllt, sodass ich ihn in der dunklen Umgebung beinahe nicht entdeckt hätte. Nur seine Silhouette vor den Lichtern Vesontonios machte ihn sichtbar … und das helle Silber des Kurzschwertes, das er in der Hand hielt. Er stand mit dem Rücken zu mir und sah sich scheinbar gelassen im Raum um, als wüsste er nicht, was er eigentlich hier wollte.
Anscheinend hatte er mich nicht bemerkt, und mit einem Blick auf den geschärften Stahl in seiner Hand beschloss ich, dass das am besten auch so bleiben sollte. So schnell ich konnte, verdichtete ich meine Essenzen um mich herum und wollte abermals einen Mantel aus Schatten um mich weben. Doch plötzlich drehte der Mann seinen Kopf in meine Richtung, und ich blickte in zwei gletscherblaue, gnadenlose Augen, die mich wütend fixierten. Ohne zu zögern, schwang der Schwarzgewandete sein Schwert und griff mich an.
Verdammte Drachenscheiße! Was soll das denn? Taumelnd wich ich vor ihm zurück und stolperte dabei über meine eigenen Füße, sodass mich die Waffe nur um Haaresbreite verfehlte und stattdessen eine tiefe Kerbe in das Holz des Türrahmens schlug, genau an der Stelle, wo sich nur Sekunden zuvor mein Kopf befunden hatte.
Ich trug ebenfalls eine Waffe bei mir – eher ein langer Dolch als ein kurzes Schwert –, doch ich wusste, dass ich gegen diesen Mann und die Art, wie er die Klinge führte, keine Chance hatte.
Kaum hatte er sein Schwert aus dem Holz gerissen, sprang er auf mich zu und hieb erneut nach mir. Metall krachte auf Metall, als ich schützend meinen Dolch hochhielt, doch die Kraft des Schwarzgewandeten war so groß, dass ich sofort nachgeben musste und zur Seite rollte, um mir mehr Freiraum zu verschaffen.
Mein Gegner ließ mir kaum Zeit, Luft zu holen, geschweige denn, mich zu sammeln. Er setzte mir sofort nach, und dieses Mal griff ich in meine Substanz, um seinen Angriff abwehren zu können. Der Dolch war keine geeignete Waffe für diese Art von Kampf, und obwohl ich nicht untalentiert im Umgang mit geschärftem Stahl war, wirkten meine Versuche, die Hiebe des Schwarzgewandeten zu parieren, eher wie die eines blutigen Anfängers. Ich biss die Zähne zusammen und tauchte tiefer in meine Magie, auch wenn nicht mehr viel davon übrig war, um wenigstens ein paar Mal selbst angreifen zu können und mir so ein klein wenig Zeit und Abstand zu erkaufen, die ich zur Flucht nutzen wollte. Der Schwarzgewandete wehrte meine Angriffe so leicht und beiläufig ab, dass ich mich fragte, warum ich mich überhaupt verteidigte.
Dieser Mann war mir weit überlegen, sowohl körperlich als auch technisch. Es dauerte nicht lange, da hatte er mich ausmanövriert und die Lücken in meiner Deckung genutzt. Alles, was ich wahrnahm, war ein silberner Streifen in der Dunkelheit.
Der Schnitt war brutal und präzise. Die scharfe Klinge schlitzte meinen Oberkörper von der Schulter bis hinunter zur Hüfte auf, als wären mein Fleisch und die Sehnen und Muskeln darunter weich wie Butter. Einen Moment lang konnte ich nichts anderes tun, als die klaffende Wunde auf meinem Oberkörper ungläubig anzustarren, bevor der Schmerz einsetzte. Zusammen mit meinem Blut floss auch meine Magie aus mir heraus, und ich fiel wie ein nasser Sack nach hinten. Ein leises Wimmern entwich mir.
In den Augen des Schwarzgewandeten blitzte es auf, als er diesen süßen, kläglichen Laut der Schwäche von meinen Lippen saugte. Von der zuvor noch eisig schimmernden Klinge in seiner Hand tropfte nun mein Blut und malte ein Bild seines Sieges auf den Teppich. Er musste nur einen kleinen Schritt nach vorn machen, schon stand er neben meinem Kopf, der Saum seines Mantels streifte meine Wange. Lässig hob er die behandschuhte Hand mit dem Schwert, um mir den Todesstoß zu versetzen, seine Augen nicht mehr als zwei helle Punkte in seinem verhüllten Gesicht. Sie waren das Einzige, woran mein Blick haften blieb, als ich mit plötzlicher Gewissheit erkannte, dass ich hier sterben würde.
So schnell, wie sich die besudelte Klinge auf mein Herz herabzusenken drohte, reifte in mir ein Entschluss.
Nein!
Mit der Kraft der Verzweiflung griff ich noch einmal in meine Substanz und zog einige meiner letzten magischen Essenzen daraus hervor. Ich verdichtete sie an der Stelle, an der die Klinge auf meinen Körper treffen würde.
Schlagartig hielt das Schwert mitten in der Luft inne, nur Zentimeter von meinem Herzen entfernt. Sofort spürte ich, wie die verbliebene Magie in mir rasch schwächer wurde, denn durch die große Wunde drückte ich sie ungewollt aus meinem Körper. Es würde nicht mehr lange dauern, dann wäre ich ausgelaugt wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Der Schwarzgewandete, verblüfft, weil seine Klinge auf unsichtbaren Widerstand traf, rührte sich einige Sekunden nicht, in denen ich die belebende Wirkung meiner Substanz, und sei sie noch so klein, zu meinem Vorteil ausnutzte und mich ungeschickt zur Seite wegrollte. Der Schmerz rückte in den Hintergrund meiner Wahrnehmung, während ich mich schwankend erhob.
Als der Schwarzgewandete sich wieder gefangen hatte und einen Schritt in meine Richtung machte, das Schwert wieder angriffsbereit erhoben, hatte ich bereits ein paar meiner wertvollen letzten Essenzen gebündelt und warf sie ihm mit voller Kraft entgegen. Tatsächlich geriet er kurz ins Taumeln und wich ein paar Schritte zurück, um sein Gleichgewicht wiederzufinden, doch ich wartete gar nicht erst, bis er erneut angreifen konnte, sondern stürmte quer durch den Raum. Ich setzte über den Schreibtisch und leitete den Rest meiner Magie in meine Beine.
Der Sprung durch die Glasscheibe war einer der besten, die ich je zu meistern das Vergnügen hatte. Zu einem angemesseneren Zeitpunkt wäre ich stolz auf meine Leistung gewesen, mit einem Satz gleich über mehrere hohe Gebäude auf einmal zu springen, doch in meiner Lage kümmerte mich das genauso wenig wie die Glasscherben in meiner Schulter.
