Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

Nacht über den Wassern E-Book

Ken Follett  

4.5 (90)

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Nacht über den Wassern - Ken Follett

Im September 1939, wenige Tage nach Kriegsausbruch, startet der legendäre Pan-American-Flying-Clipper, ein gigantisches Flugboot, von Southampton aus zu einem letzten Flug über den Atlantik. An Bord der Maschine befinden sich 40 Menschen. Jeder von ihnen hat seinen Grund, die alte Welt zu verlassen. Und jeder steht vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens. Doch nur einer kennt die drohende Gefahr, die über den Wassern lauert.

Meinungen über das E-Book Nacht über den Wassern - Ken Follett

E-Book-Leseprobe Nacht über den Wassern - Ken Follett

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Anmerkung

Nacht über den Wassern

KENFOLLETT

Nacht über den Wassern

Aus dem Englischen vonGabriele Conrad und Lore Straßl

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der englischen Originalausgabe: NIGHT OVER WATER

© 1991 by Ken Follett

© für die deutschsprachige Ausgabe by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Agilmedien, Köln

Titelbild: Paul LeClaire

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-0351-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Meiner lieben Schwester Hannah

Im Sommer 1939 eröffnete Pan American die erste Passagierfluglinie zwischen den USA und Europa. Doch die neue Flugverbindung sollte nicht lange währen: Sie wurde eingestellt, als Hitler in Polen einrückte.

Dieser Roman ist die Geschichte eines der letzten Flüge des Pan-American-Clippers einige Tage nach der Kriegserklärung. Die Ereignisse dieses Fluges, die Passagiere und die Crew sind frei erfunden. Das Flugzeug selbst jedoch hat es wirklich gegeben.

ES WAR DAS romantischste Flugzeug, das man je gebaut hatte.

An dem Tag, als der Krieg erklärt wurde, stand Tom Luther um zwölf Uhr dreißig im Hafen von Southampton; er spähte zum Himmel und wartete ungeduldig und unruhig auf das Flugzeug. Immer wieder summte er ein paar Takte aus dem ersten Satz von Beethovens c-Moll-Konzert vor sich hin, eine mitreißende Melodie – so passend kriegerisch.

Eine Menge Schaulustiger hatte sich ringsum eingefunden: Flugzeugbegeisterte mit Feldstechern, kleine Jungen und viele, die einfach neugierig waren. Es war jetzt bereits das neunte Mal, dass der Pan-American-Clipper in der Bucht von Southampton landete, aber der Reiz des Neuen hielt immer noch an. Das Langstreckenflugzeug war so faszinierend, so aufregend, dass die Leute sogar an dem Tag herbeiströmten, an dem ihr Vaterland in den Krieg eintrat. Am Pier schaukelten zwei prächtige Ozeanriesen im Wasser, die hoch über der Menge aufragten, aber kaum einer beachtete die schwimmenden Hotels. Alle starrten gebannt zum Himmel.

Nichtsdestotrotz unterhielt man sich – mit diesem feinen britischen Akzent – über den Krieg. Die Kinder waren in ihrer Abenteuerlust begeistert davon; die Männer redeten mit gesenkter Stimme sachverständig über Panzer und Artillerie; die Frauen machten verbissene Gesichter. Luther war Amerikaner, und er hoffte, sein Land würde sich aus dem Krieg heraushalten: Amerika hatte nichts damit zu tun. Außerdem konnte man den Nazis immerhin zugute halten, dass sie den Kommunismus bekämpften.

Luther war Geschäftsmann; er stellte Wollstoffe her und hatte einmal in seiner Fabrik eine Menge Schwierigkeiten mit den Roten gehabt. Er war ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert gewesen, und sie hatten ihn fast in den Ruin getrieben. Die Sache verbitterte ihn immer noch. Die jüdische Konkurrenz hatte das Herrenbekleidungsgeschäft seines Vaters unrentabel gemacht, und dann war Luthers Wollstoffbetrieb durch die Machenschaften der Kommunisten gefährdet gewesen – von denen die meisten wiederum Juden waren! Doch das änderte sich alles, als er Ray Patriarca kennen lernte. Patriarcas Leute wussten, was man mit Kommunisten machte. Es kam zu Unfällen. Die Hand eines Hitzkopfs verfing sich in einer Webmaschine. Ein Betriebsrat kam bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben. Zwei Arbeiter, die sich über Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften beschwert hatten, gerieten in eine Prügelei in einer Kneipe und fanden sich im Krankenhaus wieder. Eine Quertreiberin gab ihren Prozess gegen die Firma auf, nachdem ihr Haus abgebrannt war. Das Ganze hatte nur ein paar Wochen gedauert, aber von da an kam es zu keinen Unruhen mehr. Patriarca war sich in einem mit Hitler einig: Kommunisten mussten wie Ungeziefer zertreten werden. Luther stampfte unwillkürlich mit dem Fuß auf und summte Beethovens c-Moll-Konzert weiter.

Ein Boot überquerte vom Imperial-Airways-Flugbootpier aus die trichterförmige Flussmündung bei Hythe und fuhr mehrmals die Wasserungsstelle ab, um sicherzugehen, dass kein Treibgut auf dem Wasser schwamm.

Aufgeregtes Gemurmel wurde unter den Schaulustigen laut: Das Flugzeug musste nun jeden Augenblick kommen.

Ein kleiner Junge, dessen dünne Beine in riesig anmutenden, neuen Stiefeln steckten, war der Erste, der es sah. Er hatte kein Fernglas, aber die Augen des Elfjährigen waren schärfer als jede Linse. »Es kommt!«, rief er mit schriller Stimme. »Der Clipper kommt!« Er deutete nach Südwesten. Alle spähten in diese Richtung. Zunächst konnte Luther nur ein unscharfes Gebilde erkennen – es hätte ein Vogel sein können, doch schon bald nahmen die Umrisse Kontur an, und eine Woge der Aufregung ging durch die Menge, als ersichtlich wurde, dass der Junge Recht hatte.

Alle nannten das Flugzeug nur den Clipper, aber genauer gesagt war es eine Boeing 314. Pan American hatte Boeing damit beauftragt, ein Flugzeug zu bauen, das Passagieren bei einem Flug über den Atlantik allen nur denkbaren Luxus bieten konnte. Das Ergebnis war sensationell: gewaltig, majestätisch, mit unglaublich starken Motoren – ein wahres Traumflugzeug. Die Fluggesellschaft hatte sechs dieser fliegenden Paläste abgenommen und sechs weitere in Auftrag gegeben. Was Komfort und Eleganz betraf, standen sie den Ozeandampfern, die in Southampton anlegten, in nichts nach, nur brauchten die Schiffe vier bis fünf Tage, um den Atlantik zu überqueren, der Clipper dagegen lediglich vierundzwanzig bis dreißig Stunden.

Luther fand, dass das näher kommende Flugzeug wie ein geflügelter Wal aussah. Wie ein Wal hatte es eine große stumpfe Schnauze, einen wuchtigen Körper, der sich nach hinten verjüngte und in steil aufsteigenden Schwanzflossen endete. Die gewaltigen Motoren waren in den Tragflächen untergebracht. Und unterhalb der Tragflächen befanden sich zwei weitere Tragflächen, die an ein Paar Flossenstummel erinnerten und dazu dienten, das Flugzeug bei der Landung im Wasser zu stabilisieren. Außerdem war die Unterseite des Rumpfes mit einer Art Kiel versehen.

Bald konnte Luther auch die zwei unregelmäßigen Reihen großer rechteckiger Fenster des oberen und unteren Decks sehen. Er war vor genau einer Woche mit dem Clipper nach England gekommen, deshalb wusste er, wie er innen aussah. Auf dem oberen Deck befanden sich das Cockpit, alle technischen Anlagen und der Frachtraum, während das untere Deck ausschließlich für die Passagiere bestimmt war. Statt Sitzreihen hatte das Passagierdeck mehrere Abteile, Lounges mit Schlafsesseln. Zu den Mahlzeiten wurde die Hauptlounge zum Speiseraum, und nachts verwandelte man die Schlafsessel in Betten.

Alles wurde getan, um die Fluggäste von der Welt und dem Wetter draußen abzuschirmen. Es gab dicke Teppiche, gedämpftes Licht, Samtvorhänge, geschmackvolle Farben und weiche Polsterung. Durch die ausgezeichnete Schalldämpfung war das Dröhnen der riesigen Motoren nur als ein fernes, sanftes Brummen zu hören. Der Flugkapitän strahlte Souveränität aus, die Besatzung war freundlich und adrett in ihrer Pan-American-Uniform, die Stewards zuvorkommend und aufmerksam; es gab stets zu essen und zu trinken, und jeder Wunsch wurde einem von den Augen abgelesen wie in einem Märchen: geschlossene Vorhänge zur Schlafenszeit, frische Erdbeeren zum Frühstück. Die Welt außerhalb des Flugzeugs erschien zunehmend unwirklich – wie ein Film, der auf die Fenster projiziert wurde –, während das Innere des Flugzeugs einem wie ein eigenes Universum vorkam.

Solcher Komfort war nicht billig. Der Hin- und Rückflug kostete 675 Dollar, für das Doppelte konnte man schon ein Häuschen kaufen. Doch für die Passagiere – meist Aristokraten, Filmstars, Vorsitzende großer Konzerne oder Präsidenten kleiner Länder – spielte Geld keine Rolle.

Tom Luther gehörte zu keiner dieser Kategorien. Er war reich, aber er hatte sich sein Geld sauer verdient und hätte es normalerweise nicht für solch eine Luxusreise verschwendet. Doch es war erforderlich, dass er sich ein genaues Bild des Flugzeugs machte. Er hatte einen gefährlichen Job übernommen – für einen mächtigen Mann. Einen sehr mächtigen Mann sogar. Bezahlt würde er für seine Arbeit nicht werden, aber bei einem solchen Mann einen Gefallen gutzuhaben war mehr wert als Geld.

