Nachtgedanken - Lina Wagner - E-Book

Nachtgedanken E-Book

Lina Wagner

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Beschreibung

Nachtgedanken - Dunkle Geschichten aus Schatten und Schuld Wenn die Dunkelheit hereinbricht, erwachen sie: Geister aus vergangenen Zeiten, unheimliche Gestalten in der Stille - und Menschen, deren Taten schlimmer sind als jeder Albtraum. In dieser Sammlung erwarten dich düstere Begegnungen, unerklärliche Phänomene und Morde, die Rätsel aufgeben. Ob Gänsehaut oder Nervenkitzel - in diesen Kurzgeschichten lauert das Unheil an jeder Ecke. Bist du bereit, dich in die Finsternis zu wagen?

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ähnliche


I. HORROR- UND GRUSELGESCHICHTEN

Max

Pablo

Das Labyrinth

Statuen

Die Oase

Das Signal

II. KRIMIS UND THRILLER

Die Sache mit dem Kopf

Gegen den Strom

Der Roman

Das Spiel

Der Baum

Schneegestöber

Ich will deinen Tod

Die Kollegin

III. GASTBEITRÄGE

Nina Krasniqi - Schrank

Alice Sluyterman van Langeweyde - Kunst

Nina Krasniqi - Allein

Alice Sluyterman van Langeweyde – Nachts um vier

Nina Krasniqi – Die Idee 6380

I.

HORROR- UND GRUSELGESCHICHTEN

MAX

Der dreiundzwanzigste August war ein ganz normaler Tag. Hört sich abgedroschen an, aber alle Geschichten müssen irgendwie beginnen, nicht wahr? Wir durchlebten gerade eine Hitzewelle und ganz Deutschland stöhnte.

An diesem Abend sollte ich den achtjährigen Max babysitten. Ich hatte noch nie für diese Familie gearbeitet und war ein wenig nervös – wie immer, wenn ich ein neues Kind kennenlernte. Ich kam pünktlich zur vereinbarten Zeit und fand die Eltern schick angezogen, bereit, ihren freien Abend zu genießen. Max wirkte etwas schüchtern, streckte mir aber tapfer die Hand entgegen. Er lächelte stolz, als ich sie ihm wie einem Erwachsenen schüttelte. Das Herz eines Kindes zu gewinnen, war nie schwer. Schwer war es, seine Zuneigung – und damit in der Regel auch seine Aufmerksamkeit – aufrechtzuerhalten.

Gleich nachdem ich die Wohnung betreten hatte, fühlte ich mich unwohl – wobei ich nicht sagen konnte, woher dieses Gefühl kam. Die Familie war nett, die Wohnung sauber und modern eingerichtet, der Junge ruhig.

Es zeichnete sich ein Abend ohne große Aufregung ab. Dennoch war die Atmosphäre in der Wohnung unangenehm schwül und klamm zugleich. Die feinen Härchen in meinem Nacken stellten sich auf – ein mir unbekanntes Gefühl, welches ich auch danach nie wieder empfunden habe. Ein leichter, aber eiskalter Luftzug kroch mir den Rücken herunter, wie kleine Tausendfüßler mit Eiskristallen an den Fühlern.

Ich schüttelte die Empfindung ab. Es war ein heißer Sommer, ich war mit dem Fahrrad unterwegs und durchgeschwitzt. Jeder Luftzug wäre mir kalt vorgekommen und zu dieser Jahreszeit standen in der Wohnung alle Fenster offen. Wie in jeder anderen Wohnung unter dieser Hitzeglocke.

Ich versuchte, mich auf die Mutter zu konzentrieren, die Instruktionen herunterratterte, dennoch kam ich nicht umhin, die ungewöhnlich hohe Anzahl an Lampen in der Wohnung zu bemerken. Verwundert sah ich mich um. Überall, in jeder Ecke, selbst hinter den Schränken, standen Lampen. In jeder Steckdose steckte ein Mehrfachstecker und an jedem Mehrfachstecker hing eine Nachtlichtlampe. Noch erhellte das Tageslicht die Wohnung – eine Wohnung ohne Gardinen, ohne Rollos, ohne Jalousien.

