Nebenjobs - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Harry Dresden ist der beste und technisch gesehen auch der einzige professionelle Polizeiberater für magische Angelegenheiten im Chicagoer Telefonbuch. Daher kommt die Polizei auch zu ihm, wenn wieder mal ein Fall die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Denn die Welt der Normalsterblichen ist im Moment ziemlich voll von seltsamen und magischen Dingen - und die wenigsten von ihnen vertragen sich gut mit Menschen. Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen stolpert Harry im Umgang mit dem Übernatürlichen ständig von einer Krise in die nächste -nennen Sie es Berufsrisiko. Es gelingt ihm stets, auf der falschen Seite zu stehen - sei es nun gegen Werwölfe, Feen oder Vampire. Hier kommen seine sehr speziellen Talente zum Tragen … Diese elf mundgerechten Lesehappen sind enorm unterhaltsam und machen hungrig auf mehr.

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Seitenzahl:688

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Sammlungen



Autor: Jim Butcher

Deutsch von: Dominik Heinrici

Lektorat: Jessica Becker und Oliver Hoffmann

Korrektorat: Solveig Tenckhoff

Art Director: Oliver Graute

Umschlagillustration: Chris McGrath

© Jim Butcher 2010

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2014

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-207-3

Originaltitel: Side Jobs

ISBN der Printausgabe: 978-3-86762-206-6

Nebenjobs ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Jim Butcher 2013. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Jim Butcher.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Dies ist Harry Dresdens erster dunkler Fall. Es handelt sich um meinen ersten Versuch, eine verkaufbare Kurzgeschichte zu schreiben. Ursprünglich verfasste ich sie als Hausaufgabe für einen Kurs in Professionellem Schreiben an der Universität von Oklahoma, und das gut zwei Jahre, bevor Sturmnacht ein Zuhause beim Roc-Verlag fand.

Wiedererwachter Glaube wird mir mit Sicherheit keine Literaturpreise einbringen. Die Geschichte ist offen gestanden eine Art Gesellenstück. Sie war die dritte oder vierte Kurzgeschichte, die ich jemals geschrieben hatte, wenn man alle aus der Schulzeit mitzählt. Ich hatte kaum meine ersten Schritte als Autor gemacht, und bis zu einem gewissen Grad sieht man dies auch an diesem Stück. Es war deutlich, dass die Verleger, an die ich diese Geschichte schickte, sie als nicht gut genug für eine professionelle Publikation erachteten. Ich finde, das war auch eine äußerst zutreffende und faire Einschätzung.

Lesen Sie diese Geschichte als das, was sie ist: der erste Versuch eines nervösen Anfängers, der einzig das Ziel hatte, auf eine einfache und geradlinige Art zu unterhalten.

Wiedererwachter Glaube

- Spielt vor Sturmnacht-

Ich mühte mich redlich damit ab, das plärrende Kind festzuhalten, während ich ein Vierteldollarstück in den Schlitz des Münztelefons fummelte und auf die Knöpfe einhämmerte, um Nick auf seinem Handy anzurufen.

„Detektei Straßenengel“, antwortete Nick. Seine Stimme klang angespannt, meiner Einschätzung nach sogar äußerst nervös.

„Harry hier“, sagte ich. „Entspann dich, Alter. Ich habe sie.“

„Echt?“, erkundigte er sich. Er atmete tief aus. „Ach Jesus, Harry.“

Die Kleine hob einen ihrer lackbeschuhten Füße, um wie ein Muli gegen mein armes Schienbein zu treten. Sie landete einen perfekten Treffer, und ich vollführte einen Satz nach hinten. Sie sah mit ihren Grübchen und Rattenschwänzchen wie der acht- oder neunjährige Traum eines jeden Elternpaares aus, selbst in ihrer verdreckten Schuluniform, und sie hatte verdammt starke Beine.

Ich bekam das Mädchen besser in den Griff und hob es hoch, während es sich strampelnd wand. „Autsch. Halt endlich still!“

„Lassen Sie mich gehen, Sie Bohnenstange“, fauchte sie und drehte sich zu mir um, um mir einen giftigen Blick zuzuwerfen, ehe sie wieder zutrat.

„Hör zu, Harry“, meinte Nick. „Du musst die Kleine sofort gehen lassen und dich verflüchtigen.“

„Was?“, keuchte ich verblüfft. „Nick, die Astors werden uns fünfundzwanzig Riesen über den Tresen schieben, wenn wir sie vor neun Uhr nachts zurückbringen.“

„Ich habe schlechte Neuigkeiten, Harry. Die bezahlen nicht.“

Ich zuckte zusammen. „Autsch. Vielleicht sollte ich sie am nächsten Polizeirevier abliefern.“

„Ich habe noch schlechtere Neuigkeiten. Die Eltern haben die Kleine als entführt gemeldet, und die Bullen geben gerade zwei Fahndungen an alle Chicagoer Reviere raus. Rate mal, auf wen die Beschreibungen zutreffen.“

„Mickey und Donald?“

„Hah!“, schnaubte Nick. Ich hörte, wie er mit einem Feuerzeug hantierte, um danach tief zu inhalieren. „Das wäre schön.“

„Schätze mal, dass es für Herrn und Frau Großkotz peinlicher ist, wenn ihr Töchterchen ausreißt, als wenn sie entführt würde.“

„Teufel auch. Ein entführtes Mädchen gibt ihnen was, worüber sie sich bei ihren Partys für die nächsten Monate das Maul zerreißen können. Außerdem kommen sie bei ihren lieben Freunden dann noch reicher und prominenter rüber. Natürlich schmoren wir dann im Knast, aber wen kümmert’s?“

„Die sind doch zu uns gekommen“, begehrte ich auf.

„Ihre Geschichte lautet vermutlich etwas anders.“

„Verdammt“, sagte ich.

„Wenn man dich mit ihr erwischt, könnte das für uns beide Ärger bedeuten. Die Astors haben Verbindungen. Werd das Mädchen los und sieh zu, dass du nach Hause kommst. Du warst die ganze Nacht dort, kapiert?“

„Nein, Nick“, sagte ich. „Das kann ich nicht.“

„Sollen sich doch unsere Freunde in Blau drum kümmern. Dann sind wir fein raus.“

„Ich bin an der North Avenue, und es ist bereits dunkel. Ich lasse hier kein neunjähriges Mädchen alleine zurück.“

„Zehn“, schmollte das Mädchen erbost. „Ich bin zehn, Sie gefühlloser Flegel!“ Sie schlug wieder wie ein Pferd aus, und ich mühte mich redlich, außerhalb der Reichweite ihrer Fersen zu bleiben.

„Die klingt aber putzig. Lass sie laufen, dann müssen sich die Kriminellen in Acht nehmen.“

„Nick!“

„Ach, jetzt mach bitte nicht schon wieder einen auf Moralapostel!“

Ein Lächeln stahl sich trotz des Widerstandes meiner heruntergezogenen Mundwinkel auf meine Lippen, und ich versuchte, die Bitterkeit in meinem Hals hinunterzuschlucken. „Hör zu, wir lassen uns was einfallen. Komm erst mal her, um uns aufzusammeln.“

„Was ist denn mit deinem Auto?“

„Hat heute Nachmittag wieder den Geist aufgegeben.“

„Schon wieder? Was ist mit der Hochbahn?“

„Ich bin pleite. Nick, ich brauche eine Mitfahrgelegenheit. Ich kann schlecht zu Fuß mit ihr ins Büro latschen, und ich möchte auch nicht allzu lange mit ihr in dieser Telefonzelle herumstehen und streiten. Komm endlich und hol uns ab!“

„Ich habe keinen Bock, im Knast zu versauern, nur damit du ein reines Gewissen hast, Harry.“

„Was ist mit deinem Gewissen?“, feuerte ich zurück. Das war mal wieder typisch Nick. Viel Lärm um nichts. Aber wenn’s ans Eingemachte ging, hätte er das Mädchen auch nicht in diesem Teil der Stadt im Stich gelassen.

