Nacht der Wahrheit - Véronique Olmi - E-Book

Nacht der Wahrheit E-Book

Véronique Olmi

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15,99 €

Beschreibung

Eine junge Mutter und ihr heranwachsender Sohn wohnen in einem Pariser Luxusappartement, direkt am Palais Royal. Doch so riesig die Wohnung ist, sie schlafen zusammen in einer Kammer, denn Liouba Popov ist das Dienstmädchen und Enzo ihr uneheliches Kind. Die beiden sind ganz sich selbst überlassen und doch dauernd unter Druck, denn wenn das ständig verreiste neureiche Besitzerpaar überraschend zurückkommt, muss alles perfekt sein. Dann nennen sie sie »Baba«, weil man sich diese ausländischen Namen ja nicht merken kann, und sind auch zu Enzo, der sich von Nutella ernährt, von herablassender Nettigkeit. Enzo ist einsam und viel zu dick, und Liouba, die Samstagabend immer mal einen Liebhaber mit heimbringt, ist ihre Mutterrolle selbst nicht geheuer. Sie flüchtet sich ins Putzen, er in die Bücher der großen Bibliothek; in dem feinen Lycée, auf das seine Mutter so stolz ist, ist er als Sohn der bonne der gehänselte Außenseiter. Und warum weicht Liouba allen Fragen nach seinem Vater, den russischen Wurzeln der Familie aus? Wohin gehört man überhaupt, wenn man nirgends willkommen ist? Als die Situation eskaliert und Enzo von seinen Mitschülern fast gelyncht wird, ist für beide die Zeit für einen Ausbruch gekommen.

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Seitenzahl: 294

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Véronique Olmi

Nacht der Wahrheit

Roman

Aus dem Französischen vonAlexandra Baisch undClaudia Steinitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

 

»Da war nun etwas zum ersten Male wie ein Stein in die unbestimmte Einsamkeit seiner Träumereien gefallen; es war da; da ließ sich nichts machen; es war Wirklichkeit.«

ROBERT MUSIL

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

»Sieger sein heißt leben.«

GABRIEL CHEVALLIER

Heldenangst

 

 

 

 

 

DIE WOHNUNG WAR SEHR GROSS. Sehr alt. Frisch renoviert. Sie lag mitten im Zentrum von Paris, hinter den Gärten des Palais-Royal, ganz nah bei den Tuilerien. Das Bilderbuchparis zwischen Louvre und Comédie-Française. Ein Muss bei jeder Stadtführung. Es gab Springbrunnen. Cafés mit Terrassen. Buchhandlungen und Parks. Viel Verkehr, denn um die Rue de Rivoli kam man kaum herum, früher oder später musste man dort entlang, sie war eine Lebensader, eine Arterie, das Wort passt, denn in ihr strömte das Blut in einem gleichmäßigen und kraftvollen Rhythmus. Die Busse steckten oft an den Kreuzungen fest, und die Autos rasten bei Rot über die Ampeln.

Pulsierendes Leben.

Aber die große Wohnung war gut gelegen; nie, wirklich nie hörte man hier den Verkehrslärm der Rue de Rivoli. Nicht einmal bei offenem Fenster oder wenn der Wind wehte. Die Wohnung war wie ein Berg über einem Tal. Überragte alles. Unerreichbar für den Lärm und das Geschnatter von unten.

Die Wohnung war in sich geschlossen und sich selbst genug. Sie füllte Lioubas ganzes Leben aus, denn Liouba putzte sie jeden Tag.

 

 

 

 

 

ENZO WAR NIE RECHTZEITIG IN DER SCHULE. Er kam immer zu früh oder zu spät. Nie im richtigen Moment. Nie das richtige Tempo. Einige kamen früher, aber das war in Ordnung, denn sie trödelten. Miteinander. Sobald sie sich sahen, gingen sie aufeinander zu, lächelten schon, grundlos, ein ironisches und fröhliches Lächeln, und dann hoben sie eine Hand, im selben Moment, absolut synchron, und ihre Handflächen schlugen aneinander, ein Pakt der Zusammengehörigkeit. Sie kamen nie zu früh oder zu spät. Sie waren da und waren am richtigen Platz, sie gingen in den Unterricht, ohne darüber nachzudenken.

Enzo fragte sich, ob sie so geboren waren. Entspannt. Zusammen. Alles war auf sie zugeschnitten. Das Collège. Die Lehrer. Die Pausen. Die Kantine. Der Schulhof. Und das war nicht neu. Schon in der Grundschule waren sie zu Hause gewesen. Nichts konnte sie überraschen. Enzo sah ihnen zu wie ein Kind, dem man eine Armbinde mit einer Nummer umgebunden hatte, das aber nie begriffen hatte, wann es aufs Spielfeld laufen sollte. Hatte es ihm jemand gesagt? Gut möglich. Aber er hatte es nicht gehört. Jahrelang hatte er seinen Einsatz verpasst, ohne zu verstehen, weshalb. Natürlich hatte es kurze Freundschaften gegeben, ein paar Fußballspiele mit den anderen, als er in der zweiten Klasse war, auch in der dritten. Er hatte ein, zwei Mal mit Klassenkameraden Lachkrämpfe gehabt, beim Singen zum Beispiel, und er hatte den unmittelbaren und starken natürlichen Schutz der Gruppe gespürt. Die Gruppe konnte alles machen. Sie konnte einen Lehrer aus dem Konzept bringen und fertigmachen. Einen hatte Enzo weinen gesehen. Ein anderer hatte mit Kreide geworfen, ein Lineal zerbrochen und war hinausgerannt. Besiegt und erbärmlich.

