Nachtjäger - Swantje Berndt - E-Book
Beschreibung

Vincent lebt zurückgezogen von der Welt und versucht zu vergessen, was er ist. Ein Monster, das er weder kontrollieren noch bezwingen kann. Als ihm Nina begegnet und ihn sowohl mit ihrer Schönheit als auch ihrer Stimme verzaubert, drängt seine Nachtseite an die Oberfläche. Er flieht, um Ninas Leben zu retten. Doch die junge Frau sucht ihn erneut auf, lockt die Bestie in ihm hervor und besänftigt sie auf eine Weise, die Vincent den Atem verschlägt. Nathan führt die Gemeinschaft der Nachtjäger an. Als ihn Nina darum bittet, Vincents Leben zu retten, ist er gezwungen, gegen seine Instinkte zu handeln, denn mit Vincent holt ihn seine Vergangenheit in Tschechien ein und wirft einen Schatten auf alles, wofür er je gekämpft hat. "Nachtjäger" ist der erste Teil der Dilogie "Eine Rose für das Biest" und wird mit Band zwei "Jagdfieber" fortgesetzt. Eine erste, wesentliche kürzere Fassung des Romans erschien 2012 unter dem Titel "Das Biest in ihm" im Sieben Verlag.

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Seitenzahl:452

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Eine Rose für das Biest
Prolog
1. Weiß wie Schnee, rot wie Blut
2. Ein Tanz in Licht und Staub
3. Das Foto auf dem Küchentisch
4. Von Müllsackrehen und Vogelscheuchen
5. Ultimatum
6. Schatten im Scheinwerferlicht
7. Der Tag danach
8. Fallende Glut
9. Weitere Romane von Swantje Berndt

Eine Rose für das Biest

Nachtjäger

Swantje Berndt

Copyright © 2019 Swantje Berndt

Alle Rechte vorbehalten

https://www.swantje-berndt.de

https://sbnachtgeschichten.com

Bildrechte: Shutterstock.com, © Sjstudio6Shutt

Korrektorat: Bernd Frielingsdorf

Covergestaltung: Swantje Berndt

Eine erste, wesentliche kürzere Fassung des Romans erschien 2012 unter dem Titel »Das Biest in ihm« im Sieben Verlag.

~*~

Für Leonie und die Kunst, aus den Splittern gebrochener Regeln Flügel zu bauen.

~*~

Prolog

Gregor

Ein Mann, dunkle Haare, graue Augen, zu viel Traurigkeit im Blick. Damals schon. Ein kleines Bild auf einer kleinen Plastikkarte. Daneben ein Name, eine Adresse, Unwichtiges.

Gregor Fabius. In seinem Kopf hallten die Worte wie eine Erinnerung. Zwei Leben. Eines bei Heinrich in der Wildnis, eines in einem Dorf, umringt von Nachbarn, deren Sprache er kaum verstand. Er war ihnen aus dem Weg gegangen.

Sich von den Menschen fernhalten. Das war wichtig.

Heinrichs Lektionen hatten sich ihm in die Seele gebrannt.

Gregor versuchte den Hass aus seinem Herzen zu jagen. Es gelang ihm nicht. Heinrichs Unerbittlichkeit hatte ihn aus der Gemeinschaft vertrieben, doch die Disziplin, die er bei dem Alten gelernt hatte, hatte ihm erlaubt, ein Ehemann und Vater zu sein. Für fast neunzehn wertvolle Jahre.

Dann hatte ihm Lorena die Wahrheit gesagt.

Der Mann auf dem Foto. Seit diesem Tag existierte er immer seltener.

Klauen ragten aus dem zottigen Fell hervor. Es fiel ihnen schwer, den nichtigen Beweis seines alten Lebens zu greifen. Sie wollten ihn in die Flammen werfen.

Gregor verbot es ihnen.

Früher waren sie Finger gewesen, hatten Hände umfasst und geschüttelt, Lorena liebkost, Vincents Wangen gestreichelt. In die großen Kinderaugen sehen und Mensch sein, Mensch bleiben. Es war so leichtgefallen. Jeden Tag die Hoffnung, dass die Bestie den Jungen verschonen würde.

Dann hatte sie ihm entgegengesehen. Aus dem Braun der Iriden hervor. Mit ihrem gelben, gierigen Blick.

Gregor schauderte.

Er hatte nicht Vincent bestrafen wollen. Nein, niemals. Aber das Monster. Er hatte es wegsperren müssen, schon zu Lorenas Sicherheit. Ihre Tränen, ihr verzweifeltes Flehen, er möge ihren Sohn befreien. Wie hätte sie wissen sollen, was sie geboren hatte? Sie wusste nicht einmal über das Wesen an ihrer Seite Bescheid, das Tag und Nacht darum kämpfte, ein Mensch zu sein.

Am Morgen danach hatte Vincent seine Sachen gepackt und war gegangen.

Was hatte in seinem jungen Herzen überwogen? Die Angst? Die Wut? Die Verzweiflung? Gregor kannte solche Gefühle zur Genüge. Sein Leben lang hatten sie ihn geknechtet.

Lorena. Ihre Tränen waren plötzlich versiegt. Sie hatte ihn angesehen, mit diesem leerem Blick. Ihre Worte würde er niemals vergessen. Sie hatten Kerben in sein Herz geschlagen. Sie bluteten immer noch. Alles nach diesem Moment glich Nebel in zerfressenen Erinnerungen. Nur an das Entsetzen in ihren schönen Augen erinnerte er sich.

Als sie erkannte, was er war.

Mit einer Handvoll Worten hatte sie das Biest freigelassen, das er jahrelang tief in sich eingesperrt hatte. Für sie, für Vincent. Vergangenheit und Zukunft waren gleichzeitig zersplittert.

Niemand würde ihn suchen. Nicht den verwirrten Mann in zerrissener Kleidung, nicht das Monster, das sich geliebtes Blut von den Klauen leckte.

Er war unerträglich einsam. Heinrich hätte seine Freude daran.

Der knechtete nach wie vor seinesgleichen. Jakub hatte es ihm geschrieben. Sie hatten den Kontakt nie abgebrochen.

Die Flucht aus Tschechien. Als wäre es gestern gewesen. Lorena hatte ihren Eltern nichts gesagt. Sie waren heimlich aufgebrochen. Ununterbrochen die Angst im Nacken, Heinrich könnte sie abfangen.

Das wäre sein Tod gewesen.

Heinrich hatte es nicht getan. Auch nicht bei Nathan, der wenige Wochen später das schmale Tal im Schatten des Wolfrückens verlassen hatte.

In ihm knurrte es.

Er hatte Nathan aufgespürt. Er verkroch sich in Berlin, mitten unter den Menschen, als wäre er einer von ihnen. Er führte eine eigene Gemeinschaft, kannte keine Einsamkeit, keine Armut, keine Kälte und nicht das Gefühl, an all dem zu ersticken.

Nathan hatte ihm alles genommen, was er je geliebt hatte.

Er würde ihn jagen und zur Strecke bringen, doch das schaffte er nicht ohne Hilfe.

Sie war auf dem Weg.

Das Display des Handys leuchtete auf.

Jakub.

Heinrich hat Pan erwischt und ihm die Kehle herausgerissen. Der Rest von ihnen konnte fliehen. Gib mir die Koordinaten deines Verstecks, sie sind auf dem Weg zu dir.

Fünf Überläufer. Der Beginn seiner Gemeinschaft.

Gregor zwang das Biest weit genug zurück, dass es seine menschlichen Hände preisgab. Er schickte Jakub die Koordinaten des Verstecks und bat ihn, sich zu beeilen. Nach wenigen Augenblicken krümmten sich seine Finger erneut. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich vollkommen an die Bestie verlor.

Er wiegte sich auf den Hinterläufen.

Vincent. Wo war er? Verzweifelt an seinem Schicksal oder von den Menschen erschlagen? Er wäre nicht das erste Monster, das auf diese Weise endete.

Sein Sohn, sein Anker.

Ein Stich fuhr ihm durchs Herz, während Lorenas Worte seinen Verstand vergifteten.

Lautlose Schatten, nur die Glut in den Augen verriet sie.

Sie würden über ihn hereinbrechen und ihn verschlingen.

Ihn, Nathan, Vincent.

~*~

1. Weiß wie Schnee, rot wie Blut

Vincent

Schnee. Hoch bis zu den Knöcheln. Die roten Tropfen, die sich von seinen Fingern lösten, versanken darin. Es hatte in der Nacht geschneit und er hatte es nicht einmal bemerkt.

Seine Kleidung hing in Fetzen, seine Schuhe waren verschwunden. Die Reste des Pullovers starrten vor Dreck und Blut. Vincent streifte sie ab, warf sie in den Kellereingang zurück.

Die Abdrücke seiner nackten Füße auf den verschneiten Stufen, dreckig und blutbesudelt wie er selbst.