Vielleicht wurde die Sache auch abgeblasen. Luther wartete noch immer auf eine Nachricht mit dem endgültigen Okay. Seine Gefühle waren gemischt. Einerseits wollte er die Sache so schnell wie möglich in Angriff nehmen; dann wiederum hoffte er, dass es nicht dazu käme.

Das Flugzeug neigte sich in einem schrägen Winkel, den Schwanz tiefer als die Nase. Inzwischen war es schon sehr nahe, und wieder war Luther beeindruckt von seiner enormen Größe. Er wusste, dass der Clipper dreiunddreißig Meter lang war und eine Spannweite von fünfundvierzig Metern hatte, doch das waren nur Zahlen – bis man das gottverdammte Ding dann in seinem ganzen Ausmaß vor sich in der Luft sah.

Plötzlich hatte es den Anschein, als würde das Flugzeug nicht mehr fliegen, sondern jeden Moment wie ein Stein vom Himmel fallen und auf den Meeresgrund sinken. Einen atemberaubenden Augenblick lang hing es unmittelbar über der See wie an einem unsichtbaren Strick. Schließlich berührte es das Wasser, hüpfte über die Oberfläche und platschte durch die Wellenkämme wie ein Stein, den man flach über das Wasser wirft. Einen Moment später stieß der Rumpf ins Wasser, und Gischt sprühte explosionsartig auf, dem Rauch einer Bombe gleich.

Der Clipper durchschnitt die Oberfläche wie ein Pfeil, pflügte eine weiße Furche in das Grün und schickte zu beiden Seiten Fontänen von Schaum in die Luft; Luther musste unwillkürlich an eine Wildente denken, die mit gespreizten Flügeln und angezogenen Füßen auf einem See aufsetzt. Der Flugzeugrumpf sank tiefer, und die segelförmigen Gischtschleier, die links und rechts hochschossen, wurden größer, dann begann er, sich nach vorn zu neigen. Gischt spritzte auf, während das Flugzeug sich gerade legte und der Rest seines gigantischen Walbauchrumpfes ins Wasser tauchte. Schließlich hatte es auch die Nase unten. Seine Geschwindigkeit verringerte sich plötzlich, die sprühenden Fontänen fielen zu schäumenden Wogen zusammen, und das Flugzeug fuhr durch das Meer wie ein Schiff, was es ja auch war, so ruhig und sicher, als hätte es nie gewagt, nach dem Himmel zu greifen.

Luther bemerkte, dass er unwillkürlich den Atem angehalten hatte, nun stieß er ihn in einem langen, erleichterten Seufzer aus und fing wieder zu summen an. Der Clipper schwamm auf den Anlegeplatz zu. Vor einer Woche war Luther hier von Bord gegangen. Der Anlegeplatz war ein Spezialfloß mit zwei Piers. In wenigen Minuten würden Taue an den Vorrichtungen am vorderen und hinteren Teil des Flugzeugs befestigt, um es mit einer Winde mit dem Heck voran zu seinem Anlegeplatz zwischen den Piers zu ziehen. Dann konnten die Fluggäste aussteigen – auf die breite Oberfläche des Flossenstummels, von dort auf das Floß und dann die Gangway hinauf, die an Land führte.

Luther drehte sich um und zuckte zusammen. Unmittelbar neben ihm stand jemand, den er zuvor nicht bemerkt hatte: ein Mann von etwa seiner Größe. Er trug einen dunkelgrauen Straßenanzug und einen Bowler und wirkte wie ein Angestellter auf dem Weg ins Büro. Luther wollte schon weitergehen, hielt dann jedoch inne, um den Mann eingehender zu mustern. Das Gesicht unter der »Melone« war nicht das eines Angestellten. Der Mann hatte eine hohe Stirn, tiefblaue Augen, ein ausgeprägtes Kinn und einen schmalen, brutalen Mund. Er war älter als Luther, etwa vierzig, aber breitschultrig und offenbar in bester Form. Er sah gut aus und wirkte gefährlich. Er starrte geradewegs in Luthers Augen.

Luther hörte auf zu summen.

»Ich bin Henry Faber«, sagte der Fremde.

»Tom Luther.«

»Ich habe eine Nachricht für Sie.«

Luthers Herz setzte einen Schlag aus. Er versuchte, seine Aufregung zu verbergen, und erwiderte ebenso kurz angebunden wie der andere: »Gut. Reden Sie.«

»Der Mann, an dem Sie interessiert sind, wird den Clipper nehmen, der am Mittwoch nach New York fliegt.«

»Sind Sie sicher?«

Der Mann antwortete lediglich mit einem durchdringenden Blick.

Luther nickte grimmig. Also doch. Zumindest war damit die quälende Ungewissheit zu Ende. »Danke«, sagte er.

»Das ist noch nicht alles.«

»Ich höre.«

»Der zweite Teil der Nachricht lautet: ›Enttäuschen Sie uns nicht.‹«

Luther holte tief Atem. »Richten Sie denen aus, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen«, sagte er mit mehr Zuversicht, als er wirklich empfand. »Der Bursche verlässt Southampton vielleicht, aber er wird nie in New York ankommen.«

Imperial Airways hatte eine Flugbootwartungsanlage auf der anderen Seite der Flussmündung, dem Hafen gegenüber. Mechaniker der Imperial führten die Wartung unter der Aufsicht des jeweiligen Flugingenieurs von Pan American durch. Diesmal überwachte Eddie Deakin die Vorbereitungen für den nächsten Flug.

Es war eine sehr aufwendige Arbeit, aber die Männer hatten drei Tage Zeit. Nachdem die Passagiere am Anlegeplatz 108 ausgestiegen waren, glitt der Clipper hinüber nach Hythe. Dort wurde er im Wasser auf ein Gestell mit Rädern manövriert, mit einer Winde eine Helling hochbefördert und schließlich in den riesigen grünen Hangar geschleppt – ein Anblick, der an einen Wal auf einem Kinderwägelchen denken ließ.

Der Transatlantikflug verlangte den Motoren viel ab. Auf dem längsten Streckenabschnitt, von Neufundland bis Irland, befand das Flugzeug sich neun Stunden in der Luft (und auf dem Rückflug brauchte es – wegen des Gegenwinds – für die gleiche Strecke sechzehneinhalb Stunden). Stunde um Stunde floss unentwegt der Treibstoff, die Kerzen zündeten, die Kolben in den Vierzehnzylindermotoren stampften unermüdlich, und die Viereinhalbmeterpropeller schnitten durch Wolken, Regen und Sturm.

Für Eddie war das der Zauber der Technik. Es war wie ein Wunder und kaum zu glauben, dass der Mensch Maschinen herzustellen vermochte, die Stunden um Stunden präzise funktionierten. Es gab so vieles, was hätte versagen können, so viele bewegliche Teile, die mit größter Präzision hergestellt und exakt zusammengefügt werden mussten, damit sie nicht brachen, sich nicht lösten, blockierten oder ganz einfach nur abnutzten, während sie ein Flugzeug von einundvierzig Tonnen über Tausende von Kilometern trugen.

Am Mittwochmorgen würde der Clipper für einen neuen Transatlantikflug bereitstehen.

DER TAG, AN dem der Krieg ausbrach, war ein schöner Spätsommersonntag, mild und sonnig.

Ein paar Minuten, bevor die Nachricht im Radio gemeldet wurde, stand Margaret Oxenford vor dem herrschaftlichen Ziegelbau, dem Wohnsitz ihrer Familie. Mantel und Hut waren bei dem sommerlichen Wetter fast zu warm, und überdies kochte sie innerlich vor Wut, weil sie zur Messe gehen musste. Die einsame Glocke im Turm der Kirche auf der anderen Seite des Ortes erklang in monotonem Geläute.

Margaret hasste den Kirchgang, aber ihr Vater bestand darauf, dass sie am Gottesdienst teilnahm, obwohl sie bereits neunzehn war und alt genug, eine eigene Meinung über Religion zu haben. Vor einem Jahr hatte sie den Mut gefasst, ihm zu sagen, dass sie nicht mehr gehen wollte, aber er hatte sich geweigert, sie auch nur anzuhören. »Findest du nicht, dass es Heuchelei ist, wenn ich in die Kirche gehe, ohne an Gott zu glauben?«, hatte Margaret gefragt, und ihr Vater hatte geantwortet: »Mach dich nicht lächerlich.« Niedergeschlagen und zornig hatte sie ihrer Mutter erklärt, dass sie nie wieder in die Kirche gehen würde, wenn sie erst volljährig war. Mutters Erwiderung war gewesen: »Darüber wird dein zukünftiger Mann entscheiden, Liebes.« Soweit es ihre Eltern betraf, war der Streitpunkt damit erledigt; aber Margaret hatte seither jeden Sonntag vor Wut gekocht.

Ihre Schwester und ihr Bruder traten aus dem Haus. Elizabeth war einundzwanzig, ein großes, plumpes und nicht sonderlich hübsches Mädchen. Früher einmal waren die beiden Schwestern sehr vertraut miteinander gewesen. Als Kinder und Halbwüchsige waren sie ständig zusammen, denn sie besuchten nie eine Schule, sondern hatten eine ziemlich willkürliche Erziehung durch Gouvernanten und Hauslehrer genossen. Stets hatten sie sich gegenseitig ihre Geheimnisse anvertraut. Doch dann war eine Entfremdung eingetreten. In den letzten Jahren war Elizabeth ganz auf die starren traditionsgebundenen Ansichten ihrer Eltern eingeschwenkt. Sie war extrem konservativ, leidenschaftlich royalistisch, blind gegenüber neuen Ideen, und sie hasste jede Veränderung. Margaret hatte die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Sie war Feministin und Sozialistin und interessierte sich für Jazz und Kubismus. Elizabeth warf Margaret vor, dass sie mit ihren radikalen Ideen Verrat an der eigenen Familie übe. Margaret ärgerte sich über die Borniertheit ihrer Schwester, aber es betrübte sie auch, dass sie keine Freundinnen mehr waren. Sie hatte nicht viele richtige Freundinnen.