Enzo kam lieber zu spät als zu früh. Zu früh da zu sein war oft am schlimmsten. Außer wenn es regnete oder sehr kalt war. An solchen Tagen kamen die Schüler erst zu Unterrichtsbeginn, immer im passenden Tempo, mit angeborenem Zeitgefühl, dann hatten Enzo und sie keine Zeit, sich auf dem Hof über den Weg zu laufen. Und manchmal kam es ihm so vor, als hätten sie ihn vergessen.

Das dauerte nie lange. Bald fiel ihnen wieder ein, dass es ihn gab. Wenn er krank geworden, nicht mehr gekommen, wenn er verschwunden wäre, hätte er ihnen schrecklich gefehlt. Man könnte sogar sagen, dass sie ihm das übel genommen hätten. Dass sie ihm diese Abwesenheit nie verziehen hätten.

Aber das würde nicht passieren.

Liouba legte Wert darauf, dass ihr Sohn an dem angesehenen Collège alles lernte, woran sie sich nicht mehr erinnerte. Dass er Wissen erwarb und die Chance erhielt, dieses Wissen zu nutzen. Außerdem hätte sie es nicht ertragen, wenn er ihr im Weg gestanden hätte, während sie die große Wohnung putzte. Sie war allein in ihrem Reich. Und sie arbeitete unermüdlich.

 

 

 

 

 

AN JENEM TAG HATTE ES VIEL GEREGNET. Wenn es regnete, gab es in den Gärten des Palais-Royal einen kurzen Moment der Poesie, dann wurde der Regen schnell zu viel, die Poesie war dahin, stattdessen Schlamm und trübes Licht, der Abend brach mitten am Nachmittag herein, und nichts hatte mehr Sinn. Das mochte Enzo gern: das Durcheinander. Den Frust, den die anderen verspürten. Wenn es zu viel regnete und er zu Hause war, stellte sich Enzo immer ans Fenster. Eine Erinnerung. Als er klein war, zog ihn Liouba dorthin, das war ihre Theatervorstellung, wie sie sagte, sie drückten die Nasen an die Scheibe und lachten, standen im Trockenen und dicht beieinander, während sie zusahen, wie die anderen klitschnass wurden.

An diesem Tag hatte es viel geregnet, und Enzo hatte sich nicht ans Fenster gestellt. Auf dem Heimweg von der Schule hatte der Regen ihn überrascht, und er war wie die anderen: durchnässt und sauer. Er hinterließ Spuren im Treppenhaus und zog die Schuhe vor der Wohnung aus, noch bevor er den Schlüssel ins Schloss steckte. Als er die Wohnung betrat, hörte er sogleich das Lachen und Geplapper von Liouba und ihren Freundinnen. Sie tranken in der Küche Tee, und Enzo wusste, dass er sie begrüßen musste, weil er Liouba keine Schande machen durfte, denn er war wie eine Erweiterung seiner Mutter, bestimmte ihren Platz in dieser Welt: »Mein Sohn!«, sagte sie immer und hob das Kinn, und niemand hätte gewagt, ihr nicht zu gratulieren, denn »Mein Sohn!« klang wie eine Herausforderung, sie hätte auch sagen können »Mein Werk!« oder »Wer bietet mehr?«, und ihre Freundinnen, die meisten kannten Enzo, seit er geboren war, gratulierten Liouba jedes Mal, als wäre das Kind gerade zur Welt gekommen und sie sähen es zum ersten Mal. Das war wohl auch der Grund, weshalb sie ihn nie nach seiner Meinung zu irgendetwas fragten; sie behandelten ihn, als wäre jeder Dialog unmöglich, als hätte er niemals sprechen gelernt. Sie sagten: »Oh, wie schön dein Sohn ist, Liouba«, und das genügte, Liouba war zufrieden, und Enzo konnte in seinem Zimmer verschwinden.