Nick brummte etwas in seinen Bart, das sich dezent obszön anhörte, und fauchte dann: „Na gut, ist ja auch egal! Aber es ist extrem gewagt, über die Brücke zu kommen, also warte ich auf meiner Seite des Flusses. Du musst es über die Brücke schaffen, ohne dass dich jemand sieht. Polizeistreifen in der Gegend werden nach dir suchen. Eine halbe Stunde. Wenn du nicht da bist, werde ich nicht warten. Schlimme Gegend.“

„Hab Vertrauen, Mann. Ich werde dort sein.“

Wir legten auf, ohne uns zu verabschieden.

„Na schön, Kleine“, sagte ich. „Hör auf, mich zu treten, und wir können uns unterhalten.“

„Scheren Sie sich zum Teufel, Mister“, rief sie. „Lassen Sie mich gehen, bevor ich Ihnen das Bein breche!“

Die ungeahnten Höhen, die ihre durchdringende Stimme erreichte, ließen mich zusammenzucken. Ich kehrte dem Telefon den Rücken. Halb zerrte und halb trug ich das Mädchen von dannen und sah mich ängstlich um. Das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte, war eine Schar guter Bürger, die der Kleinen zu Hilfe kamen.

Die Straßen waren leer, und Dunkelheit quoll unter den kaputten Straßenlaternen hervor. Licht schien aus einigen Fenstern, doch das Gezeter des Mädchens lockte niemanden aus den Häusern. Es war eine der Gegenden, wo die Leute in solchen Situationen wegsahen und sich ungern in fremde Angelegenheiten einmischten.

Ah, Chicago. Man musste die riesengroßen, alles verschlingenden Städte Amerikas einfach lieben. War es nicht einfach großartig, in unserer Zeit zu leben? Ich hätte ein richtiger sabbernder Irrer sein können, anstatt nur so auszusehen, und niemand hätte auch nur einen Finger krumm gemacht.

Mir wurde ein wenig schlecht. „Hör zu. Ich weiß, du bist sauer, aber glaube mir, ich tue nur, was am besten für dich ist.“

Sie hörte auf zu treten und funkelte mich unverwandt an. „Woher wollen Sie wissen, was das Beste für mich ist?“

„Ich bin älter als du. Weiser.“

„Warum haben Sie dann diesen Mantel an?“

Ich sah auf meinen übergroßen schwarzen Staubmantel hinab. Die Pelerine und das schwere Öltuch schlackerten um meine nicht gerade athletische Figur. „Was stimmt denn damit nicht?“

„Der gehört doch auf das Filmset von El Dorado“, meinte sie schnippisch. „Wen wollen Sie eigentlich darstellen? Ichabod Crane aus Sleepy Hollow oder eher den Marlboromann?“

Ich schnaubte. „Ich bin Magier.“

Sie warf mir einen skeptischen Blick zu, den man eigentlich nur von Kindern bekam, die gerade das ernüchternde Trauma hinter sich gebracht haben, festzustellen, dass es den Weihnachtsmann nicht gab. (Ironischerweise gab es ihn sehr wohl, aber er konnte eben nicht mehr in einer Größenordnung schalten und walten, wie er es einst getan und was ursprünglich dazu geführt hatte, dass jeder an seine Existenz glaubte.)

„Sie wollen mich wohl veräppeln“, sagte sie.

„Ich habe dich gefunden, oder etwa nicht?“

Sie runzelte die Stirn. „Wie haben Sie mich eigentlich gefunden? Ich dachte, mein Versteck sei perfekt.“

Ich schritt weiter Richtung Brücke. „Wäre es auch gewesen. Für zehn Minuten vielleicht noch. Dann wäre der Müllcontainer bis oben voller heißhungriger Ratten auf der Suche nach einer kleinen Mahlzeit gewesen.“

Das Mädchen wurde grün um die Nase. „Ratten?“

Ich nickte. Mit etwas Glück konnte ich die Kleine doch noch auf meine Seite ziehen. „Nur gut, dass deine Mutter deine Bürste in ihrer Handtasche hatte. So bekam ich ein paar deiner Haare in die Finger.“

„Na und?“

Ich seufzte. „Also habe ich ein wenig Thaumaturgie benutzt, die mich schnurstracks zu dir geführt hat. Ich musste zwar einen Großteil des Weges laufen, aber ich habe dich gefunden.“

„Thauma… was?“

Fragen waren mir auf jeden Fall lieber als Tritte. Also antwortete ich. Teufel auch, ich liebte es, Fragen über Magie zu beantworten. Ich schätze mal, das lag an meinem Stolz auf meinen Broterwerb. „Thaumaturgie ist Ritualmagie. Man schafft eine symbolische Verbindung zwischen tatsächlichen Personen, Orten oder Geschehnissen und einem Modell, das diese darstellt. Dann wendet man etwas Energie auf, um etwas im kleinen Maßstab zu bewirken, und dann geschieht auch etwas im Großen…“

Sobald ich damit abgelenkt war, ihre Fragen zu beantworten, fuhr der Kopf der Kleinen herum, und sie biss mich herzhaft in die Hand.

Ich brüllte etwas, was ich mir in der Gegenwart eines Kindes besser verkniffen hätte, und riss die Hand weg. Die Kleine plumpste zu Boden und sauste behände wie ein Äffchen auf die Brücke zu. Ich schüttelte den Kopf und hastete ihr hinterher. Sie war verdammt schnell, und ihre Rattenschwänzchen flatterten hinter ihr im Wind. Ihre Schuhe und fleckigen Strümpfe blitzten im Dämmerlicht.

Sie erreichte die Brücke zuerst. Es handelte sich um ein uraltes Bauwerk mit zwei Fahrspuren, das sich über den Chicago River wölbte. Sie hetzte auf die Brücke.

„Warte!“, rief ich ihr nach. „Nicht!“ Sie kannte diesen Teil der Stadt nicht so gut wie ich.

„Lahmarsch!“, rief sie mir mit fröhlicher Stimme zu. Sie lief weiter.

Zumindest, bis sich ein riesiger, gummiartiger, stark behaarter Arm unter einem Kanaldeckel auf dem Scheitel der Brücke hervorschob und sich schleimige Finger um einen ihrer Knöchel schlossen. Die Kleine schrie vor Entsetzen und stürzte vornüber auf den Asphalt, wobei sie sich beide Knie blutig schlug. Sie wand sich wie eine Boa konstriktor und trat nach ihrem Angreifer. Im Schein einer der wenigen funktionierenden Straßenlaternen hinterließ Blut dunkle Flecken auf ihren Strümpfen.

