Nachtmahr und Nebelnixe - Jadda Grönhoff - E-Book

Nachtmahr und Nebelnixe E-Book

Jadda Grönhoff

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Beschreibung

Aus dem Wasser verbannt und in der Menschenwelt gestrandet, will die Nixe Mialeena nie wieder über die Bluttat sprechen, die einst ihr Leben zerstörte. Ihr Schweigen könnte jedoch jemandem das Leben kosten: ihrer großen Liebe Ben. All ihren Mut zusammennehmend, bricht sie mit ihren engsten Vertrauten nach Irland auf – und kehrt damit an den Ort zurück, an dem die Dunkelheit zu ihrem Begleiter wurde. Mit jedem Schritt in Richtung Vergangenheit zieht sich die Schlinge um Mialeena fester zu. Ihr unheimlicher Widersacher ist enger mit ihr verbunden, als sie glaubt, und weder ihr noch Bens Entkommen ist in seinem Spiel vorgesehen ...

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Nachtmahr und Nebelnixe

Die Sehnsucht der Wasserflüsterin

Jadda Grönhoff

Copyright © 2018 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Martina König

Korrektorat: Julia Mayer

Layout: Michelle N. Weber

Illustrationen: Jadda Grönhoff

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock / Pixabay

ISBN 978-3-95991-529-8

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Teil I

Bittersüßer Regen

Teil II

Ersehntes Nass

Sonnengeküsst

Im Netz

Tiefgrün

Gut versteckt

Neugier

Verbunden

Teil III

Irgendwie entführt

Freischwimmer

In Bedrängnis

Nervöse Andeutungen

Das Geschenk

Teil IV

Herzschlagmomente

Im Lichtergarten

Hinterhalt

Der Geschmack von Wut

Dunkelrot

Verbannung

Teil V

Aus dem Schneckenhaus

Chaospläne

Aufbruchstimmung

Das kalte Wesen

Der Betrunkene

Erwachen

Teil VI

Die dunkle Hexe

Ablenkung

Eiserner Wille

Der Nachtmahr

Flut

1

Wut

Gegenwart

Bittersüßer Regen

Klatschnass und verzweifelt – das beschrieb meinen Zustand am besten. Meine blonden Haare klebten mir am Kopf und schmiegten sich an meinen nackten Rücken. Regentropfen sammelten sich an meinen Wimpern und ließen die Sicht verschwimmen. Mit ausgebreiteten Armen drehte ich mich in den Wind, der hier oben auf dem Flachdach des Hochhauses, in dem ich wohnte, kräftig pfiff. Unerbittlich trieb er den Regen in Wellen vor sich her und stahl dem frühen Abend durch das Grau der Regenschleier seine Farben. Abertausende winzige Stakkatos in Regenrinnen, auf Blechdächern und meinen Armen sangen mir eine Melodie, die ich liebte: Sie bestand aus dem Rauschen, das den Himmel erfüllte, dem stark gedämpften Autolärm viele, viele Stockwerke unter mir, unterlegt mit meinem sehnsüchtig klopfenden Herzschlag.

Ich streckte die Zunge raus und sog mit allen Sinnen den nassen, satten Geruch ein. Der unverwechselbare Geschmack von Pollen, die die Frühblüher in die Luft entließen, kündigte den Frühling an. Doch selbst die Aussicht auf bald wärmeres Wetter konnte meine unterschwellige Unruhe nicht verscheuchen. Etwas Bitteres überdeckte die feinen Nuancen von süßem Blütenstaub und Sand aus fernen Ländern. Typisch Großstadt – der Regen schmeckte einfach anders.

Resigniert schnaubte ich. Wem wollte ich etwas vormachen? Hier war alles anders als dort, wo ich herkam. Alles hatte sich geändert, wirklich jedes Detail meines erbärmlichen Lebens.

Fast schon manisch streckte ich mich den nadelspitzen Tropfen entgegen, versuchte, mich auf das Piksen und Zwacken zu konzentrieren, mit dem sie mich in Schenkel und Bauch bissen, und hob die Arme über den Kopf. Für ein paar Augenblicke schien der Wind meine stumme Bitte zu erhören. Mit aller Gewalt peitschte er das Wasser über das Dach und ließ den Regen schmerzhaft auf mich niederprasseln. Gut so.

»Mehr«, flüsterte ich, bot mich dem Wind an, überließ ihm meinen Körper. Er zerrte und zog an mir, leckte mit eiskalten Zungen über meine nackte Gestalt und schaffte es für ein paar Minuten, all die Dunkelheit aus mir herauszupusten, die in mir hauste. Je halsstarriger ich sie zu ignorieren versuchte, desto heimtückischer kam sie zurück. Jedes Mal.

Nicht nur meine Träume erschienen mir seit Tagen wieder äußerst plastisch und so intensiv, dass ich morgens glaubte, in meinen verschwitzten Laken auch ihn riechen zu können. Wenn ich zudem von dieser durchgedrehten, mörderischen Frau träumte, die ich nachts beobachtete, und die mir nach wie vor fremd war, glich mein Gefühlsleben am darauffolgenden Tag dem Meer – in einem Moment ruhig und friedlich, im nächsten aufbrausend und alles verschlingend. Es passierte, dass ich mitten am helllichten Tag modrigen Kellergeruch wahrnahm oder glaubte, die Menschen um mich herum beobachteten mich, als wüssten sie genau, was ich getan hatte – und dass ich nicht rein menschlich war.

»Lass mich doch endlich in Ruhe«, wisperte ich, an niemand Speziellen gewandt. Der Wind fauchte so laut, dass man mich ohnehin nicht hätte verstehen können. Lediglich zwei Silbermöwen hockten mit eingezogenem Kopf auf der niedrigen Mauer im Windschatten eines Schornsteins. Vielleicht wunderten sie sich über die nackte blonde Frau, die am frühen Abend nichts Besseres zu tun hatte, als in der Kälte im strömenden Regen herumzustehen und vor sich hin zu fluchen? Ob sie ahnten, dass ich kein normaler Mensch war?

Mit von mir gestreckten Armen begann ich mich langsam zu drehen, ließ den Wind die Richtung meiner Tanzschritte bestimmen, drehte mich und drehte mich, wirbelte wie ein Blatt durch den Sturm – und stieß mit den Knien gegen die niedrige Mauer, die das Flachdach zu allen Seiten begrenzte. Erschreckt taumelte ich vornüber, klammerte mich an ihr fest und starrte in die Tiefe. Der Gehweg und die parkenden Autos sahen von hier oben winzig aus, dabei befanden sich nur zwölf Stockwerke unter mir. Wenn ich mich einfach nach vorn fallen ließe, hätte ich es schnell hinter mir und meine traurige Existenz in der Verbannung wäre vorüber.

Für einen winzigen Augenblick pustete der Wind mir so hart in den Rücken, dass ich das Gleichgewicht zu verlieren glaubte. Adrenalin jagte mir durch den Körper. Mit einem erschreckten Keuchen fing ich mich, krallte meine Finger um die Kante der Mauer und schnappte nach Luft. Hier oben pfiff nicht nur der Sturm. Etwas Düsteres schien umherzuwabern, schwer greifbar wie ein unpassendes Gewürz im Essen. Es irritierte mich, doch jedes Mal, wenn ich mich darauf konzentrierte und glaubte, es zu fassen zu bekommen, entwischte es mir. Ich konnte sie erahnen, die Schatten zwischen den Regenschleiern – sobald ich genau hinsah, verschwanden sie. Zu wissen, dass da etwas war, das ich nicht identifizieren konnte, machte mich rasend. Schließlich glaubte ich, sanftes, höhnisches Gelächter zu vernehmen.

»Du kriegst mich nicht klein!«, schrie ich in den tosenden Wind. Er riss die Silben schneller von meinen Lippen, als ich sie aussprach. Hinter meinen Rippen hämmerte es hart in meiner Brust. Der Sturm nahm zu, drückte gegen mich und schob mich weiter und weiter auf den Abgrund zu. Erbittert hielt ich dagegen. »Du nicht!«, kreischte ich wütend auf und konnte mich bei dem Heulen selbst kaum verstehen. »Du bekommst mich nicht! Nie wieder!«

Die Worte verhallten ungehört, doch nun, da sie raus waren, ging es mir besser. Die erdrückende Finsternis, die manchmal wie etwas Lebendiges auf mich lauerte, war für den Moment fortgepustet. Erschöpft sank ich an der Brüstung auf die Knie. Ich bildete mir ein, dass auch der Wind nicht mehr ganz so hart über das Dach fegte. Trotzdem – auf noch so eine Schrecksekunde konnte ich gut verzichten. Meine Beine schienen die Konsistenz einer Qualle zu haben. Sie zitterten erbärmlich. Mein Herzschlag wummerte dröhnend in meinem Schädel und ein seltsamer Geschmack lag auf meiner Zunge. So einen Zusammenbruch hatte ich zuvor noch nie gehabt – doch bisher hatte ich es auch einigermaßen erfolgreich geschafft, die Geschehnisse von damals zu verdrängen.

