Nebelsturm - Johan Theorin - E-Book

Nebelsturm E-Book

Johan Theorin

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Beschreibung

Ein kalter, finsterer Oktober auf Öland. Niemand sollte sich jetzt draußen aufhalten. Nebel und Schneestürme kündigen sich an. Joakim hat die Abergläubischen der Insel nicht um Rat gefragt und ist mit seiner Familie auf dem prachtvollen Hof Åludden eingezogen. Aus dem Holz eines Schiffswracks ist das Anwesen errichtet worden. Man sagt, die Leuchtturmbauer haben die Schreie der ertrinkenden Seeleute damals nie vergessen können. Auf den Balken der Scheune sind noch immer die Namen der Toten eingeritzt, und all seinen Bewohnern hat dieser Ort nur Unglück gebracht. Und dann findet man die Leiche von Joakims Frau Katrine: Sie ist tot, ertrunken. Die junge Polizistin Davidsson nimmt sich des Falles an. Was ist mit Åludden? Und welche Rolle spielt Joakims Schwester, zu der die Familie längst den Kontakt abgebrochen hat?

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www.piper.de

ISBN 978-3-492-95085-5 Februar 2016

© Johan Theorin, 2008

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2009

Published by arrangement with Bonnier Group Agency, Stockholm.

Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »Nattfåk«

bei Wahlström & Widstrand, Stockholm.

Die Übersetzung wurde vom Swedish Arts Council Stockholm gefördert

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck  

»Jeden Winter versammeln sich die Toten, um Weihnachten zu feiern. Einmal jedoch geschah es, dass sie von einem unverheirateten Weib gestört wurden. Ihre Uhr war stehen geblieben, daher stand sie zu früh auf und machte sich mitten in der Weihnacht auf den Weg zur Kirche. Aus der Kapelle drang Stimmengewirr, als würde ein Gottesdienst abgehalten werden, und der Kirchenraum war voller Menschen. Da entdeckte das alte Weib in der Menge ihren Verlobten aus jungen Tagen. Er war vor vielen Jahren ertrunken, aber dort saß er zusammen mit anderen auf der Kirchbank.«

Schwedische Volkssage aus dem 19. Jahrhundert

NebelsturmFåk, wie es im schwedischen Original heißt, ist ein meteorologisches Phänomen, das in seiner besonderen Erscheinung nur auf Öland vorkommt. Es ist ein kräftiger Sturm aus Nordost, der in Begleitung von Eis, Schnee und Nebel über die Landschaft fegt und alles mit sich reißt, das sich ihm in den Weg stellt. Es gilt als lebensgefährlich, sich bei Fåk aus dem Haus zu wagen.

WINTER 1846

Mein Buch, liebe Katrine, beginnt in jenem Jahr, in dem Hof Åludden erbaut wurde. Für mich ist dieser Hof immer mehr gewesen als nur das Haus, in dem ich mit meiner Mutter gelebt habe. Es war der Ort, an dem ich erwachsen wurde.

Der Aalfischer Ragnar Davidsson erzählte mir damals, dass die Gebäude zu großen Teilen aus der Ladung eines Schiffswracks, eines deutschen Holztransporters, errichtet wurden. Ich glaube ihm das. Auf einem Dachbalken an der Stirnseite der Scheune sind die Worte IN GEDENKEN AN CHRISTIAN LUDWIG eingeritzt.

Ich habe die Toten in den Wänden flüstern hören. Sie haben so viel zu erzählen.

Valter Brommesson sitzt in einem kleinen Steinhaus auf Åludden und betet mit gefalteten Händen. Er betet, dass der Wind und die Wellen, die in dieser Nacht über die Küste fegen, seine Leuchttürme nicht zerstören mögen.

Er kennt sich mit schlechtem Wetter aus, aber so einen Sturm hat er noch nie erlebt. Eine weiße Wand aus Schnee und Eis treibt aus Nordost heran, und alle Bauarbeiten mussten eingestellt werden.

Die Türme, Herr, lass sie uns bitte fertigstellen … 

Brommesson ist Leuchtturmbauer, aber für ihn ist es das erste Mal, dass er einen Linsenleuchtturm an der Ostsee errichtet. Er war im März auf Öland angekommen und hatte sich sofort an die Arbeit gemacht: eine Mannschaft zusammengestellt, Ton und Kalkstein bestellt und starke Zugpferde angemietet.

Den frischen Frühling, den warmen Sommer und den sonnigen Herbst an der Küste hatte er genossen. Die Arbeit ging zügig voran, und die beiden Leuchttürme wuchsen in den Himmel.

Doch dann verschwand die Sonne, es wurde Winter, und mit den sinkenden Temperaturen begannen die Leute von dem großen Sturm zu sprechen. Und dann kam er, der Nebelsturm. Eines späten Abends warf er sich wie ein Raubtier über die Küste.

Erst in den Morgenstunden flaut der Wind endlich ab.

Da sind plötzlich Schreie vom Meer her zu hören. Sie kommen aus der Dunkelheit vor Åludden – endlose, markerschütternde Schreie in einer fremden Sprache.

Die Schreie schrecken Brommesson aus dem Schlaf. Sofort weckt er die erschöpften Bauarbeiter.

»Da ist ein Schiff gestrandet«, ruft er ihnen zu. »Wir müssen runter ans Wasser.«

Die Männer sind schlaftrunken und unwillig, aber er treibt sie an, hinaus in den Schnee.

Mit gebeugten Rücken stemmen sie sich gegen den eiskalten Wind und stapfen hinunter an den Strand. Mit einem Blick zur Seite sieht Brommesson, dass die beiden halb fertigen Steintürme unbeschädigt am Wasser stehen.

In die andere Richtung, nach Westen, ist nichts zu erkennen. Die flache Landschaft der Insel ist zu einer hügeligen Schneewüste geworden.

Die Arbeiter stehen am Strand und starren auf das Meer.

Aber sie können in den dunklen Schatten auf Höhe der Sandbank nichts erkennen. In das Brausen der Wellen mischen sich noch immer schwächer werdende Schreie – und das knirschende Geräusch herausspringender Nägel und zerberstender Planken.

Ein großes Schiff scheint auf der Sandbank auf Grund gelaufen zu sein und zu sinken.

