Nell Gwyn - Charles Beauclerk - E-Book

Nell Gwyn E-Book

Charles Beauclerk

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Beschreibung

"Ich bin doch die protestantische Hure!", ruft Nell 1681 dem aufgebrachten Londoner Pöbel entgegen,der im Begriff steht, ihre Kutsche zu stürmen, und kann daraufhin ihren Weg unbehelligt und unter den Jubel-rufen der Menge fortsetzen. "Eine Prinzessin des Volkes" nennt Charles Beauclerk seine Urahnin Nell Gwyn. Der legendären Mätresse Charles II., des englischen Königs, widmet er eine ebenso brillante wie warmherzige Biografie, die zugleich ein farbenprächtiges Epochenbild entrollt: England in den übermütig aufschäumenden Jahren der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die das Duckmäusertum der Ära Cromwell hinwegfegten.-

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Charles Beauclerk

Nell Gwyn

Schauspielerin und Geliebte des Königs

Aus dem Englischen vonJutta Bretthauer

Übertragung der Verse vonChristine Wunnicke

Saga

Nell Gwyn

German

© 2005 Beauclerk

Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Osburg Verlag Hamburg 2009 www.osburg-verlag.de. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711448816

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Für meinen Vater

Prolog

Strahlendes Weiß

Diese Biographie zeichnet das Leben von Nell Gwyn nach (1650–1687), der bekanntesten und beliebtesten der Mätressen Charles’ II., deren siebzehn Jahre währendes Verhältnis mit dem König eine der großen Liebesgeschichten unserer Geschichte darstellt.

Nell Gwyn war die Verkörperung ihrer Zeit und wurde deshalb auch als die »wahre Königin des Englands der Restaurationszeit« bezeichnet. Sie hat alle Stufen gesellschaftlicher Existenz erlebt, und wenn auch ihr Sohn in den Rang eines Herzogs erhoben wurde, so starb doch ihre Mutter in der Gosse. Sie war eine der ersten Berufsschauspielerinnen in England, und sofern wir Samuel Pepys und John Dryden Glauben schenken dürfen, die beste Komödiantin ihrer Zeit. Sie war eine echte »Prinzessin des Volkes« und die einzige königliche Mätresse, die je dazu beigetragen hat, die Beliebtheit des Monarchen zu steigern. Die Geschichte der Liebe des Königs zu ihr symbolisiert die Verbindung des Herrschers mit seinem Volk.

Wie der Dramatiker und Autor Clifford Bax es einmal ausgedrückt hat, »beinhaltet ihr Name für all jene, deren Muttersprache das Englische ist, mehr Sonnenschein als der Name irgendeiner anderen Frau in der Geschichte«.1 »Eleanor«, »Ellen« und »Nell« sind allesamt Spielarten von Helena und bedeuten soviel wie »die Helle oder Strahlende«, ein Name, der an Helena von Troja denken lässt, die betörendste aller Frauen, aber auch an die Heilige Helena, die keltische, zum Christentum übergetretene Mutter des Kaisers Konstantin und Tochter jenes legendären, guten alten Königs King Cole.2 Der Name »Gwyn« bedeutet im Walisischen »Weiß«, so dass Nell Gwyn die »strahlend Weiße« ist, ein perfekter Name für eine Frau, deren bemerkenswerte Unschuld, deren Humor und Anständigkeit sie zu einer Volksheldin der englischen Geschichte gemacht haben.

Ihrer Biographin Jeanine Delpech zufolge besaß Nell mit ihrem ›lebhaften, blitzgescheiten Gesicht‹ alle Merkmale einer Märchenprinzessin.3 Bemerkenswert ist auf jeden Fall, dass so viele heutige und frühere Kommentatoren eher ihren Verstand und Witz hervorheben als ihre eigentliche Schönheit. Samuel Pepys war der Erste, der feststellte: »Fürwahr, eine höchst liebreizende Person«, und Aphra Behn, die Dramatikerin der Restaurationszeit, sprach von ihrem »zeitlos anmutigen« Gesicht und schrieb: »Wo immer du auch erscheinst, erfüllst du die Herzen jener mit Freude, die das Glück genießen, dich zu sehen, gerade so, als wärest du dazu ausersehen, alle Welt in gute Stimmung zu versetzen.«4 Und selbst Winston Churchill, der nicht gerade für überschwängliche Komplimente bekannt ist, erwähnt in Band II seiner History of the English-Speaking Peoples die »überirdisch schöne und stets gut gelaunte Nell Gwyn«.

Anekdoten und Geschichten über Nell wurden von Generation zu Generation weiter erzählt und haben sie auch für jene zu einem Begriff gemacht, die sich normalerweise nicht für die Geschichte des siebzehnten Jahrhunderts interessieren. Selbst so ein Lausebengel wie Huckleberry Finn hat schon von ihr gehört. Und als er und Jim auf ihrem Floß den Mississippi hinunterschippern, versucht er, den Freund in die vertrackten Verhältnisse der englischen Geschichte einzuweihen: »Mann, du hättest mal den guten alten Heinrich VIII. sehen sollen, als der noch ein junger Kerl war. Der war vielleicht ein Kerl! Jeden Tag hat er ’ne neue Frau geheiratet und am nächsten Tag hat er ihr dann den Kopf abgehauen. ›Bringt mal Nell Gwyn her‹, sagt er, und man bringt sie. Und am nächsten Morgen: ›Kopf ab!‹ und ab war er.«

Geschichtsforschung und volkstümliche Überlieferung haben sich bei der Wiedergabe ihrer Liebesgeschichte stets kreativ ergänzt. Doch in unserer Wahrnehmung von Nell Gwyn spielt noch eine weitere, tiefer gehende Dimension eine Rolle: der Mythos. Der Mythos, der ihre Geschichte am besten repräsentiert, ist der vom Aschenputtel, das seinen Traumprinzen findet, weil es sich selber treu bleibt. Es ist die Geschichte vom Triumph des Geistes über niedere Begierden, und es ist die Offenbarung von innerer Schönheit. Im Gegensatz zu seinen stolzen, ruhmsüchtigen Stiefschwestern bleibt das Aschenputtel seinen innersten Gefühlen treu. Es bleibt zu Hause am Herd und hält so die Flamme seiner Individualität am Leben. Diese Aufrichtigkeit bewirkt, dass übernatürliche Kräfte in Form eines Haselstrauchs und einer Taube ihm zu Hilfe kommen – beides Sinnbilder des Geistes. Am Ende ist es der Prinz, der das Aschenputtel erwählt, und nicht umgekehrt. Und ebenso verhielt es sich mit Nell, die sich nicht einmal einen Monat lang als Spielgefährtin und Geliebte des Königs hätte halten können, geschweige denn siebzehn Jahre, wäre sie sich nicht selber treu geblieben.

Genau wie beim Aschenputtel, das sich auf übernatürliche Kräfte stützt, um auf dem Ball des Prinzen tanzen zu können, ist auch etwas geradezu Wundersames daran, dass es Nell Gwyn gelang, das Herz des Königs für sich zu gewinnen. Wie war es einer in den Elendsvierteln von London aufgewachsenen Austernhökerin möglich, eine dauerhafte Beziehung zu dem wichtigsten Mann im Land herzustellen und sich bei Hofe einen Platz zu erobern? Nun, sie muss wohl schon wie ein Wirbelsturm in den weiten Gängen und den Ankleideräumen von Whitehall empfunden worden sein und nicht nur wie eine frische Brise. Bischof Burnet, ein unverhohlener Kritiker Charles’ II., beschrieb Nell jedenfalls als »das taktloseste und wildeste Geschöpf, das je bei Hofe gesehen ward«.

Die Antwort auf diese Frage liegt höchstwahrscheinlich in der Rolle, die sie übernahm; sie spielte den Narren, dessen Markenzeichen, die Naivität, ihr den königlichen Schutz sowie einen eigentümlich innigen und unverrückbaren Platz im Herzen des Herrschers sicherte. In gewisser Weise setzte Nell einfach ihre Karriere als Schauspielerin fort, die sie auf dem Theater begonnen hatte, nur dass dieses Mal ihre Bühne der Hof war. Als Parodistin, Schelm und ganz allgemein als die Lady, die für Unruhe sorgt, füllte sie am nachmittelalterlichen Hof Charles’ II. eine echte Lücke aus.

Ich schreibe als ein direkter Nachfahre von Nell Gwyn und König Charles II. sowie als Erbe des Herzogtitels von St. Albans, eines Titels, den der König für ihren gemeinsamen Sohn geschaffen hat. Damit möchte ich von Anfang an klarstellen, dass dies ein sehr subjektives Porträt meiner Vorfahrin ist. Das soll nun aber keineswegs heißen, dass mein Blick auf die ›Fakten‹ weniger streng ist als der meiner Biographenvorgänger, sondern nur, dass ich gerne jenes lebendige, familiäre Band wiederaufnehmen möchte, das mich mit meiner Ahnin verbindet. Letztendlich habe ich versucht, mit dieser Biographie ein intimes Bild von Nell Gwyn zu zeichnen, eines, das über die Ikone hinausgeht und zur lebendigen Person vordringt; ich wollte herausfinden, welche Bedeutung sie für das Leben am Hof und auch für das Land insgesamt gespielt hat.

