Nacht vor meinen Augen - Herbert Beckmann - E-Book
Beschreibung

Als der Berliner Journalist Jonas Zöller eines Morgens aufwacht, findet er seine Freundin Franzi tot im Bad. Erschlagen. Die Polizei hält Jonas für den Täter - der Haftbefehl scheint nur noch eine Frage der Zeit. Doch er kann sich an nichts erinnern. In seiner Verzweiflung beschließt Jonas unterzutauchen, um herauszufinden, was in der Mordnacht geschehen ist. Aber kann er sich selbst trauen? Seit einem Autounfall leidet Jonas an Bewusstseinsstörungen …

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Seitenzahl:278

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Herbert Beckmann

Nacht vor meinen Augen

Thriller

Zum Buch

Trau dir nicht!Als der Berliner Journalist Jonas Zöller eines Morgens aufwacht, findet er seine Freundin Franzi tot im Bad. Erschlagen. Und niemand anderes als er selbst scheint für den Mord infrage zu kommen. Doch er kann sich an nichts erinnern: Am Vorabend hatte er während eines Fests im Hof gegen seine Gewohnheit Alkohol getrunken. Nachbarn bezeugen einen heftigen Streit zwischen Jonas und Franzi. Die Polizei glaubt, dass Jonas seine Freundin im Affekt getötet hat. Der Haftbefehl scheint bloß noch eine Frage der Zeit.

In seiner Verzweiflung beschließt Jonas unterzutauchen, um selbst herauszufinden, was in der Mordnacht geschehen ist. Denn er ist überzeugt, dass er unter keinen Umständen zum Mord an Franzi fähig gewesen wäre. Doch wieweit kann er sich selbst trauen? Vor Jahren hatte Jonas einen Autounfall. Und seitdem leidet er an Bewusstseinsstörungen …

Herbert Beckmann, 1960 in Ahaus geboren, lebt mit seiner Familie in Berlin. Er schreibt Erzählungen, Romane und Hörspiele für Kinder und Erwachsene.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Hotel ohne Wiederkehr (2018)

Preußische Affären (2016, E-Book only)

Leas Plan (2015, E-Book only)

Die Konitzer Mordaffäre (2015)

Rumpelstilz (2015)

Verrohung (2014)

Hühnerhölle (2013)

Die Nacht von Berlin (2011)

Mark Twain unter den Linden (2010)

Die indiskreten Briefe des Giacomo Casanova (2009)

Impressum

Zitat aus: Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 1998. Mit freundlicher Genehmigung des Carl-Auer-Systeme Verlags.

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2019

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © view7 / photocase.de

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-6070-8

Zitat

Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.

Heinz von Foerster

Prolog

Samstag, 21. Januar

Ein übernatürlicher Glanz lag auf der Marmorbüste, als ich an jenem Morgen, einem Samstag, die Staatsbibliothek betrat. Es war die Büste eines Gelehrten mit fettem Hals, wulstigen Lippen und hohlen, toten Augen. Sie stand so tief im dunklen, weitläufigen Foyer, dass eigentlich kein Sonnenstrahl sie hätte erreichen dürfen. Doch in dem Moment, als ich an ihr vorübereilte, auf meinem Weg zur Ausleihe weiter hinten, fiel ein Lichtblitz darauf, Resultat irgendeiner verrückten Spiegelung, was weiß ich.

Unwillkürlich wandte ich den Kopf in die Richtung. Und plötzlich flammte Wut in mir auf. Die Büste erinnerte mich an ihn. Dem ich das alles zu verdanken hatte: mein Leben.

Ich ging weiter, weg von dem in Marmor gehauenen »Erleuchteten«, flüchtete in das sichere Halbdunkel des kühlen Foyers. Aber ich wusste bereits, was jetzt geschehen würde: graue Materie, die sich chaotisch in mir ausbreitet. Im Laufe der Jahre habe ich kein anderes Wort dafür gefunden als: der Schwindel.

Ich entlieh das von mir bestellte medizinische Fachbuch, Material für meinen nächsten Filmbeitrag im Fernsehen, und nahm mit zitternder Hand meinen Bibliotheksausweis entgegen.

Der Bibliothekar sah besorgt über seine randlose Brille hinweg zu mir auf. »Ist Ihnen nicht gut?«

Ich schüttelte den Kopf – und ergriff die Flucht.

Auf meinem Weg zum Ausgang mied ich krampfhaft den Blick auf die Büste im Foyer, aber der Schwindel hatte sich bereits in mir ausgebreitet, als ich die schwergängige Drehtür erreichte.

Ich schwitzte, zitterte und fror, nun baute sich als Nächstes der Tunnel wieder auf. Wir kennen uns schon lange, der Tunnel und ich.

… wie eine lauernde Echse auf dem nächtlichen Asphalt …

So hatte ich nun eine Röhre aus hellem Nichts vor Augen, an den Rändern graue Zonen bis hin zum toten Winkel. Wie ein Schlafwandler trat ich in die weiße harte Wintersonne hinaus, die mir durch den Tunnel wie durch ein Brennglas in die Augen stach. An der Potsdamer Straße standen Menschen, ich hörte sie mehr, als dass ich sie sah, ein halbes Dutzend Leute vielleicht, die an der Fußgängerampel warteten. Ich taumelte auf sie zu wie ein Verfolgter, der sich Rettung von ihnen versprach, obwohl er bereits wusste, dass er sie nicht bekommen würde.

