Verlag: Klöpfer & Meyer Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Nah am Wasser - Anton Hunger

Anton Hunger erzählt in diesen 'widerborstigen' Geschichten von Menschen auf Reisen, also von Menschen 'unterwegs'. Auf dem Weg zu sich hin – und von sich weg. Erzählt von Menschen, die das Abenteuer suchen, auf Segelschiffen und auf Fischerbooten, auf Frachtern und an Küsten. Von Menschen, die die Langeweile pflegen, von Menschen, denen die Fremde gerade die Projektionsfläche der eigenen Vorstellungswelt ist. So oder so, und allein oder mit anderen: das Unterwegssein kennt Hindernisse und birgt Konflikte, bringt Freud und schafft Leid – und zeigt den ganzen Menschen auf seinen kleinen großen Fluchten. Aber Anton Hunger spielt mit seinen suchenden Reisenden nicht, er lässt sie spielen, er gibt ihnen ihre Bühne. Und schaut ihnen zu, nicht hämisch, sondern mit Empathie – und ein bisschen verwundert auch.

Meinungen über das E-Book Nah am Wasser - Anton Hunger

E-Book-Leseprobe Nah am Wasser - Anton Hunger

Nah am Wasser

Anton Hunger

Nah am Wasser

Geschichten

Das Leben besteht nicht nur aus Glücksmomenten. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Lebenskunst bestehe darin, sich das Leben leicht zu machen. Kunst, auch Lebenskunst, ist anstrengend.

Wilhelm Schmid, Glücks- und Lebensphilosoph

Inhalt

Frühstück mit Kormoranen

Triumph der Langeweile

Rache auf Chinesisch

Der alte Mann Mahmoud

Irgendwie sind Frauen Walrösser

26 Grad Nord, 6 Grad West

Von Valparaíso nach Venedig

Flucht aus der Wüste

Die deutsche Art

Warten wie Penelope

Frühstück mit Kormoranen

Duftender Hochland-Kaffee, frische Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade – und ein Vier-Minuten-Frühstücksei. Die Unterhaltung ist dürftig. Der Fernseher läuft. Kormorane, die sich im Frühjahr um die besten Brutplätze auf den Klippen balgen. Der frühe Vogel nistet oben. Und wenn er seine Notdurft verrichtet, stellt er sich achtern auf den buschigen Nestrand. Unten brüten die Kormorane, die keinen Platz an der Sonne erwischt haben. Sie sitzen in der Scheiße. Interessant, denkt Rita. Vielleicht braucht sie den Fernseher zu Hause bei Anna morgens nur deshalb, weil er ein Gespräch nicht wirklich zulässt. Rita schaltet auf einen anderen Sender. Eine langweilige Runde älterer Damen beim Gespräch über Häkeln und Kneten.

»Was soll das?« Anna ist ungehalten. »Du schaust dir Handarbeitssendungen an, obwohl du gar nicht mit Nadel und Wolle umgehen kannst.«

»Na und?«, gibt Rita zurück, »du schaust dir ja auch Sexfilme an, obwohl …«

Anna schaltet den Fernseher aus. Da sie nun schon mal miteinander reden, beichtet Rita ihrer Mutter, dass sie ihren Urlaub mit dem Vater in Miami verbringt.

»Aha. Deshalb bist du heute zum Frühstücken gekommen.« Es ist dieser vorwurfsvolle Unterton in Annas Stimme, den Rita so hasst und weswegen sie immer weniger mit Anna zu tun haben will.

Anna und Alfred leben seit Jahren getrennt. Rita lebt »in der Mitte«, wie sie das nennt. Sie weiß, dass Anna das skurrile Wesen von Alfred, dem Schürzenjäger, eines Tages nicht mehr ertragen hat. Sonntags die Harley reiten, montags nach Büroschluss die gediegene Alt-Yamaha ausfahren, dienstags bis in die Puppen in der Redaktion schuften, mittwochs Skat spielen bis in den frühen Morgen, donnerstags ausschlafen, weil die Wochenzeitung donnerstags erscheint und in der Redaktion gähnende Leere herrscht. Ab Freitag wieder Präsenzpflicht – in der Redaktion.