Ich hörte, wie der Wachzauber hinter mir losging, und versuchte, bei Bewusstsein zu bleiben, damit ich mir beim Landen nicht sämtliche Knochen brechen würde. Der Schmerz überspülte mich in Wellen, und nicht nur wegen des Windes hatte ich Tränen in den Augen.
Immer näher kam der Boden, und ich machte mich für den Aufprall bereit, bündelte die allerletzten Essenzen. Ich steigerte den Luftwiderstand, damit ich langsamer wurde, leitete aber den Großteil in meine Beine, die mich abfedern sollten.
Die Landung war härter, als ich gedacht hatte, weil meine Essenzen für ein ordentliches Aufkommen wohl nicht mehr ausgereicht hatten. Ich stürzte schwer, rollte über den Boden und blieb schließlich auf dem Rücken liegen.
Bei den Geistern, wie konnte man nur so viel Schmerz ertragen, ohne auf der Stelle wahnsinnig zu werden? Ich traute mich kaum zu atmen, weil bei jedem Atemzug flüssiges Feuer durch meinen Oberkörper rauschte. Meine Beine zitterten und schmerzten dumpf, wahrscheinlich hatte ich mir eine Verstauchung zugezogen, aber diese Wunde, diese riesige, klaffende Wunde … Ich hob zitternd eine Hand und fasste an meine Brust, nur um sie bei der Berührung des offenen, feuchten Fleisches gleich wieder zurückzuziehen.
Ich bezweifelte stark, dass ich in der Lage war, aufzustehen und zu fliehen, befand ich mich doch noch immer zu nah am Rathaus, und hier im Königsviertel war ein verwahrlostes, aufgeschlitztes Straßenkind so auffällig wie ein Drache unter Schafen. Bald würden die Stahlmänner hier sein, und sollte ich dann noch leben, würden sie mir mit Vergnügen die Rote Festung zeigen, dieses Bollwerk der Unfreiheit und Verzweiflung …
Ich muss hier weg!
Stöhnend versuchte ich, mich auf die Beine zu stemmen, schaffte es aber nicht und zog eine Blutspur hinter mir her, während ich mich in einer Mischung aus Krabbeln und Kriechen davonmachte. Mein Körper wurde immer schwächer und der Schmerz immer heftiger.
Am Ende der Straße umhüllte mich schließlich Dunkelheit.
Das schmerzhafte Pochen meines Herzens, das langsam das Blut aus mir herauspumpte.
Die quälende Leere meiner Substanz, zur Untätigkeit verdammt.
Das leise Geräusch sich nähernder Schritte auf dem nassen Kopfsteinpflaster.
Die grobe Berührung zweier Finger an meinem Hals, die den immer schwächer werdenden Rhythmus des Lebens ertasteten.
Die folternde Anmaßung zweier Arme, die es wagten, meinen geschundenen Körper zu bewegen.
Und über allem das traurige Lied des Regens und seine prasselnden Schläge, die eine kühle Spur vergossener Tränen auf meiner heißen Haut hinterließen.
Wann ich erwachte, wusste ich nicht. Meine Ohnmacht wurde von vagen Schemen und Silhouetten begleitet, die im Kielwasser fiebriger Schmerzen trieben. Ich nahm meine Umgebung nur verschwommen wahr. Mir klebte das Haar auf der Stirn, meine Haut fühlte sich heiß an.
Ich spürte, dass ich auf einer harten Fläche lag, und als sich meine Augen an das schummerige Licht gewöhnt hatten, erkannte ich eine schlichte Holzdecke, durch die an einigen Stellen Regenwasser sickerte. Langsam bewegte ich den Kopf und versuchte, mich im Raum umzusehen, aber es war zu dunkel, um wirklich etwas erkennen zu können. Ich sah die Umrisse merkwürdiger Apparaturen und Werkzeuge auf einem Tisch neben mir, und zu dem überwältigenden Schmerz und der bleiernen Müdigkeit, die meinen Körper fest im Griff hatten, gesellte sich nun auch noch eine fast schon panische Angst, die ich im ersten Moment nicht kontrollieren konnte. Wäre ich nicht völlig erschöpft und kurz vor dem Ableben gewesen, wäre ich wohl in Tränen ausgebrochen wie ein kleines Kind. Ich versuchte, die Hand zu heben und mir den Schweiß von der Stirn zu wischen, nur um festzustellen, dass es nicht ging. Unter größter Anstrengung hob ich den Kopf und vermied dabei bewusst den Blick auf meinen aufgeschlitzten Oberkörper. Mit einem rauen, aber festen Seil waren meine Hände und auch meine Füße an den Tisch gefesselt.
Das war der Moment, in dem ich endgültig in Panik verfiel. Obwohl ich wusste, dass es vergeblich war, versuchte ich, mich zu befreien, aber ich war zu schwach und die Knoten zu stark. Mein Puls raste, und ich merkte, wie ich anfing zu zittern.
Das Quietschen einer Tür machte es nicht besser. Die Dunkelheit verzog sich in die Ecken, als eine Person mit einer hellen Lampe den Raum betrat und sie ungeachtet der Tatsache, dass ich wach war, direkt neben meinem Kopf auf den Tisch stellte. Geblendet schloss ich die Augen.
Es rumpelte und klapperte, etwas fiel polternd um, dann ein leises Wort, nicht mehr als ein Raunen in den Schatten. Es war das Flüstern einer rauen, jenseitigen Stimme, die mich frösteln ließ. Wo war ich hier nur? Endete ich jetzt als Opfer der kranken Perversionen eines Verrückten? Oder wurde ich gar als Versuchskaninchen für irgendwelche magischen oder medizinischen Quacksalbereien missbraucht? Ein Straßenkind vermisste niemand, niemanden würde es kümmern.
Plötzlich spürte ich, wie mir ein tönernes Gefäß an den Mund gehalten wurde, und presste die Lippen fest zusammen, aus Angst, dass mich irgendeine Flüssigkeit hilflos oder gefügig machen sollte. Außerdem roch es so bitter, dass mir schon allein dadurch die Tränen kamen.
Vorsichtig öffnete ich die Augen und sah, wie der Mann gerade ein Leinentuch mit etwas tränkte, das er in eine Schüssel gefüllt hatte. Mit dem triefenden Lappen in der Hand hielt er über der Wunde inne, und kurz begegneten sich unsere Blicke. Dann begann er mit geübten Bewegungen, die Wunde zu reinigen, und ich schrie und bäumte mich vor Schmerzen auf. Das angebotene Mittel war wohl zur Betäubung gewesen und ich so dumm, es zu verweigern. Automatisch griff ich in meine Substanz, um meine Qual zu lindern, doch da war nichts, was mich hätte retten können, nur ein kleiner Tropfen Licht in einem Meer aus Finsternis. Ich zerrte und riss an meinen Fesseln, aber sie scheuerten nur meine Haut wund.