Percy war vierzehn. Er war weder für noch gegen radikale Ideen, aber ein aufgeweckter Junge, und er sympathisierte mit Margarets rebellischem Wesen. Da sie beide unter der Tyrannei ihres Vaters litten, unterstützten sie einander voll Mitgefühl, und Margaret liebte ihren kleinen Bruder sehr.

Einen Augenblick später kamen die Eltern heraus. Vater trug eine grässliche orangegrüne Krawatte. Er war nahezu farbenblind, aber wahrscheinlich hatte Mutter sie ihm gekauft. Mutter hatte rotes Haar, seegrüne Augen und eine helle, durchscheinende Haut; Farben wie Orange und Grün standen ihr ausgezeichnet. Aber Vater hatte schwarzes, allmählich ergrauendes Haar und ein rötliches Gesicht, an ihm sah der Binder wie ein Warnschild aus.

Elizabeth war mit ihrem dunklen Haar und den unregelmäßigen Zügen dem Vater nachgeraten. Margaret dagegen hatte das Aussehen ihrer Mutter geerbt; sie hätte gern einen Schal aus dem Seidenstoff von Vaters Krawatte besessen. Percys Aussehen veränderte sich so rasch, dass niemand hätte sagen können, wem er schließlich ähnlicher sehen würde.

Sie schritten die lange Einfahrt bis zum Tor hinunter. Dahinter begann der kleine Ort. Die meisten Häuser gehörten Vater, ebenso das gesamte Ackerland ringsumher. Er hatte nichts zum Erwerb dieses Reichtums beigetragen: Mehrere Eheschließungen im frühen neunzehnten Jahrhundert hatten die drei bedeutendsten Grundbesitzer der Grafschaft vereint, und der gewaltige Besitz, der dadurch entstand, war unvermindert von Generation zu Generation weitergegeben worden.

Sie spazierten die Dorfstraße entlang und über den Anger zu der grauen Steinkirche. Wie bei einer Prozession schritten sie durch das Portal: Vater und Mutter voraus, Margaret und Elizabeth als Nächste, und Percy hinter den Schwestern. Die Dorfbewohner legten grüßend die Hand an die Stirn, als die Oxenfords den Mittelgang entlang zu ihrer angestammten Bank schritten. Die wohlhabenderen Farmer, die alle ihr Land von Vater gepachtet hatten, verneigten sich höflich; und die Angehörigen der mittleren Klasse, wie Dr. Rowan und Colonel Smythe und Sir Alfred, nickten ergeben. Margaret wand sich innerlich jedesmal vor Verlegenheit bei diesem lächerlichen, feudalen Ritual. Sollten vor Gott denn nicht alle gleich sein? Am liebsten hätte sie laut gerufen: »Mein Vater ist nicht besser als jeder von euch und schlimmer als die meisten!« Vielleicht würde sie eines Tages den Mut dazu aufbringen. Falls sie eine Szene in der Kirche machte, brauchte sie sie vielleicht nie wieder zu besuchen. Aber dazu hatte sie zu viel Angst vor ihrem Vater.

Als sie zu ihrer Bank kamen und aller Augen auf ihnen ruhten, murmelte Percy mit voller Absicht gerade laut genug, dass alle es hören konnten: »Hübsche Krawatte, Vater.« Margaret unterdrückte ein Kichern. Sie und Percy setzten sich rasch und verbargen scheinbar betend das Gesicht, bis der unbändige Drang zu lachen verging. Danach fühlte Margaret sich besser.

Der Vikar hielt seine Predigt über den verlorenen Sohn. Margaret dachte, dass der alte Trottel ruhig ein aktuelleres Thema hätte wählen können, das wohl allen im Kopf herumging: die Gefahr, dass der Krieg ausbrach. Der Premierminister hatte Hitler ein Ultimatum gestellt, der Führer hatte es einfach ignoriert, und so wurde jeden Augenblick mit der Kriegserklärung gerechnet.

Margaret fürchtete den Krieg. Ein Junge, den sie geliebt hatte, war im Spanischen Bürgerkrieg gefallen. Es war inzwischen über ein Jahr her, aber sie weinte manchmal nachts im Bett immer noch. Für sie bedeutete Krieg, dass es Tausenden von Mädchen ebenso ergehen würde wie ihr. Der Gedanke war unerträglich.

Und doch wollte ein anderer Teil ihres Ichs den Krieg. Jahrelang hatte sie Großbritanniens Feigheit während des Spanischen Bürgerkrieges gewurmt. Ihr Vaterland hatte untätig zugesehen, während eine von Hitler und Mussolini mit Waffen versorgte Bande von Machthungrigen die gewählte sozialistische Regierung stürzte. Hunderte von idealistischen jungen Männern aus ganz Europa waren nach Spanien geeilt, um für Demokratie zu kämpfen. Doch es fehlte ihnen an den nötigen Waffen, und die demokratischen Regierungen der Welt hatten sich geweigert, sie damit zu versorgen. Auf diese Weise hatten viele der jungen Männer ihr Leben verloren, und Menschen wie Margaret hatten Wut, Hilflosigkeit und Scham empfunden. Wenn Großbritannien sich nun entschlossen gegen die Faschisten stellte, könnte sie wieder stolz auf ihr Vaterland sein.

Es gab noch einen Grund, weshalb ihr Herz bei der Aussicht auf den Krieg höher schlug. Ganz gewiss würde er das Ende dieses eingeengten Lebens bei ihren Eltern bedeuten, das ihr die Luft abschnürte. Die immer gleichen Rituale der Familie, das sinnlose gesellschaftliche Leben langweilte, lähmte und frustrierte sie. Sie sehnte sich danach, fortzukommen, ihr eigenes Leben zu führen, aber das schien unmöglich: Sie war noch nicht volljährig, hatte kein eigenes Geld, und es gab offenbar keine Arbeit, für die sie geeignet war. Aber, dachte sie erregt, im Krieg würde ganz bestimmt alles anders werden.

Voll Faszination hatte sie gelesen, wie im letzten Krieg Frauen in Hosen geschlüpft waren und in Fabriken gearbeitet hatten. Und heutzutage hatten Armee, Marine und Luftstreitkräfte sogar eigene Abteilungen für Frauen. Margaret träumte davon, sich freiwillig zum Auxiliary Territorial Service zu melden, der »Frauenarmee«. Zu ihren paar praktischen Fähigkeiten gehörte das Autofahren. Vaters Chauffeur, Digby, hatte es ihr mit dem Rolls beigebracht, und Ian, der Junge, der im Krieg gefallen war, hatte sie mit seinem Motorrad fahren lassen. Sie kam sogar mit einem Motorboot gut zurecht, denn Vater hatte in Nizza eine kleine Jacht. Der A. T. S. brauchte Krankenwagenfahrerinnen und Meldegängerinnen, die Motorrad fahren konnten. Sie sah sich schon in Uniform und Helm, mit einem Bild von Ian in der Brusttasche ihres Khakihemds, auf einem Krad dringende Meldungen von einem Schlachtfeld zum nächsten bringen. Sie war überzeugt, dass sie den Mut hatte, wenn man ihr die Chance gab.

Tatsächlich wurde, noch während sie in der Kirche saßen, der Krieg erklärt, wie sie später erfuhren. Zwei Minuten vor halb zwölf – mitten im Gottesdienst – gab es sogar Fliegeralarm, aber das Dorf bekam davon nichts mit, außerdem war es ohnedies ein falscher Alarm. Jedenfalls schritt die Familie Oxenford von der Kirche nach Hause, ohne zu ahnen, dass sie sich bereits im Krieg mit Deutschland befanden.

Percy wollte eine Flinte holen und auf Hasenjagd gehen. Sie konnten alle schießen, das war ein Familienzeitvertreib, ja schon fast eine Besessenheit. Aber natürlich gestattete Vater es Percy nicht, denn an einem Sonntag durfte nicht herumgeballert werden. Percy war enttäuscht, aber er fügte sich. Obwohl er ständig Unfug im Sinn hatte, war er noch nicht Manns genug, sich seinem Vater offen zu widersetzen.

Margaret liebte Percys Unbekümmertheit. Er war der einzige Sonnenstrahl in der Düsternis ihres Lebens. Wie oft wünschte sie sich, sie könnte Vater verspotten, wie Percy es tat, und hinter seinem Rücken über ihn lachen, aber dazu ärgerte sie sich zu sehr.

Als sie heimkamen, trafen sie auf das neue Hausmädchen, das am Eingang Blumen goss. Seltsamerweise ging sie barfuß. Vater, der das Mädchen noch nicht kannte, runzelte die Stirn. »Wer sind Sie?«, fragte er scharf.

Mutter sagte mit ihrer sanften Stimme und ihrem amerikanischen Akzent: »Sie heißt Jenkins und hat erst diese Woche hier zu arbeiten angefangen.«

Das Mädchen machte einen Knicks.

»Wo zum Teufel sind ihre Schuhe?«, wandte Vater sich an Mutter.