Der Besen lehnte an der Hauswand. Er brachte es nicht über sich, ihn auch nur zu ergreifen. Er war unendlich müde. Die Jagd war anstrengend gewesen. Er tauchte die Hände in den Schnee, rieb sich die Spuren seiner Mahlzeit vom Körper. Seine Finger krümmten sich vor Kälte, nicht vor Gier. Dreckig, aber menschlich.

Wenn sie es doch blieben.

Sie hatten sich in die Beute gekrallt, sie zu Fall gebracht.

Der Kadaver im Keller. Er musste ihn beseitigen.

Später.

Vincent stand auf, streckte die schmerzenden Muskeln. Über ihm säumte sich bleiernes Grau mit einem leuchtend roten Saum. Der Morgen war ein Geschenk. Er befreite ihn von dem Albtraum, der ihn zu etwas machte, das nicht existieren durfte. Es war das dritte Mal in nur einem Monat gewesen.

Vincent schluckte gegen die Enge in seinem Hals an. Was auch mit ihm geschah, er verlor die Kontrolle darüber.

Ins Haus. In die Wärme. Unter die Dusche und alles von sich abwaschen, was nicht zu ihm gehörte.

Er war kaum imstande, die Füße voreinander zu setzen. Wenn er jetzt in den Schnee sank, bliebe er liegen. Die Erschöpfung würde ihn ebenso wenig aus den Fängen lassen wie die Bestie, wenn sie Beute witterte. Sie steckte in seinen Gedanken, in seinen Bedürfnissen. Solange er sie in sich fühlte, war es noch nicht vorbei.

Der Garten lag friedlich im ersten Morgenlicht. Hohe Hecken und alte Bäume verbargen ihn vor fremden Blicken, doch selbst wenn jemand den nackten Mann im Schnee wahrnehmen würde, hielte er ihn eher für den Schatten eines Albtraumes als für einen Menschen.

Er hätte recht.

Vincent schleppte sich zu seiner Werkstatt. Der Backsteinschuppen duckte sich ebenso unter der Schneedecke wie die Rosensträucher an seinen Mauern. Tiefrot leuchteten sie aus dem kalten Weiß hervor. Sie rankten bis hinauf zur löchrigen Dachrinne, umrahmten die schäbige Tür, als wäre sie der Eingang zu einem wundervollen Ort, dabei verbargen sich seine Abscheulichkeiten dahinter.

Der zarte Duft trotzte der Winterkälte. Er atmete ihn tief ein, strich mit den Fingerspitzen über die Blütenblätter. Sie lösten sich. Wie Tropfen im Schnee lagen sie vor seinen Füßen.

Er zerstörte, was er liebte. Sogar als Mensch.

Verbotene Gedanken.

Er wandte sich um, ging zurück zu der aufgewühlten Stelle und häufte ein paar Handvoll Schnee darüber. Schmolz er, würde er die Spuren der Jagd mit sich in die Erde sickern lassen.

Der Weg um das alte Haus erschien ihm zu lang. Sein Rücken schmerzte, als er sich nach dem Schlüssel unter der Statue bückte. Ein Greif. Sein erster Versuch, mit Stein umzugehen.

Er hatte viele Schlüssel verloren. Zusammen mit seiner Kleidung, seinen Schuhen, seinem Menschsein. Bis er gelernt hatte, Vorkehrungen zu treffen, doch dieses Mal hatte er es nicht geschafft. Das war ihm lange nicht mehr passiert.

Vincent schloss auf, erklomm die Treppe so leise wie möglich. Bis auf Paul lebte niemand in der alten Villa, den er hätte wecken können.

Paul. Sein moralischer Wächter. Wie ein Erzengel stand er zwischen ihm und seinen Versuchungen. Seit sie gemeinsam hier lebten, hatte keine Frau nach Einbruch der Dunkelheit das Grundstück betreten. Je länger die Enthaltsamkeit währte, desto mehr drängte die Bestie zur Jagd, als wollte sie den Hunger stillen, den der Mann empfand.

Und wenn sie den gesamten Berliner Forst leer fraß, es würde ihr nicht gelingen.

Er schleppte sich in den zweiten Stock, öffnete leise die Tür. Das Flurlicht brannte, also hatte Paul mitbekommen, dass er in der Nacht aufgebrochen war.

Er sehnte sich nach Schlaf, doch vorher musste er duschen. Menschen lagen nicht blutbesudelt im Bett.

Jeder Handgriff fiel ihm schwer.

Das Wasser wusch braune Schlieren von ihm, wirbelte sie um den Siphon, bevor sie endlich darin verschwanden.

Wie lange hielt er die Existenz zwischen Mensch und Monster noch aus? Wenn er sich jemandem anvertrauen, auch nur einen Funken Mitgefühl in fremden Augen sehen könnte.

Seine Stirn sank gegen die Fliesen.

Mitgefühl für ein reißendes Tier? Alles, was er verdiente, war der Tod. Er hatte sich ihm überlassen wollen, doch die Bestie hatte es verhindert. Drei Verwandlungen mitten am Tag. Er war sicher gewesen, zerrissen zu werden, aber jedes Mal war er wieder als Mensch erwacht, um sich erneut seinem Schicksal zu stellen.

Das Badezimmer versank in Schwaden, als er es verließ. Nur in ein Handtuch gehüllt ging er in sein Zimmer. Statt sich ins Bett zu legen, zog er sich an. Auf dem Schreibtisch stand der aufgeklappte Laptop. Die Hoffnung, inmitten des Internet-Schwachsinns ein Körnchen Wahrheit aufzuspüren, begleitete ihn seit Jahren. Er musste herausfinden, was er war. Bisher war ihm lediglich das Gegenteil gelungen. Er litt weder an Hypertrichosis noch an intensiven Wahnvorstellungen. Was er als Bestie erlebte, war Teil seiner Realität. Das Reh im Keller bewies es ebenso wie die blutbefleckte und zerrissene Kleidung im Kellereingang. Früher hatte er die Beute im Wald erlegt und dort gefressen. Weshalb er sie heute nach Hause geschleppt hatte, wusste er nicht. Das Letzte, an das er sich erinnerte, war der Geschmack des Blutes, als sich die Fangzähne in zuckendes Fleisch versenkt hatten.

Vielleicht hatte ihn jemand verflucht. Was für ein verrückter Gedanke.

Sein Kopf sank auf den Tisch.

Er war so unendlich müde.

Nina

Fremde Hände glitten über ihren Körper. Verwöhnten sie, schürten ein Verlangen, dem sie nicht standhalten konnte. Heißer Atem liebkoste ihren Nacken, Arme umschlangen sie, hielten sie fest.

Etwas hatte ihr in der Dunkelheit aufgelauert, sie angesprungen und zu Boden gerissen. Ihr Angstschrei verklang, als der Peiniger ihren Namen wisperte. Sein tiefes Knurren vibrierte durch ihren Körper, seine lockenden Bisse in den Nacken raubten ihr den Verstand.

Waren es Hände, die über ihre Haut kratzen? Ihre Nerven brannten unter den Berührungen.

Erneut flüsterte es hinter ihr. Nina. Es klang rau, verzweifelt. Unendlich sehnsuchtsvoll.

»Nina?«

Die falsche Stimme.

»Bekomme ich einen Kaffee oder soll ich zackig verschwinden?«

Dirk. In ihrem Bett? Warum?

Die Nackenbisse, das Wispern ihres Namens. Ein Traum.

»Was für eine Nacht.« Dirk setzte sich auf, fuhr sich gähnend durch die Haare. »Du hast mich fertiggemacht. Herzlichen Dank dafür.«

Der sechzigste Geburtstag ihres Chefs. Bo hatte sie alle in die Heckenrose zitiert. Nicht zum Arbeiten, sondern zum Feiern. Der Tequila war in Strömen geflossen und sie Idiotin hatte ihn ebenfalls getrunken. Ihre Zunge war wund von zu viel Salz und Zitrone.

An Mitternacht hatten sie Bo ein Ständchen gesungen und die Torte angeschnitten. Nach dem ersten Bissen war ihr schlecht geworden. Sie war zur Toilette gegangen, hatte sich frisch gemacht. Plötzlich hatte Dirk hinter ihr gestanden. Alles danach war ein großes, schwarzes Loch.

»Gibst du mir ein Update?« Sie musste sich den Kopf halten, um sich aufsetzen zu können. Er explodierte dennoch.

Wo kamen die weißen Flocken her?

»Ein Update? Klingt nach Filmriss.« Dirk nahm ihr eine der fluffigen Dinger aus den Fingern. »Das hier stammt aus deinem Kopfkissen, Süße.« Er pustete es ihr entgegen. »Ich habe es nicht zerrissen, so viel ist klar.« Er pflückte seine Hipster vom Bettpfosten, stieg steifbeinig hinein.