Als der Mann fertig war, keuchte ich schwer, und mein Körper zitterte vor Anstrengung. Seine blutigen Hände griffen abermals nach dem Tongefäß, und er hielt es mir erneut an den Mund. Zögerlich trank ich daraus, verschluckte mich, spuckte die Hälfte wieder aus und verweigerte den Rest. Auch wenn es gegen die Schmerzen half, wollte ich nicht noch hilfloser sein, als ich ohnehin schon war.
Allerdings hätte ich mir das auch sparen können, denn kaum hatte ich den letzten Tropfen meine trockene Kehle hinuntergewürgt, legte sich eine bleierne Schwere auf meine Glieder, die den Schmerz in die hinterste Ecke meines Bewusstseins verbannte. Meine Muskeln entspannten sich, das Zittern hörte auf, und ich spürte, wie meine Augenlider nach unten sanken, auch wenn ich mich dagegen zu wehren versuchte.
Als ich wieder erwachte, war mein Oberkörper dick mit Leinen verbunden, das nach Kräutern und Medizin stank. Ich fühlte mich wie ein Paket, fest verschnürt und bereit zum Abholen. Die Wirkung des Schmerzmittels musste mittlerweile nachgelassen haben, denn ich spürte jedes Mal, wenn ich einatmete, ein unangenehmes Ziehen. Die Glasscherben hatte man penibel aus meiner Schulter entfernt. Mein linker Fuß war ebenfalls verbunden, und auf dem rechten war eine Salbe aufgetragen worden. Und … Moment mal, die Fesseln waren fort! Waren sie etwa nur dazu da gewesen, um mich während der Behandlung ruhigzustellen? Doch das war mir eigentlich egal. Ich drehte den Kopf und sah mich um, anscheinend war der Mann, der mir geholfen hatte, nicht im Raum.
Draußen wurde es langsam hell, einzelne Lichtstreifen suchten sich ihren Weg durch die geschlossenen Fensterläden. Die Einrichtung des Zimmers war spärlich und ziemlich heruntergekommen, nicht unwahrscheinlich, dass ich mich in einer Bruchbude in den Elendsvierteln befand. Oder zumindest nicht weit davon entfernt.
Ich atmete mehrmals tief durch, bevor ich versuchte, mich aufzurichten. Ich brauchte drei Anläufe, bis ich schließlich schwer keuchend auf der Tischkante saß, wobei ich mir Mühe gab, nicht vor Schmerzen zu wimmern. Als ich vorsichtig die Füße auf den Boden setzen wollte, bemerkte ich dort ein schmutziges, dunkles Stück Stoff. Es dauerte einige Augenblicke, bis ich erkannte, dass es die blutgetränkten Reste meines Mantels waren.
Ich weiß nicht, warum mich dieser Anblick so sehr schockierte, aber mein Körper fühlte sich plötzlich an wie in Eiswasser getaucht. In diesem Moment realisierte ich wohl endgültig, was mit mir passiert war. Der misslungene Auftrag, der Kampf mit dem Schwarzgewandeten, die sinnlose Flucht in die Gassen und meine jetzige Lage, hilflos in den Händen eines Mannes, dessen Absichten ich nicht kannte und ehrlich gesagt auch gar nicht erfahren wollte. Höchste Zeit zu verschwinden.
Vorsichtig und mit wild hämmerndem Herzen stand ich auf und ließ die Tischkante erst los, als ich sicher war, dass meine Beine mich trugen. Auf der Suche nach einem Ausgang – aus dem Fenster zu springen, traute ich mich nicht, auch wenn ich mich vielleicht im Erdgeschoss befand – umrundete ich den Tisch und spähte in den angrenzenden Raum. Und tatsächlich, dort am anderen Ende befand sich eine Tür, die schief in den Angeln hing. Der Mann saß daneben auf einem Stuhl und starrte die Wand an.
Was … was war das? Dunkelheit waberte um ihn herum, Schatten schienen sich um seinen Körper zu legen, ihn umarmen zu wollen, konnten ihn aber gleichzeitig nicht richtig fassen. Der Mann hob eine Hand und versuchte gleichgültig, den Schattendunst einzufangen, doch wie ein ängstliches Tier scheute dieser zurück, blieb aber in seiner Nähe. Seine Umrisse waren schemenhaft, als könnte er jeden Moment in die Finsternis stürzen. War er ein dunkler Magier? Oder ein Schattengeist? Mit Schaudern stellte ich fest, dass ich es gar nicht wissen wollte.
»Wenn du gehst, wirst du sterben.«
Ich zuckte erschrocken zurück, aber es war sinnlos, er hatte mich bereits bemerkt. Er wandte den Kopf und sah mich durch den schwarzen Nebel hindurch an, in seinen Augen versickerte die Dunkelheit. Mein Hals war trocken, und ich schluckte schwer, um etwas zu sagen, kapitulierte dann aber vor meiner Unwissenheit. Sein Blick war kalt und erschreckend emotionslos, dafür, dass er mir gerade das Leben gerettet hatte.
Nicht gewillt, mich von ihm einschüchtern zu lassen, ging ich schwerfällig, jedoch um Haltung bemüht, durch den Raum auf die Tür zu und öffnete sie. Ich erwartete, dass der Mann mich aufhalten würde, doch er saß nur da und starrte mich an. Kurz bevor ich verschwand, nickte ich ihm dankbar zu und zwängte mich dann ungelenk durch die Tür.
Draußen lag die Straße noch im Schatten, aber das war um diese Tageszeit normal, schließlich waren die Gebäude Vesontonios so hoch, dass nur wenige Stunden am Tag die Sonne auf die Pflastersteine fiel. Langsam setzte ich mich in Bewegung und versuchte, die nächste Hauptstraße zu erreichen, um auszumachen, wo ich mich überhaupt befand.
Als ich auf den Pfeilweg einbog, hatten schon viele Leute, die im Morgengrauen aufgestanden waren, ihre Verkaufsstände aufgebaut. Allzu viel war noch nicht los, dennoch hielt ich mich eher am Rand, damit mich niemand bemerkte und mir Ärger machte. Dass ich manche Menschen anrempelte, ließ sich trotzdem nicht vermeiden, und jedes Mal atmete ich scharf ein, wenn stechender Schmerz mich durchzuckte. Fast stieß mich sogar jemand zu Boden, und ich verfluchte ihn und fuhr ihn an, bevor ich weiterhumpelte. Für eine Nacht hatte ich genug durchgemacht, ich wollte einfach nur noch meine Ruhe.