Wenn der Schwindel vollständig von mir Besitz ergriffen hat, hört jede sichere Wahrnehmung auf, kein Sehen, kein Hören, kein Fühlen, worauf noch Verlass wäre. Doch die Menschen an der Fußgängerampel schienen mich nicht zu beachten, nicht einmal zu bemerken; sie schauten gleichmütig nach vorn, warteten darauf, dass das rote Auge erlosch und das grüne aufleuchtete.

Ein Geräusch baute sich von Ferne auf, ein wütendes Röhren, das sich mit unglaublicher Geschwindigkeit näherte. Unwillkürlich, ganz ohne eigenen Willen trat ich an den Bordstein.

Das Donnern war plötzlich ganz nah, es war da. Und es schien mir wie für mich bestimmt.

Cut!

In meiner nächsten Erinnerung liege ich rücklings am Boden, auf dem grauen Pflaster vor der Ampel. Eine Frau hält meinen Kopf, der höllisch schmerzt, in ihrem Schoß. Leichter Wind weht aschblonde Strähnen ihres schulterlangen Haars in ihr besorgtes Gesicht.

»Geht’s wieder?«

Ich sehe sie an, große helle Augen, leichter Flaum auf ihrer weißen Haut, die um den dezent rot geschminkten Mund winzige Falten wirft.

Ich hebe den Kopf ein wenig. Der Schmerz pocht in meinen Schläfen, und ich greife mit der Hand hinter mein rechtes Ohr. Kein Blut. Aber die Stelle fühlt sich geschwollen an.

»Sie sind aufs Pflaster gestürzt.« Die Frau runzelt die Stirn. »Ist Ihnen schwindlig? Soll ich …?«

»Nein. Nein, danke, mir ist nicht …« Ich hebe den Kopf weiter an. Erkenne, dass an der Fußgängerampel niemand mehr wartet. »Die Leute … Wo sind sie hin?«

Die Frau lacht. »Touristen. Die hatten’s eilig.« Dann sieht sie mich wieder besorgt an. »Wissen Sie, welchen Tag wir heute haben?«

»Sam… Samstag.«

Sie lächelt. »Verraten Sie mir Ihren Namen?«

»Warum?«

Sie sieht mich nur schweigend an.

»Zol… Zöller.«

»Hm. Und mit Vornamen?«

»Jonas.«

»Okay, Jonas Zöller, wissen Sie was, ich bestelle jetzt ein Taxi und bringe Sie nach Hause.«

Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte registriert, dass der Schwindel vorüber war. Kein Tunnel mehr, keine graue Materie, kein Nebel im Hirn. »Nein, nein. Danke. Das ist nicht nötig. Ich wohne ja gleich da drüben.« Ich winkte unbestimmt in die Richtung und stand auf, schlug die Hand aus, die sie mir reichte.

Sie runzelte besorgt die Stirn und musterte mich skeptisch. »Jonas … Herr Zöller, Sie wären um ein Haar von einer Horde Motorradfahrer überrollt worden. Bikern in voller Fahrt. Ist Ihnen das klar? Wenn ich Sie nicht zurückgerissen hätte, dann …«

Erst in diesem Moment begriff ich, dass die Frau mir soeben das Leben gerettet hatte. Für einen Moment war ich plötzlich wieder wie erstarrt. Aber ich spürte, dass der Schwindel wirklich verschwunden war. Nicht endgültig, er würde zurückkehren, das schon, aber nicht jetzt, nicht sofort. Mit den Jahren habe ich ihn kennen, ihn berechnen gelernt. Für den Moment war die Gefahr vorbei.

Ich sah sie an. »Vielen Dank, Frau …?«

»Kunze. Melissa Kunze-Niemann, um genau zu sein.« Sie lachte ein wenig, hielt mich aber noch immer leicht am Arm, als rechnete sie damit, dass ich gleich wieder losstürmen könnte, um mich vor die nächste Bikerhorde zu werfen.

»Danke, Frau Kunze. Aber mir geht’s gut, wirklich, alles in Ordnung.«

»Sind Sie sicher?«

»Absolut. Danke.«

Sie schien jedoch nicht überzeugt und nestelte eine Visitenkarte aus der Brusttasche ihres Mantels, die sie mir in die Hand drückte. »Tun Sie mir den Gefallen und rufen Sie mich kurz an, dass Sie gut nach Hause gefunden haben, ja?«

»Klar, mache ich.« Ich hob zum Dank die Karte und steckte sie in meine Jackentasche. Dann wandte ich mich um, etwas abrupt vielleicht, und ging davon, ohne mich noch einmal zu ihr umzudrehen. Ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass eine Zeugin meines Zustands wie diese hilfsbereite Frau, Melissa …, aus falsch verstandener Fürsorge Maßnahmen einleitete, die mich am Ende womöglich in die Klapse führten. Die Psychiatrie ist ein Allesfresser, sie nimmt jeden, der ihr angeboten wird. Ich weiß, wovon ich rede.

Ich ging rasch weiter, erwischte eben noch die Grünphase an der Potsdamer Brücke, passierte mit schnellen Schritten den Häuserblock gegenüber dem Karlsbad und ging dann weiter am Schöneberger Ufer entlang.

Alles war gut. Ich atmete durch. Nur die Ruhe, Jonas. Ich erreichte meine Straße und verlangsamte den Schritt. Fühlte mich endgültig sicher. Nichts Schlimmes passiert, letztendlich. Dank …

An der Haustür nestelte ich den Schlüssel aus der Hosentasche und zog dabei die Visitenkarte mit heraus. Ich warf einen Blick darauf. Melissa Kunze-Niemann hieß sie.