Sie hatten miteinander geschlafen. Deshalb war sie nackt, deshalb lagen ihre Kleidungsstücke wild auf dem Fußboden verteilt und deshalb roch es nach Gummi und dem, was drin war. Eines lag am Fußende des Bettes, das andere dekorierte Dirks ebenfalls nicht nach Rosen duftende Turnschuhe. Sie verfluchte ihre übersensiblen Sinne nicht zum ersten Mal, aber warum zum Henker hatte sie das Kopfkissen zerrissen?

»Möchtest du einen kleinen Nachschlag?« Er zog seine Jeans an und kletterte aufs Bett zurück. »Oh süße Nina, die nicht nur mein Ohr wund gebissen hat.«

»Hör auf zu grinsen.« Ihr war nach allem Möglichen, aber nicht nach ihm.

Wieso war seine Lippe geschwollen?

»Gibt es noch mehr Details, die ich wissen muss?« Wie war sie heimgekommen und warum hatte sie ausgerechnet Dirk mitgenommen?

»Kommt darauf an.« Er faltete seine Beine in einen Schneidersitz, was die Nähte seiner Jeans ächzen ließ. »Willst du Einzelheiten?«

Vorsichtiges Kopfschütteln ging, ohne ihrem Hirn weiteren Schaden zuzufügen.

»Ein Jammer. Es war eine wilde Nacht.«

So fühlte sich ihr Körper auch an.

»Mann, du bist über mich hergefallen, als ob du mich fressen wolltest.«

»Bin ich?« Der Rest ihrer intakten Hirnzellen war zu wenig, um klar zu denken. Sie war nie über jemanden hergefallen. Schon gar nicht über einen Arbeitskollegen. Durchschnittssex langweilte sie und exotischere Spielereien waren ihr zu künstlich. Da blieb nicht viel übrig. Bisher hatte ihr allerdings auch noch niemand in den Nacken gebissen oder mit einer kaum menschlichen Stimme ihren Namen gewispert.

In ihrer Fantasie glitten gierige Hände über ihren Körper. Nina schauderte erneut.

»Was machst du da?« Dirk zog ihr die Decke weg. »Streichelst du dich?«

»Nein. Schmeiß mir das Shirt rüber.«

»Und was macht deine Hand zwischen deinen Beinen?«

»Sie checkt die Lage.« Wenn sie den Tag heute mit Anstand und Würde überstehen wollte, musste sie sich von diesem Traum befreien. Er war noch zu nah, lauerte auf sie. Würde sie die Augen schließen und genau hinhören, könnte sie dem rauen Flüstern lauschen.

Dirk schnaubte. »Ja klar.« Er tappte zu dem Kleiderhaufen auf ihrem Sessel. »Das rote oder das hier mit den Streifen?«

»Das grüne. Drei Schichten tiefer.« Sie musste sich konzentrieren, wieder sie selbst werden.

Er fischte es hervor. »Da steckt noch was anderes drin.«

»Ein Top. Ist okay, her damit.«

»Willst du nicht lieber duschen, bevor du dich anziehst?«

»Zuerst brauche ich einen Kaffee.« Nackt setzte sie sich bestimmt nicht in die Küche. Dem Kerl vom Block gegenüber würde das zu gut gefallen. »Wenn ich erfahre, dass du mir irgendwas verpasst hast, bist du dran.«

Keine Drogen. Ihre Brüder hatten sie darauf eingeschworen und sie hielt sich daran. Bis auf Alkohol, doch normalerweise vertrug sie ein paar Schluck. Anscheinend hatte sie es gestern übertrieben.

»Du misstraust mir?« Grinsend warf er ihr das Shirt zu. »Ich nehme nur etwas, wenn ich zwei Tage am Stück durchtanze, aber ich zwinge es niemandem auf.«

»Ich werde trotzdem Annika fragen.« Ihrer Freundin entging nichts, das auch nur ansatzweise unmoralisch oder illegal sein könnte.

»Dann sei nicht erschüttert von dem, was du hören wirst.« Mit einem verträumten Lächeln blickte er hinaus. »Sieh dir den Schnee an. Der Winter hat gerade erst begonnen und schon sieht Berlin wie eine Glaskugelstadt aus.«

»Mich erschüttert nichts.« Dafür hatten ihre Brüder gesorgt. »Also lenkt nicht vom Thema ab. Was ist passiert, nachdem du mir auf die Toilette gefolgt bist?«

»So weiß und sauber.« Er öffnete das Fenster und tauchte die Finger in den Schnee. »Wetten, Berlin braucht keine halbe Stunde, um das alles in grauen Matsch zu verwandeln?«

»Rede.« Großstadtmelancholie war nie ihr Ding gewesen.

»Ich habe Kreuzberg noch nie so weihnachtlich erlebt.«

»Rede!«

Seufzend schüttelte er die Flocken von der Hand. »Ich bin dir gefolgt, um dir wegen deiner beschissenen Laune die Leviten zu lesen. Mit deiner Weltuntergangsmiene hast du fast Bos Party geschmissen.«

Gestern war ein übler Tag gewesen. Sie hatte Marcel zurückhelfen müssen und es beinahe nicht geschafft. Vor Mitternacht transformierte ihr Bruder nie. Es musste an dem Streit mit Egmont gelegen haben. Dieser gelackte Mistkerl liebte es, zu provozieren. Normalerweise kamen ihre Brüder damit zurecht. Dieses Mal hatte er es offenbar übertrieben.

Sie hätte danach zu Hause bleiben sollen, aber ihr Seelenloch war zu tief gewesen und ohne Ablenkung wäre sie nicht herausgekommen.

»Plötzlich hast du mich ganz seltsam angesehen.« Auf Dirks volle Wangen legte sich ein Hauch Rosa. »Du bist zu mir herumgewirbelt und hast mich regelrecht angefallen. Ich wusste nicht, wie mir geschieht, aber es war der Hammer.«

Sie würde nie wieder einen Schluck Alkohol trinken.

»Wir haben es kaum bis hierher geschafft. Du wolltest mir die Klamotten schon im Fahrstuhl runterreißen.«

Oh nein.

»Und wie du mir die Lippen wund gebissen hast.« Er tippte mit dem Finger gegen die Schwellung. »Den Rücken hast du mir auch zerkratzt.« Zum Beweis drehte er sich um.

Jede Menge roter Streifen. Einer blutete sogar ein wenig.

»Stammen die Narben an deinem Oberarm von einer ähnlichen Liebesnacht?«

»Nein.« Nina strich über die aufgeworfene Haut. »Das war ein Unfall.« Ihr Vater hätte ihr niemals aus Absicht wehgetan.

»Schau nicht so betrübt.« Dirk schlenderte zu ihr, setzte sich auf die Bettkante. »Dank dir war ich im Himmel, und das nur mit ein bisschen Tequila im Blut.«

»Nett, dass du es locker nimmst.« Vielleicht war es gut, dass sie sich an nichts mehr erinnerte. »Kann die Sache trotzdem unter uns bleiben?«

»Klar.« Er küsste sie auf die Wange, stand auf. »Vergiss das mit dem Kaffee, ich muss los.« Er zog sich Pullover und Schuhe an, warf sich seine Jacke über. »Lass uns das bei Gelegenheit wiederholen.«

»Besser nicht.« Dirk war nett, löste jedoch nichts in ihr aus. Letzte Nacht war ein Ausrutscher gewesen. »Sei nicht böse, okay?«

»Ach was. Sag Bescheid, wenn du deine Meinung änderst.« Sein Blick schweifte über den Boden. »Nur nebenbei. Willst du nicht einen Teppich hier reinlegen? Der nackte Estrich macht deine Wohnung alles andere als gemütlich. Erinnert mich irgendwie an Fabrik.«

Genau deshalb störte es sie nicht.

»Na ja, ist deine Sache.« Er lächelte ihr zu, ließ sie mit ihren Kopfschmerzen allein.

Nina zog sich an, langsam und ohne sich unnötig zu bewegen. Wenn wenigstens ihr freier Tag gewesen wäre, aber um fünf begann ihre Schicht im Café.

Bei jedem Schritt Richtung Küche nahm das wattige Gefühl in ihrem Kopf zu. Wasser aufsetzen, Lieblingstasse abwaschen, Sahne aus dem Kühlschrank holen. Simple Handgriffe. Sie fielen ihr dennoch schwer.

Eine Passage aus More schmetterte ihr vom Küchentisch entgegen, was ihrem Handy beinahe einen Freiflug an die Wand einbrachte.

Marcel.

»Nina?« Er klang immer noch heiser. »Wie geht es dir?«

»Das sollte ich dich fragen.« Ihm war garantiert sehr viel elender zumute als ihr. »Danke für das zusätzliche Trauma. Ich bin dabei, eine Sammlung anzulegen.«

»So schlimm?«

»Schlimmer.« Sie schluckte gegen den Kloß in ihrer Kehle an. »Ich dachte, du stirbst.«

»Ich auch.«

Verdammt! Sie kniff sich in die Nasenwurzel, aber ihre Tränen wollten sich nicht einsperren lassen. Langsam atmete sie durch den Mund. Marcel musste nicht wissen, wie sehr ihr die Geschichte zusetzte.