An einem Freitag war es, als er die neue Kollegin kennenlernte. Rita kennt die Geschichte aus der Perspektive beider Eltern. Eine bildhübsche, langbeinige, zigarrenrauchende Amerikanerin. So etwas wie ein Solitär. Ausgerechnet im prüden Mittleren Westen aufgewachsen und ständig mit einer brennenden Cohiba aus Fidel Castros Kuba zwischen den Lippen. »Das ist in der Summe so ziemlich einmalig«, sagt Alfred. »Vor allem, wenn das verwaschene Che-Guevara-T-Shirt schon so eingelaufen ist, dass die Nippel dem Revolutionär die Augen auszustechen drohen«, sagt Anna.

»Dass du mit deinem Vater in Urlaub fährst, ist für mich nicht das Problem«, bemerkt Anna beiläufig. Das Problem sei Marylin, diese Amerikanerin. Es sei aber nicht ihre Herkunft. »Ich bin weder fremdenfeindlich noch rassistisch«, betont Anna in strengem Ton. Aber diese zigarrenrauchende Amerikanerin auf einem Fischerboot vor Miami mit ihrer gerade erst 18jährigen Tochter und ihrem Filou von Ehemann – das liege ihr wie ein Stein im Magen. Gerade jetzt beim Frühstück. Das Vier-Minuten-Ei rührt sie erst gar nicht an.

Rita ergreift die Gelegenheit und verabschiedet sich: »Mach dir keine Sorgen, ich habe den Alten und seine Flamme im Griff.«

»Ich wünsche es dir. Pass auf dich auf. Und vielleicht ja auch auf die beiden.«

Rita gibt ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange – und fährt mit dem Taxi zum Flughafen. Alfred zahlt alles, er ist schon einige Tage früher geflogen. Flug LH 461 startet pünktlich. Zehn Stunden später betritt Rita den Boden von Florida. Am Ausgang warten Alfred und Marylin. Keine Zigarre im Mundwinkel. Ihre weiße, weite Leinenbluse und die engen Jeans formen sie zu einer prachtvollen Erscheinung.

Am Kai des Fischereihafens verstaut Marylin wenig später, eine brennende Robusto zwischen den Lippen, die Wasserflaschen und den Rotwein in der Pantry. Chardonnay, Aquavit und die üppige Verpflegung mit Schrimps, Schinken, Salaten und Hot Red Chili Pepper Sauce steckt sie in den Kühlschrank. Sie ist gut beschäftigt und bekommt nicht mit, wie Alfred mit dem drallen Mädchen vom Bootscharterer flirtet. Rita klettert an Bord, inspiziert die an der Reling aufgereihten Angeln – und beobachtet ihren schäkernden Vater.

Die Sonne brennt vom blauen Himmel, ohne Kopfbedeckung wäre es nicht auszuhalten. Die Brise und der Fahrtwind machen den Törn einigermaßen erträglich. Alfred steuert das Boot, bis sie die Stelle erreichen, wo Marylin die Fischschwärme vermutet. Kleine Fische kommen an die Angelhaken, Rita ekelt sich ein bisschen. Aber Marylin und Alfred macht es offensichtlich Spaß, die zappelnden Fischlein aufzuspießen.

Es vergehen Stunden ohne auch nur den kleinsten Fang. Alle starren vor sich hin. Marylins Zigarre dampft. Der Geruch ist angenehm würzig. Rita döst und genießt die Langeweile. Dass sie ihren iPod vergessen hat, macht ihr nichts aus. Komisch. Alfred tuckert weiter, er sucht eine erfolgversprechendere Stelle. Die Skyline von Miami Beach verwischt am Horizont.

Da zuckt die erste Angel – ein Barracuda? Ein Hai? Ein Schwertfisch? Es wird ein langer Kampf mit dem Tier, das in seiner Todesangst unvorstellbare Kräfte entwickelt. Marylin hat die brennende Robusto ins Wasser geworfen. Rita ist hellwach. Der alte Mann und das Meer, irgendwie Hemingway eben. Alle drei ziehen an der Angel, ziehen an Alfred, der die Angel in einer Gürtelvorrichtung mit einem speziell dafür vorgesehenen Lederbecher stecken hat. Die Hitze, die Anstrengung, der rutschige Schiffsboden – die Beute am Angelhaken scheint die Verzweiflung der Hobbyjäger zu spüren. Sie gibt nicht nach. Immer wieder muss Alfred Leine lassen, damit die Angelschnur nicht reißt. Und endlich, nach einer Ewigkeit, liegt der Schwertfisch auf dem Deck des Fischerbootes und schlägt wild um sich. Der Schweiß rinnt den Fischern von den Häuptern, strömt die Rücken hinunter bis ans Gesäß und füllt die Bikinioberteile der beiden Frauen mit heißem, körpereigenen Salzwasser. Sie umarmen sich, alle drei.

