Narbenkünstler #Thriller - Chris Dominik - E-Book

Narbenkünstler #Thriller E-Book

Chris Dominik

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Manche Narben brennen in der Kälte

Im eisigen Herzen Frankfurts tauchen Leichen auf. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Sie wurden bei lebendigem Leib eingefroren. Dann wurden sie enthauptet. Und sie haben etwas mitzuteilen. Denn jedes Opfer hinterlässt seinem Finder ein Buch mit persönlicher Widmung.

Die Spur aus Eis führt Marc Davids und Zoé Martin von der Abteilung für Sonderermittlung in Frankfurt auf den Campus einer Eliteschule, an der jeder Einzelne ein Geheimnis in sich trägt. Auf der Suche nach dem Täter stößt Zoé auf ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit, von dem sie nicht wusste, dass es überhaupt existiert. Und plötzlich ist in ihrem Leben nichts mehr, wie es war. Wie viele Schicksale kann ein einziger Faden miteinander verbinden, bevor er reißt?

Eine verhängnisvolle Reise. Ein Künstler, der seine Inspiration im Tod findet. Ein Geheimnis, das um keinen Preis ans Licht kommen darf.

Der dritte Fall für Marc Davids und Zoé Martin. Ein eiskalter Thriller über Schuld, Macht und die zerstörerische Last der Wahrheit.

eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 462

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Inhalt

Cover

Inhalt

Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Epilog

Über den Autor

Weitere Titel des Autors

Hat es Dir gefallen?

Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Inhaltsbeginn

Impressum

   

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielen Dank, dass du dich für ein Buch von beTHRILLED entschieden hast. Damit du mit jedem unserer Krimis und Thriller spannende Lesestunden genießen kannst, haben wir die Bücher in unserem Programm sorgfältig ausgewählt und lektoriert.

Wir freuen uns, wenn du Teil der beTHRILLED-Community werden und dich mit uns und anderen Krimi-Fans austauschen möchtest. Du findest uns unter be-‍thrilled.de oder auf Instagram und Facebook.

Du möchtest nie wieder neue Bücher aus unserem Programm, Gewinnspiele und Preis-Aktionen verpassen? Dann melde dich auf be-thrilled.de/newsletter für unseren kostenlosen Newsletter an.

Spannende Lesestunden und viel Spaß beim Miträtseln!

Dein beTHRILLED-Team

Melde dich hier für unseren Newsletter an:

Über dieses Buch

Manche Narben brennen in der Kälte

Im eisigen Herzen Frankfurts tauchen Leichen auf. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Sie wurden bei lebendigem Leib eingefroren. Dann wurden sie enthauptet. Und sie haben etwas mitzuteilen. Denn jedes Opfer hinterlässt seinem Finder ein Buch mit persönlicher Widmung.

Die Spur aus Eis führt Marc Davids und Zoé Martin von der Abteilung für Sonderermittlung in Frankfurt auf den Campus einer Eliteschule, an der jeder Einzelne ein Geheimnis in sich trägt. Auf der Suche nach dem Täter stößt Zoé auf ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit, von dem sie nicht wusste, dass es überhaupt existiert. Und plötzlich ist in ihrem Leben nichts mehr, wie es war. Wie viele Schicksale kann ein einziger Faden miteinander verbinden, bevor er reißt?

Eine verhängnisvolle Reise. Ein Künstler, der seine Inspiration im Tod findet. Ein Geheimnis, das um keinen Preis ans Licht kommen darf.

Der dritte Fall für Marc Davids und Zoé Martin. Ein eiskalter Thriller über Schuld, Macht und die zerstörerische Last der Wahrheit.

CHRIS DOMINIK

NARBENKÜNSTLER

#THRILLER

Prolog

Er nahm das Licht wahr.

Es war nicht der Schmerz der Helligkeit, der seine kleine Welt mit der Wucht eines Fausthiebs von einer auf die andere Sekunde geflutet hatte, es war der Augenaufschlag. Seine Lider zuckten nur wenige Millimeter, doch das reichte aus. Er konnte nicht beschreiben, was in ihm vorging. Seine Muskeln gehorchten ihm nur noch zum Teil, und er wusste nicht, welche sich überhaupt rührten, wenn er das Gefühl einer Regung in seinem Körper wahrnahm.

Bis er die Augen geöffnet hatte, waren Stunden vergangen. Oder nur Sekunden? Er sah etwas. Oder bildete er sich bloß ein zu sehen? War das nicht ohnehin völlig egal? Er blinzelte. Seine Lider rührten sich nicht. Stattdessen flatterten die Muskeln seines linken Oberschenkels.

Die Erkenntnis explodierte in seinem Kopf. Die Kiste, das kleine Fenster, durch das Licht auf sein Gesicht fiel, sein zitternder Leib, die unsagbaren Qualen. Er hatte sich gewehrt, und dennoch ... Die Erinnerung löste sich so schnell auf, dass er im selben Moment nicht mehr wusste, dass es sie jemals gegeben hatte.

Manchmal war er sich sicher, bei Verstand zu sein. Das war die schlimmste Zeit. Aber was war überhaupt sicher? Was Wahn, was Schmerz? War das der Tod? Und wenn ja, wie sollte er das wissen?

Ab und an durchströmte ihn eine angenehme Wärme. Sie trug seinen Geist mit sich, der sich dankbar und ohne jede Gegenwehr von dem wohligen Gefühl einfangen und mitnehmen ließ. In solchen Augenblicken verspürte er Frieden.

In den Phasen des Schmerzes fühlte er sich dem Leben näher als in den glückseligen. Er lächelte und glaubte, dass diesmal die richtigen Muskeln gehorchten. Sein Kopf knickte zur Seite, seine Augen öffneten sich ohne sein Zutun. Sein Verstand war für den Bruchteil einer Sekunde zurückgekehrt. Bevor er danach greifen konnte, verflüchtigte sich alles im Wirbelsturm aus Farben, Schmerz und Bildern, die keine Bilder waren.

Dieser kurze Moment hatte etwas ihn ihm ausgelöst. Etwas, das sich mit den Empfindungen, die er kannte, nicht beschrieben ließ. Was war die Steigerung von Todesangst?

Er betrachtete die Stahlmanschette um sein rechtes Handgelenk. Sie stand offen. Bedeutete das, er konnte den Arm bewegen? Und was war mit dem Rest seines Körpers? Er lag auf dem Rücken, er war gefesselt gewesen. Diese Erinnerung fühlte sich echt an. Trotzdem schien sie nur ein Fragment der ganzen Wahrheit zu sein.

Er hob den rechten Arm. Wie durch ein Wunder gehorchte er ihm. Fast mühelos schwebte er wenige Zentimeter über dem Boden. Wieder glaubte er zu lächeln. Er berührte die Wand zu seiner Rechten mit der Handfläche. Er spürte nichts. Witzig. Eine Hand hatte er anders in Erinnerung. Aber Erinnerungen zählten hier drin ohnehin nichts, wo immer er war.

Er spürte nicht, wie seine schwarzen Finger an der rauen Oberfläche hinabglitten und mit einem leisen Schlag neben seiner Hüfte liegen blieben.

Irgendetwas stimmte nicht, doch er vermochte nicht zu sagen, was. So unmöglich es ihm gerade noch vorgekommen war, seine Augen zu öffnen, so unmöglich war es jetzt, sie zu schließen. Er musterte die braunschwarzen Striemen und kleinen Klumpen an der rauen Wand, an der eben seine Finger gewesen waren. Dann blickte er hinab auf seine Hand. Er hätte gelächelt, wenn er es gekonnt hätte. Verrückt. Es gab keinen Grund dazu. Was machte sein Körper mit ihm?

Seine Finger bewegten sich unaufhörlich wie die eines Pianisten. Sie waren nicht mehr schwarz und sahen völlig anders aus, als sie sollten. Er konnte das Gefühl nicht deuten, das er verspürte, als er die Reste seiner heruntergeriebenen Fingerkuppen an der Wand wahrnahm, während die freiliegenden Knochen seiner Fingerspitzen wie die Beine einer weißen Spinne neben seinem Oberschenkel zuckten.

Kapitel 1

Jeder Schritt konnte in einer Katastrophe enden. Die wenigen Lichtquellen in den Wänden wurden von den unzähligen Köpfen und Körpern verdeckt, und das dämmrige Licht fand den Weg kaum bis zu ihm herunter. Es war schwierig, sich zu orientieren. Er neigte den Kopf, um die Gabelung des Wegs vor sich auszumachen. Ausgestreckte Finger streiften seine Schläfe, und er fuhr so heftig zusammen, dass er sich mit einem Sprung entfernte.