»Danke, dass du mir geholfen hast.« Er räusperte sich. »Ich verzeih es mir selbst nicht, was da geschehen ist.«

Offenbar steckte in seinem Hals ein ähnlich großer Kloß wie in ihrem.

»Du weißt, dass ich mich gut im Griff habe. Aber dieser Egmont hat mich zur Raserei getrieben!«

»Das ist dir bisher nie passiert. Warum gestern?« Er war beinahe so sanft wie ihr Bruder Gabriel, und der glich einem Engel. Vielleicht war deshalb der Familienfluch an ihm vorbeigegangen.

Sie betete, dass es so blieb.

»Kann ich dir nicht sagen.«

»Kannst du nicht oder willst du nicht?«

»Ich will es nicht.«

»Hat er sich wieder eines deiner Mädchen geschnappt?« Egmont bediente sich oft an ihnen und dachte nicht daran, dafür zu bezahlen. Erst wenn Marcel eingriff, blätterte er ein paar Scheine hin.

»Nein, es ging um etwas anderes, aber das ist jetzt egal.«

So tief, wie er atmete, war es das nicht.

»Rede mit Nathan darüber.« Er würde Egmont bestrafen, vielleicht sogar zur Jagd freigeben.

Sie erschreckte sich über ihre eigenen Gedanken.

»Egmont ist nicht transformiert, sondern ich. Wenn Nathan jemanden bestrafen soll, dann mich.«

»Egmont ist das Grauen auf zwei Beinen.« Es war nur eine Frage der Zeit, bis wegen ihm eine Katastrophe geschah.

»Wir sind alle keine Heilige, Nina. Was wir als Mensch tun oder lassen, ist Nathan gleichgültig. Sonst müsste er bis auf Herbert jeden von uns bestrafen.«

Herbert. Der Älteste der Nachtjäger. Er transformierte nie und ignorierte sogar seinen Jagdtrieb. Vielleicht lag es an seinem Job. Er unterrichtete an der Humboldt Universität Kurse in Philosophie und Psychologie. Ihre Brüder hielten ihn für ein Genie, obwohl sich jeder seiner Studenten über ihn lustig machte.

Sie mochte ihn. Als Nathan sie und ihre Brüder zu sich in die Fabrik geholt hatte, hatte ihr Herbert abends Märchen vorgelesen. Damals war ihr klar geworden, dass Märchen weniger mit Dichtung zu tun hatten als die Artikel in den Tageszeitungen.

»Stell dir vor, wenn Nathan wüsste, was alles im Jekyll & Hyde abgeht.« Marcel lachte. »Wahrscheinlich betritt er unseren Laden deshalb nie.«

Der Klub war eine Art Familienunternehmen. Ihre Brüder hatten zusammengelegt, um ihn aus einem Haufen alter Steine und eingefallener Mauern ins Leben zu rufen. Die Gäste ahnten nichts von der nachtaktiven Seite der Besitzer. Die laute Musik hielt das Biest fern. Ihre Brüder verließen sich darauf und bisher hatte es funktioniert.

»Du hast mir immer noch nicht gesagt, wie es dir geht.«

»Ich habe einen Kater.« Auch ohne ihn zu sehen, wusste sie, dass er die Brauen hob. »Sonst ist alles okay.«

»Hast du wegen mir getrunken?«

Was sollte diese Mischung aus Strenge und Bedauern? Sie war kein Kind mehr.

»Nina?«

»Ach was.« Sie hatte schon besser gelogen. »Ruh dich aus und geh diesem Widerling aus dem Weg.« In Egmonts Nähe stellten sich selbst ihr die Nackenhaare auf.

»Denk nicht mehr darüber nach«, bat er leise. »In ein paar Tagen bin ich wieder der Alte. Lass bis dahin Gras über die Sache wachsen.«

»Dir geht es schlechter als sonst.« Sie hörte es ihm an.

»War schon schlimmer.«

»Das glaube ich dir nicht.« Er hatte gebrüllt vor Schmerz.

»Mir wäre es lieber, du hieltest dich das nächste Mal von mir fern.«

»Bist du verrückt?« Nathan würde ihn fertigmachen, er duldete keine Transformationen außerhalb der Jagd.

»Ich meine es ernst, Nina. Wir wissen beide, wie gefährlich das für dich ist, oder genügen dir die Narben an deinem Arm nicht?«

»Lass Vater aus dem Spiel!«

Marcel schnaubte.

»Ich bin gut in dem Job. Das weißt du, also vertraue mir.«

»Du bist die Beste. Das sage ich nicht nur, weil ich dein Bruder bin. Auch Nathan hält es für eine Gabe.«

»Nathan kann mich mal.« Vielleicht brauchten ihre Brüder seine Dominanz, sie auf keinen Fall.

»Ohne ihn gäbe es uns bloß noch mit Fell und Klauen oder gar nicht mehr. Also tu nicht so, als wäre er dir gleichgültig.«

War er nicht, doch umgeben von seiner Strenge erstickte sie.

»Jean jammert nach dir. Du sollst dich bei ihm blicken lassen.«

»Krasser Themenwechsel.« Jean jammerte immer nach ihr. Ihr ältester Bruder verstand trotz aller Katastrophen nicht, dass sie dem maroden Fabrikgebäude den Rücken gekehrt hatte. »Ich würde mich lieber mit ihm bei dir treffen.« Das verminderte das Risiko, Egmont über den Weg zu laufen. Außerdem besuchte sie Marcel gern. Seine Wohnung war viel gemütlicher als ihre und lag direkt am Grunewald. Marcel behauptete, dass es ihn quälte, den Duft der Beute zu schnuppern und sie nicht hetzen zu dürfen, aber das wäre gut für seine Disziplin.

Nathan erlaubte die Jagd nur außerhalb der Stadtgrenze.

»Samstag gegen vier? Da wollte Jean ohnehin zu mir kommen.«

»Gut.« Schon fühlte sie sich besser.

»Nina?«

»Hm?«

»Ich habe dich lieb.«

»Ich dich auch.« Ihn und alle anderen. Genau das war das Problem.

Marcels Nummer verschwand vom Display.

Noch ein paar Stunden bis zu ihrer Schicht. Bis dahin musste sie sich gefangen haben und lächeln können. So, als wäre alles in Ordnung.

Als ob in ihrem Leben jemals etwas in Ordnung gewesen wäre.

Vincent

Da waren Schritte. Sie kamen näher, klangen nach Paul und nach Hektik.

Vincent zwang sich, die Augen zu öffnen.

Er war am Schreibtisch eingeschlafen.

Die Tür flog auf, stieß mit der Klinke an die Wand.

»Im Keller liegt was rum!« Pauls Finger trommelten gegen den Türrahmen. »Es blutet noch!«

»Dir auch einen guten Morgen.« Das Geräusch der Fingernägel auf dem Holz stellte ihm die Haare zu Berge.

»Ein guter Morgen?« Paul schnaubte. »Ich hätte mich fast übergeben!«

»Was gehst du früh in den Keller?« Paul stand nie vor neun auf.

»Da unten ist ein Blutbad!«

»Das liegt daran, dass ich meine Beute nicht austrinke, sondern fresse.« Zumindest wesentliche Teile davon. »Wir hatten das Thema Vampire längst durch. Du weißt, dass ich keiner bin.«

Auf dem fein geschnittenen Gesicht zeigte sich für den Bruchteil einer Sekunde Enttäuschung.

»Trotzdem ist eine zerfetzte Leber vor dem ersten Kaffee kein Scherz.« Paul schüttelte sich. »Schon gar nicht, wenn sie an der Wand klebt.«

Er musste gewütet haben. Vielleicht war es ein Segen, dass er erst danach wieder zu sich gekommen war. Dennoch machten ihm diese Aussetzer Angst.

»Vince!«

»Ich mag keine Leber.« Das traf für den Menschen und das Monster zu. »Das Gefühl, auf einen Schwamm zu beißen, ist widerlich.«

»Kein Grund, mir die Drecksarbeit übrig zu lassen.« Die meist sanft blickenden Augen überschütteten ihn mit Vorwürfen. »Ich bin es leid, Vince. Auch wenn du es gern anders hättest, ich bin nicht dein Dienstmädchen.«

»Es war eine gute Jagd.« Die Erinnerung an den sterbenden Herzschlag seiner Beute trieben ihm jetzt noch Schauder der Erregung über den Rücken. Er schloss die Augen, spürte den Wünschen des Wesens nach, das tief in ihm verborgen schlummerte. Ein Gefühl, als würde es träge schnurren.

Vor wenigen Stunden hatte es vor Gier gebrüllt.