Das Mädchen blickte verwirrt auf. Dann warf sie einen anklagenden Blick auf Percy. »Verzeihen Sie, Ihre Lordschaft, aber der junge Lord Isley sagte, dass Hausmädchen am Sonntag als Zeichen der Ehrerbietung barfuß laufen müssen.« Percys Titel war Earl von Isley.

Mutter seufzte, und Vater brummte verärgert. Diesmal konnte Margaret ein Kichern nicht unterdrücken. Percy hatte ein diebisches Vergnügen daran, neue Dienstboten mit erfundenen Hausregeln vertraut zu machen. Er konnte die verrücktesten Dinge mit glaubwürdiger Miene sagen, und da die Familie für ihre Exzentrizität bekannt war, trauten ihnen die Leute so gut wie alles zu.

Percy brachte Margaret oft zum Lachen, aber jetzt tat ihr das arme Hausmädchen Leid, das barfuß dastand und sich sichtlich sehr dumm vorkam.

»Ziehen Sie Ihre Schuhe an«, sagte Mutter.

»Und glauben Sie Lord Isley nichts mehr«, fügte Margaret hinzu.

Sie legten ihre Hüte ab und traten in den kleinen Salon. Margaret zog Percy an den Haaren und zischte: »Das war gemein von dir!« Ihr Bruder grinste nur, er war unverbesserlich. Einmal hatte er dem Vikar weisgemacht, dass Vater in der Nacht an einem Herzanfall gestorben war. Der ganze Ort trauerte, bis sich herausstellte, dass es gar nicht stimmte.

Vater schaltete den Rundfunkempfänger ein, und da hörten sie, dass Großbritannien Deutschland den Krieg erklärt hatte.

Margaret spürte, wie sich wilde Freude in ihr regte, die jener Erregung ähnlich war, die sie empfand, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit fuhr oder bis zum Wipfel eines hohen Baumes hinaufkletterte. Es hatte nun keinen Sinn mehr, deshalb quälenden Überlegungen nachzuhängen. Natürlich würde es zu Tragödien kommen, zu Verlust und Trauer und Leid. Doch daran war jetzt nichts mehr zu ändern, die Würfel waren gefallen, und es musste gekämpft werden. Bei diesen Gedanken schlug ihr Herz schneller. Alles würde anders werden. Gesellschaftliche Konventionen würden aufgegeben werden müssen. Frauen würden zum Hilfsdienst aufgerufen werden, Klassenschranken würden fallen, alle würden zusammenarbeiten. Schon jetzt konnte sie einen Hauch von Freiheit spüren. Und sie würden im Krieg mit den Faschisten sein, die den armen Ian auf dem Gewissen hatten und Tausende andere junge Männer wie ihn. Margaret hielt sich nicht für besonders rachsüchtig, aber wenn sie an den Kampf gegen die Nazis dachte, verspürte sie doch den Wunsch nach Vergeltung. Und dieses Gefühl war neu für sie, erschreckend und aufregend zugleich.

Vater tobte vor Wut. Er war ohnehin dick und hatte ein rotes Gesicht, aber wenn er zornig wurde, sah er immer aus, als würde er platzen. »Verdammter Chamberlain!«, knirschte er. »Verfluchter Kerl!«

»Algernon, bitte!«, rügte ihn Mutter ob seiner Unbeherrschtheit.

Vater war einer der Gründer der B. U. F. – der Britischen Union der Faschisten. Damals war er ein anderer Mensch gewesen, nicht nur jünger, sondern auch schlanker, besser aussehend und weniger reizbar. Er hatte mit seinem Charme die Sympathie und Loyalität vieler gewonnen. Er hatte ein umstrittenes Buch geschrieben: Mischlinge – Die Gefahr durch Rassenvermischung. Es erläuterte, wie es mit der Kultur bergab ging, seit Weiße angefangen hatten, sich mit Juden, Asiaten, Orientalen, ja sogar Negern einzulassen. Er hatte mit Adolf Hitler korrespondiert und ihn für den größten Staatsmann seit Napoleon gehalten. Es hatte im Haus der Oxenfords jedes Wochenende große Gesellschaften mit wichtigen Politikern gegeben, manchmal auch mit ausländischen Staatsmännern und ein unvergessliches Mal sogar mit dem König. Die Diskussionen dauerten bis tief in die Nacht hinein, der Butler holte immer wieder eine neue Flasche Weinbrand aus dem Keller, während die Diener gähnend in der Halle herumstanden. Während der Wirtschaftskrise hatte Vater nur darauf gewartet, dass das Land ihn rufe, damit er es in der Stunde der Not rette, und ihn bitte, Premierminister in einer Regierung für den nationalen Wiederaufbau zu werden. Doch der Ruf war nie erfolgt. Die Wochenendpartys waren seltener und kleiner geworden; die bekannteren Gäste hatten Mittel und Wege gefunden, sich öffentlich von der Britischen Union der Faschisten zu distanzieren; und Vater war zu einem verbitterten, enttäuschten Menschen geworden. Mit seiner Zuversicht verlor er auch seinen Charme, und sein gutes Aussehen ruinierte er selbst durch Groll, Langeweile und Alkohol. Er war nie besonders intelligent gewesen. Margaret hatte sein Buch gelesen und mit Entsetzen erkannt, dass seine Ansichten nicht nur falsch, sondern auch dumm waren.

In den letzten Jahren war sein politisches Programm zu einer einzigen besessenen Idee geschrumpft: dass Großbritannien und Deutschland sich gegen die Sowjetunion verbünden sollten. Das hatte er in Artikeln in Zeitschriften propagiert und in Briefen an Zeitungen und bei den immer selteneren Gelegenheiten, da man ihn einlud, bei politischen Versammlungen und vor Hochschuldiskussionsgruppen zu reden. Er hielt auch noch starrsinnig an dieser Idee fest, als die Ereignisse in Europa seine politischen Vorstellungen zusehends unrealistischer werden ließen. Und nun, da der Krieg zwischen Großbritannien und Deutschland erklärt war, starb auch seine letzte Hoffnung. Inmitten all ihrer anderen aufgewühlten Gefühle empfand Margaret sogar ein wenig Mitleid mit ihm.

»Großbritannien und Deutschland werden sich gegenseitig zerfleischen, und Europa wird dadurch der Herrschaft des atheistischen Kommunismus anheim fallen«, prophezeite er.

Die Bemerkung über den Atheismus erinnerte Margaret wieder daran, dass man sie zwang, zur Kirche zu gehen. »Das ist mir egal«, sagte sie. »Ich bin Atheistin!«

»Das ist doch gar nicht möglich, Liebes, du gehörst der Church of England an«, meinte Mutter.

Unwillkürlich musste Margaret lachen. Elizabeth, die den Tränen nahe war, rief: »Wie kannst du nur lachen? Es ist eine Tragödie!«

Elizabeth war eine glühende Bewunderin der Nazis. Sie sprach Deutsch – aber das taten beide Schwestern, dank einer deutschen Gouvernante, die länger durchgehalten hatte als die meisten anderen –, war mehrmals in Berlin gewesen und hatte zweimal mit dem Führer höchstpersönlich gespeist. Margaret vermutete, dass die Nazis Snobs waren, denen es gefiel, sich von englischen Aristokraten beklatschen zu lassen. Sie wandte sich Elizabeth zu und sagte: »Es wird Zeit, dass wir es diesen Leuteschindern zeigen!«

»Sie sind keine Leuteschinder!«, protestierte Elizabeth empört. »Sie sind stolze, starke, reinrassige Arier, und es ist eine Tragödie, dass unser Vaterland sich nun im Krieg mit ihnen befindet. Vater hat Recht – die Weißen werden einander ausrotten, und dann wird die Welt den Mischlingen und Juden gehören.«

Margaret hatte nicht die Geduld, sich solches Geschwafel anzuhören. »An den Juden ist nichts auszusetzen!«, erklärte sie hitzig.

Vater hob belehrend den Finger. »An den Juden ist nichts auszusetzen – wenn sie dort bleiben, wo sie hingehören.«

»Unter den Stiefeln deines – deines faschistischen Systems vielleicht?« Margaret war nahe daran gewesen, »deines verdammten Systems« zu sagen, aber plötzlich bekam sie es mit der Angst und verkniff sich die Bemerkung. Es war gefährlich, Vater zu sehr zu reizen.

»Und in deinem bolschewistischen System haben die Juden das Sagen!«, entgegnete Elizabeth.

»Ich bin kein Bolschewist, ich bin Sozialist!«

»Das ist nicht möglich, Liebes«, meinte Percy, den Tonfall der Mutter imitierend, »du gehörst der Church of England an.«

Auch diesmal musste Margaret gegen ihren Willen lachen, was ihre Schwester nur noch mehr erboste. »Du willst nur alles zerstören, was edel und rein ist, und dich darüber lustig machen!«, erklärte sie verbittert.

Solche dummen Reden überhörte man am besten, aber Margaret wollte doch wenigstens ihren Standpunkt klarmachen. Sie wandte sich ihrem Vater zu und sagte: »Was Neville Chamberlain betrifft, bin ich jedenfalls deiner Meinung. Dadurch, dass er zugelassen hat, dass die Faschisten Spanien übernahmen, hat er unsere militärische Lage ungemein verschlechtert. Jetzt ist der Feind ebenso im Westen wie im Osten.«

»Chamberlain hat nichts damit zu tun, dass die Faschisten in Spanien an die Macht gekommen sind«, erklärte ihr Vater »Großbritannien hatte einen Nichteinmischungspakt mit Deutschland, Italien und Frankreich. Wir haben lediglich unser Wort gehalten.«

Das war absolute Heuchelei, und er wusste es. Margaret spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. »Wir haben unser Wort gehalten, während die Italiener und die Deutschen ihres brachen!«, rief sie entrüstet. »Also bekamen die Faschisten die Waffen, und die Demokraten nichts – außer Helden.«

Einen Augenblick herrschte verlegenes Schweigen.