Er wusste in derselben Sekunde, dass er einen Fehler begangen hatte. Etwas bohrte sich in seinen Rücken, er hörte das Knacken. Bevor er sich versah, taumelte er zur Seite und stolperte über die Beine, die in unnatürlichen Winkeln aus der Wand ragten und so verdreht waren, dass man bei manchen von ihnen zweimal hinschauen musste, um sie als solche zu erkennen. Er verlor das Gleichgewicht und stützte sich an einem Oberkörper ab. Seine Stirn prallte gegen etwas Hartes.

Er musste sich beruhigen. Vorsichtig nahm er die Hände zurück und prüfte seinen Stand. Alles okay. Er zog sein Smartphone hervor, wischte über das Display und aktivierte die Taschenlampe.

Das Gesicht des kalkweißen Mannes war zu einer schmerzerfüllten Fratze verzogen und spähte nur wenige Zentimeter vor seinem eigenen aus der Wand. Er zuckte zusammen und stieß einen Schrei aus. Das Echo war ohrenbetäubend. Es tanzte durch den Raum, wurde von Leibern, Gesichtern und abgetrennten Körperpartien zurückgeworfen und verschwand in dem Labyrinth aus Schrecken und Dunkelheit.

Er drehte sich um und leuchtete auf den Weg. Das Licht der Handytaschenlampe verschlimmerte es nur. So musste die Hölle aussehen. Kein einziger Körper war unversehrt. Sie waren zerteilt, zerbrochen und zersplittert. Sie standen, lagen und hingen eng ineinander verkeilt vor den Wänden und ließen nicht viel mehr als einen zwei Meter breiten Gang frei. Auf einem Haufen zu seiner Rechten stapelten sich Torsos. Hände lagen sauber aufgereiht davor. Jede einzelne streckte den Zeigefinger in dieselbe Richtung.

Er gehorchte den Zeichen und blickte an die gegenüberliegende Wand. Sie schrien. Die Gesichter schrien ohne einen einzigen Laut. Sie waren verzerrt. Sie litten. Der Schmerz in ihnen war so greifbar, dass er schauderte. Er lauschte. Nichts. Fast nichts. Winzige Partikel aus Gips, Plastik und Dreck knirschten unter seinen Sohlen, während er sich einmal um sich selbst drehte.

Er mochte es nicht, allein an diesem Ort zu sein. Sein Unbehagen bedeutete jedoch, dass sie ihre Arbeit gut gemacht hatten. Zum Glück war außer ihm niemand anwesend. Wie hätte er seinen Schrei erklären sollen? Er war den Weg in den letzten Wochen bestimmt hundertmal gegangen. Trotzdem konnten die Köpfe, Gesichter, Gliedmaßen, Rümpfe und Stümpfe ihm immer wieder einen Schrecken einjagen. Dazu veränderte sich das Gebilde täglich. Mit jedem neuen Körper wurde es komplexer, intensiver, furchteinflößender. Wer nur für einen Moment die Augen schloss und seinem Geist erlaubte, der Illusion zu folgen, konnte sich darin verlieren.

Stan Henderson zog die Kapuze seines Hoodies über den Kopf und schloss den Reißverschluss seiner Jacke bis unters Kinn. Es war so kalt, dass sein Atem kondensierte und der feine Nebel auf die aufgerissenen Augen einer weinenden Frau schwebte. Das hier war so irre und gleichzeitig so emotional, dass es gar keine andere Möglichkeit gab, als ein voller Erfolg zu werden. Und er durfte ein Teil davon sein.

Na ja, er war eine einfache Arbeitskraft, die immerhin im Buch der Kunstausstellung Erwähnung finden würde. Das hatte der Künstler allen engen Mitarbeitern zugesichert. Dass eine solche Konstruktion nicht von einer einzigen Person errichtet werden konnte, war Kunstkritikern wie Publikum zwar egal, aber für ihn würde sich die Erwähnung bei zukünftigen Jobs auszahlen.

Henderson bückte sich und untersuchte die Stelle, an der er das Knacken gehört hatte. Verdammt. Er war an eine der Hände gestoßen und hatte zwei Finger abgebrochen. Einer lag vor ihm auf dem Hallenboden, der andere hing an den letzten Resten Gipsmasse. Er seufzte, drehte sich um und machte sich auf den Weg zur Werkstatt am Ende der Halle.

Eine halbe Stunde später tupfte er mit einem Tuch die überschüssige Farbe von dem Gebilde und betrachtete sein Werk im Licht der Taschenlampe seines Smartphones, das vor ihm auf dem Boden lag. Die Finger waren wieder an ihrem Platz. Saubere Arbeit. Niemand würde sein Malheur bemerken. Er suchte Werkzeuge, Lappen, Pinsel und Farbeimer zusammen und verstaute alles in einem der unzähligen Werkstattwagen, die seine alltäglichen Begleiter geworden waren.

Das Ganze war verrückt. Seit er im Alter von zehn Jahren das erste Mal Das Phantom der Oper gesehen hatte, war es um ihn geschehen gewesen. Anders als die meisten seiner Freunde war die Schauspielerei für ihn nie infrage gekommen. Vom ersten Moment an hatten ihn die aufwendigen Kulissen der Inszenierung gefangen genommen und bis heute nicht wieder losgelassen.

Über zehntausend lebensgroße menschliche Figuren waren die Grundlage für diese Installation, die ihn umgab. Teils bearbeitete Schaufensterpuppen, teils eigens hergestellte Körper aus Holzskeletten und Gips. Es hatte lange gedauert, die passende Location zu finden. Diese Halle war ein echter Glücksgriff. Auf einer Fläche von der Größe eines Fußballfelds hatten er und seine Kollegen eine beeindruckende Welt erschaffen. Wenn man es nicht wusste, konnte man nicht ahnen, dass man sich in einem Gebäude aufhielt. Man hatte unweigerlich das Gefühl, in einem Organismus zu sein, der einzig und allein aus menschlichen Fragmenten bestand. So etwas hatte es in dieser Dimension auf der Welt noch nie gegeben.

Sie hatten Gänge, Räume, Decken, ja, Landschaften aus Körpern kreiert, sie ineinander verhakt, zusammengefügt, wieder getrennt und so arrangiert, dass das Zusammenspiel aus Licht, Schatten und den ausnahmslos weißen Gipsfiguren eine Welt vorgaukelte, die surreal und faszinierend zugleich war.

Stand man eben noch unter einer Kuppel aus verschlungenen Leibern, die sich bis unters Hallendach in fünfundzwanzig Metern Höhe erstreckte, musste man im nächsten Augenblick durch Gänge kriechen, die einen Durchmesser von gerade einmal einem knappen Meter hatten und in dessen Tiefen Dutzende Hände nach einem griffen und furchteinflößende Fratzen nach einem schrien. Die Soundeffekte taten ihr Übriges, um die Immersion perfekt zu machen.

Das Feld der Körper. Treffender hätte der Künstler sein Werk nicht benennen können. Er war der Einzige, dem der Ruhm gelten würde. Seine Installationen waren phänomenal, das musste Henderson neidlos anerkennen. Und diese war ohne Zweifel sein Meisterwerk. Dennoch trat die handwerkliche Umsetzung, für die neben ihm fast fünfzig weitere Kollegen nötig gewesen waren, etwas zu sehr in den Hintergrund. Er seufzte. Kunst dieser Größenordnung war heutzutage nichts anderes als eine gut geölte Maschinerie. Er war fertig. Zeit für einen Kaffee im Aufenthaltsraum.

Nachdem die Installation zu neunzig Prozent fertiggestellt war, hatte der Künstler darauf bestanden, die Hallenbeleuchtung nicht mehr zu nutzen. Stattdessen sollte allein das Lichtkonzept der endgültigen Darbietung eingeschaltet werden. Das war zwar beeindruckend, aber nicht geeignet für jede Form von Arbeit.

»Ab sofort ist es keine Halle mehr«, hatte er gesagt. »Ab sofort ist es Das Feld der Körper. Und genau dort arbeitet ihr. Licht ist Magie. Schatten sind Magie. Alles, was hier geschieht, muss im Einklang mit Licht und Schatten sein. Wirken. Verschmelzen. Atmen. Jeder veränderte Finger wird das Gesamte verändern. Deshalb leben wir ab jetzt in dieser Welt. Zwischen all diesen Körpern, zwischen Dunkelheit und noch mehr Dunkelheit. Wenn dort Licht ist, dann nur, weil es dort sein soll.«

Dutzende Male hatten er und seine Kollegen den Künstler darauf hingewiesen, dass diese Entscheidung die Arbeitszeit unnötig verlängern würde. Sie stießen auf taube Ohren. Hatte er einmal einen Entschluss gefasst, war es unmöglich, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Henderson schaute auf seine Uhr. Kurz nach vier. Eigentlich sollte er in seinem Bett liegen. Seit sie mit der Installation begonnen hatten, hatte sich der Künstler jede Woche in der gleichen Nacht allein in der Halle eingeschlossen. Nur so könne er die Inspiration bekommen, die dieses Werk verlange.