Es war Freitagabend. Vor ihm lagen zwei Tage ohne Schule. Und wenn es regnete, na wenn schon oder vielmehr umso besser, Enzo würde nicht rausgehen. Er würde in der Wohnung bleiben wie ein krankes Kind. Wie ein Tier in seiner Höhle. Unerreichbar und unsichtbar. Was für ein Hohn, dick und unsichtbar zu sein. Aber warum nicht? Das war gar nicht so schwer; der Junge war überrascht gewesen, als er das zum ersten Mal festgestellt hatte. Es war beim Sportunterricht. Er trug seinen entsetzlich unförmigen schwarzen Trainingsanzug (Aus zwei Gründen zog ihm Liouba immer schwarze Sachen an: Erstens war schwarz, wie sie sagte, »schick«, zweitens machte es schlank.) und die herabgesetzten Turnschuhe von Décathlon, während die anderen eine Gruppe bildeten, hipp und identisch. Nike. Adidas. Nike. Adidas. Adidas. Nike. Ihre Turn schu he waren großartig. Mit mehrschichtigen Sohlen und aero dynamischen Luftkissen, antistatisch und bequem. Sie achteten gar nicht darauf, und Enzo dachte, dass sich seine Mutter irrte: Nicht schwarz war schick, sondern die Gleichgültigkeit. Nike-Schuhe tragen und drauf pfeifen. An dem Tag sollten sie Seil klettern, und Enzo verstand nicht, warum er das lernen sollte, Seil klettern, wann im Leben musste man sich schon an einem Seil hochziehen? Und wo gab es überhaupt Seile? Rennen, springen, schwimmen lernen, das konnte Enzo verstehen, aber Seil klettern? Als er ausgewählt wurde, lachten die anderen und mit gutem Grund. Enzo am Seil, das war ein bisschen wie Gelatine an einer Stange: Sie musste einfach abrutschen, das war von vornherein klar, und er verstand, dass sie darüber lachten, das war lustig, er konnte es nicht leugnen, die Übung und er, das war inkompatibel, schon rein physiologisch, aber der Lehrer hatte ihn ausgewählt, weil es sein Job war, die Schüler auf dem Balken laufen, über ein Pferd springen und das Seil hochklettern zu lassen. Er hatte seine Stoppuhr gedrückt und wartete. Enzo hatte so feuchte Hände, dass das Seil zwischen seinen Handflächen wegrutschte, und an seinen Knöcheln entwand es sich wie ein durchtriebenes Tier, unmöglich, es festzuhalten, seine Füße fuchtelten durch die Luft, und es wich aus, das war wie ein Gag, Enzos Füße, die aneinanderprallten und zuckten, und das Seil, das ihm immer entwischte. Sogar der Lehrer wurde von dem Lachen angesteckt, denn es war offensichtlich, dass auch er nicht mehr Enzo, seinen dicken Körper, seinen unförmigen schwarzen Trainingsanzug anschaute, sondern seine Füße, die eine Steppnummer in der Luft vollführten. Einige Schüler klatschten rhythmisch, einer hatte sein Handy rausgeholt und filmte heimlich, Enzo taten die Arme schrecklich weh, aber alle starrten auf seine Füße, die herumzuckten, als hätte man unter ihnen Feuer gemacht, und da war es passiert, in dieser Hoffnungslosigkeit, dieser Gewissheit, dass er niemals abheben, niemals auch nur einen Zentimeter an diesem Seil hochkommen würde: Sein Geist war entwischt. Enzo war unsichtbar geworden. Vielleicht lag es an der Müdigkeit, an der riesigen Erschöpfung zu wissen, dass es ihm nie gelingen würde, das Seil zwischen die Füße zu klemmen und hochzuklettern, aber plötzlich dachte er an etwas anderes. Plötzlich war er nicht mehr da. Er hatte sich oben gesehen, weit über dem Ende des Seils, weit über der Sporthalle, zwischen zwei namenlosen Galaxien, die ihm eine Sache sagten, eine einzige: Es ist schon vorbei.

Niemals, in keinem der Bücher, die Enzo las (und er las weiß Gott so viel, dass Liouba dachte, sein Dicksein komme auch daher, seine Schlaffheit lasse sich damit erklären, dass er immer auf seinem Hintern saß), in keiner Geschichte hatte er so eine Zauberformel gelesen: »Es ist schon vorbei.« Und er hatte gewusst, dass alle Schüler, die auf dem Sporthallenboden saßen, tot waren. Ihr Lachen vor seinen zuckenden und tanzenden Füßen war uralt und verschwunden, lebte in keiner Erinnerung fort, selbst der Film auf dem Handy hatte weder Realität noch Beständigkeit. Ihr Leben hatte Verspätung. Wie das Licht eines Sterns. Man empfängt es, wenn er schon erloschen ist. Vorbei. Over. Tot. Und wenn es Enzo selbst gelang, diesen Augenblick, seine Scham, seinen Schmerz, die Krämpfe in seinen wirbelnden Füßen zu vergessen, wenn es Enzo gelang, seinen Drang zu weinen und seinen Widerwillen gegen das Collège, die Gruppe, den Sport zu vergessen, wenn es ihm gelang, das alles aus seinem Gedächtnis zu löschen, dann wäre es tatsächlich vorbei. Die Welt würde keine Spur davon bewahren. Es würde niemals stattgefunden haben.

Leider gelang es Enzo niemals ganz und gar. Er konnte diese Sportstunde mit dem Seil niemals völlig vergessen, aber von dieser Stunde, in der er als einziger Schüler hatte arbeiten müssen, behielt er auch zurück, dass es ihm für ein paar Sekunden gelungen war zu entkommen. Und es drängte ihn, diese Erfahrung noch einmal zu machen. Zu sehen, unter welchen Bedingungen sie sich wiederholen ließ. Die Erde aus dem schwarzen Raum zwischen zwei Galaxien zu überragen. Und seine Ruhe zu haben.