Bei der Erforschung ihrer Rolle und Bedeutung für das Leben der Nation habe ich mich nicht nur auf die historische Berichterstattung gestützt, sondern auch die Mythen und Erzählungen mit einbezogen, die ihr Leben umranken. Damit ist es mir hoffentlich gelungen, Nell Gwyns Bedeutung für ihre Zeit und auch für die unsrige herauszustellen. Wir haben es hier mit einer Frau zu tun, die die Monarchie zum Volk und das Volk zur Monarchie gebracht hat, mit einer Frau, die zum Sinnbild für die Verbindung von König und Untertan geworden ist. Was würde das heutige Haus Windsor nicht alles darum geben, mit einer solch starken Kraft auf die Psyche des Volkes Einfluss nehmen zu können.

Kapitel 1

Bescheidene Anfänge

Angesichts der Umstände, unter denen Nell Gwyn aufwuchs, ist es bemerkenswert, dass wir nicht nur das Datum ihrer Geburt kennen, sondern sogar den genauen Zeitpunkt. Diesen glücklichen Zufall verdanken wir dem Antiquar und Astrologen Elias Ashmole, der ein Horoskop auf ihren Namen gestellt hat, das sich heute in der Bodleian Library in Oxford befindet. Ashmole zufolge, der diese Auskünfte möglicherweise von der Dame persönlich erhalten hat, wurde Nell Gwyn am Samstag, dem 2. Februar 1650 um sechs Uhr in der Früh geboren. Die Angabe des Geburtsortes fehlt, und wir wissen auch nicht, in wessen Auftrag diese Geburtskonstellation errechnet wurde.

Die Astrologen, von denen zwei auch ihre Biographen waren, scheinen sich darin einig zu sein, dass die von Ashmole berechnete Konstellation ein wahrheitsgetreues Bild von Nell Gwyn zeichnet und dass deshalb die zugrunde gelegten Daten richtig waren. Es überrascht nicht, dass zum Zeitpunkt ihrer Geburt Venus am Horizont stand, was ihr Schönheit und Charme sowie die Liebe zum Vergnügen und zu materiellen Annehmlichkeiten mitgab. Im Zenit, im charismatischen Haus des Skorpions aber stand Jupiter, womit ihr die Aussicht in die Wiege gelegt wurde, eines Tages Berühmtheit zu erlangen und Schutz von ganz oben zu genießen sowie die Gewissheit, dass sich ihr auf dem Weg ins ersehnte Rampenlicht nur wenige Hindernisse in den Weg stellen würden. Das Element Erde, das doch so viele ganz natürlich mit Nell in Verbindung bringen, fehlt in der Konstellation fast gänzlich, stattdessen erscheinen Mutterwitz und Spontaneität als ihre herausragenden Eigenschaften.

Ihr Geburtstag fiel mit dem keltischen Ibolcfest zusammen, mit dem die Rückkehr der Sonne gefeiert wurde. Dieser Tag war der keltischen Göttin Brigid gewidmet, der Lichtbringerin, in deren Tempel in Kildare die ewige Flamme gehütet wurde. Unter der katholischen Kirche wurde aus Birgid dann die heilige Brigitte und das Imbolcfest wurde umgewandelt in das Fest von Mariä Reinigung, bei dem um Mitternacht Kerzen entzündet werden, um mit ihnen die allerersten Anzeichen des Frühlings zu begrüßen.

Auch wenn wir mit ihrem Namen und mit ihrem Geburtstag Licht und Helligkeit assoziieren, so kam Nell Gwyn doch zu einem der dunkelsten Zeitpunkte in der englischen Geschichte zur Welt. Fast genau ein Jahr zuvor war König Charles I. hingerichtet worden und hatte die Nation in einem Zustand des Schocks und der Verwirrung zurückgelassen. Die Theater waren geschlossen, die Maibäume gekappt, öffentliche Vergnügungen und Feiertage waren abgeschafft, Tanz, Gesang und das Spielen von Musikinstrumenten verboten. Sogar Ringkämpfe, Springen, Laufen und ›unnötiges Schreiten‹ (d.h. Spazierengehen) waren dem gemeinen Volk untersagt. Ehebruch galt nun als Kapitalverbrechen. Der eiserne Riese Puritanismus donnerte durch das Land und drohte, das gesamte gesellschaftliche Gefüge auseinanderzureißen.

Es herrschte die allgemeine Überzeugung vor, das Ende der Welt sei nahe und Christus werde zurückkehren und sein tausendjähriges Reich auf Erden antreten. Die Hinrichtung des Königs hatte diese Endzeitstimmung noch verstärkt. Vom Land strömten Messiasse, Propheten sowie Angehörige aller nur denkbaren Sekten, Männer wie Frauen, nach London, und ganz England erlebte so etwas wie einen Nervenzusammenbruch. Von allen Seiten hörte man Prophezeiungen, und die kamen der Regierung durchaus recht, konnte sie doch damit ein Meinungsklima schaffen, das ihren Zielen förderlich war. So gab es etwa Deutungen, die in der Hinrichtung des Königs eine notwendige Vorbedingung für die Herrschaft Christi sahen. Zur Zeit von Nells Kindheit wimmelte es in London nur so von besessenen Seelen.

Das Hauptziel für die blindwütigen Projektionen der Puritaner gaben natürlich die Frauen ab, denn in ihnen sahen sie die Verkörperung der dunklen Seite der Menschheit. Ihr Status in der neuen Gesellschaft war nur um ein weniges besser als der von Kindern. Vorbei waren die Tage von Shakespeares geistvollen Heldinnen. Die Puritaner strebten unaufhörlich nach dem Licht, und deshalb unterdrückten sie die eigenen Triebe und verdrängten diese gleich sich windenden Teufeln in die hintersten Winkel ihrer Seele. Stattdessen hielten sie außerhalb ihrer Selbst Ausschau nach den Objekten, die sie quälten. Die Frauen waren da ein geeigneter Sündenbock, und jene, die sich aufgrund ihres unabhängigen Geistes nicht fügen wollten, wurden entweder verrückt oder aber Prostituierte. Es ist übrigens nicht verwunderlich, dass die Prostitution im Commonwealth weiter verbreitet war als unter der Herrschaft von Charles I. Das ist nun einmal das Ergebnis von Verteufelungen.

Eines schönen Morgens jedoch widerfuhr ihnen in der St-Paul’s-Kathedrale die wohlverdiente Gerechtigkeit. Ein puritanischer Geistlicher predigte gerade über die Wiederauferstehung, als sich plötzlich eine Dame von ihrem Platz in der Kirchenbank erhob, all ihre Hüllen fallen ließ und mit dem begeisterten Ruf »Es lebe die Auferstehung!« auf ihn zustürmte. Wir wollen für den Mann Gottes nur hoffen, dass sich unter den Gliedern der Gemeinde, die sich daraufhin erhoben, nicht auch das seine befand. Das gute alte England mag zwar in den Untergrund gedrängt worden sein, tot war es aber beileibe nicht.

Vielleicht spiegelt nichts die Trostlosigkeit der Gottesherrschaft im puritanischen England besser wider als die Vornamen, die fromme Puritaner ihren Kinder aufbürdeten. Es sind dies Namen wie Abstinence (Enthaltsamkeit), Forsaken (Entsagung), Tribulation (Sorge, Qual), Ashes (Asche), Lamentation (Klage), Fear-not (Fürchte dich nicht), Weep-not (Weine nicht), Kill-sin (Töte die Sünde) und Fly-fornication (Fliehe die Unzucht). Wie wundervoll hell und einfach klingt doch »Nell Gwyn« neben einem Namen wie »Perseverance (Ausdauer) Middleton«! Es nimmt nicht Wunder, dass die Encyclopaedia Britannica sie als die »lebende Antithese zum Puritanismus« beschreibt. Auch die Kunst war in den Untergrund verbannt worden, desgleichen jegliche Äußerung von Freude, Schönheit oder Lebenslust. Wie sagte doch der Dichter: »Die Liebenden, die Tänzer zerstampft und unterjocht«.1

Genau an dem Tag, an dem Nell Gwyn das Licht der Welt erblickte, an jenem 2. Februar 1650, marschierte Cromwell durch das vom Regen aufgeweichte Tipperary. Er befand sich mitten in seinem blutigen Feldzug gegen Irland. Das Urteil Gottes kam über die verachtenswerten »Barbaren«, und das Vorrecht, Sein gerechtes Schwert führen zu dürfen, gebührte dem zukünftigen Lordprotector von England. Cromwells Stern war im steilen Aufstieg begriffen. Zur gleichen Zeit hielt sich der neunzehnjährige König Charles II. mit seinem zerlumpten Ad-hoc-Hofstaat auf der Kanalinsel Jersey auf, wo er sich an Segeltouren ergötzte und lange Spaziergänge unternahm, wenn er dem ewigen Gezänk seiner Gefolgsleute oder einfach der Langeweile seines auf Dauer improvisierten Daseins entfliehen wollte. Geld war knapp. Selbst für den König war Schmalhans Küchenmeister und seine Kleidung auffällig abgewetzt. Die Rückkehr auf den Thron erschien ihm wie ein unerfüllbarer Traum.

Bezeichnenderweise zeigt die Vorderseite des königlichen Siegels, das für die Thronbesteigung König Charles’ II. in Jersey angefertigt worden war, das Bild des heiligen Georg, denn der König sollte noch weitere zehn Jahre als fahrender Ritter im Exil zubringen müssen. Die Drachen allerdings, die er zu bezwingen hatte, waren solche, die er in sich selber herangezogen hatte. In den folgenden zehn Jahren lernte er, als Mann unter Männern zu leben. Er musste Enttäuschungen und Demütigungen hinnehmen, an denen manch ein anderer zerbrochen wäre. Er aber lernte dadurch sich selber so gut kennen, wie es nur wenigen Monarchen je vergönnt war. Wie sehr sich Charles’ Persönlichkeit im Exil veränderte, wurde jedoch kaum bemerkt, denn wahrscheinlich behielt er diesen neuen Menschen beharrlich für sich. Er hatte gelernt, sich um des Überlebens willen zu verbergen, und aus dieser Notwendigkeit machte er später ein Kunst.