Die Arbeiter können nur dastehen und den Geräuschen und Hilferufen lauschen. Dreimal versuchen sie, eines ihrer Boote zu Wasser zu lassen, es gelingt ihnen jedoch nicht. Die Sicht ist zu schlecht und die Brandung zu hoch, zudem treiben zahllose massive Holzbretter im Wasser.

Das gestrandete Schiff muss eine enorm große Ladung Holz an Deck gehabt haben. Als es zu sinken begann, haben die Wellen die Bretter losgerissen und ins Meer gespült. Sie sind so lang wie Stoßbalken und treiben wie riesige Flöße an Land. In den Buchten an der Landzunge von Åludden drängen sich die Bretter, stoßen und reiben aneinander.

Bei Sonnenaufgang, der sich hinter einer grauen Wolkendecke versteckt, entdecken sie die erste Leiche. Nur etwa zehn Meter vom Ufer entfernt treibt ein junger Mann in den Wellen. Seine Arme sind weit ausgestreckt, so als habe er in einem letzten verzweifelten Versuch nach einem der Balken gegriffen.

Zwei der Arbeiter staken hinaus ins seichte Wasser, packen seine grobe Wolljacke und ziehen den leblosen Körper über den sandigen Untergrund an Land.

Sie wollen ihn an den Handgelenken fassen, aber der Tote ist groß und breitschultrig und schwer zu tragen. Gemeinsam zerren sie ihn an den schneebedeckten Strand.

Die Bauarbeiter versammeln sich schweigend um den Toten, ohne ihn zu berühren.

Schließlich überwindet sich Brommesson und dreht den Leichnam auf den Rücken.

Der Ertrunkene ist ein Seemann mit dichtem schwarzen Haar. Seine vollen Lippen sind leicht geöffnet, als hätte er mitten in einem Atemzug aufgegeben. Seine Augen blicken starr in den grauen Himmel.

Der Leuchtturmbauer schätzt das Alter des Seemannes auf etwa zwanzig. Hoffentlich war er Junggeselle, aber möglicherweise auch schon Familienvater. Er ist mit seinem Schiff vor einer fremden Insel gesunken, deren Namen er wahrscheinlich nicht einmal gekannt hat.

»Wir müssen nachher den Pfarrer rufen«, sagte Brommesson und schließt die Augen des Toten, um seinem leeren Blick zu entkommen.

Drei Stunden später sind fünfweitere Seemänner ans Ufer von Åludden gespült worden. Auch ein zerbrochenes Namensschild des Schiffes treibt an Land: CHRISTIAN LUDWIG – HAMBURG.

Und Holzbretter, massenhaft Holz.

Schiffstrümmer sind wie ein Geschenk. Sie gehören nun der schwedischen Krone, die auch für den Unterhalt der Leuchttürme auf Åludden zuständig ist. Die Leuchtturmbauer sind unerwartet an schön gewachsenes Kiefernholz im Wert von vielen Hundert Reichstalern gekommen.

»Alle müssen mithelfen, wenn wir die Trümmer bergen«, befiehlt Brommesson. »Wir stapeln das Holz weiter oben an Land, sodass die Wellen es nicht erreichen können.«

Sein Blick wandert zu dem schneebedeckten Hang. Der Holzmangel auf der Insel ist groß, deshalb sollten sie für die Leuchtturmwärter und deren Familien einen kleinen Hof aus Stein errichten. Doch jetzt würden sie ein viel größeres Haus aus dem angeschwemmten Holz bauen können.

Vor seinem inneren Auge entwirft Brommesson bereits einen mächtigen geschlossenen Hof mit einem großen Wohngebäude voll von Zimmern und Sälen. Ein sicheres Heim für die Wärter seiner Leuchttürme hier am Ende der Welt.

Aber der Hof wird aus Schiffstrümmern gebaut sein, das kann großes Unheil bedeuten. Eigentlich müssten sie ein Bauopfer darbringen, um dem entgegenzuwirken. Vielleicht sollten sie sogar einen eigenen Andachtsraum bauen, einen Ort des Gedenkens an die Toten vor Åludden, an die armen Seelen, die nicht in geweihter Erde begraben werden konnten.

Die Option auf ein größeres Haus arbeitet in Brommesson weiter. Und am Ende desselben Tages schreitet er das Grundstück ab und vermisst es mit großen Schritten.

Nachdem der Sturm verebbt ist, beginnen die durchgefrorenen Leuchtturmbauer damit, die Holzbretter aus dem Wasser zu bergen und an Land zu stapeln. Viele von ihnen meinen, die Schreie der ertrinkenden Seeleute als Echo hören zu können.

Ich bin mir sicher, dass die Leuchtturmbauer diese Schreie nie vergessen haben. Und ich bin auch davon überzeugt, dass die Abergläubischen im Ort Brommessons Entschluss, aus den Trümmern eines Wracks Wohngebäude zu errichten, infrage gestellt haben.

Ein Hof, der aus Schiffstrümmern erbaut wurde, an die sich verzweifelte Seeleute geklammert haben, ehe sie vom Meer verschlungen wurden – hätten meine Mutter und ich es nicht besser wissen müssen, als wir Ende der Fünfzigerjahre dorthin zogen? Musstest du wirklich unbedingt fünfunddreißig Jahre später mit deiner Familie an denselben Ort ziehen, Katrine?

Mirja Rambe

VERÄNDERN SIE IHR LEBEN – ZIEHEN SIE AUFS LAND

Objekt: Hof Åludden, im Nordosten von Öland

Beschreibung des Objekts: Prachtvoller Hof des Leuchtturmwärters, Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut, in einsamer und ruhiger Lage mit wunderbarer Aussicht auf die Ostsee. Weniger als dreihundert Meter bis zum Strand, und nur der Himmel ist der nächste Nachbar.

Großes angrenzendes Gartengrundstück oberhalb des Strandes mit glatter Rasenfläche – perfekt für spielende Kinder. Umgeben von einem ausgedehnten Mischwald im Norden, einem Vogelschutzgebiet im Westen (Opfermoor) sowie Strandwiesen und Ackerland im Süden.