Ich hätte sie am Ende nicht so abfertigen dürfen, wurde mir auf einmal klar, sie wollte nur ein Taxi bestellen, um mich nach Hause zu begleiten. Nicht in die Psychiatrie einliefern.

Ich schob die Karte zurück in die Tasche, schloss die Haustür auf und trat in das graue Zwielicht des halbdunklen Flurs.

 

 

Erster Teil

 

Samstag, 12. August

Grelles weißes Licht stach mir in die Augen, als ich aufwachte. Wie wenn ich in Nebelscheinwerfer blickte. Ich schlug das dünne Laken zurück, es war klatschnass. Ich hob den Kopf und die Schultern. Ein Gefühl, als lastete das Gewicht der Welt auf mir.

Ich ließ mich zurück aufs Kopfkissen fallen, legte den linken Arm schützend über die geblendeten Augen und tastete mit dem rechten auf dem Bett nach Franzi.

Nichts. Leere.

Sie war bereits aufgestanden.

Ich nahm den linken Arm von den Augen und riskierte einen Blick zum Fenster, wo die Sonne schon über die Dächer der gegenüberliegenden Häuser gestiegen war. Stimmen von der Straße drangen herauf, Autos fuhren vorbei, Schritte klatschten auf dem Pflaster, es musste verdammt spät sein.

Ich tastete nach dem Handy auf dem Nachttisch, fand es nicht. Lag wahrscheinlich auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer, das verdammte Ding.

»Franzi?«

Gewöhnlich gingen wir am Samstagvormittag möglichst bald nach dem Frühstück zum Wochenmarkt, um dem Ansturm der Touristen zu entgehen, die ab dem späten Vormittag den Platz fluteten und ein ruhiges Einkaufen unmöglich machten.

»Franzi?«

Ich nahm einen neuen Anlauf, um den Kopf zu heben und aufzustehen. Mein Körper fühlte sich an, als wären alle Knochen darin zerschlagen worden.

Was war denn nur los mit mir?

Ach, richtig, das Hoffest gestern. Die vielen Leute, Gäste, ich hatte Alkohol getrunken und … Das hätte ich nicht tun sollen. Ich vertrage keinen Alkohol. Wahrscheinlich genetisch.

… sein Blick starr, die Augen weit aufgerissen …

Ein Schauer überlief mich und ich stemmte mich mühsam, mit schmerzenden Gliedern, von der Bettkante hoch.

»Franzi?«

Ich stakste in den Flur, nackt, die Wadenmuskeln fühlten sich an wie aus Beton, ich schwitzte wie nach einem Hundertmetersprint. Ich war bereits auf dem Weg ins Bad, als ich ein schepperndes Geräusch von der Küche her hörte.

»Franzi?« War sie schon dabei, Frühstück zu machen?

In der Küche stand das Oberlicht auf, aber Franzi hatte es wohl nicht geöffnet; im Sommer blieb das Fenster auch nachts offen, sofern es nicht regnete.

Franzi war jedenfalls nicht in der Küche.

Auf einmal war das scheppernde Geräusch wieder zu hören. Es kam von draußen. Ich ging ans Fenster, das zur Hofseite hinausging, und sah hinunter. Der alte Herr Sömmering, Nachbar aus dem dritten Stock, stieß mit dem Fuß eine kleine Spielschippe der Kinder zurück in den Sandkasten an der Seite. Sie störte seine üblichen Runden. Sömmering litt unter quälenden Rückenschmerzen, nur beim Gehen, round and around im Hof, spürte er sie weniger, hatte er mir erzählt. Wann? Gestern beim Hoffest? Nein, ich konnte mich nicht erinnern, ihn überhaupt gesehen zu haben. Oder doch, anfangs hatte er noch mit seiner Frau am Ende des langen Tischs vor den Blumenbeeten gesessen, aber später? Herrgott, war doch auch egal.

Ich machte kehrt und ging zurück in den Flur.

»Franzi?«

Sie war wohl kaum ohne mich zum Markt gefahren. Musste also im Bad sein.

Ein sinnloses Wort schoss mir durch den Kopf, als ich an die Tür klopfte: Emigrant …

»Franzi, bist du im Bad?«

Wieder keine Antwort.

Ich erinnerte mich später genau, dass dieser dunkle, endlos scheinende Moment der Stille sich anfühlte, als wäre die Zeit eine dehnbare Masse.

Mir war eiskalt. Ich wusste plötzlich, dass etwas Schreckliches geschehen war, eine Vorahnung dessen, was ich zu sehen bekommen würde, sobald ich die Tür zum Bad öffnete und eintrat.

Emigrant, Emigrant, schrie die Stimme in meinem Kopf.

Ich drückte die Klinke und die Tür öffnete sich aufgrund einer leichten baulichen Unebenheit wie von allein.

Franzi lag nackt auf den weißen Fliesen, das Gesicht nach unten in einer blutroten Lache, direkt neben der Badewanne, deren Rand ebenfalls blutverschmiert war. Eine klaffende Wunde leuchtete auf dem Scheitel ihres dunkelblonden Haars scharlachrot in dem weißen Licht der Morgensonne, das durch das geriffelte Milchglasfenster hereinfiel.

Ich ließ die Türklinke los und stürzte zu ihr hin. Ich stürzte wirklich, fiel beinahe auf sie, nahm ihren Kopf in meine Hand, warf ihren Körper panisch zu mir herum, sodass ich in ihr bleiches, steifes Gesicht schauen konnte.

