Nachtigall im Winter - Ralph B. Mertin - E-Book

Nachtigall im Winter E-Book

Ralph B. Mertin

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Beschreibung

Ein beklemmender Mystery- und Internatsthriller um den bedrohlichen Sog von Gruppendynamik... Als der charismatische Lehrer Choran 1950 seine Stelle im Waisenhaus Königspfalz antritt, wird er aufgrund seiner unkonventionellen Unterrichtsmethoden von den Jugendlichen vergöttert. Doch Choran versucht, die traumatisierten Kriegswaisen für seine obskuren Zwecke zu instrumentalisieren. Es beginnt ein Spiel mit dem Feuer, einem Feuer, an dem sich mehr als einer verbrennt... Blogger zu "Nachtigall im Winter": "Dieses Buch hat wirklich alles was ein gutes Buch braucht. (...) Ich habe einen neuen Lieblingsautoren gefunden" (Lord Byrons Buchladen, 07. Dezember 2014)

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Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ähnliche


Ralph B. Mertin

Nachtigall im Winter

Thriller

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Ein beklemmender Mystery- und Internatsthriller um den bedrohlichen Sog von Gruppendynamik ...

Als der charismatische Lehrer Choran 1950 seine Stelle im Waisenhaus Königspfalz antritt, wird er aufgrund seiner unkonventionellen Unterrichtsmethoden von den Jugendlichen vergöttert. Doch Choran versucht, die traumatisierten Kriegswaisen für seine obskuren Zwecke zu instrumentalisieren. Es beginnt ein Spiel mit dem Feuer, einem Feuer, an dem sich mehr als einer verbrennt …

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Nachwort

1

Denver, USA, 8. Januar 1959

Es war wieder so weit. Und wie in den Jahren zuvor fand das makabere Schauspiel um sechs Uhr morgens am selben Platz statt.

Einer der ungewöhnlichsten Orte für ein Klassentreffen.

Feuchter Nebel drang durch entlaubte Baumkronen und strich über die festgefrorene Schneedecke. Nur vereinzelt trotzte das Grün einer Tanne dem weißen Einerlei.

Der Park hätte fast ein Winterbild abgeben können, von dem sich ein Maler inspirieren lassen würde, wären da nicht die Steinplatten gewesen. Wie eine Mahnwache ragten sie aus dem Schnee hervor und trugen Namen und Jahreszahlen in stiller Trauer. Und manche von ihnen wisperten die letzten Wünsche der Hinterbliebenen in den eisigen Januarwind.

»Geliebt und unvergessen«, »In Liebe, deine Enkel«, »Ruhe in Frieden«.

Mittlerweile war es fünf nach sechs. Harry rutschte auf dem Autositz hin und her und starrte auf seine Uhr. Sie verspäteten sich sonst nie, doch heute verrann die Zeit zu schnell. Viel zu schnell.

Acht nach sechs.

Noch einmal überprüfte der Reporter seine Ausrüstung. Er kaute an den Fingernägeln, und sein Blick huschte zum Friedhofstor hinüber.

Viertel sieben.

Sie kamen. Langsam und fast so geräuschlos wie der Morgennebel schlängelte sich eine Kolonne luxuriöser Autos die schmale Straße hinauf. Wie an jedem 8. Januar in den vergangenen acht Jahren.

Achtzehn von langen, dunklen Mänteln verhüllte Gestalten stiegen aus. Sie zogen die Hüte tief ins Gesicht und eilten lautlos wie Schatten an den Gräbern vorbei.

Harry Brydan zückte sein Fernglas und versuchte, etwas zu erkennen, was er in den Jahren zuvor übersehen hatte. Auf dem Beifahrersitz lagen Kameras und Objektive bereit, doch die Besucher hielten an ihrem Ritual fest. Sie umringten ein einzelnes Grab, einer begann eine Rede, und ab und zu nickte jemand. Nichts hatte sich verändert. Und doch würde er ihnen heute ihr Geheimnis entlocken. Harrys Kehle kratzte, und er konnte ein Husten nicht unterdrücken.

»Sie stinken nach Alkohol, Brydan.«

Eine Stimme, fest und klar, riss ihn aus seinen Gedanken. Harry fuhr zusammen, und es dauerte einige Augenblicke, bis es ihm gelang, die fremde Sprache einzuordnen. Er war so auf das Klassentreffen konzentriert gewesen, dass er den Gast auf dem Rücksitz fast vergessen hatte. Dabei ruhten auf dem Wissen dieser unscheinbaren Person alle Hoffnungen des Reporters. Dieser Mann war der Grund, warum sich Harry auch ein achtes Mal hierhergequält hatte.

Er sah in den Rückspiegel. Unter schwarzen Haaren stierten ebenso dunkle Augen zurück. Sie waren kalt, hatten zu viel gesehen. Harry gelang es nicht, dem Blick standzuhalten. Früher hätte er es vielleicht geschafft. Vor jenem verhängnisvollen Winter vor acht Jahren. Er murrte: »Ist das der Dank dafür, dass ich dich vom Bahnhof abgeholt habe?«

»Abgeholt würde ich das nicht nennen. Sie haben mir aufgelauert. Was wollen Sie, Brydan?«

Harry deutete auf die Trauergemeinde, die er beobachtete. »Weißt du, wer das da vorne ist?«

Sein Gast antwortete, ohne hinzusehen: »Natürlich. Was glauben Sie, warum ich hier bin.«

»Ein ziemlich umständlicher Weg für ein Klassentreffen.«

»So schlimm war es nicht. Ich bin geflogen.«

Harry pfiff. »Geflogen? Ziemlich kostspielig. Selbst mein Chef kann sich keinen Transatlantikflug leisten. Du musst sehr reich sein. Und das verwirrt mich. Immerhin hast du nie gearbeitet. Du bist aus dem Heim gleich in den Knast gewandert. Wie kommst du zu so viel Geld?«

»Ihre Aussprache ist gut. Ich hätte gedacht, dass Sie meine Sprache inzwischen verlernt haben«, ignorierte der Gast die Frage.

»Ich habe fünf Jahre in Deutschland gelebt und immer noch ein paar Freunde drüben. Wir schreiben ab und zu. Was glaubst du, woher ich wusste, wann du entlassen wirst?«

»Dann müssten Sie aber auch wissen, dass es sich gehört, mich zu siezen.«

Harry hob eine Braue. »Soweit ich mitbekommen habe, ist das eine Respektsbekundung. Hat man dich etwa im Jugendgefängnis auch gesiezt?«

Der andere lächelte und lehnte sich in den Sitz zurück. »Nein, das hat man nicht.«

»Außerdem kenne ich dich noch als Fünfzehnjährigen. Ein verstörtes Kind, das von den Ereignissen überrollt worden war. Weißt du, dass ich seit damals herauszufinden versuche, was geschehen ist und was ihr angestellt habt? Und wie zum Teufel konnten aus deinen Klassenkameraden einige der reichsten Wirtschaftsvertreter dieses Landes werden? Ihr Erfolg ist unheimlich. Ich würde ja verstehen, wenn einer, zwei aus einer Klasse derart aufsteigen. Aber nicht alle. Und sicher nicht so schnell. Wie alt sind die? Dreiundzwanzig?«

Der Gast lehnte sich vor, kam nahe an Harry heran und wisperte ihm zu: »Sie hassen sie.«

»Was?«

»Geben Sie es zu, Brydan! Sie machen meine Freunde für das verantwortlich, was aus Ihnen geworden ist.«

Schweigen.

Harry schluckte trocken, und sein Blick wanderte zum Bild einer jungen Frau. Es war vergilbt und abgegriffen. Harry trug es seit Jahren mit sich herum und hatte es ans Armaturenbrett geklemmt.

»Ist sie das?«, fragte der Gast.

Harry verzog das Gesicht und schob seinen Körper vor das alte Foto. Der Januarwind zerrte an dem Wagen und ließ ihn schaukeln.

»Wissen Sie, Brydan, warum es Ihnen nicht gelungen ist, etwas über meine Freunde herauszufinden? Sie halten zusammen. Sie sind eine Gemeinschaft. Sie leben und arbeiten nicht für sich alleine. Sie unterstützen sich. Wenn einer profitiert, profitieren alle.«

Harry sah aus dem Fenster. Das Klassentreffen löste sich auf, und die Gestalten huschten zurück zu ihren Wagen.

»Zusammenhalt«, murmelte Harry. »Ich erinnere mich daran, als ich euch zum ersten Mal getroffen habe. Ihr hättet einander nie und nimmer geholfen.«

»Natürlich nicht, wir waren Kinder.«

Harry Brydan wandte sich auf seinem Sitz um und fixierte seinen Gast. »Was ist damals passiert?« Kurz dachte er über seine Frage nach, dann fügte er hinzu: »Und was geht da jetzt noch vor?«

Sein Gegenüber seufzte und schloss die Augen. »Werden Sie sich danach besser fühlen?«

Brydan angelte einen Notizblock und einen Stift aus dem Handschuhfach. Als Einleitung schrieb er:

 

Waisenheim Königspfalz, Deutschland, 1950.

