Beschreibung

Am Ende betteln wir alle. Ein paar kleine Notlügen. Mehr nicht. Was ist schon dabei? Doch ich hätte wissen müssen, dass es unmöglich gutgehen kann. Wie sehr es allerdings eskaliert, habe ich nicht kommen sehen. Was soll ich jetzt machen? Dark Romance. Düstere Themen. Eindeutige Szenen. Deutliche Sprache. In sich abgeschlossen. Ursprünglich habe ich "Nasty Little Lies" als Nora Lybeck unter dem Titel "Damit du mich liebst" als Thriller veröffentlicht. Doch die Geschichte hat mich einfach nicht losgelassen, was vor allem daran lag, dass mir die Protagonistin Charlotte so leidtat, weil sie kein Happy End bekommen hat. In meiner Brust schlägt wohl immer noch das Herz einer Liebesroman-Autorin.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 414

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Nasty Little Lies

Mia Kingsley

Dark Romance

Inhalt

Nasty Little Lies

Vorwort

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Leseprobe »Vengeance Is His«

0

0.5

1

2

3

Hier geht es weiter …

Über Mia Kingsley

Copyright: Mia Kingsley, 2019, Deutschland.

Covergestaltung: © Viorel Sima – adobe.stock.com

Korrektorat: http://sks-heinen.de

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

Sämtliche Personen in diesem Text sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig.

Black Umbrella Publishing

www.blackumbrellapublishing.com

Nasty Little Lies

Am Ende betteln wir alle.

Ein paar kleine Notlügen. Mehr nicht. Was ist schon dabei?

Doch ich hätte wissen müssen, dass es unmöglich gutgehen kann. Wie sehr es allerdings eskaliert, habe ich nicht kommen sehen. Was soll ich jetzt machen?

Düstere Themen. Eindeutige Szenen. Deutliche Sprache. In sich abgeschlossen.

Vorwort

Ursprünglich habe ich »Nasty Little Lies« als Nora Lybeck unter dem Titel »Damit du mich liebst« als Thriller veröffentlicht. Doch die Geschichte hat mich einfach nicht losgelassen, was vor allem daran lag, dass mir die Protagonistin Charlotte so leidtat, weil sie kein Happy End bekommen hat. In meiner Brust schlägt wohl immer noch das Herz einer Liebesroman-Autorin – bloß eben unter einer dicken Schicht Schwarz.

Um einen Thriller in Dark Romance zu verwandeln, musste ich allerdings einiges an der Geschichte ändern, und obwohl ich es hätte besser wissen müssen, war es viel mehr, als ich erwartet hatte. So wurde aus dieser Aufgabe ein Mammutprojekt, das mir einige schlaflose Nächte beschert hat.

Ich hoffe, dass sich die Mühe gelohnt hat und ihr Spaß dabei habt, mitzufiebern, ob Charlotte letztendlich tatsächlich ihren Märchenprinzen bekommt – denn kann man einer Autorin, die Thriller und Liebesromane verquirlt, wirklich mit Happy Ends trauen? ;)

Eure Mia

Prolog

Bates

»Verdammt, Sweetheart, das fühlt sich gut an. Tiefer. Nimm meinen Schwanz tiefer in den Mund.«

Ich rollte mit den Augen und versuchte nach besten Kräften zu ignorieren, wie sehr die Frau gurgelte und röchelte, in deren Hals gerade Adams Schwanz steckte.

Zum wiederholten Mal sah ich auf die Uhr und fragte mich, wo zum Teufel Toby blieb, damit wir die Beute aufteilen konnten.

»Genau so. Fuck, ja!« Adam röhrte seinen Orgasmus wie ein brünstiger Hirsch hinaus. Vermutlich war er so laut, dass die Besucher des drittklassigen Stripklubs, in dessen Hinterzimmer wir uns gerade befanden, ihn auch hören konnten.

Der Gestank nach Zigarren und ungewaschener Pussy hing penetrant in der Luft und ich nahm mir vor, meine Kleidung später zu verbrennen. Mit so viel Geld, wie ich mir mit Tobys Crew in den letzten Jahren erarbeitet hatte, konnte ich mir diesen Luxus leisten.

»Na, na, schön schlucken.« Adam schnalzte mit der Zunge, als die Frau vor ihm auf den Knien hörbar würgte.

Leute wie er waren der Grund, weshalb ich am liebsten alleine gearbeitet hätte. Allerdings war es mit einem zuverlässigen Team wesentlich einfacher, Banken zu überfallen. So ungern ich es zugab, war das wirklich kein Ein-Mann-Job.

Nur lag der Knackpunkt eben bei dem zuverlässigen Team. So widerlich wie Adam sein mochte, so geldgierig war er auch. Auf ihn konnte man sich verlassen. Er würde alles tun, um den Job zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Der Rest unserer Crew ließ bis auf Toby, unseren Boss, und Ben, Adams Bruder, stark zu wünschen übrig.

Deshalb hatte ich beschlossen, auszusteigen, solange ich noch die Möglichkeit hatte.

Im Gegensatz zu Adam, der seinen Anteil immer gern für Nutten, Alkohol und schnelle Autos ausgab, hatte ich schon früh angefangen zu sparen.

Ich war der Meinung, dass ein sicheres Versteck und eine hochwertige Matratze bessere Belohnungen waren als Koks und Huren.

Und dann hatte ich Carol kennengelernt. Sie war gute zehn Jahre älter als ich und extrem unglücklich verheiratet gewesen. Als sie mich in der Hotelbar angesprochen hatte, war ich betrunken und unvorsichtig gewesen. Ich hatte sie mit auf mein Zimmer genommen, wo sie im wahrsten Sinne des Wortes über eine schwarze Reisetasche voller Bargeld gestolpert war. Das hätte übel ins Auge gehen können. Stattdessen hatte sich herausgestellt, dass Carol mit einem Gangster verheiratet war und sich gut mit solchen Situationen auskannte. Sie hatte mir erklärt, wie ich das Geld sauber bekam und wie ich es am besten investierte. Im Gegenzug hatte ich sie nach allen Regeln der Kunst gevögelt. Wir trafen uns ein paar Monate lang zweimal in der Woche, bis sie endlich genug Mut gefasst hatte, ihren Mann zu verlassen.

Obwohl das alles mehr als fünfzehn Jahre her war, schickte sie mir manchmal Postkarten, um mich wissen zu lassen, dass es ihr gut ging.

Ich hatte ihr viel zu verdanken, unter anderem den zweistelligen Millionenbetrag auf meinem Konto.

Natürlich hängte ich das nicht an die große Glocke. Es reichte, wenn Adam prahlte.

Es prickelte in meinem Nacken und ich drehte mich um. Ben, Adams älterer Bruder, drückte sich im Schatten neben der Bar herum, und wandte ertappt das Gesicht ab, als er bemerkte, dass mir sein Starren aufgefallen war.

Endlich öffnete sich die Tür und Toby kam mit drei großen grünen Seesäcken und zwei kleinen schwarzen Taschen herein.

Er warf alles auf den Pokertisch in der Mitte des Raumes, an dem gerade ohnehin niemand spielte. Die beiden Neuen saßen an der Bar und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, Adam war mit der Nutte beschäftigt gewesen und Ben bekam die Zähne ohnehin nie auseinander.

»Alles da.« Toby deutete auf den Tisch und wackelte bedeutungsschwer mit den Augenbrauen. Er schob einen Sack in Adams Richtung, einen in meine und ging dann mit den beiden Taschen zum Tresen, um sie den Neuen auszuhändigen. Ihr Anteil fiel geringer aus, bis sie sich bewiesen hatten.