Schließlich sagte die Mutter: »Es tut mir wirklich Leid, dass Ian gefallen ist, Liebes, aber er hatte einen sehr schlechten Einfluss auf dich.«

Plötzlich war Margaret den Tränen nahe.

Ian Rochdale war ihre große Liebe gewesen, und der Schmerz über seinen Tod überwältigte sie immer noch.

Jahrelang hatte sie bei den Jagdbällen mit hohlköpfigen jungen Männern des Landadels getanzt, die nichts anderes im Sinn hatten, als zu saufen und zu jagen. Sie hatte schon daran gezweifelt, dass sie je einen Mann ihres Alters kennen lernen würde, der sie interessierte. Ian war wie das Licht der Aufklärung in ihr Leben gekommen, und seit er tot war, lebte sie wieder in der Dunkelheit.

Als sie ihn kennen lernte, studierte er im letzten Semester in Oxford. Margaret wäre schrecklich gern auch auf eine Universität gegangen, aber sie hätte wohl kaum eine Chance gehabt, aufgenommen zu werden – sie hatte ja nie eine richtige Schule besucht. Doch sie war sehr belesen – was hätte sie außer Lesen auch tun können! –, und sie war begeistert, einen Wesensverwandten gefunden zu haben, jemanden, der leidenschaftlich gern diskutierte. Ian war der Einzige, der ihr etwas erklären konnte, ohne dabei herablassend zu wirken. Nie war sie jemandem begegnet, der so klar denken konnte; bei Diskussionen bewies er unendliche Geduld; und er war ohne jede intellektuelle Eitelkeit – nie gab er vor, etwas zu verstehen, wenn es nicht der Fall war. Sie bewunderte ihn vom ersten Augenblick an.

Lange Zeit dachte sie gar nicht daran, dass es Liebe sein könnte. Doch eines Tages gestand er ihr seine Gefühle; unbeholfen, voll Verlegenheit suchte er nach den richtigen Worten und hatte zum ersten Mal Schwierigkeiten, sich auszudrücken, bis er schließlich sagte: »Ich glaube, ich habe mich wohl in dich verliebt – wird das alles zwischen uns zerstören?« Und da wurde ihr voller Glück bewusst, dass auch sie ihn liebte.

Er veränderte ihr Leben. Ihr war, als wäre sie plötzlich in einem anderen Land. Sie sah alles mit anderen Augen: die Landschaft, das Wetter, die Leute, das Essen. Und sie genoss alles. Die Zwänge und der Ärger, die ein Leben mit ihren Eltern mit sich brachte, erschienen ihr unbedeutend.

Selbst nachdem Ian sich der Internationalen Brigade angeschlossen hatte und in Spanien für die gewählte sozialistische Regierung und gegen die faschistischen Aufrührer kämpfte, erhellte er ihr Leben. Sie war stolz auf ihn, weil er den Mut hatte, zu seiner Überzeugung zu stehen, und bereit war, sein Leben für die Sache einzusetzen, an die er glaubte. Manchmal erhielt sie einen Brief von ihm. Einmal schickte er ihr ein Gedicht. Und dann kam die Mitteilung, dass er gefallen war, dass eine Granate ihn getroffen hatte. Und Margaret hatte das Gefühl, mit ihm gestorben zu sein.

»Einen schlechten Einfluss«, wiederholte sie bitter. »Ja, er lehrte mich, Dogmen in Frage zu stellen, Lügen nicht zu glauben, Ignoranz zu hassen und Heuchelei zu verabscheuen. Infolgedessen passe ich kaum in diese zivilisierte Gesellschaft hier.«

Plötzlich redeten alle gleichzeitig, dann hörten sie ebenso abrupt auf, weil keiner verstanden werden konnte. Da sagte Percy in die Stille: »Weil wir von Juden reden: Ich habe ein komisches Bild im Keller gefunden, in einem dieser alten Koffer aus Stamford.« Stamford in Connecticut war Mutters Heimatstadt. Percy zog aus seiner Hemdtasche eine zerknitterte und verblasste bräunliche Fotografie. »Meine Urgroßmutter hieß doch Ruth Glencarry, nicht wahr, Mutter?«

»Ja – sie war die Mutter meiner Mutter. Warum, Liebes, was hast du gefunden?«

Wortlos reichte Percy seinem Vater die Fotografie, und die anderen drängten sich um ihn, um sie ebenfalls zu betrachten. Das Bild zeigte eine Straßenszene in einer amerikanischen Stadt, New York wahrscheinlich, vor etwa siebzig Jahren. Im Vordergrund stand ein Jude von ungefähr dreißig mit schwarzem Bart. Er trug die Kleidung eines Arbeiters und einen Hut. Hinter ihm befand sich ein Handkarren mit einem Schleifstein. »Reuben Fishbein – Scherenschleifer«, konnte man an der Karrenseite lesen. Neben dem Mann stand ein etwa zehnjähriges Mädchen in einem verschossenen Baumwollkleid und dicken Stiefeln.

»Was soll das, Percy? Wer ist dieses Lumpenpack?«, fragte der Vater.

»Dreh das Bild um«, riet ihm Percy.

Vater tat es. Auf der Rückseite stand: »Ruthie Glencarry, geb. Fishbein, mit zehn Jahren.«

Margaret blickte ihren Vater an. Er sah aus, als würde ihn der Schlag treffen.

»Interessant, dass Mutters Großvater die Tochter eines herumziehenden jüdischen Scherenschleifers heiratete«, meinte Percy, »aber das ist halt in Amerika so, wie man hört.«

»Das ist unmöglich!«, rief Vater, doch seine Stimme zitterte, und Margaret vermutete, dass er es für nur allzu möglich hielt.

Percy fuhr unbekümmert fort: »Jedenfalls wird das Judentum durch die Mutter vererbt, und da die Großmutter meiner Mutter eine Jüdin war, bin ich ein Jude.«

Vater war kreidebleich. Mutter blickte verwirrt und mit leicht gerunzelter Stirn drein.

»Ich kann nur hoffen, dass nicht die Deutschen diesen Krieg gewinnen, denn sonst darf ich nicht mehr ins Kino gehen, und Mutter wird gelbe Sterne auf ihre Ballkleider nähen müssen«, sagte Percy.

Das war einfach zu schön, um wahr zu sein. Margaret studierte eingehend die Worte auf der Rückseite des Bildes, dann dämmerte ihr die Wahrheit. »Percy«, sagte sie schmunzelnd, »das ist deine Schrift!«

»Nein, bestimmt nicht!«, protestierte Percy.

Aber inzwischen hatten auch die anderen seine Schrift erkannt. Margaret lachte schadenfroh. Percy hatte dieses alte Bild eines kleinen jüdischen Mädchens irgendwo aufgetrieben und den Text auf der Rückseite erfunden, um Vater hereinzulegen. Und Vater war prompt darauf hereingefallen. Kein Wunder! Es musste der absolute Albtraum für jeden Rassisten sein, festzustellen, dass nicht alle seine Vorfahren reinrassig waren. Geschah ihm ganz recht!

»Pah!«, meinte Vater und warf das Bild auf den Tisch. Mutter sagte vorwurfsvoll: »Percy, also wirklich!« Sicherlich hätten sie noch mehr zu sagen gehabt, doch in diesem Moment meldete Bates, der griesgrämige Butler: »Mylady, es ist angerichtet.«

Sie verließen den Salon und gingen durch die Eingangshalle zum kleinen Esszimmer. Es würde viel zu durchgeschmortes Roastbeef geben wie immer am Sonntag, und Mutter bekam ihren obligatorischen Salat: Sie aß nie etwas Gekochtes, weil sie überzeugt war, dass das Kochen Qualität und Geschmack zerstörte.

Vater sprach das Tischgebet, und sie setzten sich. Bates bot Mutter Räucherlachs an. Geräucherte, marinierte oder auf andere Weise konservierte Nahrungsmittel waren nach ihrer Theorie in Ordnung.

»Es ist klar, was wir jetzt zu tun haben«, meinte Mutter, als sie sich von der Platte mit Lachs bediente. Sie redete so beiläufig, als würde sie nur das aussprechen, was alle schon wussten. »Wir müssen nach Amerika fahren und dortbleiben, bis dieser dumme Krieg zu Ende ist.«

Einen Augenblick herrschte bestürztes Schweigen.

Dann platzte Margaret entsetzt heraus: »Nein!«

»Ich meine, es hat heute bereits genug Streit für einen Tag gegeben«, erklärte Mutter ungerührt. »Wir wollen jetzt unser Mittagessen in Ruhe und Frieden zu uns nehmen!«

»Nein!«, protestierte Margaret noch einmal. Sie brachte vor Empörung kaum ein weiteres Wort hervor. »Ihr – ihr könnt das nicht tun! Es ist ...«, stammelte sie schließlich. Sie wollte sie anschreien, sie des Hochverrats und der Feigheit bezichtigen, ihre Verachtung hinausbrüllen; aber sie fand die Worte nicht und alles, was sie sagen konnte, war: »Das geht doch nicht!«

Selbst das war zu viel. »Wenn du deinen Mund nicht halten kannst, dann gehst du jetzt besser«, sagte Vater.

Margaret presste ihre Serviette gegen den Mund, um ein Schluchzen hinunterzuwürgen, stieß ihren Stuhl zurück, stand auf und floh aus dem Zimmer.

Die Eltern hatten die Sache offensichtlich seit Monaten geplant.