Gebäude: Schönes, zweistöckiges Hauptgebäude (kein Keller) mit insgesamt 280 m² Wohnfläche, renovierungs- und modernisierungsbedürftig. Die tragenden Teile, das Dach und die Fassade sind aus Holz, auf dem Dach liegen Ziegel. Nach Osten zeigt eine verglaste Veranda mit Tür zum Innenhof. Das Haus verfügt über fünf intakte Kachelöfen, in allen Räumen sind Kieferndielen verlegt. Wasser liefert das kommunale Wasserwerk, die Abwasserentsorgung trägt der Hausbesitzer.

Das einstöckige Flügelgebäude (Waschhaus aus Kalkstein) misst 80 m², verfügt über fließendes Wasser und Strom und eignet sich – nach geringfügiger Renovierung – hervorragend geeignet zur Untervermietung.

Das schlichte Wirtschaftsgebäude (Scheune aus Kalkstein und Holz) umfasst 450 m² und befindet sich in einem schlechten Zustand.

Status: VERKAUFT.

OKTOBER

1

Eine helle Stimme erklang in der Dunkelheit. Sie drang durch alle Räume.

»Ma-ma?«

Er zuckte zusammen. Der Schlaf war eine Höhle mit seltsamen Stimmen und Echos gewesen, warm und dunkel, und es war schmerzhaft, ihm so plötzlich entrissen zu werden. Das Bewusstsein hatte im ersten Augenblick keine Worte für das Sein, kannte keinen Ort; es bestand nur aus verwirrten Erinnerungen und Gedanken. Ethel? Nein, nicht Ethel, aber … Katrine, Katrine. Seine Augen blinzelten nervös und suchten nach Licht im Dunkel der Nacht.

Wenige Sekunden später wusste er wieder, wer und wo er war: Er hieß Joakim Westin. Und er lag in einem Doppelbett auf Hof Åludden im Norden von Öland.

Und er war zu Hause. Seit gut einem Tag wohnte er hier. Seine Frau Katrine und ihre beiden Kinder hatten bereits die vergangenen zwei Monate auf dem Hof verbracht und er hatte sie am Wochenende besucht. Aber vorgestern war er mit den letzten Umzugswagen eingetroffen, um für immer zu bleiben.

01:23. Die roten Ziffern des Radioweckers waren die einzige Lichtquelle in dem fensterlosen Raum.

Das Geräusch, von dem Joakim geweckt worden war, war nicht mehr zu hören, aber er wusste, dass er sich nicht getäuscht hatte. Er hatte ein gedämpftes Weinen aus einem anderen Teil des Hauses gehört, von jemandem, der unruhig schlief.

Ein regungsloser Körper lag neben ihm im Doppelbett. Katrine schlief tief und fest, sie war an den Rand des Bettes gewandert und hatte ihre Decke mitgezogen. Sie lag mit dem Rücken zu ihm, aber er konnte schemenhaft die weichen Konturen ihres Körpers wahrnehmen und spürte ihre Wärme. Sie hatte die vergangenen Monate allein in diesem Zimmer geschlafen, Joakim hatte in Stockholm bleiben und arbeiten müssen und war nur jedes zweite Wochenende nach Öland gekommen. Das hatte ihnen beiden nicht besonders gut gefallen.

Er streckte seine Hand nach Katrines Rücken aus, doch da hörte er die Stimme erneut.

»Mam-maaa?«

Jetzt erkannte er Livias helle Stimme. Er zog die Bettdecke beiseite und stand auf.

Der Kachelofen in der Ecke des Zimmers strahlte auch jetzt noch eine behagliche Wärme ab, aber der Holzfußboden war eiskalt. Sie müssten auch hier den Boden neu verlegen und isolieren, so wie sie es bereits in der Küche und in den Kinderzimmern getan hatten. Aber dieses Projekt würde bis nach Neujahr warten müssen. Bis dahin würden sie sich einfach ein paar Teppiche besorgen. Und Holz. Sie benötigten günstiges Holz für die vielen Kamine, denn auf ihrem Anwesen gab es keinen Wald, in dem sie welches hätten schlagen können.

Katrine und er würden noch einiges für das Haus besorgen müssen, ehe die richtige Kälte hereinbrach – morgen mussten sie als Erstes eine Liste anfertigen.

Joakim hielt den Atem an und lauschte. Kein Laut war mehr zu hören.

Der Morgenmantel hing über einem Stuhl, er zog ihn sich langsam über den Schlafanzug, stieg über zwei Umzugskartons und ging hinaus in den Gang.

Beinahe wäre er in die falsche Richtung gelaufen. In ihrem alten Haus in Stockholm war es rechts zu den Kinderzimmern gegangen, hier musste er nach links.

Das Elternschlafzimmer war in einer der kleineren Kammern in dem großen Labyrinthsystem des Hofes untergebracht. Der Gang, wo sich mehrere Umzugskartons an der Wand entlang stapelten, führte in eine große Diele mit vielen Fenstern. Sie gingen auf den kopfsteingepflasterten Innenhof, der von zwei Seitenflügeln flankiert wurde.

Hof Åludden öffnete sich zum Meer und nicht zum Landes inneren. Joakim stellte sich an ein Fenster und betrachtete die Küstenlinie hinter dem Zaun.

Ein rotes Licht blinkte unten am Wasser. Es gehörte zu den beiden Leuchttürmen, die auf kleinen, aufgeschütteten Inseln im Wasser standen. Das Licht des südlichen Leuchtturms strahlte über Tanghaufen am Strand bis weit hinaus in die Ostsee, der nördliche Leuchtturm hingegen war dunkel. Katrine hatte ihm erzählt, dass er nie leuchtete.

Er hörte den Wind um das Haus sausen und sah, wie sich unruhige Schatten am Fuß der Leuchttürme bewegten. Wellen. Er musste sofort an Ethel denken, obgleich die Kälte sie umgebracht hatte und nicht die Wellen.

Das war erst zehn Monate her.

Zaghafte Laute hatten sich im Dunkeln wieder gemeldet, aber jetzt waren sie nicht mehr wimmernd. Es klang vielmehr, als würde Livia leise Selbstgespräche führen.

Joakim ging den Gang zurück und betrat leise Livias Zimmer, das nur ein Fenster besaß und in dem es pechschwarz war. Eine grüne Jalousie mit fünf rosa Schweinchen, die im Kreis tanzten, hing vor dem Fenster.