Stirnrunzelnd sah Junicus dem verwahrlosten Straßenkind hinterher, das er vor wenigen Sekunden beinahe zu Fall gebracht hatte. Zwar hatte er sich sofort entschuldigt, schon weil er sah, wie schlecht es um den Jungen stand, aber der hatte ihn aufs Übelste beleidigt und verflucht. Junicus war so verblüfft gewesen, dass ihm darauf keine Antwort eingefallen war, und bevor er noch ein weiteres Wort herausgebracht hatte, war der Junge einfach weitergehumpelt.
Für manche ist diese Welt ein Ort des Jammers, dachte er und nahm es dem Straßenkind nicht übel. Vielmehr verspürte er Mitleid und ein aufrichtiges Bedürfnis, die Qualen desjenigen zu lindern, der so offenkundig litt.
Und noch etwas anderes verspürte er: Sein Funke war fort!
Vielleicht war es Wagemut, vielleicht auch Wahnsinn, sich vom höchsten Gebäude Lehans in den Wind zu stürzen. Für Fuchs war es das kurze, berauschende Gefühl von Freiheit. Er schloss die Augen und genoss den freien Fall, kostete ihn voll aus und wartete bis zum letzten Moment, bevor er ein paar Zauber sprach, um seinen Sturz abzufangen. Unter ihm hatten einige Menschen auf der Straße erschrocken aufgeschrien, als sie seinen Fall bemerkt hatten, und jetzt, wo er mit vor Freude geröteten Wangen vor ihnen stand, war ihr Aufatmen umso erleichterter.
Er grinste sie an und grüßte freundlich, bevor er im Laufschritt in den Gassen verschwand. Prüfend sah er über die Schulter, um nach eventuellen Verfolgern zu suchen, aber niemand kam ihm nach. Gut, sein Vorsprung war wohl groß genug, dann konnte er ja in aller Ruhe …
Jemand packte ihn hart an der Schulter und riss ihn in die nächste Seitenstraße hinein, sodass er erschrocken aufkeuchte und das Gleichgewicht verlor.
»Herr.«
»Verdammt, Aran! Musst du denn immer so grob sein? Ich habe mich zu Tode erschreckt!«
»Wenn Ihr nicht besser aufpasst, habt Ihr nichts anderes als Grobheit verdient, Herr.«
»Ich hatte sogar meine Aura gelöscht. Wie machst du das nur immer wieder? Ich dachte, ich hätte dich abgehängt!«
»Und ich dachte, Ihr seid mittlerweile zu alt für diese Albernheiten.« Obwohl der Krieger tadelnd klingen wollte, erkannte Fuchs an seiner Stimme, dass auch er sich amüsierte.
Arans Erscheinung war ehrfurchtgebietend: Er war von großer, kräftiger Statur, die durch die robuste Rüstung, die er trug, noch massiver wirkte. Ein breites und ein schmales Schwert hingen an seiner Hüfte, und ein wallender Umhang in den Farben des Hauses Vanira fiel von seinen breiten Schultern. Stets hatte Fuchs ihn um diese kriegerische Ausstrahlung, die ihn wie selbstverständlich umgab, beneidet und ihn dafür bewundert. Wie so oft trug er keinen Helm, und der Junge hatte nie gefragt, warum das so war.
Umständlich raffte Fuchs sich auf und klopfte sich den Schmutz von den Beinen. »Ich bin nie zu alt für irgendwas«, sagte er lächelnd.
»Herr, wenn Ihr ständig davonlauft, fällt es mir umso schwerer, Euch zu beschützen.«
»Du spürst mich doch sowieso jedes Mal wieder auf, warum beschwerst du dich eigentlich? Sag nicht, dass es dir nicht auch Spaß macht, die Stadt und ihre Grenzen zu erkunden. Wir sind frei, Aran, frei zu tun, was uns beliebt.«
»Euer Vater sähe nicht gerne, wenn Euch etwas zustößt.«
Fuchs schnaubte, und seine Laune verschlechterte sich, wie immer, wenn die Sprache auf seinen Vater kam.
»Was weiß denn schon mein Vater.«
»Herr …«
»Nenn mich nicht so. Das habe ich dir schon tausendmal gesagt. Oder öfter. Als ich sechs war, habe ich dir das schon gesagt.«
»Als Ihr sechs wart, seid Ihr auch noch nicht so oft weggelaufen. Gerade heute …«
»Was soll das denn heißen?«
»Habt Ihr es etwa vergessen? Großfürst Frost von Telica und seine Tochter sind heute angekommen.«
Als hätte Fuchs das vergessen können. Sein Vater hatte ihm in der vergangenen Woche ständig damit in den Ohren gelegen, und eigentlich hatte Fuchs vor dem Abendessen nur ein wenig frische Luft schnappen wollen, aber die Verlockungen des Windes waren zu verführerisch gewesen. Na gut, vielleicht hatte er ein bisschen die Zeit vergessen, aber er war sich keiner Schuld bewusst.
»Kommt, Herr, lasst uns zurückgehen.«
Fuchs seufzte. »Aber wir gehen über den Markt, das dauert länger.« Er sah, dass Aran nicht damit einverstanden war, aber den Mund hielt, weil er wusste, dass sich der Junge nicht umstimmen lassen würde. Immerhin das hatte Fuchs ihm beibringen können.
Der Markt war gut besucht. Viele Menschen hatten das schöne Wetter und die letzten Sonnenstunden genutzt und tummelten sich nun an Ständen und in Hauseingängen, an Treppen und Stegen, an Hauptstraßen und Nebengässchen. Fuchs genoss das an- und abschwellende Gemurmel der großen Menge, und auch wenn er nie ein Teil von ihnen sein würde, stellte er sich kurz vor, wie es sein musste, das zu tun, was man wollte. Einkaufen, wenn man hungrig war. Freunde treffen, wenn man Lust dazu hatte. Durch die Straßen schlendern, ohne dass Blicke und Menschen einem folgten.
Kurz blieb er stehen, um sich einen Apfel zu kaufen, der die Farben eines Lagerfeuers hatte, und am liebsten hätte er sich auf eine Bank in der Nähe des Sees gesetzt, nur um zu sehen, wie die Sonne langsam darin versank. Jedoch war er sich Arans Gegenwart nur allzu bewusst und widerstand daher dieser Versuchung. Er wollte die Geduld des Kriegers nicht noch weiter auf die Probe stellen, und die seines Vaters schon gar nicht. Er würde so oder so Ärger bekommen.