Ihre Augen, halb geöffnet, lagen wie unter einem Schleier.

»Franzi.«

Ich presste sie an mich, ihr Körper fühlte sich eiskalt an und zäh.

Sie war tot.

Ich weiß nicht, wie lange ich so neben Franzi im Bad kauerte. Ihrer Leiche. Die Zeit war ein Netz, in dem ich gefangen war, bis ich es irgendwann schaffte aufzustehen und zurück ins Schlafzimmer wankte.

Dort traf mich der nächste Schlag.

Am Fußende des Betts, auf Franzis Seite, lag halb zusammengerollt ihr weißer Frotteebademantel. Ich faltete ihn auseinander, er war voller Blutflecken. Auf den ersten Blick sah er aus wie das blutige Fell eines Schlachttiers.

Ich rannte ins Bad, um mich ins Waschbecken zu übergeben. Kotzte mir buchstäblich die Seele aus dem Leib.

Hinterher fühlte ich nichts mehr, alles war taub, von den Füßen bis zum Kopf: stumpf und leer.

Ich kann nicht sagen, warum ich die Feuerwehr und nicht die Polizei angerufen habe. Kann mich nicht mal entsinnen, überhaupt angerufen zu haben. Weiß auch nicht, wie lange es dauerte, ehe heftig gegen die Wohnungstür geklopft wurde, noch, was ich in der Zwischenzeit gemacht habe. Keine Ahnung.

Ich weiß nur, dass mit einem Mal Menschen in der Wohnung waren: behelmte Feuerwehrleute in Blau und Gelb und ärztliche Notfallhelfer in Orange, von denen mir einer wie nebenbei eine Wolldecke überlegte; ich war noch immer nackt, wie mir erst jetzt auffiel.

Ein Arzt fragte mich nach der »verletzten Person« und stürmte ins Bad, nachdem ich mit dem Finger in die Richtung gewiesen hatte. Kurz darauf kam er wieder heraus und schüttelte den Kopf, indem er den – wie ich annahm – Einsatzleiter der Feuerwehr ansprach, einen Bären von Mann.

»Die Person ist tot. Seit Stunden.« Der Arzt schwenkte sein blasses, rundes Gesicht für eine lange Sekunde zu mir herum und wandte sich dann wieder an den Einsatzleiter. »Keine natürliche Todesursache.«

Der »Bär« starrte ihn an. Dann klatschte er plötzlich in die Hände und rief, quasi in alle Richtungen: »Okay, Leute, sofort den Raum verlassen, nichts anfassen, Treffpunkt Einsatzfahrzeug. Wir haben hier einen Tatort.«

Seine Männer, drei oder vier stumm konzentrierte Gestalten, sammelten sich im Flur und verschwanden mit ihrem Leiter ins Treppenhaus.

Die Notfallhelfer blieben. Das blasse Gesicht des Arztes war auf einmal dicht vor mir. »Warum haben Sie nicht gleich gesagt, dass die Frau tot ist? Unsere Information war, sie sei schwer gestürzt.«

Ich nickte. Aber hatte ich das wirklich gesagt?

Der Arzt sah mich prüfend an. »Sie gefallen mir nicht.« Er dirigierte mich in die Küche und drückte mich behutsam auf einen Stuhl. Untersuchte meine Augen mit einer winzigen Taschenlampe, prüfte meinen Puls. Seine Brauen zogen sich kritisch zusammen. »Ich gebe Ihnen was.« Er kramte ein Medikament aus seinem Koffer, zog eine Spritze damit auf, präparierte meinen linken Arm und verpasste mir die Injektion, alles kühl, schnell und routiniert.

Anschließend fixierte er mich. Ich wich seinem Blick aus und starrte auf die hölzerne Tischplatte. Dass ich sie kürzlich noch geölt hatte, erschien mir jetzt als die denkbar sinnloseste Aktion der Welt.

Sie gefallen mir nicht. – Verflucht, ich gefiel mir selbst nicht. Und das schon seit …

… am Boden, ein zerschlagener Haufen Knochen und Fleisch …

Im Flur stritt sich der Notfallarzt mit der Polizei, die inzwischen da war. Und komplett das Kommando übernommen hatte.

»Sie haben was getan, Doktor? Dem Mann ein Kreislaufmittel verabreicht? Einem Tatverdächtigen?«

»Einem Notfallpatienten. Meinem Patienten, Frau Kommissarin. Aber jetzt gehört er Ihnen.«

Die Kommissarin, eine Frau von Mitte 40 mit kurzen blonden Haaren, schüttelte verärgert den Kopf. »Vielen Dank auch. Mit schönen Grüßen von unserer forensischen Abteilung, wenn sie seine Blutwerte untersuchen darf. Um zu prüfen, was er so intus hatte.«

Der Notfallhelfer verließ ohne weiteres Wort mit seinem Team die Wohnung. Ein anderer Arzt, offenbar ein Assistent des Forensikers, der Franzi im Bad untersuchte – ihren toten Körper –, hatte sich in den Streit nicht eingemischt und verstaute unbeeindruckt die Blutprobe, die er meinem rechten Arm entnommen hatte, in einem Metallkoffer mit einer schützenden grauen Schaumstoffeinlage.

Plötzlich erschien mir das alles absurd. Lächerlich und sinnlos. Ich stand auf, um ins Bad zu gehen. Es war ja ganz unmöglich, dass Franzi tot war. Sie lebte. War nur eben ausgegangen, zum Markt, sie …

»Halt, stopp-stopp-stopp, Kollege!« Ein uniformierter Polizist, der direkt hinter mir stand, drückte mich an den Schultern zurück auf meinen Stuhl.