Nur mit Mühe gelang es mir, meine Aufmerksamkeit wieder auf die Mutter zu richten. Sie informierte mich darüber, wann Max zu Abend essen, wann er ins Bett gehen sollte und wo die Notfallnummern waren. Nichts von dem, was sie sagte, war neu. Seit ich mir mein Taschengeld mit Babysitten aufbesserte, hatten fast alle Eltern dieselben Regeln. Ich nickte und wiederholte die Anweisungen fehlerfrei. Beide Eltern zeigten sich zufrieden und vergewisserten sich, dass ich keine Schwierigkeiten haben würde, nach Hause zu kommen, wenn sie erst nach Mitternacht zurückkommen sollten. Ich versicherte erneut, als Siebzehnjähriger mitten in der belebten Großstadt an einem Samstagabend keine Schwierigkeiten mit dem Heimweg zu haben, und sie machten sich bereit, das Haus zu verlassen.

Als der Vater das Auto aus der Tiefgarage holte, nahm mich die Mutter kurz beiseite. Mit einem vorsichtigen Blick in die Wohnung – Max spielte im Wohnzimmer mit Bauklötzen – flüsterte sie mir eine weitere Anweisung zu. »Max spricht gerne mit sich selbst«, sagte sie, auf jedes Geräusch aus dem Wohnzimmer lauschend. »Manchmal verstellt er seine Stimme, um uns glauben zu lassen, sein imaginärer Freund Felix wäre bei ihm.« Sie lächelte, war aber offensichtlich ein wenig genervt. »Es ist eine eher lästige Angewohnheit, aber Sie sollten sich deswegen keine Sorgen machen.«

»Danke, dass Sie mir das gesagt haben, bevor ich die Polizei wegen eines Einbrechers gerufen hätte.« Ich zwinkerte und lächelte.

Die Mutter lachte leise. Sie war beruhigt, wandte sich ab und verließ das Haus.

Ich hatte noch nie verstanden, warum Eltern so verstört reagierten, wenn ihre Kinder imaginäre Freunde hatten. Meiner Erfahrung nach taten das viele Kinder, mehr oder weniger geheim. Die Phase verging irgendwann, meist wenn sie größer wurden und die reale Clique wichtiger wurde als ein Fantasiegebilde.

Nachdem ich die Tür fest hinter mir geschlossen hatte, sah ich mich nach Max um. Er spielte im Wohnzimmer mit seinen Bauklötzen und lächelte, als er mich auf sich zukommen sah. »Magst du mitspielen?«

Ich setzte mich zu ihm auf den Boden. »Was spielen wir denn?«

Max musterte mich nachdenklich von oben bis unten. »Felix fragt, ob du eine Burg bauen kannst.«

Na, das hatte ja nicht lange gedauert, bis ich mit Felix Bekanntschaft machen durfte. Ich sah mich um. Eine Fülle von Bauklötzen war überall verstreut, darunter auch Einzelteile für eine oder sogar mehreren Burgen. Ich hatte als Kind auch gerne Burgen gebaut, also nickte ich. »Ja, sogar sehr gut.«

»Dann lass mal sehen!«, forderte mich Max heraus.

Ich suchte mir passende Bauklötze heraus und baute eine – in meinen Augen – passable Burg. Es fehlten nur noch die Prinzessin, der Drache und der tapfere Prinz, um das Bild zu vervollständigen. Was war ich emanzipiert! Max sagte die gesamte Zeit über kein Wort, sondern verfolgte nur aufmerksam jede meiner Bewegungen.

»Erbääääärmlich«, fauchte etwas in mein Ohr. Die piepsige Stimme, die von meiner Rechten kam, klang ganz und gar nicht nach Max.

Ich schnellte überrascht herum – besonders weil ich wusste, dass Max direkt vor mir, schräg zu meiner Linken saß. Ich starrte ins Leere. Genau genommen starrte ich auf den schwarzen Bildschirm des gigantischen Fernsehers, der an der Wand hing. Meine Eingeweide zogen sich zusammen. Gänsehaut lief mir in Wellen über die Arme. Max kicherte. Ich fühlte mich ertappt.

»Sehr witzig.« Ich ließ offen, ob ich mit meiner ironischen Bemerkung seinen Kommentar oder seine Fähigkeit, die Stimme im Raum von einem anderen Ort erklingen zu lassen, gemeint hatte.

»Felix hat Hunger.« Max sah mich herausfordernd an, aber ich wollte seinem imaginären Freund nicht mehr Aufmerksamkeit schenken als nötig.

»Magst du eine Pizza?« Max’ Mutter hatte uns einen gesunden Gemüseauflauf im Ofen bereitgestellt, aber sie hatte mir auch versichert, sie sei ausnahmsweise, um Max über den Abend ohne Eltern hinwegzutrösten, auch mit einer Pizza einverstanden. Also nutzte ich gern die Gunst der Stunde, denn ich hatte selbst keine Lust auf Gesundes.

»Au ja!« Max strahlte mich an.