Ich fluchte in meinen nicht vorhandenen Bart und eilte mit brennenden Lungen über die Brücke in ihre Richtung. Die Hand verstärkte ihren schraubstockartigen Griff und begann, sie an den Kanalschacht heranzuziehen. Ich hörte ein tiefes, grollendes Lachen, das aus der Dunkelheit des Schachtes, der in die Stützpfeiler der Brücke hinabführte, hervorquoll.

Sie schrie: „Was ist das? Was ist das? Es soll loslassen!“

„Kleine!“, rief ich. Ich rannte auf den Schacht zu, sprang ab und landete so fest ich nur konnte direkt auf dem Handgelenk des behaarten Armes. Die Absätze meiner Wanderstiefel bohrten sich in das widerliche Fleisch.

Ein Brüllen erscholl aus dem Kanalschacht, und die Finger ließen locker. Das Mädchen verdrehte sein Bein, und auch wenn es die Kleine einen Lackschuh und einen Strumpf kostete, konnte sie sich doch schluchzend dem Griff entwinden. Ich hob sie hoch und stolperte rückwärts, wobei ich darauf achtete, nur ja nicht dem Kanalschacht meinen Rücken zuzuwenden.

Der Troll hätte sich nie durch ein so kleines Loch quetschen können sollen, doch das hielt ihn nicht davon ab. Zuerst kam der schmutzverkrustete Arm zum Vorschein, dann eine knorrige Schulter, dann sein missgebildeter Schädel und schließlich seine garstige Visage. Er sah zu mir herüber und brummte. Als sei sein Leib aus Gummi, wand er sich ohne besondere Anstrengung aus dem Loch, bis er mitten auf der Brücke zwischen mir und der anderen Seite des Flusses drohend aufragte. Irgendwie erinnerte er mich an einen Profiringer, der einem Fernlehrgang für plastische Chirurgen zum Opfer gefallen war. In einer Hand hielt er ein Fleischerbeil, das etwa einen halben Meter lang war, einen Knochengriff besaß und mit verdächtigen, dunkelbraunen Spritzern besudelt war.

„Harry Dresden“, zürnte der Troll. „Magier stiehlt Gogoth seine rechtmäßige Beute.“ Er schwang das Fleischerbeil von links nach rechts, wobei es pfeifend die Luft durchschnitt.

Ich hob den Kopf und schob das Kinn vor. Es war niemals besonders klug, einen Troll sehen zu lassen, dass man sich vor ihm fürchtete. „Was faselst du da? Du weißt genau so gut wie ich, dass Sterbliche nicht mehr vogelfrei sind wie früher. Das ist doch eindeutig in den Unseelie-Abkommen geregelt!“

Ein echt ekelhaftes, boshaftes Feixen spaltete die Fratze des Trolls. „Böse Kinder“, grollte er. „Böse Kinder immer noch meins!“ Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, und ein bösartiger Hunger begann in ihnen zu flackern. „Hergeben! Jetzt!“ Der Troll walzte ein paar Schritte auf mich zu und nahm langsam Fahrt auf.

Ich hob die rechte Hand, ließ ein wenig meines Willens den Arm entlangfließen, und der silberne Ring an meinem dritten Finger erstrahlte urplötzlich in einem klaren, kalten Licht, das bei Weitem greller war als jede andere Beleuchtung in unserer Umgebung.

„Das Gesetz des Dschungels, Gogoth“, entgegnete ich ruhig. „Nur die Stärksten überleben. Noch ein Schritt, und du landest in der Kategorie ‚zum Leben zu dumm‘.“

Der Troll knurrte und hob, ohne langsamer zu werden, eine fleischige Faust.

„Überleg dir besser zweimal, was du tust, Dunkelbrut“, fauchte ich. Das Licht, das aus meinem Ring flutete, wurde immer greller und erinnerte mich fast an das höllische Gleißen einer Atomexplosion. „Noch einen Schritt, und du bist Dampf.“

Die plumpe Masse des Trolls kam wankend zum Stehen, und seine schleimigen, gummiartigen Lippen zogen sich von verfaulten Fangzähnen zurück. „Nein“, brummte er. Sabber troff von seinen Zähnen auf den Asphalt. Er starrte das Mädchen an. „Gehört mir. Magier darf sich nicht einschalten.“

„Ach ja?“, gab ich mich ungerührt. „Dann sieh mal her!“ Mit diesen Worten senkte ich die Hand (und mit ihr das stechende, silberne Gleißen), schenkte dem Troll mein bestes höhnisches Grinsen, drehte mich mit wallendem Mantel um und begann mit langen, zuversichtlichen Schritten in Richtung der North Avenue zu schreiten.

„Folgt er uns?“, fragte ich leise.

Sie blinzelte zum Troll zurück und dann zu mir. „Äh, nein. Er starrt Sie nur an.“

„Gut. Wenn er Anstalten macht, uns nachzurennen, gib mir Bescheid!“

„Damit Sie ihn dann in Dampf verwandeln?“, fragte sie mit ängstlicher Stimme.

„Nein, zum Teufel. Damit wir rechtzeitig davonlaufen!“

„Aber was ist mit …?“ Sie berührte den Ring an meinem Finger.

„Ich habe gelogen.“

„Was?“

„Ich habe gelogen“, wiederholte ich. „Ich bin kein guter Lügner, aber Trolle sind nicht besonders helle. Das war nur ein Lichteffekt, aber er ist darauf reingefallen, und nur darauf kommt es an.“

„Ich dachte, Sie wären ein Magier“, warf sie mir vor.

„Bin ich auch“, erwiderte ich genervt. „Ein Magier, der vor dem Frühstück auf einer Séance Schrägstrich einem Exorzismus gewesen ist, und dann habe ich noch zwei Eheringe und ein paar Autoschlüssel aufstöbern müssen, und den restlichen Tag bin ich dir hinterhergehechelt. Ich bin hundemüde.“

„Dann können Sie dieses … Ding gar nicht in die Luft jagen?“

„Das ist doch nur ein Troll, klar kann ich das“, versicherte ich ihr heiter. „Wenn ich nicht so erschöpft wäre und mich ausreichend konzentrieren könnte, um mich nicht ebenfalls von diesem Planeten zu blasen. Ich ziele echt mies, wenn ich müde bin.“

Wir erreichten den Rand der Brücke und, wie ich hoffte, auch die Grenze von Gogoths Jagdrevier. Ich wollte das Mädchen abstellen, sie war einfach zu schwer zum Tragen, doch dann merkte ich, wie ihr nackter Fuß herabhing und sich dunkler Schorf auf ihren blutigen Knien bildete. Ich seufzte und schritt weiter die North Avenue entlang. Wenn ich es nur einen Straßenzug weiter zur nächsten Brücke schaffte, um diese zu überqueren und wenn ich auf der anderen Seite innerhalb einer halben Stunde den gegenüberliegenden Straßenzug zurückhumpeln könnte, war es vielleicht möglich, Nick auf der anderen Seite doch noch abzupassen.

„Wie geht es deinem Bein?“, fragte ich.

Sie zuckte die Achseln, auch wenn sie ihr Gesicht schmerzerfüllt verzog. „Gut, denke ich. War das Ding echt?“

„Darauf kannst du wetten“, sagte ich.