Henderson wusste, dass die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn gerade in der Kunst besonders schmal war. Und ausgerechnet heute, wo der Künstler die Nacht in der Halle verbringen sollte, war dem nicht der Sinn danach gewesen. Eigenartig. Doch was hätte Henderson schon erwidern können? Wer das Gehalt zahlte, bestimmte. Und so war er vom Künstler ausgewählt worden, einige Anpassungen und Ausbesserungsarbeiten vorzunehmen. Ihm war es recht. Auch der große Künstler musste Nachtzuschlag zahlen.

Henderson hielt inne. Trotz der kaum vorhandenen Beleuchtung umgab ihn im Inneren der Konstruktion ein allgegenwärtiges Schimmern. Jede Nuance von Licht wurde von den weißen Körpern verstärkt, reflektiert und durch die Halle geschickt. Er kannte das Kunstwerk viel zu gut. Das Schimmern war eindeutig zu hell.

Henderson kniff die Augen zusammen, um den Ursprung der Lichtquelle auszumachen. Sie musste in einem Gang sein, der in etwa vierzig Metern in die Kathedrale mündete. Sie war das Herz der Installation. Eine riesige Kuppel wölbte sich unter dem Hallendach über einem kreisrunden Platz von dreißig Metern Durchmesser. Auch dieses Gebilde bestand ausschließlich aus ineinander verschlungenen Leibern.

Der Clou des Ganzen war, dass Michelangelos Fresken, die die Sixtinische Kapelle schmückten, mittels mehrerer Dreihundertsechzig-Grad-Beamer an Decken und Wände projiziert wurden. Im krassen Gegensatz dazu waren sämtliche Köpfe der Gipsfiguren um Teufelshörner ergänzt worden.

Die Projektion war die einzige in der gesamten Halle, die nicht Tag und Nacht lief. Zumindest das hatte der Künstler eingesehen. Dort standen mehrere Scheinwerfer, die bei Bedarf genutzt werden konnten. Sie waren, wie es sich gehörte, erloschen. Dennoch rührte das Leuchten eindeutig von dort her. Zu wenig für einen der Scheinwerfer, aber mehr Licht, als dort eigentlich hätte sein dürfen.

Henderson checkte seine Nachrichten. Nichts. Also hatte sich keiner seiner Kollegen zu ihm verirrt. Warum sollten sie auch um diese Uhrzeit hier auftauchen, wenn sie es nicht mussten?

Damit gab es nur zwei logische Erklärungen. Entweder einer der Kollegen hatte vergessen, eine der kleinen tragbaren Lampen zu löschen, oder Zhalar hatte es sich anders überlegt und war doch noch in die Halle gekommen. Dass sich der Künstler ankündigte, war ausgeschlossen. Er tat immer, wonach ihm gerade der Sinn stand. Henderson reckte den Hals, in der Hoffnung, jemanden am Ende des Gangs zu entdecken. Nichts. Stattdessen flackerte das schwache Licht, als bewegte es sich durch den Raum.

Okay, das konnte nur Zhalar sein. Niemand anderes würde freiwillig um diese Uhrzeit in der Halle erscheinen, schon gar nicht bei dieser Hundskälte. Es war für sein Empfinden viel zu kalt für Ende September.

»Zhalar, sind Sie da?«

Es war so still, dass man den Windzug vom anderen Ende der Halle vernehmen konnte, der unter den Eingangstüren hindurch ins Foyer flüchtete. Zhalar antwortete nicht.

»Zhalar?«, rief Henderson, diesmal lauter.

Wenn sich der Künstler in der Kathedrale aufhielt, musste er ihn ohne jeden Zweifel gehört haben. Keine Antwort. Das Licht stand still. So viel Verständnis er für Künstler und ihre Eigenheiten aufbrachte, warum konnten sie nicht die Mindestanforderungen zwischenmenschlicher Kommunikation erfüllen? Frage, Antwort, Unklarheiten beseitigt. Stattdessen war er sich sicher, dass der Künstler mitten unter der Kuppel stand und mit der Taschenlampe jedes der Gipsgesichter einzeln untersuchte. Das schrie nach noch mehr Überstunden.

Henderson überlegte, ob er Zhalar anstandshalber begrüßen oder seinen verdienten Kaffee im Aufenthaltsraum zu sich nehmen sollte, als der Schimmer erlosch. Der Gang versank wieder in der bekannten Mischung aus Dunkelheit und indirektem Licht. Eigenartig.

Henderson wartete. Er ließ eine geschlagene Minute vergehen, das Licht kehrte nicht zurück. Auch konnte er nicht das geringste Geräusch ausmachen. Zhalar hätte die Kathedrale natürlich auf der entgegengesetzten Seite verlassen können. Scheiß auf ihn, dachte Henderson. Sollte er doch seinen Künstlerfilm fahren. Er fror, er war müde, und wenn der Herr Künstler keine Lust auf seine Mitarbeiter hatte, war das in Ordnung.

Ein dumpfer Schlag hallte durch den Korridor. Henderson fuhr herum. Das Geräusch gehörte nicht hierher. Fast alles hier drin war aus Kunststoff, Holz, Gips und ähnlichen Materialien. Ein gedämpftes Klatschen war falsch an diesem Ort. Es klang wie ... Oh verdammt! Hatte Zhalar einen seiner Wutanfälle? Beim letzten Mal hatte er sich einen Eimer Farbe gegriffen und mit voller Wucht gegen die Wand gekippt. Die weiße Farbe hatte auf der weißen Wand keinen Schaden angerichtet, trotzdem verlangte er von einem Assistenten, die Farbnasen zu entfernen. Und natürlich hatte er es kontrolliert.

Das zweite Geräusch war ihm vertraut. Rollen auf Betonboden. Irgendwo dort in der Halle fuhr jemand mit einem Werkstattwagen. Nein, er korrigierte sich, dafür klang es zu schwer. Es musste einer der Lastenkarren sein, mit denen sie Material transportierten. Eigentlich war dieser Part der Konstruktionsarbeit längst vorbei. Aktuell konnte man mit diesen Wagen mehr Schaden anrichten, als sinnvoll in den engen Gängen manövrieren. Verdammt, was sollte das?

»Zhalar?«, schrie Henderson.

Das Geräusch verstummte. Inzwischen ging ihm dieses Verhalten richtig gegen den Strich. Er verpasste dem Werkstattwagen einen harten Tritt, sodass er gegen den gerade ausgebesserten Finger stieß. Das war Henderson egal. Er schaltete die Taschenlampe des Smartphones erneut ein und ging den Gang zur Kathedrale hinunter.

Die Körper zu beiden Seiten streckten ihre Arme aus, reckten sich und griffen nach ihm. Und sie kamen näher. Der Gang verengte sich mit jedem Schritt, bis er gerade breit genug war, einen erwachsenen Menschen passieren zu lassen.

Das alles interessierte Henderson nicht. Er war wütend. Eigentlich war überhaupt nichts passiert, aber heute konnte er das Verhalten des Künstlers nicht ohne Weiteres von sich abprallen lassen. Es ärgerte ihn. Er wusste, dass Dankbarkeit mit dem Gehalt abgegolten war, dennoch konnte er ein Mindestmaß an Respekt verlangen, wenn er sich schon die Nacht hier um die Ohren schlug. Er ging gerade so schnell, dass er nicht gegen einen der Arme oder Finger stieß. Auf selbst verschuldete zusätzliche Arbeit hatte er keine Lust.

Er folgte der Biegung und legte die letzten Schritte zum Eingang der Kathedrale zurück. Der Gang weitete sich, und die Gipsmenschen bildeten ein Spalier, in dem sie ihre Arme in die Höhe reckten. In den Händen hielten sie Babys mit Engelsflügeln. Das Licht der Taschenlampe reflektierte von allen Seiten. Die schneeweißen Wände aus Leibern flankierten den schwarzen Betonboden. Er trat aus dem Gang und stand unter der großen Kuppel aus deformierten Leibern.

Henderson richtete die Taschenlampe nach oben. Der Schein versiegte nach wenigen Metern. Die Decke war so hoch, dass selbst die weiße Farbe es dem Licht nicht ermöglichte, sich bis ganz nach oben zu kämpfen.

In der Mitte des runden Saals befand sich ein Podest aus knienden Körpern, das die Beamer für die Projektionen beinhaltete. Darüber, in fünfzehn Metern Höhe, schwebte ein durch fast unsichtbare Nylonseile gehaltener Engel mit ausgebreiteten Armen. An der Seitenwand stand in jeder Himmelsrichtung ein Thron aus Gebeinen. Und in dem auf der gegenüberliegenden Seite saß eine Person.

Henderson zuckte so heftig zusammen, dass er beinahe das Handy fallen gelassen hätte. Zhalar konnte so ein eingebildetes Arschloch sein.