 

Seine Hand zitterte, als er die erste Frage notierte, die ihm auf der Zunge brannte. »Wer liegt in diesem Grab? Auf dem Stein steht kein Name.«

»Es ist auch nichts, worauf wir stolz sind. Was hatten Sie für eine Stellung in Ihrer Schulklasse, Brydan?«

»Wie meinst du das?«

»Hierarchie. Freundschaft oder gemeinschaftliches Lernen sind idealisierte Schlagwörter. Das existiert nicht. Jede Klasse hat eine Hierarchie.«

Harry nickte. »Ich weiß, was du meinst. Große, beliebte Jungs, hübsche Mädchen …«

»Und kränkliche, unattraktive Streber. Das System ist älter als die Menschheit und nicht nur auf unsere Spezies beschränkt. Jede Gesellschaft braucht jemanden, an dem sie ihren Frust auslassen kann. Einen Sündenbock. Das liegt in der Natur der Gruppendynamik.«

Harry Brydan blickte zum Grab zurück. »Meine Güte, was habt ihr getan?«

Der Gast legte seinen Kopf in den Nacken, als seine Gedanken zurückschweiften. »Haben Sie jemals eine Nachtigall im Winter gesehen?«

»Was? Was hat das mit …«

»Beantworten Sie die Frage, es ist wichtig, wenn Sie uns begreifen wollen. Haben Sie jemals eine Nachtigall im Winter gesehen?«

»Nein. Das sind doch Zugvögel?«

»Im Gefängnis habe ich jeden Mittag etwas Brot aufgehoben. Ich habe es auf den Sims meines Fensters gestreut und die Vögel beobachtet, wie sie fraßen. Am häufigsten kam eine Nachtigall. Wir hatten eine Art Vertrag. Ich gab ihr mein Brot, und sie sang für mich. Es war ein schöner Herbst. Einer von acht. Ihr hat es offenbar so gefallen, dass sie ihr Zugverhalten ignorierte. Noch im Winter saß sie auf meinem Sims, sang und fraß. Es war meine Schuld. Ich hätte sie nicht füttern dürfen. Irgendwann wurde ich verlegt.«

»Ich nehme an, der Vogel hat dich in deiner neuen Zelle nicht gefunden.«

»Nein. Er starb. Er ist verhungert. Eine Nachtigall kann im Winter nicht überleben.«

Brydan blinzelte und kramte in seinem Gedächtnis. »Nachtigall? Hießen so nicht auch …«

»Fangen wir von vorn an. Ich glaube, es begann, als der neue Hauslehrer kam. Ein intelligenter, weitgereister Mann. Er machte uns mit der Melodie vertraut.«

»Melodie? Welche Melodie?«

»Die Erste, die jemals komponiert wurde.«

Brydan nahm einen Ordner aus seinem Handschuhfach und durchforstete die Papiere darin. Er fand und überflog zwei Zeitungsartikel. »Eine Woche nach den Ereignissen in Königspfalz wurde ein französischer Lehrer von der Polizei vernommen. Er wurde von den Beamten als nervös und schreckhaft beschrieben. Dabei sagte er aus, einen Chor zu hören, der ihm ununterbrochen dieselbe Melodie vorsummen würde. Nur einen Monat später hat er seine Aussage zurückgezogen. Danach war es vorbei.«

»Vorbei?« Vom Rücksitz kam Gelächter. »Wer hat Ihnen gesagt, dass es vorbei ist?«

Aus seinen Unterlagen kramte Harry zwei Fotografien hervor. Schnell wandte er den Blick ab. Sie waren ihm zu blutig. »In diesem Abschlussbericht steht …«

»Abschlussbericht«, schnaubte der Gast. »Was wissen die denn? Es ist nicht vorbei, Brydan. Die Melodie spielt noch. Seit acht Jahren, und heute ist sie lauter als jemals zuvor. Aber bald. Bald wird es enden.«

»Enden? Wann?«

Der Gast lehnte sich vor. Das rissige Polster seines Sitzes knarzte. Er lächelte. »Das liegt an Ihnen, Brydan. Wann immer Sie wollen.«

Die Wagenkolonne rollte davon und verschwand im Morgennebel. Harry blickte ihnen so respektvoll hinterher, wie man einen menschenfressenden Tiger bestaunt. Er begann, auf den Block zu kritzeln. Sein Atem wurde heftiger, und sein Herz schlug schneller. In Harrys Geist überschlugen sich die Zukunftspläne. Er malte sich aus, was er mit den Informationen seines Gastes anfangen konnte.

Plötzlich zögerte er. Es war zu einfach. Dutzende Bücher hatte er gewälzt, monatelang die Berichte der deutschen Behörden studiert. In allen waren er und die Öffentlichkeit redegewandt und lautstark angeschwiegen worden. Und aus der Gruppe, die sich eine eigene Siedlung in der Nähe von Denver gebaut hatte, hatte er nicht einmal einen Pieps zu hören bekommen. Aus der Ferne hatte er die prächtigen Villen beobachtet und die steilen Karrieren der Bewohner verfolgt. Doch was immer er versucht hatte, um die Vorgänge zu ergründen, er war stets gescheitert.

Er fixierte seinen Gast. »Warum hilfst du mir?«

Der andere befeuchtete seine Lippen und senkte den Blick. »Rache«, murmelte er schließlich. »Wegen denen habe ich acht Jahre im Gefängnis gesessen. Was dachten Sie, warum ich freiwillig in Ihren Wagen gestiegen bin.«

Harry studierte die Mimik seines Gegenübers. Es war lange her, dass er sich auf seine Reporterinstinkte hatte verlassen müssen, um herauszufinden, ob ein Informant log. Ihre Blicke rangen miteinander, dann zuckte Harry mit den Schultern, und sein Gast begann zu erzählen, ohne dass der Reporter eine weitere Frage hatte stellen müssen.

»Ich glaube, wir hatten damals Sportunterricht. Normalerweise ein Albtraum für diejenigen, die es nicht schaffen, eine Kletterstange hinaufzusteigen. Normalerweise.«

2

Waisenheim Königspfalz, Deutschland, Sommer 1950

Das Heim war 1945 gegründet worden. Zwei Wochen später war es überfüllt. Waisen streiften apathisch durch die Räume, und nur den wenigsten waren noch angesengte Fotografien ihres alten Lebens geblieben. Jeder lebte und trauerte für sich allein. Es war friedlich, und es störte niemanden, dass sich über vierhundert Waisen auf einem Raum zusammendrängten, der nur für dreihundert ausgelegt war.

Fünf Jahre später war die Ruhe einer gärenden Wut gewichen. Wut über die Zustände in dem Heim. Wut über den Verlust des alten Lebens. Dieser Zorn brauchte ein Ventil, und er fand es.

Das Heim bot mehr als genug Möglichkeiten, den angestauten Ärger zu bekämpfen. In Dutzenden von Gebäuden gab es Hunderte Schatten, Ecken, Nischen oder Kellerräume. Die wenigen unterbezahlten Aufsichtslehrer konnten nicht überall sein. In den Pausen ähnelten ihre Kontrollgänge Marathonläufen. Sie schossen von einer schreienden Kindertraube zur nächsten. Brüllend entwirrten sie die prügelnden Haufen. Nach dem Grund oder dem Aggressor einer Rauferei fragten sie nie. Dafür blieb keine Zeit. Kaum waren Schrammen und blaue Flecken für harmlos befunden worden, hetzten die Lehrer zum nächsten Krisenherd.

Die Heimleitung versuchte, den Schaden durch intensiven Schulsport in Grenzen zu halten. Das sollte den Waisen Ausdauer und Kraft im Vorfeld nehmen. Ein erschöpftes Kind schläft lieber, als sich zu prügeln. So lautete zumindest die Theorie.

An dem Freitag, als einer der Gruppen ein neuer Leiter zugeteilt wurde, war es wieder so weit. Die hölzerne Sporthalle, ein umfunktionierter Pferdestall, stemmte sich mühsam gegen den Wind. Jemand hatte mit weißer Farbe einen Sportspruch auf das Dach gemalt. Niemand las ihn.

Gemeinsam stapften die beiden Gruppen der neunten Klassenstufe auf die Halle zu. Sie unterhielten sich, rissen Witze oder beleidigten einander.

Fast am Ende der zwei Gruppen trottete ein rundlicher Junge namens Felix Rosen. Er war zu klein für sein Alter, und nur selten sprachen die anderen ihn an. Er bemühte sich, Schritt zu halten, doch hatte er es nicht eilig, die Sporthalle von innen zu sehen. Er war gut in Mathe. Und er war ein Winter.

Das Schlusslicht der Gruppen bildete ein sportlicher Junge mit dunklem, zerzaustem Haar. Er schlenderte, die Hände in den Hosentaschen vergraben, hinter den anderen her und kickte ab und zu einen Stein über den Rasen. Seine Freunde nannten ihn Chris, doch das waren nur zwei, und sie waren im Moment nicht bei ihm. Die Pfeifferzwillinge hatten Gerätedienst und waren schon vor der Pause in die Halle geeilt, um Matten, Reck und Barren aufzubauen.

Chris war allein und unternahm nicht einmal den Versuch, zu seinen Klassenkameraden aufzuschließen. Über ihre fantasielosen Witze hätte er ohnehin nicht gelacht.

Chris war ein Nachtigalljunge.

 

Der Geruch von Schweiß und Kreidepulver haftete an jeder Matte, auf jeder Bank und konzentrierte sich in den Umkleidekabinen zu einem beißenden Gestank.

In einer Ecke der Umkleide saß Felix unter dem Fenster und kämpfte mit einem Knoten in seinen Schnürsenkeln. Seine Klassenkameraden waren bereits umgezogen und in der Halle versammelt.