„Aber es war … es war nicht …“

„Menschlich“, sagte ich. „Nein. Aber zum Teufel, Kleine. Viele Leute, die ich kenne, sind nicht wirklich menschlich. Sieh dich um. Bundy, Manson, die anderen Tiere. Hier in Chicago hast du die Varagassis, die von Little Italy aus operieren, die jamaikanischen Banden, andere. Tiere. Die Welt ist voll davon.“

Das Mädchen schniefte. Ich schielte auf ihr Gesicht hinab. Sie sah unglücklich aus und viel erwachsener, als ihr Alter vermuten ließ. Mir wurde flau im Magen.

„Ich weiß“, sagte sie. „Meine Eltern sind ein wenig so. Sie denken eigentlich nie an andere. Nur an sich. Nicht einmal an einander – außer daran, was ihnen der andere eigentlich bringt. Ich bin nur ein Spielzeug, das sie im Wandschrank verstecken wollen, nur um es herauszuziehen, wenn Leute zu Besuch kommen, und dann auch nur, damit ich hübscher und perfekter als deren Spielzeuge sein kann. Die restliche Zeit bin ich nur im Weg.“

„He, komm schon“, sagte ich. „So schlimm ist es nicht, oder?“

Sie sah mich an und wandte dann den Blick ab. „Ich gehe nicht zu ihnen zurück“, sagte sie. „Mir ist egal, wer Sie sind und was Sie können. Sie können mich nicht dazu bringen, zu ihnen zurückzukehren.“

„Da liegst du falsch“, widersprach ich. „Ich werde dich nicht einfach im Stich lassen.“

„Ich habe gehört, wie Sie mit Ihrem Freund gesprochen haben“, sagte sie. „Meine Eltern versuchen, Sie zu bescheißen. Warum machen Sie trotzdem weiter?“

„Ich muss noch weitere sechs Monate für einen Detektiv mit Lizenz arbeiten, ehe ich meine eigene bekomme, und ich habe die blöde Angewohnheit, Kinder nach Anbruch der Dunkelheit nicht inmitten einer großen, bösen Stadt alleine zu lassen.“

„Zumindest lügt mich hier niemand an und heuchelt, dass ich ihm am Herzen liege. Ich sehe all diese Disneyfilme, die davon handeln, wie sehr Eltern ihre Kinder lieben. Dass es da eine Art magisches Band der Liebe gibt. Aber das ist gelogen. Wie Sie und dieser Troll.“ Sie legte den Kopf auf meine Schulter, und ich spürte ihre Erschöpfung, als sie in meinen Armen zusammensackte. „Es gibt keine Magie.“

Ich verstummte für mehrere Schritte, trug sie einfach nur. Es war hart, das von einem Kind zu hören. Die Welt eines zehnjährigen Mädchens sollte voller Musik, Kichern, kleiner geheimer Botschaften, Puppen und Träume sein – nicht voller harscher, abgestumpfter Realität. Wenn es kein Licht im Herzen eines Kindes, eines kleinen Mädchens wie diesem, gab, welche Hoffnung blieb dann dem Rest von uns?

Ein paar Schritte später merkte ich etwas, was ich mir selbst nicht hatte eingestehen wollen. Eine sanfte, kühle Stimme hatte mir etwas zu sagen versucht, doch ich hatte nicht auf sie hören wollen. Ich war im Magiegeschäft, um Menschen zu helfen, um zu versuchen, Dinge besser zu machen. Doch egal, wie vielen bösen Geistern ich entgegentrat, wie viele Möchtegernschwarzmagier ich auch aufstöberte, es gab immer etwas anderes – etwas Schlimmeres –, das in der Dunkelheit auf mich wartete. Egal wie viele verlorene Kinder ich aufgabelte, es würde immer zehnmal so viele geben, die auf immer verschwanden.

Egal, wie viel ich tat, wie viel Müll ich aus dem Weg räumte, es würde immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

Ganz schön schwerwiegende Gedanken für einen müden, geschundenen Kerl wie mich, dessen Arme unter dem Gewicht des Mädchens ächzten.

Blinkende Lichter vor mir brachten mich dazu, den Blick zu heben. Die Einfahrt einer Gasse zwischen den Gebäuden war mit Polizeiband abgesperrt, und vier Autos mit blinkenden, Blaulichtern waren auf der Straße vor der Gasse abgestellt. Ein paar Rettungssanitäter schleppten eine verhüllte Gestalt auf einer Bahre aus der Gasse. Das Blitzlichtgewitter von Fotoapparaten badete die Gasse in weißes Stroboskoplicht.

Ich blieb stehen und zögerte.

„Was?“, flüsterte das Mädchen.

„Polizei. Vielleicht sollte ich dich abgeben.“

Ich spürte ihr müdes Achselzucken. „Die werden mich nur heimbringen. Egal.“ Sie sackte wieder gegen meine Brust.

Ich schluckte. Die Astors zählten zu Chicagos oberen Zehntausend. Sie besaßen genug Einfluss, um einen Penner von Möchtegernprivatdetektiv wie mich für eine lange Zeit hinter schwedischen Gardinen verschwinden zu lassen. Außerdem konnten sie sich die besten Anwälte leisten.

„Wir leben in einer beschissenen Welt, Dresden“, flüsterte die kühle, leise Stimme, „und die Guten verlieren, außer, sie haben teure Anwälte. Du sitzt im Knast, ehe du auch nur blinzeln kannst.“

Mein Mund verzog sich zu einem unangenehmen Lächeln, als eine der uniformierten Polizistinnen mich bemerkte und unverwandt in meine Richtung starrte. Ich drehte mich um und ging in die Gegenrichtung.

„He“, rief die Polizistin. Ich ging weiter. „He!“, rief sie erneut, und ich hörte forsche Schritte auf dem Bürgersteig.

Ich eilte in die Nacht und bog in die erstbeste Gasse ein. Die Schatten hinter einem Kistenstapel boten mir den perfekten Zufluchtsort, und ich trug das Mädchen mit mir in dieses Versteck. Ich hockte mich in die Finsternis und wartete ab, während die Schritte der Polizistin näherkamen und schließlich wieder leiser wurden.

Ich verharrte in der Dunkelheit und fühlte, wie sich Schwere und Finsternis auf meine Haut legten und in mein Fleisch sickerten. Das Mädchen zitterte nur und schmiegte sich atemlos an mich.

„Lassen Sie mich einfach hier“, sagte sie. „Gehen Sie über die Brücke. Der Troll wird sie hinüberlassen, wenn ich nicht dabei bin.“

„Ja“, sagte ich.

„Na los. Ich werde zur Polizei gehen, sobald Sie fort sind. Oder so.“

Sie log. Ich war mir nicht sicher, woher ich es wusste, aber ich wusste es.

Sie würde zur Brücke gehen.

Ich hatte gehört, Tapferkeit bringe einen dazu, das Notwendige zu tun, auch wenn man Angst hatte. Manchmal fragte ich mich, ob Mut nicht weitaus komplizierter war. Manchmal, dachte ich, zog einen Tapferkeit auch noch ein letztes Mal auf die Beine, wenn man am Boden lag. Man erledigte noch einen Stapel Papierkram, obwohl man eigentlich keinen Bock hatte. Vielleicht war es auch einfach nur Sturheit. Ich wusste es nicht.

Es war auch egal. Mir zumindest. Ich war Magier. Ich gehörte hier eigentlich nicht hin. Unsere Welt war ziemlich am Arsch. Das passte vielleicht den Trollen, den Vampiren und all den garstigen, höhnischen Kreaturen, die unsere Alpträume bevölkerten (während wir uns an unsere Physikbücher klammerten und uns einredeten, dass so etwas eigentlich nicht existieren konnte), in den Kram, aber ich war kein Teil davon, und ich würde auch niemals ein Teil davon sein.