»Aber sie ist nicht … Ich will zu ihr.«

»Sie gehen nirgends hin, Herr Zöller.«

Die Kommissarin kam in die Küche, während der Assistenzarzt hinausging, streckte auffordernd einen Arm aus und winkte mit der Hand. »Sie kommen mit uns, Herr Zöller. Ins Präsidium. Wir stören hier nur die Kollegen von der Spurensicherung. Und wir haben ja Ihre Aussage noch nicht. Na, kommen Sie.«

Ich sah sie an, dann an mir herunter. »Aber ich habe nichts … Nur diese …« Die Wolldecke des Notfallteams. »Ich möchte mich anziehen. Geht das?«

»Nein. Sie bekommen Sachen von uns.« Sie warf dem uniformierten Kollegen hinter mir einen Blick zu und er verschwand. »Alles in dieser Wohnung ist derzeit Beweismittel, Sie können nicht darüber verfügen, tut mir leid.« Ihre blauen Augen musterten mich kalt.

Der Polizist, den sie fortgeschickt hatte, kam mit einem verschweißten schwarzen Plastikbeutel zurück, auf dem stand: »Eigentum der Polizei«. Er riss ihn auf und holte einen Satz grauer Unterwäsche, einen marineblauen Jogginganzug und ein Paar billiger Schlappen heraus.

Die Kommissarin verließ die Küche und ich zog mir die Sachen an. Sie legten mir keine Handschellen an, aber der uniformierte Polizist folgte mir wie ein Schatten, als wir die Wohnung verließen und die vier Stockwerke hinuntergingen.

Im Durchgang zur Straße warf ich einen Blick in den Hof. Dort hatte sich ein Polizist in Zivil vor dem alten Herrn Sömmering aufgebaut und hinderte ihn daran, weiter seine Runden zu drehen. Offensichtlich wurde er noch an Ort und Stelle als Zeuge vernommen. Sömmering blickte sich hilflos um. Im selben Moment entdeckte er mich. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Er hob zaghaft eine Hand. Als ich seinen Gruß erwidern wollte, reagierte der Schatten in meinem Rücken blitzschnell, er griff nach meinem halb erhobenen Handgelenk, drehte mir den Arm auf den Rücken und verpasste mir einen schmerzhaften Stoß gegen die Rippen.

»Was soll das?« Glaubte dieser Polizist, ich würde in Zeichensprache rasch noch Informationen mit meinem Nachbarn austauschen? Einem alten Mann wie Sömmering, meinem Mittäter womöglich? Wie absurd war das alles.

»Was das soll?« Ich hörte verächtliches Schnauben in meinem Nacken. »Das müssen Sie erst mal uns erklären. Oder wollen Sie behaupten, Ihre Frau hätte sich den Kopf am Badewannenrand aufgeschlagen?«

»Sie ist nicht …« Ich bekam einen Hustenanfall. »Sie ist nicht meine Frau.«

»Nein. Jetzt nicht mehr. Sie ist tot.«

Sie ist tot.

Die Brutalität, mit der er diesen Satz herausstieß, traf mich wie ein Schlag mit dem Bolzen. Der Schmerz des endgültigen Begreifens, dass Franzi – meine Franzi! – nicht mehr lebte, brannte sich durch meinen Körper wie ein Nervengift.

Rauchgrau gestrichene, kahle Wände bis auf eine großflächig mit Spiegelglas versehene Seite. Ein länglicher Tisch aus weißem Resopal, je zwei Stühle an den beiden Längsseiten.

Ich befand mich in einem nahezu quadratischen Raum, irgendwo im Polizeipräsidium. Mir gegenüber saß die Kommissarin mit der Blondhaarfrisur, ihr Name war Jenewein, wie ich jetzt erfuhr. Daneben ein großer, breitschultriger, jüngerer Kollege, Mitte 30, mit dunklen Locken und einem Fünftagebart, der sich lückenhaft über seine Wangen verteilte. Er stellte sich mir als Lenhoff vor, während seine Kollegin noch mit ihrem Handy telefonierte und offenbar ihrem Kind versprach, bald zu Hause zu sein.

Die Situation kam mir vollkommen unwirklich vor und die beiden Kriminalbeamten wie Schemen in einem Schattenspiel, dessen Sinn und Ziel ich nicht begriff.

Ich versuchte dennoch, mich zu konzentrieren, auf das, was die Polizisten von mir erfahren wollten. Umso schneller würden sie mich hoffentlich in Ruhe lassen.

Die Kommissarin steckte ihr Telefon weg und klärte mich dann sehr formal über meine Rechte auf. In einem monotonen Singsang, der in nichts an die gefühlvolle Stimme erinnerte, mit der sie noch vor wenigen Sekunden ihr Kind getröstet hatte.

»Sie haben das Recht, einen Anwalt hinzuzuziehen, Herr Zöller. Falls Sie Sorge haben, Sie könnten sich selbst belasten.«

Aber ich hatte keine Sorgen, mich selbst zu belasten. »Wieso sollte ich?« Ich würde einfach die Wahrheit berichten.

»In Ordnung. Dann bitte.« Sie wies mit der langgliedrigen Hand auf ein Mikrofon an einem schmalen beweglichen Stab, der vor mir aus der Tischplatte wuchs.