»Weg …«, sagte eine helle Mädchenstimme in der Dunkelheit. »Weg.«

Joakim stieß mit dem Fuß gegen ein weiches Stofftier und hob es auf.

»Mama?«

»Nein«, antwortete er. »Es ist der Papa.«

Er hörte die leisen Atemzüge in der Dunkelheit und erahnte schemenhaft die schläfrigen Bewegungen des kleinen Körpers unter der geblümten Decke. Er beugte sich über das Bett.

»Schläfst du?«

»Was?«

Livia hob den Kopf.

Joakim legte das Stofftier auf ihr Kopfkissen.

»Foreman ist auf den Boden gefallen.«

»Hat er sich wehgetan?«

»Nein … ich glaube, er ist noch nicht einmal aufgewacht.«

Sie legte ihren Arm um ihren kleinen Liebling, ein zweibeiniges Stofftier mit Schafskopf, das sie letzten Sommer zusammen auf Gotland gekauft hatten. Die eine Hälfte war ein Schaf, die andere menschenähnlich. Joakim hatte diese merkwürdige Figur Foreman getauft, nach dem Boxer, der vor einigen Jahren im Alter von fünfundvierzig sein Comeback gefeiert hatte.

Er streichelte Livia zaghaft über die Stirn. Ihre Haut war kühl. Sie entspannte sich und kuschelte sich ins Kissen, um einen Augenblick später zu ihm hochzuschauen.

»Bist du schon lange hier, Papa?«

»Nein«, erwiderte Joakim.

»Es war jemand da«, sagte sie.

»Das hast du geträumt.«

Livia nickte und schloss die Augen. Sie befand sich bereits wieder auf dem Weg in den Schlaf.

Joakim richtete sich auf, wandte den Kopf und sah den schwachen Lichtschein des Leuchtturms durch die Jalousie dringen. Vorsichtig hob er die eine Ecke der Jalousie wenige Zentimeter hoch. Das Fenster zeigte nach Westen, und von hier konnte man den Leuchtturm gar nicht sehen. Aber sein rotes Licht schien über die leeren Felder hinter dem Hof.

Livias Atemzüge waren wieder gleichmäßig, sie schlief tief und fest. Morgen früh würde sie sich gar nicht erinnern können, dass er in ihrem Zimmer gewesen war.

Er warf noch einen Blick in das andere Kinderzimmer. Dieses war zuletzt renoviert worden, Katrine hatte es tapeziert und möbliert, während Joakim sich in Stockholm um die Endreinigung des alten Hauses und die Umzugsformalitäten gekümmert hatte.

Dort war es ganz still. Gabriel, zweieinhalb Jahre alt, lag wie ein regungsloses Bündel in seinem kleinen Gitterbett. Seit einem Jahr legte er sich jeden Abend um acht Uhr ins Bett und schlief fast zehn Stunden am Stück. Der Traum aller Kleinkind eltern.

Joakim drehte sich um und lief den Gang hinunter. Das Haus knackte und knarrte, es klang fast wie Schritte.

Katrine schlief ebenfalls tief und fest, als er zurück ins Bett kletterte.

Am Vormittag desselben Tages hatte die Familie Besuch von einem freundlich lächelnden Mann um die fünfzig bekommen. Er hatte an der Küchentür an der nördlichen Stirnseite geklopft, und Joakim hatte in Erwartung eines Nachbarn gleich geöffnet.

»Hallo, ich bin Bengt Nyberg von der Ölands-Posten«, stellte er sich vor.

Nyberg stand auf der Treppe, vor seinem dicken Bauch baumelte eine Kamera, und er hielt seinen Notizblock gezückt. Etwas zögerlich schüttelte Joakim dem Journalisten die Hand.

»Ich habe von großen Möbeltransporten gehört, die in den letzten Wochen nach Åludden gefahren sind«, begann Nyberg, »deshalb hatte ich gehofft, Sie zu Hause anzutreffen.«

»Ich bin gerade eingezogen, der Rest der Familie lebt hier schon eine Weile«, antwortete Joakim.

»Sind Sie in Etappen hierhergezogen?«

»Ich bin Lehrer«, erklärte Joakim. »Ich war gezwungen, noch zu arbeiten.«

Der Reporter nickte.

»Darüber müssen wir natürlich berichten«, sagte er, »das verstehen Sie sicher. Im Frühling hatten wir eine kurze Notiz veröffentlicht, dass Åludden verkauft worden ist, und jetzt wollen die Leute selbstredend wissen, wer die Käufer sind …«

»Wir sind eine ganz normale Familie«, unterbrach ihn Joakim. »Schreiben Sie das.«

»Wo kommen Sie denn her?«

»Aus Stockholm.«

»Ah, wie die königliche Familie«, sagte Nyberg. Er sah Joakim fest in die Augen. »Werden Sie dann auch wie die Königin nur im Sommer hier wohnen, wenn es warm und sonnig ist?«

»Nein, wir bleiben das ganze Jahr über hier.«

Katrine war dazugekommen und hatte sich neben ihren Mann gestellt. Joakim warf ihr einen kurzen Blick zu, sie nickte, und daraufhin baten sie den Reporter ins Haus. Nyberg schritt bedächtig über die Türschwelle.

Sie entschieden, sich in die neu eingerichtete Küche zu setzen, deren Fußboden fertig geschliffen worden war.

Als der Boden im August gemacht wurde, hatten Katrine und der öländische Bodenleger etwas Interessantes entdeckt: ein kleines Versteck unter den Dielenbrettern, in dem ein Kästchen aus Kalkstein lag. Darin befanden sich ein silberner Löffel und ein vermoderter Kinderschuh. Ein Bauopfer, hatte ihr der Handwerker erklärt. Das Opfer sollte dafür sorgen, dass die Bewohner des Hofes mit reichem Kindersegen beschert wurden und niemals Hunger leiden mussten.

Joakim kochte Kaffee, während es sich Nyberg am langen Eichentisch gemütlich machte. Dann klappte er sein Notizheft auf.

»Wie fing das denn alles an?«

»Na ja, … wir mögen Holzhäuser«, begann Joakim zögerlich.

»Wir lieben sie«, ergänzte Katrine.