Verdammt. Mich selbst konnte ich meistens hervorragend belügen – mein Körper zeigte mir zuverlässig, wie es um mich stand. Schüppchen hatten sich zwischen meine Hautzellen gemogelt und schillerten durch die Nässe in allen Farben des Regenbogens. Sie waren wunderschön und mir stiegen vor hilfloser Wut Tränen in die Augen.

Ich war eine Nixe, eine Wassernymphe, eine Undine, ein Hybrid, ein Fischmensch. Wasser war für mich lebensnotwendig, beinahe wie für Menschen die Luft.

In meiner trockenen Gestalt ging ich als einer von ihnen durch: schulterlange blonde Haare, grünblaue Augen, nicht besonders groß, nicht zu dünn, nicht zu dick. Je nach Tagesform hätte mich der eine oder andere wohl als ganz hübsch bezeichnet. Vermutlich aber nur so lange, bis meine nasse Gestalt zum Vorschein kam. Die entsetzten Blicke, sobald mir innerhalb weniger Augenblicke dünne Membranen zwischen Zehen und Fingern wuchsen, wollte ich mir nach wie vor nicht ausmalen. Von den zarten, aber äußerst kräftigen Schleierflossen an Armen und Beinen, die sich während meiner Wandlung aus meiner Haut schoben, ganz zu schweigen.

Genau dieses Phänomen musste ich im Augenblick unter Kontrolle halten, denn die Emotionen, die ich so sorgsam unter Verschluss halten wollte, suchten sich einen anderen Weg, um mir deutlich zu machen, wie aufgewühlt ich tatsächlich war. Der Drang, mich vollständig zu wandeln, wurde stärker – doch in meiner Wassergestalt auf einem Hochhausdach herumzuliegen, kam selbst meinem Verstand dermaßen dumm vor, dass er meinen Instinkt in Schach halten konnte.

Immer noch bebend hob ich eine Hand, spreizte vorsichtig die Finger und blickte prüfend zum Abendhimmel hinauf. Durch den Kontakt mit dem Regen hatte sich eine hauchdünne Membran zwischen meinen Fingern und den Zehen gebildet. Die durchscheinenden Schwimmhäute waren nicht zu leugnen.

»Kommt schon, verschwindet wieder!«, murmelte ich halbherzig. »Ich hab’s verstanden, okay? Ich kümmere mich um die Sache. Ich laufe nicht mehr weg, in Ordnung?«

Selbst dort, wo meine Kiemen bei der Wandlung wuchsen, kribbelte und drückte es von innen gegen die Haut, die diese Stelle in meiner Menschenform bedeckte. Meine nasse Gestalt lockte mich. Ich wusste, dass partielle Wandlungen gefährlich waren – trotzdem genoss ein Teil von mir sie enorm.

Jetzt ist es ohnehin egal, versuchte das Stimmchen mich zu verführen. Bilde deine Flossen aus, lass alles raus, sei endlich du selbst!

»Still jetzt!«, zischte ich.

Ich musste mich ablenken. Missmutig blinzelte ich in den Regen, der nicht mehr annähernd so dicht fiel. Solange ich klatschnass war, würde ich es ohnehin nicht schaffen, mich auf die Wandlung zu konzentrieren.

Eine dritte Möwe landete neben den beiden anderen und so, wie sie ihre Köpfe hin und her drehten, stellte ich mir vor, dass die beiden schon anwesenden die Dritte auf Stand brachten. Was bisher geschah … Wie bei einer Telenovela mit mir als Hauptdarstellerin.

»Genießt das Drama«, brummte ich und presste meine Handballen gegen meine Schläfen.

Konzentrier dich, lass dich nicht von den Dämonen deiner Vergangenheit ärgern, blicke nach vorn. Und überlege dir, was du mit diesen verdammten Zetteln anfangen willst!

Leichter gedacht als getan.

Ich wischte mir die nassen Haare aus dem Gesicht und suchte mit den Augen den Boden ab. In einer Ecke zwischen Mauer und Schornstein entdeckte ich das zusammengeknüllte Papierstück, das ich vorhin aufgebracht fallen gelassen hatte. Es klebte, nass wie es war, am Boden. Doch auch ohne es aufzuheben, wusste ich, was draufstand.

STERBEN.

Es war das dritte Blatt Papier seiner Art, der dritte DIN-A5-Zettel. Weißes Kopierpapier, Laserdruck. Schwarze Großbuchstaben. Ich hatte ihn vorhin aus dem Briefkasten gefischt. Der Briefumschlag, in dem der Zettel gesteckt hatte, war in Irland abgestempelt worden. Allein das ließ meinen Blutdruck steigen.

Ich lauschte meinem dumpf schlagenden Herzen. Auf dem ersten Zettel, der vor ein paar Tagen ebenfalls mit der Post gekommen war, hatte ›ER‹ gestanden, auf dem Zweiten ›WIRD‹. Der Dritte komplettierte den Satz, der mir unablässig im Kopf herumsprang.

Er wird sterben.

»Warum können die mich nicht einfach in Ruhe lassen?«, beklagte ich mich bei meinen drei Zuhörern. Sie zogen die Köpfe ein und plusterten ihre Gefieder auf. »Ausgerechnet heute! Ich habe meine Strafe erhalten – und glaubt mir, die ist härter, als ihr euch vorstellen könnt. Wie würde es euch gehen, wenn ihr nicht mehr fliegen dürftet, hm?« Ich blinzelte den Regen aus den Augen. Meine Empörung ließ meine Stimme schrill klingen. »Wer im Namen der großen Ozeane will meinen hart erkämpften Frieden stören? Meine Tat liegt über zwei Jahre zurück, meine Existenz wird seit meiner Verbannung verleugnet! Was wollen diese Verrückten denn noch?«

Die Vögel drehten mir ihre Köpfe zu und starrten mich aus ihren dunklen Knopfaugen an. Frag nicht so dumm, das ist doch offensichtlich!, schienen sie mir mitzuteilen.

Ich schnaubte. »Sie haben mir versprochen, dass nur ich ganz allein für meine Tat büßen muss! Niemand sonst! Das wäre nicht fair!« Aufgebracht sprang ich auf, schnappte mir den durchweichten Zettel und hielt ihn meinem Publikum hin, ehe ich ihn wieder zusammenknüllte. »Was soll das nur?«

In mir brodelte es. Es musste ein schlechter Scherz sein, um mich einzuschüchtern und mir mein erbärmliches Dasein ein wenig trostloser erscheinen zu lassen. Irgendein blöder Scherzkeks, der wusste, was für ein Datum heute war, eines, an dem ich mich verletzlicher als sonst fühlte. Ich knirschte vor Wut mit den Zähnen. Jemand hatte genau auf diesen Tag hingearbeitet.

Mit zusammengepressten Lippen blinzelte ich gegen den Regen und neue Tränen an und verdrängte die Gedanken an meine rachsüchtige Sippe, so gut es ging. Ausgerechnet an diesem Tag sollte ich feiern und den Leuten, die mir das Leben schwer machen wollten, breit ins Gesicht lachen, provozierend, laut und selbstbewusst! Ich war am Leben und würde mich niemals mehr absurden Regeln unterwerfen. Ein paar Zettelchen würden mich nicht aufschrecken – erst recht nicht an meinem Geburtstag.

Ich sah zu den Vögeln hin. »Ich lade euch ein, ihr Stimmungskanonen. Zweiundzwanzig ist doch eine schöne Zahl. Wird bestimmt eine grandiose Feier.«

Etwas resigniert blinzelte ich in den Regen, der wieder härter auf meinen Körper hämmerte. Die Möwen saßen nach wie vor mit stoischer Ruhe auf demselben Stückchen Mauer. Hätte ich die innere Haltung dieser Vögel, die alles über sich ergehen ließen, hätte ich mir vermutlich vieles erspart.