Von allen, die im puritanischen England als personae non gratae herumvagabundieren mussten, hatte Charles Stuart den weitesten Weg zurückzulegen. Es schien gerade so, als habe das Schicksal geplant, dass der zukünftige König von England die Sorgen und Nöte des gemeinen Volkes kennenlernen sollte, denn eine bessere Vorbereitung auf das Leben als König, das ihn erwartete, hätte er gar nicht bekommen können. Nichts stellte ihn härter auf die Probe als jene vierzig Tage und Nächte nach der Schlacht von Worcester. Charles wurde als Holzfäller verkleidet und erhielt den Namen »Will Jones«, seine langen schwarzen Locken fielen kurzerhand der Schere zum Opfer und das Gesicht verschmierte man ihm mit Ruß. Zu seinem groben Bauernkittel und den Kniehosen trug er einen speckigen grauen, hohen und spitzen Hut sowie Schuhe, die so schlecht passten, dass seine Füße ganz erbärmlich bluteten. In einigen Berichten heißt es, er habe einen dornigen Knüppel mit sich geführt, in anderen ist die Rede von einer Sense. Falls Nell Gwyn jemals getauft worden sein sollte, dann wahrscheinlich kurz nach der Schlacht von Worcester, als ihr späterer Geliebter gerade seine zweite Taufe erlebte, die Feuertaufe.

Dieser herumvagabundierende, jugendliche König hatte schon Vaterfreuden erlebt, als Nell noch gar nicht das Licht der Welt erblickt hatte. Mit seiner ersten großen Liebe, Lucy Walter, ebenfalls einer Schönen mit walisischen Vorfahren, hatte er einen Sohn gezeugt. Königstreue Höflinge sorgten jedoch rasch dafür, dass sie aus der Umgebung des Königs verdrängt wurde. Den Knaben, den späteren Herzog von Monmouth, trennte man aber erst im Jahr 1658 von seiner Mutter. Später im selben Jahr, in jenem Jahr, in dem auch Cromwell verschied, verstarb Lucy an der Syphilis.

Charles’ Erfahrungen als Verbannter stellten in einem ganz konkreten Sinn eine Lehrzeit für seine Beziehung zu Nell Gwyn dar, denn in dieser Zeit des Umherirrens lernte er, sich mit den Unterdrückten und dem einfachen Volk zu identifizieren. Er hatte von der Wohltätigkeit anderer und in gesellschaftlicher Ungewissheit gelebt, war von den Mächtigen verachtet worden und wusste, was es bedeutet, schmutzige Kleidung zu tragen und von einer Mahlzeit am Tag zu überleben. Not und Elend hatten ihn gelehrt, die gewöhnlichen Freuden des Lebens mit einer geradezu feierlichen Lust zu genießen.

Auf den Plakaten, mit denen das Parlament dazu aufrief, Charles gefangen zu setzen, wird der König als ein »mehr als zwei Yard messender großer, dunkler Mann« beschrieben (seine außergewöhnliche Größe war ebenso wie sein dunkles Äußeres überraschend, waren doch schließlich seine Eltern beide recht zierlich gewesen). Die verwendeten Formulierungen sind aufschlussreich, denn psychologisch gesehen war Charles ja tatsächlich nicht nur der dunkle Schatten eines Oliver Cromwell, sondern der Schatten des gesamten puritanischen Englands. Wir haben es mit einer dunklen Gestalt zu tun, die sich schattengleich durch das Land bewegt, sich wie ein Tier in Bäumen und an finsteren Orten verbirgt, seinen Trieben folgt, sich von den Früchten der Natur ernährt und auf die Loyalität des Volkes angewiesen ist. Als Charles dann schließlich den Thron bestieg, machte er die Eiche, in der er im Wald von Boscobel Schutz gesucht hatte, zum Emblem seiner königlichen Herrschaft.2 Das war etwas ganz anderes als die dogmatische Krone seines Vaters, es war eine lebendige Krone, die mit der Zeit noch wachsen konnte. Der Chronist John Evelyn widmete sein Werk Sylva (1664) König Charles mit den Worten: »Ihr seid unser Gott der Bäume, der König des Waldes, denn einst stand Euer Tempel unter jener heiligen Eiche, die Ihr mit Eurer Gegenwart geweiht, und dort hieltet Ihr Hof ...«

Die vorrangige psychologische Aufgabe im England der Restaurationszeit bestand darin, der Nation das Gefühl für das Geistvolle und auch für die leiblichen Freuden zurückzugeben, mit anderen Worten, das gute alte England (im Spenser’schen Sinn von »fröhlich und unbeschwert«) wieder aufleben zu lassen und eine Gesellschaft zu fördern, in der sich der Genius der Nation entfalten konnte. Einen besseren Katalysator für diese Wiederherstellung als die ihrem Wesen nach so fröhlich unbeschwerte Nell Gwyn hätte es gar nicht geben können!

Drei Städte wurden als Nell Gwyns Geburtsort angeführt – London, Oxford und Hereford –, doch in allen drei Fällen stehen die Beweise auf schwachen Füßen. Außer Zweifel steht, dass die Gwyns walisischer Herkunft sind und dass im siebzehnten Jahrhundert Gwyns oder Gwynnes im Grenzland zwischen England und Wales gelebt haben. Die Familie, die angeblich auf das walisische Fürstengeschlecht zurückgeht, stammte ursprünglich aus Llansanor im Tal von Glamorgan. Und als Nell gegen Ende ihres Lebens noch ein Wappen zuerkannt wurde, hielt man sich bei dem Entwurf mit dem blauen Löwen auf einem goldenen und silbernen Schild tatsächlich eng an die Vorlage des Wappens der Gwyns von Llansanor. Angesichts ihres roten Haares, der grünen Augen und ihres wunderbar singenden Tonfalls fällt es auch nicht schwer zu erkennen, dass in Nells Adern zum großen Teil keltisches Blut floss.

Dennoch spielt die ursprüngliche Herkunft von Nells Familie bei der Bestimmung ihres Geburtsortes nur eine geringe Rolle, und für Hereford fehlen die Beweise aus damaliger Zeit. Es stimmt zwar, dass einer ihrer Enkel, Lord James Beauclerk, Bischof von Hereford wurde und dass Charles II. die Orgel der Kathedrale instand setzen ließ, doch was heißt das schon? Dem Dictionary of Biography zufolge sind sich die Historiker von Hereford stets darin einig gewesen, dass sie in der dortigen Pipe Well Lane zur Welt gekommen ist, die im neunzehnten Jahrhundert in Gwyn Street umbenannt wurde. Das Haus selber wurde 1859 abgerissen, um für die Erweiterung der bischöflichen Palastgärten Platz zu machen. Heute erinnert eine Gedenktafel an der Außenmauer des Parks an die Stelle. Bedauerlicherweise sind die Taufregister der Stadt aus dem siebzehnten Jahrhundert lückenhaft und geben uns keine Auskunft.

Es mag durchaus sein, dass Nells Vater in Hereford geboren wurde und dort aufwuchs, aber wir wissen es einfach nicht. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sich Helena Smith (die spätere Mrs Gwyn), die in der Gemeinde von St. Martin-in-the-Fields in London auf die Welt gekommen war und anscheinend die meiste Zeit ihres Lebens dort verbracht hat, im Jahr 1650 in dieser Stadt aufgehalten haben soll. Londons Ansprüche stützen sich nämlich weitgehend darauf, dass Nells Mutter von dort stammte und dass Nell und ihre Schwester Rose mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in einer der Seitengassen der Drury Lane aufwuchsen. In seinem Werk Lives of the Court Beauties (1715) gibt Captain Alexander Smith die Coal Yard Alley als ihren Geburtsort an, und die nachfolgenden Biographen neigten dazu, sich dieser Auffassung anzuschließen. Professor John Harold Wilson beginnt seine Biographie aus dem Jahr 1952 jedenfalls überzeugt mit einem Kapitel, das überschrieben ist »The Gwyns of Covent Garden« und stellt ohne jedes Bedenken fest, dass »Nell Gwyn irgendwo in oder in der Nähe des Covent-Garden-Viertels geboren wurde«. Das ist aber nur eine Vermutung.

Der Grund, warum Londons Ansprüche trotz der schwachen Beweislage weiterhin so zwingend bleiben, hat viel mit dem romantischen Bedürfnis der Öffentlichkeit zu tun, die sich anscheinend nicht beirren lassen will, sich Nell Gwyn als das quirlige kleine Mädchen aus dem Londoner East End vorzustellen, das zur Mätresse eines Königs aufgestiegen ist. Denken wir jedoch daran, dass sie dann zwangsläufig den Cockney-Dialekt gesprochen haben müsste, dann ist es praktisch unvorstellbar, dass Nell Gwyn mit diesem Dialekt am Hof Charles’ II. überlebt und Karriere gemacht haben soll, denn zu der Zeit galt der Cockney-Akzent als die Mundart der Händler und Krämer par excellence. H.C. Wyld schreibt in A Short History of English: »Sprach ein Gentleman den Dialekt einer ländlichen Region, so tat das seinem Wesen und seinem Ansehen selbst bei Hofe keinen Abbruch – nicht geduldet allerdings war die Sprechweise der Händler ...« Als Professor Higgins in Shaws Pygmalion zum ersten Mal den Cockney-Akzent von Eliza Doolittle vernimmt, spricht er von ihr nur als von »diesem Geschöpf mit seinem Gassenjargon, einer Sprache, die sie lebenslänglich in der Gosse festhalten wird«. Und das war 1916. Trotz ihrer Ausbildung zur Schauspielerin wäre der Cockney-Dialekt ein zu großes Hindernis für Nell Gwyn gewesen, denn man hätte sie schlichtweg nicht verstanden. Es gibt übrigens auch keine zeitgenössischen Berichte, in denen hochnäsige Höflinge sich über eine derartige Behinderung lustig machen.