»Aber es muss doch ein gewaltiger Schritt gewesen sein, Hof Åludden zu kaufen und aus Stockholm hierherzuziehen?«

»Das war kein gewaltiger Schritt für uns«, sagte Katrine. »Wir hatten ein Haus in Bromma, wollten aber unbedingt hierherziehen. Wir haben schon letztes Jahr mit der Suche angefangen.«

»Und warum ausgerechnet Öland?«, fragte Nyberg.

Dieses Mal ergriff Joakim das Wort:

»Katrine hat öländische Wurzeln … ihre Familie hat hier gelebt.«

Katrine warf ihm einen kurzen Blick zu, und er wusste genau, was sie dachte. Wenn jemand von ihrer Vergangenheit erzählen sollte, dann würde sie das selbst sein. Und sie wollte das nur selten.

»Aha, und wo?«

»An mehreren Orten«, antwortete sie, ohne Nyberg anzusehen. »Sie sind häufig umgezogen.«

Joakim hätte noch hinzufügen können, dass seine Frau die Tochter von Mirja und die Enkeltochter von Torun Rambe war – das hätte Nyberg garantiert dazu veranlasst, einen wesentlich längeren Artikel zu verfassen –, aber er schwieg. Katrine und ihre Mutter hatten kaum noch Kontakt miteinander.

»Ich bin ein richtiges Stadtkind«, erzählte er stattdessen. »Aufgewachsen bin ich in einem achtstöckigen Mietshaus in Jakobsberg, furchtbar öde, viel Verkehr und viel Asphalt. Mich hat es immer aufs Land gezogen.«

Livia hatte zu Beginn des Interviews still auf Joakims Schoß gesessen, war aber bald von der Unterhaltung gelangweilt und lief in ihr Zimmer. Gabriel, der bei Katrine gesessen hatte, folgte ihr.

Joakim lauschte den kleinen Plastiksandalen, die mit großem Eifer über den Flur platschten, und trug dann dieselben Sätze vor, die er auch seinen Freunden in Stockholm gegenüber in den letzten Monaten unermüdlich aufgesagt hatte.

»Wir wissen genau, dass der Ort vor allem für Kinder großartig ist. Wiesen und Wälder, saubere Luft und frisches Wasser. Keine Erkältungen mehr. Keine Autos, die im Leerlauf stehen und alles verpesten … Das ist ein wunderbarer Ort für uns alle.«

Nyberg trug diese Weisheit sorgfältig in sein Notizheft ein. Dann machten sie eine Hausbesichtigung und sahen sich im Erdgeschoss sowohl die renovierten Zimmer an als auch die vielen anderen, in denen die Tapeten von den Wänden blätterten, die Zimmerdecken repariert werden mussten und die Fußböden verdreckt waren.

»Die Kachelöfen sind phantastisch«, sagte Joakim und zeigte auf einen. »Und der Dielenfußboden ist in einem hervorragenden Zustand … Wir müssen eigentlich nur ab und zu scheuern.«

Seine Begeisterung schien allmählich anzustecken, denn nach nicht allzu langer Zeit hatte Nyberg aufgehört, Interviewfragen zu stellen, und begonnen, sich neugierig umzusehen. Er bestand darauf, auch den Rest des Anwesens zu besichtigen, obwohl Joakim am liebsten nicht daran erinnert werden wollte, was noch alles zu tun war.

»Eigentlich gibt es nicht viel mehr zu sehen«, versuchte er es abzuwenden. »Nur einen Haufen leerer Zimmer.«

»Könnten wir nur einen kurzen Blick hineinwerfen?«, bat Nyberg.

Schließlich gab Joakim nach und öffnete die Tür, die hinauf ins Obergeschoss führte.

Katrine und der Reporter folgten ihm die gewundene Treppe hinauf und standen dann im oberen Korridor. Dort war es um einiges schummeriger, obwohl auch hier eine ganze Reihe von Fenstern auf das Meer hinausging. Die Scheiben jedoch waren mit Holzplatten abgedichtet, die nur schmale Streifen Tageslicht hindurchließen.

Das Heulen des Windes hingegen konnte man sehr gut in den dunklen Räumen hören.

»Hier oben gibt es eine vollkommen ungehinderte Luftzirkulation«, sagte Katrine und verzog den Mund. »Der Vorteil von diesem ewigen Zug ist, dass das Haus über die Jahrzehnte immer trocken blieb, es hat praktisch keine Feuchtigkeitsschäden.«

»Ah ja, das ist natürlich gut …« Nyberg warf einen kritischen Blick auf den gewellten Korkteppich, der auf dem Boden lag, auf die fleckigen und abgeblätterten Tapeten und die Schleier aus Spinnennetzen, die von der Decken hingen. »Aber da wartet noch einiges an Arbeit auf Sie.«

»Ja, das wissen wir.«

»Wir freuen uns darauf«, fügte Joakim hinzu.

»Das wird einmal sehr hübsch werden …«, sagte Nyberg, und dann fragte er: »Was wissen Sie eigentlich über dieses Anwesen?«

»Sie meinen über die Geschichte des Hofes?«, antwortete Joakim. »Nicht so viel, der Makler hat uns nur wenig erzählt. Er wurde Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut, gleichzeitig mit den Leuchttürmen. Allerdings ist er wohl ein paarmal umgebaut worden. Die Veranda an der Hauptseite zum Beispiel scheint mir eher aus dem 20. Jahrhundert zu stammen.«

Er sah Katrine fragend an, ob sie noch etwas hinzufügen wollte – zum Beispiel wie es gewesen war, als ihre Mutter und ihre Großmutter dort zur Untermiete gewohnt hatten –, aber sie erwiderte seinen Blick nicht.

»Wir wissen, dass die Leuchtturmwärter mit ihren Familien und dem Dienstpersonal auf Åludden gewohnt haben«, ergänzte sie nur. »Hier wird viel Leben gewesen sein.«

Nyberg nickte und ließ den Blick erneut durch das Obergeschoss wandern.

»Ich glaube nicht, dass in den letzten zwanzig Jahren hier oben besonders viele Menschen gewohnt haben. Vor vier oder fünf Jahren wurde der Hof als Flüchtlingsquartier benutzt, für die Unterbringung von Familien, die vor dem Krieg auf dem Balkan geflohen sind. Aber die blieben nicht besonders lange. Es ist ein Jammer, dass der Hof so lange leer gestanden hat … das ist wirklich ein grandioser Ort.«

Langsam stiegen sie die Treppe hinunter. Im Vergleich zu dem Obergeschoss wirkten jetzt sogar die schmutzigen Räume im Erdgeschoss viel heller und wärmer.