»Musste das sein?«, fragte Henderson und wagte sich weiter vor. »Ein einfaches ›Ja, ich bin hier‹ ist nicht zu viel verlangt, oder?«

Er hatte die Mitte des Raums erreicht, umrundete das Podest und näherte sich dem Thron.

»Ernsthaft, Zhalar, wenn Sie sich abmelden und trotzdem auftauchen, sollten Sie sich zu erkennen geben. Die jungen Kollegen hätten sich nicht die Mühe gemacht nachzusehen und direkt die Polizei gerufen.«

Die Person auf dem Thron rührte sich nicht. Henderson verlangsamte seine Schritte. Er wollte nicht auf seinen Arbeitgeber zustürmen.

»Hatten Sie neue Eingebungen?«, versuchte er, seinen Chef zum Reden zu animieren.

Immer noch reagierte der nicht. Die ersten Ausläufer des Lichts erreichten den Thron. Henderson konnte keine Details erkennen, aber es reichte aus, um Zweifel zu säen. Die Person sah nicht aus wie der Künstler. Sie war deutlich korpulenter und hing schief in dem morbiden Gebilde aus Gebeinen. Henderson blieb stehen.

»Wer ... sind Sie?« Seine Stimme klang deutlich leiser als vor wenigen Sekunden. »Wie kommen Sie hier rein?«

Keine Antwort.

»Hören Sie, wenn Sie sich nicht zu erkennen geben, rufe ich die Polizei. Haben Sie verstanden?«

Irgendwo in den Weiten der Halle glaubte er eine Tür zufallen zu hören. Die Person blieb reglos.

»Okay, Sie haben es nicht anders gewollt.«

Henderson streckte den Arm aus, richtete den Schein der Lampe auf den Thron. Er wischte auf dem Display und betätigte den Notruf.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung nahm er kaum wahr. Sein Blickfeld verengte sich, sein Herzschlag pumpte in seinen Ohren. Der Körper auf dem Thron war weiß, zumindest Teile davon. Er war geschunden wie die meisten in dieser Halle. Zehen und Teile der Füße waren dunkel. Die Flecke wirkten im hellen Schein der Lampe wie schwarze Löcher, die sämtliches Licht absorbierten. Ein Arm lag in seinem Schritt. Henderson fiel auf, dass sämtliche Extremitäten unnatürlich schwarz waren. Der Leib war massig und passte gerade so auf die Sitzfläche des Throns. Es sah aus, als ob Flüssigkeit, die ihn an Honig erinnerte, aus jeder einzelnen Pore trat. Sein Kopf fehlte.

Der Körper fügte sich nahtlos in die Umgebung ein. Fast. Denn anders als die übrigen zehntausend war dieser hier einmal ein Mensch gewesen.

Kapitel 2

Die Fahrt vom Kölner zum Frankfurter Hauptbahnhof dauerte mit dem ICE in der Regel nicht viel länger als eine Stunde. Diesmal fühlte es sich bereits nach zwanzig Minuten an wie eine Ewigkeit. Zu allem Überfluss hatte der Zug wenige Meter nach der Ausfahrt wegen eines Signalfehlers angehalten und wartete seitdem auf die Erlaubnis zur Weiterfahrt.

Marc Davids saß an einem Fensterplatz im Großraum und lehnte den Kopf gegen die Scheibe. Die letzten Minuten hatte er versucht, die Lautstärke seiner InEar-Kopfhörer dem stetig wachsenden Lärmpegel anzupassen, bis sie schließlich einen Punkt erreichte, an dem selbst ihm Pearl Jam zu laut wurden.

Er hasste Bahnfahren. Nein, das war falsch. Er mochte das beschauliche Dahingleiten durch die von Wolken und Regenschauern dämmrige Herbstlandschaft. Leider ließ dieses Dahingleiten bisher auf sich warten. Was er hasste, waren die Begleitumstände des Bahnfahrens. Nicht dass er die Dienste der Deutschen Bahn besonders oft in Anspruch nahm, aber wenn, konnte er sich sicher sein, dass seine Mitreisenden es zu einem unvergesslichen Erlebnis machen würden.

Lautstärke war dabei das geringste Problem. Sie auszublenden gelang ihm heute dennoch mehr schlecht als recht. Eine attraktive Brünette auf der anderen Seite des Gangs nahm einen Anruf entgegen. Ihre Stimme war durchdringend und pendelte zwischen aufgesetztem Marketingsprech und übertriebener Professionalität einerseits und völlig unpassendem hohem Gelächter andererseits. Nach einigen Minuten des Zuhörens war Marc überzeugt, dass die Agentur der Frau den Pitch nicht nur aufgrund fehlender PowerPoint-Slides nicht gewonnen hatte.

Der Zug ruckte und fuhr an. Endlich. Marc blickte auf die Uhr seines Smartphones. Sie hatten bereits eine halbe Stunde verloren. Er schaltete in den Porträtmodus der Handykamera und betrachtete sich auf dem Display. Die Augenringe waren tiefer geworden. Nicht so schlimm wie im Frühjahr, aber erkennbar. Er war dazu übergegangen, sie mit etwas Concealer zu kaschieren, was an diesem Morgen nur bedingt funktionierte. Zoé hatte ihn auf die Idee gebracht, und als er sich einen besorgt und zum ersten Mal aufgetragen hatte, lag nach der Mittagspause ein neuer Stift auf seinem Schreibtisch. Diesmal mit dem passenden Hautton. Zoé hatte sich jeden Kommentar verkniffen.

Marc war fünfundvierzig, hatte volles dunkles Haar, das nur an den kurz rasierten Seiten einen grauen Schimmer bekam, und war, wenn man seinen Ex-Freundinnen Glauben schenken konnte, ziemlich attraktiv. Sein Fünftagebart war gepflegt, auch seine körperliche Fitness war für sein Alter außergewöhnlich gut. Von alldem sah er auf dem Display allerdings wenig. Die Krater unter den Augen erzählten von zu wenig Schlaf und zu vielen Sorgen. Er fuhr sich übers Gesicht und bemerkte, dass die Brünette ihr Telefonat beendet hatte. Sie hatte ihn dabei ertappt, wie er sich im Display musterte, und zwinkerte ihm zu.

Gerade als er die Kamera geschlossen hatte, vibrierte das Handy und zeigte eine eingehende Textnachricht an.

Noch mal vielen Dank für deinen Vortrag. Die Studierenden waren begeistert, aber das hast du ja gemerkt. Du hast einen Rekord aufgestellt. Vier haben mich gefragt, ob du vergeben bist. Drei Frauen, ein Mann. ;-) Bis bald, Andi.

Andreas Straub war der Abteilungsleiter der HSPV, der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung, am Standort Köln. Sie hatten sich während ihres eigenen Studiums in Wiesbaden kennengelernt und waren zu Freunden geworden. Danach begannen sie ihre Laufbahn im gehobenen Polizeidienst. Andreas zog es nach einigen Jahren und erworbenen Qualifikationen an die Hochschule nach Köln. Marc hingegen war mittlerweile Kriminalhauptkommissar und Leiter der AS9, der Abteilung für Sonderermittlungen in Frankfurt, einer Abteilung, die selbstständig ermittelte, aber auch vom LKA für besonders brutale Fälle herangezogen wurde. Die Einladung seines Freundes, einen Vortrag über Marcs hochspezialisierte Einheit und deren Tätigkeitsfelder zu halten, hatte er unmöglich ausschlagen können. Er textete zurück.

Hast du geantwortet, dass meine einzige Liebe der Polizeiarbeit gilt?

Marc grinste und legte das Handy vor sich auf den Klapptisch. Fast im selben Moment vibrierte es erneut. Andreas musste so schnell schreiben wie Nicole Unger, eine seiner Ermittlerinnen in der AS9 und ausgewiesene IT-Spezialistin.

Ich habe gesagt, dass du dich noch von deiner letzten Beziehung erholst, die dir beim Auszug die Kaffeemaschine genommen hat. Seitdem wandelst du in der Zwischenwelt von Koffeinentzug und Genialität. Bis bald.

Marc musste lachen. Der Running Gag verfolgte ihn seit diesem Tag.

Ein etwa fünfjähriger Junge mit blonden Haaren und Spiderman-Shirt rannte an Marc vorbei in den hinteren Abschnitt des Abteils. Schreiend und mit raumgreifenden Schritten eilte ein Mann um die dreißig hinter ihm her.

»Joris ... Joris ... Joris!«

Die meisten Reisenden sahen genervt auf oder versuchten den Zwischenfall so gut es ging zu ignorieren. Nur wenige Augenblicke später kehrte der junge Vater zurück. Sanft schob er Joris vor sich her und erklärte ihm die Gründe, warum er doch bitte den Platz neben seiner Mutter wieder einnehmen sollte. Widerwillig ließ der Junge es geschehen.