Das Anwesen des Großfürsten befand sich in den höher gelegenen Vierteln der Stadt, sodass man, wenn man aus den Fenstern schaute, das Häusermeer von Lehan und dahinter den Funkelnden See in all seiner Schönheit bewundern konnte. Es war nicht nur ein Symbol der Macht und der gehobenen Stellung, die der Großfürst innehatte, sondern auch ein furchtbar protziges und prunkvolles Gebäude. Fuchs hatte es nie besonders gemocht.
Die goldenen Tore öffneten sich, und die Wachen salutierten stramm, als Fuchs und Aran sich näherten. Zwar hatte der Krieger einen schnelleren Schritt als Fuchs, hielt sich aber aus Gründen der Etikette stets hinter oder neben ihm. Der Junge musste grinsen, als Aran ihn immer wieder zur Eile antrieb. Seine Hektik amüsierte ihn.
Erst als eine Dienerschar sie am Eingangstor empfing und ihn mit wilden, fast panischen Gesten in Richtung Bad scheuchte, um ihn für das Abendessen zurechtzumachen, zog sich Aran leise zurück. Er war der Hauptmann der Wache, und an einem so wichtigen und bedeutenden Tag für das Haus Vanira hatte er viel zu tun. Beinahe schämte sich Fuchs ein bisschen, weil er ihn von seinen Pflichten abgehalten hatte. Sollte etwas passieren, war Aran der Verantwortliche, und Fuchs hatte ihn von seiner Arbeit ferngehalten, wohl wissend, dass der Krieger der Einzige war, der ihn immer wieder aufspüren konnte.
Die Dienerschaft übertraf sich heute selbst: In weniger als einer Stunde war Fuchs gebadet, angezogen und vorzeigbar. Beim Blick in den Spiegel erschrak er ein bisschen, doch seine steife Kleidung verhinderte, dass er zusammenzuckte. Wieder einmal hatte sein Vater bewiesen, dass Geld für ihn keine Rolle spielte.
Er wurde zum Festsaal geführt, und als sich die breiten Flügeltüren öffneten, richteten sich sämtliche Blicke auf ihn. Fuchs ignorierte sie, denn er wusste, dass das Bild, das sie von ihm sahen, nicht seinem wahren Selbst entsprach. Sie konnten nicht hinter seine Maske aus aufgesetzter Höflichkeit und milder Arroganz blicken.
So aber ging er gemächlichen Schrittes mit hinter dem Rücken verschränkten Händen am langen Tisch entlang, an dem die Gefolgschaft des Fürsten Platz genommen hatte.
Als er am Kopfende angekommen war, fing er den zornigen Blick seines Vaters auf und bereitete sich innerlich auf die Strafpredigt vor, die ihn heute Abend bestimmt noch ereilen würde. Er küsste seine Mutter auf die Wange, nickte seinem Vater zu und verbeugte sich dann leicht vor den hochrangigen Gästen.
»Verzeiht bitte, meine Damen und Herren, dass ich zu spät zum Diner erscheine. Eine lästige Angewohnheit von mir.« Er lächelte und hoffte, dass dies die Gemüter beruhigen würde.
»Die in letzter Zeit wirklich überhandgenommen hat, Vico«, sagte sein Vater und runzelte die Stirn. »Gerade heute musstest du dich verspäten.«
Fuchs lächelte spöttisch. »Mehr als eine Entschuldigung bekommst du nicht, ehrenwerter Vater.« Er ließ es so klingen, als sagte er es im Scherz, und tatsächlich brach es das Eis ein wenig, als sowohl Großfürst Frost von Telica als auch seine Angehörigen leise lachten. Nur die Miene seines Vaters verdüsterte sich.
Er setzte sich an den Platz, der ihm zugewiesen wurde, und war etwas überrascht, dass er neben einem blonden, hübsch anzusehenden Mädchen saß, das ihm als die Tochter des Großfürsten vorgestellt wurde. O nein, dachte er und ahnte, worauf dieses Treffen hinauslief. Mit hochgezogener Augenbraue warf er seinem Vater einen Das-kann-nicht-dein-Ernst-sein-Blick zu, aber dieser hatte sich bereits abgewandt und tat so, als würde er ihn nicht bemerken.
Es war schwierig, sich mit dem Mädchen (er hatte den Namen schon vergessen) den ganzen Abend zu unterhalten und so zu tun, als wäre er an dem interessiert, was sie zu sagen hatte. Denn das waren eigentlich nur drei Dinge: Geld, um neue Kleider zu kaufen, der Abschaum der Gesellschaft, der sich Unterschicht nannte, und Politik. Fuchs hasste Politik.
Offenbar erwartete sie etwas von ihm, aber er machte sich nicht die Mühe, darauf einzugehen. Einerseits, weil er wusste, worauf sie anspielte, andererseits, weil er schlichtweg nicht interessiert war. Er konnte seine Erleichterung nur schwer verbergen, als sie sich nach diesem anstrengenden Tag zurückziehen wollte. Ohne taktlos zu werden, stimmte er ihr zu.
»Was sollte das, Vater?«
»Die Dienerschaft und deine Freunde nennen dich Fuchs. Werde diesem Namen gerecht und ziehe deine eigenen Schlüsse, Vico.«
»Hast du vor, mich zu verheiraten?«
»Ich war in deinem Alter, als ich deiner Mutter vorgestellt wurde. Ja, ich denke, es ist an der Zeit.«
Dass sich Sharion Vanira nicht einmal die Mühe machte, seinem Sohn in die Augen zu sehen, während er mit ihm sprach, goss Öl ins Feuer von Fuchs’ Zorn.
Das Arbeitszimmer des Großfürsten war zu dieser späten Stunde nur spärlich beleuchtet, lediglich einige Kerzen hatte sein Vater angezündet und auf den Schreibtisch gestellt, um noch einmal kurz die Unterlagen des Tages zu überfliegen, bevor er zu Bett ging. Fuchs jedoch konnte nicht bis zum morgigen Tag warten, um zu sagen, was er zu sagen hatte.
»Vater, ich werde dieses Mädchen nicht heiraten.«
»Natürlich wirst du das.« Die Beiläufigkeit, mit der er sprach, war erschreckend. Fuchs wusste nicht, ob er wütend oder traurig darüber sein sollte.
»Nein, du verstehst … Verdammt, sieh mich an, wenn ich mit dir rede!« Er merkte erst, dass er auf den Tisch geschlagen hatte, als ein Briefbeschwerer umfiel.
Sharion Vanira sah auf, und in seinen grauen Augen standen Missbilligung und Enttäuschung. In letzter Zeit hatte Fuchs selten etwas anderes darin gesehen.