Oxford, das üblicherweise von den drei Geburtsorten am wenigsten in Betracht gezogen wird, scheint mir jedoch die berechtigtsten Ansprüche erheben zu dürfen. Ob nun Nells Vater, den meisten Berichten zufolge ein gewisser Captain Thomas Gwyn, in Hereford geboren wurde oder nicht, ist unwichtig. Fest steht, dass er ganz gewiss in Oxford gelebt und dort möglicherweise auch seine Tage in einem Schuldgefängnis beschlossen hat. Und wenn, wie unter anderem der Oxforder Antiquar Anthony à Wood behauptete, Dr. Edward Gwyn, seines Zeichens Kanonikus an der Christ Church von Oxford, der Vater eben dieses Thomas war, dann haben wir eine sehr überzeugende Verbindung.

Nach seinem unbedeutenden Sieg in Edgehill vom Oktober 1642 hatte Charles I. Oxford zu seinem militärischen und politischen Hauptquartier gemacht, was es bis zum Sommer 1646 auch blieb. Platz war knapp, weil aus allen Ecken des Landes die Königstreuen in die Stadt strömten und die Kranken und Verwundeten von Edgehill ebenfalls dorthin gebracht wurden. Auch an Vorräten mangelte es, und schon bald erhitzten sich die Gemüter. Obwohl der König selber besonnen blieb und sich darum bemühte, einen würdevollen Hofstaat aufrechtzuerhalten, war Oxford während des Bürgerkrieges doch wie die meisten Garnisonsstädte in Kriegszeiten ein Ort des ungezügelten Lebens und sehr lockerer Sitten, wo man tanzte, sich duellierte, sich betrank und über die Stränge schlug. In diesen schnelllebigen Tagen im Schatten des Krieges vereinigten sich Männer und Frauen ganz spontan, und dabei machten sie sich nicht immer die Mühe, ihren Bund vor dem Altar absegnen zu lassen.

Interessanterweise scheint der Dramatiker George Etheredge in einem seiner spöttischen Stücke mit dem Titel »The Lady of Pleasure: a Satyr« den Gedanken aufzugreifen, dass Nell zumindest in einer Garnisonsstadt gezeugt wurde. Schreibt er doch:

Ihr Vater war nicht eine Mannsperson,

gezeugt hat sie das ganze Bataillon.

Und von Wood wissen wir, dass Mrs Gwyn »eine Zeit lang in Oxford gelebt hat«, nämlich in der Pfarrgemeinde von St. Thomas. Es ist also durchaus möglich, dass Nell und ihre Schwester dort geboren wurden. Leider gibt es kein Taufregister von St. Thomas aus dem siebzehnten Jahrhundert mehr.

Ob sich Nells Vater bei Ausbruch des Krieges schon in Oxford aufhielt oder ob er erst aus Hereford dorthin kam, werden wir wahrscheinlich niemals erfahren. Ebenso wenig werden wir wohl herausbekommen, was Helena Smith bewogen hat, ihr heimisches London zu verlassen und sich in die neue Hauptstadt des Königs aufzumachen. Obwohl ja eigentlich ihre Sympathie für die Royalisten und die Hoffnung, einen flotten Kavalier aufzugabeln, Grund genug gewesen sein mögen. Auf jeden Fall hat der Gedanke etwas Befriedigendes, dass sich Nells Eltern von verschiedenen Seiten des Landes, der eine von Osten, der andere von Westen, ins Zentrum des royalistischen England begeben haben, um dort jenes Kind zu zeugen, das zu gegebener Zeit zum Sinnbild einer neuen, integrierteren Gesellschaft werden sollte.

Auch darüber, ob Captain Gwyn Nells Mutter tatsächlich geehelicht hat, können wir nur Vermutungen anstellen, desgleichen wissen wir nicht, wie rasch nach dem Krieg er in die Verschuldung geriet und verarmte. Die zeitgenössischen Überlieferungen, denen zufolge er im Gefängnis starb, nachdem er seinen Lebensunterhalt nicht mehr im Dienst des Königs verdienen konnte, scheinen aber ausreichend authentisch zu sein. Der anonym bleibende Autor von A Panegyrick (1681) schrieb:

In Oxford, wo ihr Vater starb, hat Leben

und Freiheit vielen sie zurückgegeben,

aus Kerkern sie befreit; es war ihr Streben,

fromm seiner zu gedenken, und sie ehrte

sogar die Kette, die ihn einst beschwerte.

Außerdem hat Nells ältere Schwester Rose 1663 in einer Bittschrift aus dem Gefängnis, in der sie um ihre Freilassung gegen Zahlung einer Kaution ersuchte, erwähnt, dass ihr Vater »im Dienst für den verstorbenen König alles verloren hatte, was er besaß«. Wenn wir ihr Glauben schenken, ist es unwahrscheinlich, dass Thomas Gwyn jemals mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern nach London gereist sein soll. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sein Tod zu Beginn der 1650er Jahre Mrs Gwyn, wie sie inzwischen hieß, veranlasst hat, mit Rose und Nell im Schlepptau in ihre alten Gefilde nach Covent Garden zurückzukehren. Und es fällt auch nicht schwer sich vorzustellen, wie sie als alleinstehende Mutter, die für zwei kleine Töchter zu sorgen hat, schon sehr bald gezwungen war, das älteste Gewerbe der Welt (wieder) auszuüben: Prostitution.

Alle Wege scheinen also nach Oxford zu führen. Vielleicht hat Ashmole den Geburtsort auf dem Horoskop ja auch einfach deshalb leer gelassen, weil er es in seiner Heimatstadt Oxford stellte. Wir werden es wohl nie erfahren. Fest steht jedoch, dass Nells ältester Sohn Charles, als er im Jahr 1676 in den Adelsstand erhoben wurde, die Titel von Burford und Headington zuerkannt bekam – und beide liegen in Oxfordshire. Interessant ist auch, dass Nells spätere Schwiegertochter, Lady Diana de Vere, die Erbin des letzten Earl von Oxford war und dass ihr mutmaßlicher Onkel Henry Gwyn bei eben diesem Earl die Stellung eines Sekretärs bekleidete.

Nell selber hielt sich anscheinend mit Auskünften über ihre Herkunft sehr zurück, vielleicht empfand sie es ja als vorteilhafter, dieses Thema ein wenig in geheimnisvollem Dunkel zu belassen. Manch einer wird sich wohl gefragt haben, woher sie eigentlich stammte, und noch heute ist ihre Identität irgendwie geheimnisumwittert. In einer Liste mit den Namen wohltätiger Spender für die gemeinen Gefangenen im King’s Bench Gefängnis wird sie als »Mrs Margaret Symcott (i.e. Eleanor Gwyn)« geführt. Fairburn wiederum behauptet, sie habe nach dem Tod des Königs als »Lady Simcock« viele barmherzige Schenkungen getätigt.3 In jüngerer Zeit gelangte der Ahnenforscher Arnold Hawker zu dem Schluss, Nell sei eine geborene Elizabeth Fawconer, Tochter eines Gutsherrn aus Wiltshire. Ihr selbstsicheres Auftreten bei Hof und ihr Erfolg auf der Bühne haben ganz sicherlich zu der Vorstellung beigetragen, sie sei vornehmer Herkunft.

Wir wissen nichts über das Leben von Mrs Gwyn, bevor sie nach London kam (oder zurückkam). Die meisten Biographen Nell Gwyns haben angenommen, ihre Mutter sei niederer Herkunft gewesen, aber das ist reine Vermutung und beruht auf späteren Berichten über ihre erbärmlichen Lebensumstände und das erniedrigende Gewerbe, das sie ausübte, als Nell noch ein Kind oder junges Mädchen war. Angesichts der Tatsache, dass ihr Ehemann in einem Schuldturm starb, ist es zumindest ebenso wahrscheinlich, dass die Ursachen für ihr Absinken in die verruchte Londoner Unterwelt in Unglück und Armut zu suchen sind und nicht in ihrer niederen Herkunft und ihrer Verderbtheit. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass sie früher nicht einmal ihrem Ehemann gesellschaftlich gleichgestellt war, und der war, wenn schon kein echter Gentleman, doch immerhin so etwas Ähnliches.