Percy kam nach dem Mittagessen in Margarets Zimmer und berichtete ihr die Einzelheiten. Das Haus sollte geschlossen, die Möbelstücke mit Tüchern gegen Staub geschützt und die Dienstboten entlassen werden. Vaters Geschäftsführer sollte die Verwaltung des gesamten Besitzes übernehmen. Mieten und Pachteinnahmen würden sich in der Bank ansammeln, denn aufgrund der kriegsbedingten Währungskontrollbestimmungen konnte das Geld nicht nach Amerika überwiesen werden. Die Pferde würden verkauft, die Wolldecken eingemottet und das Silber weggeschlossen werden.

Elizabeth, Margaret und Percy sollten je einen Koffer packen, ihre übrigen persönlichen Sachen würden durch eine Transportfirma nachgeschickt werden. Vater hatte bereits die Flüge gebucht – am Mittwoch würden sie alle mit dem Pan-American-Clipper abreisen.

Percy war schrecklich aufgeregt. Er war zwar schon zweimal geflogen, aber mit dem Clipper würde das etwas ganz anderes sein. Das Flugzeug war gewaltig und außerordentlich luxuriös. Die Zeitungen waren voll davon gewesen, als die Fluglinie vor ein paar Wochen eröffnet wurde. Der Flug nach New York dauerte neunundzwanzig Stunden, und nachts, über dem Atlantik, konnte man sich sogar ins Bett legen.

Das ist mal wieder typisch, dachte Margaret, dass sie in Pomp und Luxus abreisten und ihre Landsleute den Entbehrungen und Härten des Krieges überließen.

Percy ging, um seine Sachen zu packen, und Margaret legte sich auf ihr Bett und starrte verbittert und in ohnmächtiger Wut gegen die Zimmerdecke, bis ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Sie blieb bis zur Schlafenszeit in ihrem Zimmer.

Am Montagmorgen, als sie noch im Bett lag, kam Mutter in ihr Zimmer. Margaret richtete sich auf und musterte sie mit feindseligem Blick. Mutter setzte sich an den Frisiertisch und blickte Margaret im Spiegel an. »Bitte, fang keinen Streit mit deinem Vater an«, sagte sie.

Margaret entging nicht, wie nervös ihre Mutter war. Unter anderen Umständen wäre sie vielleicht sanfter mit ihr umgegangen, aber im Moment war sie zu erregt, als dass sie hätte Mitgefühl empfinden können. »Es ist so feige!«, platzte sie heraus.

Mutter wurde blass. »Wir sind nicht feige!«

»Aber fortzulaufen, wenn ein Krieg beginnt!«

»Wir haben keine Wahl. Wir müssen weg.«

Margaret blinzelte verwirrt. »Wieso?«

Nun drehte Mutter sich vom Spiegel um und blickte sie fest an. »Weil man sonst deinen Vater verhaften wird.«

Margaret war vollkommen verblüfft. »Aber wieso? Wie können sie das tun? Es ist doch kein Verbrechen, ein Faschist zu sein.«

»Es gibt besondere Notstandsgesetze. Was spielt das schon für eine Rolle? Ein Bekannter aus dem Innenministerium hat uns gewarnt. Wenn Vater Ende der Woche noch hier ist, wird er verhaftet.«

Margaret fiel es schwer zu glauben, dass man ihren Vater wie einen gemeinen Dieb ins Gefängnis werfen wollte. Plötzlich kam sie sich sehr dumm vor, weil sie überhaupt nicht bedacht hatte, wie sehr der Krieg ihr Leben verändern würde.

»Aber sie gestatten uns nicht, Geld mitzunehmen«, fuhr Mutter bitter fort. »Soviel zum Fair Play der Briten!«

Geld war das Letzte, worüber Margaret sich jetzt Sorgen machte. Ihr gesamtes Leben hing in der Schwebe. Sie fasste sich ein Herz und beschloss, ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen. Bevor sie der Mut wieder verließ, holte sie tief Luft und sagte: »Mutter, ich werde nicht mitkommen!«

Mutter zeigte kein Erstaunen. Vielleicht hatte sie so etwas sogar erwartet. In dem milden, gleichmütigen Ton, dessen sie sich immer bediente, wenn sie sich bemühte, eine Diskussion zu vermeiden, erklärte sie: »Du musst mitkommen, Liebes.«

»Mich werden sie nicht ins Gefängnis stecken. Ich kann bei Tante Martha wohnen oder bei Kusine Catherine. Bitte sprich mit Vater darüber, ja?«

Mit einem Mal wurde Mutter ungewohnt heftig. »Ich habe dich unter dem Herzen getragen und werde nicht zulassen, dass du dein Leben in Gefahr bringst, solange ich es verhindern kann!«

Einen Augenblick lang erschrak Margaret über Mutters Gefühlsausbruch, dann begehrte sie auf: »Ich sollte schließlich auch etwas dazu sagen dürfen – immerhin ist es mein Leben!«

Mutter seufzte. Auf ihre übliche ruhige, scheinbar gleichmütige Weise meinte sie: »Es spielt keine Rolle, was wir, du und ich, denken. Dein Vater wird dich nicht hierbleiben lassen, egal, was wir sagen.«

Die Passivität ihrer Mutter brachte Margaret nur noch mehr auf, und sie entschied sich, sofort etwas zu unternehmen. »Ich werde selbst mit ihm reden. Jetzt gleich.«

»Bitte, lass es bleiben.« Jetzt schwang ein flehender Ton in Mutters Stimme mit. »Es ist so schon furchtbar schwer für ihn. Er liebt England, das weißt du. Unter anderen Umständen würde er das Kriegsministerium anrufen und fragen, ob sie eine Arbeit für ihn haben. Es bricht ihm das Herz.«

»Was ist mit meinem Herzen?«

»Für dich ist es etwas anderes. Du bist jung, dein Leben liegt noch vor dir. Für ihn aber ist es das Ende aller Hoffnung.«

»Ich bin nicht daran schuld, dass er ein Faschist ist«, sagte Margaret barsch.

Mutter stand auf. »Ich hatte gehofft, du hättest mehr Herz«, sagte sie leise und verließ das Zimmer.

Jetzt quälte Margaret ein schlechtes Gewissen, aber gleichzeitig ärgerte sie sich auch. Es war so ungerecht! Seit sie denken konnte, hatte Vater ihre Meinung stets voll Verachtung abgetan, und nun, da die Ereignisse bewiesen, dass seine Ansichten falsch waren, sollte sie auch noch Mitleid mit ihm empfinden!

Sie seufzte. Ihre Mutter war schön, exzentrisch und vollkommen gleichmütig. Sie war reich geboren und wusste, was sie wollte. Ihre Exzentrik entsprang einem starken Willen, nur fehlte ihr die nötige Klarsicht. Sie hielt an törichten Ideen fest, weil sie zwischen Sinn und Unsinn nicht zu unterscheiden vermochte. Die Unbestimmtheit war das Mittel einer starken Frau, mit der Dominanz des Mannes fertig zu werden: Sie durfte ihrem Mann nicht widersprechen, und so war die einzige Möglichkeit, sich seinem Diktat zu entziehen, vorzutäuschen, dass sie ihn nicht verstand. Margaret liebte ihre Mutter und akzeptierte ihre Eigenarten mit einer gewissen Nachsicht; aber sie war entschlossen, nicht wie sie zu werden, so sehr sie sich auch äußerlich ähnelten. Wenn die anderen ihr eine Ausbildung verweigerten, würde sie das eben selbst in die Hand nehmen. Und sie wollte lieber eine alte Jungfer werden, als irgendein Mannsbild zu heiraten, das glaubte, ein Recht zu haben, sie wie ein dummes Hausmädchen herumzukommandieren.

Manchmal sehnte sie sich nach einem anderen Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie wollte sich ihr anvertrauen, ihr Verständnis gewinnen, sie um Rat bitten. Sie könnten Verbündete sein, gemeinsam um ihren Platz in einer Welt kämpfen, in der Frauen nur ein schmückendes Beiwerk waren. Aber Mutter hatte diesen Kampf schon lange aufgegeben und wollte, dass Margaret das ebenfalls tat. Aber dazu war sie nicht bereit! Margaret würde sich nicht untreu werden. Ihr Entschluss stand fest. Aber wie konnte sie ihr Ziel erreichen?

Den ganzen Montag brachte sie keinen Bissen hinunter. Sie trank eine Tasse Tee nach der anderen, während die Dienstboten das Haus zum Verschließen fertig machten. Am Dienstag, als Mutter klar wurde, dass Margaret nicht vorhatte zu packen, wies sie Jenkins an, es für sie zu tun. Natürlich wusste das neue Hausmädchen nicht, was sie einpacken sollte, darum musste Margaret ihr helfen. So hatte Mutter ihren Willen schließlich wieder durchgesetzt, wie meistens.

»So ein Pech für Sie, dass wir das Haus schließen, kaum dass Sie eine Woche hier arbeiten«, meinte Margaret.

»Ich werd bestimmt schnell eine neue Stellung finden, M’lady«, entgegnete Jenkins. »Unser Dad sagt, dass es im Krieg so was wie Arbeitslosigkeit nicht gibt.«

»Was werden Sie tun? In einer Fabrik arbeiten?«

»Ich werd mich freiwillig melden. Im Radio hab ich gehört, dass gestern siebzehntausend Frauen zum A. T. S. gegangen sind. Vor allen Rathäusern im ganzen Land stehen Schlangen an – ich hab ein Bild in der Zeitung gesehen.«

»Sie haben es gut«, stellte Margaret bedrückt fest. »Das Einzige, wofür ich mich anstellen kann, ist ein Flugzeug nach Amerika.«

»Sie müssen tun, was der gnädige Herr will«, sagte Jenkins.