»Verdammt, Rosen, beweg deinen Arsch!« Alexander Roth war zurückgekehrt, um den Nachzügler aufzuspüren. Sein Freund Martin Hoffmann war ihm gefolgt. Als Felix die beiden bemerkte, nestelten seine Finger noch hastiger an den verhedderten Schnürsenkeln herum.

Martin lachte: »Was ist? Probleme?« Er stieß Alexander in die Rippen, und die beiden kicherten.

Felix’ Atmung beschleunigte sich. Er hätte schwören können, dass die Knoten noch nicht da gewesen waren, als er zur Toilette gegangen war. Aber er war intelligent genug, Alexander nicht mit seiner Verdächtigung zu konfrontieren. »Ja, ich hab’s gleich«, log er.

Alexander stürmte heran und baute sich vor ihm auf. Martin lehnte sich in den Türrahmen und versperrte den Ausgang.

»Mach hin, der Direktor wird ungeduldig.«

»Das geht schon so.« Felix sprang auf, sein Schuh saß locker, und er verkrampfte die Zehen, um ihn nicht zu verlieren. »Von mir aus können wir gehen. Der Knoten ist nicht so schlimm.«

»Bist du sicher?«, brummte Alexander. »Kommst du damit die Stange rauf?«

Felix durchzuckte eine unangenehme Erinnerung. Letzte Woche hatte Köhler begonnen, Sportnoten aufs Klettern zu vergeben. Einem Nachtigalljungen war es nicht gelungen, die Stange hochzusteigen. Köhler hatte den Unterricht um eine halbe Stunde überzogen.

In Felix’ Magen begann es zu rumoren, und er wünschte, der Sportunterricht wäre nicht die letzte Stunde an diesem Freitag. Schüler reagierten im Allgemeinen unangenehm, wenn man ihnen auch nur wenige Minuten ihres Wochenendes stahl. Felix sah auf seine baumelnden Schnürsenkel und schluckte.

Ein Mann brüllte einen Befehl, und Füße trampelten über den ächzenden Holzboden. Alexander stieß Felix beiseite und rannte hinter Martin her. Felix folgte ihnen keuchend.

Als sie in die Halle kamen, hatten sich ihre Klassenkameraden bereits der Größe nach aufgestellt und standen an einer Linie stramm. Der alte Bau speicherte die Sommerhitze wie ein Treibhaus, und die schwülheiße Luft machte Felix das Atmen schwer. Er schwitzte, und dabei hatte der Sportunterricht noch nicht einmal begonnen.

»Schön, dass du auch noch kommst, Rosen. Brauchst du eine Extraeinladung? Mach hin und scher dich in die Reihe!«, fuhr Köhler den Nachzügler an, während Alexander und Martin an ihm vorbeihuschten.

Sieh ihn nicht an!, riet sich Felix und quetschte sich zwischen zwei Schüler.

Direktor Köhler war ein breitschultriger Mann in einem Trainingsanzug, der auch schon das einzig Sportliche an ihm war. Der Gürtelstrick hielt der Leibesfülle nur mühsam stand, und das schüttere blonde Haar war zu einem akkuraten Scheitel gekämmt. Der Mann beäugte Felix eine Weile, doch nachdem es dem erfolgreich gelungen war, den Blickkontakt zu vermeiden, ließ der Direktor von ihm ab.

Zum Aufwärmen rannten sie mehrere Runden in der Halle. Danach kamen Turnübungen am Barren, begleitet von wütendem Gebrüll und Beleidigungen. Es gab kaum jemanden, der die verschiedenen Figuren fehlerlos beherrschte. Köhler stolzierte zwischen seinen Schülern hin und her und taxierte sie kritisch. Um seinen Hals baumelte die Pfeife wie ein Orden.

Normalerweise betete Felix, dass die Stunde schnell vorübergehen würde. Doch heute konnten ihm die einzelnen Übungen nicht lange genug dauern. Mit jeder Minute, die sie an einem Gerät verloren, wurde es unwahrscheinlicher, dass es noch Sportnoten geben würde. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Direktor einen Test vergaß.

Köhler blies kraftvoll in seine Pfeife, und die Schüler fuhren zusammen. »Schluss jetzt. Wir haben schon zu viel Zeit verschwendet. Wir müssen heute noch eine Prüfung hinter uns bringen.« Nach einem Blick auf die Wanduhr fügte er hinzu: »Verdammt, wahrscheinlich werden wir gar nicht alle schaffen. Gibt es Freiwillige?«

Nicht in Köhlers Unterricht.

»Dann machen wir es nach Alphabet.«

Felix atmete auf.

Köhler blätterte in seinem Notenbuch, und seine Fingerspitze fuhr über die vierzig Namen der zwei Gruppen. Stehen blieb er weit unten auf der Liste bei Felix Rosen. Der Direktor sah auf.

Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen flüsterte Felix mit seinem Nachbarn.

Köhlers Miene verfinsterte sich. »Bringen wir ein wenig Abwechslung rein! Fangen wir heute mal hinten an. Weber, Ziegler, her mit euch. Die anderen halten die Klappe!«

Chris, der Nachtigalljunge, war bereits an seine Stange getreten und ging in die Hocke. Neben ihm stand Stefan Ziegler, ein Winter. Verbissen starrten sie die Stangen empor.

Nach einem Startpfiff kletterten beide los. Viel schneller, als es Felix lieb war. Zaghafte Rufe wurden laut. Die Winterschüler unterstützten ihren Kameraden, doch Köhler brüllte den aufkeimenden Jubel nieder. Chris feuerte niemand an.

Gleichzeitig schlugen die beiden an den Querbalken und rutschten herab.

Direktor Köhler nickte Felix zu, dabei verzogen sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen. »Sehr gut. So will ich das sehen. Aber es geht noch schneller! Chris Weber, das war gut, eine Zwei. Stefan Ziegler, da ist noch Raum für Verbesserungen. Drei.«

Chris trottete in seine Ecke zurück. Auf die Glückwünsche der Pfeifferzwillinge antwortete er nicht.

Felix zwang sich, nicht zu zittern, als die Nächsten aufgerufen wurden. Vogt und Schäfer. Beide lieferten eine unterdurchschnittliche Leistung.

Erst jetzt erinnerte sich Felix an den Knoten in seinen Schnürsenkeln. Mit geöffneten und haltlosen Schuhen war seine ohnehin geringe Chance, den Test zu meistern, praktisch nicht existent. Sofort begann er, an seinen Schuhen herumzuwerkeln.

Alexander Roth wurde aufgerufen. Felix bekam es nur mit, weil es der letzte Name vor seinem eigenen war. Siegessicher stolzierte Alexan-der an ihm vorbei. Der Startpfiff war kaum verklungen, da hatte Alexander den Querbalken erreicht.

»Ausgezeichnete Leistung. So will ich das bei jedem von euch sehen. Nehmt euch daran ein Beispiel.«

Alexander kehrte auf seinen Platz zurück, und Martin klatschte Beifall.

»So, wen haben wir denn als Nächstes?«

Felix spürte, wie Köhlers Blick über ihn strich. Doch seinen Knoten hatte er noch immer nicht bezwungen. Seine Hände begannen zu schwitzen und rutschten ab.

»Rosen! Du bist dran. Und einer der Pfeifferzwillinge. Nein, nicht du, Paul. Kennt ihr das Alphabet nicht? Willi, ran an die Stange! Ich rede mit dir, Rosen! Sitzt du auf deinen Ohren? Was fummelst du da an deinen Schuhen?«

Felix schnellte hoch, näherte sich schwitzend der Stange und blickte hinauf. Sie war lang und glatt und seine Hände rutschig und kraftlos. Zum Glück war sein Nachbar ein Pfeiffer. Die Zwillinge waren für ihre Unsportlichkeit bekannt.

»Auf die Plätze!« Köhler wartete, bis der Sekundenzeiger der Wanduhr in einer günstigen Position war und er nicht rechnen musste. »Fertig!«

Felix’ Hände wurden noch feuchter, und sein Herz raste.

»Los!« Köhlers Schrei hallte durch den Raum und trieb sie an, wie es nur eine Ohrfeige besser gekonnt hätte.

Felix schnellte hinauf, griff nach dem Stahl und rutschte sofort wieder herunter. Willi erging es nicht anders.

»Was soll das denn? Ihr sollt die Stange rauf und nicht runter. Bewegt euch gefälligst! Rosen, du hast doch deinen Klassenkameraden gesehen. Warum nimmst du dir nicht ein Beispiel an ihm? Benutz deine Beine! Mach es wie Alexander!«

Felix sprang erneut an die Stange. Diesmal hielt er sich auf einer Höhe.

»Und jetzt ziehen, Rosen! Du sollst ziehen. Und was ist mit den Beinen?«

Felix’ Muskeln brannten, und seinen Händen schwanden die Kräfte. Neben ihm schob sich Willi langsam an ihm vorbei.

»Rosen, sieh mal rüber, selbst Pfeiffer ist nicht so dumm wie du. Er hat es begriffen. Du sollst die Beine benutzen. Die Beine, verdammt.«

»Ich versuche es doch«, wimmerte Felix.

»Nun stell dich nicht so blöd an. Selbst du müsstest das können. Soll das die ganze Nacht dauern?«

Nach diesen Worten wurde es wieder lauter. Am lautesten waren Alexander und Martin zu hören. Sie riefen Beleidigungen und Flüche.