Mit einem schweren Seufzen ließ ich mich auf den Rücken fallen und gab mich damit zufrieden, mich von den Regentropfen streicheln zu lassen. Sie platschten mir ins Gesicht, trommelten zart auf Brüste, Bauch und Beine und kitzelten mich, sobald sie seitlich an mir hinabliefen. Solch einen Wolkenbruch hatte ich seit Wochen vermisst.

»Bei allen Najaden, ich bin so erbärmlich. Ich sollte mich einfach trauen, ins Wasser zu gehen, heute, hier und jetzt. Und wenn es der nächste Alsterkanal ist!«, teilte ich dem Wind mit, der das Gefieder meiner Zuhörer ordentlich zerzauste, obwohl sie windgeschützt saßen.

Ich schnaubte matt. Sosehr mich die Vorstellung an kühles Nass auch lockte, wäre es unsagbar leichtsinnig gewesen, dem Drang nachzugeben. Mein Leben, oder das, was davon übrig geblieben war, war eben … kompliziert. Trotz konnte ich mir nicht leisten.

Das fröhliche Piepen meines Handys, das immer lauter wurde, riss mich aus den Gedanken. Die Melodie klang viel zu unbeschwert für meine Stimmung.

Seufzend stand ich auf, streckte mich im prasselnden Regen und genoss die nadelspitzen Liebkosungen der Tröpfchen, die vom Wind gegen meinen Körper gepeitscht wurden. Es waren keine zärtlichen Berührungen, doch sie passten zu meiner Laune. Ich legte den Kopf in den Nacken, wand mich in die Richtung, aus der der Regen kam, hob die Arme und spürte für eine paar Atemzüge den feinen Stichen der kalten Tropfen nach. Das Gefühl, wie sie über meine Schenkel peitschten und in meine Brustwarzen bissen, mochte ich sehr. Doch der Regen war nur ein Geliebter, der mich zwar reizte, aber nicht befriedigen würde. Ich brauchte mehr, mehr von dieser nassen Kälte, mehr Wasser, Kubikmeter davon, in die ich mich werfen und in denen ich mich verlieren durfte. Und das konnte ich mir abschminken.

Frustriert seufzte ich, sog ein letztes Mal die nasse Luft ein, erschauerte im kalten Wind und blinzelte irritiert. Etwas hatte sich verändert. War es das Licht? Hatte der Regen noch weiter nachgelassen? Vorsichtig kostete ich das Wasser, doch das Bittere, das ich Minuten zuvor noch geschmeckt hatte, war verschwunden. Ich war einfach nur überreizt, versuchte ich mich zu beruhigen. Das Dunkle, das ich nicht zu fassen bekommen hatte, war weg. Ich hatte mich einfach nur ein wenig zu sehr aufgeregt und sah überall Gespenster.

Meine drei Zuschauer wirkten gleichbleibend unbeeindruckt. Sie hatten die Köpfe mittlerweile so weit eingezogen, dass sie seltsam untersetzt und etwas missmutig wirkten.

»Danke für eure Gesellschaft!«, rief ich ihnen zu und deutete einen Knicks an. Es kam erwartungsgemäß keine Reaktion. »Sagt nicht weiter, dass hier im Haus eine durchgeknallte Nixe wohnt, in Ordnung?«

Eine der Möwen trippelte zwei winzige Schritte zur Seite. Was auch immer das heißen mochte.

Ich schnappte mir die Plastiktüte, in die ich mein Handy gestopft hatte, um es vor der Nässe zu schützen, und trat auf die windabgewandte Seite des Fahrstuhlwartungshäuschens. Augenblicklich ließ das Prickeln des Regens nach. Beim Blick aufs Display atmete ich erleichtert auf, öffnete die Tür zum Treppenhaus und zwängte mich durch die schmale Wartungstür des Fahrstuhlaufbaus. Bei dem Wind hätte ich sonst kein Wort verstanden.

»Leena!« Die Stimme meiner Freundin klang aufgedreht, als ich das Gespräch annahm. »Ich weiß ja, dass du etwas lahm bist, wenn du beim Regentropfenzählen unterbrochen wirst, aber mich über eine Minute warten zu lassen? Jeder andere hätte aufgelegt!«

Ich lächelte. »Heute darf ich das.«

Tilly schnaubte zustimmend. »Na schön. Bist du bei dir zu Hause auf dem Dach?«

»Ganz genau.« Ich gab mir Mühe, mir meine Unruhe nicht anmerken zu lassen. Mein Herz schlug immer noch wild vor Aufregung. Wem wollte ich etwas vormachen? Dieses eine, letzte Zettelchen hatte mich in Aufruhr versetzt.

»Perfekt, ich hol dich da oben ab. Ich altes Weib kann mal wieder ein bisschen Treppensteigen vertragen.«

Ich rollte mit den Augen. Tilly war gerade mal fünf Jahre älter als ich. »Tu, was du nicht lassen kannst. Es gibt immerhin einen Fahrstuhl.« Ich lauschte auf ihr unverständliches Brummen.

In den letzten zweieinhalb Jahren war sie meine beste Freundin geworden. Viel mehr als das, schließlich hatte sie mir mein Leben gerettet. Sie war das genaue Gegenteil von mir, mit dem Element des Feuers verbunden wie ich mit dem Wasser, und vielleicht zog uns das so an.

»In einer knappen Stunde bin ich da. Hab gleich Übergabe und dann eile ich zu dir, Wasserfee«, flötete sie und legte auf.

Ich steckte das Handy in die Tasche meiner Jacke, die ich hier im Trockenen neben einem Handtuch und meinen restlichen Klamotten deponiert hatte. Ich trocknete mich ab, zog mich an und schob die Tür nach draußen einen Spaltbreit auf. Der Regen hatte nur unwesentlich nachgelassen.

Hier auf dem Dach gab es einen winzigen Fleck, der überdacht war: Zwischen dem Schornstein, der Kabellage des Fahrstuhls sowie dem schmalen Treppenaufgang hatte irgendjemand, der hier vor mir gewohnt haben mochte, ein Stück Wellblech zwischen diesen drei Mauern angebracht. Es war schief und sah definitiv schrottreif aus, doch es bildete das Dach zu einem wundervollen Eckchen. Mit angezogenen Beinen war es problemlos möglich, dort zu zweit zu sitzen.

Mit großen Schritten rannte ich einmal um die Aufbauten herum, fluchte diesmal auf den Regen, weil ich das Gefühl von nasser Kleidung auf der Haut widerwärtig fand, und rettete mich mit einem Satz in den kleinen Unterschlupf. Der Wolkenbruch war durch das Prasseln auf dem Blech hier viel lauter, geradezu ohrenbetäubend.

»Kommt rüber, hier ist noch Platz!«, rief ich den Möwen zu und war verblüfft, als eine von ihnen tatsächlich die Flügel spreizte, in meine Richtung sah und schließlich schwankend davonflog – natürlich nicht zu mir. »Du hättest deinen Logenplatz gar nicht verlassen müssen«, gab ich leise von mir und legte die Arme um die Knie. »Meine Geschichte ist noch nicht vorbei.«

Die zwei übrig gebliebenen Vögel ruckten mit ihren Köpfen zu mir herum.

»Ich habe Unaussprechliches getan, wisst ihr?«

So unaussprechlich, dass ich es niemandem erzählt hatte und es mir sogar schwerfiel, meinen geduldigen Zuhörern davon zu berichten. Wie albern.

»Ich bin dafür verurteilt worden. Und deshalb verstehe ich nicht …!« Aufgebracht tastete ich nach dem nassen Papierfetzen, der mit meinem Handy in der Jackentasche verschwunden war. »Ich habe mich in einen Menschen verliebt«, wisperte ich und spürte, wie sich meine Kehle verengte. »Einen Menschen! Ihr wisst schon, diese schweinchenfarbenen Wesen, die sich von euren Kumpels die Sandwiches direkt aus der Hand klauen lassen!« Mein Seufzen klang schwer. Das Bild von warm leuchtenden, grünen Augen stieg in mir auf. »Außerdem habe ich getötet«, krächzte ich. In meinem Körper herrschte Aufruhr, als ich hinzufügte: »Und ich würde es wieder tun.«

Meine dramatische Pause war nicht gespielt – doch sie ließ mein Publikum kalt. Lediglich der Regen war zu vernehmen – dann flog eine zweite Möwe einfach weg.