»Ich werde dieses Mädchen nicht heiraten!«, wiederholte er und betonte dabei jedes Wort. Er zwang sich, dem Blick seines Vaters standzuhalten.
Der Großfürst legte die Dokumente zur Seite und beugte sich vor, lauernd jetzt, gefährlich. »Und wieso nicht, wenn ich fragen darf? Eine bessere Partie …«
»Es geht nicht um die Partie!«, unterbrach Fuchs ihn aufgebracht. »Sie ist so …« Er suchte nach den richtigen Worten.
»Was?«
»Sie … sie steht für alles, was ich verachte.«
Sein Vater zog eine Augenbraue hoch. »Und das wäre?«
»Arroganz. Geldgier. Blindheit gegenüber der Welt, wie sie ist.«
Nun stand sein Vater auf, umrundete den Tisch und blieb dicht vor Fuchs stehen, der den Drang unterdrückte zurückzuweichen. »Die Welt, wie sie ist?«, fragte er skeptisch. »Wovon redest du, Junge?«
»Sie ist in teure Gewänder gekleidet, isst nur die feinste Kost, jeder ihrer Wünsche wird erfüllt, egal, wie ausgefallen sie auch sein mögen. Aber die Welt besteht nicht nur aus Seide und Brokat, aus funkelnden Edelsteinen und hell erleuchteten Räumen. Verstehst du?«
Sein Vater sah ihn an. »Hast du dich schon wieder in der Stadt herumgetrieben?«
»Darum geht es doch gar nicht!« Wütend stampfte Fuchs mit dem Fuß auf. »Ich kann kein Mädchen heiraten, das nicht einmal weiß, wie sich der Wind auf ihrem Gesicht anfühlt und die nicht weiter denkt als bis zu ihrer Türschwelle.«
»Du … bist ihr also nicht sehr zugetan.«
Fuchs schnaubte. »Natürlich nicht. Ich …«
»Gut, dann werde ich eine neue Braut für dich suchen.« Der Großfürst drehte sich um, als wäre das Gespräch damit beendet.
War er taub? Oder wollte er es nicht verstehen?
»Vater …«
»Was denn noch?«
»Ich werde nicht heiraten.«
Sein Vater blieb stehen, scheinbar erstarrt.
»Ich hasse es, wie andere einfach über mich bestimmen, als hätte ich keine eigene Meinung! Meine Socken, mein Essen, mein ganzer verdammter Lebensstil, sogar meine zukünftige Frau! Kann ich denn nicht eigene Entscheidungen treffen? Kann ich nicht frei sein, so zu leben, wie ich es will?«
»Sei nicht töricht.« Sein Vater drehte sich um, und Fuchs erschrak über die große Wut in seinem Gesicht. »Du bist mein Erbe, Vico, und ich werde nicht zulassen, dass du dieses Haus, das schon seit Generationen über diese Stadt herrscht, mit deinem kindischen Gehabe und deinen albernen Fantastereien in den Untergang treibst. Frei sein? Solange du unter meinem Dach lebst, tust du, was ich dir sage!«
»Wann habe ich je getan, was du mir gesagt hast?«
»Du wirst jetzt damit anfangen. Ich habe dein ständiges Verschwinden satt, genauso wie deine lockere Lebensweise. So benimmt sich kein Sohn aus adligem Hause, sondern ein Kind aus der Unterschicht. Die ganze Stadt spricht schon davon, und nur die Götter wissen, was passieren wird, solltest du dich nicht endlich ändern. Es wird allmählich Zeit, dass du deinen Pflichten nachkommst und erwachsen wirst. Bei den Geistern, du bist wahrlich alt genug!«
»Ich will aber nicht …« … so werden wie du, wollte Fuchs sagen, aber dazu kam er nicht.
Sein Vater schlug ihm so fest ins Gesicht, dass er ins Wanken geriet und sich am Schreibtisch festhalten musste. Seine Wange brannte vor Schmerz.
»Vico, meine Geduld mit dir neigt sich dem Ende zu. Bisher war ich noch nachsichtig, aber wenn du nicht einsiehst, was das Richtige für dich ist, muss ich eben dafür sorgen, dass du es tust. Verstehst du mich?«
Fuchs traute sich nicht, seinen Vater anzublicken, weil er befürchtete, ebenfalls die Beherrschung zu verlieren. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, sodass er die Fingernägel in seinem Fleisch spüren konnte. Der Großfürst allerdings packte ihn bei den Schultern und drehte ihn grob zu sich um. »Ich habe gefragt, ob du mich verstanden hast! Antworte, Junge!«
Schwer lagen die Worte Fuchs auf der Zunge, doch statt sie auszusprechen, schluckte er sie hinunter und sagte stattdessen: »Ja, Herr.«
Sein Vater schien nicht sonderlich überzeugt zu sein, und sein Griff wurde fester, als wolle er seinen Sohn schütteln. Aber dann ließ er ihn los und trat einen Schritt zurück. »Geh jetzt, Vico. Wir sprechen morgen noch mal darüber.«
Fuchs wollte nie wieder darüber sprechen, hatte er seine Meinung doch schon Hunderte Male gesagt, und niemand hatte ihm zugehört. Selbst sein eigener Vater …
Mit gesenktem Blick ging er zur Tür und drehte sich nicht mehr um, selbst als sein Vater nochmals leise seinen Namen sagte. Für einen Abend waren genug Worte gewechselt worden.
Auf dem Weg zu seinem Zimmer begegnete er niemandem, was wahrscheinlich gut war, denn er wusste nicht, ob er die Nähe einer anderen Person ertragen hätte. Außerdem pochte seine Wange schmerzhaft, und er wollte nicht, dass jemand ihn so sah. Er fühlte sich wie geschändet und schämte sich, obwohl er nicht wusste, wofür.
Vor seiner Tür stand Aran, als hätte er dort auf ihn gewartet. Sobald sich ihre Blicke trafen, verdüsterte sich seine Miene, und er stellte sich Fuchs in den Weg, als er schweigend die Tür öffnen wollte.
»Herr, was ist passiert? Ihr seht …«
»Nichts«, sagte Fuchs, »nichts ist passiert, Aran. Du kannst gehen. Ich möchte allein sein.«
»Wie Ihr wünscht, Herr. Ich werde … Bei den Geistern, was ist das?«
Er griff nach Fuchs’ Kinn und versuchte, sein Gesicht in seine Richtung zu drehen, doch Fuchs entwand sich ihm und stieß, heftiger, als er es beabsichtigt hatte, seine Hand zur Seite. »Nein!« Erschrocken hielt Aran inne. Mehrmals atmete Fuchs tief ein, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen, und griff mit zitternder Hand nach der Türklinke. »Geh bitte, Aran. Lass mich allein.«
Er wartete nicht, bis der Krieger seiner Anweisung Folge leistete, sondern schloss einfach die Tür hinter ihm und drehte den Schlüssel. Schwer atmend blieb er stehen und horchte durch das Holz auf das Geräusch sich entfernender Schritte. Es dauerte ziemlich lange, bis es eintrat und er mit sich und seinen Gedanken allein war.