»Willst du deinen Klassenkameraden das Wochenende versauen? Scher dich diese Stange rauf!«

Der Sekundenzeiger der Wanduhr vollendete eine weitere Umdrehung, und schlagartig wurden die Jungs unruhig. Es war Schulschluss, und von draußen konnte man erste Jubelschreie hören. Schüler, die mehr Glück mit ihren Lehrern hatten, stürmten in die Sommerhitze.

»Keiner verlässt die Halle, solange nicht beide oben waren!«, rief Köhler und verschwand in einem kleinen Büro. Er wühlte zwischen Zetteln und begann, seinen Bericht auszufüllen. Er hatte Zeit.

Sobald sie allein waren, setzten Alexander und Martin Köhlers Beleidigungen fort. Und je lauter sie schrien, desto verbissener kämpfte Felix gegen das Schwinden seiner Kräfte. Auch wenn die Sommertage lang waren, die Nacht, wenn die Aufsichtslehrer in ihren Büros schliefen, kam bestimmt. Alexander und Martin würden sich für die Minuten, die sie von ihrem freien Tag verloren hatten, ausgiebig revanchieren.

Die beiden schrien und stachelten die anderen an. Selbst in der Nachtigallgruppe begann es. Willi hatte im oberen Drittel der Stange die Kraft verlassen, und Felix schossen Tränen in die Augen.

In der aufgeheizten Stimmung bemerkte niemand, dass ein schlanker, hochgewachsener Mann die Turnhalle betreten hatte. Schwarzgraue glatte Haare hingen ihm ins Gesicht, und seine mandelförmigen Augen waren von ersten Altersfalten umgeben. Geräuschlos näherte er sich den Schülern und beobachtete sie eine Weile.

»Seid ihr Winter?« Er schrie nicht, dennoch gelang es seiner Stimme, sich gegen den Lärm zu behaupten. Augenblicklich erstarb der Krach, und die Kinder bestaunten das fremdländische Aussehen des Unbekannten.

»Na, was ist? Ich habe euch etwas gefragt. Seid ihr Winter?«

Alexander trat vor. »Wer will das wissen?«

Der Neuankömmling lächelte und strich Alexander durch die Haare. »Bist du der Gruppensprecher?«

Alexander blinzelte. »Hä, nein. Wir haben keinen Gruppensprecher.«

»Und warum nimmst du dir dann das Recht heraus, für deine Gruppe zu sprechen?«

Alexander schwieg und sah sich um.

»Nun?«

Martin schob sich an seinem Freund vorbei und hob wie im Unterricht die Hand. Der Unbekannte nickte ihm zu.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen, aber wenn Sie sich auf die Namen der Schlafräume beziehen, dann sind wir Winter.« Mit einer ausladenden Handbewegung umschloss Martin einen Teil der neunten Klasse und Felix. »Die anderen wären dann also Nachtigall.«

»Verstehe. Danke. Was ist das hier für ein Lärm? Ich habe euch bis draußen rufen hören.«

»Der Herr Direktor lässt uns nicht gehen, bis es Rosen und Pfeiffer geschafft haben, diese Stange hochzuklettern.« Alexander schnaubte und blickte zu Felix hinauf, der immer noch keinen Zentimeter weitergekommen war.

»Und das ist ein Problem?«

»Für mich nicht«, stellte Alexander fest.

»Du kannst das?«

»Ohne Probleme. Ist doch Kinderkram.«

»So. Warum hilfst du deinem Freund dann nicht?«

Alexander runzelte die Stirn. »Ihm helfen? Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil … weil … na, weil es nicht geht. Jeder muss es selbst schaffen.«

»Das hat Direktor Köhler gesagt? Jeder muss es selbst schaffen?«

Martin mischte sich in das Gespräch ein. »Nicht direkt. Er sagte, dass wir nicht eher gehen dürfen, bis die beiden dort oben waren.«

Der Fremde rief die Stange hinauf: »Wie heißt du, Junge?«

»Felix Rosen«, keuchte der Angesprochene. Seine Kraft reichte gerade noch, um sich auf einer Höhe zu halten.

»Also, wenn ihr nicht gehen dürft, bis nicht jeder von eurer Gruppe da oben war, warum helft ihr euch dann nicht gegenseitig? Wenn du so gut darin bist«, er deutete auf Alexander, »dann solltest du ihn unterstützen, danach könnt ihr gehen. Wochenende.«

Alexander starrte sein Gegenüber an. »Ich glaube nicht, dass wir das machen dürfen.«

»Aber ich sage, dass ihr das dürft.«

»Und wer sind Sie?«

»Choran. Ich gebe Geschichte. Ich wurde euch als neuer Hausleiter zugeteilt. Freut mich, euch kennenzulernen.«

»Herr Choran? Das ist ein komischer Name.«

»Nicht Herr. Choran ist mein Vorname. Ihr müsst mich nicht siezen. Genau genommen will ich das auch nicht. Nennt mich einfach Choran.«

Die Schüler sahen den Mann verständnislos an. Es gab viele Lehrer, die auf spezielle Ansprachen oder Titel bestanden. Köhler bevorzugte das formelle Herr Direktor. Der Französischlehrer und Hausleiter der Nachtigallgruppe Pierre Leyss ein Monsieur. Doch niemand gestattete seinen Schülern, ihn zu duzen.

Choran nickte Martin und Alexander zu. »Also ihr beiden, ihr seht stark und sportlich aus. Helft eurem Klassenkameraden. Danach dürft ihr gehen. Ihr seid eine Gruppe. Es ist völlig egal, was jeder Einzelne von euch kann oder nicht kann. Ihr müsst euch gegenseitig unterstützen. Na los! Los, los!«

»Was ist, wenn ich Rosen nicht helfen will?« Alexander verschränkte die Arme vor der Brust.

Choran musterte ihn, und die freundlichen Augen verengten sich. Seine Stimme kühlte ab. »Du verstehst es nicht, oder? Es geht nicht um Felix. Du sollst nicht ihm helfen, du sollst dir selbst einen Gefallen tun. Je früher er dort oben ist, desto eher kommst du in dein Wochenende. Du kannst mir nicht weismachen, dass du das nicht willst.«

Noch bevor Alexander etwas erwidern konnte, lächelte Choran wieder und schob ihn an die Stange. Begleitet vom Schweigen seiner Klassenkameraden kletterte er zu Felix hinauf, bis er dessen Schuhe erreichte. Unschlüssig sah er hinunter. Choran nickte ihm zu, dann stützte Alexander Felix’ Schuhe auf seine Schultern ab und schob ihn die Stange hinauf. Felix schlug an den Querbalken, dann rutschten beide langsam hinab. Unten angekommen, hatte noch immer niemand ein Wort gesprochen.

Choran nickte. »Was ist? Felix war oben. Ihr habt frei, oder nicht? Geht, geht.«

Zögerlich begannen sich die Schüler in Bewegung zu setzen. Im Rausgehen boxte Alexander Felix gegen den Arm.

Von der unerwarteten Ruhe alarmiert, kam Köhler in die Halle zurückgelaufen. Als er bemerkte, dass die Hälfte der Klasse fehlte, lief er rot an. »Wer hat denen erlaubt zu gehen?« Sein Gebrüll wurde von den Wänden zurückgeworfen.

»Ich«, stellte Choran fest.

Der Direktor starrte seinen Kollegen an und rang nach Luft. Er beäugte die restlichen Schüler und zischte Choran zu: »Ich will Sie sprechen, sofort!« Er stürmte aus der Halle, und Choran folgte ihm.

Zurück blieben die verwunderten Schüler der Nachtigallgruppe.

»Mist, warum bist du nicht schneller gewesen? Du bist ein Schlappschwanz, Pfeiffer. Können wir jetzt auch gehen oder nicht?« Wütend trat ein Junge gegen die Stange, an der Willi noch hing.

Sofort fuhr Chris ihn an. »Lass ihn in Ruhe!«

»Oder was? Bist du neuerdings sein Beschützer?«

»Du lässt ihn in Ruhe, oder ich ziehe dir das Fell über die Ohren.«

»Willst du dich mit mir anlegen? Wer sollte dir schon helfen? Die Pfeifferweichlinge? Dass ich nicht lache. Du bist allein. Du hast keine Freunde, Chris.«

Chris hob eine Braue und zuckte mit den Schultern. »Du widerst mich an. Musst du deinen Frust an einem Schwächeren auslassen, nur weil du zu feige bist, zu gehen, ohne dass es dir jemand erlaubt hat?«

»Köhler hätte es uns erlaubt, wenn Pfeiffer schneller diese dämliche Stange hochgekommen wäre. Außerdem …«

Chris stöhnte und wandte sich ab. Er schlenderte Richtung Ausgang. »Willi, Paul, lasst uns abhauen! Ich habe Hunger.«

Nach und nach folgten die anderen dem Beispiel der drei, und die Sporthalle leerte sich.

3

Was erlauben Sie sich, sich in meine Unterrichtsmethoden einzumischen?« Köhler hatte Choran in sein Büro, einen der größten Räume der alten Pfalz, geführt. Das Zimmer war mit Schnitzereien und Fresken versehen, die Wände bestanden aus grauem, in klobige Formen gehauenem Stein. Der Boden war mit dunkler Eiche parkettiert, und durch das breite Bogenfenster fielen Lichtstrahlen, die die in der Luft hängenden Staubkörnchen glitzern ließen.