Der Geruch stieg Marc mit solcher Wucht in die Nase, dass er sie reflexartig mit der Hand verdeckte. Eine Frau mittleren Alters in der Reihe vor ihm hatte eine Plastikdose mit selbst gemachtem Nudelsalat geöffnet. Das Aroma der Mayonnaise war streng und bereits leicht säuerlich. Ohne zu zögern, begann sie, ihr mitgebrachtes Essen in sich hineinzuschaufeln.

Marc wurde übel. Gleichzeitig flutete das Gefühl seinen Köper. Bitte nicht jetzt. Er drückte den Kopf gegen die Lehne und merkte, wie sich seine Hände ohne sein Zutun ballten. Sämtliche Muskeln wurden hart. Seine Beine spannten sich so stark an, dass die Oberschenkel nach wenigen Sekunden brannten. Sofort steigerte sich das Gefühl zu einer ausgewachsenen Panikattacke. Es war so schnell gegangen, dass er keine Chance gehabt hatte. Er atmete zu schnell, schloss und öffnete abwechselnd die Augen. Er konnte sie nicht mehr aufhalten.

Joris flitzte an ihm vorbei. Das Gefühl, rennen zu müssen, kannte Marc nur zu gut. Er musste irgendetwas tun. Er konnte nicht sitzen bleiben, es fraß ihn von innen auf. Sein Herzschlag beschleunigte sich, und er wusste, dass das Gefühl zu sterben nur wenige Atemzüge entfernt war. Seine Hände waren eiskalt, Schweiß stieg aus sämtlichen Poren. Er stieß sich aus dem Sitz und eilte das Abteil hinunter.

Joris stand mitten im Gang und versperrte ihm den Weg. Ohne zu zögern, stützte sich Marc auf den Kopflehnen links und rechts des verdutzten Kindes ab und sprang in einer fließenden Bewegung über es. Jemand rief ihm etwas hinterher, doch er verstand es nicht. Nichts drang mehr zu ihm durch. Die automatische Schiebetür öffnete sich, und er befand sich in dem Bereich zwischen zwei Waggons. Marc war allein. Er ließ sich gegen die Wand sinken und versuchte, nicht zu hyperventilieren. Ihm wurde schwarz vor Augen. Nur mit Mühe unterdrückte er den Drang, sich einfach auf den Boden zu legen. Er zitterte. Hektisch sah er sich um.

Das Frei-Besetzt-Schild an der Tür zur Bordtoilette zeigte, dass sie nicht belegt war. Er nahm all seine Kraft zusammen, stolperte zur Tür, öffnete sie und schob sich in die winzige Kabine. Dann verriegelte er sie, setzte sich auf den zugeklappten Toilettendeckel und presste die Arme mit aller Kraft an die gegenüberliegende Wand. Er hämmerte so fest dagegen, dass seine Muskeln zuckten. Gleichzeitig fürchtete er, sein Herz könnte der Belastung nicht standhalten. Doch er konnte nicht anders. Seine Gefühle und Empfindungen waren so ambivalent, dass es vollkommen egal war, was er in diesem Moment tat. Alles löste panische Angst in ihm aus.

Marc stand auf, um sich direkt wieder zu setzen. Er schlug so fest mit der Faust auf den Boden, dass seine Handknöchel schmerzten. Dieses Gefühl konnte er nur aus seinem Körper verbannen, wenn er genug Energie abgebaut hatte. Leider wusste er nie, wie lange das dauern würde. Fünf Minuten, zehn, dreißig? Je länger er die Angst mit sich trug, desto härter und ausdauernder wurden ihre Kämpfe. Er lernte, die Angst lernte. Und sie saß am längeren Hebel. Immer.

Mit zittrigen, kalten Fingern griff er in die Innentasche seines Mantels und zog den Blister hervor. Er legte ihn vor sich auf den Rand des Waschbeckens und presste sich gleichzeitig gegen die Kabinenwand. Hauptsache, Energie abbauen, koste es, was es wolle.

Es waren nur noch zwei Tabletten in der silbrigen Verpackung. Seit Wochen rationierte er, zögerte die Einnahme heraus oder teilte die Tabletten, damit er möglichst lange über die Runden kam. Das alles hatte dazu geführt, dass die Angst ihn ständig umkreiste. Mal ließ sie ihm etwas mehr Luft zum Atmen, mal war sie so nah, dass ein winziger Trigger ausreichte, um die Welt über ihm einstürzen zu lassen. Heute war Mayonnaise dieser Trigger gewesen. Beschissene Mayonnaise. Er hatte nicht mal was gegen das Dreckszeug. Diesmal hatte die Angst sie als den Tropfen auserkoren, der den Damm brechen ließ.

Er rutschte die Wand hoch und wieder hinunter und hockte vor dem Waschbecken. Wurde die Angst schwächer? Er wusste es besser. Angst suchte ihr Opfer in Wellen heim. Die wurden zwar mit der Zeit kleiner, aber das bedeutete nicht, dass zwischendurch nicht eine besonders brutale Welle über ihm brechen konnte. Er hasste es.

Marc griff nach dem Blister und drückte eine der verbliebenen Tabletten heraus. Behutsam teilte er das dünne Schmelztäfelchen in zwei Hälften und legte sich eine davon unter die Zunge. Es löste sich in wenigen Sekunden auf. Die andere Hälfte schob er zurück in die Verpackung.

Er wusste, dass er die Attacke schneller unter Kontrolle bringen konnte, wenn er sie nahm, dennoch wog er es jedes Mal aufs Neue ab.

Vielleicht sterbe ich ja gar nicht.

Gleichzeitig hatte er großen Respekt vor Benzos. Doch sie waren das Einzige, was ihm half. Fuck, er hasste es.

Zwanzig Minuten später öffnete Marc die Tür der Bordtoilette und richtete das Sakko unter seinem Mantel. Die Panikattacke hatte ihren Höhepunkt überschritten, die Tablette entfaltete allmählich ihre Wirkung. Er hatte zwanzig Minuten um sein Leben gerungen und fühlte sich wackelig auf den Beinen. Wenigstens verspürte er nicht mehr den Drang, alles kurz und klein schlagen oder bis zum Ende des Zugs rennen zu müssen. Er atmete tief ein und trat durch die Schiebetür.

Niemand im Abteil nahm Notiz von ihm, als er durch den Gang zurück zu seinem Platz ging. Marc ließ sich in den Sitz fallen und schloss die Augen. Er konnte nicht einmal in Worte fassen, welche Kraft ihn diese Kämpfe kosteten.

»Sie haben Ihr Handy runtergeworfen, als Sie zur Toilette gerannt sind.«

Er öffnete die Lider. Sein Smartphone schob sich zwischen den Sitzen vor ihm hindurch. Er griff danach und legte es auf den freien Platz rechts von ihm.

»Wenn man muss, dann muss man. Ich kenne das. Dann ist einem alles egal.«

Der Atem der Frau roch noch immer nach Mayonnaise. Diesmal triggerte ihn der Geruch nicht. Er fand es nur widerlich.

»Danke«, sagte er und warf ihr ein gespieltes Lächeln zu.

Die Frau drehte sich wortlos um und öffnete einen Joghurt. Marc schloss die Augen. Womit hatte er das verdient?

»In wenigen Minuten erreichen wir den Hauptbahnhof Frankfurt am Main. Wir haben etwa dreißig Minuten Verspätung. Folgende Anschlusszüge ...«

Marc schrak auf. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass er eingenickt war. Er rieb sich die Augen und blickte auf die Uhr seines Smartphones. Obwohl mindestens zehn Minuten vergehen würden, bis sie in den Bahnhof einfuhren, bereiteten sich die ersten Reisenden aufs Aussteigen vor. Eine kleine Gestalt in Spiderman-Shirt und Maske flitzte an ihm vorbei. Joris hatte wirklich einen außergewöhnlichen Freiheitsdrang. Dieses Mal kam er allerdings nicht weit. Seine Flucht endete abrupt, als er gegen einen älteren Mann stieß, der im Gang seinen Mantel anlegte.

Ein überdimensionaler Koffer schob sich neben Marc. Joris' Vater erschien, der einen zweiten Koffer hinter sich herzog. Eine etwa dreißigjährige Frau folgte ihm und hielt ein Baby auf dem Arm. Joris sah der Frau wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Fünf Meter weiter blieben sie im überfüllten Gang stehen und warteten.

Marc zog seinen Rucksack unter dem Sitz hervor und ließ das Handy in die Innentasche seines Mantels gleiten. Er richtete den Kragen, als sich Joris auf dem Platz neben ihm setzte. Marc hatte keine Ahnung, wie sich der Junge zu ihm zurückgekämpft hatte.

»Joris ... Joris ... Joris!«

Die Stimme seines Vaters hallte durchs Abteil.