Ich stand auf, nahm mein Smartphone und suchte einen Lieferanten aus. »Was für eine Pizza magst du gerne?«

»Peperoniiiii.« Dieses Mal zischte die Stimme in einem immer höher werdenden Ton direkt in mein Ohr. Sie hörte sich so unangenehm an wie das Quietschen von Kreide auf einer Tafel.

Da ich mich auf mein Smartphone konzentriert hatte, überraschte mich Max mit seinem Trick und ich zuckte zusammen.

»Verf… Das ist nicht fair, Max«, sagte ich verärgert, als er belustigt kicherte.

Er verstummte sofort und senkte den Blick. »Felix war’s«, verteidigte er sich schüchtern.

»Dann sag Felix, dass ich keine dummen Streiche mag! Sonst essen wir gesundes Gemüse«, sagte ich in warnendem Ton, so als warteten statt eines guten Auflaufs ungewaschene Lumpen im Ofen.

»Ich will auch lieber eine Salami«, flüsterte er.

»Warum …?« Ich unterbrach mich. Es war natürlich Felix, der Peperoni wollte. »Schon gut, ich bestelle dir eine Salamipizza.«

Mehrere Minuten lang tippte ich konzentriert hin und her, bestellte für mich eine Pizza Diavola und für Max eine mit Salami und stopfte das Smartphone wieder in die Tasche. Erst jetzt fiel mir auf, dass Max mit hängendem Kopf zusammengesunken auf dem Boden saß. Ich lief zu ihm. Ein paar Tränen tropften auf den Boden.

»Hey, was ist los, Max? Warum weinst du?«

Er sah mich an. Schluchzend. Sein kleiner Körper bebte. »Nicht böse sein«, sagte er schüchtern.

»Ich bin doch wegen der kleinen Streiche nicht böse«, versicherte ich ihm.

Er schüttelte den Kopf, sah wieder zu Boden. Es brauchte einen Augenblick, bis es bei mir klickte. »Du meinst Felix?«, fragte ich.

»Felix ist böse, weil ich Salami wollte und keine Peperoni.« Max sprach so leise, ich konnte ihn kaum verstehen. Er wirkte schrecklich verstört.

Vorsichtig legte ich ihm einen Arm um die Schultern. Er lehnte sich an mich und weinte bitterlich. »Er wird mir wehtun«, hauchte er mir ins Ohr.

Ich erstarrte, fühlte mich erneut unbehaglich. Ein imaginärer Freund war eine alltägliche Angelegenheit, mit der ein Babysitter regelmäßig konfrontiert wurde. Ein verstörtes Kind, das Angst vor dem eigenen Schatten hatte, war jedoch schwerer zu handeln. Oder sprach Max von einer realen Person? Meinte er jemanden aus seiner Familie? Jemanden, der ihm schadete?

»Wer wird dir wehtun, Max?« Schlagworte wie Polizei und Jugendamt gingen mir durch den Kopf. Alles in mir verkrampfte sich. Ich war viel zu jung für so was.

»Pssst! Niemand! Mir geht es gut. Alles gut«, flüsterte Max und blickte sich mit weit aufgerissenen Augen um. Dann schüttelte er meinen Arm ab und stand auf. Sobald er auf den Beinen war, wirkte er wie verwandelt. Keine Spur mehr von Tränen und Angst. Er lächelte sogar herausfordernd. »Die brauchen aber lange.«

Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, wusste aber nicht, was. Max war ein Kind mit einem imaginären Freund, der mir Streiche spielte, und nichts weiter. Ein wenig verärgert, dass ich mich hatte übertölpeln lassen, zog ich das Smartphone aus der Tasche. Bevor ich die App aufrufen konnte, klingelte es an der Tür.

Während des Abendessens spielte Max keine Spiele mehr. Wir aßen in aller Ruhe unsere Pizzen und Max erzählte von der Schule, von seinem Fußballverein, von seinen Freunden und seinen Lehrern. Ein ganz normaler Junge, der über ganz normale Sachen sprach.

»Du bleibst bitte hier.« Ich nahm die Kartons und brachte sie nach unten in den Keller, zum Altpapiercontainer.

Deutlich waren hinter mir Schritte zu hören. Schlurf! Tapp! Tapp! Tapp! Schlurf! Jemand schlich hinter mir her.

»Max! Ich sagte doch, du bleibst in der Wohnung«, wies ich ihn deutlich zurecht, um ihm zu zeigen, dass er sich nicht über meine Anweisungen hinwegsetzen und damit davonkommen konnte. »Oder ich erzähle deinen Eltern von der Pizza und nächstes Mal gibt es wieder nur gekochtes Gemüse.«

Die Schritte hielten inne. Ich grinste, entsorgte die Kartons und wandte mich um.