Entgegen der Pläne, das Sekretariat hier unterzubringen, hatte Köhler das ehemalige Königsgemach für sich gewählt. Die erhöhte Lage gestattete ihm einen umfassenden Blick über den Hof, auf dem die Kinder wie ein Ameisenhaufen durcheinanderliefen. Oft stand Köhler in den Pausen, mit Zettel und Stift bewaffnet, am Fenster und notierte die Namen der Unruhestifter. Einige Tage später dann nahm er sich persönlich der Bestrafungen an.

Doch heute tigerte er um seinen massigen Schreibtisch und warf Choran wütende Blicke zu.

»Es tut mir leid, Herr Direktor.« Leicht senkte Choran seinen Kopf. »Ich hatte keinesfalls die Absicht, mich einzumischen. Man sagte mir, dass es Ihre Anweisung war, dass die Kinder gehen können, sobald Felix Rosen und …«

»Rosen also.« Köhlers Miene verhärtete sich. Er starrte aus dem Fenster und versuchte, ihn unter den wuselnden Punkten unter sich ausfindig zu machen. Nur schwach drang der Lärm der Kindermassen zu ihnen herauf.

Choran hob eine Braue. »Haben Sie etwas gegen den Jungen?«

Abrupt stellten sich Köhlers Nackenhaare auf, er wich vom Fenster zurück und ließ sich in seinen Schreibtischsessel fallen. Mühsam zwang er sich zu einem Lächeln. »Nein, nein, wie kommen Sie darauf? Er ist ein Junge wie jeder andere, nur etwas aufmüpfig.«

»Das erschien mir nicht so. Hat es etwas mit seinem Nachnamen zu tun? Gerade der Leiter eines Waisenheims sollte doch von solchen Vorurteilen …«

Köhler sprang auf und fixierte Choran. »Was wollen Sie damit sagen? Felix Rosen ist ein Problemkind, nichts anderes.«

Hinter ihnen lachte jemand. Es war ein Mann mit kantigen Gesichtszügen und faltenlosem Nadelstreifenanzug. Mit übereinandergeschlagenen Beinen saß er auf der Couch des Büros und las die Broschüre eines englischen Internats. »Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen. Unser guter Direktor ist ein wenig nervös, seit die Polizei hier war. Jemand hat ein paar Verdächtigungen fallenlassen, und jetzt ist er gereizt, wenn man auf dieses Thema kommt. Verständlich, es könnte ihn den Kopf kosten, wenn es wahr wäre.« Er nickte Choran zu und versicherte dem Direktor: »Er hat es sicher nicht so gemeint, Friedrich.«

Köhler brummte etwas Unverständliches und sank in seinen Sessel zurück. Er atmete tief ein, dann stellte er Choran den anderen Lehrer vor. »Pierre Leyss, unser Französischlehrer. Er kommt aus Frankreich. Sie werden gemeinsam die neunte Klasse leiten.«

Pierre Leyss erhob sich, ließ die Broschüre in einer Innentasche verschwinden und schloss den mittleren Knopf seines Jacketts. Mit ausgestreckter Hand kam er auf Choran zu.

»Ah, Sie sind der Leiter der Nachtigallgruppe.«

Köhler runzelte die Stirn. »Nachtigall? Was meinen Sie damit?«

»Er bezieht sich wahrscheinlich auf die Namen der Schlafsäle«, vermutete Pierre.

Choran ging zum Fenster hinüber und deutete auf den Hof. Acht Baracken, die man aus Armeebeständen überlassen bekommen hatte, waren vor ein paar Jahren provisorisch aufgebaut worden, um die Kapazität des Heims zu erhöhen. In jeder von ihnen schliefen zwanzig Heimkinder.

»So nennen Sie doch Ihre Gruppen? Frühling, Sommer, Herbst und Winter und Amsel, Sperling, Schwalbe und Nachtigall. Oder nicht?«

Pierre nickte: »Sicher. Am Anfang waren diese Namen zwar nur zur Orientierung gedacht, aber unter den Leitern und den Schülern haben sich diese Einteilungen eingebürgert. Der Herr Direktor ist kein Gruppenleiter. Für ihn bestehen die Kinder nur aus Dokumenten.« Er deutete lachend auf eine Nische im hinteren Teil des Büros. Überfüllte Aktenschränke türmten sich im Schatten. »Für unseren Direktor gibt es nur Klassenstufen und Nummern.«

Choran kratzte sich an der Stirn. »Dann fördern Sie das Gemeinschaftsgefühl der Gruppen gar nicht?«

»Warum sollte man das tun? Das haben die Jungs doch schon innerhalb ihrer Klassen.«

»Aber zwischen den einzelnen Jahrgängen lässt sich ein funktionierendes Konkurrenzdenken viel schwerer aufbauen. Von einem Zwölfjährigen kann man nicht erwarten, dass er sich mit einem Fünfzehnjährigen messen will. Das geht nur unter Gleichaltrigen.«

Direktor Köhler fischte Chorans Personalakte aus seiner Schreibtischschublade und blätterte gedankenverloren darin. »Herr Yaji…hu…« Konzentriert starrte Köhler auf den Nachnamen, und seine Lippen formten tonlose Buchstaben. Schließlich gab er auf. »Das konnte ich noch nie aussprechen.«

Choran nickte mitfühlend. »Sagen Sie einfach Choran.«

»Wie auch immer.« Der Direktor tippte auf eine Textstelle in der Akte und schüttelte den Kopf. »Schulzeit in einem englischen Jungendinternat? Das erklärt einiges. Ich war nicht umsonst dagegen, dass das Ministerium Sie hierherversetzt. Wir sind froh, wenn wir die Aggressionen der Kinder zähmen können. Niemand will diese Art der Konkurrenz.«

Pierre jedoch musterte Choran interessiert. »Auf welchem Internat waren Sie?«

Choran lächelte und deutete, ohne Leyss anzusehen, auf dessen Jacketttasche. »Wie es der Zufall will auf dem, dessen Broschüre Sie da verstecken. Suchen Sie nach einer neuen Anstellung?«

»Natürlich nicht«, murmelte Leyss.

»Zeigen Sie doch mal!«

Widerwillig fischte er den Prospekt aus seiner Tasche. Er reichte ihn Choran, und dieser überflog das Angebot. Im Interesse der Aussöhnung lud die englische Schule eine Gruppe des Waisenheims Königspfalz zu sich ein.

»Eine Einladung? Die Noringham Academy war schon immer sehr international.« Choran nickte Köhler zu. »Das ist eine große Ehre. Welche Gruppe werden Sie schicken, Herr Direktor?«

»Meine Gruppe, und ich werden in ein paar Tagen …«, begann Pierre, doch Köhler unterbrach ihn.

»Ich habe mich noch nicht endgültig entschieden.«

Choran spielte nachdenklich mit den Fingern. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. »Wovon werden Sie Ihre Entscheidung abhängig machen? Könnte man sich noch darum bewerben? Wie ich bereits erwähnt habe … ich finde, man sollte für ein klein wenig Rivalität sorgen. Sie belebt den Gruppengeist und die Leistungen.«

Köhler drehte den Sessel in Richtung Fenster und ließ den Blick über den Hof schweifen. Getrennt voneinander spielten die Gruppen Fußball im heißen Staub. Und fast außerhalb seines Blickfeldes prügelten sich Alexander und Martin mit zwei Jungen aus der Nachtigallgruppe. »Interessanter Gedanke, Herr Kollege«, murmelte er.

Doch Leyss brummte: »Friedrich, ich halte das für keine gute Idee.«

»Dass du davon nicht begeistert bist, kann ich mir vorstellen.« An Choran gewandt fügte er hinzu: »Pierre ist wie ein Vorzeigelehrer dieses Heims. Seine Gruppe ist in allen Bereichen die beste. Und er will natürlich, dass das so bleibt. Er ist ehrgeizig, unser französischer Freund.«

»Wenn Ihre Schüler so gut sind, Herr Leyss, wovor haben Sie dann Angst?«

Pierre funkelte Choran an: »Schlagen Sie mir eine Art Wettbewerb vor?«

»Ich finde nur, dass alle die Möglichkeit bekommen sollten, um einen solchen Preis zu kämpfen. Wie oft kommen die Schüler hier raus? Wenn es ein paar Mal im Jahr ist, ist es viel. Sie werden alles geben, um für zwei Wochen ein fremdes Land sehen zu dürfen.«

Köhler verfolgte die Prügelei der Jungen noch eine Weile und notierte ihre Namen auf einem Zettel. Dann erschien ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. »Was ist, Pierre? Bekommst du kalte Füße? Er hat recht. Es könnte interessant werden.«

Pierre Leyss straffte sich und schlenderte zu einer Vitrine. Er nahm einen Obstschnaps aus Köhlers Privatbar und füllte ein Glas. Er studierte die klare Flüssigkeit einige Sekunden nachdenklich, dann stürzte er sie hinunter. »Wovor sollte ich Angst haben? Meine Schüler sind die besten.« Er schnaubte Choran an: »Offensichtlich können Sie es gar nicht erwarten, sich und Ihre Gruppe zu blamieren. Von mir aus. Montag hat die neunte Klasse Matheprüfung. Sagen wir, die Gruppe mit dem besten Durchschnitt bekommt die Einladung? Wir werden ja sehen, welche Gruppe diese Reise verdient hat. Aber seien Sie nicht allzu enttäuscht, wenn Ihre Schützlinge weit hinter meinen liegen werden.«