»Was sagt Ihr Dad dazu, dass Sie zum A. T. S. wollen?«

»Ich werd’s ihm gar nicht erzählen – ich tu’s einfach.«

»Aber was ist, wenn er Sie zurückholt?«

»Das kann er nicht. Jedenfalls nicht, sobald sie mich genommen haben. Ich bin achtzehn. Und wenn man alt genug ist, können die Eltern gar nichts mehr dagegen tun.«

Überrascht blickte Margaret sie an. »Sind Sie sicher?«

»Natürlich. Das weiß doch jeder.«

»Ich habe es nicht gewusst«, murmelte Margaret nachdenklich.

Jenkins trug Margarets Koffer hinunter in die Halle. Sie würden schon früh am Mittwochmorgen aufbrechen. Als Margaret die Koffer sah, wurde ihr bewusst, dass sie die Zeit des Krieges in Connecticut verbringen würde, wenn sie bloß schmollend herumsaß. Trotz Mutters Flehen, keinen Ärger zu machen, musste sie mit ihrem Vater sprechen.

Schon bei dem Gedanken wurden ihr die Knie weich. Sie kehrte auf ihr Zimmer zurück, um sich selbst Mut zu machen. Sie würde ganz ruhig sein. Tränen rührten ihn nicht, und Wut würde nur seinen Spott herausfordern. Sie musste vernünftig, verantwortungsbewusst und reif wirken. Sie durfte nicht groß herumargumentieren, weil ihn das bloß in Rage versetzen würde, und das wiederum würde sie so einschüchtern, dass sie nicht weiterreden könnte.

Wie sollte sie anfangen? »Ich finde, dass ich ein Recht habe, meine Zukunft selbst zu gestalten.«

Nein, das wäre nicht gut. Er würde entgegnen: »Ich bin für dich verantwortlich, deshalb habe ich zu entscheiden!«

Vielleicht sollte sie sagen: »Kann ich mit dir über die Reise nach Amerika reden?«

Er würde vermutlich antworten: »Darüber gibt es nichts zu reden.«

Ihre Eröffnung musste so unverfänglich sein, dass er sie nicht gleich abschmetterte. Sie beschloss zu sagen: »Darf ich dich etwas fragen?« Dazu musste er ja sagen.

Was dann? Wie konnte sie zum Thema kommen, ohne dass er es gleich mit einem seiner schrecklichen Wutanfälle unterband? Sie könnte sagen: »Du warst im letzten Krieg doch in der Armee, nicht wahr?« Sie wusste, dass er in Frankreich an der Front gewesen war. Dann würde sie fortfahren: »War Mutter auch im Einsatz?« Auch darauf kannte sie die Antwort. Mutter war freiwillige Krankenschwester in London gewesen und hatte verwundete amerikanische Offiziere gepflegt. Schließlich würde sie sagen: »Ihr habt beide euren Ländern gedient, deshalb bin ich überzeugt, dass du verstehen wirst, wenn ich das gleiche tun möchte.« Also dagegen konnte er doch wirklich nichts sagen.

Wenn er dagegen prinzipiell nichts zu sagen vermochte, würde sie mit seinen anderen Einwänden schon fertig werden, dachte sie. Sie könnte bei Verwandten wohnen, bis sie im A. T. S. aufgenommen wurde, und das würde bestimmt in wenigen Tagen der Fall sein. Sie war neunzehn: Viele Mädchen in diesem Alter arbeiteten bereits seit sechs Jahren. Sie war alt genug zu heiraten, einen Wagen zu fahren und ins Gefängnis gesteckt zu werden. Da konnte es doch keinen Grund geben, weshalb man ihr nicht erlauben sollte, in England zu bleiben.

Das klang logisch. Nun brauchte sie nur noch den nötigen Mut.

Vater war jetzt vermutlich mit seinem Geschäftsführer im Arbeitszimmer. Margaret verließ ihr Zimmer, doch auf dem Gang begann sie vor Angst zu zittern. Vater wurde immer so wütend, wenn man sich ihm widersetzte. Sein Zorn war entsetzlich und seine Strafen grausam. Mit elf hatte sie einmal einen ganzen Tag in einer Ecke seines Arbeitszimmers stehen müssen, mit dem Gesicht zur Wand, weil sie unhöflich zu einem Gast gewesen war; mit sieben hatte er ihr den geliebten Teddybären weggenommen, weil sie ins Bett gemacht hatte; und einmal hatte er in seiner Wut eine Katze aus einem Fenster im ersten Stock geworfen. Was würde er jetzt tun, wenn sie ihm erklärte, dass sie in England bleiben und gegen die Nazis kämpfen wollte?

Sie zwang sich, die Treppe hinunterzugehen, doch ihre Furcht wuchs, je mehr sie sich dem Arbeitszimmer näherte. Sie stellte sich vor, wie er zornig wurde, wie sein Gesicht sich rötete, wie seine Augen hervorquollen, da lähmte ihre Angst sie fast. Sie versuchte sich zu beruhigen, indem sie sich fragte, was sie zu befürchten hatte. Sie war kein kleines Mädchen mehr, dem man das Herz brechen konnte, indem man ihm den Teddy wegnahm. Doch tief im Innern wusste sie, dass ihm sicher eine neue Herzlosigkeit einfiel, die sie wünschen lassen würde, tot zu sein.

Während sie zitternd vor der Tür zum Arbeitszimmer stand, kam die Haushälterin in einem raschelnden schwarzen Seidenkleid durch die Halle. Mrs Allen herrschte mit strenger Hand über das weibliche Hauspersonal, aber den Kindern gegenüber war sie immer nachsichtig. Sie mochte die Familie und war traurig darüber, dass sie wegging; für sie war es das Ende eines Lebensabschnitts. Sie lächelte Margaret unter Tränen an.

Als Margaret sie anblickte, kam ihr eine Idee, die so kühn war, dass ihr Herz aussetzte.

Sie sah alles genau vor sich. Sie würde sich Geld von Mrs Allen leihen, das Haus jetzt sofort verlassen, mit dem 16-Uhr-55-Zug nach London fahren, bei ihrer Kusine Catherine übernachten und gleich in der Frühe im A. T. S. eintreten. Bis Vater sie fand, würde es bereits zu spät sein.

Der Plan war so einfach und wagemutig, dass sie kaum glauben konnte, er sei wirklich durchführbar. Doch ehe sie es sich überlegte, hörte sie sich bereits sagen: »Oh, Mrs Allen, könnten Sie mir bitte etwas Geld leihen, ich will mir schnell noch etwas besorgen, möchte jedoch Vater nicht stören, er ist so beschäftigt.«

Mrs Allen zögerte nicht einen Moment. »Selbstverständlich, Mylady. Wieviel brauchen Sie?«

Margaret hatte keine Ahnung, wieviel eine Fahrkarte nach London kostete, sie hatte noch nie selbst eine gekauft. Aufs Geratewohl antwortete sie: »Oh, ein Pfund müsste genügen.« Dabei dachte sie: Träume ich das nicht vielleicht nur?

Mrs Allen nahm zwei Zehnshillingscheine aus der Geldbörse. Sie hätte ihr wahrscheinlich sogar ihre gesamten Ersparnisse überlassen, wenn sie darum gebeten hätte.

Margaret nahm das Geld mit zitternder Hand. Das kann meine Fahrkarte in die Freiheit sein, dachte sie, und trotz ihrer Angst flackerte eine kleine Hoffnungsflamme freudig in ihrer Brust.

Mrs Allen, die annahm, dass sie der bevorstehenden Abreise wegen so erregt war, drückte ihr die Hand. »Es ist ein trauriger Tag, Lady Margaret«, sagte sie. »Ein trauriger Tag für uns alle.« Bedrückt schüttelte sie ihr grauhaariges Haupt und verschwand in den hinteren Teil des Hauses.

Margaret schaute wild um sich. Es war niemand zu sehen. Ihr Herz flatterte wie ein gefangener Vogel, und ihr Atem kam als flaches Keuchen. Sie wusste, dass sie den Mut verlieren würde, wenn sie zögerte. Sie wagte es nicht einmal mehr, sich einen Mantel zu holen. Mit den Geldscheinen in der Hand verließ sie das Haus.

Der Bahnhof befand sich gute drei Kilometer entfernt in der nächsten Ortschaft. Bei jedem Schritt auf der Straße befürchtete Margaret, Vaters Rolls Royce hinter sich brummen zu hören. Aber woher sollte er wissen, was sie getan hatte? Es war unwahrscheinlich, dass irgendjemand sie vor dem Abendessen vermisste, und selbst wenn, würden sie annehmen, dass sie noch etwas einkaufte, wie sie Mrs Allen gesagt hatte. Trotzdem zitterte sie vor Angst.

Sie hatte noch viel Zeit, als sie den Bahnhof erreicht und ihre Fahrkarte gekauft hatte – es war sogar mehr als genug Geld übrig geblieben –, so setzte sie sich in den Wartesaal für Damen und beobachtete die Zeiger der großen Wanduhr.

Der Zug hatte Verspätung.

Sechzehn Uhr fünfundfünfzig verging, dann siebzehn Uhr, siebzehn Uhr fünf. Inzwischen war Margarets Angst so gewachsen, dass sie nahe daran war, aufzugeben und nach Haus zurückzukehren, nur um die Anspannung nicht mehr ertragen zu müssen.

Um siebzehn Uhr vierzehn schließlich lief der Zug im Bahnhof ein, und Vater war noch immer nicht da. Margaret schlug das Herz bis zum Hals, als sie einstieg.

Sie schaute aus dem Fenster auf den Bahnbeamten, der am Eingang die Karten lochte, und erwartete, dass ihr Vater im letzten Augenblick noch dort erscheinen und sie aus dem Zug holen würde.