Es regnete, und Enzo wollte nur eins: sich mit Nutellabroten und einem Buch von Jack London auf sein Bett setzen. Aber vor Lioubas Freundinnen das Nutellaglas zu holen war, als würde er sie öffentlich beschimpfen, sie als das hinstellen, wovor sie am meisten Angst hatte: als eine schlechte Mutter. Sicher, im Küchenschrank standen Nutellagläser. Natürlich kaufte Liouba diesen »Schweinkram«, wie sie sagte, aber sie besaß die unglaubliche Fähigkeit, ihre Handlungen von ihren Überzeugungen zu lösen, und so konnte sie Enzo die Nutella verbieten, die sie selbst gekauft hatte. Sollte er sie doch heimlich essen, notfalls sogar nachts, sie wollte jedenfalls nichts davon wissen. Das ist ungerecht, sagte sie manchmal, wenn ein kleiner schmächtiger Blondschopf ein Eis isst, stört das niemanden, aber bei dir, Enzo, sobald du reinbeißt, sagt man sich, du hast es darauf angelegt. Ja, es ist ungerecht, das stimmt, aber trotzdem kann niemand etwas anderes denken, man kann es niemandem übel nehmen: Man sieht dich Schokolade essen und ist entsetzt, dabei kannst du gar nichts dafür, jeder mag Schokolade, auch ich mag Schokolade, ich könnte keinen Tag ohne durchhalten, nicht einen Tag. Enzo stimmte ihr zu. Das war richtig. Ein Dicker, der in ein Eis oder ein Nutellabrot beißt, scheint seit seiner Geburt nichts anderes getan zu haben. Ein nach dem Rennen atemloser Dicker ist lächerlich und erbärmlich, aber ein zarter, atemloser Junge, der sich mit verzerrtem Gesicht die Seite hält, ist hübsch, man sieht sofort, dass er gerade einen Rekord gebrochen hat. Das ist natürlich zu seinem Besten, diese Atemlosigkeit ist gesund und förderlich. Bei einem Dicken denkt man doch, er fällt um und ist tot, oder? Er könnte auch umfallen und tot sein mit seinem von Fett umgebenen Herzen, eingehüllt in diese schleimige Masse, eine weiße, feuchte Hand, die versucht, es wie eine Nuss im Nussknacker zu zerdrücken. Enzo hatte Fotos gesehen. Ein Schüler hatte ihm auf seinem Handy das Foto eines »Fettherzen« gezeigt, überzogen von einer gelb lichen Masse wie ranzige Butter. Enzo war gar nicht so dick, nicht so sehr, wie die anderen behaupteten, der Doktor sprach nie von »Fettleibigkeit«, er sagte »Übergewicht, aufpassen, Enzo, Übergewicht«, das war an der Grenze zur Fettleibigkeit, die Enzo ganz sicher nicht überschritten hatte, aber das wollte niemand wissen, also erklärte der Junge niemandem den Unterschied zwischen Übergewicht und Fettleibigkeit, obwohl er wusste, dass er einfach nur schwerer als die anderen war und dass die anderen, wenn sie selbst anfangen würden, nachts Nutella zu essen, sehr schnell genauso wären, und anstatt ein »Fettherz« gezeigt zu bekommen, würde man ihm ein »Herz« zeigen, das er mit Fug und Recht als Liebesbotschaft verstehen könnte.

Noch einmal, man konnte eine Menge mit dieser verdammten Wirklichkeit anstellen, man konnte sie schön reden, wie in den Romanen, und das Schlimmste war, dass sie das in erstaunlichem Maß mit sich machen ließ. Aber die Lust, im Bett zu lesen und dabei Nutella zu essen, während es draußen regnete und zwei Tage ohne Schule vor ihm lagen, diese Lust war eben so wirklich wie übermächtig. Enzo konnte an nichts anderes mehr denken. Er hatte Hunger. Er ging zurück in die Küche. Vom Flur aus hörte er sie. Er mochte sie gern, diese Mädchen, die sich für Prinzessinnen hielten, sobald ihnen Liouba die Tür der großen Wohnung öffnete. Sie trauten sich nicht, etwas anzufassen, nickten andächtig, manchmal flüsterte eine, verdammt, ist das schön, und Liouba presste mit wissender Miene die Lippen aufeinander, nicht nur verdammt, ist das schön, sie war obendrein für das alles verantwortlich: die afghanischen Teppiche, die chinesischen Vasen, das böhmische Kristall, die afrikanischen Figuren, den Lavatisch aus Italien, die ganze Welt in einem einzigen Zimmer, Mädels, das sage ich euch!, und sie musste diese Dinge nur berühren und reiste einmal um die Welt.

Von der Küchentür aus schaute Enzo sie an und fragte sich, wie alt sie waren, die Freundinnen seiner Mutter. Sie waren nicht alt, vielleicht so wie Liouba, die ihn mit siebzehn bekommen hatte und noch »in den Zwanzigern« war, wie sie sagte (sie hatte im November ihren Neunundzwanzigsten gefeiert). Ich bin noch jung genug, um mich zu amüsieren, oder? Nenn mich vor den anderen nicht Maman, Enzo, ich bin noch nicht mal dreißig, mein Gott! Liouba klammerte sich an ihre neunundzwanzig Jahre, als käme unmittelbar danach ein unvermeidlicher Sturz, als würde sie in einem riesigen Netz landen, das sich jedes Jahr etwas mehr zusammenzöge, die Falle der Zeit, die ihr Gesicht, ihren Körper zeichnen würde, dann würde man die ersten Antifaltencremes kaufen müssen, nicht mehr »Mademoiselle« genannt werden und auf die große Liebe verzichten, wer weiß? Und wenn man dann noch ein Kind hat … seufzte Liouba manchmal, die genauso gut die Meinung ändern und verkünden konnte, mit einem Kind sei man wenigstens wer. Manchmal war Enzo ein Plus. Manchmal ein Minus. Manchmal nannte Liouba ihn »mein Schätzchen«, und wenn sie vergessen hatte, Essen zu machen, oder wenn der Kühlschrank leer war, stöhnte sie: Verdammt! Ich habe doch wohl noch ein Recht auf mein Leben, oder? Enzo sah den Zusammenhang nicht. Außerdem freute er sich, wenn sie vergessen hatte zu kochen, denn dann bestellte sie Pizza und erlaubte ihm sogar, Cola zu trinken; so wurde es ein schöner Abend, und sie waren glücklich.