Ein Schatten duckte sich von der Tür weg und huschte kichernd davon.

Schlurf. Schlurf. Schlurf. Tapp. Tapp. Tapp. Tapp. Schlurf.

Die Schritte wurden jetzt deutlich schneller und der kleine Racker rannte nach oben. Gleich würde er steif und fest behaupten, er sei mir nie gefolgt. Ich wettete mit mir selbst, dass er sogar behaupten würde, es sei Felix gewesen.

»Max! Wir hatten eine Abmachung«, sagte ich, als ich die Wohnung wieder betrat.

Max hockte erneut zwischen seinen Bauklötzen. Die Burg stand nach wie vor da.

»Ich war nicht im Keller«, erwiderte er mit fester Stimme. »Das war Felix.«

Ich tippte mir selbst gedanklich auf die Schultern und verbuchte die Erfahrung als Sieg für mich. Der Babysitter-Job war wirklich nicht so schwer. Vielleicht sollte ich auch später im Leben was mit Kindern machen. Kindergärtner oder Erzieher oder … Die Uhr im Flur schlug acht.

»Zeit zum Zähneputzen und ab ins Bett«, forderte ich Max auf.

Er beugte sich dem abendlichen Ritual, nicht ohne das übliche Gequengel und Genörgel, das ich von so vielen Kindern in so vielen Versionen bereits kannte. Es dauerte mit allen Diskussionen, dem Wiederaufstehen, dem Ich-habe-Durst- und dem Ich-muss-mal-aufs-Klo-Ritual (»Es nennt sich Toilette« – kleiner erzieherischer Einwurf zwischendurch) insgesamt keine halbe Stunde, bis er endlich im Bett lag und bereit war, einer Geschichte zu lauschen.

An all diesen Ritualen nahm Felix erstaunlicherweise nicht teil. Mir sollte es recht sein. Meist artet das Ins-Bett-Bringen zweier Kinder – des echten und des virtuellen – in doppelten Aufwand aus. Haben Sie schon mal versucht, einer Fantasiefigur glaubwürdig die Zähne zu putzen? Eben.

Auf Max’ Bitte hin ließ ich die Nachttischlampe brennen und widmete mich dem Teil des Abends, auf den ich mich schon seit Stunden freute: auf der Couch im Wohnzimmer herumlungern, mit meinen Freunden chatten, mich durch die sozialen Netzwerke scrollen und nebenbei auf dem riesigen Fernseher einen angesagten Film streamen – auch wenn ich nicht richtig hinschaute.

Ich wachte in rot-violett schimmerndem Dämmerlicht auf. Der Film war zu Ende und der Streaming-Dienst hatte auf die Startseite geschaltet. Verschlafen sah ich auf die Uhr. Es war weit nach Mitternacht. Wo blieben nur Max’ Eltern? Ich hatte nicht vor, hier zu übernachten.

Am Fußende der Couch raschelte es leise. Ich blickte hoch. Max stand neben der Couch und starrte mich an.

»Max? Was ist?«

Er antwortete nicht. Stand nur da. Starrte mich an.

Im Babysitter-Ich-habe-hier-das-Sagen-Ton versuchte ich, meine Unsicherheit zu überspielen. »Du … Du solltest im Bett sein und nicht hier herumstehen!«

Max bewegte sich immer noch nicht. Nur seine Augen fingen das schwache Licht des Fernsehers auf und schimmerten in der Dunkelheit. Ich setzte mich auf. Wieder krabbelten eiskalte Tausendfüßler meinen Rücken hoch und runter. Mein Herzschlag beschleunigte sich, mein Atem ging schneller. Diese Augen verfolgten meine Bewegungen in der Dunkelheit. Ich schüttelte den Kopf, fing mich wieder. Meine Angst war unbegründet! Wovor sollte ich Angst haben? Max war acht Jahre alt und nicht einmal halb so groß wie ich. Vermutlich schlafwandelte er nur und benahm sich deswegen so seltsam.

Plötzlich schaltete sich der nächste Film an. Helle, bunte Farben fluteten das Wohnzimmer. Die Gestalt wich mit einem wütenden Zischlaut zurück. Mir stockte der Atem. Das Kind, das vor der Couch gestanden und mich angestarrt hatte, war nicht Max, sondern ein mir völlig unbekannter Junge.