Endlich setzte sich der Zug in Bewegung.

Sie konnte es kaum glauben, aber ihre Flucht schien zu glücken.

Der Zug wurde schneller. Die erste zaghafte Begeisterung rührte sich. Wenige Sekunden später hatte der Zug den Bahnhof verlassen. Margaret sah zu, wie das Städtchen kleiner wurde, und ein Gefühl des Triumphs erfüllte sie. Sie hatte es geschafft – sie war entkommen!

Plötzlich spürte sie, wie ihre Knie nachzugeben drohten. Sie schaute sich nach einem Sitzplatz um und bemerkte erst jetzt, wie überfüllt der Zug war. Jeder Platz war besetzt, sogar in der ersten Klasse, und auf dem Boden saßen Soldaten. Sie musste sich mit einem Stehplatz zufrieden geben.

Ihre Euphorie ließ nicht nach, obwohl die Fahrt objektiv betrachtet ein Albtraum war. Jedesmal, wenn der Zug anhielt, drängten sich weitere Fahrgäste in die Wagen. Dicht vor Reading musste der Zug drei Stunden warten. Alle Glühbirnen waren wegen der Verdunkelung herausgeschraubt worden, sodass nach Einbruch der Dunkelheit völlige Finsternis im Zug herrschte, die nur hin und wieder von der Taschenlampe eines Schaffners durchbrochen wurde, der seinen Kontrollgang machte und über die Fahrgäste steigen musste, die auf dem Boden saßen oder lagen. Als Margaret nicht mehr stehen konnte, setzte auch sie sich auf den Boden. Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr, sagte sie sich. Ihr Kleid würde zwar entsetzlich schmutzig werden, aber morgen würde sie ohnehin schon Uniform tragen. Alles war anders: Es herrschte Krieg.

Margaret fragte sich, ob Vater inzwischen bereits von ihrer Flucht wusste, die richtigen Schlüsse gezogen hatte und sofort nach London gebraust war, um sie am Bahnhof Paddington abzufangen. Es war unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, jedenfalls hämmerte ihr Herz, als der Zug in London einfuhr.

Doch als sie schließlich ausstieg, war Vater nirgendwo zu sehen, und wieder erfüllte sie ein wildes Triumphgefühl. Er war eben doch nicht allwissend! Im Bahnhof war es düster wie in einer Höhle, trotzdem gelang es ihr, ein Taxi zu finden. Es fuhr sie nur mit Standlicht nach Bayswater. Der Fahrer benutzte eine Taschenlampe, um sie zu dem Gebäude zu bringen, in dem ihre Kusine Catherine eine Wohnung hatte.

Alle Fenster des Hauses waren verdunkelt, doch die Eingangshalle war hell beleuchtet. Der Portier hatte seinen Dienst längst beendet – inzwischen war es fast Mitternacht –, doch Margaret fand auch ohne seine Hilfe zu Catherines Wohnung. Sie stieg die Treppe hinauf und läutete.

Nichts rührte sich in der Wohnung.

Sie erschrak.

Wieder läutete sie, obwohl sie wusste, dass es sinnlos war: Die Wohnung war klein und die Glocke laut. Catherine war nicht da!

Es war eigentlich nicht verwunderlich, sie hätte damit rechnen müssen: Catherine lebte bei ihren Eltern in Kent und benutzte die Wohnung lediglich als zeitweilige Unterkunft. Mit Londons Gesellschaftsleben war es im Moment natürlich vorbei, und so hatte es für Catherine auch keinen Grund gegeben, hier zu bleiben.

Margaret war nicht niedergeschmettert, aber enttäuscht. Sie hatte sich schon darauf gefreut, Catherine bei einer Tasse heißer Schokolade alles über ihr großes Abenteuer zu erzählen. Das würde nun warten müssen. Sie überlegte, was sie jetzt tun könnte. Sie hatte mehrere Verwandte in London, aber die meisten von ihnen würden wohl gleich Vater anrufen. Catherine wäre eine großartige Verschwörerin gewesen, den anderen Verwandten dagegen konnte sie nicht trauen.

Da erinnerte sie sich, dass Tante Martha glücklicherweise gar kein Telefon hatte.

Eigentlich war sie eine Großtante, eine mürrische, richtige alte Jungfer von etwa siebzig Jahren. Sie wohnte einen guten Kilometer von hier entfernt und würde sicherlich ungehalten sein, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden, aber das ließ sich jetzt nicht ändern. Wichtig war, dass sie keine Möglichkeit hatte, Vater darüber zu informieren, wo Margaret sich aufhielt.

Margaret stieg die Treppe wieder hinunter und trat hinaus auf die Straße – in totale Finsternis.

Die Dunkelheit war furchteinflößend. Margaret blieb vor der Haustür stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen um sich, konnte jedoch absolut nichts erkennen. Ein Gefühl der Übelkeit stieg in ihr auf, und ihr wurde leicht schwindelig.

Sie schloss die Augen und versuchte sich die vertraute Straßenszene vorzustellen. Hinter ihr befand sich Ovington House mit Catherines Wohnung; normalerweise fiel Licht aus verschiedenen Fenstern, und über dem Eingang brannte eine helle Lampe. An der Ecke zu ihrer Linken war die kleine Kirche der Marinehelferinnen, deren Portikus die ganze Nacht hindurch von Flutlicht angestrahlt wurde. Entlang dem Bürgersteig standen Straßenlaternen in regelmäßigen Abständen, und jede warf einen kleinen Lichtkreis; und normalerweise gab es natürlich auch noch die Scheinwerfer von Omnibussen, Taxis und Autos.

Margaret öffnete die Augen wieder – alles blieb dunkel.

Es war entmutigend. Einen Moment lang bildete sie sich ein, dass es ringsum überhaupt nichts gäbe: keine Straße, keine Stadt – sie befand sich im Nichts und fiel durch beängstigende Leere. Sie schwankte wie eine Seekranke. Dann nahm sie sich zusammen und versuchte, sich den Weg zu Tante Marthas Haus in Erinnerung zu rufen.

Ich muss mich von hier aus ostwärts halten, überlegte sie, und an der zweiten Abzweigung nach links abbiegen. Tante Marthas Haus liegt am Ende dieses Blocks. Das dürfte selbst in dieser Dunkelheit leicht zu finden sein.

Sie sehnte sich nach irgendetwas, das diese schreckliche Dunkelheit unterbrach: ein beleuchtetes Taxi, den Vollmond oder einen hilfreichen Schutzmann. Einen Augenblick später erfüllte sich ihr Wunsch: Ein Wagen kroch herbei, dessen Standlicht sie in dieser Finsternis an die Augen einer Katze erinnerte, und plötzlich konnte sie den Bürgersteig bis zur Straßenecke sehen.

Sie marschierte los.

Der Wagen fuhr vorüber, seine roten Rücklichter verloren sich in der Dunkelheit. Margaret glaubte sich noch drei oder vier Schritte von der Ecke entfernt, als sie den Bordstein hinunterstolperte. Sie überquerte die Straße und fand den gegenüberliegenden Bürgersteig, ohne dort über den Randstein zu fallen. Das ermutigte sie, und sie ging mit mehr Selbstvertrauen weiter.

Plötzlich schlug ihr etwas Hartes mit voller Wucht ins Gesicht.

Sie schrie vor Schmerz und plötzlicher Angst auf. Einen Augenblick erlag sie blinder Panik und wollte umkehren und weglaufen. Mit aller Willenskraft beruhigte sie sich. Sie rieb die brennende Wange. Was in aller Welt war passiert? Wogegen konnte sie mitten auf dem Bürgersteig geprallt sein? Sie streckte beide Arme aus, berührte etwas und riss die Hände erschrocken zurück. Dann biss sie die Zähne zusammen und versuchte es noch einmal. Sie ertastete etwas Kaltes, Hartes, Rundes – wie eine übergroße Kuchenform, die mitten in der Luft schwebte. Ihre Hände glitten weiter und erfühlten eine runde Säule mit einer rechteckigen Öffnung. Als ihr bewusst wurde, was es war, lachte sie unwillkürlich trotz ihres schmerzenden Gesichts – ein Briefkasten hatte sie angegriffen!

Sie tastete sich um ihn herum und tappte mit ausgestreckten Armen weiter.

Nach einer Weile stolperte sie erneut über einen Bordstein. Nachdem sie wieder ins Gleichgewicht gekommen war, atmete sie erleichtert auf. Sie hatte Tante Marthas Straße erreicht. Nun bog sie nach links ab.

Da erst kam ihr der Gedanke, dass Tante Martha die Klingel möglicherweise gar nicht hören würde. Sie lebte allein, es gab also niemanden sonst, der die Tür öffnen würde. Wenn Tante Martha sie tatsächlich nicht hörte, würde Margaret zu Catherines Gebäude zurückkehren und im Hausflur schlafen müssen. Es würde ihr nicht allzu viel ausmachen, auf dem Boden zu liegen, aber ihr graute davor, noch einmal durch die Finsternis tappen zu müssen. Vielleicht kauerte sie sich auch nur auf Tante Marthas Eingangsstufe zusammen und wartete den Tagesanbruch ab.

Tante Marthas Häuschen befand sich am Ende eines langen Blocks. Schritt für Schritt bewegte Margaret sich vorsichtig weiter. Die Stadt war zwar dunkel, doch nicht still. Dann und wann war ein Wagen in der Ferne zu hören; Hunde bellten hinter Türen, an denen sie vorüberkam; Katzen sangen ihre misstönende Liebeswerbung, ohne sie zu beachten; einmal hörte sie die beschwingten Klänge einer Party; und ein Stück weiter hatte ein Paar eine laute Auseinandersetzung hinter einem