Ernüchtert lehnte ich den Kopf an die Backsteinmauer hinter mir und schloss die Augen. Das glockenhelle Lachen von Wassernymphen, die liebliche Stille tief am Grunde eines Sees. Der sanfte Atem meines Liebsten an meinem Ohr. All das waren Geräusche meiner Vergangenheit, versuchte ich mir klarzumachen, ebenso das hasserfüllte Röcheln des Mannes, den ich getötet hatte.

Die Tränen, die unter meinen geschlossenen Lidern durchsickerten, verrieten, dass ich noch lange nicht damit abgeschlossen hatte. Ich konnte einfach nicht – erst recht nicht, wenn mich Zettelchen wie die aus den Briefen verhöhnten. Hatte ich damals etwas übersehen? Irgendeinen Hinweis?

2

Rebellion

Zwei Jahre zuvor

Ersehntes Nass

»Ich nehme diese Bücher mit, Ma!«, zischte ich meine Mutter gereizt an, als sie mich skeptisch dabei beobachtete, wie ich meinen tonnenschweren Koffer die Treppe in unserem Haus hinunterschleppte. »Dermaßen viel Stoff zu verpassen, kann ich mir nicht leisten!« Ich hatte begonnen, Chemie zu studieren, und liebte die Geheimnisse der Moleküle, die sich Woche um Woche vor mir entfalteten. Schnaufend erreichte ich schließlich den eine Etage tiefer gelegenen Flur und starrte sie herausfordernd an. »Du hast mir einen einzigen Koffer für die Reise erlaubt, aber was ich da reinstopfe, ist meine Sache. Und wehe, du holst nur eines meiner Lehrbücher da raus!«

Ganz die vornehme Nixe, die sie so gern sein wollte, warf meine Mutter den Zopf ihrer rotblonden Haare über die Schulter und musterte mich mit eisigem Blick. »Ich erwarte, dass du zu jeder gesellschaftlichen Veranstaltung anwesend sein wirst. Korrekt gekleidet und mit vorzüglichen Manieren, versteht sich, Leena. Ich hoffe für dich, dass du das beim Packen berücksichtigt hast.«

»Natürlich.« Hatte ich nicht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich kiloweise Schmuck und Kleider mitgenommen. Ich fand meine überschaubare Auswahl mehr als ausreichend. »Aber über den Rest meiner Zeit darf ich selbst bestimmen? Ich bin keine zwölf mehr!«

»Dann benimm dich nicht so!«, versetzte sie und zupfte ein verwelktes Blatt aus ihrem Haar, das beim nachmittäglichen Schwimmen im nahe gelegenen See darin hängen geblieben war. Wie etwas Giftiges schnippte sie es weg und seufzte übertrieben, als hätte diese winzige Auseinandersetzung sie bereits erschöpft. »Leena, tu es für die Familie. Mach uns bei dem Treffen keine Schande, versprochen?«

Dieser sanfte, bittende Tonfall ließ meine bissige Antwort auf der Zunge verkümmern. Ich verkniff mir meinen höhnischen Kommentar zum Thema für die Familie und nickte knapp. »Wird schon schiefgehen. Zur Not kannst du ja deine zwei jüngeren Töchter gesellschaftlich günstig verschachern.«

Ich lauschte dem Hupen des Wagens, der nun, am späten Abend, all diejenigen einsammelte, die ein paar Tage früher aufbrechen und den ganzen Weg zum großen Treffen meiner Artgenossen schwimmen würden. Natürlich registrierte ich das erstickte, wütende Gemurmel, mit dem meine Mutter sich bei meinem hinzugekommenen Stiefvater über mich beschwerte.

Manchmal konnte ich das diffuse Sehnen nach einem anderen Leben so wild durch meine Adern pulsieren fühlen, dass ich mich am liebsten in der stürmischen Brandung der aufgepeitschten See aufgelöst hätte – nur damit sich jedes Teilchen meines Seins neu und unbelastet von den Zwängen meiner Nixenwelt wieder hätte zusammensetzen können.

»Ich benehme mich, okay?«, versuchte ich, die Schärfe meiner letzten Worte etwas abzumildern. »Ich blamiere dich nicht, versprochen.«

Sie sah mich aufgebracht an. Hätte ihr Mann ihr nicht beschwichtigend eine Hand auf den Rücken gelegt, wäre sie explodiert. Wir waren uns ähnlicher, als ihr lieb war, und meine rebellische Ader schien für sie wie ein Spiegelbild zu sein, das sie nicht sehen wollte.

Unter den Wassermenschen galt mein etwas störrisches und aufbrausendes Temperament als unschicklich für ein Weibchen meiner Art. Ich war weit nach meinem Verfallsdatum noch unverbunden – ein Skandal, der meiner Mutter Nächte an Schlaf raubte – und so kam ich auch nicht der Bestimmung nach, die wir Nixen zu erfüllen hatten: Eigentlich waren wir weiblichen Wassermenschen zu nichts anderem gut, als für den Fortbestand unserer Art zu sorgen, sofern wir nicht ein besonderes Talent zeigten, das uns zu anderen Diensten an unserer Gesellschaft befähigte.

Mein besonderes Talent schien die Fähigkeit zu sein, überall anzuecken. Also blieb mir nur, meine Gebärmutter sinnvoll einzusetzen – und selbst an dieser Eignung zweifelte man stark, immerhin hatte ich einen menschlichen Vater.

Ich war die personifizierte Mahnung dessen, dass auch meine Mutter es mit dem Gebot, sich von Menschen fernzuhalten, nicht immer ganz genau genommen hatte.

Böse Zungen behaupteten, mein Vater sei ein armer Tor gewesen, den meine Mutter verführt hatte, doch ich wusste es besser. Sie hatten sich geliebt, für eine Weile, dann war ihnen das reale, harte Leben zwischen zwei Welten dazwischengekommen. Schließlich hatte meine Mutter ihn verlassen und war mit einem Kleinkind – kaum größer als ein Lachs – aus seinem Leben verschwunden.

Sie hatte mir nie seinen Namen verraten, mir keinen Hinweis auf seine Identität gegeben. Ich hatte irgendwann aufgehört, mich deswegen mit ihr zu streiten. Sie wusste, was ich von ihrem hartnäckigen Schweigen hielt, und ich wiederum wusste, dass sie mindestens so stur war wie ich selbst. Vielleicht erbarmte sie sich eines Tages …

Seit damals war sie darauf bedacht, ihr gesamtes Dasein am Wohle der Wassermenschen auszurichten, die Traditionen hochzuhalten und mich und meine kleinen Schwestern mit allen Bräuchen und Ritualen zu triezen, die es in unserer Gesellschaft der Nixen zu beachten galt.

»Das will ich auch hoffen«, antwortete meine Mutter verspätet, als sie sich wieder unter Kontrolle hatte. »Vergiss nicht, dass du zum Wasservolk gehörst und nicht zu … den anderen.

Ich hob eine Augenbraue. »Sag es schon!«, zischte ich auffordernd. »Schimpf auf den genetischen Einfluss meines Erzeugers, nenn mich ein Erdblut!«

Das war die Beleidigung, die mir mehr als einmal hinterhergemurmelt worden war. So nannten die Nixen abfällig jene, die nicht von den nassen Wesen abstammten. Dass die Wasserbewohner trotzdem sehr eng mit den Menschen verwandt sein mussten, um sich miteinander fortpflanzen zu können, wurde schlichtweg ignoriert.

»Mialeena!«, fauchte meine Mutter aufgebracht. »Du bist meine Tochter und ich verlange …« Ihr Brustkorb hob und senkte sich hektisch, ehe sie sich sichtlich zusammenriss. »Mögen die Strömungen mit dir sein!«, gab sie schließlich unseren traditionellen Gruß mit vor Wut vibrierender Stimme von sich und lächelte etwas gequält. Auf mich wirkte es wie ein Zähnefletschen. »Bis in ein paar Tagen, Tochter. Würdige das Schwimmen als das, was es ist: eine innere Reise zu dem, was dich ausmacht. Pass auf dich auf.«

Ich musste mir auf die Zunge beißen, um sie nicht darauf hinzuweisen, dass diese mystische und zutiefst spirituelle Reise, nämlich die ganze Strecke nach Irland aus eigener Kraft zu schwimmen, für mich nur ein Weg war, um dem Zugriff meiner Familie wenigstens noch für ein paar Tage zu entkommen. Die Vorstellung, sie gut zwei Wochen lang um mich herum zu haben und jedes Augenrollen kommentiert zu bekommen, machte mich nervös. Das konnte einfach nicht gut gehen.