Ich atmete in der Dunkelheit tief ein und fragte: „Wie heißt du?“

Sie schwieg eine Zeit lang und antwortete schließlich mit unsicherer Stimme: „Faith.“

„Faith“, sagte ich. Glaube. Na toll. Ich grinste und stellte sicher, dass sie dies an meinem Tonfall hörte. „Mein Name ist Harry Dresden.“

„Hallo“, wisperte sie.

„Hallo. Hast du je so etwas gesehen?“ Ich formte die Hand zu einer Schale, beschwor die letzten Funken meiner Macht und zauberte ein warmes, glimmendes Licht in den Ring an meiner rechten Hand. Das Glimmen beleuchtete Faiths Gesicht, und ich sah Spuren von Tränen auf ihren glatten Wangen, die ich vorher nicht bemerkt hatte.

Sie schüttelte den Kopf.

„Hier“, sagte ich und zog den Ring vom Finger. Dann steckte ich ihn ihr an den rechten Daumen, wo er ein wenig lose hing. Dabei erstarb das Licht, und wir saßen wieder in der Dunkelheit. „Lass mich dir etwas zeigen.“

„Die Batterien sind alle“, murmelte sie, „und ich habe kein Geld für neue.“

„Faith? Kannst du dich an den schönsten Tag in deinem Leben erinnern?“

Sie schwieg eine Minute lang. Dann sagte sie mit kaum vernehmlicher Stimme: „Ja. Ein Weihnachtsfest. Als Oma noch am Leben war. Oma war nett zu mir.“

„Erzähl mir davon“, drängte ich leise und legte meine Hand über ihre.

Ich fühlte, wie sie die Achseln zuckte. „Oma ist am Weihnachtsabend zu uns gekommen. Wir haben gespielt. Sie hat gern mit mir gespielt, und wir sind aufgeblieben, auf dem Fußboden vor dem Weihnachtsbaum, und haben auf den Weihnachtsmann gewartet. Sie hat mich am Weihnachtsabend ein Geschenk öffnen lassen. Ihr Geschenk für mich.“

Faith atmete ängstlich ein. „Es war eine Puppe. Eine echte Babypuppe. Meine Eltern hatten mir das ganze Barbie-Zeug gekauft, die gesamte Serie aus diesem Jahr. Sie haben gesagt, dass die später viel Geld wert sein werden, wenn ich sie alle in der Originalverpackung lasse. Aber Oma hat gehört, was ich mir wirklich wünsche.“ Dann hörte ich das verstohlene Lächeln in ihrer Stimme. „Oma hat mich lieb gehabt.“

Ich bewegte meine Hand, und ein weiches, rosiges Licht floss aus dem Ring über ihren Daumen, eine liebevolle, zärtliche Wärme. Ich hörte, wie Faith erstaunt nach Luft japste, und dann breitete sich ein erfreutes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

„Aber wie?“, flüsterte sie.

Ich erwiderte ihr Lächeln. „Magie“, sagte ich. „Die beste Art Magie. Ein Lichtchen in der Dunkelheit.“

Sie sah zu mir auf und fixierte mein Gesicht, meine Augen. Ich schreckte etwas vor dem wachen Interesse in ihrem Blick zurück. „Ich muss wieder zurück, nicht wahr?“, fragte sie.

Ich wischte ihr eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn. „Es gibt Menschen, die dich lieben. Oder die dich eines Tages lieben werden. Auch wenn du sie hier und jetzt nicht neben dir sehen kannst, sie sind da draußen. Aber wenn du die Dunkelheit in deine Augen lässt, wirst du sie vielleicht nie finden. Also ist es das Beste, wenn du auf deinem Weg immer ein wenig Licht bei dir hast. Denkst du, dass du dich immer daran erinnern kannst?“

Sie nickte zu mir hoch, ihr Gesicht schimmerte im Licht des Rings.

„Wann auch immer es zu dunkel wird, denke an all die guten Dinge, die du hast, die guten Zeiten, die du erlebt hast. Das wird helfen. Versprochen.“

Sie schmiegte sich an mich und umklammerte mich in einer einfachen, vertrauensvollen Umarmung. Meine Wangen wurden warm. Ich sentimentaler Wicht.

„Wir müssen gehen“, sagte ich zu ihr. „Wir müssen es über die Brücke schaffen und meinen Freund Nick treffen.“

Sie knabberte an ihrer Lippe, und Sorge spiegelte sich auf ihren Zügen wieder. „Aber der Troll …“

Ich zwinkerte. „Überlass ihn mir.“

Faith fühlte sich nicht halb so schwer an wie zuvor, als ich sie zurücktrug. Ich musterte die Brücke aufmerksam, als wir näherkamen. Vielleicht war ich ja in der Lage, hinüber zu sprinten, ohne dass mich der Troll aufhalten konnte, wenn ich ein wenig Glück hatte.

Ja klar, und vielleicht würde ich auch eines Tages in ein Kunstmuseum gehen und danach hoch gebildet sein.

Brücken waren sozusagen die Spezialität von Trollen. Vielleicht gab es eine magische Verbindung, vielleicht lagen Brücken Trollen einfach auch nur, aber wie dem auch sei, man kam nie ans andere Ende der Brücke, ohne dem Troll entgegentreten zu müssen. So war das Leben.

Ich setzte das Mädchen am Boden neben mir ab und trat auf die Brücke hinaus. „Nun gut, Faith“, sagte ich. „Was auch immer passiert, du gehst über diese Brücke. Mein Freund Nick wird jeden Augenblick am anderen Ende auftauchen.“

„Was ist mit Ihnen?“

Ich rollte lässig den Kopf von einer Schulter zur anderen. „Ich bin Magier“, sagte ich. „Ich habe ihn im Griff.“

Faith warf mir einen weiteren, äußerst skeptischen Blick zu und griff schüchtern nach meiner Hand. Ihre Finger fühlten sich sehr klein und warm in meinen an, und eine unerschütterliche Entschlossenheit durchströmte mich. Egal, was geschehen würde, ich würde nicht zulassen, dass der Troll dem Kind auch nur ein Haar krümmte.

Wir gingen auf die Brücke hinaus. Die wenigen Straßenlaternen, die zuvor noch geschienen hatten, waren erloschen – offenbar Gogoths Werk. Die Nacht hatte die Brücke in ihrer Gewalt, und der Chicago River lag spiegelglatt und kalt und schwarz unter unseren Füßen.

„Ich habe Angst“, flüsterte Faith.

„Er ist doch nur ein großer Schläger“, versicherte ich ihr, „wenn du ihm fest in die Augen siehst, wird er sich schon verziehen.“ Ich hoffte es zumindest. Wir gingen weiter und machten einen großen Bogen um den Kanalschacht am Scheitelpunkt der Brücke. Ich stellte sicher, dass ich mich immer zwischen Faith und dem Eingang des Trollverstecks befand.

Darauf musste Gogoth gebaut haben.