Langsam wandte er sich um und blickte in die Dunkelheit seines Gemachs. Noch nie war das Gefühl, in einem Käfig zu sitzen, so stark gewesen. Sein Herz klopfte, und von plötzlicher Atemnot oder etwas anderem getrieben, hastete er zum Fenster und stieß die Doppeltür zum Balkon auf, sodass sich die Vorhänge im Wind aufbauschten.
Rückwärts ließ er sich auf sein Bett fallen und starrte hinauf zur Decke, die sich groß und schwer über ihm wölbte, während die Zugluft mit leisen Pfeiftönen durch den Raum sang. Er lauschte ihnen einen Moment lang, bevor er die Augen schloss und die Hand auf sein Gesicht legte.
»Ich kann das nicht«, flüsterte er und spürte, wie eine einzelne Träne aus seinem Augenwinkel rollte. »Ich kann das einfach nicht.«
Seine Wange fühlte sich heiß und geschwollen an, als er darüberstrich, und Fuchs widerstand dem Drang, vor Wut und Frustration irgendetwas quer durchs Zimmer zu schleudern. Es wäre nur ein Ausdruck seiner Hilflosigkeit gewesen.
Er schälte sich aus den teuren Kleidern des Abends und warf sie einfach auf den Boden, bevor er sich das lockerste und billigste Gewand aus seinem Schrank suchte, das er finden konnte. Es sah trotzdem zu exquisit aus, fand er, aber daran konnte er nichts ändern.
Mit gemischten Gefühlen trat er hinaus auf den Balkon und zur Balustrade, sah hinab auf Lehans Lichter, die ihm in der Nacht zublinzelten. Der Wind war kalt und fuhr mit frechen Fingern unter seine Kleidung, sodass er eine Gänsehaut bekam, als er den Kopf in den Nacken legte und ihn tief einatmete.
»Bring mich fort«, sagte er und ließ sich fallen.
Seine geflüsterten Worte verfolgten mich.
»Wenn du gehst, wirst du sterben.«
Ich schlug die Augen auf und erwischte gerade noch einen Winddrachen dabei, wie er versuchte, meine Vorräte zu plündern. Halbherzig, aber wütend trat ich nach dem Vieh, das laut kreischend seine Flügel ausbreitete und sich davonmachte.
»Mist«, fluchte ich und ließ mich wieder zurück auf mein Lager fallen. Ohne hinzusehen, griff ich zur Seite nach meinem letzten Wasserschlauch und trank ihn in einem Zug leer, danach pfefferte ich ihn zu den anderen beiden in die Ecke.
Mein Unterschlupf befand sich über einer Bäckerei, zwischen einem nur wenig höher gelegenen Gebäude und dem Flachdach eines anderen. Zwar hatte ich kaum Möglichkeiten, mich oder meine Sachen zu verstecken, aber für ein warmes Lager im Winter war mir das nur recht. Ein Dachvorsprung hielt den meisten Regen ab.
Es wurde bereits wieder dunkel, ich hatte wohl den ganzen Tag verschlafen, und als ich mir mit der Hand über die schweißnasse Stirn fuhr und bemerkte, dass ich Fieber hatte, beschloss ich, dass ich auch noch getrost die Nacht dranhängen konnte. Groß bewegen konnte ich mich ohnehin nicht, und in meinem Zustand war es sowieso besser, sich erst einmal auszuruhen.
Doch anstatt wieder die Augen zu schließen, verschränkte ich die Arme hinter dem Kopf (auch wenn es wehtat) und sah stattdessen in den Himmel über mir, der sich langsam dunkler färbte. In der Nähe tollte ein Dämmerdrache über die Dächer, und ein paar Winddrachen verfolgten ihn spielerisch. Ihr Gekeife und die Worte des Schattenmannes hielten mich wach.
Warum nur gingen sie mir nicht aus dem Kopf? War ja nicht so, als ob ich plötzlich tot umkippen würde, sobald ich einen Fuß auf die Straße setzte. Ich sah an mir herunter und musterte den Verband, der mich zusammenhielt, kritisch. Er war straff und sehr sauber angelegt, und die Wunde darunter sah wohl auch den Umständen entsprechend gut aus. Warum also sollte ich sterben, wenn ich weiter meiner Wege ging?
Du kannst mich mal, dachte ich und verfluchte den Schattenmann für die Hartnäckigkeit, mit der er sich in meinem Kopf festgesetzt hatte. Allerdings … Warum hatte er mir geholfen? So ganz ohne Gegenleistung? Unheimlich war er ja schon gewesen, wie er dort gesessen und mit den Schatten gespielt hatte … Ich schüttelte den Kopf und versuchte, das Bild zu verscheuchen, doch ein anderes ersetzte es sofort: ein Mann, in einen nachtschwarzen Mantel gehüllt, der eine Klinge aus blutigem Silber führte.
Ich schauderte, und wie auf ein Zeichen pochte meine Wunde schmerzhaft, sodass ich mich schnell gemütlicher hinlegte, damit ich mich beruhigen konnte.
Der Schwarzgewandete war das größte Rätsel von allen. Was, bei den Geistern, hatte er im Rathaus verloren gehabt? Und warum hatte er mich so schnell und erbarmungslos angegriffen? Ich bezweifelte, dass dieser Mistkerl Askani einen zweiten Mann auf den Auftrag angesetzt hatte, das verstieß gegen das Diebesgesetz, vor allen Dingen, weil es meine Eignungsprüfung gewesen war. Vielleicht eine andere Gilde? Der Schwarze Skorpion? Aber das ergab auch keinen Sinn. Diebe töteten nicht, sie stahlen nur.
Während ich den Drachen bei ihrem Spiel zusah, versank die Sonne hinter dem Horizont und hinterließ ein glühendes Band aus Feuer, das sich über den Rand des Himmels zog und die Wolken rot färbte. Der Dämmerdrache schnappte noch einmal nach den Winddrachen, bevor er mit den Flügeln schlug und sich hinauf in den Himmel schraubte, um weiterzuziehen. Ein unbestimmtes Gefühl von Traurigkeit und Melancholie erfasste mich, zog an mir, als ich dem Tier dabei zusah, wie es davonflog in den Westen, der nächsten Dämmerung entgegen. Wenn ich doch auch nur fortkönnte, einfach meine Flügel ausbreiten und dorthin fliegen, wo der Wind mich hintrug, der Sonne folgen.