Ich öffnete den Mund, aber ich bekam plötzlich kein Wort heraus.

Der jüngere Beamte, Lenhoff, beugte sich vor und zog erwartungsvoll die Brauen hoch. »Was ist letzte Nacht passiert in Ihrer Wohnung, Herr Zöller?«

Ich hustete in meine Faust, etwas lockerte sich in meiner Kehle, und meine Stimme kehrte zurück, wenn auch dünn und flatternd. »Ich weiß nicht, was passiert ist. Wie es passiert ist. Ich …« Eigentlich konnten wir an dieser Stelle bereits Schluss machen. Ich wusste wirklich gar nichts. Nichts, was Franzis Tod betraf.

Die Kommissarin nickte, durchaus verständnisvoll, schien mir. »Na gut, dann beginnen wir anders, Herr Zöller: In welchem Verhältnis standen Sie zu der Toten, Franziska de Witt?«

»Sie ist meine Freundin. Wir sind …«

Lenhoff schüttelte leicht den Kopf. »Sie waren, Herr Zöller. Sie müssen sich schon der Realität stellen, sonst kommen wir hier nicht weiter. Das verstehen Sie doch?«

Eigentlich verstand ich gar nichts mehr. Aber ich begriff, dass ich mitspielen musste, so gut es ging. »Also gut: Wir waren ein Paar, Franzi und ich. Nicht verheiratet, aber zusammen.«

Lenhoff blinzelte zufrieden, Jenewein, die Kommissarin, fing meinen Blick auf. »Wie lange waren Sie zusammen?«

»Seit knapp zwei Jahren.«

Sie fixierte mich eindringlich mit ihrem stahlblauen Blick. »Ihre Freundin war erst 25. Deutlich jünger als Sie.«

»Neun Jahre, ja.« Ich zuckte die Achseln. »War nie ein Problem. Vielleicht für andere. Aber nicht zwischen uns.« Ich war 34, kein alter Mann.

Dennoch schien die Kommissarin der Altersunterschied zwischen Franzi und mir zu irritieren. Sie sah mich nachdenklich an.

Lenhoff, ihr Kollege, der sich bisher entspannt zurückgelehnt hatte, gab sich plötzlich einen Ruck. »Wie genau, Herr Zöller …« Er wuchs geradezu über den Tischrand hinaus, um mir mit gestrecktem Oberkörper weit entgegenzukommen. »Und wann ist Ihre Freundin zu Tode gekommen?«

»Glauben Sie mir, ich weiß es nicht. Ich bin heute Morgen aufgewacht, ziemlich spät für meine Verhältnisse, Franzi lag nicht im Bett. Ich stand auf und fand Sie im Bad.«

Emigrant, Emigrant … Wieder schoss mir dieses sinnlose Wort wie eine Breaking-News-Meldung durch den Kopf.

Jenewein setzte nach. »Das war alles? Ich meine, mehr können Sie uns nicht dazu sagen?«

Ich zuckte die Achseln. »Nein. Leider. Nein.«

Lenhoff legte seine große knochige Hand an beide Stirnseiten, sodass seine Augen einen Moment lang halb verdeckt waren. Als er die Hand wieder fortnahm, wirkte er plötzlich sehr unzufrieden, beinahe enttäuscht von mir. »Das müssen Sie uns erklären, Herr Zöller: In Ihrem Bett liegt der blutverschmierte Frotteemantel des Opfers …«

»Franzis Bademantel, ja.«

»Aber Sie übersehen das und suchen seelenruhig Ihre Freundin in der Küche, im Bad? Habe ich das richtig verstanden?«

»Ich … kann es mir auch nicht erklären. Ich habe den Mantel erst bemerkt, als ich aus dem Bad zurückkam. Nachdem ich Franzi dort entdeckt hatte.«

Die Augen der Kommissarin funkelten mich auf einmal wütend an. »Mit einer klaffenden Wunde auf dem Scheitel fanden Sie sie dort, Herr Zöller. Wir haben zwar noch nicht den Abschlussbericht des Forensikers, aber nicht nur er, sondern jeder Laie erkennt sofort, dass Ihre Freundin nicht gestürzt, sondern höchstwahrscheinlich erschlagen wurde. – Aber Sie haben davon nichts bemerkt, nein?«

»Ich …« Meine Stimme versagte mir auf einmal wieder, war plötzlich weg.

Lenhoff schien das für eine Masche zu halten. »Wir sind ganz Ohr, Herr Zöller.«

Ich hustete und schluckte und fand endlich krächzend die Stimme wieder. »Ich kann mir das alles nicht erklären.«

Lenhoff sah mich ungehalten an. »Womit, Herr Zöller? Und wo haben Sie es versteckt?«

»Was? Was meinen Sie?«

»Das Tatwerkzeug. Falls Sie es in den Müllcontainer geworfen haben, geben Sie es besser jetzt zu. Bevor wir es darin finden. Unsere Kollegen durchsuchen und sichern jedes einzelne Teil in Ihrem Hausmüll und den Müllcontainern sämtlicher Straßen im Umfeld. – Also, Herr Zöller, wo?«

»Hören Sie … Ich …« Auf einmal wurde mir klar, worauf das Ganze hinauslief. »Sie denken allen Ernstes, ich hätte Franzi ermordet? Hätte ihr brutal den Kopf eingeschlagen? Wie …« Wie einem Schlachttier.