Ich hörte, wie Faith aufschrie, und fuhr herum. Ich sah, wie der dicke, haarige Arm des Trolls über den Rand der Brücke schoss, während Gogoth wie eine riesige, übergewichtige Spinne von der Seite der Brücke herabhing. Ich grollte und stampfte ein weiteres Mal auf seine Finger, worauf der Troll vor Wut aufbrüllte. Faith entwand sich seinem Griff, und ich schleuderte sie halb in Richtung des anderen Brückenendes. „Lauf!“

Der Arm des Trolls riss mich von den Beinen, und er kletterte viel zu flink und leichtfüßig für seine Körpermasse über das Geländer. Seine glosenden Augen nahmen die fliehende Faith ins Visier, und weiterer schleimiger Sabber spritzte aus seinem Maul. Er ließ sein Fleischerbeil wie eine Sense durch die Luft sausen und kauerte sich nieder, um dem Kind hinterherzuspringen.

Ich kam wieder auf die Beine, schrie und warf mich gegen Gogoths Bein. Ich schwang die langen Beine herum und schlang sie um die der Kreatur. Der Troll brüllte zornig auf und stürzte mit mir zu Boden. Ich hörte mich selbst manisch lachen und beschloss, dass ich ohne jeglichen Zweifel zumindest ein Schräubchen locker hatte.

Der Troll packte mich am Revers meiner Jacke und schleuderte mich fest genug gegen das Brückengeländer, dass ich Sternchen sah.

„Magier“, schnaubte Gogoth und spie Sabber und Schaum. Das Fleischerbeil zischte durch die Luft, und der Troll kam lauernd auf mich zu. „Jetzt du stirbst, und Gogoth deine Knochen kaut.“

Ich rappelte mich auf, aber es war zu spät. Ich sah keine Möglichkeit mehr, davonzulaufen oder über das Brückengeländer zu hechten.

Faith schrie: „Harry!“, und ein rosa Blitz zuckte über die Brücke. Der garstige Schädel des Trolls fuhr in Richtung der gegenüberliegenden Seite des Flusses herum. Ich duckte mich nach links und rannte vom Troll weg auf Faith zu. Als ich aufschaute, sah ich, wie Nicks Auto in einem solchen Höllentempo auf die Brücke zuraste, dass ich mir sicher war, dass mein Partner mitbekommen hatte, dass etwas nicht in Ordnung war.

Der Troll heftete sich an meine Fersen, und auch wenn ich ihm einige Schritte voraus war, beschlich mich der Verdacht, dass die Bestie leichtfüßiger und schneller war als ich. Das Fleischerbeil schnitt mit einem pfeifenden Geräusch durch die Luft und schrammte knapp an meinem Scheitel vorbei. Ich hechtete nach rechts, duckte mich, und auch der zweite Hieb verfehlte mich um Haaresbreite. Ich stolperte, fiel, und einen Herzschlag später stürzte sich der Troll auf mich. Ich rollte mich gerade rechtzeitig zur Seite, um zu sehen, wie er das blutverkrustete Beil hoch über seinen Schädel in die Luft riss. Sabber spritzte auf meine Brust.

„Magier!“, rief der Troll.

Ein Schrei hallte durch die Luft, und die Polizistin, die uns zuvor gefolgt war, warf sich gegen den Rücken des Trolls und presste ihm ihren Schlagstock an die Kehle. Sie zog den Schlagstock mit einem geübten Ruck zurück, und die Augen des Trolls quollen aus den Höhlen hervor. Mit einem metallischen Scheppern fiel das Fleischerbeil aus Gogoths Hand auf den Asphalt.

Die Polizistin lehnte sich zurück und zwang den Troll, den Rücken zu einem schmerzhaften Bogen zu krümmen – doch sie hatte es nicht mit einem Menschen zu tun. Das Ding schüttelte den Kopf, wand sich, entkam ihrem Würgegriff, öffnete sein Maul zu einem erbosten Brüllen, das ihr sprichwörtlich die Polizeimütze vom Kopf fegte, und stieß sie zurück. Sie stolperte mit weit aufgerissenen Augen nach hinten. Der wütende Troll rammte seine Faust in den Asphalt, der unter der Wucht krachend aufbrach und hob die andere Faust, um sie der Polizistin in den Schädel zu schmettern.

„He, du hässliches Stück!“, rief ich.

Der Troll drehte sich gerade rechtzeitig um, um mitzubekommen, wie ich das schwere Fleischerbeil in seine Flanke drosch.

Das faule, ekelhafte Fleisch unter seinen Rippen klaffte mit einem fauchenden Geräusch auf. Gogoth warf den Kopf in den Nacken und stieß ein ohrenbetäubendes Heulen aus. Ich wusste, was als nächstes kommen würde und brachte mich in Sicherheit.

Die arme Polizistin glotzte mit weißem Gesicht, als die Wunde an der Seite des Trolls weiter aufriss und sich Duzende, Hunderte, Tausende winziger, sich windender Gestalten, die aus vollem Halse kreischten und krakeelten, aus dem Schnitt in seinem Fleisch ergossen. Die massiven Muskeln der Bestie fielen in sich zusammen wie ein alter Basketball, aus dem man die Luft ließ, und langsam sackte das Ungeheuer in sich zusammen, während Myriaden winziger Trolle die Brücke überfluteten. Ihre Köpfe waren kaum größer als der des Präsidenten auf einem Geldstück. Sie quollen wie eine Flut aus Gogoth und ergossen sich in einer zuckenden, zappelnden Horde über die Brücke.

Die Wangen des Trolls fielen ein, und seine Augen verschwanden. Sein Maul öffnete sich zu einem hohlen Gähnen, und während sich der ledrige, dreckige Sack winziger Trolle langsam leerte, sank Gogoth zu Boden, bis nichts weiter übrig war, als seine leere Haut, die sich wie ein schmutziger, weggeworfener Regenmantel über den Asphalt breitete.

Die Polizistin stierte mit weit offenem Mund, der stumm Worte zu formen versuchte. Ein Fluch oder ein Gebet, wer wusste das schon? Die Scheinwerferkegel von Nicks Auto fuhren herum und geisterten über die Brücke, und mit zwanzigtausend Protestschreien zerstreuten sich die winzigen Trolle im Lichtschein in alle Himmelsrichtungen.

Ein paar Sekunden später waren nur noch ich, Faith, die Polizistin und Nick, der uns über die Brücke entgegenkam, vor Ort. Faith vollführte einen Satz in meine Richtung und schlang ihre Arme in einer aufgeregten Umarmung um meine Taille. Ihre Augen leuchteten vor Aufregung. „Das war das Scheußlichste, was ich je gesehen habe. Wenn ich einmal groß bin, möchte ich auch Magierin werden!“

„Das war … war …“, stammelte die Polizistin verdattert. Sie war nicht besonders groß, kräftig, und jetzt, wo sie ihre Mütze verloren hatte, kam streng geflochtenes, blondes Haar zum Vorschein.

Ich zwinkerte zu Faith hinunter und nickte der Polizistin zu. „Ein Troll. Ich weiß.“ Ich schlenderte zu ihrer Mütze hinüber und wischte den Schmutz ab. Einige wenige Trolle, die sich geifernd beschwerten, purzelten auf die Straße und machten sich eilig aus dem Staub. „Aber danke für die Hilfe, Officer …“ – ich linste auf ihre Marke – „Murphy.“ Ich lächelte und reichte ihr ihre Mütze.

Sie nahm sie mit steifen Fingern entgegen. „Oh Gott. Ich habe wirklich den Verstand verloren.“ Sie blinzelte ein paarmal und sah mir dann unverwandt ins Gesicht. „Sie. Sie sind der Astor-Entführer.“

Ich öffnete den Mund, um mich zu verteidigen, aber ich hätte mir nicht mal die Mühe machen sollen.