Ein rumpelndes Geräusch, das von der Straße kam, riss mich aus meinen Gedanken. Um diese Uhrzeit hatte die Bäckerei eigentlich schon geschlossen, und ich kümmerte mich erst nicht darum, aber als lautstark eine Mülltonne umgeworfen wurde, richtete ich mich seufzend auf.
»Yanuz, wenn du das bist, kannst du dich gleich wieder verpissen! Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass …« Als ich über die Dachkante spähte, blieben mir die Worte im Hals stecken, und ich zuckte so schnell wie möglich zurück in Deckung. Verdammt, warum musste ich nur mein großes Maul aufreißen? Mein Puls war in Sekunden hochgeschnellt, und der Herzschlag dröhnte so laut in meinen Ohren, dass ich schon befürchtete, er könnte von dort unten zu hören sein. Zu atmen traute ich mich nicht.
Nur um meinen ersten Blick zu bestätigen, lugte ich noch einmal vorsichtig über die Kante, in der Hoffnung, mich in der hereinbrechenden Dunkelheit getäuscht zu haben.
Hatte ich nicht. Dort unten stand der Schwarzgewandete.
Groß gewachsen, kräftig und von Kopf bis Fuß in seinen schattenschwarzen Umhang gehüllt, schritt er auf der Straße auf und ab wie ein gefangenes Raubtier. Den Göttern sei Dank, hatte er seine Klinge in der Scheide gelassen, aber sein suchender Blick, der abfällig über die Häuser, Fassaden und Dächer strich, bestätigte mir, dass er wohl nicht ohne Grund hier war. War er mir etwa den ganzen Weg hierher gefolgt?
Bevor er mich entdecken konnte, kroch ich langsam zurück und suchte in dem Deckenhaufen, der meine Schlafstätte war, nach meinem Dolch oder einer anderen Waffe, mit der ich mich verteidigen konnte. Wie die Situation beim letzten Mal ausgegangen war, als ich mich gewehrt hatte, verdrängte ich bewusst, wollte ich doch mein Leben so teuer wie möglich verkaufen.
Das Rauschen eines flatternden Umhangs verriet mir, dass sich der Schwarzgewandete nun daranmachte, auch die Dächer nach mir abzusuchen. Den Dolch konnte ich vergessen, ich musste hier weg und griff in meine Substanz.
Bei den Geistern! Pure Energie strömte durch meinen Körper, nur geringfügig eingeschränkt durch die genähte Wunde auf meinem Oberkörper und die kleinen Stiche, die mir das Glasfenster gestern Nacht beschert hatte. Schlagartig war alle Müdigkeit von mir abgefallen, und der dumpfe Schmerz wurde nebensächlich.
Aber … wie konnte das sein? Es dauerte normalerweise mindestens eine halbe Woche, bis sich meine Magie wieder vollständig erholte, wenn ich sie restlos verbraucht hatte. Nach nur einem einzigen Tag ohne ihre Nutzung war ein derartiger Anstieg von …
Das Geräusch zerteilter Luft, das ich nur dank meiner geschärften Sinne wahrnahm, riss mich aus meinen Überlegungen, und so schnell ich mich in meinem Zustand bewegen konnte, hastete ich zur Seite. Die silberne Klinge schlug Funken, als sie schabend auf dem Dach aufprallte.
Ich versuchte ungeschickt, mich aufzurappeln, aber der steife Verband sowie ein Echo der Schmerzen, das in meinem Geist vibrierte, ließen mich stolpern, sodass ich nun rückwärts vor dem Schwarzgewandeten davonkroch. Mit der Eleganz eines Jägers, der wusste, wie sinnlos es war, vor ihm davonzulaufen, trat er auf mich zu, das Kurzschwert anklagend erhoben.
»Was, bei den Geistern, willst du von mir?«, schrie ich ihn in dem Versuch an, ihn irgendwie in ein Gespräch zu verwickeln und aufhalten zu können. »Ich habe dir nichts getan!«
Der Schwarzgewandete antwortete nicht und hob abermals die Waffe, um mich niederzustrecken. Dieses Mal endgültig.
Ich bezweifelte, dass der Trick von gestern Nacht noch einmal funktionieren würde, versuchte es aber trotzdem und setzte eine kleine Druckwelle frei, die ich frontal auf ihn zuschickte. Aber anscheinend hatte er damit gerechnet, denn er zuckte nur kurz zusammen, als er getroffen wurde, taumelte jedoch nicht zurück. Allerdings hatte ich mich absichtlich auch von dem Druck erfassen lassen und wurde nun in die entgegengesetzte Richtung geschleudert … über die Dachkante hinaus.
Mir blieb nur wenig Zeit, meine Essenzen zu bündeln, denn der Fall war kurz und mein Körper geschwächt. Auf allen vieren kam ich unten auf und atmete einmal tief ein, bevor ich mich aufrichtete und, so schnell mich meine Beine trugen, davonrannte. Mein geschundener Körper reagierte erbost auf die Anstrengungen, die ich von ihm verlangte, trotz der Magie, in die ich griff.
Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass er mich verfolgte. Ich fragte mich nur, warum. Was hatte ich getan, um den Zorn eines so gefährlichen Mannes auf mich zu ziehen?
Es dauerte nicht lange, bis er mich eingeholt hatte. Sein Griff um meine verwundete Schulter war hart und fest, und als ich von ihm heftig zurückgeworfen und auf die Straße geschleudert wurde, tanzten kurz weiße Pünktchen in meinem Blickfeld. Mit aller Kraft verscheuchte ich sie und tauchte tiefer in meine Substanz, richtete mich wieder auf, bevor der Schwarzgewandete reagieren konnte. Mein Körper brodelte vor Magie.
Er war nicht einmal außer Atem, obwohl ich fast einen Block weit gekommen war. Die Menschen, Huren und Bettler, die sich hier herumtrieben, schrien erschrocken auf, als er seine Klinge blankzog und mich ins Visier nahm. Ich begegnete seinem Blick mit Angst, aber standhaft.
»Unwürdig!«, hörte ich ihn zischen, dann griff er an.
Obwohl ich schnellere Reflexe wie üblich hatte und, so rasch ich es vermochte, dem scharfen Silber auswich, spürte ich, wie die Klinge die Haut an meiner Wange einritzte und ein Büschel Haare mitnahm. Ich duckte mich zur Seite weg und machte einen Satz nach vorn, um dem nächsten Hieb ebenfalls auszuweichen. Mit schnellen Schritten lief ich in eine der Seitenstraßen, vielleicht konnte ich ihn ja in dem Gassengewirr abhängen.