»Herrgott noch mal!« Paul schlug mit der flachen Hand gegen den Türrahmen. »Hör auf, mich zu ignorieren!«

»Das mache ich nicht.« Paul war wichtig in seinem Leben. Sein einziger Freund. Dennoch fiel er ihm im Moment auf die Nerven. Die Bestie verlangte nach Einsamkeit. Es scherte sie nicht, dass er daran erstickte. »Kannst du nicht nass drüberwischen?«

»Mit Drüberwischen ist es nicht getan.« Lautstark zog er die Luft ein. »Hast du nicht zugehört? Es kleben Bröckchen an der Wand!«

Vincent spürte den vorwurfsvollen Blick auf sich. Nicht wie ein Nadelstich oder die Berührung einer strafenden Hand, eher wie kühle Finger, die nicht wagten zuzufassen.

Pauls Distanziertheit ihm gegenüber besaß einen Grund. Gleichgültig, wie oft Vincent versuchte, ihn zu verdrängen, die Angst in den hellblauen Augen erinnerte ihn daran.

»Ich warte auf eine Erklärung!«

»Es kommt nicht wieder vor.« Das musste ihm als Entschuldigung genügen. »Lass es trocknen. Irgendwann wird es von der Wand bröseln und du kannst es wegfegen.«

»Vergiss es! Wir hatten abgesprochen, dass du mich mit diesem Jagd- und Fressding verschonst. Wenn du unseren Absprachen zuwiderhandelst, dann besitze wenigstens den Anstand und kümmere dich um die blutigen Überbleibsel!«

»Ich stand nackt im Schnee, von oben bis unten voll Blut!« Verflucht! »Ich war nicht in der Lage, irgendetwas wegzuräumen. Ich wollte nur schlafen!«

»Am Schreibtisch?«

»Ja, verdammt!«

»Schrei mich nicht an.« Pauls Kinn schnellte nach oben. »Meine Nerven sind im Moment nicht die besten.«

»Das waren sie nie.« Wenn er ihn nicht gleich allein ließ, garantierte er für nichts.

»Das ist nicht wahr!« Pauls Finger stach ihm entgegen. »Wir wissen beide, wem ich diesen Zustand verdanke!«

»Ist das eine der Situationen, in denen du drohst auszuziehen?« Sie hatten das zigmal durch.

Paul schluckte. »Bleib fair.«

»Dazu bin ich zu müde.« Vincent streckte die Hand aus, doch er ignorierte die Friedensgeste.

Paul liebte ihn. Trotz allem. Das war kein Geheimnis und sie hatten nie eines daraus gemacht. Weder die Tatsache, dass seine Gefühle lediglich mit einer egoistischen Freundschaft erwidert wurden, noch dass sich Vincent unter bestimmten Umständen in etwas verwandelte, vor dem sich Paul zu Tode fürchtete, hielten ihn davon ab.

Er war unendlich dankbar dafür. Ohne Paul hätte er sich längst an das Monster verloren.

»Vince?«

»Ich räume es nachher weg.« Weshalb hatte er das blöde Vieh nicht aufgefressen?

»Versprochen?«

»Versprochen.«

»Gut.«

»Ist sonst noch was?« Er wollte endlich allein sein.

Paul betrachtete seine Fingernägel. »Es gehört sich nicht, in Kellern von Stadtvillen Kadaver verwesen zu lassen. Deshalb sind wir hierhergezogen. Damit du dir solche Dinge nicht mehr leisten kannst.«

»Offenbar konnte ich es trotzdem.« Auch wenn er nicht wusste, warum er es getan hatte.

Paul runzelte die Stirn. »Du weißt, was ich meine. Du wohnst nicht mehr im Wald. Das hier ist Zehlendorf. Da benehmen sich die Leute.«

»Es ist Berlin. Die Stadt ist eine Menge gewohnt.«

»Aber keine Ungeheuer.«

»Dein Ernst?« Da draußen liefen Menschen herum, die diese Bezeichnung ebenso verdienten wie er. Nur weil ihnen Paul konsequent aus dem Weg ging, hörten sie nicht auf zu existieren.

»Lass uns das Thema wechseln.« Mit einem verhaltenen Lächeln schlenderte Paul zu ihm. »Knut kommt heute Abend vorbei.«

»Wer?«

Er rollte mit den Augen. »Hörst du mir jemals zu, wenn ich dir etwas erzähle?«

Knut. Keine Chance. Der Name sagte ihm nichts.

»Ich schwärme seit Tagen von ihm!«

»Du hast dich verliebt?« Das war ihm komplett entgangen.

»Ich war im Keller, um einen Wein auszusuchen. Denkst du, ich treibe mich freiwillig zwischen Mäusen und Spinnen herum?« Paul schauderte.

»Von den verstaubten Flaschen?« Das Regal samt Inhalt hatte bereits da unten gestanden, als sie die Villa bezogen hatten. Zwischen den Brettern spannten sich zwirndicke Spinnfäden und auf den ersten Blick wirkten die vergilbten Etiketten der Flaschen antik bis archaisch. »Tu ihm das nicht an. Das Zeug wird furchtbar schmecken.«

»Aber es kommt stilecht und für den Notfall habe ich einen Bordeaux.« Nebenbei begann er das Chaos auf dem Schreibtisch aufzuräumen. Seine Hände huschten zwischen Kugelschreibern, Bleistiften und der Post von vorgestern hin und her.

Vincent hielt sie auf. Pauls Ordnungswahn hatte nichts in seinem Zimmer verloren.

Paul zuckte zusammen, kaum dass er ihn berührte.

In Vincents Herz stach es.

»Entschuldige«, murmelte Paul, ohne ihn anzusehen. »Es passiert einfach.«

»Immer noch?« Er schloss die Finger fester um das schmale Handgelenk, spürte den galoppierenden Puls. »Lass es vorbei sein.«

»Drei Jahre sind zu kurz, um solche Erlebnisse zu verarbeiten.« Er wand sich aus seinem Griff. »Immerhin lebe ich mit dir unter einem Dach.«

»Du weißt, dass ich dir niemals wehtun würde.«

»Papier ist geduldig.«

»Wie war das? Bleib fair?«

Die in Form gezupften Brauen schoben sich in die Stirn.

Nachdem Paul vor drei Jahren Vincents felliges Alter Ego in vollem Einsatz erlebt hatte, hatten sie gemeinsam einen interessanten Termin bei einem Notar. Sicher dachte der Mann an einen Scherz, als sie ihm erklärten, was sie von ihm wollten. Nach einem unnötigen Notarzteinsatz und einem Beinahe-Ausrücken einer kompletten Polizeistaffel setzte er für sie den skurrilsten Vertrag seiner Karriere auf. Paul bewahrte ihn in einem Schließfach und hütete ihn wie einen Schatz. Nach dieser Maßnahme war er wieder in der Lage gewesen, Vincent ohne Panikattacke in die Augen zu sehen.

»Knut kommt gegen achtzehn Uhr.« Paul fegte ein paar Radiergummikrümel vom Schreibtisch. »Er ist ein wunderbarer Mann und ich hoffe, dass aus dem Abend eine gemeinsame Nacht wird.«

»Hier?« Hatte er den Verstand verloren?

»Ja.« Er straffte die Schultern. »Er ist neu in der Stadt und wohnt in einem Hotel. Du weißt, wie ich die anonyme Atmosphäre in diesen Bienenstöcken hasse.«

»Was heißt das konkret für mich?« Paul konnte nicht ernsthaft daran denken, ihn vor die Tür zu setzen.

»Dass du ein bisschen um die Häuser ziehst.«

»Ein Scherz?« Seit der Nacht vor drei Jahren hatte er die Villa nach Einbruch der Dunkelheit nur verlassen, um zu jagen. Je nach Verfassung war der Weg dorthin länger oder kürzer ausgefallen. Reagierte er rechtzeitig auf die Wünsche der Bestie, schaffte er es mit dem Pick-up ins Berliner Umland. Dort strotzte es vor Naturparks. Spätestens wenn ihm der Wildgeruch in die Nase drang, setzte die Verwandlung ein, fernab von Zeugen und menschlichen Opfern. Die wenigen Zusammentreffen mit Jägern zählten nicht. In der Dunkelheit hielten sie ihn für alles Mögliche, aber nicht für das, was er war.

»Das ist auch meine Wohnung.« Paul stemmte die Hände in die Hüften. »Und ich besitze ein Recht auf ein halbwegs normales Privatleben.«

»Du wusstest, was auf dich zukommt.«

»Soll ich wie ein Mönch leben?«

»Du meinst, so wie ich?«

Paul blähte die Wangen. »Das ist etwas anderes. Meine Liebespartner überleben mich.«

»Du kannst mir auch gleich in die Eier treten.« Das war ebenso schmerzhaft und demütigend. »Warte, bis Knut eine Wohnung gefunden hat, oder komm mit Hotels zurecht.«

»Ich will nur, dass du dich für ein paar Stunden zusammenreißt. Es ist nicht das erste Mal, dass du nachts unterwegs bist.«

»Ja, aber um auf allen vieren meiner Beute nachzuhetzen. Das werde ich heute ganz gewiss nicht.« Sein Körper würde ihm das übel nehmen. Der Übergang von Mensch zur Bestie war kein Zuckerschlecken.