„Sie machen wohl Witze“, knurrte Faith Astor. „Dieser … Clown? Mich entführen? Der könnte sich nicht mal eine Zigarette vom Marlboromann schnorren.“ Sie drehte sich zu mir um und zwinkerte. Dann streckte sie die Handgelenke in Murphys Richtung. „Ich gestehe es, ich bin von daheim ausgerissen. Stecken Sie mich ins Loch und werfen Sie den Schlüssel weg!“

Murphy, das musste man ihr zugestehen, steckte die Tatsache, dass sie gerade dem Monster von unter ihrem Bett begegnet war, erstaunlich gut weg. Sie klaubte ihren Schlagstock vom Boden auf, ehe sie zu Faith hinüber ging, um sie auf etwaige Verletzungen zu untersuchen. Dann warf sie Nick und mir einen misstrauischen Blick zu.

„Ooooh Kacke“, stöhnte Nick, als er sich in all seiner bulligen Pracht neben mir aufpflanzte. „Jetzt kommt’s. Du bekommst die obere Matratze im Stockbett, langer Lulatsch, aber ich werde mit Sicherheit nicht die Seife für dich in der Dusche aufheben.“

Die Polizistin fixierte Nick und mich. Dann sah sie zu Faith hinüber. Schließlich schweifte ihr nachdenklicher Blick zu dem ledrigen Haufen, der einmal Gogoth der Troll gewesen war. Ihr Blick wanderte wieder in unsere Richtung. „Sind Sie nicht die zwei, die Straßenengel betreiben? Die Detektei, die vermisste Kinder sucht?“

„Ich bin der Chef“, seufzte Nick ergeben. „Er arbeitet für mich.“

„Genau, was er sagt“, warf ich ein, um Nick zu versichern, dass ich ihn nicht allein in den Knast wandern lassen würde.

Murphy nickte und betrachtete das Mädchen. „Geht es dir gut, Süße?“

Faith schniefte und grinste zu Murphy empor. „Etwas hungrig, und ich könnte ein Pflaster für diese Schrammen gebrauchen. Aber davon abgesehen geht es mir gut.“

„Die zwei haben dich nicht entführt?“

Faith schnaubte. „Bitte!“

Murphy nickte und wies mit dem Schlagstock auf Nick und mich. „Ich muss das melden. Sie beide sind besser verschwunden, wenn mein Partner eintrifft.“ Sie sah zu Faith hinab und zwinkerte. Im Gegenzug grinste Faith breit zu ihr empor.

Murphy begleitete das Mädchen auf die andere Flussseite zu den wartenden Polizeieinheiten. Nick und ich schlurften zurück zu seinem Wagen. Nicks breites, ehrliches Gesicht leuchtete vor ängstlichem Vergnügen. „Ich kann’s nicht glauben“, sagte er. „Ich kann nicht glauben, was da passiert ist. War das der Troll, wie hieß er noch gleich?“

„Gogoth“, erwiderte ich amüsiert. „Nichts, das größer ist als ein Brotkrumen, wird sich für eine lange Zeit auf dieser Brücke vor Trollen in Acht nehmen müssen.“

„Ich kann’s nicht glauben“, wiederholte sich Nick. „Ich hätte gedacht, du wärst sowas von tot. Ich kann’s nicht glauben.“

Ich warf einen Blick auf die Brücke. Auf der anderen Seite stand Faith auf Zehenspitzen und winkte. Ein sanftes, rosiges Glimmen strömte von dem Ring an ihrem rechten Daumen. Ich sah das Lächeln auf ihrem Gesicht. Die Polizistin musterte mich auch, mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Dann lächelte auch sie.

Ich warf einen Arm um Nicks Schulter und grinste. „Wie ich es immer wieder sage, Alter. Etwas Glaube schadet nie.“

Dies ist ein extrem kurzes Stück, das ich auf Bitten meiner Verlegerin Jennifer Heddle schrieb, die es für eine Werbegeschichte benötigte – eines dieser Gratisbüchlein, die manchmal auf Conventions verteilt werden, wenn ich mich recht erinnere. Ich hatte es im Chaos des Alltags beinahe verschwitzt, bis mir einfiel, dass die Abgabefrist am nächsten Morgen war.

Höchstwahrscheinlich hätte es geholfen, wenn ich mich um neunzehn oder zwanzig Uhr daran erinnert hätte statt um zwei Uhr morgens.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich behaupten kann, der Autor dieses Stücks zu sein, da es eigentlich von einer Großkoalition von Koffeinmolekülen und nervösen Muskelzuckungen verfasst wurde.

Vignette

– Spielt zwischen Silberlinge und Bluthunger –

Ich saß auf einem Schemel im zugemüllten Labor unter meiner Kellerwohnung. Es war kalt genug, um eine Robe zu tragen, doch die Dutzende von Kerzen, die in dem Raum brannten, vermittelten wenigstens die Illusion von Wärme.

Ich starrte auf meine Anzeige in den gelben Seiten:

HARRY DRESDEN – MAGIER

Suche verlorene Gegenstände.

Paranormale Ermittlungen.

Beratung und Ratschläge.

Erschwingliche Honorare.

Keine Liebestränke, keine unerschöpflichen Geldbörsen, keine Partys, keine sonstigen Unterhaltungsveranstaltungen.

Ich sah zu dem Totenschädel auf dem Regal über meinem Labortisch empor. „Ich kapier’s nicht.“

„Flach, Harry“, sagte Bob, der Totenschädel. Lodernde orange Lichter tanzten in den Augenhöhlen des Schädels. „Es ist einfach nur flach.“

Ich blätterte weiter. „Klar. Sind doch die meisten. Ich glaube nicht, dass sie Reliefdruck überhaupt anbieten.“

Bob rollte mit den Augenlichtern. „Nicht wortwörtlich, du Torfkopf. Flach im künstlerischen Sinn. Es hat keinen Schwung. Keinen Pepp. Keine Chuzpe.“

„Keine was?“

Bob drehte sich zur Seite und schlug das, was seine Stirn gewesen wäre, gegen einen schweren, bronzenen Kandelaber. Nach einigen dumpfen Schlägen wandte er sich wieder mir zu und verkündete: „Es ist langweilig.“

„Oh“, stöhnte ich. Ich rieb mir das Kinn. „Du meinst, ich hätte mir Vierfarbdruck leisten sollen?“

Bob stierte mich eine Sekunde lang unverwandt an und sagte: „Weißt du, ich habe Alpträume, in denen ich in der Hölle schmore und den ganzen Tag mit Zahlen jonglieren und mich mit Leuten wie dir unterhalten muss.“

Ich funkelte den Schädel an und nickte. „Na schön. Du findest also, es benötigt etwas mehr Dramatik.“

„Mehr irgendwas. Etwas mehr Dramatik würde helfen. Oder Titten.“

Ich seufzte. Ich ahnte schon, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde. „Ich werde keine langbeinige Schreibkraft einstellen. Damit wirst du leben müssen.“

„Ich habe kein Sterbenswörtchen über Beine verloren. Aber wo wir gerade bei diesem Thema sind …“

Ich legte das Telefonbuch zur Seite und angelte mir wieder einen Bleistift. „Ich bin gerade mit Formulas obscuras beschäftigt, Bob.“