Auf dem Bildschirm erstrahlte ein Sonnenaufgang. Er stürzte aus dem Zimmer – weg von den immer heller werdenden Lichtstrahlen aus dem überdimensionalen Fernseher. Reflexartig wollte ich die Wohnung verlassen, aber meine Babysitter-Verantwortung intervenierte. Ich konnte Max nicht allein lassen und dieser andere Junge war in seine Richtung geflüchtet. Felix? Licht! Ich brauchte mehr Licht! Ich stürzte zum Schalter und knipste das Deckenlicht an.

»Max?«, rief ich.

»Ja?«, kam es unsicher aus dem Kinderzimmer.

»Komm ins Wohnzimmer!«

»Das kann ich nicht«, rief Max.

»Warum?«

»Ich müsste durch die Dunkelheit.«

Ich begriff erstaunlich schnell. Die Nachttischlampe erhellte das Zimmer nicht ausreichend. Zwischen Max und der Tür gab es dunkle Flecken. Ich zitterte vor Sorge. Um mich. Um Max. Wer war dieser andere Junge? Wie war er ins Haus gekommen? Wie lange war er schon da? Was wollte er? Und warum fürchtete er sich vor dem Licht? Die vielen Lampen im Haus ergaben plötzlich einen Sinn.

Mit aller Macht versuchte ich mich zusammenzureißen. Ich konnte nicht einfach gehen. Ich hatte die Verantwortung für einen kleinen Jungen. Felix, wer immer das war, war auch ein kleiner Junge und ich war fast erwachsen, ihm körperlich deutlich überlegen. Ich atmete tief durch, entspannte mich, lief durch die Wohnung und schaltete jedes Licht ein, das ich finden konnte. Vor dem Kinderzimmer angekommen hielt ich inne.

»Max?«

»Ja.«

Eine Welle der Erleichterung schwappte über mich. Ich öffnete behutsam die Tür. Schnappte nach Luft. Felix stand am Rande des Lichtkegels zwischen mir und Max. Ich sah nur seinen Rücken und seinen Hinterkopf. Er war nicht viel größer als Max, dafür um einiges breiter. Verfilzte goldene Locken hingen ihm über die Schultern. Seine Kleidung war zerfetzt und über und über mit Dreck besudelt.

Er wandte den Kopf in meine Richtung. Ein kindliches Gesicht starrte mich an. Helle, von einem verwaschenen Blau geprägte Augen stierten zu mir herüber. Felix grinste. Ein grauenvolles breites Grinsen. Es entblößte zwei Reihen kaputter, löchriger, an einigen Stellen eingeschlagener Zähne. Sein Grinsen, wie aus einer dämonischen Zahnpastawerbung, warf ab den Mundwinkeln Falten und zeichnete dunkle, beklemmende Schatten auf sein junges Gesicht. Ein Sinnbild der Unschuld, von einem sadistischen Zeichner in etwas Abscheuliches verwandelt. Etwas Abstoßendes in kurzen, verdreckten blauen Hosen, in einem zerfetzten weißen T-Shirt und auf nackten Füßen in löchrigen, schwarzen zu großen Schuhen.

Ich tastete nach dem Lichtschalter. Felix zischte mich an. Wie eine Schlange, kurz vor dem Angriff. Ich betrat Max’ Zimmer und vergaß, den schützenden, von Licht überfluteten Flur nicht zu verlassen. Noch bevor ich den Lichtschalter erreichte, sprang Felix mich an und …

… durch mich durch. Er hinterließ in mir ein Gefühl einer eiskalten Dusche. Winzige Eisklumpen stürzten millionenfach auf mich ein. Mein Brustkorb zog sich zusammen. Mein Herz raste. Ich schnappte nach Luft. Dunkelheit, Kälte und Schmerz umhüllten mich. Die Kälte brannte wie Feuer. Milliarden Nadeln bohrten sich durch meine Haut. Ich wurde gebissen. Scharfe Krallen arbeiteten sich an meinen Armen und an meinem Rücken ab. Ich schrie. Schlug um mich. Traf nur Luft und Kälte, die wie Feuer brannte. Ein kindliches Giggeln kämpfte um meine Wahrnehmung, bohrte sich durch mein Ohr bis in mein Gehirn. Das fröhliche, grauenvolle Kichern eines Kindes.

Ich brach zusammen. Die Welt war nur noch Schmerz.

Dann hörte es auf. So plötzlich, wie es begonnen hatte. Um mich herum war Licht. Ich drehte mich träge um, denn mein Körper kämpfte mit dem Echo des Schmerzes.

Max stand am Lichtschalter. Die Deckenlampe tauchte das Zimmer in einen warmen, wohltuenden Lichtschein. Max zitterte und schluchzte.