Jenewein, die Kommissarin, beugte sich wieder vor. Sie atmete tief durch, ohne erkennbare Emotion in ihrem glatten, hellen Gesicht. »Was sollen wir anderes denken, Herr Zöller? Das Tatortbild erzählt uns bislang nichts anderes, als dass Franziska de Witt ermordet wurde. Und zwar von Ihnen.«

Mein Herz begann wieder zu rasen, mein Kopf war heiß, die Beine eiskalt. Aber mein Verstand arbeitete jetzt auf Hochtouren.

»Sie sagten, ich hätte das Recht auf einen Anwalt!«

Jenewein nickte. »Richtig. Darauf haben wir Sie pflichtgemäß hingewiesen.«

Lenhoff runzelte die Stirn, was Wellen schlug bis hinauf zum Haaransatz. »Aber Sie sagten doch, Sie wollten darauf verzichten, Herr Zöller.«

»Ich will jetzt meinen Anwalt sprechen. Er heißt Hüninger.«

Die beiden sahen sich an. Nicht unzufrieden mit dem Verlauf des Verhörs, schien mir.

Jetzt bekam ich richtig Angst. Diese urzeitliche Sorte Angst des Menschen vor der Bestie. Einer ganzen Meute von Bestien.

»Ich will meinen Anwalt sprechen. Sofort.«

Jenewein hob beschwichtigend die Hände. »Selbstverständlich dürfen Sie.« Sie sah auf ihre Armbanduhr und beendete die Vernehmung mit einer formalen Floskel, wie sie sie begonnen hatte. »Sie dürfen von unserem Festnetz aus telefonieren.«

»Danke. Aber wann bekomme ich mein Handy zurück? Meinen Computer?«

Die Kommissarin zuckte die Achseln und verließ mit ihrem Kollegen, der mich nicht mehr ansah, den Raum.

Ein uniformierter Beamter kam herein und streckte den Arm nach mir aus. »Kommen Sie. Ich zeige Ihnen, wo Sie telefonieren können.«

»Danke.« Ich atmete durch.

Aber was sollte ich Hüninger anderes erzählen als der Polizei? Was war geschehen letzte Nacht? Ich wusste wirklich nichts.

Hüninger war seit Jahrzehnten unser Familienanwalt gewesen. Er hatte besonders meinen Vater in etlichen Strafverfahren vertreten, vor allem natürlich, wenn es um die Firma, ihre Geschäftspraktiken ging. Hüningers Kanzlei hatte auch mich vertreten, damals …

… unter gespenstischen Schatten …

Aber Hüninger & Partner waren nicht auf »Kapitaldelikte« spezialisiert, Mordanklagen. Das sagte er mir ganz unverblümt, nachdem ich seine Sekretärin endlich so weit hatte, dass sie ihren Chef aus einem Meeting herausholte, um mit mir zu telefonieren.

Er kam wie immer gleich zur Sache, nachdem ich ihm meine Situation nach der ersten Vernehmung geschildert hatte. Vermutlich hörte ich mich für ihn reichlich wirr an.

»Was wirft man Ihnen vor, Jonas?«

»Die Polizei glaubt anscheinend, dass ich Franzi … erschlagen habe.«

Ich hatte gehofft, erwartet, dass Hüninger sich spontan entrüsten würde, dass er »absurd«, »unglaublich« oder etwas Ähnliches ausrufen würde.

Stattdessen: sekundenlang nichts. Schweigen.

Dann: »Ich kann den Sachstand von hier nicht beurteilen, Jonas. Und wir haben auch keine Dependance in Berlin, wie Sie wissen. Aber wir kooperieren in Strafsachen seit ein paar Jahren mit Brunner und Kerschenbroich, die seit letztem Jahr auch einen jungen Anwalt beschäftigen, der vorher bei Kapitaldelikten offenbar sehr erfolgreich war. Hab ihn vor einiger Zeit mal kennengelernt, Belz heißt er, guter Mann, scheint mir, engagiert, aber mit dem nötigen Blick für das Machbare.«

Er versprach mir, mit diesem Belz Kontakt aufzunehmen und ihn »über den Fall« (über mich, hieß das) zu informieren. Belz werde sich dann direkt mit mir in Verbindung setzen oder für Ersatz sorgen, falls ich das wünschte.

»Formal gesehen befinden Sie sich in Polizeigewahrsam. Die U-Haft könnte drohen. Aber das müsste ein guter Mann wie Belz vorerst abwenden können.« Vorerst? Er ließ zwei, drei Sekunden verstreichen. »Weiß Ihre Mutter von der Sache?«

»N-nein.«

Du bist die Tragödie meines Lebens, Jonas.

Wieder konnte ich ein Husten nicht unterdrücken. »Nein, noch nicht.«

»Soll ich sie für Sie informieren?«

»Nein, danke. Ich rede selbst mit ihr.«

»Alles Gute, Jonas.«

Der Raum hatte die Größe meines kleinen Arbeitszimmers zu Hause, etwa zwei mal sechs Quadratmeter, Pritsche, Tisch, zwei Stühle, Waschbecken und offenes Klo. Ich war überrascht, dass die Wände tapeziert waren, doch als ich mit der Hand darüberfuhr, stellte ich fest, dass es sich um hellgrauen Rauputz handelte.

Das schmale Fenster befand sich unerreichbar hoch über meinem Kopf. Es war heiß und stickig wie in einem Käfig, der in der prallen Sonne schmorte, und ich tigerte darin umher wie ein gefangenes Tier.

Noch nie in meinem Leben hatte ich die Erfahrung gemacht, in einem Raum eingesperrt zu sein. Es raubt einem die Gewissheit, ein Mensch zu sein.