Ben bekam keinen eigenen Sack, weil Adam sich den Anteil seines Bruders immer unter den Nagel riss. Dafür leistete Ben allerdings auch nicht viel. Er war ein schmaler, unscheinbarer Typ, den wir nur als Späher einsetzten, und selbst dafür taugte er nur bedingt, weil er oft Ärger mit den Cops hatte. Er war ein absoluter Creep, der gern Frauen nachstellte. Adam hatte ihm mehr als einmal den Arsch gerettet und dafür gesorgt, dass sich einstweilige Verfügungen in Luft auflösten.

Um ehrlich zu sein, war ich froh, wenn ich die Tür zum Stripklub heute hinter mir schloss. Ich wollte ein ruhiges Leben ohne Risiko führen. Mehr nicht.

Toby kam zum Tisch zurück und hielt mir die Hand hin, die ich ergriff. Mein Boss war wahrscheinlich der Einzige in diesem Raum, den ich vermissen würde.

»Es war mir eine Ehre«, sagte er und grinste mich an. Sein goldener Eckzahn funkelte selbst im diesigen Licht des Hinterzimmers. Toby war ein bisschen der Vater, den ich nie gehabt hatte.

»Mir war es eine Ehre.« Ich wollte mit einem wehmütigen Gefühl nach dem Seesack greifen, als Adam ohne Vorwarnung mein Handgelenk packte.

»Was soll das denn heißen?«

»Ich höre auf.«

Er starrte mich an, als würde er die Worte nicht begreifen.

Toby klopfte ihm auf die Schulter. »Es ist wahr, Junge. Das war Bates’ letzter Job.«

Ganz langsam schüttelte Adam den Kopf. »Das geht nicht. Du kannst nicht einfach aufhören.«

Vorsichtig, um ihn nicht zu provozieren, löste ich seine Finger von meinem Arm. Es war nicht so, als würde ich mir nicht zutrauen, ihn in einer Schlägerei zu besiegen. Ich war bloß smart und hatte keine Lust, mit brummendem Schädel und einer aufgeplatzten Lippe nach Hause zu gehen.

Für morgen hatte ich mir ein nettes Date organisiert, für das ich gut aussehen wollte. Auf Wiedersehen, Bates McIntosh, Bankräuber und notorischer Junggeselle. Hallo, Bates Porter, IT-Spezialist für Luft- und Raumfahrttechnik, auf der Suche nach der Einen.

So oder so ähnlich sah zumindest mein Plan aus.

»Bedaure, Adam. Ich bin raus.« Mit einem schwachen Lächeln nahm ich meinen Seesack und ging zum Ausgang. Ich nickte den beiden Neuen zu und öffnete die Tür, da Ben meinen Blick ohnehin nicht erwidert hätte, dafür war er zu nervös.

Als ich schon fast an meinem Wagen war, ertönten Schritte hinter mir. Ich wusste, dass es Adam war, ohne mich umzudrehen.

»Komm schon, Kumpel. Du kannst mich doch nicht mit diesen Anfängern alleine lassen. Wir sind so ein gutes Team.«

»Sorry.« Ich öffnete die Kofferraumklappe und legte die Tasche ab. »Das Risiko wird immer größer und ich nicht jünger.«

»Aber denk an das ganze Geld«, sagte er und schenkte mir sein charmantes Lächeln, nachdem ich mich ihm zugewandt hatte.

Wenn Adam wollte, konnte er unglaublich nett und die Menschen in seiner Nähe problemlos um den Finger wickeln. Ich hatte ihm allerdings noch nie getraut und hielt große Stücke auf meinen Verstand, meine Intuition und mein Bauchgefühl. Alles in mir wollte so wenig wie möglich mit Adam Levitt zu tun haben.

»Viel Glück für den nächsten Job.« Ich nickte ihm bloß zu, stieg in den Wagen und startete den Motor. Als ich vom Parkplatz fuhr, sah ich Adam im Rückspiegel. Er hatte die Fäuste geballt und starrte mir nach.

Mit einem Mal war ich noch erleichterter, ihn soeben zum letzten Mal gesehen zu haben.

Kapitel 1

Charlotte

»Ich sollte dich daran erinnern, dass du pünktlich Feierabend machen wolltest.« Beckett lehnte sich an seinem Computerbildschirm vorbei, um mich anzuschauen, während ich hinter meinem zusammensank in der Hoffnung, er würde mich übersehen.

»Aber ich will nicht«, jammerte ich und zupfte an meiner Unterlippe. Sofort ärgerte ich mich, weil ich jetzt leichte Lippenstiftspuren an meinem Finger hatte.

»Dann hättest du Sarah vielleicht nicht versprechen sollen, dich mit ihr zu treffen.« Mein Kollege hob hinter der kreisrunden Brille seine Augenbraue. »Ich hätte ihr schon gesagt, was ich von ihr halte, nachdem sie dich die letzten drei Mal versetzt hat. Du bist zu gutherzig. Wie bist du überhaupt Anwältin geworden?«

»Sie haben mich hier bloß eingestellt, damit ich die Tatsache ausgleiche, dass du keine Seele hast.«

»Uh«, machte Beckett. »Ich vergesse immer, wie spitz deine Zunge sein kann, wenn du willst.«

Ich wartete auf den obligatorischen schlechten Witz, den er innerhalb der nächsten fünf Sekunden hinterherschieben würde, und wedelte mit der Hand, um ihn zu ermutigen.

Er grinste. »Wenn meine Zunge so spitz wäre, würde ich sie bestimmt nicht an meinen Arbeitskollegen verschwenden, sondern …«

Ich beendete seinen Satz: »Sondern versuchen, sie an den Mann zu bringen. Genau, wie ich es tun sollte, weil ich schon zu lange nicht mehr gevögelt wurde.«

»Richtig.« Er nickte. »Deshalb solltest du dich auch nicht mit Sarah treffen, sondern mit Männern. So wie ich. Bessere Laune garantiert.«

Ich schnaubte. »Das hängt wohl stark vom Mann ab. Und früher war Sarah nicht so.«

»Stimmt. Ich vergesse immer, dass du eine Klitoris hast. Selbst ein schlechter Blowjob ist ein Blowjob.«

Mit einem Kopfschütteln bückte ich mich nach meiner Handtasche. Wahrscheinlich musste ich den Lippenstift erneuern. »Ich weiß nicht, ob ich dich abartig oder pragmatisch finden soll.«

»Abartig – solange es sich nicht auf mein Outfit bezieht. Ich habe viel Liebe in die Zusammenstellung investiert.«

Ich musterte das pflaumenfarbene Jackett mit dem hellblauen Hemd darunter. »Davon bin ich überzeugt. Mir ist es allerdings ein Rätsel, wie du damit überhaupt Kerle aufreißt.«

Er sah an sich hinunter. »Was soll das denn bitte heißen?«

»Nichts, mein Lieber. Ich muss jetzt los.«

Beckett seufzte. »Wenn sie dich wieder versetzt, musst du dich morgen nicht bei mir beschweren. Verstanden?«

»Ja, Daddy.«

»Igitt! Du hast versprochen, mich nicht mehr so zu nennen.«

Ich deutete mit dem Zeigefinger auf ihn, nachdem ich meinen Schreibtisch umrundet hatte. »Und du hast versprochen, mir keine Dating-Tipps mehr zu geben.«

»Das waren Beobachtungen über deine spitze Zunge und keine Tipps. Tipps sehen so aus …« Er sperrte den Mund auf und hob die Hand, um unanständige Gesten auszuführen, woraufhin ich fluchtartig das Büro verließ. »Bis morgen«, rief ich über die Schulter und wagte es nicht, mich noch mal umzusehen.

»Bye.« Ich winkte Elaine am Empfang zu.