Abgesehen davon aber liebte ich das stundenlange Schwimmen. In diesem Punkt hatte sie recht: Niemals sonst war ich so sehr bei mir wie in den Momenten, in denen ich die blaugrünen Weiten des Meeres vor, hinter, über und unter mir spürte.

Ich winkte meiner Mutter und ihrem Mann kurz zu, umarmte meine jüngeren Schwestern Lia und Nora, die wie aus dem Nichts aus der Küche auf mich zugeschossen kamen, und stapfte anschließend zum Wagen. Schweigend ließ ich mich die paar Kilometer zu unserem Treffpunkt bringen.

Niemand, den ich kannte, war Teil der Gruppe, die sich hier in den späten Abendstunden traf. Mein Stiefvater hatte sich am Bein verletzt und konnte derzeit nicht schwimmen, was seiner Laune naturgemäß nicht zuträglich war. Meine Mutter setzte dieses Mal wieder aus, weil meine kleinen Schwestern diese weite Strecke noch nicht schwimmen durften. Zu groß war die Gefahr, vor Erschöpfung Schäden davonzutragen oder gar durch einen Unfall zu sterben. Gerade uns jungen, weiblichen Nixen war das Langstreckenschwimmen verboten, schließlich waren wir potenziell wertvoll – oder zumindest unsere Fortpflanzungsorgane. Was hatte ich den Tag meiner Volljährigkeit gefeiert.

Wie alle zwei Jahre hatte meine Mutter ein großes Drama darum gemacht, ob sie meine Schwestern mit einer der gebrechlichen Tanten reisen lassen sollte, um selbst in den Genuss des ach so ehrenvollen Schwimmens zu kommen. Doch wie jedes Jahr entschied sie sich im Sinne der liebevollen Brutpflege dagegen.

Ich schnaubte giftig. Sie beneidete mich um das Schwimmen, das sie mir nicht mehr hatte verbieten können – ein Grund mehr, es in vollen Zügen zu genießen.

Der Anlass ließ mich jedoch nicht unbedingt in Jubel ausbrechen. Die großen Versammlungen der Wasserleute waren eine Mischung aus Familientreffen, Heiratsmarkt und politischen Gipfeltreffen. Umweltaspekte sowie Einflussnahmemöglichkeiten wurden von unseren Herrschern und ihren Räten diskutiert, während das gemeine Volk sich anderweitig vergnügte. Ich hatte diese Treffen schon als Kind wie einen brodelnden Sumpf aus Klatsch und Tratsch empfunden.

In diesem Jahr fand das Deóndac an der Ostküste Irlands statt. Die Herrschersitze der Norddynastie verteilten sich an den Küsten von Atlantik, Nord- und Ostsee. Reihum wurde gewechselt, um jeden Ort nach Möglichkeit nur einmal innerhalb einer Menschengeneration aufzusuchen. Wir trafen uns, je nach Mondphase, etwa alle zwei Jahre. Es musste finsterste Nacht zu Beginn der Versammlung sein, denn je dunkler es war, desto geringer war die Chance, gesehen zu werden. Es gab ein paar Märchen, die darauf hindeuteten, dass wir Fluss- und Meeresmenschen zumindest in der Sagenwelt derjenigen Küstenbewohner existierten, in deren Nähe wir unsere Deóndacs abhielten. Man munkelte sogar, dass einige tatsächlich von unserer Existenz wussten und uns als gute Geister bezeichneten, aber überprüfen wollte keiner diese Gerüchte. Also sorgten wir dafür, dass niemand sich wundern musste, warum während unserer Treffen ständig abends und nachts vermeintliche Menschen aus Richtung Meer spaziert kamen.

Um einige Versammlungen in den Vorjahren hatte ich mich drücken können, doch mit einer fast zwanzigjährigen, unverheirateten Nymphe verstand meine Mutter keinen Spaß mehr. Egal wie oft ich beteuerte, dass ich unmöglich mitten im Semester fast vier Wochen fehlen durfte, wurde ich dazu verdonnert, mitzukommen. Was mich zu nachtschlafender Zeit an dieses Gewässer brachte.

Wir würden zu zwölft schwimmen, ein Paar fehlte noch. In der Ferne waren Motorengeräusche zu vernehmen, leise Stimmen wehten zu uns herüber. Die Nachzügler waren angekommen.

Die letzten paar Meter würden auch sie zu Fuß gehen müssen. Immerhin war das hier Naturschutzgebiet. Wir alle hatten uns durch die feuchten Wiesen gekämpft. Der Untergrund nahe dem Ufer, an dem wir auf die beiden warteten, war gerade so fest, dass ich nicht einsank. Trotzdem verlagerte ich mein Gewicht immer wieder, allein um das nachgiebige Federn und das leise Schmatzen des Bodens unter meinen Füßen zu spüren. Schilf wuchs schulterhoch um uns herum, Pappeln und Birken senkten ein paar Meter weiter uferaufwärts ihre Kronen in Richtung Wasser. Wir waren gut getarnt, denn man konnte einfach nicht vorsichtig genug sein.

Der Weg, den wir nehmen würden, war nicht ohne Risiken: Der Aland mündete in der Elbe, diese hinunter, über die Nordsee, durch den Ärmelkanal bis in die Irische See.

Ich hatte mich akribisch vorbereitet. Schon seit Wochen hatte ich Großwetterlagen beobachtet, mir Vergleichsdaten der vergangenen Jahre besorgt und war bestens informiert über Strömungen, Temperaturen, Fährlinien und die Beschaffenheit des Meeresbodens. Außerdem hatte ich mir wundervollen Hüft- und Bauchspeck angefuttert und fast zwei Kleidergrößen zugelegt – und das mit voller Absicht. Wer sich in den Monaten vor einer Versammlung keine Reserven angefressen hatte, um die lange Strecke durchstehen zu können, musste eines der menschlichen Verkehrsmittel benutzen. Das war in der Gemeinschaft verpönt. Wahre Nixen, die etwas auf sich hielten, schwammen zu solchen Anlässen. Punkt. Auch ein Grund, warum meine Mutter mir das Schwimmen neidete.

Als die beiden letzten Mitschwimmer angekommen waren, begannen wir synchron mit unseren Wandlungen. Der abnehmende Mond spendete mattes Licht und würde in ein paar Tagen, zu Beginn unserer Versammlung, verschwunden sein. Hier und da konnte ich das Glitzern und Schillern von Schuppen erhaschen. Über all dem Geraschel von Kleidung und trockenen Schüppchen lag vor allem eines: eine freudige Erwartung.

In Windeseile warf ich meine Klamotten von mir, bis ich splitterfasernackt in der kühlen Nachtluft stand. Wir hatten Anfang September, doch die Temperaturen waren gnädig mit uns. Prüfend kontrollierte ich die wachsenden Membranen zwischen den Fingern und meinen Zehen. Der lila und grüne Schimmer, der über meine Haut lief wie Polarlichter, verriet mir, dass meine Wandlung auf Hochtouren lief. Ich hätte mich am liebsten an einer der knorrigen Weiden gescheuert, so sehr juckte und kribbelte meine Haut, als sie sich zu feinen Schüppchen umbildete. Wie in Zeitlupe tauschten Haut und Fischschuppen die Plätze: Meine Haut wurde immer durchscheinender, bis die gewellte Schuppenstruktur sichtbar war. Glücklich strich ich über silbrig glänzende Schuppen, die nach ein paar konzentrierten Atemzügen die Rundungen meiner Hüften, meiner Schultern, Teile des Rückens und den Po bedeckten. Helle lila Plättchen prangten, wie ich wusste, auf Stirn, Nase und Kinn und schimmerten auf Brüsten, Bauch, Scham und den Beininnenseiten in einem dunkleren Blaulila.

Die ersten Minuten waren etwas, das ich immer bis zum nächsten Schwimmen verdrängte. Nicht ganz Mensch, nicht ganz Nixe, taumelte ich zwischen dem unsinnigen Impuls, Luft in meine Lunge zu pumpen, und dem Wissen, dass ich Wasser einatmen würde und deswegen meine Kiemen benutzen musste, hin und her.