Man wusste nie, worüber Liouba und ihre Freundinnen reden würden. Sie hatten die erstaunliche Fähigkeit, über alles, absolut alles mit derselben Ernsthaftigkeit zu reden. Sie konnten über die Gewerkschaften schimpfen, die sich in die eigene Tasche wirtschafteten, oder über die Apfelpreise: 4,90 Euro pro Kilo, da sind wir uns einig, Mädels, das heißt ein Apfel ein Euro, also fast 7 Francs für einen einzigen Apfel, das stimmt doch, oder? Oder darüber, wie lange ein Nagellack hielt. Sobald sie ein Thema anschnitten, wurde es wichtig. Sobald sie an etwas dachten, lag es ihnen am Herzen. Enzo hatte sie sogar schon über die Qualität von Damenbinden für die Nacht debattieren hören, er hatte sich so, schnell er konnte, verzogen, sein von Fett umhülltes Herz lastete schwer in seiner Brust, und als er ihnen eine Stunde später auf Wiedersehen sagen musste, weil Liouba und die Höflichkeit das verlangten, diskutierten sie über die Polizeipräfektur und die ungerechten Gesetze für Einwanderer. Die Eifrigste von ihnen versprach, den anderen die neuesten Formulare für den biometrischen Pass mitzubringen, was sie nicht daran hinderte, unvermittelt in Begeisterung über den unglaublich schicken Kragen aus künstlichem Kaninchenfell auszubrechen, der die grüne Daunenjacke einer anderen zierte.

An jenem Tag sprachen sie über den Regen, der Tag ging zu Ende, sie hatten sich nicht mehr viel zu erzählen nach zwei Stunden, die sie gemeinsam in der riesigen Küche verbracht hatten, in der sie sich instinktiv in einer kleinen Ecke zusammendrängten, immer derselben, um den abgenutzten Holztisch am Fenster, nie hätten sie sich auf die hohen Lederhocker hinter der Bar aus Carrara-Marmor gesetzt. Sie sprachen über den Regen, und Enzo spürte, dass sie vielleicht auch Lust hätten, im Bett zu lesen und dabei Schokolade zu essen. Der Regen trommelte gegen die Scheibe, sie hielten ihre Becher mit beiden Händen, es tat gut, nichts Wichtigeres im Kopf zu haben als das Wetter, das für alle dasselbe war, ohne Ungerechtigkeit.

Die Küche roch nach getoastetem Brot, der Junge liebte das ebenso wie den Geruch von gebratenen Zwiebeln, wenn er von der Schule kam und Liouba sich für ihn in die Küche gestellt hatte. Die Frauen sahen Enzo mit ruhiger Müdigkeit an, er sagte, er habe seit dem Mittag nichts gegessen, er habe Appetit auf Nutellabrote, und Liouba stieß einen langen Seufzer aus, der überhaupt nicht an ihn gerichtet war, Liouba seufzte immer, wenn er sie im Beisein ihrer Freundinnen um etwas bat, sie liebte es, ihnen zu zeigen, dass man mit einem Kind einfach nie seine Ruhe hatte, keine Minute für sich, keinen Augenblick Pause. Sie sagte Nein. Nichts zwischendurch, wir essen bald, fang nicht wieder damit an, Enzo. Das Kind sah woandershin und biss sich auf die Lippen, manchmal versetzte es Liouba in schlechte Laune, wenn er sie ansah, während sie sprach, irgendetwas in Enzos Anwesenheit verletzte sie zutiefst, und man durfte nicht weiter darauf herumreiten. Er sagte: Schon gut, gut, okay, und starrte dabei auf die schwarzen und weißen Bodenplatten, winkte den Mädchen kurz zu und ging hinaus. Er ist süß, sagte eine Freundin mit betrübter Miene. Ja, antwortete Liouba. Und Enzo machte sich über seine Vorräte her. Er hatte Packungen mit Keksen und Cornflakes unter seinem Bett, was Liouba genau wusste, manchmal warf sie sie weg und schrie ihn dabei an, manchmal schob sie sie mit dem Staubsauger an die Wand, manchmal verdächtigte Enzo sie, sich auch zu bedienen; der Vorrat unter seinem Bett gehörte zu den Dingen, von denen seine Mutter weder wusste, wie sie sie loswerden, noch, was sie davon halten sollte. Natürlich war es schlecht. Aber manchmal verschloss sie die Augen, weil es so ermüdend war, fortwährend ihren Sohn erziehen, ihm alles beibringen zu müssen, absolut alles im Leben, und sie, die noch »in den Zwanzigern« war, wusste doch auch nicht so viel davon. Ich habe nicht für alles eine Antwort, gestand sie manchmal mit Tränen in den Augen, und Enzo nahm sie in den Arm und sagte: Das ist doch nicht schlimm, Maman, und er spürte, wie sich die Schultern seiner Mutter entspannten, sie sagte: Das stimmt, wir pfeifen drauf, und für einen Moment vergaß sie die unmögliche Rolle der guten Mutter. Sie war zwanzig und ein paar Zerquetschte. Mehr nicht.

 

 

 

 

 