Ich rappelte mich auf, schüttelte die letzten Nadelstiche auf meiner Haut ab und erlangte wieder Kontrolle über mich.

»Geht es dir gut?«, fragte ich Max. Es reichte nur zu einem Flüstern.

Max nickte, sah sich um. Sein Blick blieb an einer dunkleren Ecke des Zimmers zwischen Schrank und Fensterbank hängen. Ich lauschte konzentriert. Laute kamen aus der Dunkelheit. Ein Wimmern, ein Jammern, ein Knurren, ein Fauchen – eine ekelerregende Mischung von Geräuschen. Felix’ Schatten sprang von einem dunklen Fleck des Zimmers zum anderen, umkreiste uns. Ich sah ihn nicht, aber Max verfolgte ihn zuverlässig mit seinem Blick.

Tapp! Tapp! Tapp! Schlurf! Schlurf!

Felix war tatsächlich mit mir im Keller gewesen. Ein grauenvoller Gedanke.

»Wir müssen sofort hier raus!«, rief ich Max zu.

»Aber …«

Ich ließ Max nicht ausreden, sondern hob ihn hoch, rannte aus der Wohnung und blieb erst auf der Straße stehen – an einem hell erleuchteten Fleck unter einer Straßenlaterne.

»Wie lange lebst du schon mit Felix?«, fragte ich keuchend.

Max kam nicht mehr dazu, mir zu antworten. Ein Auto hielt neben uns und seine Eltern stiegen aus.

»Was machen Sie mitten in der Nacht auf der Straße?«, fragte Max’ Mutter. Ihre Stimme belauerte mich aufmerksam.

Überstürzt und ohne groß darüber nachzudenken, erzählte ich von den Ereignissen der Nacht: von Felix, dem Licht, dem Angriff. Als ich sogar meinen Arm ausstreckte, um ihr die Spuren der Auseinandersetzung zu zeigen, hielt ich verdutzt inne. Keine Spuren eines Angriffs. Mein Arm war unversehrt.

»Max, bitte komm zu mir«, sagte die Mutter.

Max trippelte zu ihr und sie nahm ihn an der Hand. Der Vater baute sich demonstrativ zwischen mir und seiner Familie auf.

Ich begriff, wie verrückt die Geschichte geklungen haben musste, aber ich wusste auch, was ich gerade erlebt hatte. Ich versuchte, so ruhig wie möglich zu erklären, dass ich mir nicht alles eingebildet hatte. »Max …« Ich sah den Jungen an. »… hilf mir bitte!«

Max sah mich an. Stumm. Starr.

Dann fielen mir die vielen Lampen ein, die Nachtlichter, die Fenster ohne Gardinen oder Rollos. »Sie wissen es!«, platzte ich heraus. »Sie wissen, wer Felix ist. Die Lichter …«

»Sie sind verrückt!«, schrie mich die Mutter an. »Oder auf Drogen. Ich werde Sie der Polizei melden. Wie können Sie meinen Sohn …?!«

»Ich werde Sie dem Jugendamt melden«, fauchte ich wütend zurück.

Mittlerweile streckten einige Nachbarn neugierig die Köpfe aus den Fenstern.

»Felix, wer auch immer das ist, ist gefährlich.«

Einige Sekunden starrten mich alle drei an. Die Zeit zog sich in die Länge wie Gummi. Sicher genossen die Nachbarn amüsiert die Show. Dann wandte sich die Mutter mit Max an der Hand kommentarlos ab und ließ mich stehen.

»Und was genau wollen Sie dem Jugendamt erzählen, junger Mann?«, fragte der Vater spöttisch. »Dass ein Geist Sie verfolgt und verletzt hat? Machen Sie sich nicht lächerlich!« Er kramte in seinem Portemonnaie und zog einen Hundert-Euro-Schein heraus. »Ich denke, das ist ein angemessener Lohn für Ihre Dienste heute Abend.«

»Ich will ihr Geld nicht!« Mein Stolz verbot mir, mich bezahlen zu lassen. Ich wusste, was ich erlebt hatte und dass Max in Gefahr war, aber der Vater hatte natürlich Recht. Ich konnte nichts beweisen.

»Dann nicht.« Er zuckte mit den Schultern. »Falls Sie etwas in der Wohnung vergessen haben …« Er beendete den Satz nicht und wandte sich ab.

Ich schüttelte den Kopf.

Er ging.

Ich blieb gedemütigt zurück.

Zwei Monate später hörte ich meine Eltern beim Frühstückstisch über eine Tragödie sprechen. Eine Wohnung war abgebrannt. Die Familie hatte sich nicht rechtzeitig retten können. Der Vater, die Mutter und der Sohn waren in der verrauchten Wohnung erstickt. Als Ursache hatte die Feuerwehr einen Kurzschluss an einer Lampe identifiziert.