Sie konnte ihren Blick kaum von ihrem Bildschirm lösen und schaute nur flüchtig auf ihre Armbanduhr. »Du hast versprochen, früher Feierabend zu machen, sobald du vor zehn Uhr im Büro bist, Charlotte. Der Boss killt mich, wenn er deine Überstunden sieht.«

»Ich gelobe Besserung.«

»Pass auf dich auf, wenn du gehst, okay?«

Irritiert blieb ich stehen. »Natürlich. Ich passe immer auf. Warum sagst du das?«

Elaine hob den Kopf und begann, ihren langen blonden Pferdeschwanz um ihren Finger zu wickeln. »Na, weil schon wieder eine Frau vermisst wird. Hast du es noch nicht gesehen? Ist gerade auf allen Sendern und der Post wird wie verrückt auf Social Media geteilt.« Sie drehte ihren Laptop um, sodass ich die Schlagzeilen selbst sehen konnte.

Fast über das ganze Display erstreckte sich das Bild einer elegant gekleideten Frau mit asiatischen Zügen. Ihr Mund war zu einem leichten Lächeln verzogen und ein wenig geöffnet, Make-up und Haare waren makellos. Sie trug eine schwarze Bluse, die zwar transparent über einem dunklen Top war, aber so hochgeschlossen, dass sie nicht billig oder freizügig wirkte. Sie war attraktiv und in meinem Alter.

»Nein. Wer ist das?«

»Ihr Name ist Lorraine Spector.«

Ich legte die Hand auf den Tresen. »Wie in Spector Media?«

»Genau die. Gestern Abend ist sie nach einem Restaurantbesuch mit Freundinnen nicht nach Hause gekommen und ihr Mann hat die Polizei alarmiert.«

»Du bist ja immer noch hier.« Beckett tauchte hinter mir auf und gab sich persönlich beleidigt. Kurz sah er auf Elaines Laptop. »Ach, Lorraine Spector. Ich frage mich, wie viel Aufmerksamkeit der Fall bekommen würde, wenn sie hässlich wäre und aus der Arbeiterschicht stammen würde.«

Elaine verzog das Gesicht. »Musst du immer so zynisch sein? Das ist alles schon schlimm genug. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass ich nachher allein mit der U-Bahn fahren muss.«

»Keine Sorge. Mit den winzigen Titten entführt dich keiner.« Beckett zwinkerte ihr zu.

Ich rammte ihm den Ellenbogen in die Seite. »Über so was macht man keine Witze.«

Elaine schob die Unterlippe vor und wandte sich mit gerümpfter Nase ab.

Mein Kollege seufzte. »Sorry. Kommt nicht wieder vor. Zumindest nicht heute. Wir können uns ein Taxi teilen, Elaine. Und deine Titten sind groß genug.«

Sie hob die Nase noch höher. »Das weiß ich doch, Beckett-Darling. Immerhin sind sie fast so groß wie deine.« Sie tätschelte seinen Bauch und grinste.

»Autsch. Bevor ihr euch duelliert, gehe ich jetzt wirklich. Beckett, trink heute keinen Kaffee mehr. Du hattest genug und es ist spät.«

»Pass auf dich auf«, sagten beide wie aus einem Mund, als ich die Tür nach draußen aufstieß, und mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich nickte und sah zu, dass ich aus dem Gebäude kam.

Da es noch hell war und das Please don’t tell, wo ich mit Sarah verabredet war, nicht weit entfernt lag, beschloss ich zu laufen. Dabei überprüfte ich, ob Sarah mir eine Textnachricht geschrieben hatte, um abzusagen, doch bisher war alles still.

Allerdings ahnte ich, dass sie eh vergessen würde, mir Bescheid zu geben, falls sie nicht kam.

Ich stieß die Tür zur Bar auf und suchte mir einen Platz an der Theke, die dem Eingang genau gegenüberlag, damit Sarah mich nicht verfehlen konnte.

Den Barkeeper Tony kannte ich, weil wir einmal in der Woche mit fast der gesamten Belegschaft hier auftauchten. Tony freute sich immer, wenn wir ein paar der Models mitbrachten, die wir bei M Models vertraten.

»Na, Charlotte, wieder ein paar kniffelige Verträge aufgesetzt?« Er zwinkerte mir zu.

Ich rang mir ein Lächeln ab, während ich mir innerlich wünschte, Beckett hätte es ihm nicht erzählt, um mich an den Mann zu bringen.

»So ungefähr. Ich hätte gern ein Bitter Lemon.«

»Kommt sofort. Wartest du auf den Rest der Truppe?«

»Nein, eine Freundin.«

Sofort leuchteten seine Augen auf. »Modelfreundin?«

»Das würde dir so passen. Sie ist kein Model, aber hübsch und Single.«

Er formte mit Zeigefinger und Daumen eine Pistole und deutete auf mich. »Ich behalte dich im Auge.«

»Mach das. Denk nur an mein Getränk.«

»Kommt sofort.« Er wandte sich ab und bückte sich, um etwas unter der Theke zu verstauen.

Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Bisher war Sarah nur eine Viertelstunde zu spät dran. Vielleicht war eine U-Bahn ausgefallen.

Obwohl ich wusste, dass sie notorisch unpünktlich und in den letzten Monaten sehr unzuverlässig geworden war, kam mir der Vermisstenfall in den Sinn. Sollte ich Sarah anrufen, um sicherzugehen, dass ihr nichts passiert war, oder übertrieb ich damit?

Ich wog die Entscheidung noch immer ab, als Tony das Bitter Lemon vor mir abstellte. Als ich nach meiner Geldbörse wühlen wollte, winkte er ab. »Bezahlt von dem netten Gentleman da drüben.«

Alles in mir krampfte sich zusammen, denn ich bekam nicht gern Drinks spendiert. Schon gar nicht von Fremden, die ich nicht darum gebeten hatte, und jetzt garantiert dachten, ich wäre ihnen zu Dank verpflichtet.

Ich schob das Geld über den Tresen. »Dann sieh es als Trinkgeld, damit fühle ich mich besser.«

»Wie du meinst.« Er zuckte mit den Achseln und steckte es ein.

Ich betete, dass der edle Spender nicht zu mir kommen würde, nachdem ich es absichtlich vermieden hatte, in seine Richtung zu sehen, und den Drink stattdessen demonstrativ bezahlt hatte.

Natürlich wünschte ich es mir vergeblich, denn bald schon tauchte ein Typ neben mir auf. »Ich wollte dir nur einen Gefallen tun.«

»Danke, aber das war nicht nötig. Ich warte auf jemanden.« Kurz nickte ich ihm zu, bevor ich wieder vorgab, mich auf mein Handy zu konzentrieren. Um mir die Zeit zu vertreiben, hatte ich den ersten Artikel zum Verschwinden von Lorraine Spector aufgerufen, den die Suchmaschine mir vorschlug.

Die Art, wie sowohl Elaine als auch Beckett sich dazu geäußert hatten, hatte mich neugierig gemacht.

»Jetzt hab dich doch nicht so«, sagte der Typ und setzte sich auf den freien Hocker neben mir.

Am liebsten hätte ich mit den Augen gerollt. Verstand er nicht, dass ich kein Interesse hatte?

»Mein Name ist Bruno.« Er grinste und wartete auf eine Reaktion.

»Sorry, Bruno. Ich möchte wirklich nicht unhöflich sein, aber ich bin nicht hier, um Männerbekanntschaften zu machen.« Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, zwang ich mich, ihn anzusehen.

Sicherlich gab es einige Frauen, die auf braune Augen, einen kurzen Bart und dunkle Haare standen. Ich gehörte nicht dazu. Auf mich wirkten die wenigen Barthaare in seinem Gesicht ungepflegt und jungenhaft, weil er nicht in der Lage zu sein schien, einen vernünftigen Bart wachsen zu lassen.