UM EINZUSCHLAFEN, dachte Enzo häufig an das, was er gern hatte. Er schlenderte gern am Ufer der Seine entlang. Paris war schön, jeden Tag, bei jedem Licht und zu jeder Uhrzeit. Der Junge stellte sich gern die zigtausend Passanten vor, die schon vor ihm da gewesen waren, und die zigtausend, die nach ihm kommen würden. Er schenkte ihnen die Stadt, sagte, Ich gebe sie Ihnen, ich gebe Ihnen alles, die Île de la Cité, den Pont des Arts, die Académie française, ebenso wie die Hausboote und die Pflastersteine, das moosige Ufer, die Korken und Ölschlieren auf dem dreckigen Wasser, die Hingabe der Trauerweiden und die Schreie der Möwen, die Kirchenglocken, meine Schritte, meinen dicken Hintern, meine hässlichen Härchen unter der Nase, meine schlechten Gedanken, meine schlechten Angewohnheiten, o ja, so viele schlechte Angewohnheiten, und dann auch meine Mutter, da, ich gebe Ihnen auch gleich meine Mutter, bringen Sie sie zum Lachen, gehen Sie mit ihr tanzen, das liebt sie, das macht man in ihrem Alter, und richtig lange, ich wünsche mir, dass sie lange tanzt, dass sie glücklich ist. Wenigstens ein Mal. Dann betrachtete er all die Gebäude, herrschaftliche Wohnhäuser, Büros, die Museen und das Théâtre du Châtelet, und er fragte sich, wann sich je ein Ort für seine Mutter finden würde. Die große Wohnung hatte er nie gemocht. Dass man ständig Danke sagen musste, um dort wohnen zu dürfen, hatte er nicht gemocht, all die Worte, die Liouba unablässig wiederholte: Oh, Dankeschön, wie wunderbar, wie schön das hier alles ist, verd… ähm, also ich meine, wie schön, o ja, hier wird es uns gut gehen, nicht wahr Enzo? Sag doch was, Herrg…, sag wenigstens Danke! Im Leben, dachte Enzo, gibt es diejenigen, die sich bedanken, und diejenigen, die sich für großzügig halten, dabei liegt die eigentliche Großzügigkeit im Bedanken. Danke zu sagen war brav, eine echte Anstrengung. Derjenige zu sein, dem man es sagen musste, dem man alles verdankte, war gar nichts, aber sich wieder und wieder zu bedanken, weil man ansonsten verloren war, ein undankbarer Mensch, ein ungebildeter Dreckskerl war, das fand Enzo so richtig schwierig. Ihm zum Beispiel hatte die große Wohnung nie gefallen, er mochte es nicht, mit seiner Mutter in einem Zimmer zu schlafen, wie sollte er das erklären? Wie sollte er sagen: Danke, aber abends, da schäme ich mich, Sie verstehen schon … meine schlechten Angewohnheiten, danke, aber ich kann mich abends einfach nicht zusammenreißen, jedes Mal schwöre ich mir, es ist das letzte Mal, ich werde niemals, bei Gott, niemals wieder damit anfangen, und dann tue ich es trotzdem, und meine Mutter … Danke … was für ein Beleidigung, wer verzeiht mir diese Beleidigung … Danke. Ihm zum Beispiel, der Paris allen Passanten schenkte, denen von gestern und denen von morgen, dankte keiner, und das war auch gut so, er hasste dieses Wort, häufig hatte er Lust, stattdessen »Scheiße« zu sagen, manchmal brachte ihn das zum Lachen, wenn er es sich vorstellte: O Scheiße, was für eine schöne Wohnung, wirklich Scheiße, neben meiner schlafenden Mutter zu masturbieren ist wirklich zu viel, finden Sie nicht, auf jeden Fall nochmals Scheiße, tausendmal Scheiße! Und sie, wenn sie samstagabends vom Tanzen nach Hause kam, das war auch nicht besser, die Schuhe in der Hand, ganz leise, mit ihrem schlechten Atem von schlechten Cocktails beugte sie sich über ihn, und er hörte, wie sie ganz leise »Er schläft« sagte, und bemühte sich, in den Bauch zu atmen, in seinen großen Bauch, locker zu bleiben und weder Lider noch Lippen zu bewegen, und er hörte, wie behutsam, wie bedacht sie, die stundenlang getrunken und getanzt hatte, die Schuhe abstellte und ihre Bettdecke mitnahm, um sie im großen kosmopolitischen Wohnzimmer auszubreiten, wo ein Typ auf sie wartete, der in der Morgendämmerung wieder verschwand. Der Junge blieb allein im Zimmer, doch es kam nicht infrage, die Situation auszunutzen, o nein, diese Nächte mochte er nicht, er hatte Angst, dass jemand seiner Mutter etwas antat, die niemandem misstraute und ihr kleines, raues Lachen ausstieß, sobald einer sie »Süße« oder »meine Schöne« nannte. Sogar der Käsehändler konnte sie zum Erröten bringen, sie schien geradezu auf ein schmeichelhaftes Wort zu warten und war immer bereit, es zu glauben, doch es war ein bodenloser Schlund, nie gab es genug, sie erwartete zu viel von zu vielen, und wie sollte man sich nicht unablässig verletzt fühlen, wenn einen schon die Gleichgültigkeit eines einfachen Verkäufers schmerzte?