»Hat es einen Spitznamen?«, fragte Katrine. »Wissen Sie das zufällig?«

»Wie bitte, was denn?«, entgegnete Nyberg.

»Das Anwesen«, erklärte Katrine. »Alle sagen immer Åludden, aber so heißt ja der Ort.«

»Genau, Åludden bei der Aalbucht, wo sich im Sommer die Aale sammeln …«, sagte Nyberg, als würde er ein Gedicht rezitieren. »Aber ich glaube nicht, dass der Hof einen Spitznamen hat.«

»Häuser bekommen doch oft Spitznamen«, warf Joakim ein. »Unseres in Bromma wurde zum Beispiel die Apfelvilla genannt.«

»Aber Åludden hat keinen anderen Namen, zumindest habe ich noch keinen gehört. Dafür kreisen aber eine ganze Reihe von Legenden um den Hof.«

»Legenden?«

»Ich habe ein paar davon gehört. Es wird gesagt, dass der Wind um Åludden stärker wird, wenn jemand im Haus laut niest.«

Katrine und Joakim lachten herzhaft.

»Dann müssen wir häufiger Staub wischen«, kicherte Katrine.

»Und dann gibt es natürlich auch ein paar Spukgeschichten«, fügte Nyberg hinzu.

Schweigen breitete sich aus.

»Spukgeschichten?«, wiederholte Joakim schließlich.

Er wollte gerade erneut lachen und den Kopf schütteln, als ihm Katrine zuvorkam: »Ich habe die auch gehört, als ich mal drüben bei den Carlssons zum Kaffeetrinken war … bei unseren Nachbarn. Aber die haben mir gesagt, ich solle bloß nichts davon glauben.«

»Wir haben nicht so viel Zeit für Geister«, sagte Joakim.

Nyberg nickte.

»Natürlich, aber wenn solche Höfe zu lange verlassen dastehen, fangen die Leute eben an, sich Geschichten zu erzählen«, sagte er. »Wollen wir nach draußen gehen und ein paar Aufnahmen machen, solange es noch hell ist?«

Bengt Nyberg beendete seinen Besuch mit einem Spaziergang über das Kopfsteinpflaster und den Rasen im Innenhof und betrachtete dabei die beiden Seitenflügel der Anlage. Auf der einen Seite die enorme Scheune, deren Außenwände aus Kalkstein und die Aufbauten aus rot gestrichenem Holz bestanden. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes stand das niedrigere, weiß getünchte Waschhaus.

»Das hier werden Sie auch renovieren müssen«, sagte Nyberg, als er durch ein staubiges Fenster in das alte Waschhaus spähte.

»Selbstverständlich«, betonte Joakim. »Wir nehmen uns ein Gebäude nach dem anderen vor.«

»Und wollen Sie es später dann an Sommergäste vermieten?«

»Vielleicht. Wir hatten tatsächlich daran gedacht, in ein paar Jahren so ein Bed-and-Breakfast anzubieten.«

»Diese Idee haben auf Öland schon so einige gehabt«, sagte Nyberg.

Zum Schluss machte er von der Familie Westin auf der ausgebleichten Grasfläche hinter dem Hauptgebäude noch ein paar Dutzend Bilder.

Katrine und Joakim standen dicht nebeneinander, sahen hinunter zu den Leuchttürmen und blinzelten in den kalten Wind. Joakim richtete sich auf, als die Kamera anfing zu klicken, und musste an ihre Nachbarn in Stockholm denken. Deren Haus war letztes Jahr auf drei Doppelseiten in der Zeitschrift Schöner Wohnen vorgestellt worden, Familie Westin musste sich mit einem Artikel in der Ölands-Posten zufriedengeben.

Gabriel saß auf Joakims Schultern und trug eine grüne, etwas zu große Steppjacke. Livia stand zwischen ihren Eltern und hatte ihre weiße Strickmütze tief in die Stirn gezogen. Sie sah misstrauisch in die Kamera.

Hof Åludden türmte sich wie eine Burg aus Stein und Holz hinter ihnen auf, wachsam.

Nachdem der Journalist gefahren war, machten sie einen Spaziergang hinunter zu den Leuchttürmen. Der Wind war kälter als an den Tagen zuvor, und auch die Sonne stand schon tief über dem Dachfirst hinter ihnen. Der Geruch von Tang, der an den Strand gespült worden war, hing in der Luft.

Hier ans Wasser zu gehen fühlte sich an, als wäre man am Ende der Welt angekommen, am Ende einer langen Reise, die einen von den Menschen fortführen sollte. Joakim mochte dieses Gefühl.

Der Nordosten von Öland schien aus einem unendlichen Himmel und einem schmalen Streifen aus goldbraunem Land zu bestehen. Die kleinen vorgelagerten Inseln sahen aus wie grasbedeckte Sandbänke. Die flache Küste der Insel mit ihren tiefen Buchten und schmalen Landzungen tauchte fast unmerklich ins Wasser ein und wurde zu einem ebenen und seichten Meeresgrund aus Sand und Lehm, der Schritt für Schritt in die tiefere Ostsee absank.

In wenigen Hundert Meter Entfernung erhoben sich die weißen Leuchttürme in den dunkelblauen Himmel.

Die Doppelleuchttürme von Åludden. Joakim fand, dass die Inseln, auf denen sie standen, künstlich wirkten. So als hätte jemand mitten im Wasser zwei große Haufen aus Stein und Kies aufgeschüttet und sie mit größeren Felsblöcken und Beton befestigt. Etwa fünfzig Meter nördlich von ihnen ragte eine lange Mole, ein Wellenbrecher aus schweren Steinblöcken, vom Strand hinaus ins Wasser. Sie glich einer schwach gekrümmten Hafenmole und war gebaut worden, um den Leuchttürmen vor den Winterstürmen Schutz zu bieten.

Livia hatte Foreman unter den Arm geklemmt, als sie plötzlich auf diese Mole zulief, die hinaus zu den Leuchttürmen führte.