Auch dieses Mal traf es mich wie ein Schlag – ein Schlag eines äußerst dominanten Liebhabers. Der Fluss unterwarf mich, versuchte mit seiner Kälte und Schwärze jeder Zelle meines Körpers Herr zu werden und machte mir deutlich, dass ich nicht mehr wert war als jeder andere Fisch, jeder Frosch, jedes Lebewesen im Wasser.

Also lauschte ich ihm, testete meine gewandelten Stimmlippen und gab ein paar Schallwellen ab. Dadurch nahm ich die Ausmaße des Gewässers in mir auf, zog Informationen über Untiefen und etwaige Strömungen, horchte mit meinen allmählich erstarkenden Unterwassersinnen nach größeren Raubfischen und paddelte aus dem recht flachen Uferbereich in tiefere Gefilde.

Eiskaltes Wasser gluckerte durch meine Kiemen, kitzelte mich und strich sanft über jede einzelne schimmernde Schuppe. Ich war friedlich gestimmt und glücklich, vergaß den Streit mit meiner Mutter und konzentrierte mich auf die Reise, die vor mir lag.

Mit einem letzten Ziepen zersprang der Rest der dünnen Hautschicht über meinen Kiemen. An meinen Beinseiten entfalteten sich silbrig schimmernde Flossen, hauchdünn und filigran, aber äußerst kräftig. Sie begannen schmal an meinen Oberschenkeln, wurden mit einem sachten Schwung nach außen breiter, wuchsen länger als meine Beine und bildeten zwei keilförmige Spitzen. Von dort aus zogen sie sich wieder hinauf zu meinem kleinen Zeh. Ich hatte zwar keinen Fischschwanz, wie ihn sich die Menschen vorstellten, aber ich hatte eine Ahnung, woher sie diese Idee hatten. Voll entfaltet brachten meine Flossen es auf eine Spannweite von gut zwei Metern.

Noch waren meine Füße gut zu erkennen. Die Membranen zwischen meinen Zehen verwuchsen erst sehr spät im Wandlungsprozess.

Kaum zwei Hände breit und nur von meinem Handgelenk bis zur Schulter wachsend, dienten die Armflossen der präzisen Navigation unter Wasser. Mit meinen Beinflossen hingegen bekam ich Antrieb – und das nutzte ich genüsslich aus.

Ich blubberte meine Freude laut hinaus und verjagte ein paar kleine braune Fische in Sekundenschnelle. Immerhin war ich größer und stärker als sie – und einem kleinen Snack für zwischendurch nicht abgeneigt.

Probeweise schwamm ich ein paar Saltos, schraubte mich gluckernd und jauchzend in die Tiefe und stellte mir vor, dass Fliegen sich so anfühlen musste – nicht, dass ich mit einem Vogel hätte tauschen wollen. Für meine auf Restlicht reagierenden Augen erstrahlte die Welt in einem matten Grün. Dank des Mondes war es weiter mittig, wo mir nicht wie im Uferbereich Schlick und Schlamm die Sicht nahmen, für meine sensiblen Augen taghell.

Kräftig schlug ich mit den Beinflossen und nahm weiter Geschwindigkeit auf. Ich bewegte mich dicht über dem Bewuchs des Bodens und spürte, wie meine Muskeln und Bänder sich an die ungewohnte Belastung gewöhnten. Eine Kraft kehrte zurück, die ich lange vermisst hatte.

Mein Seitenlinienorgan wollte heute nicht so richtig, aber dass irgendein Körperteil manchmal etwas zickte, kannte ich schon. Ich bremste ein wenig und rieb vorsichtig über die zwei feinen Linien von winzig kleinen Löchern. Sie begannen auf der Höhe meiner Augenbrauen und zogen sich seitlich über den Kopf hinweg, nahe an der Wirbelsäule im Nacken, über die Schulterblätter, hinab am seitlichen Rücken, meine Beine entlang bis hinunter zum kleinen Zeh und folgten damit der Linie meiner Flossen.

Besser. Die dünne Haut hatte das filigrane System gestört. Unternehmungslustig nahm ich wieder Geschwindigkeit auf.

Meter um Meter zog an mir vorüber. Ich wich Hindernissen so knapp aus, dass es für einen Beobachter waghalsig erscheinen mochte, doch ich war schon immer wendig im Wasser gewesen.

Ich genoss das Gewusel der anderen um mich herum, spürte den sanften Sog einer mächtigen Beinflosse, die Wasser in meine Richtung schaufelte, und wich einer älteren Dame aus, die mir mit leuchtenden Augen zuzwinkerte. Ihr schlohweißes Haar wirbelte um sie herum wie etwas Lebendiges, ihre Schuppen schillerten silberweiß. Sie war wunderschön.

Wir tauchten und schwammen eine gute halbe Stunde, flitzten den kaum einen Kilometer kurzen Nebenarm meines Heimatflusses rauf und runter, um unsere Körper an die Belastung zu gewöhnen, und sammelten uns schließlich. Um mich herum durchbrachen die Köpfe meiner Reisebegleiter die Wasseroberfläche. Allen konnte man ansehen, dass sie es kaum erwarten konnten – und ich musste zugeben, mir ging es genauso.

»Mögen die Strömungen mit uns sein!«

Der Gruß wurde reihum ausgetauscht, nun allerdings in der Sprache von uns Wassermenschen. In dieser Übergangsphase, in der mein Gehirn noch nicht hundertprozentig auf Nixe eingestellt war, hatten die Laute aus unseren nicht-menschlichen Kehlen immer etwas vom Plätschern eines Bachs. Hochfrequente Töne mischten sich mit Klicklauten und quietschenden Klängen. Es war wie eine Fremdsprache, die ich an der Sprachmelodie zuordnen, aber nicht verstehen konnte. Sobald meine Sinne sich vollständig umgestellt hatten, verstand ich meine Artgenossen problemlos. Dieser Eindruck verflog fast noch während des Hörens, doch er fiel mir immer wieder aufs Neue auf.

Dann tauchten wir zwölf äußerst wohlgenährten Nixen wieder unter und begannen unsere Reise.

Sonnengeküsst

Nach dem tagelangen Schwimmen durch Nordsee und Atlantik war ich schmaler als je zuvor. Die spätsommerlichen Wassertemperaturen waren erträglich, aber für menschliche Verhältnisse viel zu kalt gewesen. Mein menschlicher Anteil machte mich immer wieder darauf aufmerksam – ich fror schneller als die anderen, war müde und sehnte mich nach einem warmen, weichen Bett. Erschöpft und eitel genug, um nicht aus dem letzten Loch pfeifend am Versammlungsort ankommen zu wollen, beschloss ich, auf einer kleinen Insel einen halben Tag Pause zu machen, um zu verschnaufen.

»Es ist nicht mehr weit, Leena!«, versuchte mich einer meiner Mitschwimmer zu ermutigen. Er und seine Frau, samt den beiden volljährigen Töchtern, waren wie ich recht korpulent gestartet und hatten in den wenigen Tagen etliche Kilo verloren. Trotzdem strahlten sie eine Energie aus, von der ich mir eine Scheibe abschneiden konnte. Mein menschlicher Teil streikte jedoch.

»Ich bin heute Abend bei euch!«, versprach ich und sah den Vorausschwimmenden nach. Majestätisch bewegten sich ihre Beinflossen und nichts deutete darauf hin, dass nur einer aus meiner zwölfköpfigen Schwimmgesellschaft schlapp machen wollte.

Probier es einfach!, wallte meine dickköpfige Ader in mir auf, doch ausnahmsweise hielt meine Vernunft dagegen. Würde ich jetzt weiterschwimmen, wäre ich die nächsten zwei Tage zu nichts zu gebrauchen. Die Stimme meiner Mutter schrillte ungebeten in meinem Ohr nach. Sie würde mich zu jedem einzelnen Event, das im Rahmen der Versammlung stattfand, zerren – unabhängig davon, wie schlecht es mir gehen würde. Da ich wusste, wer dort anwesend sein würde, waren Schwäche und Unaufmerksamkeit keine Option. Meine Mutter war nicht die einzige Unruhequelle auf diesem Treffen.

Ich ließ ein paar Luftblasen aufsteigen und schüttelte den Kopf. »Ich brauche die Pause. Schwimmt weiter.«

»Deine Mutter wird uns den Kopf abreißen!«

»Keine Sorge, die Energie hebt sie sich für mich auf.« Ich deutete zur Wasseroberfläche, die wie Abermillionen geschliffene Smaragde über uns glitzerte. Dort oben schien die Sonne. »Der Mensch in mir hat Sehnsucht nach ein wenig Lungenatmung!«, erklärte ich und sah, wie der Mann sich geschlagen gab.