Aus Jonas Zöller war »der Tatverdächtige Zöller« geworden. Als die schwere Metalltür hinter mir geschlossen wurde, traf mich diese Erkenntnis wie ein Keulenschlag. Bis zu dem Moment war ich mir dessen zwar bereits bewusst gewesen, doch in diesem Käfig fühlte ich sie körperlich.

Was ich jedoch weder begriff noch fühlen konnte, war, dass aus Franzi »der Mordfall Franziska de Witt« geworden war.

Es war erst Stunden her, dass ich Franzi im Bad gefunden hatte. Ihre Leiche. Und doch kam es mir vor, als seien Jahre vergangen, so viele Jahre, dass die Tatsache selbst, so unabweisbar sie auch war, mir bereits ganz unwirklich erschien.

Das alles war nicht geschehen! Franzis zertrümmerter Kopf, all das Blut im Bad, auf den Fliesen, an den Wänden, an ihrem Bademantel … das blutige Fell eines Schlachttiers … Es war ganz und gar unmöglich, dass das passiert war: Franzi. Mir.

Ich versuchte mich zu beruhigen. Setzte mich auf die Pritsche, sah mich plötzlich wie von außen, von hoch oben dort sitzen, in einer Zelle, Polizeigewahrsam, in Sachen, die nicht mal mir gehörten, »Eigentum der Polizei«, eben noch Jonas Zöller, dann Zeuge, jetzt Tatverdächtiger. Mordverdacht.

Ja, Franzi war ermordet worden. Irgendwann in der vergangenen Nacht hat jemand sie erschlagen. Von hinten, wie es aussah, heimtückisch, was sonst.

Wer, verflucht, hatte das getan?

Wie? Womit?

Das »Tatwerkzeug«. Als wäre Morden ein simples Handwerk.

Aber ich kann es nicht gewesen sein!

Ich war zwar da.

Aber nicht bei mir.

Ich habe geschlafen, tief, fest, so fest, dass ich nicht mitbekommen habe, was passiert ist.

Ich erinnere mich nicht.

Oder doch, ich erinnere mich: das Hoffest gestern – war es gestern? Ja, gestern Nachmittag und Abend. Die vielen Gäste, Nachbarn, die alten Sömmerings, Öztürks, die Michalik, selbst Ehemalige aus dem Haus wie Jürgen Klepper, Freunde und Kollegen wie Svenja und Steven Jones, Maja – nein, Maja nicht, sie war verhindert gewesen. Aber Franzis Mutter war gekommen, mit Gerd, ihrem Mann. Und: Christian. Dr. Christian Zöller, Musterarzt, Mustersohn (Muttersohn), doch alles andere als ein Musterbruder.

Das lang geplante Sommerfest im Hof. Glück mit dem Wetter, gute Stimmung, spielende Kinder zwischen den Erwachsenen, bis am Abend der Alkohol floss.

Ich habe getrunken, Wein, Bier. Aber wie viel?

… noch nie vertragen … genetisch …

Und dann?

Was dann, verflucht?

Belz hieß in Wahrheit Belzig und war auch nicht mehr so jung, wie Hüninger ihn mir geschildert hatte. Das beruhigte mich etwas, denn Belzig, schlank, groß, schütteres blondes Haar, stahlblaue Augen, war Mitte 40 und das ließ auf einige Erfahrung schließen, sodass mir Hüningers Urteil, »ein guter Mann«, berechtigt erschien.

Belzig kam erst gegen Abend. Da ich weder Armbanduhr noch Handy hatte, orientierte ich mich am grauer werdenden Licht, das durchs hohe Fenster fiel; bald danach wurde die Deckenlampe eingeschaltet, kaltes weißes Licht aus einer Leuchtstoffröhre in unerreichbarer Höhe. Vielleicht Selbstmordprophylaxe.

Belzig klatschte seine dünne schwarze Ledermappe auf den hässlich-braunen, quadratischen Tisch, zog sich den freien Stuhl heran und setzte sich mir gegenüber.

»Tut mir leid, Herr Zöller, dass ich Sie so lange habe warten lassen. Ich war wegen einer anderen Strafsache in München und bin erst vor einer Stunde zurückgekehrt.« Er sah mich direkt an. »Hüningers Sekretariat hat mir grob die Faktenlage geschildert, die Kripo gibt sich zugeknöpft, die Staatsanwaltschaft verweist auf den Haftrichter, dem Sie heute noch vorgestellt werden sollen.« Er zog die dünnen blonden Brauen hoch. »Den Termin müssen wir nutzen, Herr Zöller, um Sie hier erst einmal rauszubekommen. Wissen Sie, beim gegenwärtigen Stand der Ermittlungen kann die Polizei wohl kaum gerichtsfeste Beweise auftischen. Mögen sie nun für Ihre Schuld oder Unschuld sprechen. Denn sie muss in beide Richtungen ermitteln, die Unschuldsvermutung hat durchaus praktische Konsequenzen, das vergegenwärtigen sich unsere Mandanten oft nicht.«

»Schön zu hören.«

Belzig gestattete sich ein schmales Lächeln. »Also: Was ist passiert? Wie ist Ihre Freundin ums Leben gekommen?«

»Das weiß ich ja eben nicht!« Ich schlug mir verzweifelt mit beiden Händen auf die Oberschenkel. Und berichtete ihm in den nächsten Minuten, länger dauerte es nicht, was ich wusste. Das hieß, praktisch nichts.