»Ich auch! Ich auch!«, schrie Gabriel ihr hinterher, aber Joakim hielt ihn an der Hand fest.

»Wir gehen zusammen!«, rief er.

Die Mole gabelte sich nach etwa zehn Metern wie ein großes Y mit zwei dünnen Armen, die zu je einem Leuchtturm führten. Katrine rief:

»Nicht so rennen, Livia! Vorsicht am Wasser!«

Livia blieb abrupt stehen, zeigte mit dem Finger auf den südlichen Leuchtturm und konnte mit ihrem Schreien nur mit Müh und Not den Wind übertönen:

»Das ist mein Turm!«

»Meiner auch!«, rief Gabriel hinter ihr.

»Punkt und basta!«, beschloss Livia.

Das war ihr neuester Lieblingsausdruck, den hatte sie aus der Vorschule mitgebracht. Katrine lief zu ihr hin und nickte zu dem anderen Leuchtturm:

»Dann ist der da meiner!«

»Okay, dann kümmere ich mich um den Hof«, erklärte Joakim. »Das mache ich mit links, wenn ihr mir ein bisschen dabei helft.«

»Das tun wir«, sagte Livia. »Punkt und basta!«

Sie kicherte und nickte nachdrücklich mit dem Kopf, aber Joakim hatte das natürlich ernst gemeint. Trotzdem freute er sich auf die vielen Wintertage, an denen er mit den Renovierungsarbeiten beschäftigt sein würde. Katrine und er wollten, so schnell es ging, als Lehrer arbeiten, den Hof würden sie dann an den Abenden und an den Wochenenden instand setzen. Sie hatte ja bereits damit begonnen.

Er wandte dem Meer den Rücken zu und warf einen Blick auf die Gebäude, die sich hinter ihnen erhoben.

In einsamer und ruhiger Lage, so hatte es in der Annonce gestanden.

Joakim hatte noch Schwierigkeiten, sich an die Größe des Wohngebäudes zu gewöhnen, es erhob sich mächtig auf dem Kamm der sich sanft neigenden Grasböschung, und seine weißen Ecken und roten Balken leuchteten. Zwei schöne Schornsteine ragten wie pechschwarze Türme aus dem Ziegeldach. Aus dem Küchenfenster und der verglasten Veranda drang ein warmes, gelbes Licht und beschien den Innenhof, der Rest des Hauses lag im Dunkeln.

Wie viele Familien hatten vor ihnen an diesem Ort gelebt und die Wände, die Türschwellen und den Boden im Lauf der Jahre abgenutzt – der Leuchtturmmeister, die Leuchtturmwärter und die Leuchtturmassistenten und wie sie alle genannt wurden. Sie alle hatten auf dem Hof ihre Spuren hinterlassen.

Bedenken Sie, dass ein Haus, das Sie in Besitz genommen haben, auch von Ihnen über kurz oder lang Besitz ergreifen wird, hatte Joakim in einem Buch über Renovierungsarbeiten an einem Holzhaus gelesen. Aber Katrine und ihm ging es nicht so – sie hatten sich ohne Schwierigkeiten von ihrem Haus in Bromma verabschiedet. Doch im Laufe der Jahre waren ihnen tatsächlich einige Familien begegnet, die ihre Häuser hüteten wie ihre Kinder.

»Wollen wir raus zu den Leuchttürmen gehen?«, fragte Katrine.

»Ja!«, schrie Livia begeistert. »Punkt und basta!«

»Das könnte aber rutschig sein auf den Steinen«, warf Joakim ein.

Er wollte nicht, dass Livia und Gabriel den Respekt vor dem Meer verloren und dann alleine hinunter ans Wasser gingen. Livia konnte nur ein paar Züge schwimmen und Gabriel noch überhaupt nicht.

Aber Katrine und Livia liefen bereits Hand in Hand die steinerne Mole entlang, die ins Meer führte. Also hob er Gabriel auf den Arm und folgte den beiden zögernd über die unebenen Steinblöcke.

Sie waren gar nicht so rutschig, wie er erwartet hatte, nur uneben. An einigen Stellen waren die Steine von den Wellen gelockert worden und lösten sich aus dem Beton, der sie zusammenhielt. Der Wind war an diesem Tag nicht besonders stark, aber Joakim konnte die unbändige Kraft der Naturgewalten spüren. Jeden Winter, jahraus, jahrein, hatte es vor Åludden schwere Stürme gegeben mit Treibeis, hohen Wellen und Orkanwinden – aber die Leuchttürme hielten dem stand.

»Wie hoch sind die eigentlich?«, fragte Katrine und sah zur Turmspitze des Südturms hoch.

»Nun ja, ich habe gerade kein Maßband dabei, aber … vielleicht so an die zwanzig Meter?«, erwiderte Joakim.

Livia legte ihren Kopf ebenfalls in den Nacken und betrachtete ihren Leuchtturm.

»Warum leuchtet der nicht?«, fragte sie.

»Der geht bestimmt erst an, wenn es dunkel wird«, erklärte ihr Katrine.

»Und der da, leuchtet der nie?«, fragte Joakim und zeigte auf den Nordturm.

»Ich glaube nicht«, sagte Katrine. »Seit wir hier sind, war er nicht an.«

An der Stelle, wo sich der Wellenbrecher gabelte, entschied sich Livia für die linke Abzweigung, für den Leuchtturm ihrer Mutter.

»Sei vorsichtig«, rief Joakim und sah beunruhigt hinunter in das schwarze Wasser am Fuß der Mole.

Bis zum Meeresboden waren es hier höchstens ein oder zwei Meter, aber ihm war nicht wohl bei dem Gedanken an die Schatten und die Kälte dort unten. Er war ein ganz passabler Schwimmer, hatte aber nie zu denjenigen gehört, die sich im Sommer freudestrahlend in die Fluten stürzten. Noch nicht einmal an richtig heißen Tagen.

Katrine hatte die Leuchtturminsel erreicht und stellte sich an die äußerste Kante. Ihr Blick wanderte die Küste entlang, im Norden waren nur leere Strände und kleine Wäldchen zu sehen, im Süden Wiesen und weiter entfernt einige Bootshäuser.