»Was sollen wir mit dem Riesenungeheuer?« Alfred ist so ratlos wie stolz.

»Stopf es aus und häng es dir übers Bett«, frotzelt Rita.

Marylin meint, dass das Fleisch dieser Trophäe sehr gut schmecke, aber ausnehmen wolle sie den Fisch dann doch nicht. Für Alfred ist klar. »Dann geben wir ihn seinem Element zurück.«

Alle drei greifen beherzt zu. Kaum spürt der Fisch Wasser zwischen den Kiemen, hat er seine Lebensgeister wieder. Ein harter Schlag mit der Schwanzflosse, mit der er die drei Jäger nass spritzt, ist sein letzter Gruß. Es war ein Abenteuer. Nur für ihre hungrigen Mägen am Abend in ihrem Ferienhaus haben sie nichts, wenn sie nicht den Bordkühlschrank leeren wollen. Es bleibt der Gang zu den Kühltruhen im Supermarkt.

Am nächsten Morgen. Nach dem Frühstück geht es im offenen Chrysler Sebring wieder zum Hafen. Alfred hat es eilig, obgleich doch der ganze Tag noch vor ihnen liegt. Rita hat vom gestrigen Ausflug einen satten Sonnenbrand im Gesicht und an den Armen und Beinen. Bei Marylin reicht es immerhin zu einer unangenehmen Rötung. Sie haben ganz offensichtlich mit dem Sonnenschutz gegeizt. Nur Alfred ist schmerzfrei. Sie hätten gestern nicht über ihn lästern sollen, als er sich mehrfach händevoll die weiße Sonnenmilch in die Körperporen gerieben hat. Jetzt lästert er. Rita lässt sich nicht anmerken, wie sehr ihr Körper schmerzt.

Das Boot wird bepackt, alle fassen mit an. Irgendwie weiß jeder, was er zu tun hat. Rita fällt auf, dass sich das Mädchen vom Charterer wieder in der Nähe aufhält. Sie ist eine passable Erscheinung, kaum älter als sie selbst, immer lächelnd, wirkt sexy, auch wenn sie etwas zu klein geraten ist. Keine Frage, Marylin ist attraktiver. Allein die Körpergröße und die ellenlangen Beine. Das wirkt elegant. Wäre da nicht die blöde Zigarre. Doch für Alfred muss es offensichtlich dieses Markenzeichen sein. Das, was nicht jede hat. Schaut sie euch an, ist sie nicht einmalig?

Den zweiten Tag auf dem Wasser gehen sie gemächlicher an. Rita und Marylin suchen weniger das Glück an der Angel als den wohltuenden Schatten in der Kajüte. Sie dösen viel und reden wenig. Alfred holt drei prächtige Exemplare aus dem Wasser, die für ein üppiges Abendessen reichen sollten. Die Jagd ist nicht schweißtreibend, die Kräfte können geschont werden, wenn nur der grelle Planet nicht so erbarmungslos brennen würde. Am Abend hat jedenfalls auch Alfred einen Sonnenbrand trotz seiner üppigen Schmiererei.

Marylin nimmt die Fische im Garten ihres Ferienhauses aus, würzt sie und legt sie auf den Grill. Rita versucht sich an den Salaten. Alfred pflegt im Liegestuhl seine brennende Haut, nippt hin und wieder an einem Glas Weißwein und schaut den beiden bei der Essenszubereitung zu. Das Abendmahl ist ein Genuss, Marylin macht das perfekt, das weiße Fleisch der Fische ist gar und fest. Rita gesteht, selten so etwas Wunderbares am Gaumen gespürt zu haben.

Nach dem Essen erfasst die beiden Frauen eine große Müdigkeit. Der Fisch, die Sonne, der Wein. Marylin will nicht mehr viel wissen und sucht nur noch das Bett. Rita würde es ihr am liebsten gleichtun, wenn, ja wenn Alfred nicht plötzlich sagen würde, dass er sich noch die Füße vertreten wolle. Bei Rita klingeln die Alarmglocken. Heimlich schleicht sie ihm nach. Sie entdeckt ihren Vater in einem Straßencafé – mit dem Pummelchen vom Bootscharterer. Rita hat es geahnt – und ist dennoch wie versteinert. Sie verwünscht Alfred: Noch verheiratet mit Anna, einfühlsam vereint mit Marylin, und nun flirtend mit einer anderen. In einem Moment, in dem er Marylin und Rita tief schlafend wähnt. Und noch dazu mit einer, die weder Anna noch Marylin das Wasser reichen kann.