»Du hättest vielleicht nicht so ein nuttiges Kleid anziehen sollen, Süße.« Er legte mir die Hand aufs Knie, die ich sofort wegschlug.

Hatte dieses Arschloch den Verstand verloren? Das sogenannte nuttige Kleid war ein Businesskostüm, dessen Rock mir bis zu den Waden reichte. Hinten gab es einen Schlitz bis zum Knie – von nuttig oder aufreizend konnte da wohl kaum die Rede sein.

»Finger weg!«

Er sah mich an, als wäre ich unnötig hysterisch, und öffnete bereits den Mund, um etwas zu sagen. Dann wurde mir die Sicht versperrt.

Ich blickte auf eine breite Männerbrust in einem dunkelblauen Hemd.

»Sorry, dass ich zu spät bin, Darling. Der Verkehr war eine Katastrophe.« Er beugte sich vor und nur für den Bruchteil einer Sekunde berührten seine Lippen meine Wange knapp neben dem Mundwinkel. Mir war klar, dass es für Bruno aussehen musste, als würden wir uns küssen.

Der Mann richtete sich auf und musterte Bruno. »Wer ist das?«

Bruno hob abwehrend beide Hände und verzog sich. Der Typ schaute ihm hinterher, bevor er sich wieder zu mir wandte. »Entschuldige bitte. Ich wollte nicht zu offensiv sein, aber ich dachte, das wäre die beste Möglichkeit, ihn loszuwerden. Mir ist zufällig aufgefallen, dass er aufdringlich wurde, und auf diese Weise hat es am wenigsten Aufsehen erregt.«

Er machte Anstalten, sich umzudrehen, und ich griff nach seinem Arm. »Warte.«

»Ja?«

Ich musste hochsehen, weil er mich ein wenig überragte, und starrte in eisblaue Augen. Er besaß markante Gesichtszüge und das Aussehen der klassischen Hollywood-Schauspieler. Seine Haare waren seitlich gescheitelt, das Gesicht glatt rasiert. Ich wusste, dass ich es bereuen würde, wenn ich es nicht wenigstens versuchte. Der Mann entsprach genau meinem Typ und schien wohlerzogen zu sein.

»Kann ich dich als Dank auf einen Drink einladen?«

»Nein, nein. Das war nicht meine Absicht.« Er schüttelte den Kopf, die Lippen fest aufeinandergepresst, als würde er sich unbehaglich fühlen. Die breiten Schultern waren etwas nach vorn gesunken.

»Das weiß ich. Aber ich freue mich über die Rettung und habe das Angebot selbst ausgesprochen. Oder wartet jemand auf dich? Frau oder Freundin?«

»Nein.« Er sprach das Wort eher zögerlich aus. Unschlüssig verharrte er neben dem Barhocker, bis er seufzte. »Na gut, weil du so hübsch bist, dass ich dir nichts abschlagen kann.«

»Außerdem wirkt es auf Bruno sicherlich überzeugender, wenn wir etwas zusammen trinken.«

»Bruno?«

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. »So hat der Kerl sich vorgestellt.«

»Charlotte!«, hallte in dieser Sekunde mein Name durch die gesamte Bar.

Großartig, dachte ich mir. Ein einziges Mal wäre es praktisch gewesen, von Sarah versetzt zu werden, da tauchte sie natürlich auf. Das Glück war mir wieder nicht hold.

Sie schob sich durch die Leute und wedelte mit den Armen.

»Du bist Charlotte, nehme ich an?« Mein Held grinste.

»Ja. Ich fürchte schon.«

»Pass auf, was hältst du davon, wenn ich dir meine Karte gebe und du mich anrufst, falls du wieder einen Retter brauchst? Jetzt bist du ja in Begleitung.« Er stieg wieder von dem Hocker und zog eine schwarze Visitenkarte aus der Hosentasche.

Sarah redete schon auf mich ein, da hatte sie den Tresen noch nicht erreicht. Als sie meinen Begleiter bemerkte, stemmte sie die Hände in die Seiten. »Wen haben wir denn da?«

»Bates«, sagte er und hielt ihr die Hand hin.

Völlig ungeniert ließ sie ihren Blick über ihn schweifen, bevor sie seine Hand ergriff. Ich schielte in der Zeit unauffällig auf die Karte. »Bates Porter. IT-Experte für Luft- und Raumfahrt. AeroFit«, stand dort, dazu eine E-Mail-Adresse und mehrere Telefonnummern, auf der Rückseite war mit Kugelschreiber eine Handynummer ergänzt worden.

Möglicherweise hörte ich meine biologische Uhr ticken, aber ein Mann mit Manieren, gutem Aussehen und einem vernünftigen Job löste in mir fast das Verlangen aus, ihm an Ort und Stelle einen Heiratsantrag zu machen.

Ich schob die Karte direkt in meine Tasche, damit ich es nicht riskierte, sie zu verlieren, und verabschiedete mich von ihm. Er war noch nicht ganz weg, da war Sarah schon auf seinen Hocker geklettert und winkte nach Tony. »Ich bin pleite«, erklärte sie. »Ist das okay?«

Schon seit Jahren war das ihr Code, um zu fragen, ob ich sie einlud. Ich nickte und sie bedeutete Tony, ihr einen Whiskey einzuschenken, dabei hielt sie ihm drei Finger hin. War es nicht etwas früh für so viel Alkohol?

Tony schaute zu mir, als wäre ich Sarahs Mutter und nicht drei Jahre jünger als meine ehemalige beste Freundin. Ich nickte bloß.

In der Schule waren wir die dicksten Freunde gewesen. Ungefähr bis zur Mitte der Collegezeit war es so geblieben, bis Sarah alles hingeschmissen hatte, um sich selbst zu verwirklichen.

Während ich das Studium beendet hatte, war sie durch die Welt gereist und von einem Mann, Job und Abenteuer zum nächsten geflattert. Wie ein bunter Schmetterling. So zog sie sich übrigens auch an.

Anfangs hatte ich sie bewundert, dann fand ich es idiotisch und mittlerweile machte ich mir Gedanken um ihre Altersvorsorge. Sie war 32 und hatte im Grunde nie etwas Anständiges gelernt. »Ehemalig« war das Motiv ihres Lebens.

Ehemalige beste Freundin, ehemalige Verlobte eines Senators, ehemalige Yogalehrerin, ehemalige Fitnesstrainerin, ehemalige Köchin, ehemalige Schuhverkäuferin – die Liste war schier endlos.

»Wie geht es Louis?«, fragte ich, um das Gespräch in Gang zu bringen. Mir war klar, dass es unfair von mir war, aber nachdem sie mich die letzten Male versetzt hatte, war ich heute umso genervter, weil sie mir das Gespräch mit Bates Porter versaut hatte. Ich würde ihn anrufen, doch es wäre schön gewesen, noch ein wenig mit ihm zu plaudern.

Sarah schnipste schon mit den Fingern, damit Tony ihr nachschenkte.

»Süße«, erklärte er ihr. »Ich bin kein Hund.«

Sie starrte ihn irritiert an, da ihr meistens nicht auffiel, wie rücksichtslos sie war.

»Sorry«, sagte ich an ihrer Stelle und er warf mir ein Nicken zu, das besagte, wie wenig ich für ihr Verhalten zuständig war.

Beckett hatte so recht gehabt. Warum traf ich mich noch mit ihr?

»Louis.« Ihre Unterlippe zitterte und prompt rollten Tränen über ihre Wange. »Louis hat mich verlassen und mein ganzes Geld mitgenommen.«

So schnell konnte ich mich schäbig fühlen. Großartig. Selbst nach all den Jahren konnte sie mir ganz hervorragend ein schlechtes Gewissen machen.