»Sie sind sich Ihrer Sache recht sicher. Aber ich habe die Statistiken Ihrer Schüler gelesen. Sie haben auch Ihre Problemkinder. Und Sie scheinen sie nicht in den Griff zu bekommen.« Choran stöberte in seinen Erinnerungen. »Dieser Chris und seine Freunde, die Pfeiffers, richtig?«

Pierre verschränkte die Arme vor der Brust. »Was geht Sie das an?«

»Ich meine ja nur. Und Sie können sie nicht abschieben, wie die anderen.«

»Was soll das heißen?«

Choran zuckte mit den Schultern: »Wie gesagt, ich habe mich über Ihre Gruppe erkundigt. Es scheint, als wären, seit Sie hier arbeiten, in den beiden Gruppen gezielte Änderungen vorgenommen worden. Zufälligerweise wurden gerade die Besten aus Winter nach Nachtigall verlegt. Gibt es ein bestimmtes System dahinter?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Gut.« Chorans Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. »Herr Direktor, wenn Sie mich nicht mehr brauchen, würde ich gern gehen. Ich muss noch einen Lehrplan ausarbeiten und wollte mich meinen Schülern noch einmal richtig vorstellen.« Er grinste Pierre an und fügte hinzu: »Außerdem bleibt mir nur ein Wochenende, um meine Gruppe auf den Test und den möglichen Preis vorzubereiten.«

»Na, die werden sich bedanken. Ich will heute Abend nicht in Ihrer Haut stecken. Den Jungs den Mund wässrig machen, obwohl die wissen, dass sie keine Chance haben. So hätten sie erst davon erfahren, wenn wir nach England gefahren wären. Aber gut, wenn Sie sich unbedingt das Leben schwermachen wollen. Nach dieser Blamage werden die nie wieder auf Sie hören, werter Kollege.«

Köhler unterdrückte ein Grinsen, dann warf er Choran eine Mappe mit Unterlagen und Formularen zu. »Hier drin finden Sie alles, was Sie brauchen. Unter anderem sind auch Ihre finanziellen Mittel aufgeführt. In diesem Heim ist es so geregelt, dass die einzelnen Gruppenleiter für Kleidung, Lehrmaterialien und Freizeitaktivitäten ihrer Schützlinge verantwortlich sind. Seien Sie wählerisch und sparsam mit dem Geld, mehr gibt es bis zum nächsten Jahr nicht.«

»Verstehe, wenn das alles war?« Geduldig wartete Choran auf eine Antwort, und Köhler entließ ihn mit einer schwachen Handbewegung.

»Was hältst du von dem?«, erkundigte sich Pierre, sobald sein Kollege den Raum verlassen hatte.

»Er weiß, was sich gehört. Er bittet um Erlaubnis, bevor er geht. Er stürmt nicht einfach an meine Bar, ohne zu fragen.«

Pierre feixte. »Da fällt mir ein, möchtest du auch?« Er war zur Bar zurückgekehrt und goss sich ein weiteres Glas Obstschnaps ein. »Klar, dass dir das gefällt. Aber wir müssen nicht um Erlaubnis fragen, wenn wir scheißen wollen, Friedrich. Auch wenn dir das nicht passt.«

»Ohne Rangordnung läuft eine so große Institution wie diese nicht reibungslos. Du tätest gut daran, dir an ihm ein Beispiel zu nehmen.« Köhlers Hände ballten sich zu Fäusten und zitterten.

Pierre lachte. »Nein danke, ich will meine Persönlichkeit behalten.«

Köhler verbiss sich eine Antwort und blätterte in Chorans Akte. »Hier steht, dass er in Britisch-Indien geboren wurde. Als Sohn eines britischen Archäologen und einer indischen Bediensteten. Ein Bastard also.«

»Das würde sein Aussehen erklären. Aber es wundert mich, dass der Vater ihn angenommen hat. Warum hat er das Kind nicht einfach in Indien gelassen?«

»Wer weiß, darüber steht hier nichts.« Köhler zuckte mit den Schultern.

»Kann ich mal sehen? Ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe.«

Köhler reichte Pierre die Akte.

»Ausgrabungen?«

»Offensichtlich hat er seine Kindheit damit verbracht, für seinen Vater in alten Ruinenstätten zu graben. Bis er sechzehn war, hat er nie eine Schule besucht. Und dennoch geht er nach dem Tod seiner Eltern nach London und schafft den Sprung auf ein Eliteinternat und die Universität. Kluges Kerlchen, findest du nicht?«

»Da werden Gelder geflossen sein.«

»Geld ist deine Antwort auf alles, oder?«

»Das musst du gerade sagen, Friedrich. Ohne Luxus könntest du nicht leben.«

»Lies genauer! Die Familie seines Vaters war nicht vermögend. Sie haben ihm nur das Internat gezahlt. Vermutlich, weil sie ihn dorthin abschieben wollten. Das Studium hat er mit einem Stipendium für Begabte bezahlt.«

»Bei seinen Noten frage ich mich, was er hier will. Er spricht fast akzentfrei Deutsch. Er könnte an die besten Universitäten gehen oder als Dolmetscher arbeiten. Warum arbeitet er seit Kriegsende nur in deutschen Schulen oder Internaten?«

»Was ist, Pierre? Kriegst du Bammel, dass dir jemand den Rang ablaufen könnte? Ist er ein zweiter Hahn im Korb? Ein klügerer Hahn?«

»Er hat ungewöhnliche Ansichten, das ist alles. Es ist aber noch nicht gesagt, dass dieser Konkurrenzquatsch hier funktionieren wird. Das ist kein Internat für Bessergestellte. Unsere Schützlinge haben einen schweren Schock hinter sich. Wer weiß, ob er damit fertig wird.« Pierres Blick wanderte weiter und fand Chorans Lebenslauf. »Sein Vater hat die Ausgrabungen im Industal geleitet.«

»Ist das was Besonderes?«

»Ich habe davon mal in einer Zeitung gelesen. Da war ich noch ein Kind. Wann war das? Das muss fast dreißig Jahre her sein. Damals fand man Spuren einer alten Stadt in Britisch-Indien. Oder Pakistan heißt das jetzt, glaube ich.«

»Pakistan? Nie gehört.«

»Das gibt es auch erst ein paar Jahre. Damals waren aber die Engländer dort unten und haben diese Stadt gefunden. Die soll Tausende Jahre alt sein und zu einer Hochkultur gehört haben, die bisher unbekannt war. Niemand weiß, wie so etwas möglich ist, aber angeblich haben in dieser Stadt schon Kanalisation, Wasserversorgung und eine einheitliche moderne Städteplanung existiert. Und das alles zu einer Zeit, in der in Ägypten gerade erst über Pyramiden nachgedacht wurde.«

»Bemerkenswert uninteressant«, stellte Köhler fest.

»Ja, mein Freund, das waren wirklich tausendjährige Reiche.«

Der Direktor funkelte seinen Gast an. »Hüte deine Zunge, Franzmann!«

Pierre las weiter. »Das ist faszinierend, und dieser Choran war dabei. Ich beneide ihn fast. So eine Ausgrabung ist sicher sehr spannend. Und wer weiß, vielleicht hat er ja auch etwas gefunden.«

»Was soll es da schon geben, außer Schutt?«

»Ich weiß nicht. Aber sieh es mal so: Wenn es dort nichts geben würde, hätten die Menschen schon vor Jahren aufgehört zu graben.«

»Wie dem auch sei, jetzt ist er jedenfalls hier, und du lässt dich auf diesen Wettbewerb ein.« Direktor Köhler lehnte sich in seinen Sessel zurück, nahm eine Zigarre aus einer Schreibtischschublade und steckte sie an. Er blies Pierre den Rauch ins Gesicht. Gleichzeitig trommelten die Finger seiner freien Hand auf dem Prospekt des englischen Internats, und er grinste Pierre an.

»Du hattest mir diese Reise versprochen. Ich brauche das. Das erste Treffen zwischen Schülern einstmals verfeindeter Staaten. Das klingt nach was.«

Köhler seufzte: »Geh mir nicht auf die Nerven, Pierre. Du wirst deine Reise schon bekommen. Musst dich eben ein wenig dafür ins Zeug legen. Und dich vor allem mehr um deine Schüler kümmern.«

»Und wenn mir dieser Chris einen Strich durch die Rechnung macht? Ich habe dich schon vor Monaten gebeten, ihn in eine andere Gruppe zu verlegen.« Pierre wurde lauter.

Köhler wischte die Einwände mit einer Handbewegung beiseite. »Du hast es doch gehört. Es fällt langsam auf. Wenn es dieser Choran schon merkt, dann wird es auch denen auffallen, die über deine Beförderung zu entscheiden haben. Willst du das riskieren?«

»Dann nimm wenigstens diese beiden Pfeiffers aus meiner Gruppe.«

»Ich habe es dir schon hundertmal gesagt: Die Pfeiffers bleiben, wo sie sind!«

»Aber …«

»Kein Aber!« Köhlers Schrei zerfetzte die filigranen Tabakschwaden, die wie ein Seidentuch vor ihm hingen. Auf seinem Hals pulsierten die Adern unter der Haut.

Pierre zuckte zusammen.