»Er ist hier. Alles in Ordnung«, sagte Marc und winkte dem Mann zu.

»Dann ist gut«, erwiderte er und drehte sich um.

Okay, so kann man es auch machen, dachte Marc. Er überlegte, ob der Junge vor seinem eigenen Namen oder den antiautoritären Erziehungsversuchen seines Vaters floh. Er beugte sich zu Joris hinunter.

»Du hast gute Ansätze, Kleiner. Eines Tages wird dir die Flucht gelingen. Ganz bestimmt.«

Der Junge sah ihn fragend an. Dann lachte er, sprang auf und drückte sich zwischen den Passagieren hindurch zu seiner Mutter. Marc lobte sich in Gedanken. Pädagogik konnte er.

Sein Handy vibrierte. Er zog es aus dem Mantel und las die Nachricht. Sie war von Zoé.

Wie kann man bei einer Stunde Fahrt dreißig Minuten zu spät sein? Hole dich direkt am Gleis ab. Wir haben einen Toten.

Kapitel 3

Er brauchte Geschichten. Schon immer. Er konnte sich nicht mehr an die erste erinnern, die er bewusst wahrgenommen hatte, doch ohne eine Gutenachtgeschichte hatten ihn weder Mutter noch Vater oder Großeltern ins Bett gehen lassen. Und jeden Abend hatte er es kaum abwarten können. Die Kraft der Erzählungen, die Protagonisten, die Abenteuer. Es waren Eindrücke gewesen, die seinen jungen Geist geformt hatten und ihn bis heute stärkten.

Er ließ die Finger über die Buchrücken in dem gewaltigen Regal streifen. Glatt, rau, neu, alt, Leder, Samt, Erstausgaben, billige Prints, Groschenromane und Weltliteratur. Er besaß alles. Und er hatte sie alle verschlungen. Er hielt nie eine besondere Ordnung in seiner Bibliothek ein. Wozu? Er wusste genau, wo sich jedes einzelne Buch befand, wo jede einzelne Geschichte schlummerte. Und wenn er eines zur Genüge besaß, dann Geschichten.

Manche trug er tief in seiner Seele. So detailliert, als hätte er sie wahrhaftig erlebt. Andere waren so präsent, als hätte er sie erst gestern gelesen. An andere konnte er sich zwar erinnern, ihm fehlten jedoch die kleinen Funken und Besonderheiten, die Geschichten erst Leben einhauchten. Aber er vergaß niemals eine Geschichte, niemals.

Er liebte den Geruch von Papier. Von jeher war es der Geruch von Abenteuer gewesen, einer Welt ohne Grenzen, eine, in die er abtauchen konnte, ohne überhaupt ein Buch zur Hand nehmen zu müssen. Manchmal stand er inmitten des großen, hohen Raums, der auf allen vier Seiten von massiven Regalen aus schwerem altem Holz eingefasst war, die unter der Last der Geschichten nachzugeben drohten, und atmete den Duft ein.

Dann schwebte er durch Wüsten, Wälder, Geisterstädte oder über ferne Planeten hinweg. Er schloss sich Räuberbanden an, tauchte auf den Grund des Meeres oder erlernte die Zauberei. Er kannte den Weg nach Mordor besser als jeder andere. Er kämpfte mit seinen Freunden gegen das Böse, das sich in einer Kleinstadt ausbreitete und Kinder ermordete, oder war selbst die Verdammnis und verschlang ganze Welten.

Er war nicht verrückt, ganz sicher nicht. Er war ein Träumer. Nur das hatte ihn am Leben gehalten. Er hatte einer werden müssen, ihm war keine andere Wahl geblieben. Dennoch wusste er, dass diese Geschichten, die er so liebte, genau das waren – Geschichten.

Denn es gab noch etwas anderes. Geschichte. Das eine schloss das andere nicht aus. Sie bedingten sich aber auch nicht. Das Tragische an manchen Geschichten war, dass sie eben nur Geschichten waren. Das Tragische an Geschichte war, dass sie nicht nur aus Geschichten bestand. Von Erzählungen konnte er nicht genug bekommen, in denen Helden gegen Monster kämpften. Und er wusste, dass es Geschichten gab, in denen Helden zu Monstern werden mussten, um die wahren Monster zu besiegen. In Geschichten und in der Geschichte.

Er sog die trockene Luft tief durch die Nase ein und ging zu der Tür des Raums, die fast unsichtbar in die Regalfront integriert war. Wer nicht wusste, wo sie sich befand, konnte eine ganze Zeit lang damit beschäftigt sein, den Weg aus dem Land der Geschichten herauszufinden.

Er löschte das Licht und machte sich auf den Weg hinunter. Die ausgetretenen Holzstufen der Treppe quietschten und knarzten mit jedem Schritt. Der Handlauf war durch jahrzehntelange Nutzung spiegelglatt geworden. Er durchquerte einen langen Flur und griff nach der Jacke an der Garderobe. Er streifte sie über und öffnete eine schwere Sicherheitstür am Ende des Korridors. Der Herbst kündigte sich deutlich kälter an als die Jahre zuvor.

Er stieg die drei Steinstufen in den großen Anbau hinab und betätigte den Lichtschalter. Eine nach der anderen entflammten die Halogenröhren unter der Hallendecke mit einem lauten Klacken. Es dauerte einige Sekunden, bis sich das Flackern gelegt hatte. Er ging zu der Apparatur in der Mitte des Raums und prüfte die Digitalanzeigen. Anschließend lief er zur rückseitigen Wand der Halle und setzte sich an einen von Nässe verzogenen alten Schreibtisch. Er öffnete eine Schublade, nahm das in Stoff eingeschlagene Buch heraus und befreite es von seiner fleckigen zweiten Haut.

Behutsam strich er über den Buchdeckel. Dann blätterte er durch die gelblichen Seiten, kehrte zurück zu der Apparatur und setzte sich auf einen Hocker am Kopfende. Er atmete tief ein und begann leise vorzulesen.

Der Berg nahm sein gesamtes Blickfeld ein. Die Sonne war mittlerweile verschwunden. Man konnte sie nur an den Rändern weniger Felsformationen erahnen, die die schweren Wolken wie Dolche aufschlitzten. Maxim stützte sich auf seine Skistöcke.

»Sind wir vollzählig?«

Herr Thoma hatte alle Mühe, die aufgeregte Meute zusammenzuhalten.

»Jetzt bleibt mal da, wo ihr seid. Einmal durchzählen muss sein.«

Der Lehrer stand im Eingang des Busses, der seit dem Morgen auf dem Parkplatz unterhalb der Skipiste gewartet hatte, um jeden seiner Schüler zu erfassen, bevor sich die Gruppe wieder verschob und er von vorn anfangen konnte. Er befand sich bereits seit mehreren Minuten dort oben und hatte augenscheinlich mehrfach zum Zählen angesetzt.

»Stopp!« Sein Ton war diesmal lauter und strenger. »Ihr seid jetzt alle ruhig, keiner bewegt sich, verstanden?«

Erstaunt sahen einige der Jungs von Martins Clique auf und verstummten. Normalerweise ließen sie sich nicht so einfach zur Ruhe bringen, doch wenn Herr Thoma einmal laut wurde, was die absolute Ausnahme war, folgte man besser seinen Anweisungen.

»Na also, geht doch«, sagte er deutlich gelassener und ließ seine Finger durch die Luft hüpfen, während er sie ein weiteres Mal zählte.

Es gab kaum einen Schüler, der Herrn Thoma nicht mochte. Er war ein guter Lehrer. Ruhig, entspannt, fair, aber auch energisch und konsequent, wenn er es denn sein musste. Er hatte kurzes schwarzes Haar und einen ebensolchen Schnurrbart, der lustig wippte, wenn er nachdachte und seine Oberlippe dabei zuckte.

Was ihn von anderen Lehrern unterschied, war seine Menschlichkeit. Er stempelte keinen seiner Schüler ab, versuchte das Beste aus ihnen herauszuholen und verschloss niemals eine Tür. Egal wie unpassend, aufmüpfig oder schlicht dumm sich ein Schüler verhalten hatte, er gab jedem eine zweite Chance. Oft auch drei oder vier.

»Zwei fehlen!«, rief der Lehrer über sie hinweg. »Schaut euch kurz um, wen vermisst ihr?«

Sie blickten sich gegenseitig an, drehten die Köpfe und reckten den Hals.

»Moni und Tanja!«, rief Andrea, eine Schülerin aus der Parallelklasse, von irgendwo links hinter Maxim.

Schweigen breitete sich aus. Herr Thoma stieg eine Stufe höher in den Bus, hielt sich am Türrahmen fest und beugte sich hinaus, während er die Gruppe absuchte.