Auf dem Denkmal, das Nell für ihre Mutter in St. Martin-in-the-Fields errichten ließ, ist als Geburtsjahr das Jahr 1624 angegeben, das letzte Jahr der Herrschaft von König James I. Wenn das stimmt, dann hätte Madam Gwyn genau bei Ausbruch des Bürgerkriegs ihre Volljährigkeit erlangt. Selbst wenn wir die Übertreibungen der Satiriker berücksichtigen, lassen zeitgenössische Berichte keinen Zweifel daran, dass Nells Mutter eine Falstaff’sche Persönlichkeit war, die sich einen ebenso legendären Ruf erwarb wie ihre Mitheldinnen der Unterwelt, die als Kupplerinnen berühmten Damen Ross, Bennett und Cresswell, wie Mother Mosely und Orange Moll.4

Das Bild, das die Satiren von Nells Mutter zeichnen, ist das einer derb drallen, Schnaps kippenden und Pfeife rauchenden Puffmutter, die infolge einer allzu ausufernden Sauferei schließlich in einem Fluss oder Abwasserkanal ertrank. Bedauerlicherweise verfügen wir nicht über eine Beschreibung ihres Wesens, doch einige Bilder, die von den Satirikern immer wieder gern benutzt werden, werfen unabsichtlich ein Licht auf einen wesentlichen Zug ihres Charakters – auf ihre unterschwellig schwelende Wut. Als junge Frau mag sie durchaus viel von der Schönheit, dem Mutterwitz und dem Glanz ihrer jüngeren Tochter besessen haben, genug zumindest, um die Liebe eines Captains zu gewinnen. Doch dann kam der Krieg dazwischen, und nach einigen schwierigen Jahren fand sie sich schließlich in London wieder, als alleinstehende Mutter mit zwei kleinen Töchtern. Die Theater waren geschlossen, und es gab keine Möglichkeit für sie, ihre Talente zu entfalten. Die unweigerliche Folge war ein Leben als Prostituierte. Es dauerte nicht lang, und sie betrieb ihr eigenes Freudenhaus. Man kann sich leicht vorstellen, welchen Groll diese lebhafte Frau gehegt haben muss.

Aber man spürt, dass sie sich von den Enttäuschungen über ihr nicht gelebtes Leben keineswegs übermannen ließ. In einem Spottgedicht über »die unvergessene Matrone, Old Maddam Gwinn« wird Nells Mutter mit jenem monströsen Drachen Typhon verglichen, den Zeus tötete, indem er den Berg Ätna auf ihn schleuderte, und dessen Zorn sich selbst noch nach seinem Tod in den Ausbrüchen des Vulkans ein Ventil verschaffte. Das ist eine gute Metapher für Mrs Gwyns schäumende Wut, die durch den Alkohol noch angeheizt wurde und die höchstwahrscheinlich das Gefühlsleben ihrer Töchter stark beeinflusst hat.

Der fehlende Vater und die alles verschlingende Mutter sind also Schlüsselarchetypen in Nells frühem Leben, dieselben übrigens wie bei ihrem späteren Geliebten, dem jungen Charles Stuart. Ihre Suche nach dem verlorenen, ritterlichen Vater sollte schließlich bei Charles höchstpersönlich enden (er war immerhin zwanzig Jahre älter als sie), und der von der Mutter ererbte Zorn fand seinen kreativen Ausdruck in ihrem beißenden Humor sowohl auf der Bühne als auch bei Hofe, wo sie die Rolle des bittersüßen Narren übernahm.

Wie auch immer Nell es geschafft haben mag, aus diesen widrigen Umständen letztendlich zu Glanz und Ruhm aufzusteigen, es kann nicht einfach gewesen sein, im Schatten eines Vulkans heranzuwachsen. Sowohl sie als auch ihre Schwester waren völlig ungebildet – Nell hat nie gelernt, auch nur ihren Namen zu schreiben – und wurden schon in sehr jungen Jahren zur Mitarbeit im Etablissement ihrer Mutter herangezogen. Samuel Pepys zufolge hat Nell ihrer Schauspielerkollegin Beck Marshall einmal erzählt, sie sei »in einem Freudenhaus groß geworden, wo sie den Herren starke Getränke einzuschenken hatte«.

Ein Freudenhaus im siebzehnten Jahrhundert war kein Bordell. Es bot zwar dieselben Dienste an, war aber ein wenig diskreter. Das Kernstück des Etablissements war zumeist nichts weiter als ein Keller oder ein Raum im Dachgeschoss eines Privathauses, wo man etwas trinken konnte und über den eine Kupplerin die Aufsicht führte. Diese hielt eine ganze Schar junger Mädchen zur Unterhaltung der Gäste bereit. Die Mädchen wohnten nicht im Etablissement selber, sondern wurden je nach Bedarf herbeigerufen. Es gab separate Zimmer im Haus, in die sie sich mit ihren »Gästen« zurückziehen konnten, und deren Spektrum reichte vom Höfling bis zum Taschendieb.

Nells Äußerung, »sie sei in einem Freudenhaus groß geworden«, konnte bedeuten, dass ihre Mutter zu Hause ihrem Gewerbe nachging, aber auch, dass sie irgendwo Räumlichkeiten angemietet hatte. Letzteres erscheint wahrscheinlicher. Es konnte aber auch bedeuten, dass sie alle drei gemeinsam in einem fremden Etablissement arbeiteten, etwa im Haus von Madam Ross. Wie dem auch sei, die Unterwelt war Nells frühes Zuhause, und es fällt nicht schwer sich vorzustellen, wie sie den Gästen unter deren anzüglichen Blicken »Nantz« einschenkte, wie der Branntwein damals hieß, und sich schon in jenem Witz und der Schlagfertigkeit übte, mit der sie später den Hof Charles’ II. schockieren sollte. So wie es in ihrem Leben drei Charles gab, gab es auch drei verschiedene Bühnen: das Freudenhaus, das Theater und den königlichen Hof.

Schon im zarten Alter von neun oder zehn Jahren hat sich Nell wahrscheinlich gegen die Zudringlichkeit der lüsternen Kunden ihrer Mutter wehren müssen. Es ist auch nicht unvorstellbar, dass sie sich bereits als Kind prostituierte; sicher aber werden wir es nie wissen. Doch mit einer alkoholkranken Mutter als einzigem Schutz dürfte sie einer derartigen Ausbeutung durchaus ausgesetzt gewesen sein, und möglicherweise empfand sie die Aufmerksamkeit, die sie für ihre Reize und ihren Witz vonseiten der Freier erfuhr, sogar als einen Ersatz für die fehlende Wärme. Die wenigen, bruchstückhaften Anhaltspunkte, über die wir verfügen, legen die Vermutung nahe, dass Nells ältere Schwester Rose sich schon mit zehn, elf Jahren der Prostitution hingab, womit es für die Jüngere noch schwerer gemacht wurde, einen anderen Weg einzuschlagen. Dennoch wäre es irrig, zu glauben, ein Freudenhaus wäre für ein heranwachsendes junges Mädchen ein vollkommen unangenehmer Ort gewesen, herrschte dort doch stets ein lebendiges, menschliches Treiben. Dadurch bildete es zumindest einen fruchtbaren Nährboden für Nells aufkeimenden Humor und vermittelte ihr bereits früh Einsichten in das Leben. Außerdem hielt es den kalten Wind des Puritanismus fern.

Das Londoner Stadtviertel Covent Garden war eine lebhafte Gegend voller Gegensätze. Im Zentrum lag, beherrscht von der St.-Paul’s-Kathedrale und umgeben von stattlichen Bürgerhäusern, die Piazza selber. Dahinter erstreckte sich ein Labyrinth kleiner Straßen und Gässchen mit engen Wohnhäusern, Läden und Schankstuben und natürlich mit den berüchtigten Freudenhäusern und Elendsbaracken. Das war Nells vertrautes Revier, ein dichter, städtischer Wald, und sie das hübscheste Nymphchen mittendrin. Im Norden grenzte das Viertel ans offene Feld, und im Süden schlossen sich die Palais des Adels an mit ihren ausgedehnten Gärten, die sich bis hinunter zum Fluss zogen. Das Theater, das Nell einmal stadtbekannt machen sollte, war noch nicht gebaut.

Sollte Nell wirklich in der Coal Yard Alley in der Pfarrgemeinde von St. Giles aufgewachsen sein, dann grenzt es schon fast an ein Wunder, dass sie in diesen Slums von London überhaupt überlebt hat. Krankheiten und Ungeziefer waren an der Tagesordnung, von Hygiene kaum oder gar keine Spur, und selbst in den besseren Vierteln der Stadt starb jedes zweite Kind noch vor seinem zweiten Geburtstag. An heißen Sommertagen muss der Gestank von Unrat und Fäulnis schier unerträglich gewesen sein. Wenn Nell tatsächlich in einem der Mietshäuser in den Slums gelebt hat, dann gab es dort zu ebener Erde allenfalls einige schmuddelige, verrauchte und fensterlose Räume, deren aus Lehm gestampfter Boden mit Stroh ausgestreut war und in denen über einem offenen Kohlefeuer gekocht wurde. Sie wird schon froh gewesen sein, wenn sie sich des Nachts oben in ihr Holzkastenbett auf ihre Strohmatratze zurückziehen konnte. Von einem Bad oder einer eigenen Toilette konnte keine Rede sein.

Dennoch muss das Straßenleben in der Drury Lane und Umgebung eine aufregende Abwechslung zur Mühsal der Kinderarbeit gewesen sein. Mit seinem ausgesprochen bohèmehaften Flair war dies eines der buntesten und unterhaltsamsten Viertel Londons. Straßenkünstler jeder Couleur und Nationalität zogen das Volk mit ihren grotesken und waghalsigen Darbietungen an. Da Möglichkeiten für Spiel und Sport fehlten, mussten sich die zerlumpten Straßenkinder ihren Zeitvertreib selber ausdenken. Auch blieb ihnen oft nichts anderes übrig, als selbst dafür zu sorgen, dass sie genug zu essen bekamen, und so stahlen sie sich normalerweise das Nötige von den Marktständen zusammen. Ihrer Bewegungsfreiheit und auch ihrem Benehmen waren so gut wie keine Grenzen gesetzt, doch der Preis, den sie für diese Freiheit zahlten, war die Unsicherheit. Sie tanzten im Schatten des Todes und schliefen »among tygers wild«.5 Wen wundert es da, dass die Rangen einer Londoner Straße durch starke Bande der Kameradschaft miteinander verbunden waren.