»Fordere mich nicht heraus, Leyss. Die Pfeiffers bleiben, wo sie sind, und du wirst ihnen jede Unterstützung zukommen lassen, die dir möglich ist. Kapiert?«

»Ja. Natürlich. Ich wüsste nur gern, warum. Was liegt dir an denen?« Pierre erholte sich schnell von dem Schreck, und der Direktor sackte müde in sich zusammen.

»Das geht dich nichts an.«

»Dann sag es mir eben nicht. Ich muss ohnehin los. Die Akte von dem Neuen nehme ich mal mit. Vielleicht finde ich noch etwas.« Er drehte sich um und stürmte auf die Tür zu.

Köhler verdrehte die Augen und rief ihm nach: »Ach übrigens, meine Frau lässt fragen, ob du nicht Lust hast, mit deiner Frau morgen Abend zum Essen zu uns zu kommen.«

»Was für eine schöne Idee. Sag ihr, dass wir gern kommen.« Nach diesen Worten verschwand Leyss aus dem Büro und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

»Sie können gehen«, murmelte Köhler in Richtung Tür. Die Zigarre schmeckte ihm nicht mehr, und seine Hand zuckte ungeduldig. Er schlug sie flach auf den Tisch und starrte die Tür an, dann trommelte er mit den Fingern auf seiner Sessellehne. Schließlich las er die Namen der Störenfriede, die er heute auf seinem Notizblock notiert hatte, und dachte an mögliche Strafen – wie so oft nach Gesprächen mit Pierre Leyss.

Er grübelte eine Weile, dann stand er auf und sah aus dem Fenster. Er beobachtete die Kinder, die über die Wiese rannten. Niemand prügelte sich, dennoch bannte Köhler ein paar weitere Namen in seinen Block.

4

Felix mied Ecken, Schatten und abgeschiedene Plätze. Die meisten kannte er, und er hatte nicht das Bedürfnis, sie wiederzusehen. Er hielt sich am liebsten auf dem großen Hof auf. Es bedeutete, stundenlang in der Sommerhitze zu braten und den festgebackenen Erdstaub zu schmecken. Kleine Sandkörnchen knirschten zwischen den Zähnen, und die trübe Luft reizte Augen und Lunge. Felix erduldete es gern, denn das Gefühl der Sicherheit gab es nur in der Nähe des Hauptgebäudes. Der Bau überragte alle anderen Gebäude der Anlage, und von jedem Erker glotzen grobschlächtige Steinfiguren herab. Dennoch war es für Felix ein beruhigender Anblick, denn jeder wusste, dass von irgendwo da oben auch Köhler eventuelle Störenfriede beobachtete.

Zusätzlich wich Felix den Aufsichtslehrern nicht von der Seite, umkreiste sie wie ein kleiner Mond seinen schützenden Planeten. Dabei ließ er seine Klassenkameraden, allen voran Alexander und Martin, niemals aus den Augen.

Felix konnte nicht mehr zählen, wie oft er Lehrer in lange, belanglose Gespräche verwickelt hatte, damit er in ihrer Nähe bleiben konnte. Manchmal funktionierte diese Taktik. Das waren die glücklichen Tage.

Zwischen den durcheinanderwuselnden Menschen bemühte sich Felix, Alexander ausfindig zu machen. Es war nicht leicht. Die Heimkinder unterschieden sich kaum voneinander. Die meisten trugen abgewetzten, grauen Stoff. Nur die Schüler der Nachtigallgruppe waren deutlich durch ihre farbenfrohe Kleidung zu erkennen. Einer von ihnen saß im Schatten eines Baumes. Es war Chris. Er las, und neben ihm spielten die Pfeifferzwillinge mit einem Fußball. Tollpatschig droschen sie auf ihr Opfer ein. Dabei wirbelten sie die trockene Erde auf und verschwanden hinter einem gelben Staubnebel. Felix erwartete, dass jemand lachte oder sie verspottete, doch nichts geschah.

Als hätte er die Aufmerksamkeit gespürt, blickte Chris von seinem Buch auf. Für einen kurzen Moment kreuzten sich ihre Blicke, dann erschrak Felix und wandte sich ab. Er wollte gehen, doch entsetzt stellte er fest, dass der Lehrer, in dessen Nähe er sich in den vergangenen Stunden aufgehalten hatte, verschwunden war. Natürlich, es war früher Nachmittag. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt erst vor wenigen Minuten überschritten und den Boden aufgeheizt. Wer konnte, zog sich in die kühlen Gebäude zurück. Der Hof leerte sich, und Stille legte sich über ihn. Nur ein einsamer Vogel sang gegen die Hitze an, doch er bekam keine Antwort. Und vor die vielen Fenster des Hauptgebäudes zogen schwitzende Menschen Vorhänge, um die Sonne auszusperren.

Felix wurde schwarz vor Augen, und das Mittagessen begann in seinem Magen zu rumoren. Schlagartig glaubte er, Alexanders und Martins Stimmen zu hören.

»Hey, du!«

Hastig streiften Felix’ Blicke über den Hof, suchten einen Aufsichtslehrer, eine Insel, auf die er sich retten konnte.

»Hey du, ich rede mit dir.«

Doch es war nicht Alexander, der ihn rief. Felix drehte sich um. Chris hatte sein Buch niedergelegt und starrte zu ihm herüber. Die Pfeifferzwillinge misshandelten unerbittlich ihren Ball.

»Was ist, sitzt du auf deinen Ohren?«

Felix sah sich um. Es war so selten, dass jemand mit ihm sprach, ohne ihm den Arm auf den Rücken zu drehen, dass ihm im ersten Moment keine Antwort einfiel. »Äh, was?«, stotterte er.

»Komm her!«

Felix hatte zu viele Jahre in Königspfalz verbracht und zu viel erlebt, um nicht sofort zu gehorchen. Folgsam, aber zögerlich trottete er näher. »Was ist?«

Chris musterte ihn eine Weile, dann lud er Felix mit einer Handbewegung ein, sich zu ihm zu setzen. Die Pfeifferzwillinge sahen auf und warteten auf Felix’ Reaktion. Der nahm die Einladung an. Ohne Chris aus den Augen zu lassen, besonders nicht dessen Hände, ließ er sich neben ihm ins Gras fallen und lehnte sich an den Baum. Dessen kühler Schatten erfrischte ihn und verdrängte den Geschmack der staubigen Luft.

Die Pfeiffers spielten weiter, und Felix beäugte Chris neugierig.

»Also, Felix, warum lässt du das mit dir machen?«

Felix verstand, wollte aber nicht antworten. Die Nacht, wenn er allein neben Alexander und den anderen liegen würde, war noch lange hin. Jetzt wollte er nicht daran denken, doch Chris ließ nicht locker. Seine dunklen Augen fixierten ihn interessiert, und er stieß Felix mehrmals mit dem Finger in den Oberarm.

»Sag schon! Warum lässt du die so mit dir reden?«

»Du verstehst das nicht.«

»Nein?«

»Du wohnst nicht in meinem Schlafsaal.«

Ohne herüberzusehen, antwortete Willi Pfeiffer. Er schien dem Gespräch nur teilweise zu folgen, seine Aufmerksamkeit galt dem Ball. »Bei Nachtigall ist es auch nicht besser.«

Chris lächelte. »Da hat er recht. Wir leben bei uns nicht grade in einer völlig anderen Welt.«

»Es ist trotzdem nicht das Gleiche.«

»Erklär’s mir!«

»Was sollte ich schon tun?«

»Du könntest dich wehren.«

Felix schnaubte: »Das hat doch keinen Zweck.«

»Und weil du davon so überzeugt bist, lässt du es bleiben? Macht es dir Spaß, wenn sie dich beleidigen?«

Felix klappte der Kiefer herunter. »Wie kannst du so etwas sagen?«

Chris beugte sich zu ihm herüber. Er kam ihm so nahe, dass Felix seinen warmen Atem auf der Haut spürte. »Ich habe euch gesehen. Letzte Woche. Montag oder Dienstag. Du weißt, was ich meine.«

Felix schwieg. Er hatte es erfolgreich geschafft, diese Nacht aus seinem Gedächtnis zu verdrängen.

»Ich konnte nicht schlafen und habe aus dem Fenster gesehen. Bei euch drüben war Licht. Und das, obwohl es schon weit nach der Sperrstunde war. Wenn Köhler euch erwischt hätte …«

»Ich habe das Licht sicher nicht angemacht.«

»Nein. Du warst damit beschäftigt, dich aus der Baracke zerren zu lassen.«

»Das geht dich nichts an.«

»Du hast nicht mal versucht, dich zu wehren.«

»Was hätte ich machen sollen? Sie waren zu viert. Wenn ich nichts tue, dann wird es wenigstens nicht so schlimm.«

»Glaubst du das wirklich?«

Felix schwieg.

»Wie lange hast du da draußen im Nachthemd in der Kälte gestanden?«

»So kalt war es nicht. Es ist doch Sommer.«

»Und du bist der Meinung, Schnee hätte Alexander abgehalten? Sag schon, wie lange hast du da draußen gestanden? Ich habe es nicht mehr mitbekommen, ich bin dann irgendwann doch wieder ins Bett.«

»Weiß nicht. Eine Stunde vielleicht?«

»Schwachsinn«, fauchte Chris laut.