Beim gemeinsamen Frühstück am anderen Tag stellt Rita ihren Vater – vor Marylin: »Na, wie war’s gestern Abend im Straßencafé?« Sie blickt ihn bohrend an, er schaut etwas verlegen zurück.

»Wie soll’s wohl gewesen sein, schön natürlich. Und eine nette Unterhaltung hatte ich auch.« Man sieht ihm an, dass er es weiß: Rita ist mit einer solchen Antwort nicht zufriedenzustellen. Ob er sich jetzt ärgert, dass er Rita gebeten hat, mit ihm und Marylin nach Miami zu reisen? Aber es ist zu spät. Rita ist nun mal da – und sie hat ihm hinterherspioniert. Und jetzt spielt sie den Moralwächter. Es macht ihr Spaß. Bestimmt glaubt er, sie erledige einen Auftrag ihrer Mutter. Soll er ruhig. Alfred brütet in sich hinein. Vermutlich denkt er sich eine Geschichte für Marylin aus. Was der Pummel vom Charterer doch für ein Solitär ist.

Doch Marylin braucht keine Erklärung. Und sie ist auch nicht die Sorte Frau, die aus Eifersucht in einen Tobsuchtsanfall ausbricht. Rita staunt, wie Marylin einen auf cool macht. Ganz anders als Anna. Sie lächelt, zieht an ihrer Zigarre, stößt dicke Rauchwolken aus, knöpft zwei weitere Hemdknöpfe auf, so weit, dass ihre üppigen Brüste gerade noch knapp bedeckt sind. Das verfehlt seine Wirkung nicht. Alfred verdreht die Augen.

»Weißt Du«, sagt sie zu Rita, »Alfred ist jetzt in der gleichen Situation wie Kormorane, die oben auf den Klippen keinen Nistplatz mehr finden.« Rita denkt an das Frühstück mit ihrer Mutter. Ob Marylin den Film auch kennt? »Er muss jetzt unten brüten – und sitzt in der Scheiße. Nicht wahr, mein Freund?«

Rita versteht: Marylin hat Alfred, das testosterongesteuerte Männchen, an der Angel. Unwiderruflich und ohne jede Chance, die selbst dem Schwertfisch vergönnt war. Okay, er bekommt mal mehr, mal weniger Leine. Marylin erhebt sich, zeigt an, dass sie sich entfernen will. Rita befürchtet das Schlimmste. Aber Marylin geht auf Alfred zu, küsst ihn und setzt sich auf seinen Schoß.

»Ich glaube, wir sollten heute besser nicht aufs Wasser gehen. Ein Tag Erholung im Schatten, in Haus und Garten wird uns gut tun«, flüstert sie ihm ins Ohr. Dann nimmt sie Alfred an die Hand, nicht ohne an ihrer Cohiba zu ziehen, und bugsiert ihn ins Schlafzimmer.

Rita ist erleichtert, Marylin imponiert ihr, eine stolze Frau. Und sie hat viel gelernt. Nur, was soll sie ihrer Mutter erzählen? Ach ja, die Sache mit den Kormoranen. Wer keinen Platz an der Sonne findet …

Triumph der Langeweile

Alex sitzt auf der schmalen Terrasse eines Straßencafés in Carvoeiro und schaut aufs Meer. Das grelle Sonnenlicht der Algarve trifft das Wasser, die Schaumkronen reflektieren die Strahlen in unterschiedlichen Goldtönen. Leichte Wellen schlagen an die Kaimauer. Der salzhaltige Wind streicht durch das Haar. Alex atmet tief durch. Er ist angekommen. Er sitzt da, liest in seinem Buch, schweigt und sehnt sich nach endloser Ruhe.

Doch Julia, seine Frau, kann mit seinem Schweigen nicht viel anfangen. »Willst du dir nichts bestellen?«, fragt sie.

»Ja, doch, gute Idee. Bestellst du etwas?« Kurze Pause.

»Was soll ich dir bestellen?« Schweigen. Sie wiederholt ihre Frage.

»Ist mir egal«, sagt er, ohne ihr den Kopf zuzuwenden.

»Egal heißt kein Getränk«, gibt sie zurück.

»Also, bestell einfach einen Cappuccino und ein Glas Wasser.«