»Wann habt ihr sie zum letzten Mal gesehen? Auf der Piste? Beim Mittag? Sind sie noch mal mit dem Lift nach oben?«

Niemand sagte ein Wort.

»Kommt schon. Andrea, Kathrin, ihr seid doch sonst immer mit denen unterwegs.«

Sämtliche Augen richteten sich auf die Mädchen.

»Heute nicht«, sagte Andrea knapp.

»Andrea und Tanja haben sich wegen Robbie gezofft!«, rief Jürgen, einer der Oberstufenclowns, und erntete vereinzeltes Lachen aus der Gruppe.

»Halt die Klappe, Jürgen«, erwiderte Andrea genervt. »Kümmer dich um deinen eigenen Kram.«

»Mache ich ja. Robbie gehört mir.«

Jürgen warf seinem Kumpel Luftküsse zu, die der aus der Luft auffing und dabei wie ein Torhüter von links nach rechts hüpfte. Jetzt lachten fast alle.

»Okay, wer von euch hat die zwei heute beim Mittagessen gesehen?«, fragte Herr Thoma.

Niemand antwortete.

»Hat sie jemand im Lift oder auf der Piste getroffen? Moni hat doch diese auffällige pink-weiße Skijacke. Die muss einer von euch bemerkt haben.«

»Viele haben diese Jacke in dieser Saison. Die ist hip«, antwortete ein Mädchen unmittelbar vor ihm.

Sie hatte recht. Maxim blickte sich um. Eine seiner Mitschülerinnen hatte die gleiche Jacke wie Moni. Mindestens drei oder vier andere trugen ähnliche.

»Waren die beiden überhaupt heute Morgen im Bus?«, fragte Jürgen hinter ihm. Dieses Mal klang es nicht wie ein Witz.

Herr Thoma drehte sich fragend zu seinen Kollegen Frau Dr. Klein und Herrn Wolter, dem stellvertretenden Direktor, die das Trio der begleitenden Lehrer komplettierten.

»Wir hatten heute Morgen keine Abmeldungen, und beim Einsteigen waren alle Plätze belegt. Glaube ich ...«, antwortete Frau Dr. Klein.

»Du hast heute nicht gezählt?«, fragte Herr Thoma.

Seine Kollegin schüttelte den Kopf. Herr Wolter tat es ihr gleich.

»Wir sind alle erwachsen«, sagte Andrea. »Die werden entweder schon zurück ins Hotel oder gar nicht erst mitgekommen sein.« Sie stand mit verschränkten Armen und tief ins Gesicht gezogener Mütze in einer Gruppe von vier jungen Frauen. »Können wir jetzt in den Bus? Es wird echt kalt hier draußen.«

»Ihr seid zwar volljährig, aber wir haben eine Verantwortung gegenüber euren Eltern. Wir sind eine Gruppe«, sagte Frau Dr. Klein sichtlich verunsichert.

»Und wenn die zwei keinen Bock auf die Gruppe hatten, ist das ihre Entscheidung. Deshalb müssen wir nicht erfrieren«, sagte Andrea patzig.

»Oh, jetzt verstehe ich. Du hast sie im Hotel eingeschlossen, damit du Robbie für dich hast.« Jürgen lachte, formte einen Schneeball und warf ihn Andrea gegen die Hose.

»Lass das!«, schrie sie und sprang ein Stück zurück. »Und sei einfach ruhig!«

»Jürgen ist neidisch«, sagte Kathrin und grinste bösartig in seine Richtung.

Einige der jungen Frauen kicherten.

»Ruhe!« Bevor Jürgen etwas erwidern konnte, drang Herrn Thomas dunkle Stimme aus der Bustür. »Ihr steigt alle in den Bus und fahrt mit Frau Doktor Klein und Herrn Wolter zurück in die Unterkunft. Ich bleibe, spreche mit den Mitarbeitern unten am Lift und warte, ob sie nicht doch nur noch einmal nach oben sind.«

Mit diesen Worten stieg er aus und beugte sich zu Frau Dr. Klein.

Maxim konnte hören, was Herr Thoma der Lehrerin zuflüsterte.

»Ich gebe die Beschreibung der Schülerinnen an die Mitarbeiter der Station weiter. Dann fahre ich hinauf und suche die Piste ab. Ich bleibe bis zum letzten Lift.«

Nach und nach stiegen sie in den Bus, der jetzt mit laufendem Motor zur Rückfahrt bereit war. Frau Dr. Klein zählte sie abermals durch. Es fehlten zwei.

Als sich die Tür schloss, war es draußen bereits dämmrig. Die tiefen Wolken hingen noch dichter über den Bergen, und die Lichter der Talstation leuchteten hell in der nebligen Abendluft. Strahlender Sonnenschein hatte sie den ganzen Tag über auf der Piste begleitet. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich gewesen.

Maxim hatte sich zum ersten Mal wie ein Teil der Gruppe gefühlt. All das hätte genauso gut an einem anderen Tag gewesen sein können, denn die Berge wirkten mit einem Mal bedrohlich. Im Bus war es ungewöhnlich ruhig, als er mit einem Ruck anfuhr und langsam über den Parkplatz rollte. Maxim blickte durch das Fenster zu der hell erleuchteten Skipiste den Hang hinauf. Sanfter Schneefall setzte ein und mischte sich in den Nebel. Bevor der Bus auf die Straße ins Tal bog, sah er Herrn Thoma den Kragen seiner Jacke aufschlagen und zurück zur Liftstation gehen.

Er klappte das Buch zu und legte es auf die leise brummende Apparatur. Mit den Händen rieb er sich übers Gesicht und spürte, wie sich sein warmer Atem in den Handflächen sammelte und zurückströmte.

Teenagerfilme begannen auf diese Art. Oder Coming-of-Age-Geschichten. Oder schlechte Horrorfilme. Wenn man es objektiv betrachtete, war der Einstieg einfach und seicht. Kein Vergleich mit den großen Geschichten. Diese erkannte man oft schon während des ersten Kapitels, aber beileibe nicht alle. Manche Geschichten begannen belanglos und steigerten sich in einen wahrhaftigen Rausch.

Er hatte diese hier Hunderte Male gelesen. Und er wusste, so sehr er Geschichten liebte, keine bewegte ihn so wie sie.

Er tippte mit dem Zeigefinger auf den verblassenden Einband des Buchs, stand auf und schob den Hocker mit dem Fuß von sich.

Mit der Faust schlug er zweimal hart gegen eine Seitenwand der Apparatur, die aus einem Computerterminal und drei identischen, je etwa zweieinhalb Meter langen massiven Gefriertruhen bestand, und beugte sich über ein in den Deckel eingelassenes quadratisches Fenster, das jede einzelne Truhe zierte.

Zum ersten Mal an diesem Tag überkam ihn ein Glücksgefühl. Die Temperaturanzeige blinkte konstant bei zehn Grad. Alle Vitalfunktionen waren vorhanden und in einem akzeptablen Bereich. Truhe Nummer eins war leer. Er sah ins Innere der zweiten und lächelte. Das Zittern hatte aufgehört. Das bedeutete, der Körper war ins nächste Stadium übergegangen. Er blickte hinab auf die weißliche Haut und in die dunklen Augen des Mannes. Er wusste, dass sie ihn noch erkannten.

Kapitel 4

Das Gesicht hatte die Lider geschlossen und schrie mit einer solchen Intensität, dass Marc den Schmerz körperlich spürte. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und betrachtete jedes einzelne der vierundzwanzig Gesichter, die von der niedrigen Decke der vier Quadratmeter messenden Kammer auf ihn herabsahen.

»Stell dir vor, du würdest die Schreie wirklich hören«, sagte Zoé dumpf hinter ihrem Mundschutz. »Ich habe gelesen, die Sounduntermalung soll das alles noch einmal auf ein anderes Level heben.«

Marc schwieg. Er brauchte keine Sounduntermalung. Er hörte die Schreie und fragte sich, wie sie überhaupt irgendjemand nicht hören konnte.

»Pass auf, wenn du hier durchgehst. Ein Kollege hat sich den Anzug zerrissen, als er an einer der Klauen hängen geblieben ist, die da aus der Wand ragen.« Zoé deutete einen kurzen Gang hinunter.

Marc zog instinktiv den Schutzanzug enger an sich. »Du hast von alldem schon mal gehört?«

Zoé zog die Brauen hoch, wodurch ihre Augen noch größer wirkten.

Kriminaloberkommissarin Zoé Martin war zweiunddreißig Jahre alt und die nach ihm ranghöchste Kommissarin der AS9. Er wusste, dass ihre Begeisterung für Kunst von ihrer Mutter rührte, einer Französin, die sich für die Liebe zu einem deutschen Mann entschieden hatte und ihm in seine Heimat gefolgt war. Unzählige Male war Marc aufgefallen, dass Zoé das Beste aus diesen zwei Welten von ihren Eltern mitbekommen hatte. Ihre Zielstrebigkeit, den Mut und ihre Disziplin hatte sie von ihrem Vater, einem Unternehmer und Kosmopoliten. Den Sinn für Kunst, ihre Empathie und Intuition sowie ihre attraktive Erscheinung zweifelsohne von ihrer Mutter.