»Das ist ja schrecklich.« Ich rieb über ihren Rücken und ahnte bereits, dass es ein langer Abend werden würde.

Es wurde schlimmer, als ich dachte, und gipfelte damit, dass ich Sarah wohl oder übel auf meiner Couch schlafen lassen musste. Sie war so betrunken – um ein Haar hätte der Taxifahrer sich geweigert, uns mitzunehmen. Ich bestach ihn mit fünfzig Dollar und dem Versprechen, für die eventuelle Reinigung aufzukommen.

Sarah verschlief beinahe die ganze Fahrt, sie wachte nur auf, um zu weinen und unzusammenhängendes Zeug von sich zu geben.

Vor meinem Appartement war der mexikanische Taxifahrer wenigstens so nett, mir zu helfen, sie die Treppe in den dritten Stock hinaufzumanövrieren. Seine Hilfsbereitschaft kostete mich weitere zwanzig Dollar.

Meine Wut wurde von Mitleid überschattet, als Sarah sich in einem wachen Moment an meinen Arm krallte und mich aus weit aufgerissenen Augen anstarrte. Dabei flüsterte sie: »Verlass du mich nicht auch noch.«

»Das habe ich nicht vor. Keine Sorge«, beruhigte ich sie und breitete die Decke, die immer am Fußende des Sofas lag, über ihr aus.

Kapitel 2

Ben

In Dr. Richards’ Büro roch es abgestanden. Ich musterte die Zimmerpflanze mit den hängenden Blättern in der Ecke neben dem Cordsofa und war mir sicher, dass der Geruch von altem Wasser im Blumenkübel stammte.

»Benjamin, hören Sie mir zu?«

Eher widerwillig löste ich meinen Blick von der verblichenen Tapete und zwang mich, den Therapeuten anzusehen. Dabei fixierte ich seine Nasenspitze. Adam hatte gesagt, dass ich das machen sollte, wenn ich Leuten nicht in die Augen sehen konnte. »Ja«, antwortete ich.

Dr. Richards runzelte die Stirn und beugte sich vor. Sein Kugelschreiber verursachte ein schabendes Geräusch auf dem Papier.

Sofort flackerte das Brennen in meinem Magen auf. Was notierte er sich? Ich musste mich zusammenreißen, wenn ich nicht noch mehr Ärger wollte. Adam hatte mir jetzt mehr als einmal erklärt, wie ich den Therapeuten davon überzeugen konnte, meine Lektion gelernt zu haben.

Ich blies meine Wangen auf, bevor ich sagte: »Was ich gemacht habe, war falsch.«

Dr. Richards’ Stirn blieb gerunzelt, doch seine Mundwinkel hoben sich ein wenig. »Das wird Suzanne freuen, zu hören.«

Am liebsten hätte ich mit den Augen gerollt, nur hörte ich Adams Stimme im Hinterkopf. Dr. Richards hatte einfach keine Ahnung. Es war bloß ein Missverständnis gewesen.

Wie sollte dieser Lackaffe auch meine Beziehung zu Suzy beurteilen können? Er kannte sie ja nicht, sonst hätte er sie nicht Suzanne genannt. Ich wusste, dass sie »Suzy« bevorzugte.

Sie hatte es mir nicht gesagt, aber ich wusste es intuitiv. Suzy und ich waren einfach füreinander bestimmt. Wenn ich mich nicht so dumm angestellt und sie aus Versehen erschreckt hätte, würde ich jetzt nicht hier sitzen. Mein Platz war an Suzys Seite.

Ich würde unsere Differenzen beseitigen, sobald ich mich durch die zwangsverordneten Therapiestunden gequält hatte.

Wie immer, wenn ich mich unwohl fühlte, zuckte mein linkes Knie. Ich verschränkte die Füße, damit es nicht auffiel. Dr. Richards schien nicht darauf zu achten. Allerdings wagte ich stark zu bezweifeln, dass er ein guter Arzt war, wenn er auf die Patienten vom Gericht angewiesen war und nicht wusste, wie man Blumen richtig goss. Der Geruch nervte mich von Minute zu Minute mehr.

Außerdem fand ich es anstrengend, ihm nicht einfach zu erklären, dass ein Irrtum vorlag. Sobald die Polizisten nicht mehr vor Suzys Tür standen, würde ich mit ihr reden.

Adam hatte mir eingeschärft, den Therapeuten auf keinen Fall in meinen Plan einzuweihen. So schwer es mir fiel, ich musste vorgeben, Suzy würde mir nichts mehr bedeuten, sonst wäre Adam bestimmt enttäuscht. Abgesehen von dem Ärger mit dem Therapeuten, der meine Ansicht sicherlich brühwarm weitergeben würde.

Die Sofafedern quietschten, als ich das Gewicht verlagerte, weil das Brennen in meinem Bauch schlimmer wurde.

»Benjamin, Sie müssen verstehen, dass Sie sich Suzanne nicht mehr nähern dürfen. Darunter fallen auch E-Mails und Textnachrichten. Miss Waterson ist verlobt und wird in wenigen Monaten heiraten. Ihr Verlobter schätzt es nicht, wenn Sie seine zukünftige Frau belästigen. Ich muss Sie hoffentlich nicht daran erinnern, was beim letzten Mal passiert ist, oder?«

Sofort verspürte ich den Impuls, nach meiner Nase zu tasten. Ich war froh, den Verband nicht mehr tragen zu müssen. »Das war ein Missverständnis.«

Dr. Richards seufzte und machte sich weitere Notizen.

Am liebsten hätte ich ihm das Papier aus der Hand gerissen, um herauszufinden, was er über mich schrieb.

»Es war kein Missverständnis, Benjamin. Kein Irrtum, keine Verwechslung und kein Versehen. Sie haben Suzanne wochenlang nachgestellt und sie ständig belästigt, bis die Situation eskaliert ist. Reicht es Ihnen nicht, dass Sie im wahrsten Sinne des Wortes mit einem blauen Auge davongekommen sind? Miss Waterson hat Ihnen klipp und klar gesagt, was sie von Ihnen hält.«

Mein Knie zuckte stärker. Natürlich hatte sie das getan. Immerhin hatte dieser Lackaffe, der sich für ihren zukünftigen Mann hielt, direkt neben ihr gestanden. Es war offensichtlich gewesen, dass sie Angst vor ihm hatte. Sicherlich hatte er sie eingeschüchtert, damit sie so tat, als würde sie mich nicht ebenso sehr lieben wie ich sie.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich sie wiedersah und wir alles klären konnten. Vorher musste ich nur diesen schwachsinnigen Seelenklempner loswerden.

Da mir sein forschender Blick auf die Nerven ging, starrte ich zu Boden und zupfte an meiner Nagelhaut, obwohl sie am Daumen bereits blutete. Manchmal beruhigte das Gefühl mich. Heute reichte es nur, um das Brennen in meinem Magen abzuschwächen.

»Reden Sie mit mir, Benjamin«, bat er. »Was macht Suzanne in Ihren Augen besonders?«

Mein Mund klappte bereits auf, als ich mich erinnerte, wie Adam mich vor der Frage gewarnt hatte. Oft genug wünschte ich mir, ebenso schlau wie mein Bruder zu sein. Er würde nie in eine solche Situation geraten. Bei ihm gab es keinen Platz für Missverständnisse.

Ich dachte daran, wie attraktiv er war. Ihm hätte Suzy niemals die Tür vor der Nase zugeschlagen. Stattdessen hätte sie darauf vertraut, dass er stark genug war, ihren herrischen Verlobten zu besiegen. Warum konnte ich nicht so sein?

Die Demütigung ließ mich schlucken. Ich spürte Tränen aufsteigen und schüttelte den Kopf. Mit Sicherheit würde ich nicht vor dem Seelenklempner heulen.