»Dann geh in einen Klub, so wie früher. Du hast gesagt, tanzen würde das Monster im Zaum halten.«

»Weil es das Flackerlicht und die schlechte Luft hasst.« Vom Lärm ganz zu schweigen. »Hör mir zu.« Es wurde Zeit, dass er Pauls rosa Seifenblase zerstach. »Du weißt, was ich bin und du hast mir …«

»Du kannst dich nicht für immer verkriechen!« Pauls Wangen glühten vor Eifer. »Tanz dich kurz und klein und friss dich danach meinetwegen durch die Schorfheide, aber lass mich ein paar Stunden mit Knut allein!«

Das Unglück vor drei Jahren war nach einem Besuch im Jekyll & Hyde geschehen. Bis heute klammerte er sich an die Möglichkeit, dass ihm die Frau irgendetwas verabreicht hatte. Vielleicht im Drink oder während eines Kusses von einem Mund zum anderen. Das Monster reagierte sensibel auf alles, was den Verstand ausschaltete. Die Erfahrung hatte er in seiner Anfangszeit in Berlin zweimal gemacht. Bis heute wusste er nicht, ob in diesen Nächten jemand außer ihm zu Schaden gekommen war.

»Tanzen, Vince.« Paul nickte motiviert. »Du hast es geliebt.«

Sich der Musik ergeben bis zu dem Punkt, an dem er bloß aus seinem Herzschlag bestand. Losgelöst von körperlichen Zwängen, fernab aller Versuchungen. Die Menschen um ihn nur eine gesichtslose Masse, mit der er sich den Rhythmus teilte. Zu verschwommen, um zu erregen. Er hatte diese Nächte gebraucht, um sich die Wünsche aus der Seele zu tanzen, die sich in seinem Leben niemals erfüllen würden. Wenn er im Morgengrauen erschöpft nach Hause getaumelt war, hatte er sich wie ein normaler Mensch gefühlt.

Bis zu dieser einen verfluchten Nacht.

Manchmal überfielen ihn Albträume, wie Paul zusammengekauert und vor Entsetzen schreiend in der Besenkammer hockte, während außerhalb der spärlich schützenden Tür Blut in die Ritzen der Dielen sickerte.

Damals hatte er in einer alten Jagdhütte gewohnt. Weitab von neugierigen Augen und Ohren. Der Einzige, der ihn hin und wieder besucht hatte, war Paul. Er kam dazu, als es das Mädchen noch exotisch fand, Vincent sich aber schon anderen Problemen ausgesetzt sah. Irgendwann begriff sie, dass die Geschichte schlecht für sie ausgehen würde, und schrie ähnlich laut wie Paul. Damit hatte sie ihr Todesurteil unterschrieben.

Als Vincent zu sich kam, blieb ihm nur, die Leiche zu vergraben und den Tatort zu reinigen. Gegen Morgen war es ihm gelungen, den wimmernden und vom Schreien vollkommen entkräfteten Paul aus seinem staubigen Fluchtort zu befreien. Damals hatte er zum ersten Mal versucht, einem anderen das Unerklärbare zu erklären.

Paul hatte ihm zugehört, danach das Haus verlassen und Vincent hatte sich mental darauf eingestellt, binnen kürzester Zeit in Handschellen abgeführt und irgendwann, wenn sich das Monster vor einem Polizisten oder Gefängniswärter zeigen würde, aus Notwehr erschossen zu werden. Ein beruhigender Gedanke.

Es dauerte ein halbes Jahr, bis Paul erneut an seine Tür klopfte. Niemand hätte ihm geglaubt. Weder die Polizei noch seine Familie noch seine Freunde noch die fünf Therapeuten, die er verschlissen hatte. Der Einzige auf der Welt, der wüsste, dass er nicht verrückt wäre, wäre Vincent. Deshalb trügen sie Verantwortung füreinander und er wäre hier, um diesen Plan umzusetzen oder sich im Falle von Vincents Ablehnung einweisen zu lassen.

Noch am selben Tag ließen sie sich einen Termin bei dem Notar geben. Danach zog Vincent auf Pauls Anraten in die nobelste Gegend in ganz Berlin. Ein glücklicher Zufall. Pauls Großtante gehörte die völlig heruntergekommene und seit Jahrzehnten leer stehende Villa und er handelte mit ihr eine Miete aus, die für Vincent gerade noch zu stemmen war. Die alte Dame stellte nur eine Bedingung: Vincent müsste die Rosen im Garten pflegen. Ihre Blüten wären für sie das Sinnbild alles Schönen und Guten. Sollte er es wagen, die Sträucher herauszureißen oder vertrocknen zu lassen, würde sie über ihn kommen wie ein Gewittersturm.

Das Lachen war ihm in der Kehle stecken geblieben, als er die wilde Entschlossenheit in ihren Augen bemerkte. Er versprach, sich um die Rosen zu kümmern, und Tante Irmchen übergab ihm die Schlüssel zum Haus. Er renovierte die Wohnung im zweiten Stock und richtete das Erdgeschoss so weit her, dass er die Zimmer als Lager- und Verkaufsräume nutzen konnte. Extra dafür hatte er einen Architekten engagieren müssen, um die Tragkraft des Kellergewölbes zu messen. Nicht, dass das Gewicht der Statuen die Holzbalkendecke zum Einsturz brachte. Dennoch musste der Dielenboden Estrich weichen.

Die Arbeit am Haus hatte ihn von dem Gedanken abgelenkt, dass es für ihn und alle Beteiligten sicherer gewesen wäre, wenn er sich einen Betonklotz ans Bein binden und in der Spree ersäufen würde.

Nach einer Weile zog Paul bei ihm ein. Er versprach sich Sicherheit von dem Umstand, dass selbst ein nur gedachter Schrei sofort sämtliche Nachbarn alarmieren und die Polizei auf den Plan rufen würde. Außerdem würde der soziale Zwang, der von einer gut situierten Gegend ausging, Vincents Selbstbeherrschung trainieren. Seine Begründung für den Irrsinn: Er hätte sich vom ersten Augenblick an in ihn verliebt und würde seine Berufung darin sehen, die Bestie in ihm im Zaun zu halten. Außerdem hätte er dank seines Nervenzusammenbruchs bei allen Menschen, die er kannte, verkackt. Bis auf ihn würde ihn niemand mehr für voll nehmen und diese Demütigung hielte er nicht aus. Selbst seine Mutter spräche in weinerlich-sanftmütigem Ton mit ihm.

Seitdem lebten sie beide in dieser aberwitzigen Symbiose.

»Wenn das so ist, dann los!« In Pauls Augen glomm die Vorfreude auf einen störungsfreien Abend. »Geh tanzen!«

Ihm war offenbar nicht klar, dass er mit dem Leben anderer spielte.

»Du schickst mich in einen Klub?« Vincent schwang sich mit dem Drehstuhl zu ihm. »Mitten hinein ins Getümmel williger und sich lasziv bewegender Frauen?« Ein Teil von ihm genoss die Panik in den blauen Augen. »Ihre verschwitzten Körper werden sich beim Tanzen an mich schmiegen und ich werde es genießen, ihren Duft zu inhalieren.«

Paul wurde blass. »Vergiss es. Ich kann nicht fassen, dass ich das ausgesprochen habe, aber ich dachte …« Er fuchtelte mit den Händen in der Luft. »Verdammt, ich will doch nur, dass du dich ein bisschen amüsierst und nicht, dass sich nackte Weiber an dir reiben!«

»Was denkst du denn, was in solchen Klubs passiert?« Er hatte zu den Wenigen gehört, die lediglich zum Tanzen dort hingegangen waren.

»Das, weswegen ich mich in diesen Sündenpfuhlen nicht blicken lasse!« Paul tippte energisch auf den Tisch. »Ich finde es widerlich, wenn Fremde an mir herumgrapschen und der Darkroom- und Fetischnostalgie kann ich ebenfalls nichts abgewinnen. Aber bei dir ist das anders. Du kommst damit klar.« Er verzog das Gesicht. »Kamst damit klar.«

Paul war zu gut für diese Stadt.