Ob das hier Kunst, Spektakel, billige Effekthascherei oder eine Mischung aus Gruselkabinett und Freizeitpark war, vermochte Marc noch nicht einzuschätzen. In jedem Fall war es beeindruckend, das musste er zweifellos anerkennen. Und es war der Fundort einer Leiche.

»Wenn man auf Insta und X in den entsprechenden Bubbles ist, gibt es niemanden, der nicht davon gehört hat«, antwortete Zoé. »Das Feld der Körper ist die weltweit erste Ausstellung dieser Größenordnung. Zhalar Miguel ist ein Performancekünstler und Enfant terrible der internationalen Kunstszene. Außerdem ist er derjenige mit der größten Reichweite auf Social Media in diesem Bereich. Einige seiner früheren Projekte waren interaktiv und haben seine Follower miteinbezogen. Der ist unglaublich erfolgreich. Keine Ahnung, warum diese Ausstellung nicht in New York, Paris oder Tokio stattfindet.«

Marc schob sich aus der engen Kammer hinaus auf den Gang. Es war gleißend hell, die weißen Wände reflektierten das Licht schmerzhaft von allen Seiten. Die Hallenbeleuchtung war eingeschaltet, schien aber kaum durch die blickdichte Decke aus Körpern hindurch. Stattdessen strahlten in allen Gängen die Scheinwerfer der Spurensicherung.

»Wir müssen dort rüber«, sagte Zoé, packte Marc am Arm und drehte ihn um hundertachtzig Grad, als er gerade einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung machen wollte.

Wortlos folgte Marc seiner Partnerin tiefer in das Ungetüm aus Körperteilen. Je mehr er von der Installation sah, desto stärker wurde das Gefühl von Beklemmung. Vorsichtig bewegten sie sich an den Beamten der Spurensicherung vorbei, die jeden Teil der Halle in Abschnitte unterteilt hatten und sorgfältig mit Fotos und Videos dokumentierten. Eine junge Frau nahm Proben einer Flüssigkeit, die auf dem dunklen Boden nicht auffiel, am Übergang zur schneeweißen Wand dafür ein deutliches gelbliches Muster hinterlassen hatte.

Nach wenigen Metern traten sie durch eine Art Portal, das zu beiden Seiten von einem Engel flankiert wurde. Jede der grotesken Gestalten hatte sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Kopf. Die riesigen Flügel auf ihrem Rücken bestanden ausschließlich aus Händen, die ineinander verschlungen waren, sich gegenseitig hielten und so die Form von Engelsflügeln angenommen hatten. Marc blieb stehen und betrachtete das Gebilde. Verrückt, aber irgendwie auch cool.

»Beeindruckend, nicht wahr? Völlig irre und ein Albtraum für jede Art der Spurensicherung.«

Marc zuckte zusammen. Sebastian Schreiber stand reglos und mit verschränkten Armen neben einem Engel. Ihm war der langjährige Kollege und Experte im Bereich der Tatortbeweiserhebung nicht aufgefallen. Sein weißer Anzug und das Fehlen jeglicher Bewegung hatten ihn zu einem Teil der Installation werden lassen.

»Gott, Sebastian, wie oft hast du das heute schon getan?«, fragte Marc und trat auf seinen Kollegen zu.

»Dreimal. Wobei es in den Gängen einfacher ist. Da ist das Licht nicht ganz so hell.« Die Falten um Schreibers Augen hoben sich kaum wahrnehmbar, und Marc wusste, dass er hinter seinem Mundschutz lächelte. »Auf seine eigene schräge Weise der perfekte Ort für eine Leiche.«

Mit diesen Worten deutete Schreiber auf die Wand zu ihrer Linken und ging an ihnen vorbei. Sie reihten sich hinter ihm ein, und Marc konnte den Glanz in Zoés Blick erkennen, als sie unter der gewaltigen Kuppel aus Körpern standen.

»Die Kathedrale. Das Herzstück der Installation«, sagte sie. »Ich habe darüber gelesen. Bilder wurden nicht veröffentlicht, und alles, was man weiß, stammt aus Erzählungen des Künstlers. Es ist noch viel beeindruckender, als ich erwartet habe.«

Marc schenkte der Installation keine Beachtung mehr. Seine Aufmerksamkeit galt dem toten Körper. An jedem Tatort gab es diesen einen Moment. Den Augenblick völliger Konzentration, die ihn von allem Trubel um ihn herum abschirmte und seinem Geist Eindrücke und Details offenbarte. Der Moment war ein essenzieller Teil seiner Tatortbegehung, und trotz seiner jahrelangen Erfahrung war er jedes Mal erleichtert, wenn sich der Zustand einstellte. Er konnte es nicht steuern. Es kam, wenn der Zeitpunkt es verlangte. So früh hatte er es allerdings nicht erwartet.

Der nackte Leichnam saß schlapp, aber halbwegs aufrecht in dem Thron aus Körperteilen. Er war etwas nach links gekippt, sein Gewicht lag auf der Armlehne. Die Haut war blass, dennoch konnte Marc ein so breites Farbspektrum erkennen, wie er es nie zuvor bei einem Toten gesehen hatte.

Der Leiche fehlte der Kopf. Der ausgefranste Hals endete im Nichts und ließ den Blick auf das Chaos im Inneren zu. Mit etwas Fantasie konnte er einen Halswirbel ausmachen und war sich in derselben Sekunde nicht mehr sicher. Er hatte in seinem Leben bereits enthauptete Leichen zu Gesicht bekommen, jedoch noch nie so etwas wie das.

Hellrote Körperflüssigkeit tropfte aus der gewaltigen Halsöffnung und lief über Teile des Oberkörpers und des linken Arms auf den Thron, der an diesen Stellen seinen weißen Glanz eingebüßt hatte. Rötliche Flecke mischten sich mit gelblichen Streifen, die fast die gesamte linke Seite des Gebildes überzogen und in einer schmierigen Lache auf dem Boden mündeten. Die Haut glänzte, als wäre sie mit Honig bestrichen.

Der Tote wirkte aufgedunsen und gleichzeitig so zerbrechlich wie Glas. An manchen Stellen schimmerte die Haut wächsern, an anderen tiefrot oder violett. Die Extremitäten waren besonders schlimm. Finger und Zehen waren, sofern überhaupt vorhanden, bräunlich schwarz. Füße, Hände und Arme sahen nicht besser aus. Einige dunkle Objekte lagen unterhalb der Sitzfläche des thronartigen Gebildes, doch er konnte nicht feststellen, ob es sich um Fingerkuppen oder um die fehlenden Zehenstücke handelte.

Der Tote war männlich. Zwischen seinen Beinen war nicht viel mehr als eine matschige bräunliche Masse übrig geblieben. Das verschrumpelte schwarze Ding, das etwa zwanzig Zentimeter vor dem Rest des Körpers auf der Sitzfläche lag, war wahrscheinlich einmal ein Penis gewesen.

Marc erwachte aus seiner Trance, als Zoé ihn am Arm berührte. Ihre Augen wanderten zwischen ihm und dem Toten hin und her.

»Bleibt bitte dort stehen und berührt nicht das Podest«, sagte Schreiber und hob eine Hand. »Jede Bewegung führt dazu, dass mehr Körperflüssigkeiten aus den Wunden oder dem Gewebe austreten. Das Ganze ist ohnehin eine riesige Sauerei. Ich hoffe, dass es nicht allzu viele Spuren verunreinigt hat.«

»Ich habe so was noch nie gesehen«, sagte Zoé und ließ sich auf ein Knie sinken. Sie schaltete trotz der gleißenden Helligkeit im Raum die Taschenlampe ihres Mobiltelefons ein und untersuchte eines der schwarzen Objekte auf dem Boden. »Zu klein für ein Fingerglied eines so großen Mannes. Also wahrscheinlich ein Zeh.«

»Sehr gut, das denke ich auch«, stimmte Schreiber ihr zu. »Kann aber in diesem Zustand sehr schnell täuschen. Auf die Schnelle würde ich sagen, dass drei der sieben Objekte Fingerglieder sind. Zwei sehen nach Teilen von Zehen aus. Die anderen sind nicht unmittelbar erkennbar. Ich würde Hoden ausschließen, da die sehr wahrscheinlich Teil der zerstörten Gewebemasse zwischen seinen Beinen sind. Diese Weichteile werden bei so was als Erstes zerstört, wenn sie freiliegen und nicht geschützt sind, was vermutlich hier der Fall war.«

»Bei so was?«, fragte Marc.