Enzo schlenderte gern an den Ufern der Seine entlang, in der Nähe der Angler, die nichts angelten, und er dachte an den Kummer, den Liouba an dem Tag empfunden hatte, als er einmal beim Heimgehen so tat, als würde er sie auf der Straße nicht sehen, während er neben Charles herlief, einem Klassenkameraden aus der Grundschule, der sitzen geblieben war und dem er erklärte, wie es auf dem Col lège so lief und wie man es dort angehen musste: Das ist fast wie beim Studium, nie der gleiche Stundenplan, acht verschiedene Lehrer, da musst du super organisiert sein, ich helfe dir da nächstes Jahr, Kumpel, verlass dich auf mich, ich lasse dich nicht hängen, mein Bruder. Enzo wusste, dass er mächtig auftrug, und Charles wusste das auch, es war ein Moment der Übertreibung, aber warum nicht daran glauben, Enzo hätte sonstwas getan, um egal welchen Freund gegen egal welche Windmühle zu verteidigen. Und seine Mutter auf dem gegenüberliegenden Gehsteig mit ihrer blauen Schminke, ihrer eng anliegenden Hose mit Leopardenmuster, den zu blonden Haaren und ihrer falschen Vuittontasche, eine Katastrophe, wie sie ihn in diesem Moment anwiderte! Wenn sie wenigstens erlaubt hätte, dass er öfter »Maman« zu ihr sagte, dann hätte sie sich niemals so geschmacklos angezogen, wenn sie einfach nur verstanden hätte, dass sie niemals mit den Frauen des Viertels mithalten konnte, mit dem I. Arrondissement, dem ersten, maman! Das ist piekfein! War sie denn blind? Verschloss sie in den Arkaden des Palais-Royal die Augen vor den Boutiquen von Stella McCartney und Shiseido? Sie kaufte ihr Baguette und ihre Zigaretten in der Rue du Faubourg Saint-Honoré und hatte immer noch nichts begriffen, nichts gelernt? Wortlos war sie über die Straße gegangen, die Kränkung traf sie mitten ins Herz, aber sie verzog keine Miene, sie, die ihrem Sohn eine Ohrfeige hätte verpassen können und müssen, die ihn am Ohr packen und nach Hause hätte zerren sollen, hatte einfach nur die Schultern gestrafft und ihre falsche Vuittontasche an sich gepresst, wie man ein Gewehr an sich presst, und als der Junge zu Hause war, hatte sie auch nichts gesagt, hatte sich nicht die geringste Wut anmerken lassen, im Gegenteil, sie hatte ihn noch mehr als sonst angelächelt, ein sanftes, ruhiges Lächeln, das Enzo nicht an ihr kannte, und als sie ihm beim Essen zuschaute, hatte sie kleine nickende Bewegungen gemacht, die allem, was er tat, zuzustimmen schienen, und er hatte sich unwohl gefühlt. Sie schaute ihn nicht so an, als säßen sie nur wenige Zentimeter voneinander entfernt an dem kleinen, abgenutzten Holztisch in der riesigen Küche, nein, sie schaute ihn an wie ein Nippes, das sie auf ein Regal gestellt hatte, wie ein Gemälde, das sie an die Wand gehängt hatte und dessen ästhetische Wirkung sie jetzt abschätzte. Sie war losgelöst von ihm. Das war das erste Mal. Und für Enzo war es die schlimmste Bestrafung überhaupt.

Ja, um einzuschlafen, musste Enzo an das denken, was er gern hatte, ganz verbissen daran denken, als klammerte er sich an den Rand der Nacht. Machten das alle so? War die Nacht für alle dieselbe? Noch nie hatte er jemanden von einem Schrecken erzählen hören, der seinem ähnelte. Seine Ängste glichen nicht denen der anderen, die gewöhnliche und übertragbare Ängste waren, manche sagten: Niemals dreizehn bei Tisch, das habe ich von meiner Großmutter; mein Vater hat immer gesagt, ich soll mich bei Rothaarigen vorsehen. Es gab auch die Albträume von dunklen Gässchen und Zügen, die nicht abfuhren. Phobien vor Schlangen oder Menschenmengen. Das war der Gipfel ihres Grauens. Keiner schien dieselben Ängste wie Enzo zu haben. Niemand erzählte von seinen Nächten, wie er davon hätte erzählen können, und nach dem Aufwachen fragte man ihn, ob er gut geschlafen habe. Ihm wäre es lieber gewesen, man hätte ihn gefragt, von wo er zurückkomme.

Die Lehrer fragten: Hast du deinen Kopf im Bad vergessen? Bist du mit dem falschen Fuß aufgestanden? Die Art Fragen, die das Kind gerne gezeichnet hätte, denn wenn man den Lehrern gezeigt hätte, was sie da sagten, wäre ihnen vielleicht bewusst geworden, dass es völliger Schwachsinn war. Schwachsinn ohne Schnörkel, ohne Schlacke, Schwachsinn im Reinzustand. Nein, Enzo vergaß seinen Kopf nicht im Bad. Enzo hatte weder schöne Träume noch Albträume. Nachts hatte Enzo einen schwebenden Körper, zu empfindsam, einen verzehnfachten Geist … Wie sollte er das erklären? Die Nacht flüsterte dem Jungen unsichtbare Dinge zu, wie ein Atmen, er spürte es, geradezu greifbar und fließend, wie eine kleine Wolke. Wem hätte er das sagen können: Nachts atmet es, und das macht Angst.

Das Problem war nicht, dass es atmete. Das Problem war: Warum machte das Angst? Warum war es nicht vielmehr beruhigend? Es hatte in der großen Wohnung angefangen. Davor war das Kind lesend im Bett eingeschlafen, und seine Ängste hatten darin bestanden, zur Schule zu gehen, sein Gedicht nicht mehr auswendig zu können oder nicht zu wissen, wie lange Liouba und er bleiben würden. Seit seiner Geburt war er sechsmal umgezogen, hatte viermal die Schule gewechselt und sah sich selbst oft wie eine Schnecke: dick, langsam, das Haus auf dem Rücken (ein paar Bücher, Klamotten, Schulsachen, das war es schon). In einer Klasse war er immer derjenige, der dazukam: So, hier haben wir einen Neuen, Enzo Popov, es wird nicht gelacht, Enzo Popov, den setzen wir … den setzen wir … ach, das sehen wir später. Er war immer »der Neue« in Klassenräumen, die einander glichen. Die Wände waren hoch, die Fenster klein, die Lehrer hatten »auch hinten Augen« und mochten es nicht, wenn »einer den Oberschlauen spielt«. Die Schüler bildeten Dreier- oder Vierergruppen, je nach Zuneigung, außer wenn Enzo dazukam, dann formten sie eine einzige Gruppe, eine vereinte Klasse. Gegen ihn. Das Kind verstand es gut: Ein Dicker, der Enzo Popov heißt, das bringt einen sofort zum Lachen, ein Lachen wie die Angst, unmittelbar und ansteckend, man weiß nicht, warum, doch seit jeher und für alle Generationen ist ein Dicker, der Popov heißt, einfach zum Totlachen.