Reiß dich zusammen, hörte ich Adam im Geiste sagen.

Ich zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung.« Meine Stimme zitterte und ich hasste es. »Vielleicht …« Genau wie Adam es mir geraten hatte, machte ich eine Pause. »Vielleicht habe ich mich da in etwas verrannt. Ich bin sehr einsam.«

Der Kugelschreiber kratzte auf dem Blatt. Statt aufzusehen, bohrte ich die Fingernägel in die Handflächen. »Ich dachte, sie würde sich über die Blumen freuen.«

»Sie hat sich nicht gefreut. Weder beim ersten noch beim 46. Strauß. Das müssen Sie begreifen, Benjamin, wenn Sie sich ändern wollen. Wollen Sie sich ändern?«

Ich schaute auf und konzentrierte mich auf die große Nase des Therapeuten. »Ja.«

»Für den Moment will ich Ihnen glauben. Aber vor uns liegt viel Arbeit. Sie müssen sich unbedingt von Miss Waterson fernhalten, sonst wartet eine Menge Ärger auf Sie.«

Ich sank zusammen und nickte kraftlos. »Ja.«

Dr. Richards nickte. »Gut. Warum erzählen Sie mir nicht etwas über sich, Benjamin?«

Mit der Hand wischte ich mir durchs Gesicht. »Was denn?«

»Was immer Ihnen in den Sinn kommt.«

Gott. Ich hasste den Doktor jetzt schon.

Ich hatte gehofft, Adam würde wieder weg sein, wenn ich nach Hause kam. Doch er stand in der Küche und lehnte sich an den Küchentresen. Es war offensichtlich, dass er extra auf mich gewartet hatte.

»Hey«, sagte er.

»Hey«, gab ich zurück und zog die Kühlschranktür auf. Mein Magen brachte mich um. Ich hoffte, dass ein kaltes Getränk oder etwas zu essen den Schmerz lindern würde. Ganz hinten fand ich eine Schachtel gebratenen Reis. Nachdem ich einen Blick hineingeworfen und daran gerochen hatte, fragte ich Adam: »Isst du das noch?«

Er brachte jeden Donnerstag Essen vom Chinesen am Ende des Blocks mit und hatte seins beim letzten Mal nicht aufgegessen.

Mein Bruder schüttelte den Kopf. »Wie war es? Fass dich kurz. Ich habe nicht viel Zeit, weil ich gleich noch verabredet bin.«

»Okay.«

Adam legte seine Hand auf meine Schulter und ich fuhr zusammen.

»Nur okay?«, wollte er wissen.

»Der Quacksalber versteht überhaupt nichts. Ständig hat er ›Suzanne‹ zu ihr gesagt.«

Meine Knie wurden weich, als Adam ohne Vorwarnung zudrückte. Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht zu wimmern.

»Aber du hast ihm das erzählt, was ich dir gesagt habe, oder?«

»N-n-natürlich«, stotterte ich in der Hoffnung, er würde mich loslassen.

Er lockerte die Finger ein wenig. »Gut. Noch mehr Ärger können wir nicht gebrauchen.«

»Ich weiß«, rang ich mir ab. Hoffentlich merkte er nicht, wie nass geschwitzt ich war. Wenn ihm auffiel, dass ich später als sonst nach Hause gekommen war, würde er bestimmt wissen wollen, warum – und ich konnte ihm nicht sagen, wo ich gewesen war.

Ich hatte nach der Sitzung einfach bei Suzy vorbeischauen müssen, um sicherzugehen, dass es ihr gut ging. Jetzt, da sie die ganze Zeit mit ihrem Verlobten allein war.

Adam ließ mich los und trat einen Schritt zur Seite, während er auf seine Uhr sah. »Ich muss los. Lass den Kopf nicht hängen, Kumpel. Suzy hat dich nicht verdient.« Mit den Fingerknöcheln klopfte er gegen meine Brust. »Werd endlich etwas selbstbewusster und lern, dir Frauen klarzumachen. Du kennst die Devise.«

Es widerstrebte mir, aber ich wusste, was er hören wollte. Ich atmete durch und rang mir ein Lächeln ab. »Frauen sind wie Taschentücher.«

Seine Miene hellte sich auf. »Genau. Benutzen und wegwerfen, bevor sie es mit dir machen. Du musst dich durchsetzen. Frauen wollen, dass du ihnen sagst, was Sache ist. Willst du dich für immer mit den Resten begnügen?« Er musterte den Pappkarton in meiner Hand.

Nachdem er sich mit zwei Fingern an die Schläfe getippt hatte, als wollte er salutieren, verließ er die Küche.

Eigentlich hatte ich jetzt keinen Hunger mehr auf den Reis. Aber etwas anderes war eh nicht da.

Kapitel 3

Bates

Ich goss mir einen Drink ein und ging mit dem Glas zum Fenster, um die Aussicht zu bewundern. Bisher hatte ich erst drei Nächte in meinem neuen Zuhause geschlafen und konnte mich kaum an der Skyline sattsehen, die sich vor mir erstreckte. Das Apartment war jeden Cent wert gewesen.

Obwohl ich versuchte, es nicht ständig zu tun, zog ich mein Handy aus der Hosentasche und warf einen Blick aufs Display.

Ich war enttäuscht, dass Charlotte sich bisher noch nicht gemeldet hatte, und gleichzeitig kam ich mir wie ein Idiot vor, weil wir uns erst vor ein paar Stunden zum ersten Mal begegnet waren.

Es flatterte in meiner Magengegend, als ich an ihr Lächeln dachte. Mein Date hatte mich versetzt und ich hatte gerade gehen wollen, da hatte ich Charlotte bemerkt — und den Kerl, der sie belästigte.

Um ehrlich zu sein, wusste ich in letzter Zeit selbst nicht, was los mit mir war. Ich fragte mich, ob es ein männliches Äquivalent zu Babyfieber gab. Hörte ich meine imaginäre innere Uhr ticken? Ich spielte permanent mit dem Gedanken, eine Familie zu gründen, und hatte mich auf diversen Dating-Plattformen angemeldet, um die geeignete Frau zu finden.

Als ich Charlotte gesehen hatte, war es um mich geschehen. Ich hatte mich zusammenreißen müssen, sie nicht direkt zu fragen, wie es um ihre Eierstöcke bestellt war. So kannte ich mich wirklich nicht.

Vielleicht sollte ich mich ein paar Wochen in meiner Wohnung einschließen, bis ich mich an die Tatsache gewöhnt hatte, dass ich nun in Rente war und meinen alten Job nicht durch eine neue Besessenheit ersetzen musste. Früher hatte ich nie an Kinder gedacht, doch seit ein paar Monaten erwischte ich mich immer wieder dabei. Das war auch einer der Gründe gewesen, warum ich meine Laufbahn als Bankräuber an den Nagel gehängt hatte. Abgesehen von dem Risiko, eines Tages erwischt zu werden, konnte ich mir gut vorstellen, zu Hause zu bleiben und mich um die Kinder zu kümmern.

Ich fragte mich, wie Charlotte zu der Idee stand, und zog erneut das Handy aus der Hosentasche. Nichts.

Mit einem Seufzen leerte ich meinen Drink. Ich brauchte dringend ein paar Hobbys.

Kapitel 4

Ben

Ich hatte den Helm bereits aufgesetzt, als mein Boss aus dem Laden kam, um eine zu rauchen. Breitbeinig stellte er sich auf den Bürgersteig. Wahrscheinlich glaubte er, der ganze Block würde ihm gehören, nur weil er vor vier Monaten das benachbarte Ladenlokal zusätzlich hatte anmieten müssen, um mit den Aufträgen hinterherzukommen.