Der Ausbruch überraschte Felix dermaßen, dass die Wahrheit aus ihm heraussprudelte. »Okay, okay. Es waren fast drei Stunden. Ich habe gewartet, bis sie eingeschlafen waren, und habe mich dann in mein Bett zurückgeschlichen.«

Chris schüttelte den Kopf. Auch die Pfeiffers hatten von ihrem Ball abgelassen und waren näher gekommen.

»Und du hast nichts dagegen unternommen? Du hast sie friedlich pennen lassen?«

Felix seufzte: »Noch einmal: Was hätte ich denn machen sollen? Sie waren zu viert.«

Chris hob sein Hemd. Felix zuckte und biss sich auf die Lippen. Auf Chris’ Haut erkannte er einen vertrauten Anblick. Rote Striemen durchzogen grünblaue Flecken. Sie bedeckten große Teile der Nierengegend und reichten bis zur Brust hinauf.

»Weißt du, wer das war?«, grinste Chris, und Felix schüttelte den Kopf. »Johannes Fuchs und ein paar seiner Freunde. Alle aus Nachtigall. Letzten Samstag. Erinnerst du dich ans Wochenende?«

Felix’ Pupillen weiteten sich, als er sich den darauffolgenden Tag ins Gedächtnis rief. »Fuchs? Fuchs … Da war doch was. Haben wir nicht einen Tag später in der Sonntagsmesse für seine Genesung beten müssen?«

Chris ließ das Hemd fallen, und seine Gesichtszüge wurden starr. Seine Augen bekamen einen glasigen Ausdruck, als entfernten sich seine Gedanken von diesem Schulhof. »Ich habe bestimmt nicht gebetet.«

»Es hieß, er sei die Treppe runtergefallen.«

»Die Treppe wäre sanfter zu ihm gewesen.«

»Was hast du getan?«

»Wenn sie schlafen, sind sie wehrlos.« Chris’ Blick verfinsterte sich.

»Aber …«

»Was aber? Das hättest du auch machen sollen. Was glaubst du, was es für einen Eindruck macht, wenn die, die dich verprügeln, aus ihrem Schlaf gerissen werden, weil sie hören, wie einer von ihnen um Hilfe schreit. Du hättest ihre Gesichter sehen sollen, als sie das Blut sahen. Keiner von denen hat es seitdem gewagt, mich anzufassen. Weder mich noch meine Freunde.«

Die Pfeiffers nickten zustimmend.

»Du hast wenigstens Freunde. Mir kann niemand helfen. Und außerdem bin ich nicht so stark wie du. Ich kann nicht so einfach dafür sorgen, dass man mich in Ruhe lässt.«

»Auf Stärke kommt es nicht an. In dem Moment, als ich auf Fuchs saß, war es mir egal, ob er mich in Zukunft in Ruhe lassen wird oder ob er stärker ist als ich. Ich habe es getan, weil ich ihn hasse. So einfach ist das. Wenn ich immer vor den Konsequenzen Angst hätte, würden die ungestraft davonkommen. Scheiß auf die Folgen, Felix. Du musst dir selbst in diesem Moment egal sein. Was zählt, ist nur, dem Schaden zuzufügen, der dich wie Dreck behandelt. Probier es aus.«

»Ich weiß nicht, ob ich das könnte.«

»Ja, es braucht eine gewisse Selbstignoranz. Wer ist der Anführer? Es gibt immer einen. Einer, der die anderen hinter sich hat, der sie überredet, seine dämlichen Spielchen auszuprobieren. Wer ist das bei euch?«

»Alexander Roth.« Sobald der Name seine Lippen verlassen hatte, sah sich Felix um. Doch außer Chris und den Pfeiffers war niemand in der Nähe.

»Alexander. Ein Idiotenname.«

»Das sagen sie auch über meinen. Und er ist viel stärker als ich.«

Chris zuckte mit den Schultern. »Wer sagt denn, dass du gegen ihn einen fairen Kampf führen sollst? Warte, bis er schläft. Und dann …« Er hob einen Stein auf. Er lag gut in der Hand, war nicht zu schwer und ließ sich gut greifen. »Davon liegen genug rum. Ein gut platzierter Schlag, und sein Arm ist für eine Weile unbrauchbar. Und wenn dieser Alexander das Brechen des Knochens hört, sieh in seine Augen. Ich verspreche dir, dass du dich danach besser fühlst. Und so schnell werden sich die anderen auch nicht wieder an dich heranwagen.«

»Aber irgendwann werden sie es wieder. Hast du keine Angst davor? Was ist, wenn Johannes Fuchs aus dem Krankenhaus zurückkommt?«

»Er ist ein Feigling, der sich nur an Schwächeren vergreift. Jetzt weiß er, dass ich nicht schwächer bin. Er wird mich in Ruhe lassen und Willi und Paul auch.«

»Bei dir klingt das so leicht.«

»Es ist leicht.« Demonstrativ wog Chris noch einmal den Stein in der Hand und zwinkerte Felix zu. »Davon könntest du auch ein oder zwei mit dir herumschleppen.«

»Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, Alexander ist anders. Ich glaube, er würde danach nur noch wütender werden.«

Chris schüttelte den Kopf. »Wenn du dir noch immer Sorgen um dein eigenes Wohlergehen machst, kann dir niemand helfen.«

»Aber wer macht das denn nicht?«

»Ich.« Chris hob sein Hemd erneut, um die Striemen wie einen Orden zu präsentieren. Eine Schweißschicht glänzte auf seiner Haut. »Fuchs ist dumm wie Stroh, aber hat mehr Muskeln als ein Ochse. Was hat der sich gewehrt. Die meisten Verletzungen sind nicht vom Tag davor, als sie uns mit Handtüchern gejagt haben. Das sind hauptsächlich Fuchs’ Faustabdrücke. Aber in dem Moment, als ich auf ihm saß, habe ich das kaum gespürt. Ich habe nur sein Gesicht gesehen und darauf eingeschlagen. Jetzt tut es weh. Aber das war es wert.« Er sah Felix an. »Nach allem, was man dir angetan hat, müsstest du doch mittlerweile auch gegen Schmerzen immun geworden sein, oder nicht?«

Felix grübelte und ertappte sich dabei, dass ihm der Gedanke gefiel. Er malte sich aus, wie es gewesen wäre, Alexander in jener Nacht aus dem Schlaf zu reißen. Er dachte daran, wie dessen Gesicht vor Schreck verzerrt gewesen wäre, wenn er den Stein erblickt hätte, der auf seine Nase zugerast wäre. Er dachte auch an Martin und an Köhler und … Felix’ Geist fand viele Personen. Doch schlagartig riss er sich aus diesem Traum. Er war nicht Chris. Er hatte keine Freunde wie die Pfeiffers. Obwohl Chris eher auf sie aufzupassen schien als andersherum, waren sie doch ein zusätzlicher Schutz, den Felix nicht hatte.

»Du denkst darüber nach, habe ich recht?« Chris studierte Felix’ Augen.

»Nein.«

»Du lügst. Du stellst dir vor, wie es ist.«

»Selbst wenn. Ich könnte das nicht. Ich bin nicht wie du.«

»Nein. Aber sag mal, glaubst du, heute Nacht wird wieder etwas geschehen? Nach der Geschichte im Sportunterricht. Alex war nicht allzu begeistert, dich huckepack die Stange hochzuschleppen.«

»Es war nicht huckepack. Er musste nur meine Füße stützen, den Rest habe ich gemacht.«

Chris feixte. »Ja, ich bin mir sicher, diesen Unterschied wird Alexan-der bedenken. Sieh mal!« Er deutete auf eine Gruppe Jungen am anderen Ende des Hofes. Es waren Winters, und in ihrer Mitte standen Alexander und Martin. Martin nickte von Zeit zu Zeit, aber Alexander beherrschte das Gespräch. »Na, was meinst du? Reden die übers Abendessen, oder geht es um dich? Vielleicht erklärt ihnen Alexander gerade eine wahnsinnig lustige Idee. Und vielleicht bist du sogar dabei. Unfreiwillig versteht sich.«

Felix’ Gesichtsmuskeln zuckten. Trotz der Hitze wurde ihm kalt, und er schmeckte den Staub, der in der windstillen Luft lag. Sandkörnchen knirschten zwischen seinen Zähnen. »Das kann man nicht wissen.«

»Bist du es nicht leid, mit dieser Angst zu leben? Ich an deiner Stelle wäre es. Es sind noch acht Stunden bis zum Zapfenstreich, und ich wette, in der Zeit wirst du panisch herumlaufen und dich fragen, ob und, wenn ja, was heute Nacht geschehen wird. Wehr dich! Egal, wie stark die anderen sind oder wie abhängig du von ihnen bist. Wenn du ihnen nicht zeigst, dass du die Schnauze voll hast, wird es immer weitergehen.«

»Abhängig? Was meinst du denn damit? Ich bin doch nicht abhängig von ihnen. Reden wir noch über Alexander und Martin?«

Chris wollte antworten, doch als er Choran erkannte, schwieg er. Felix’ Hausleiter kam mit einer Schülertraube im Schlepptau auf den Baum zu. Es waren Felix’ Klassenkameraden. Einer trug einen Karton, und ein anderer mühte sich mit zwei Metallkübeln ab.

»Felix?«, rief Choran ihm zu und schenkte ihm ein offenes Lächeln. Alexander und Martin lächelten nicht.

Felix stand auf und klopfte sich den Staub von der Hose.

»Wir haben dich gesucht.«

Er sah den Lehrer an. »Mich?«

»Natürlich. Wir brauchen dich.«