»Großer Gott!« Paul raufte sich die Haare. »Kann sich dein Monster nicht mit Fressen begnügen? Weshalb steht es auf Sex? Das ist widerlich!«

»Es steht auf intensive Emotionen und Sex gehört dazu.« Es war immer dasselbe. Inmitten sinnlicher Körperlichkeit spürte er das Lauern des Tieres in sich. Einen Moment Unachtsamkeit und es leckte sich die Lefzen. Anfangs hatte er es geschafft, es wenigstens tagsüber zu zügeln. Doch mit jedem Mal war es schwieriger geworden. Er war achtundzwanzig und lebte seit drei Jahren vollkommen abstinent. Ein Umstand, der seiner seelischen Ausgeglichenheit alles andere als guttat.

»Sag mir Bescheid, wenn dich der Drang überkommt, die Kassiererin im Supermarkt anzufallen.« Paul sah ihn in einer Mischung aus Wut und Resignation an. »In diesem Fall werde ich die Einkäufe zukünftig allein erledigen.«

»Rede keinen Unsinn.« Sie war ebenso sicher vor ihm wie Pauls Mutter oder die Postbotin. »Ich springe nicht jede an, um ihr ins Genick zu beißen.« Er hörte das dunkle Knurren nur, wenn sich in ihm ein sehnsüchtiges Drängen ausbreitete. Manchmal genügte ein bestimmter Duft, eine flüchtige Berührung, ein tiefer Blick in schöne Augen, und er musste Distanz zwischen sich und dem Menschen bringen, der kurz davor stand, Beute zu werden.

Vincent legte die Hand auf die sensible Stelle unterhalb des Nabels. Hier spürte er die Bestie zuerst. Es begann mit einem Ziehen, das nach und nach stärker wurde. Versuchte er sich dagegen zu wehren und das Monster zurückzudrängen, versank er in Schmerz. Die wilde, unbewusste Dunkelheit, die folgte, glich einer Erlösung.

»Es ist zum Auswachsen!« Stöhnend fuhr sich Paul übers Gesicht. »Vince, bitte! Geh aus, aber nicht in diese Flackerlicht-Hölle. Einfach durch die Straßen schlendern, mal in ein Café setzen oder eine Bar.« Er ließ die Hände sinken, versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln. »Mehr nicht. Vielleicht findest du eine mit Livemusik, das wäre doch schön.«

»Du willst mich loswerden und hast trotzdem Angst davor, was passieren könnte.« Eine klassische Zwickmühle.

»Ja.« Paul nickte unglücklich. »Ich bin ein Egoisten-Schwein, aber verdammt, ich brauche endlich wieder jemanden im Bett, der nicht nur in meiner Fantasie existiert.«

»Warum vögelst du Knut nicht tagsüber?« Dann ließ sich das Monster leichter kontrollieren.

»Weil das nicht dasselbe ist, verdammt! Du weißt, was ich meine!«

»Ja, aber ich versuche es zu verdrängen.« Redete er offen über seine Bedürfnisse, würde Paul augenblicklich die Koffer packen. »Gut, ich lasse euch allein.« Auch wenn es das Risiko niemals wert war. »Ich werde durch die Straßen ziehen und so tun, als wäre ich ein ganz normaler Mensch.« Im Notfall konnte er immer noch zur Schorfheide fahren.

»Danke, aber versprich mir, dass dir keine Frau zu nah kommt.« Mit flatternden Fingern strich sich Paul die Haare zurück. »Im Kühlschrank steht Pesto von gestern. Iss einen Teller Pasta damit und die Sache ist geklärt. Ich habe da so viel Knoblauch reingepresst, das hält keine aus.«

»Ich bin noch nicht so weit.«

»Für die Weiber?« Paul sah ihn konsterniert an. »Das wirst du niemals sein und das weißt du.«

»Für dein Essen.« Nach einer Verwandlung vergingen ein paar Tage, bevor er wieder normale Nahrung vertrug.

»Verstehe«, murmelte Paul betreten. »Sieh dich trotzdem vor.«

»Wenn es eng wird, verschwinde ich.«

»Was heißt eng genau?«

»Das willst du nicht wissen.«

»Das muss ich wissen!«

»Sicherlich nicht.«

»Ich kann dir helfen.«

»Nein, aber danke für das Angebot.« Es wurde eng, wenn die Bestie ihn von innen zu zerreißen versuchte, bevor sie die Klauen nach der Frau ausstreckte, die er lieben wollte.

Als Mann.

»Ich kann nur ahnen, was du durchmachst.« Paul kam einen Schritt näher. »Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich es eines Tages schaffen werde, dich …«

»… gefahrlos zu deinem Geliebten zu machen oder mich vor mir selbst zu retten?« Wahrscheinlich gehörte beides zu seinen Tagträumen.

»Leider nur das Zweite. Für das Erste fehlt mir der Mut und dir der Sinn für neue Erfahrungen.« Pauls Blick glitt über ihn hinweg, registrierte das übergeworfene Hemd. »Wobei ich nach einer Flasche Wein eventuell genug Courage aufbringen könnte, um zumindest einen Versuch zu wagen.« Sacht strich er ihm mit dem Finger über die Brust bis hinunter zum Bauch.

Vince fingt die Hand ein, bevor sie tiefer glitt.

Paul lächelte traurig. »Und genau deshalb brauche ich einen Abend zu zweit mit Kerzenschein und Küssen.« Ihm entkam ein sehnsüchtiges Seufzen. »Es ist nicht leicht, sein Heim mit jemandem zu teilen, dem je nach Tagesform Klauen und Fangzähne wachsen.«

»Und Fell.« Das war ihm ebenfalls nicht erspart geblieben.

»Richtig.« Für einen Moment schloss Paul die Augen. »Ehrlich gesagt bist du auch als Mensch ein schlechter Gesellschafter. Dein einsilbiger Sarkasmus Gästen gegenüber ist eine Zumutung.«

»Wir haben nie Gäste.«

»Aber wenn wir welche hätten, wäre dein einsilbiger …«

»Schon gut. Wenn dein Knut heute kommt, bin ich weit weg und kann ihm nichts anhaben. Weder mit meiner scharfen Zunge noch mit sonst etwas.«

Paul runzelte die Stirn. »Er ist ein Mann.« In seinen Augen funkelte Misstrauen. »Du hast mir nie gesagt, dass es auch auf Männer anspringt.«

»Nicht aus Lust.« Doch Wut, Dominanzgebaren des Gegners oder schlichter Überlebenswille waren ebenfalls Trigger. Die Begegnung mit einem übermotivierten Jäger hatte ihn das in einer Neumondnacht gelehrt.

»Soll mich das beruhigen?«

»Ja, oder ist Knut ein aggressiver Schlägertyp?«

»Als ob ich mich auf so jemanden einlassen würde.« Pauls Blick glitt zum Laptop. »Humanoide Irrwege im Laufe der Geschichte?« Zwischen seinen Brauen furchte es sich. »Klingt interessant. Ist das dein neuer Erklärungsansatz?«

Vincent minimierte den Bildschirm. Seine Nachforschungen gingen ihn nichts an. Paul glaubte immer noch den Schwachsinn mit dem Werwolf und träumte davon, ihn in Vollmondnächten im Keller an die Rohrleitungen zu fesseln. Zu Pauls Leidwesen hatte sein Zustand weder etwas mit Mondphasen noch mit Silber zu tun. Das hatte er längst ausprobiert.

»Du schließt mich von deinen Nachforschungen aus?« Paul ließ die Schultern sinken. »Hältst du das für fair?«

»Ich will dir die Werwolfromantik nicht nehmen.«

Der Hauch eines Lächelns huschte über Pauls Gesicht.

»Wirst du Knut bekochen?« Es wurde Zeit, dass er das Gespräch in angenehme Gewässer schiffte.

»Ja«, seufzte er und das Lächeln breitete sich aus. »Ob sie im Bioladen Pulpo haben?«

»Das kann man essen? Als Mensch?«

»Aber ja«, schwärmte er. »Doch er sollte ganz frisch sein. Um das herauszufinden, gibt es einen Trick. Die Saugnäpfe müssen sich noch am Finger festsaugen können.«

»Wenn etwas frisch sein soll, muss es noch atmen und wegrennen können.«

»Vince!«

»Guck nicht so, als ob ein Monster vor dir säße.« Es war leichter, sich hinter Sarkasmus zu verstecken, als sich Pauls begründeter Angst auszusetzen. »Ich weiß, du liebst die Opferrolle, aber langsam fällt sie mir auf die Nerven.« Er schnippte ihm eine Heftklammer vor die Brust.

Paul versuchte erst gar nicht, sie aufzufangen. Mit regloser Miene ließ er zu, dass sie an ihm abprallte.

»Genau das bist du«, sagte er schließlich. »Ein tödliches, unkontrollierbares und zu allem Überfluss noch beschissen arrogantes Monster.«

»Klingt, als hättest du die Schnauze voll von mir.« Sein Gesicht krampfte, während er sich zu einem gleichgültigen Lächeln zwang. »Es steht dir jederzeit frei, zu gehen.« Den Stich in seinem Herz ignorierte er.