Nell genoss es, dass sie in ihren Gefährten von der Straße ein so bereitwilliges und dankbares Publikum fand. In einer der menschenleeren Sackgassen von St. Giles hielt sie sich voller Begeisterung ihren kleinen Hofstaat und konnte, wie es ein anonymer Biograph ausdrückte, zumindest »in ihrer Fantasie Königin sein«. Im Freudenhaus hatten die Kunden ihr Geschichten über den Hof des guten alten Königs Charles erzählt, und so stelle ich mir vor, wie sie, dieser kleiner Schlingel, stets den Schalk im Nacken, daherschritt, ein altes Betttuch als juwelenbestickte Schärpe umgelegt, und sich so königlich gebärdete, dass ihre begeisterten, halbverhungerten Untertanen augenblicklich auf die Knie sanken und riefen: »Gott schütze unsere gute Königin Nell!« Wie der arme Tom Canty in Mark Twains Prinz und Bettelknabe hing auch sie den lieben langen Tag solchen Träumen nach, und genau wie bei Tom veränderten sich wahrscheinlich auch ihre Art zu reden und ihr Gebaren und wurden zur Bewunderung und zum Vergnügen ihrer Freunde auf seltsame Weise feierlich und höfisch.

Eine Anekdote aus John Downes Roscius Anglicanus (1708) vermittelt uns eine lebhafte Vorstellung davon, wie fürsorglich und treu die verlassenen Kinder der Drury Lane zueinanderhielten. Nells erste Liebe war ein »link-boy«, ein Fackelträger mit Namen Poor Dick, ein heimatloser Bursche, der überzeugt war, dass Nell die Tochter eines Lords sein musste, denn anders konnte er sich ihre außergewöhnliche Schönheit nicht erklären. Der Anblick ihrer nackten, mit Frostbeulen übersäten Füße tat ihm in der Seele weh, und so kaufte er ihr von seinem mageren Lohn ein Paar feine, wollene Strümpfe. Nell zufolge hat er sie ihr selber angezogen und gesagt, wobei seine Tränen auf ihre Frostbeulen fielen, er wäre der glücklichste Mensch auf Erden, wenn die Strümpfe ihr gut täten.

Natürlich ist diese Geschichte nicht belegt, doch sie zeigt uns, dass Nells Schönheit und ihr liebenswertes Wesen ihr bereits in jungen Jahren tiefe Freundschaft und Treue beschert haben. Im Laufe unserer Geschichte werden wir übrigens noch sehen, dass Nell vieles in ihrem Leben ihren zarten und überaus reizenden Füßen zu verdanken hatte. Interessant ist, dass in China, dem Land, aus dem die Geschichte vom Aschenputtel stammt, ein kleiner, wohlgeformter Fuß als Zeichen ungewöhnlicher Tugend und Schönheit galt.

In den Spottversen jener Zeit wird die junge Nell Gwyn als »Cinder-Nell«, d.h. »Aschen-Nell« bezeichnet, denn man nahm an, das Reinigen des Ofens habe ganz gewiss zu ihren Pflichten im Freudenhaus ihrer Mutter gezählt. Ob dem wirklich so war, spielt keine Rolle, doch der Vergleich zeigt, dass ihre Kritiker sie unbewusst mit der Figur der Cinderella assoziierten. In A Panegyrick hieß es:

In ihrer Brust, selbst wenn sie Asche fegte,

der Traum von stolzer Hurerei sich regte.

Und der Verfasser von »The Lady of Pleasure«, vermutlich Etheredge, vermittelt uns ein lebhaftes Bild von Nell, der Straßengöre:

Wer sie sich durch die Straßen mogeln sah,

pechschwarz die Wangen und die Füße bar,

umwölkt von Asche ... Wer hätt’ da gedacht,

wie gut sie sich im Bett des Königs macht?

Wahrscheinlich niemand. Gewiss ist jedoch, dass die kleine Nell Geschichten über den König auf der anderen Seite des Wassers gehört hatte (in London wimmelte es nur so von Gerüchten über sein abenteuerliches Leben) und dass sie in Gedanken dem Tag seiner Rückkehr entgegenfieberte.

Nach dem Tod Cromwells legte sich zwar zunächst noch eine unnatürliche Ruhe über das Land, doch es sollte nicht mehr lange dauern, bis der Prinz aus Aschen-Nells Träumen in sein Königreich heimkehrte. Unter der fast monarchischen Herrschaft des Lordprotectors hatte die republikanische Bewegung viel von ihrer Kraft eingebüßt, und obwohl es immer noch nicht ungefährlich war, in der Öffentlichkeit vom König jenseits des Meeres zu sprechen, hegten doch immer mehr Menschen insgeheim den Wunsch, er möge zurückkehren. Als dann im Mai 1659 Olivers Sohn Richard die Macht aus der Hand glitt und er sich über den Kanal davonmachte, wurde im Parlament unweigerlich der alte Ruf nach dem König wieder laut.

Kapitel 2

Die Restauration

Cromwell war am siebten Jahrestag der Schlacht von Worcester gestorben, jener Schlacht, in der er den damals einundzwanzigjährigen König Charles II. besiegt hatte. Da der Gestank seiner verfaulenden Milz sowohl den Künsten der Einbalsamierer als auch der Bestatter trotzte, wurde Cromwell schon wenige Tage nach seinem Tod in einer privaten Zeremonie beigesetzt. Wie es dem königlichen Brauch entsprach, fertigte man daraufhin ein wächsernes Abbild des Lordprotectors an, das in Somerset House im Kerzenschein feierlich aufgebahrt wurde. Eben diesem erwies die Öffentlichkeit die letzte Ehre. Gegen Ende der zweiten Woche rückte man dann die Wachspuppe von Old Noll mit ihren Glasaugen wie einen Kranken in eine aufrecht sitzende Position und setzte ihr eine kaiserliche Krone aufs Haupt. Welch eine Ironie, jetzt, im Tod, erhielt er sie endlich, die Königswürde, nach der er sich ein Leben lang gesehnt hatte! Am Tag der Beisetzung selber, fast zwei Monate nach dem Tod des Lordprotectors, wurde sein ganz in schwarzen Samt gekleidetes und mit allen Insignien der Königswürde (Krone, Zepter und Reichsapfel) ausgestattetes wächsernes Abbild in einer offenen Karosse zur Westminster-Abtei kutschiert. John Evelyn war dabei. »Es war der fröhlichste Trauerzug, den ich je sah, denn abgesehen von den Hunden, die von den barbarisch johlend, saufend und Tabak schnupfend durch die Straßen ziehenden Soldaten verscheucht wurden, heulte niemand.«

Olivers Nachfolger im Amt des Protectors war sein dritter Sohn Richard, der im Volk allgemein als Tumbledown Dick bekannt war, der sehr wenig Verlangen nach Macht verspürte und noch weniger dazu fähig war, Macht auszuüben. Auf Druck der Streitkräfte, des Council of State und schließlich des Parlaments selber wurde er im Mai 1659 seines Amtes enthoben. Zwar fügte er sich ausgesprochen bereitwillig, traute sich aber nicht, den Palast von Whitehall zu verlassen, weil er fürchtete, wegen seiner Schulden verhaftet zu werden. Schließlich gelang es ihm zur Zeit der Restauration, sich über die Grenze nach Frankreich abzusetzen, wo er unter dem Namen John Clarke lebte. Es ist schon eine seltsame Fügung, denn genau wie König Charles II. führte er nahezu zwanzig Jahre lang ein unstetes Wanderleben auf dem Kontinent, bevor es ihm im Jahr 1680 gestattet wurde, in die Heimat zurückzukehren.1

Als Charles am 25. Mai 1660 unter den Jubelrufen »Gott schütze den König!« in Dover an Land ging, hörte man seinen jüngsten Bruder, den Herzog von Gloucester, rufen: »Gott schütze General Monk!« Ohne Monk oder den »guten alten George«, wie ihn seine Soldaten nannten, hätte die Restauration wohl noch eine ganze Weile auf sich warten lassen. Nach dem fehlgeschlagenen royalistischen Aufstand vom August 1659 waren die Machtverhältnisse im Land unklar. Die Armee unter General Lambert stellte zwar eine Bedrohung dar, war aber desorganisiert und das Rumpfparlament wie stets äußerst unzuverlässig. Es stand außer Frage, dass Monk, der Oberbefehlshaber von Schottland und Sympathisant des Rumpfparlaments, der Einzige war, der die Ordnung wiederherstellen konnte. Selbst der König hatte sich nach dem Scheitern des zweiten Protektorats mit Angeboten an Monk gewandt, doch die Zeit war noch nicht reif gewesen, und der General hatte es abgelehnt, die königlichen Schreiben in Empfang zu nehmen.