In der großen Wohnung schlief Enzo dicht neben Liouba, deren Bett so nah bei seinem stand, dass sie ihm häufig eine Ohrfeige verpasste, wenn sie sich umdrehte (und sie drehte sich weiß Gott viel um, schnellte hoch, ließ die Beine baumeln, knurrte, fast wie eine junge Giraffe im Käfig). Sie hörte nichts, der Atem der Nacht schien sie nicht zu streifen, umrundete ihr Bett und flüsterte geradewegs ihrem Sohn ins Ohr. Hätte er so um sich getreten und geschlagen wie seine Mutter, hätte dieser Atem vielleicht auch ihn gemieden. Aber das zu dicke, zu unbewegliche Kind, das versuchte, an das zu denken, was es gern hatte, war ein perfektes Ziel, irgendwas in seinem Aussehen lud ein, sich niederzulassen, dieser Bauch, der aus dem Pyjama quoll, der dicke Hals, die Spanferkelschenkel; bestimmt sagte sich der Atem der Nacht: Sieh an, es könnte mir doch ganz gut gefallen auf dieser Insel, auf diesem Babywal, dieser Düne … Konnte man Enzo mit der Natur verwechseln, sah er so aus wie dem Wasser entstiegen, wonach sah er aus? Wonach sehe ich aus?, fragte er sich oft, ohne dabei in einen Spiegel zu sehen, sondern indem er sich abtastete, wenn er ausgestreckt dalag, denn so, dachte er, ähnelte er sich am meisten, ausgebreitet auf dem Boden. Nie würde er der Junge sein, der sich beschämt, indem er sich nackt im Spiegel betrachtet. Enzo wollte nicht sein Feind sein. Er wollte den Tag, die Nacht, die Angst und Liouba lieben und auch sich, wenn das möglich wäre.

 

 

 

 

 

AN DIESEM WOCHENENDE regnete es nicht zwei Tage lang. Der Junge wachte am Samstag auf, einen Sonnenstrahl auf der Wange wie eine schüchterne Liebkosung. Der Junge blieb noch ein bisschen im Bett, wartete, dass es wärmer wurde, doch es war Anfang April, und die Sonne stand noch nicht so hoch, also sagte er sich: Auf geht’s, kleiner Mann, und darüber musste er lachen, denn wer hätte ihm schon im 21. Jahrhundert sagen können »Auf geht’s, kleiner Mann«? Und doch hätte es ihm sehr gefallen, hätte man ihn manchmal so angesprochen, mit dieser ruhigen Autorität, deshalb hatte er einen ganzen Vorrat von dem, was er historische Gebote nannte, die er aus Büchern herauspickte und an sich selbst richtete: Sei nicht undankbar! Tritt näher, mein Kind; du bist jetzt alt genug, das zu verstehen, junger Mann. Manchmal lachte er darüber, denn das war ebenso liebevoll wie lächerlich.

Ein kalter Luftzug wehte durch die Wohnung, und Enzo wusste, dass Liouba die Fenster im Wohnzimmer putzte, schon zum zweiten Mal diese Woche. Sie tat es mit solcher Inbrunst, dass er immer Angst hatte, sie könnte fallen, wenn er sah, wie weit sie den Oberkörper zu den Ästen des Kastanienbaums hinausbeugte, er konnte die Versuchung verstehen, sich in die Äste des Baumes zu stürzen, komme, was wolle. Der Junge betrachtete seine Mutter von der Türschwelle aus, sie trug ein einfaches T-Shirt, er zitterte, so frisch war der Wind von draußen, doch sie war schweißnass, wie immer, wenn sie putzte, stets hätte man meinen können, ihr Leben stehe auf dem Spiel, sie kämpfe gegen die Gegenstände, und sie schwitzte, wie ein Sportler schwitzt. Ohne diesen Kampf hätte sie vielleicht niemals die Kraft gefunden, jeden Morgen aufzustehen, um ihre acht Stunden zu machen. Denn sie machte ihre acht Stunden. Warum? Enzo hatte sie gefragt: Sie sind doch nicht da, warum putzt du dann jede Woche fünfunddreißig Stunden? Er rechnete mit einer Antwort wie: Weil ich dafür bezahlt werde, oder: Ich erfülle meinen Vertrag, etwas in der Richtung, was absolut zu Lioubas Ehrgefühl passte, doch sie hatte entsetzt die Augen aufgerissen und gemurmelt: Weil sie zurückkommen könnten, und das war Enzo nie in den Sinn gekommen. Er dachte, dass sich seine Mutter nur deshalb in Endlosschleife bedankt hatte, als sie diesen Job bekommen hatte (sie sagte, »als man mir diese Stelle angeboten hat«), weil er ihnen einen Unterschlupf verschaffte. Dafür, dass sie für abwesende Herrschaften putzte, lebte sie mit ihrem Sohn in einer großen Wohnung in einer vornehmen Gegend. Aber in Wahrheit hatte sie Angst vor ihnen. Wenn sie die WC-Brille reinigte, wenn sie die Fenster putzte, hatte sie Angst vor ihnen. Wenn sie ihren Tag anfing, wenn sie ihre Pause machte, hatte sie Angst vor ihnen. Sie kämpfte nicht gegen die Gegenstände, sie verspürte nicht die Verlockung, sich in die Äste des