»Mögen die Strömungen mit dir sein, Mialeena.« Er schwamm einen kleinen Kreis, breitete seine mächtigen Flossen einmal ganz aus und zwinkerte mir vergnügt zu. »Hol dir keinen Sonnenbrand, Menschlein!«, gab er mir zum Abschied mit auf den Weg.

»Bis später, Liebes.« Seine Frau drehte eine Pirouette und ich fragte mich abermals, wo sie die Energie hernahm. Ihr Winken wirkte fröhlich und es gab mir einen Stich, dass diese Wildfremden sich herzlicher von mir verabschiedeten, als meine eigene Familie es getan hatte.

Die Bäume auf meiner auserkorenen Insel wuchsen spärlich, boten mir allerdings genug Schutz, damit ich mich entspannen konnte. Außerdem schien die Sonne tatsächlich von einem strahlend blauen Himmel herab und jede Zelle in mir lechzte nach Wärme. Ich schaffte es, nur meine Atmungsorgane zu wandeln, um an Land Sauerstoff zu bekommen, kletterte über muschelbewachsene, von Algen glitschige Felsen und fand ein geeignetes Plätzchen. Zufrieden faltete ich schließlich meine Flossen auf und zu, ließ mir die Sonne auf die Schuppen scheinen und blickte träge zur irischen Küste hinüber. Die Umgebung des winzigen Eilands war viel zu felsig und zu flach, als dass mich hier ein Boot hätte erreichen können. Ich fühlte mich sicher und war sehr zufrieden mit mir und der Welt. Versonnen zupfte ich ein paar Fadenalgen aus meinen eigentlich blonden Haaren. Sie mussten insgesamt hellgrün wirken, überlegte ich, als ich die Masse dieser feinen Pflänzchen, die sich in meiner Mähne festgesetzt hatten, begutachtete. Sie würden nur durch gründliches Kämmen und Waschen verschwinden, also beließ ich es bei ein paar achtlos herausgezupften Algen. Grüne Haare standen mir ganz bestimmt.

Vielleicht, meldete sich ein leises Stimmchen in mir, würde ich für diesen tagelangen Kraftakt endlich ein wohlwollendes Nicken meiner Mutter erhalten, dafür, dass ich den Weg durchgehalten hatte. Ein Teil von mir wollte ihr gefallen – der weitaus größere allerdings versuchte, sich jedes bisschen Freiheit zu erkämpfen, das ich kriegen konnte. Mit diesem Schwimmausflug hatte ich diesmal beide Teile in mir zufriedengestellt. Ich war erschöpft, aber fühlte mich großartig und sog die salzige, nach Seetang duftende Meeresluft tief ein. Die Wellen, die um mich herum an den Felsen zerschellten, lullten mein träges Hirn ein. Ich döste zufrieden weg.

Als ich wieder aufwachte, stand die Sonne nach wie vor hoch am Himmel. Ich war vollständig getrocknet, entspannt und hatte Hunger. Wohl oder übel würde ich mir ein paar Fische jagen müssen, überlegte ich müde, ging im Kopf die Arten durch, die es in diesem Teil des Meeres gab, und spürte zu spät, dass etwas nicht stimmte. Meine Sinne, die nicht zu meiner Menschengestalt gehörten, schlugen Alarm.

Ein riesiger Schatten erhob sich gegen die Sonne und ich konnte die Umrisse eines Menschen ausmachen. Vor Schreck verschlug es mir die Sprache, nicht einmal ein winziges Gluckern entkam meiner Kehle. Ängstlich verharrte ich reglos und konnte kaum atmen. Es fühlte sich an, als würden starke Algenstränge meinen Brustkorb umwinden und mir die Luft aus der sich gerade entfalteten Lunge drücken. Ein Mensch, bei allen Meeresgöttern – ein Mensch!

Die Gestalt kam näher, zögernd, wankend, unsicher auf dem felsigen Gestein und doch getrieben von unbändiger Neugierde. Schließlich war sie so nah, dass ich hellgrüne Augen und ein derbes, nicht unattraktives Männergesicht ausmachen konnte, das zu großen Teilen mit einem struppigen rotblonden Bart überwuchert war. Von der Sonne ausgebleichte blonde Locken tanzten im Wind um seinen Kopf herum. Er trug ein grau kariertes Hemd, hatte die Ärmel aufgekrempelt und gab damit den Blick auf äußerst kräftige Unterarme frei. Seine Jeans wirkte abgetragen und steckte in dunkelgrünen Gummistiefeln.

Er war sicher Ende zwanzig oder ein wenig älter, genau konnte ich es nicht sagen – das Leben auf und an der See ließ Menschen oftmals älter wirken, als sie tatsächlich waren. Bei uns Wasserwesen war es andersherum – lebten wir lange an Land und wässerten uns zu selten, grub sich das für uns ungesunde Leben in unser Gesicht ein wie eine Mahnung.

»Allmächtiger«, flüsterte der Mann unentwegt. Mal konnte ich ihn verstehen, mal trug der Wind die Silben fort. Er raufte sich die Haare und kam so nah, dass er meine Flossen berühren konnte. Ich hielt die Luft an, als er in die Knie ging und es tatsächlich tat.

Zart wie ein Schmetterlingsflügel tippte er meine Beinflossen an und starrte mich ehrfürchtig an. Ich verstand nicht, was er sagte, denn zum einen hatte ich seit Tagen ausschließlich das melodiöse Plätschern meiner Artgenossen gehört, sodass ich mich auf menschliche, hart klingende Laute einstellen musste, zum anderen war mir sein Dialekt vollkommen fremd.

»Nicht anfassen!«, sagte ich laut. An seinem verdutzten Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, dass meine Laute für ihn wie ein Fauchen, wie eine unverständliche Tonfolge geklungen hatten. Weder meine Zunge noch meine Lippen wollten die eckigen Worte der menschlichen Sprache formen. Deswegen schwieg ich und wartete ab.

Ich beobachtete, wie seine riesigen, derben Hände meine schuppigen Beine hinauffuhren. Nicht so fest, dass es unangenehm war, trotzdem spürte ich es. Sein Staunen war echt. Ganz so, als ob er überprüfen würde, ob Schnee wirklich kalt war, strich er immer wieder über meine Schuppen. Kurz bevor er an meinem Knie angelangt war, zog ich meine Beine an. Das reichte. Die Vorstellung, dass er sich weiter hochtasten würde, verstörte mich und riss mich aus meiner Starre.

Ich stemmte mich hoch, behielt den Mann im Blick und verfluchte meine an Land unbeholfene Meeresgestalt. Als Mensch mochte ich hübsch aussehen und mich einigermaßen elegant bewegen können – doch mit meinen seitlich an den Beinen angewachsenen Flossen, die beim Gehen zwangsläufig auf dem Boden schleiften, sah ich erbärmlich und lächerlich aus. Darauf konnte ich jedoch keine Rücksicht nehmen – ich musste verschwinden.

Besser wäre es natürlich gewesen, und das wurde uns Meeres- und Flusskindern eingebläut, seit wir klein waren, wenn ich ihn mit unter Wasser gezogen hätte, damit er ein kaltes Grab in den Tiefen unseres Reiches finden würde und unser Geheimnis vor der Welt geschützt bliebe. Aufrecht stehend erkannte ich allerdings, dass er deutlich größer und mindestens doppelt so breit war wie ich. Ihn ins Wasser zu schubsen, um ihn dort mit mir hinabzuziehen – und das hätte ich in meinem Element ohne Zweifel geschafft –, erschien mir unmöglich.

Eine Flucht war schlichtweg die vernünftigste Lösung – außerdem hatte der Mann mir nichts getan, was seinen Tod rechtfertigte. Schon immer hatte ich die archaischen Moralvorstellungen meiner Anverwandtschaft hinterfragt, häufiger, als gut für mich gewesen war.

Kurz überlegte ich, ob ich ihn irgendwie am Kopf verletzen konnte, sodass er meine Sichtung nach dem Aufwachen für ein Hirngespinst halten würde, doch eine solche Attacke war … utopisch bei seiner Größe.