Ich fragte nicht, um welche Familie es sich handelte.

PABLO

Die Autofahrt von Kiel nach Köln zog sich in die Länge und die Landschaft rauschte in undefinierbaren Linien an ihr vorbei. Maja war müde. Sie bereute es mittlerweile zutiefst, nicht den Zug genommen zu haben. Doch mit all den Kleinigkeiten, die eine Trauzeugin so brauchte – angefangen beim bombastischen Kleid, dem Notfall-Kit für die Braut und den Geschenken – hatte sie schon bei der Hinfahrt dermaßen viel Gepäck zu befördern gehabt, dass eine Reise mit dem Zug ausgeschlossen gewesen war.

Nun war die Feier vorbei, doch ihr Auto wieder völlig überfrachtet, weil sie sich bereit erklärt hatte, dem Brautpaar als Transporthelferin unter die Arme zu greifen. Maja hatte sich kaum vorstellen können, wie viel Kleinkram nach einer Hochzeit übrig blieb – von Dekorationsstücken über Platzsets und kleine Geschenke für Gäste, die nicht erschienen waren, bis hin zu den Überresten der Hochzeitstorte, die jetzt gefährlich schwankend auf Majas Rücksitz thronte. Ihr Auto war bis oben hin vollgepackt, der Kofferraum platzte aus allen Nähten, auf sämtlichen Sitzen türmten sich Taschen, von denen Maja nicht einmal sicher war, was sie enthielten.

Ein lautes »Pling« holte sie aus ihrem Tagtraum. Ein hell leuchtendes Lämpchen auf dem Armaturenbrett signalisierte einen gefährlich niedrigen Benzinstand. Maja fluchte leise. Die Staus zwischen Kiel und Hamburg und später rund um Bremen hatten sie zu viel Benzin gekostet. Sie schaute auf ihr Navi, das ihr zeigte, dass sie sich in der Nähe von Dortmund befand. Maja überschlug die Entfernung bis nach Köln und kam zur unumstößlichen Schlussfolgerung, dass sie tanken musste.

Zunächst knirschte sie verärgert mit den Zähnen, besann sich dann aber. Wenn sie sowieso anhalten musste, könnte sie sich auch eine Pause und einen Kaffee gönnen. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und sie war übermüdet. Sich kurz auszuruhen, würde ihr guttun. Sie war gerade dabei, das Navi zu instruieren, nach der erstbesten Tankstelle zu suchen, als sie ein Schild sah: fünf Kilometer bis zum nächsten Rasthof mit dazugehörigem Restaurant. Maja rief zu Hause an, informierte ihre Familie, sie werde sich wohl nochmals verspäten, und fuhr geduldig weiter. Wenige Minuten später erspähte sie bereits die Abfahrt. Maja blinkte ordnungsgemäß und folgte ihr.

Überrascht stellte sie fest, dass die Straße, über die sie nun rollte, sie von der Autobahn wegführte. Dabei hatte sie explizit zu einer Autobahntankstelle fahren wollen, um nicht zu sehr von ihrer Route abzukommen. Die überhöhten Preise wären ihr gleichgültig gewesen. Sie wollte tanken, einen Kaffee trinken und schnell weiterfahren, damit sie möglichst bald zu Hause wäre, bei ihrer Familie, den Zwillingen und ihrem Mann, der sich das gesamte Hochzeitswochenende allein mit den beiden hatte herumschlagen müssen.

Wobei … Maja hatte bisweilen den Eindruck, dass Alexander es mochte, Zeit mit den Kindern zu verbringen, ohne dass ihm seine Frau permanent dazwischenredete. Nicht zum ersten Mal nahm sie sich vor, ihm mehr zu vertrauen und sich nicht mehr permanent einzu… Wo führte dieser Weg eigentlich hin?

Mittlerweile fuhr sie auf einer Landstraße durch einen Wald. Ihr Kombi war das einzige Auto weit und breit und es wurde immer düsterer, weshalb die Automatik die Scheinwerfer einschaltete. Maja seufzte tief. Musste denn alles schieflaufen an diesem Tag? Sie verringerte die Geschwindigkeit und machte sich bereit zu wenden, um auf die Autobahn zurückzukehren, als ein neues Schild sie darauf hinwies, dass die Tankstelle samt Restaurant nur noch einen Kilometer weit entfernt war. Also fuhr sie weiter.