»Was ist das denn?« Er verzog das Gesicht und kam näher. Dann beugte er sich über den Roller, steckte seinen Daumen in den Mund und rieb anschließend über den Lack.

Ich war froh, dass mein Magen heute Ruhe gegeben hatte, jetzt flackerte das flaue Gefühl wieder auf.

»Ben, woher kommt der Kratzer?«

»Welcher Kratzer?« Ich zog die Augenbrauen zusammen und ließ meinen Blick schweifen, bis er die Geduld verlor.

»Na, der hier. Du bist doch wohl nicht blind, Junge.«

Ich hasste es, wenn er mich »Junge« nannte. Daniel Sanders war vielleicht zehn Jahre älter als ich und behandelte mich trotzdem wie seinen aufmüpfigen Teenager-Sohn. »Keine Ahnung«, gab ich zurück und zuckte mit den Achseln. »Vielleicht ist jemand dagegengestoßen, als ich Blumen ausgeliefert habe.«

»Parkst du denn immer ordnungsgemäß?«

»Natürlich.« Es kostete mich etwas Mühe, aber ich hielt der Musterung stand.

»Pass trotzdem besser auf.« Er nahm einen weiteren Zug seiner Zigarette und verschränkte die Arme.

»Ja, Boss.« Ich startete den Roller und fädelte mich in den Verkehr ein, nachdem ich extra lange geblinkt und mehrfach über meine Schulter gesehen hatte, weil ich wusste, dass ich beobachtet wurde.

Mein Chef hatte einfach den Arsch auf. Ich wollte sehen, wie er seinen Bauch auf den Roller wuchtete und sich zwischen Lenkrad und die große Transportkiste zwängte, um Blumenbouquets auszuliefern. Für ihn war es garantiert schon unmöglich, das Gleichgewicht zu halten. Vom Manövrieren durch die Rushhour ganz zu schweigen.

Natürlich war der Kratzer nicht entstanden, weil ich einem der wahnsinnigen Taxifahrer ausgewichen war. Gestern Abend war ich bei Suzy gewesen, nachdem ich meinen Termin bei Dr. Richards abgesessen hatte. Nur blöderweise war ihr Verlobter aus dem Haus gekommen, als Suzy mich durch ihr Wohnzimmerfenster gesehen hatte.

Mir war klar gewesen, dass sie ebenso Sehnsucht nach mir hatte wie ich nach ihr. Sonst hätte sie wohl kaum nach draußen gespäht. Ihr Freund musste sie erwischt haben und eifersüchtig geworden sein.

Als er die Haustür aufgerissen hatte, war ich auf den Roller gesprungen und losgefahren. Dabei musste ich die Mülltonnen am Straßenrand übersehen haben.

Der Kratzer war mir im Dunkeln nicht aufgefallen. Bei der Musterung meines Chefs hatte ich direkt gewusst, woher der Schaden kam. Hauptsache, der Mistkerl zog mir eine eventuelle Reparatur nicht vom Lohn ab. Ich schuftete eh schon zu viel für zu wenig.

Aber Adam bestand darauf, dass ich den Job behielt, weil der unscheinbare Roller sich perfekt eignete, um Banken und Juweliergeschäfte auszukundschaften. Das perfekte Alibi nannte er meine Anstellung im Blumenladen immer.

Ich hupte, weil der Wagen vor mir abrupt hielt und ich ausweichen musste. Allerdings wagte ich stark zu bezweifeln, dass der Fahrer des Mercedes von dem Trötengeräusch des Rollers groß beeindruckt war.

Knapp zehn Minuten später hielt ich vor M Models und holte das Rosenbouquet aus der Transportkiste. Mit dem Aufzug fuhr ich in den zweiundzwanzigsten Stock.

Ich wischte mir mit dem T-Shirt-Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht und fuhr mir anschließend durch die Haare, obwohl ich ahnte, wie platt gedrückt sie durch den Helm waren.

Alles war hell und die Glasfront ließ das Sonnenlicht herein. Ich wartete eine Weile vor dem leeren Empfangstresen, da ich es nicht unbedingt eilig hatte.

Dann und wann hasteten Angestellte vorbei, doch niemand hatte einen Blick für mich übrig. Ich war es gewohnt. Besonders neben üppigen Rosensträußen wurde ich noch weniger als üblich beachtet.

Rechts von mir schlug eine Tür zu und eine große Blondine stöckelte durch den Flur. Auf dem Arm trug sie einen Säugling, über ihre Schulter hatte sie gleich drei Taschen gehängt. Sie sah mich an. »Ich bin sofort bei Ihnen.«

Zu mehr als einem Nicken war ich nicht fähig. Sie war so hübsch, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Adam hätte gelächelt und etwas wie »Kein Problem« gesagt. Meine Lippen hingegen waren wie versiegelt.

Stattdessen spürte ich den Schweiß auf meinem Rücken überdeutlich und wie das Blut in meine Wangen stieg.

Das Baby begann zu weinen, woraufhin die Blondine das Gesicht verzog. Hinter ihr kam eine andere Frau aus dem gleichen Raum.

»Brauchst du Hilfe?«, wollte sie von der Blondine wissen.

»Ich wurde dazu verdammt, das Baby vom Boss zu hüten. Könntest du kurz die Blumen annehmen, damit ich mich sortieren kann?«

Die andere Frau wandte den Kopf in meine Richtung. »Klar, kein Problem.«

Mein Herz schlug schneller und meine Kehle wurde eng, als sie auf mich zukam. Sie war unglaublich attraktiv. Ihr zaghaftes Lächeln enthüllte perlweiße Zähne.

Jede Verwechslung war ausgeschlossen, sie lächelte eindeutig mich an. Der Puls dröhnte in meinen Ohren, meine Knie wurden weich und zum ersten Mal seit Tagen merkte ich nichts mehr von meinem Magen.

»Hallo«, sagte sie und strich ihr Haar hinter das Ohr.

Unwillkürlich lehnte ich mich ihr entgegen und schnupperte. Ihr Shampoo roch nach Mandeln.

Sie runzelte kurz die Stirn, stellte ihre Kaffeetasse auf die Theke, bevor sie unterschrieb und die Hand nach dem Strauß ausstreckte. Unsere Finger berührten sich flüchtig, als ich ihr das Bouquet reichte.

Ich war mir sicher, dass sie auch spürte, wie die Erde stehen blieb. Meine Haut kribbelte. Zu gern hätte ich etwas gesagt, aber meine Zunge wollte nicht gehorchen. Außerdem wollte ich den magischen Moment nicht ruinieren.

Wie lang ihre Wimpern waren.

Überhaupt war sie unglaublich schön. Sie trug ein elegantes dunkelblaues Kleid, das ihren guten Geschmack verriet. Einen Teil der braunen Haare hatte sie am Hinterkopf zusammengesteckt, die restlichen Strähnen kringelten sich um ihr Gesicht.

Ich verlor mich in ihren seeblauen Augen und fragte mich, ob ihre Lippen nach Erdbeere schmecken würden, denn so sahen sie aus.

»Ich weiß nicht, ob wir noch eine Vase haben.« Sie verzog das Gesicht und wollte den Strauß bereits auf den Tresen legen.

»Kein Problem. Ich warte eben.«

»Unsinn.« Sie schüttelte den Kopf und wieder konnte ich den Duft ihres Shampoos erahnen. »Ich lege den Strauß hier hin.«

»Das ist schlecht für die Blumen.« Ich stieß den Satz so schnell aus, dass ich mich verhaspelte.

»In Ordnung. Ich beeile mich.«

Ich starrte ihr hinterher, als sie sich umdrehte und in der Tür verschwand, durch die sie zuvor gekommen war. Mein Puls jagte, weil ich erkannte, wie günstig die Gelegenheit war.