Sein Blick folgte mir fassungslos, als ich mich davonmachte. Plötzlich tauchte er neben mir auf und hielt mich am Arm zurück. Seine Neugier hatte bis dahin so unschuldig gewirkt, so staunend, dass mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen war, dass er mir irgendetwas antun würde. Sein Griff war fest, fast schmerzhaft, und ich spürte, wie sich Angst einem stacheligen Seeigel gleich in mir zusammenballte. Unsere Blicke hingen aneinander fest – meiner erschreckt, seiner neugierig, aber mit einer gewissen Härte, die ich nicht zuzuordnen vermochte.

Er schob seine Hand in meine langen Haare, was mich an einen hartnäckigen Krebs erinnerte, der vor vielen Jahren meinen Schopf als Zuhause erkoren hatte. Bis ich den losgeworden war, mussten einige Haarsträhnen geopfert werden. Ich versuchte, meine Mähne aus seiner Pranke zu befreien, doch die rauen Finger packten nur fester zu. Schließlich zog er mich so nah zu sich heran, bis ich auf den Zehenspitzen stand.

»Das ist ein Kostüm, oder?«, hakte er nach und tat dann etwas, was ich ihm sehr übel nahm – er strich vom Schlüsselbein über meine Brust und riss mir einige der lila Schuppen raus. Einfach so, ohne Vorwarnung, als wären sie etwas, das man zu Testzwecken pflücken konnte.

Ich schrie auf, versuchte mich loszureißen, allerdings hielt er mich mühelos fest. Meine Stimme überschlug sich und glitt in den unteren Ultraschallbereich. Bis auf ein irritiertes Stirnrunzeln reagierte er nicht auf mein panisches Gewimmer.

»Du bist wirklich …«, keuchte er erstaunt, starrte auf die Schuppen, die verloren und blass auf seiner Fingerkuppe glänzten, und sah wieder mich an. Erst da schien er endgültig zu realisieren, dass ich keine Verrückte war, die in einem Kostüm in der Sonne lag. »Allmächtiger!« Er blinzelte mich perplex an. »Ich …«, stammelte er, plötzlich kleinlaut geworden. »Bist du real?«, fragte er mich betont langsam und in übertrieben deutlich ausgesprochenen Worten.

Ich starrte auf seine schön geschwungenen Lippen, denn es fiel mir tatsächlich leichter, die Worte zusammen mit seinen Lippenbewegungen zu verstehen. Mein dummes Nixenhirn war etwas übermüdet.

Er schien den Blick vollkommen falsch zu interpretieren. Seine warmen, trockenen, etwas rauen Lippen pressten sich urplötzlich auf meine, als hätte ich mit meinen Augen um den Kuss gebettelt. Sie lösten ein seltsames Ziehen in meinem Inneren aus, als sehnte sich mein Körper nach mehr davon. Überrascht starrte ich ihn an, als er meinen Mund kurz freigab.

»Nixenküsse kosten den Verstand«, murmelte er und ich konnte spüren, wie er lächelte. Er saugte sich, im Gegensatz zu seinem festen Griff, erneut zart an meinen Lippen fest.

Im Vergleich zu meinem allerersten Kuss, an den ich nicht gern dachte, war es kein unangenehmes Gefühl, als er meine Zunge auffordernd mit seiner berührte, eher … willkommen, warm, kribbelig. Er musste meinen hämmernden Herzschlag unweigerlich fühlen. Noch immer war ich vor Schreck wie gelähmt und zwischen Fluchtinstinkt und dem aufregenden Flattern in meinem Magen hin- und hergerissen.

»Entschuldige!«, raunte er, sah mich an und lächelte schief. Mein Herz kam aus dem Takt. Er lächelte tatsächlich mich ganz allein an und plötzlich wirkten die Sonnenstrahlen wärmer, das Licht heller. Meine anfängliche Scheu wich gänzlich einer brennenden Neugier, die meine Hände auf Wanderschaft gehen ließ. Ich konnte nicht anders, als ihn zu berühren. Amüsiert beobachtete der Mann mich und ließ meine Erkundungen klaglos über sich ergehen. Ich fuhr die Konturen seiner Lippen mit einem Finger entlang und zeichnete die Umrisse seines Gesichtes nach. Seine Haut fühlte sich wundervoll warm und rau an.

»Du tust so, als hättest du noch nie einen Menschen gesehen.«

Ich lächelte unverbindlich, denn meine Kehle gab nach wie vor keine verständlichen Laute von sich. Er hatte beinahe recht: So nah war ich zuvor keinem Menschen gekommen, geschweige denn einem männlichen Exemplar. Irgendwo in meinem Hinterkopf versuchte sich ein leises Stimmchen Gehör zu verschaffen, dass ich endlich auf meine Instinkte vertrauen und schnellstmöglich verschwinden sollte, doch ich war zu fasziniert von diesen grünen Augen, die mich genauso neugierig musterten wie ich den ganzen Mann.

Dann plötzlich brach der Bann, denn er rief ein paar Worte, so laut, dass ich nach Tagen der leisen Klänge unter Wasser erschreckt aufschrie. Die Schallwellen seines Gebrülls prickelten unangenehm heftig auf meinem Seitenlinienorgan. Nun endlich erwachte mein Fluchtinstinkt wieder. Ich bekam es mit der Angst zu tun, denn jemand antwortete ihm auf sein Geschrei. Er war nicht allein.

Die Erkenntnis, dass die Menschen mindestens zu zweit waren, erfüllte mich mit kaltem Grausen. Ich zog an meinem Arm, versuchte, den Mann in seine Weichteile zu treffen, doch nichts gelang. Er sah mich irritiert an, als frage er sich, was der wild gewordene Fisch da gerade tat, dann schien sein Staunen ihn wieder zu übermannen.

»Kannst du mich verstehen?«, fragte er langsam, allerdings lockerte sich sein Griff keinen Millimeter.

»Natürlich kann ich das!«, antwortete ich gereizt und erkannte an seinem Stirnrunzeln, dass meine Laute ihm nichts sagten.

»Ben?«, rief die andere Stimme ungeduldig. »Hast du die Daten, die du haben wolltest? Dann komm endlich an Bord!«

»Vergiss die Daten!«, rief der Mann – Ben – zurück und musterte mich weiterhin ungläubig fasziniert. »Das hier wirst du sehen wollen!«

Damit packte er mich, als wöge ich nichts – tat ich nach der langen Schwimmstrecke wohl auch nicht –, und schleppte mich zu einem kleinen Motorboot. Einige Meter weiter draußen lag ein kleiner Schiffskutter vor Anker, der nicht so dicht an die Felsen herankommen konnte.

»Was hast du da?«, brüllte sein Kompagnon und ich konnte selbst über diese Distanz seine Neugier heraushören.

Das war schlecht, verdammt schlecht.

»Das glaubst du nur, wenn du’s siehst!« Der Mann mit den grünen Augen schüttelte den Kopf und zog mich unerbittlich mit sich. Allerdings unterschätzte er meinen Willen, ihm zu entkommen. So anziehend ich ihn auch fand – ich durfte mich nicht gefangen nehmen lassen.

Kaum dass wir mit den Füßen im Wasser waren, nahm ich meine Kraft zusammen, stieß mich von ihm ab und machte einen waghalsigen Sprung an seinem Boot vorbei.

Wasser, endlich, mein Element, mein Elixier! Ich genoss es zwar immer, ins Nass abzutauchen, doch diesmal war es nicht nur sanfter Balsam für meine Seele, sondern mein starker Beschützer, der mich verschluckte und vor dem Menschenmann schützte.

Meine Kiemen durchbrachen mühelos die dünne Haut, die sich gebildet hatte. Halb schwamm ich, halb krabbelte ich die schroffen Felsen bis zum Grund hinunter, während ich das Fluchen des Mannes und das Brummen des Motors hörte, bis beides leiser wurde.

Eine Weile verharrte ich nahe einem Felsen in der Nähe des Meeresgrundes und versuchte, mich nicht zu rühren. Wer wusste schon, mit welchem technischen Gerät das Fischerboot ausgestattet war. Wenn ich Pech hatte, würden sie mich damit orten und verfolgen können.

Ich hatte das Gefühl, dass wir uns gegenseitig belauerten. Das kleine Motorboot mit dem blonden Mann fuhr langsam in größerem Abstand um das Fischerboot herum. Konzentriert lauschte ich auf die Geräusche. Mein Unterwasserhörsinn war so fein, dass ich problemlos feststellen konnte, wann das Beiboot sich direkt über mir und wann es sich weiter weg befand.