Kurz darauf öffnete sich der Wald und ein kleines Dorf wurde sichtbar. Es sah aus wie ein typisches deutsches Dorf im Ruhrgebiet. Eine Hauptstraße und kleinere Nebenstraßen, Häuser links und rechts, Bäume am Straßenrand, Geschäfte – auffällig war lediglich, dass nirgends ein Mensch zu sehen war, weder auf den Straßen und den Gehwegen noch in den Vorgärten oder den Läden.

Das Dorf wirkte wie ausgestorben. Die Geschäfte schienen allesamt geöffnet, denn die Lichter brannten munter vor sich hin, aber niemand ging ein oder aus. Ein Café am Straßenrand mit einer hübschen roten Markise und antiquiert wirkenden Tischen und Stühlen im Außenbereich war ebenso verwaist und ein Bus stand mit geöffneten Türen an der Haltestelle am Marktplatz, jedoch ohne Fahrer oder Gäste.

All das nahm Maja zwar wahr, vergaß es aber trotz ihres unguten Gefühls dabei sofort wieder, denn das Einzige, was sie interessierte, war die Tankstelle, die ihr bereits durch zwei Schilder angekündigt worden war. Das hartnäckig leuchtende Lämpchen auf dem Armaturenbrett bereitete ihr mittlerweile ernsthafte Sorgen.

Nach der nächsten Kurve sah sie endlich das vertraute Logo einer Tankstellenkette mit der üblichen Preisliste. »Überraschend günstig!«, stellte Maja freudig fest. Sie hatte seit einer kleinen Ewigkeit nicht mehr für unter einem Euro pro Liter getankt. Ein Stück von der Autobahn wegzufahren, war doch die richtige Entscheidung gewesen, auch wenn die Reklameschilder wohl veraltet waren, denn das angekündigte Restaurant war weit und breit nicht zu sehen.

Maja hielt an einer der Zapfsäulen und lief um den Kombi herum. Es brauchte mehrere Versuche, bis aus dem Tankhahn endlich Benzin floss, weshalb Maja schon fast so weit gewesen war, es an einer anderen Säule zu versuchen. Als sie schließlich das bekannte Rattern hörte, lehnte sie sich entspannt gegen das Auto und blickte wartend umher. Die gesamte Zeit über kam kein einziges Auto vorbei. Niemand lief herum, weder Mensch noch Tier. Nicht einmal Vögel hörte sie zwitschern. In diesem verschlafenen Dorf bewegte sich schlichtweg überhaupt nichts, dabei dämmerte es doch gerade erst.

Als der Tank voll war, hängte Maja den Stutzen wieder ein und ging ins Gebäude. Sie sah sich kurz um und schnappte sich noch einen Eiskaffee und eine Tüte Chips. Nur für den Fall. Dann ging sie zur Kasse, die, wie gefühlt alles hier, verwaist war.

Maja wartete geduldig mehrere Minuten, denn die Tankstelle war klein und sie ging davon aus, dass sich ein einzelner Angestellter um alles kümmerte. Doch irgendwann wurde ihr langweilig. »Hallo?«, rief sie in die Richtung, in der sie die Mitarbeiterräume vermutete. »Hallo? Ich möchte zahlen bitte!«

Erst geschah nichts.

»Sie waren an der zwei?«

Majas Herz blieb vor Schreck fast stehen. Das unerwartete Krächzen hinter ihr veranlasste sie, hastig herumzuwirbeln. »Ja, das war ich.« Sie hielt den Kaffee und die Chips hoch. »Ich möchte zahlen bitte.«

Die Frau, etwas größer als Maja selbst und mit dunklen, fettigen Haaren, die ihr unordentlich ins Gesicht fielen, sah sie aus waschgrauen Augen teilnahmslos an und schlurfte hinter die Theke. »Das macht fünfzig Mark zwanzig.« Ihre Stimme kratzte Maja unangenehm in den Ohren.

»Mark?« Sie lachte nervös. Die Ausstrahlung der Frau rief eine vage Unruhe in ihr hervor. »Schön wäre es.« Maja spielte mit. Es gab auch in ihrer Familie Personen, meist aus der Generation ihrer Großeltern, die nach wie vor in Mark rechneten. Sie selbst war bei der Einführung des Euro zehn Jahre alt gewesen, sodass sie sich kaum noch an die längst vergangene Währung erinnern und sie auch nicht richtig einordnen konnte. »Ich hoffe, Sie nehmen auch Euro?«, schob sie scherzend nach.

»Wenn’s sein muss«, sagte die Tankstellenangestellte gleichgültig.

»Kann ich hier mit der Karte zahlen?«

»Wenn’s sein muss.«