Obwohl ich ein schlechtes Gewissen hatte, nahm ich ihren Kaffeebecher, leerte ihn in den Kübel mit der künstlichen Palme neben dem Eingang und steckte ihn vorsichtig in meine Tasche.

Keinesfalls wollte ich den roten Lippenstiftabdruck am Rand beschädigen.

Ich bildete mir ein, die verräterischen Schweißperlen auf meiner Stirn zu spüren, und betete, dass ich nicht zitterte. Sie kam zurück, eine hässliche Kristallvase in der Hand.

»Das ist die Einzige, die ich finden konnte«, erklärte sie.

Es war unglaublich. Zwischen uns stimmte einfach alles. Sicherlich fand sie das Kristallglas ebenso unansehnlich wie ich und wollte sich damit rechtfertigen, damit ich nicht dachte, ihr Geschmack wäre scheußlich.

Nachdem sie die Vase auf dem Tresen platziert hatte, stellte ich die Blumen herein.

»Charlotte? Telefon.« Ein dicker Mann mit Halbglatze erschien im Flur.

Sie drehte sich um. »Ich komme.«

Ich wollte noch etwas sagen, doch sie ging davon und ließ mich stehen. Verständlicherweise, denn immerhin wurde sie am Telefon verlangt. Ein paar Minuten verharrte ich noch im Eingangsbereich, bis mir klar wurde, dass sie nicht wiederkommen würde. Leider fiel mir kein guter Grund ein, um nach ihr zu fragen.

Charlotte. Als ich zum Aufzug ging, probierte ich den Namen aus. Charlotte würde auch mit meinem Nachnamen gut klingen. Charlotte Levitt.

Wenn sie meinen Namen nicht mochte, hätte ich keine Probleme damit, ihren anzunehmen. Dafür würden wir sicherlich eine Lösung finden.

Kapitel 5

Charlotte

Mein Finger schwebte über dem Handy-Display, während ich auf den Kalender schielte, der aufgeschlagen auf meinem Schreibtisch lag. Ich spielte schon seit einer Weile mit dem Gedanken, Bates eine Nachricht zu schreiben. Mit dem Vorwand, mich für die Rettung zu bedanken, hatte ich wenigstens einen Grund, ihn zu kontaktieren.

Allerdings war der Blick in den Kalender schlicht ernüchternd. Die nächsten zwei Wochen waren komplett verplant und in meiner Wohnung wartete Sarah, die ihren Herzschmerz pflegte und damit die wenige Freizeit verschlang, die ich hatte.

Ich wollte sie aber auch nicht rausschmeißen, weil sie außer mich ja niemanden hatte. Es war zum Verrücktwerden.

Wenn ich Bates jetzt schrieb und er mich um ein Date bat, würde ich ihn auf den Anfang des nächsten Monats vertrösten müssen. Wäre das nicht sehr unhöflich?

Zumal er so attraktiv war, dass die Frauen sich vermutlich um ihn prügelten. Da würde er sicher nicht zwei Wochen auf eine erste Verabredung mit mir warten, oder?

Ich legte das Handy weg und blätterte durch die Seiten meines Kalenders. Vielleicht konnte ich ihn in meine Mittagspause quetschen. Ich fand ihn so faszinierend und wollte ihn gern wiedersehen.

Das Baby des Bosses begann irgendwo in der Agentur zu schreien, und ich zuckte zusammen. Das Kind war wirklich mit einem außergewöhnlichen Organ gesegnet. Zwar wollte ich selbst gern Kinder, aber ich verstand nicht, warum der Boss nicht ein paar Tage in der Woche zu Hause blieb und sich dort um seinen Sohn kümmerte, statt ihn hier am Empfang bei Elaine abzuladen. Zumal die Agentur auch ganz gut ohne ihn lief.

Bevor ich den Gedanken weiterführen konnte, klingelte das Telefon auf meinem Schreibtisch. Ich erkannte Becketts Nummer und hob ab. »Ja?«

»Ähm, wo zum Teufel bist du?«

»Wo soll ich sein?«

»Es ist kurz vor zwölf, auch bekannt als kurz vor dem Mittagessen mit Kline, Kline und Söhne.«

»Shit! Das ist heute?« Wie von der Tarantel gestochen, fuhr ich aus meinem Stuhl hoch und tastete bereits nach meinem Mantel.

»Ja, es wurde vorverlegt. Ich habe dir ein Post-it auf den Schreibtisch geklebt«, verkündete Beckett mit beleidigter Stimme.

Ich beäugte den Haufen bunter Zettel und seufzte innerlich. Beckett klebte mir jeden Tag sicherlich ein Dutzend Post-its auf die Tischplatte und der Großteil davon bestand aus Smileys und Tratsch.

»Ich bin in zwanzig Minuten da.«

»Wenn du so viel zu spät kommst, kannst du im Taxi direkt deine Bluse aufknöpfen und mit einer Schere deinen Rock kürzen, damit der alte Kline mit Geifern beschäftigt ist, statt darüber nachzudenken, wie sehr er Unpünktlichkeit hasst.«

»Ich schwöre, dass ich schon auf dem Weg bin.« Die letzte Silbe hatte meinen Mund kaum verlassen, da warf ich den Hörer auf das Telefon und hastete bereits aus dem Büro.

Kapitel 6

Ben

Ich fuhr mit dem Finger unter den Hemdkragen und zog daran. Genau aus dem Grund trug ich nicht gern Hemden. Der Druck am Hals schien mir unerträglich.

Aber Adam hatte darauf bestanden. Wenn wir ausgingen, sollte ich mich von meiner besten Seite zeigen. Nicht, dass auch nur eine Frau auf mich geachtet hätte, wenn ich neben ihm stand. Genauso gut hätte ich in Schwimmshorts gehen können. Es wäre niemandem aufgefallen.

Selbst Granny benahm sich wie ein junges Mädchen, wenn Adam mich bei meinem Besuch bei ihr begleitete. Sobald ich versuchte, seine Gesten zu imitieren, sorgte es höchstens für Irritation. Offensichtlich funktionierte Charme nur, wenn man attraktiv war. Unsere eigene Großmutter war keine Ausnahme.

Adam nahm zur Begrüßung immer ihre Hand, küsste sie und täuschte einen schrecklichen britischen Akzent vor, während er Gran »Mylady« nannte. Bei ihm hatte sie mit einem Kichern reagiert, als ich es bei meinem nächsten Besuch allein nachgemacht hatte, runzelte sie nur die Stirn.

Die Eiswürfel klirrten in Adams Glas. Er ließ es kreisen und begutachtete die anwesenden Damen. Ohne mich anzusehen, sagte er: »Hör auf damit. Du wirkst nervös.«

»Ich bin nervös.«

»Warum?« Mein Bruder drehte sich zu mir.

Ich hasste es, im vollen Zentrum seiner Aufmerksamkeit zu sein. Es war so schwer, dem stechenden Blick zu entgehen. Außerdem durchschaute er mich viel zu schnell. Bisher hatte ich ihm noch nichts von Charlotte erzählt, weil ich bereits ahnte, wie er reagieren würde.

Nicht gut.

Seine Ungeduld wurde greifbar, weshalb ich mir ein Achselzucken abrang. »Keine Ahnung.«

»Weißt du, was du brauchst? Ein wenig Ablenkung. Die letzten Wochen waren bestimmt stressig für dich.«

Ich versuchte, zu lächeln, damit Adam mich nicht für undankbar hielt.

Spielerisch boxte er gegen meine Schulter. »Kumpel, ein paar Drinks, eine hübsche Frau – na, wie klingt das?«

»Gut.« Mit Mühe presste ich das Wort hervor, denn es war das, was Adam hören wollte. Dabei wussten wir beide, wie chancenlos ich bei den Frauen war.