„Das heißt Formulae obscurae, oh Großmeister alles Lateinischen, und wenn du nicht bald ein paar Jobs an Land ziehst, werden dir diese neuen Zaubersprüche auch nicht mehr aus dem Schlamassel helfen. Außer wenn dir diese Sprüche beim nächsten Ladendiebstahl dazu dienen, deine Einkäufe zu klauen.“

Ich knallte den Bleistift so hart auf den Tisch, dass die Spitze abbrach und warf Bob einen bitterbösen Blick zu. „Na gut. Was soll ich deiner Meinung nach schreiben?“

Bobs Augenlichter blitzten. „Sag etwas über Monster. Monster sind immer gut.“

„Verschon mich!“

„Ich meine es ernst! Statt der Zeile mit Beratung und Ratschläge und den verlorenen Gegenständen, versuch’s doch mal damit: ‚Schnetzle Scheusale, massakriere Monster, vermöble Vampire, dezimiere Dämonen!‘“

„Prima“, stöhnte ich. „Nach all den Alliterationen werden mir Kunden die Bude einrennen.“

„Klar!“

„Selbstverständlich nur, wenn es sich bei den Kunden um Geistesgestörte handelt“, antwortete ich. „Bob, ich weiß nicht, ob dir das schon jemand verklickert hat, aber die meisten Leute glauben nicht daran, dass Monster und Unholde oder so ein Gekröse überhaupt existieren.“

„Die meisten Leute glauben auch nicht an Liebestränke, und trotzdem hast du sie in deiner Annonce.“

Ich hielt mein Temperament mühsam im Zaum. „Der Punkt ist“, belehrte ich Bob, „dass ich eine Anzeige brauche, die einen seriösen, professionellen und verlässlichen Eindruck vermittelt.“

„Ja. Bei Werbung dreht sich doch alles um gute Lügen“, sagte Bob.

„He!“

„Du bist einfach ein beschissener Lügner, Harry. Im Ernst. Das solltest du mir glauben.“

„Keine Monster“, gab ich mich aufmüpfig.

„Schon gut, schon gut“, sagte Bob. „Wie wäre es dann, wenn wir dem Ganzen einen positiven Anstrich geben? Etwas in die Richtung: ‚Rette Jungfrauen, breche Flüche, entlarve Bösewichte, beschütze Einhörner.‘“

„Einhörner?“

„Mädels stehen auf Einhörner.“

Ich rollte mit den Augen. „Das ist ein Inserat für eine Detektei, nicht für eine Partnervermittlung. Außerdem hat das einzige Einhorn, dem ich je begegnet bin, versucht, mich aufzuspießen.“

„Irgendwie begreifst du das ganze Konzept ‚Werbung lügt immer‘ nicht so ganz, Harry.“

„Keine Einhörner“, sagte ich energisch. „Die Annonce ist gut, so wie sie ist.“

„Kein Stil“, beschwerte sich Bob.

Ich tat, als wäre ich geistig zurückgeblieben. „Stil tut, was dem Stil beliebt.“

„Na gut. Mal angenommen, wir schießen jede Intelligenz in den Wind und drucken nur noch die Wahrheit. ‚Vampirtöter, Geisterjäger, Feenvernichter, Werwolfkammerjäger, Polizeiberater, Feind aller Fußsoldaten der Hölle.‘“

Ich ließ mir das für eine Minute durch den Kopf gehen, schnappte mir ein frisches Blatt Papier und schrieb es auf. Ich fixierte die Worte.

„Siehst du?“, sagte Bob. „Das sieht doch mal richtig heiß aus, erregt Aufmerksamkeit und entspricht der Wahrheit. Was hast du zu verlieren?“

„Das Benzingeld für diese Woche“, antwortete ich. „Zu viele Buchstaben. Außerdem erwürgt mich Murphy, wenn ich überall rumposaune, dass ich den Bullen aus der Patsche helfe.“

„Bei dir ist Hopfen und Malz verloren“, sagte Bob.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich mache das nicht wegen des Geldes.“

„Weswegen denn sonst, Harry? Teufel auch, in den letzten Jahren hast du beinahe eine Million Mal ins Gras gebissen. Warum machst du es sonst?“

Ich schielte zu dem Schädel hoch. „Weil es jemand tun muss.“

„Bei dir ist Hopfen und Malz verloren“, wiederholte Bob.

Ich lachte, schnappte mir einen neuen Bleistift und widmete mich wieder meinen Formulas – Formulae. „So ziemlich.“

Bob seufzte und verstummte. Mein Bleistift kratzte über das saubere, weiße Papier, während die Kerzen beständig und warm vor sich hin brannten.

Ich schrieb dieses Stück, um einen Beitrag für die erste Anthologie, zu der ich jemals eingeladen wurde, beizusteuern. Ich hatte Pat Elrod auf einer Convention kennengelernt und fand sie sei eine äußerst coole Frau. Als sie fragte, ob ich Lust hätte, an der Anthologie mitzuarbeiten, sagte ich nur zu gerne zu.

Als ich diese Geschichte schrieb, fand ich, die Alphas hätten bis zu diesem Zeitpunkt in der Serie viel zu wenig Rampenlicht genossen. Die Gelegenheit schien perfekt, ihnen etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen und gleichzeitig zu zeigen, welche Bahn ihr Leben nach ihren Tagen an der Uni genommen hatte, und was war dazu besser geeignet als Billys und Georgias Hochzeit?

Unwichtiges Detail am Rande: Als ich an der Uni an meinem Abschluss in kreativem Schreiben arbeitete und bereits an den ersten drei dunklen Fällen des Harry Dresden schrieb, sah meine Frau Shannon am Abend oft Ally McBeal, während ich in die Tasten hieb. Ich widmete dem Fernsehprogramm kaum Aufmerksamkeit, und so dauerte es Jahre, bis ich feststellte, dass ich Billy und Georgia unbewusst nach Charakteren in Ally McBeal benannt hatte.

Wer hätte das gedacht? Fernsehen zerfrisst einem wirklich das Hirn.

Etwas Geliehenes

Aus My Big Fat Supernatural Wedding,

herausgegeben von P. N. Elrod

– Spielt zwischen Erlkönig und Schuldig –

Stahl bohrte sich in mein Bein, und mein Körper verkrampfte sich vor Schmerz, doch ich musste mich zwingen, mich nur ja nicht zu rühren. „Billy“, grollte ich mit zusammengebissenen Zähnen, „bring ihn um!“

Billy, der Werwolf, schielte von seinem Sessel zu mir herüber und erwiderte: „Das wäre vielleicht doch ein wenig extrem.“

„Das ist die reinste Folter“, beschwerte ich mich.

„Ach, gute Güte, Dresden“, feixte Billy vergnügt. „Er passt doch nur einen Frack an.“

Yanof, der Schneider, ein untersetzter, bulliger Kerl, der vor kurzem aus Transsloboviakastan oder sonst wo her nach Chicago ausgewandert war, funkelte mich unverwandt an. Er hatte sich mehrere Nadeln zwischen die Lippen geklemmt, und seine Augen blitzten herablassend auf. Ich war knapp zwei Meter groß. Ich verstand schon, dass es keinen Spaß machte, wenn man wenige Stunden vor einer Hochzeit noch den Frack für einen Typ meiner Größe abändern musste.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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