»Du willst nicht, dass ich gehe.« Paul senkte die Lider, stützte sich auf den Schreibtisch. »Du weißt, dass es dich früher oder später verschlingen wird, wenn dich niemand mehr daran erinnert, dass du ein Mensch bist!« Er schlug so heftig auf den Tisch, dass die Stifte hochsprangen. »Ist dir klar, was ich seit Jahr und Tag mit dir durchmache?«

»Dann bist du wohl ein Held.«

»Spare dir deinen Hohn!«

»Es war kein Hohn.« Wegen ihm würde Paul bis zu seinem Lebensende an Albträumen leiden. Dennoch lebte er mit ihm zusammen. »Ich kenne keinen mutigeren Menschen als dich.«

Ein warmer Glanz verdrängte die Härte in Pauls Blick. Er schob die Hände in die Hosentaschen, wandte sich zum Fenster. Eine Weile sah er ziellos auf die verschneite Straße.

»Sieh dir diese weiße Pracht an. Ich hätte nicht gedacht, dass es nach dem heißen Sommer jemals schneien könnte.« Er lehnte die Stirn an die Scheibe, lächelte verträumt. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich über Knuts Besuch bin. Er ist wirklich …« Seine Gesichtszüge entglitten. »Die Dogge fehlt.«

»Bitte?«

Hektisch tippte er gegen das Glas. »Da unten geht Herr Wenzel spazieren, aber ohne seinen Hund!« Langsam drehte er sich zu ihm. »Stammt das blutige braune Fell im Keller wirklich von einem Reh oder hast du das nur behauptet, damit ich mich nicht aufrege?«

Fast hätte er gelacht.

»Sag die Wahrheit, Vincent! Ich mag Herrn Wenzel und ich will ihm in die Augen sehen können, wenn er mich nach dem Verbleib seiner Dogge fragt.«

Pauls Talent, gegen ein bereits überlaufendes Fass zu treten, war phänomenal.

»Dann sag ihm, dass es mir leidtäte, aber sein Hund wäre köstlich gewesen und ich hätte ihn mir leider nicht versagen können.«

Pauls Miene fror ein.

»Wenn er seinem Liebling die letzte Ehre erweisen möchte, darf er sich gern im Keller an den Fellresten und Leberstückchen bedienen. Ein Spatenstich, und das Vieh ist unter der Erde.«

»Habe ich dir schon mal gesagt, dass du ein fieses Arschloch bist?« Pauls Lippen bebten, während es um seine Nase weiß wurde.

»Bei jeder Gelegenheit.«

Die blauen Augen begannen verdächtig zu glänzen. Fahrig wischte Paul darüber. »Ich sollte meinen Koffer packen und gehen.«

»Wir wissen beide, dass du es nicht tun wirst und wir wissen beide, warum.«

Paul presste die Lippen zusammen, wandte sich ab.

Das schlechte Gewissen überrollte Vincent wie eine Lawine. »Du hast recht, ich bin ein Arsch.«

»Ach, echt?«

»Aber nur nach Jagdnächten. Du weißt, dass ich danach fertig bin und trotzdem lieferst du mir eine Szene.«

»Nach Jagdnächten, vor Jagdnächten.« Er zuckte die Schultern. »Die paar Tage dazwischen, in denen du halbwegs auszuhalten bist, fallen kaum auf.«

In diesem Stadium würde er sich nicht mehr allein mit Worten beschwichtigen lassen.

»Ich weiß.« Vincent stand auf, umrundete den Schreibtisch. »Du bist ein Ritter, der sich aus einem unerfindlichen Grund dazu entschlossen hat, den Prinzen vor der Bestie zu beschützen.« Vorsichtig legte er die Hände auf Pauls Schultern, zog ihn noch vorsichtiger in eine Umarmung. »Und das, obwohl du weißt, dass er niemals dein Prinz sein wird.«

Mit einem resignierten Seufzen ließ sich Paul gegen ihn sinken. »War es wirklich die Dogge?«

»Oh Mann!«

Pauls Herz musste unendliche Ausmaße besitzen, da es sogar Wenzels garstigen Köter miteinschloss. Das Vieh kläffte sich jedes Mal um den Verstand, wenn es Vincent auch nur witterte.

»Ich würde mir mein Essen nie aus der Nachbarschaft besorgen. Schon gar nicht, wenn es einen Namen trägt und ich seinen Besitzer kenne. Außerdem ist der Hund von Wenzel schwarz.«

Paul befreite sich aus der Umarmung. »Als ob die Farbe etwas ändern würde.« Mit trauriger Miene spielte er an einer Fluse seines Pullovers und zupfte sie schließlich ab.

Über Vincents Rücken huschte eine Gänsehaut. »Lass das.«

»Was denn?« Unschuldig hob Paul den Blick.

»Das Fussel-Zupfen. Du weißt, dass ich das hasse.« Als würden seine Fingernägel in die falsche Richtung gebogen.

»Echt?« Hinterhältig spielte er an einem weiteren. »Etwa so, wie ich es hasse, am frühen Morgen deine Essensreste wegzuräumen?« Er riss den Fussel ab, schnippte ihn Vincent entgegen. »Wenn ich heute Abend in Knuts Armen liege und mich ein Polizeianruf von Dingen abhält, die ich mir redlich verdient und seit Jahren ersehnt habe, dann werde ich dich täglich mit meinem ältesten Wollpullover im Gefängnis besuchen und vor deinen Augen so viele Fusseln zupfen, bis du wimmerst!« Er schritt zur Tür. »Übrigens musst du dich um Tante Irmchens Rosen kümmern. Sie erfrieren sonst.«

»Sie sind winterhart.«

»Die alte Dame mag dir verschroben vorkommen, aber ihre Drohungen sind Versprechen, das kannst du mir glauben.« Er warf ihm einen düsteren Blick über die Schulter zu. »Sie hat dir die Verantwortung für ihre Lieblinge übertragen. Solltest du dich irren und die Blumen gehen ein, wird dir Irmchen zeigen, was ein echtes Biest ist.«

»Sie sind immer noch winterhart. Ich habe es gegoogelt.«

»Wann?«

»Letzten März.« Plötzlich hatte harter Frost eingesetzt. Den Sträuchern war es gleichgültig gewesen.

»Dann hoffen wir in deinem Interesse das Beste.«

Endlich schloss er die Tür hinter sich.

Vincent setzte sich zurück an den Laptop, starrte auf den schwarzen Schirm.

Er würde durch die Straßen ziehen. Mitten in der Nacht. Ständig auf der Hut vor dem, was er weder zulassen noch kontrollieren konnte. Nur wegen eines Mannes, der sich erdreistet hatte, das Herz seines sanften Wächters in Flammen zu setzen.

Er ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. »Geht etwas schief, werde ich dich fressen, unbekannter Knut.« Sein Atem beschlug auf der glatten Fläche. »Das ist ebenfalls ein Versprechen.«

Heinrich

Der Wolfsrücken hüllte sich in Nebel. Was für ein Anblick. Heinrich liebte ihn.

Wolfsrücken. Eine treffende Bezeichnung, dabei verdankte der Südkamm des Lysá Hora den Namen lediglich seinem Verlauf und nicht den Wesen, die in seinem Tal hausten. Dann wäre es aus mit dem Frieden.

Heinrich trank einen Schluck Kaffee. Er war so heiß, dass er ihm in die Lippen biss. Seine Knie knackten, als er sich auf die Stufen der winzigen Terrasse setzte. Sie umschlang das Holzhaus wie ein Kragen, gerade breit genug für einen Schaukelstuhl. Maria hatte darauf bestanden, dabei war es selbst im Sommer zu kalt und feucht in der Schlucht, um abends lange draußen zu bleiben.

Frauen. Ohne ein bisschen Luxus kamen sie nicht zurecht. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er mit den anderen zusammen in der Höhle gehaust oder mit Jakub und Adam in der Glashütte. Zwischen Schmelz- und Kühlofen wurde es nie kalt. Der beste Platz in einem Winter wie diesem.

Aus dem Rauchfang quoll es grau zu dem winzigen Stückchen Himmel empor, das inmitten der Baumkronen auszumachen war. Jakub und Adam arbeiteten demnach schon. Das war gut. Vor Weihnachten verkauften sich die mundgeblasenen Gläser am besten und die Gemeinschaft brauchte Geld, seit Jakub durchgesetzt hatte, dass ein Laptop selbst für Biester Sinn ergab und Handys trotz der zahllosen Funklöcher nützliche Errungenschaften waren.

Er hatte nie eines dieser Dinger gebraucht und ohne sie hätte Gregor keinen Kontakt aufnehmen und auch niemanden abwerben können. Der Kerl hatte Tschechien verlassen. Warum ließ er sich nicht vom Teufel holen? Stattdessen machte er Ärger.

Heinrich wärmt sich die Hände an der Tasse, während seine Gedanken fast dreißig Jahre in die Vergangenheit schweiften.