Dann löste Lambert das Rumpfparlament auf, und Monk machte sich am 1. Januar 1660 halb aus Neigung, halb schicksalsergeben von Edinburgh auf nach Süden. Sein Ziel war es, die Freiheit und die Rechte der drei Königreiche »vor Willkür und Usurpation durch Tyrannen« zu beschützen. Auf seinem Weg nach London wurde Monk immer wieder mit Petitionen für ein freies Parlament bedrängt, doch er weigerte sich zu erklären, für wessen Seite er eintrat. Charles, der nervös wartend in Brüssel bereitstand, nahm durch seine Vermittler Kontakt zu ihm auf, und es entwickelte sich ein stilles Einvernehmen zwischen den beiden Männern. Monk genoss eine so große Autorität, dass sich die Menschen der Wucht seiner schweigenden Mission nicht gerne widersetzten. Das Land lag unter einer dichten Schneedecke, und der General starrte schweigend in die Stille, wie in einem Traum gefangen. (»Er ist ein schwarzer Mönch [Monk]«, schrieb Lord Mordaunt, »und ich kann nicht in ihn hineinblicken.«)

Im Februar 1660 traf Monk in London ein. Die Stadtväter weigerten sich, Steuern zu zahlen, wenn nicht ein freies Parlament einberufen werde. Monk ergriff seine Chance. Er beriet sich mit seinen wichtigsten Offizieren und wandte sich dann in einem Schreiben an das Rumpfparlament, in dem er es aufforderte, per Dekret all jene Parlamentsmitglieder zurückzurufen, die durch Oberst Pride in seiner Säuberungsaktion von 1648 ausgeschlossen worden waren. Des Weiteren solle die erste und einzige Handlung des neu zusammengetretenen Parlaments darin bestehen, seine eigene Auflösung zu beschließen. Auf diese Weise wäre der Weg offen für ein freies Parlament. Und obwohl sich zu dem Zeitpunkt noch niemand dazu äußerte, bedeutete ein freies Parlament so gut wie sicher die Rückkehr des Königs.

Sobald die Nachricht von Monks Schreiben bekannt wurde, gingen die Londoner auf die Straße und feierten. Ganze Ochsenhälften wurden auf der Straße über offenem Feuer gebraten, und die Stadtglocken läuteten in einem fort. Jetzt hatte die Tyrannei der Militärherrschaft ein Ende und es galt wieder das Civil Law. Doch um seine volle Souveränität zurückzuerhalten, verlangte das Parlament nach dem königlichen Funken. Im Commonwealth hatte man versucht, den Gedanken durchzusetzen, die Macht des Parlaments gehe vom Volke aus, doch für eine Nation, die sich zu allererst an der Bibel orientierte, war die Autorität des Parlaments letztendlich göttlichen Ursprungs: und Sinnbild des Göttlichen blieben der Thron und sein Inhaber. In der Zeit des Commonwealth hatte es lediglich abstrakte Prinzipien gegeben, denen das Volk gezwungenermaßen die Treue halten musste; jetzt aber konnte es seine Treue aus freien Stücken erneut dem rechtmäßigen König schenken, dem Symbol für die Hoffnungen, die Ziele und die Einheit des ganzen Volkes.

Tief in der Psyche der Nation hatte sich ein neuartiges Verhältnis von Souverän und Volk herausgebildet, und eben dieses goldene Band führte schließlich zu dem, was das britische System auszeichnen sollte: zur konstitutionellen Monarchie.

Erst Ende März, bei seinem Zusammentreffen mit Sir John Grenville, dem Gesandten des Königs, offenbarte Monk eindeutig, auf wessen Seite er stand. Nun begann zwischen den beiden Männern, die das Schicksal zueinandergeführt hatte, jener Briefwechsel, der schließlich zu Charles’ uneingeschränkter und bedingungsloser Wiedereinsetzung führte. Auf Monks Rat hin verließ Charles die Spanischen Niederlande und reiste ins holländische Breda, wo er mit Hilfe des Lordkanzlers Edward Hyde, des späteren Earl von Clarendon, die zu Recht gerühmte Erklärung von Breda aufsetzte. Mit diesem vielsagenden Dokument gewährte er jenen, die gegen seinen Vater gekämpft hatten, Straffreiheit (mit Ausnahme derer, die an der Hinrichtung beteiligt gewesen waren), und er erklärte die »Freiheit des Gewissens«, damit »niemand behelligt oder infrage gestellt werde, nur weil er in religiösen Dingen eine andere Auffassung vertritt, sofern diese nicht den Frieden im Königreich gefährdet«. Zusätzlich sandte er Schreiben an beide Häuser des Parlaments.

Sobald das Parlament die Schreiben des Königs in Empfang genommen hatte, wurde er am 1. Mai einstimmig zur Rückkehr nach England aufgefordert, um dort gekrönt zu werden. Zusätzlich wurde ihm die Summe von 50000£ für seinen persönlichen Bedarf zugesprochen. Dieser Monat Mai des Jahres 1660 muss dem König, seiner Familie und seinen Anhängern im Exil wie ein Traum vorgekommen sein oder zumindest doch wie eine fantastische Charade. Am 15. Mai begab sich Charles auf Einladung der Generalstände, die ihm ihrerseits die Summe von 30000£ gewährten, nach Den Haag, wo Abordnungen des Ober- und des Unterhauses ihn schon erwarteten. Während seines Aufenthaltes dort traf eine weitere Delegation der Stadt London ein, die eine Truhe mit 10000£ in Gold mit sich führte. Charles und seine Brüder, die Herzöge von York und Gloucester, die so lange Zeit auf Reichtum hatten verzichten müssen, weideten sich an dem Anblick des Geldes. Es folgten acht Tage voller Bankette und Empfänge zu Ehren des Königs, und aus allen Teilen Europas strömten Leute nach Den Haag, die sich sein Wohlwollen sichern wollten. Minister Henry Coventry schrieb von London aus an den Marquis von Ormonde in Holland: »Ich bitte Euer Lordschaft, drängt Seine Majestät zu einer möglichst raschen Überfahrt, um zu verhindern, dass die Stadt gänzlich den Verstand verliert, denn zwischen Freude und Erwartung geht das Volk kaum noch schlafen.«

Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, welche Aufregung in Nells Bande zerlumpter Straßenkinder geherrscht haben muss. Für sie, die zur Zeit des Commonwealth geboren waren, muss schon allein das Wort »König« einen magischen Klang besessen haben. Als sie Zeugen wurden, wie die Kavaliere schon vor dem Tag der Restauration in Scharen aus dem Exil nach London heimkehrten und die neueste französische Mode für ihre Frauen und Töchter mitbrachten, war das für sie ganz sicher Anlass, von einer neuen bunten Welt voller Ritterlichkeit und Abenteuer zu träumen. Ich sehe Nell direkt vor mir, wie sie ihre Mutter löchert, ihr zu erzählen, wie der junge Prinz von Wales war, bevor er ins Exil ging. Und so mag sie wohl auch erfahren haben, dass sein dunkles Äußere ihm den Spitznamen »Black Boy« eingetragen hatte, und das wiederum hat ganz gewiss ihre Fantasie beflügelt, war sie selber doch die Königin der Coal Yard Alley. Und vielleicht hat ihr Mrs Gwyn den eher ernsten jungen Mann mit den schulterlangen schwarzen Locken und den dunklen Augen auch ganz genau geschildert, der im Alter von elf Jahren von seinem Vater ins Oberhaus geschickt wurde und um das Leben von »Black Tom« bitten sollte, des unglücklichen Earls von Strafford; und möglicherweise hat sie ihr auch erzählt, dass überall in der Stadt Gerüchte darüber kursierten, welchen Mut und welche Selbstbeherrschung der Junge an jenem Tag bewiesen hatte.

Und so wie sich das ganze Land in einem Zustand nervöser Erwartung befand, gleich einer Braut am Vorabend der Hochzeit, die an nichts anderes mehr denken kann als an den geheimnisvollen Bräutigam, so hat ganz gewiss auch die kleine Nell, das Aschenputtel der Londoner Elendsviertel, stundenlang vor dem gesprungenen und blinden Spiegel ihrer Mutter gestanden und sich den Staub und die Asche aus den Haaren gebürstet, um für die Rückkehr des Königs gerüstet zu sein. Jetzt war der richtige Augenblick gekommen, die Strümpfe von Poor Dick anzuziehen und die alte, abgestoßene Brosche, die sie neulich auf der Straße gefunden hatte, an ihren besten Arbeitskittel zu heften. Jetzt war der richtige Augenblick da, ihre wilde und treue Meute um sich zu scharen und ihre Träume von ihrem zukünftigen Ruhm zu verkünden. Staunend und mit offenen Mündern haben sie ihr wohl zugehört, als sie bekannt gab, eines Tages werde sie den König heiraten und sie dann alle zu einem zünftigen Abendessen in den Palast einladen.

Am 23. Mai stachen der König und sein Gefolge auf der Naseby in See, die in aller Eile in Royal Charles umgetauft worden war, und es war durchaus nachvollziehbar, dass der König an seine gefährliche Flucht nach der Schlacht von Worcester zurückdenken musste. Das war das letzte Mal gewesen, dass er den Fuß auf heimatlichen Boden gesetzt hatte. Samuel Pepys, der siebenundzwanzigjährige Marinesekretär, befand sich mit an Bord und lauschte, den Tränen nahe, den Erzählungen des Königs über seine Leidenszeit. Im Gegensatz zu dem, was Pepys bisher über den König gehört hatte, beeindruckte der ihn durch seine Tatkraft, sein geistreiches Wesen und seine Gewohnheit, früh aufzustehen. Die hatte ihm den Spitznamen »Chanticleer«, d.h. »Gockel« eingebracht. Außerdem teilten die beiden Männer die Liebe zur Musik, und Samuel erhielt die Verantwortung für die königliche Gitarre übertragen.