»Kein einziger Mensch«, stellte sie erstaunt fest. »Ich dachte, man könnte von hier aus wenigstens ein paar Nachbarhäuser sehen.«

»Da liegen zu viele Landzungen und Inseln dazwischen«, sagte Joakim. Er zeigte mit seinem freien Arm in Richtung Strand im Norden. »Seht mal dort drüben. Habt ihr das schon gesehen?«

Etwa in einem Kilometer Entfernung lag ein sehr altes Schiffswrack am steinigen Strand – es waren nur noch die sonnengebleichten Planken des Schiffsrumpfes zu erkennen. Das Schiff musste vor langer Zeit in einem Wintersturm an Land getrieben und an den Strand geworfen worden sein. Das Wrack lag mit der Steuerbordseite auf den Steinen, Joakim erinnerten die Schiffsspanten an die Rippen eines Riesen.

»Das Wrack, ja«, sagte Katrine.

»Haben die die Leuchttürme nicht gesehen?«, fragte Joakim erstaunt.

»Manchmal nützen einem auch Leuchttürme nichts … in einem Sturm zum Beispiel«, erwiderte Katrine. »Livia und ich haben uns vor ein paar Wochen das Wrack angesehen. Wir haben nach schönen Holzresten gesucht, aber das war wie leer gefegt.«

Der Eingang zum Leuchtturm führte durch ein etwa ein Meter dickes Gewölbe und endete vor einer massiven Tür aus Stahl. Sie war sehr verrostet, und man konnte nur an wenigen Stellen noch Reste der ursprünglich weißen Farbe erkennen. Es gab kein Schlüsselloch, lediglich einen Querbalken, der mit einem ebenfalls verrosteten Hängeschloss gesichert war. Joakim rüttelte an der Tür, aber sie bewegte sich keinen Millimeter.

»In einem der Küchenschränke habe ich einen Schlüsselbund mit alten Schlüsseln gesehen«, sagte er. »Die müssen wir mal ausprobieren.«

»Sonst können wir beim Schifffahrtsamt anrufen«, schlug Katrine vor.

Joakim nickte und drehte sich um. Die Leuchttürme waren allerdings nicht im Kaufpreis enthalten.

»Gehören die Leuchttürme gar nicht uns, Mama?«, fragte Livia, als sie zurück zum Strand gingen.

Sie klang enttäuscht.

»Doch«, erwiderte Katrine. »In gewisser Weise schon. Aber wir müssen uns nicht um sie kümmern. Stimmt doch, oder, Kim?«

Sie lächelte Joakim an, und er nickte.

»Der Hof ist schon genug.«

Katrine hatte sich im Bett umgedreht, während er bei Livia gewesen war, und als er wieder unter die Decke kroch, tasteten ihre Arme im Schlaf suchend nach ihm. Er sog ihren Geruch ein und schloss die Augen.

Nur das hier, nichts anderes mehr.

Das Leben in der Großstadt hatte er hinter sich gelassen. Stockholm war zu einem kleinen grauen Fleck am Horizont geschrumpft, und die Erinnerung an die Suche nach Ethel begann zu verblassen.

Friede.

Erneut erklang das leise Wimmern aus Livias Zimmer, und er hielt den Atem an.

»Mama-a?«

Ihr lang gezogenes Rufen war dieses Mal lauter. Joakim seufzte müde.

Neben ihm hob Katrine den Kopf und lauschte.

»Was ist los?«, fragte sie verschlafen.

»Mam-maa?«

Katrine setzte sich auf. Im Unterschied zu Joakim war sie in der Lage, aus dem Tiefschlaf gerissen innerhalb weniger Sekunden hellwach zu sein.

»Ich habe es schon einmal versucht«, flüsterte Joakim. »Ich dachte, sie sei wieder eingeschlafen, aber …«

»Ich gehe zu ihr.«

Katrine stand, ohne zu zögern, auf, schlüpfte in ihre Hausschuhe und zog sich den Morgenmantel über.

»Mamma?«

»Ich komme, du kleine Nervensäge«, murmelte sie.

Das ging so nicht weiter, dachte Joakim. Es war nicht in Ordnung, dass Livia jede Nacht neben ihrer Mutter schlafen wollte. Das hatte sie sich im vergangenen Jahr angewöhnt, ihr Schlaf war unruhiger geworden. Vielleicht hatte das auch mit Ethel zu tun. Sie hatte Schwierigkeiten einzuschlafen und schlief nur tief und fest, wenn Katrine neben ihr lag. Bisher war es ihnen nicht gelungen, ihr das wieder abzugewöhnen.

»Bis morgen, Loverboy«, flüsterte Katrine.

Elterliche Pflichten. Joakim hörte keinen Laut mehr aus Livias Zimmer, Katrine hatte übernommen. Er entspannte sich und schloss die Augen. Er spürte, wie der Schlaf ihn langsam übermannte.

Die Stille senkte sich über den Hof.

Sein Leben auf dem Land hatte begonnen.

2

Das Schiff in der Flasche war ein kleines Kunstwerk, fand Henrik. Es war eine Fregatte mit drei Masten und weißen Stoff segeln, etwa fünfzehn Zentimeter lang und aus einem einzigen Holzstück geschnitzt. Die Taue der Segel waren aus schwarzem Nähgarn, das an kleinen Klötzen aus Balsaholz befestigt war. Mit umgelegten Masten war das Schiff vorsichtig mithilfe von Stahldraht und Pinzette in die alte Rumflasche geschoben und in das blau gefärbte Meer aus Kitt gedrückt worden. Erst dann konnten die Masten aufgerichtet und die Segel mit gekrümmten Stricknadeln gespannt werden. Zum Schluss wurde die Flasche verschlossen und der Korken mit Lack versiegelt.

Es hatte bestimmt Wochen gedauert, um das Buddelschiff herzustellen, die Brüder Serelius benötigten nur wenige Sekunden, um es zu zerstören.

Tommy Serelius wischte das Buddelschiff vom Regal auf den neuen Parkettboden, und die Flasche zersprang in tausend Stücke. Das Schiffsmodell überstand den Sturz und setzte seine Fahrt auf dem Boden fort. Doch dann wurde es vom Stiefel des kleinen Bruders Freddy gestoppt. Neugierig betrachtete er es im Licht seiner Taschenlampe, dann hob er den Fuß und zertrümmerte das Schiff mit drei festen Tritten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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