Bei Sonnenaufgang des 25. Mai ging die königliche Gesellschaft in Dover vor Anker. Schon zu dieser frühen Stunde hatte sich auf den Dünen und Klippen eine Menge von ungefähr fünfzigtausend Menschen versammelt, um die Ankunft des Königs mit eigenen Augen mitzuerleben. Sie jubelten sich heiser, als Charles an Land ging und auf die Knie sank, um für seine sichere Heimkehr zu danken. Als er sich wieder erhob, wurde er von General Monk und dem Bürgermeister von Dover begrüßt. Sie machten ihm eine Bibel zum Geschenk, die Charles, wie er erklärte, »über alles in der Welt liebte«. Nach kurzen Aufenthalten in Canterbury und Rochester traf Charles, der überall auf seinem Weg begeistert willkommen geheißen worden war, am 29. Mai in London ein. Es war sein dreißigster Geburtstag. Der Umstand, dass es sein Geburtstag war, ist höchst bedeutsam, fiel doch so der Tag, an dem die Nation wiedererstand, mit dem Tag seiner Wiedergeburt zusammen.

Es grenzte schier an ein Wunder und war im Grunde unvorstellbar, dass der König in sein Reich heimgekehrt war, und manch einem muss es wie eine wundersame Vorsehung des Schicksals vorgekommen sein. Alle Kirchenglocken läuteten, die Straßen waren über und über mit Blumen besät, die Häuser mit Flaggen und Gobelins geschmückt, in den Brunnen floss Wein. Wie Pepys sagt, übertrafen das Geschrei und die Freudenbekundungen »jede Vorstellung«, und Evelyn, der zweite große Chronist jener Zeit, schrieb:

Ich stand in der Strand, sah es und pries Gott. Und all das war geschehen, ohne dass auch nur ein einziger Tropfen Blutes vergossen ward, und mit Hilfe eben derselben Armee, die sich einst gegen ihn erhoben hatte; aber es war das Werk des Herrn, denn eine solche Restauration hat es weder in der alten noch in der neueren Geschichte nicht mehr gegeben seit der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft. Auch hat diese Nation einen so freudigen und strahlenden Tag noch niemals erlebt, und dies zu einem Zeitpunkt, da ein solches Ereignis jenseits aller menschlichen Erwartungen und Möglichkeiten schien.

Nell muss sich in ihrem Element gefühlt haben, als sich ganz London in ein riesiges Straßenfest verwandelte. Ihr roter Haarschopf und ihr vorwitziges Mundwerk waren vielen Bewohnern von Covent Garden und auch jenen, die nur um des Vergnügens willen in diese Gegend kamen, wohlvertraut, arbeitete sie doch schließlich entweder im Freudenhaus ihrer Mutter oder aber im Etablissement von Madam Ross. In der Umgebung trieben sich stets jede Menge Quacksalber und Straßenkünstler herum, und wenn Nell den Wunsch gehabt haben sollte, sich aus der Menge herauszuheben und die Aufmerksamkeit des Königs auf sich zu lenken, wäre es ihr gewiss ein Leichtes gewesen, sich ein Paar Stelzen zu besorgen. Auf denen wäre sie dann zur Strand hinuntergeschwankt, wo sie sich unter die Clowns und Hanswurste mischen und nach ihren weniger beherzten Kameraden Ausschau halten konnte.

Vermutlich hat sie das von allen Seiten ertönende »Gott schütze den König!« schon längst vernommen, bevor sie Charles überhaupt zu sehen bekam, der sich inmitten seines Gefolges prunkvoll ausstaffierter Adliger und Ratsherren mit ihren vergoldeten Piken näherte. Der König selbst saß auf einem prächtigen weißen Ross, und ihm zu Füßen drängten sich seine Anhänger. Immer wieder zog er seinen mit goldenen Federn verzierten hohen, spitzen schwarzen Hut, um der jubelnden Menge für den Empfang zu danken. Der Duft der auf seinen Weg gestreuten, zerpflückten Blumen mischte sich mit dem des Weines, der in den Brunnen sprudelte, und berauschte selbst das allerpuritanischste Gemüt. Und das kleine Mädchen auf ihren Stelzen freute sich, auf gleicher Augenhöhe mit dem Mann zu stehen, mit dem sie später einmal die Geheimnisse ihrer Seele teilen sollte.

Ganze sieben Stunden lang wälzte sich der Triumphzug des Königs durch die Straßen Londons, bevor er gegen Abend in Whitehall eintraf, wo beide Häuser des Parlaments den Monarchen ihrer Treue versicherten. Müde, wie er war, mag Charles von einer Welle der Melancholie erfasst worden sein, denn mit Whitehall verbanden ihn ja nicht nur einige seiner schönsten Kindheitserinnerungen, es war dies schließlich auch der Ort, an dem man seinen Vater hingerichtet hatte. In vielerlei Hinsicht fühlte er sich dem Land seiner Geburt entfremdet, etwa so wie ein Mann, der in sein ausgeraubtes Haus zurückkehrt. Und ihm war auch durchaus bewusst, dass viele der Menschen, die er von nun an beschützen und regieren sollte, an der Ermordung seines Vaters beteiligt gewesen waren. Vielleicht hat er ja den Blick gesenkt und auf seine Hand geschaut, dann muss er jenen Ring betrachtet haben, den sein Vater kurz vor seiner Hinrichtung Bischof Juxon anvertraut hatte. Dieser Ring war ihm nach Frankreich nachgesandt worden mit der einzigen Ermahnung: »Vergiss nicht!« In den blutroten Stein war kunstvoll das Abbild des Kaisers – welch Ironie – in der Gestalt eines römischen Imperators geschnitzt, den Lorbeerkranz auf dem Haupt. Die Blätter der stacheligen Akanthuspflanze auf der Rückseite standen symbolhaft sowohl für sein eigenes Leiden als auch für das Ödland, in das der Krieg das Reich verwandelt hatte. Fünfundzwanzig Jahre später hat Charles eben diesen Ring an den ersten Herzog von St. Albans weitergegeben, seinen gemeinsamen Sohn mit Nell Gwyn. Ein Erbstück, das sich bis ins einundzwanzigste Jahrhundert hinein im Besitz der Herzöge von St. Albans befand.

Es muss hier vor dem großen Bankettsaal gewesen sein, wo Charles gelobte, niemals wieder das Land zu verlassen; wenn er auf dem Thron blieb, war das die beste Art, das Andenken seines ermordeten Vaters in Ehren zu bewahren. Als er so in die Runde schaute und der ungeteilten Verehrung seiner Untertanen gewahr wurde, soll dieser raffinierteste aller Politiker doch tatsächlich gesagt haben: »Ich befürchte, es war meine eigene Schuld, dass ich so lange fort war, denn ich kann hier niemanden erblicken, der nicht beteuert, er habe sich meine Rückkehr inständigst gewünscht.« Sicherlich schwang eine gewisse Ironie in seiner Stimme mit, vielleicht auch ein wenig Bitterkeit, obwohl Charles es meisterhaft verstand, seine Gefühle zu verbergen. Die Hinrichtung seines Vaters sowie sein eigenes Leiden im Exil sind ganz gewiss nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Charles hat den Engländern niemals wieder aufrichtig vertraut, und obwohl er allen stets mit untadeliger Höflichkeit begegnete, hat er doch zu dem Volk, über das er herrschte, bis zum Ende seiner Tage eine seltsame Distanz bewahrt.

Im Allgemeinen ließ der König keine Gelegenheit aus, seine Landsleute vor den Kopf zu stoßen, wenn auch unbewusst, aber sein natürlicher Wunsch nach Rache ließ sich nun einmal nicht unterdrücken. Für Charles hieß das, dass er mit seinem Verhalten von Anfang an klarstellte, dass er sich nicht an die in England geltenden gesellschaftlichen Konventionen halten würde. So wird z.B. berichtet, dass Charles seine erste Nacht in Whitehall in den Armen der neunzehnjährigen Barbara Palmer (geborene Villiers) verbrachte und dass er nicht an dem Erntedankgottesdienst teilnahm, der für diesen Abend in der Abtei von Whitehall anberaumt war, nur um schneller in ihre liebende Umarmung eilen zu können. (Ihr erstes Kind, eine Tochter, kam genau neun Monate später, am 25. Februar 1661, zur Welt.)

Der Begriff »Restauration« ist in vielerlei Hinsicht missverständlich, denn 1660 bedeutete er auf gar keinen Fall die Wiederherstellung der Monarchie, wie sie vor dem Krieg unter Charles I. bestanden hatte. Die Cavaliers oder Royalisten, ganz gleich, ob sie sich in England oder zusammen mit dem König im Exil aufhielten, waren nämlich nicht diejenigen, die den alten Zustand wiederherstellten, sondern sie selber waren es, die erneut wieder eingesetzt wurden. Wie Churchill sagt, ging es bei der Restauration ebenso sehr um die Rückkehr des Parlaments wie um die Heimkehr des Königs, es ging somit um die Wiederbelebung der Verfassung oder, wie Maeterlinck es ausdrückt, um »den Geist des Bienenkorbes«. Wir haben es folglich mit dem Sieg der gemäßigten Kräfte zu tun, mit dem Sieg der Konstitutionalisten, deren Ziel nie in erster Linie der Krieg gewesen war. Allerdings waren die subversiven Elemente noch nicht ganz beseitigt. Wie Churchill meint, »hat die Restauration das erreicht, was Pym und Hampden ursprünglich angestrebt hatten. Sie hat mit den Exzessen Schluss gemacht, in die Letztere durch die Schärfe der Auseinandersetzungen, durch die Verbrechen und den Wahnwitz des Krieges hineingezogen worden waren. Jetzt hatten das Unterhaus und das Common Law auf Dauer gesiegt«.2