Nellie Bly - Nicola Attadio - E-Book

Nellie Bly E-Book

Nicola Attadio

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Beschreibung

Die Biografie über Nellie Bly ist die unglaubliche Lebensgeschichte der ersten amerikanischen Undercover-Reporterin. September 1887: Eine junge Frau klopft an die Tür von John Cockerill, Direktor von Pulitzers Zeitung "New York World". Sie verlangt, als Reporterin eingestellt zu werden. Keine Frau hat sich bisher so weit vorgewagt. Ihr Name ist Elizabeth Cochran, sie ist 23-jährig, seit drei Jahren schreibt sie unter dem Pseudonym Nellie Bly für den "Pittsburgh Dispatch". Nellie Blys Idee, undercover in die psychiatrische Anstalt Blackwell's Island zu gehen und aus erster Hand über die dortigen Zustände zu berichten, überzeugt Cockerill. Es entsteht eine Reportage, die in die Geschichte des Journalismus eingeht und weit über New York hinaus Schlagzeilen macht. Doch das ist erst der Anfang einer beeindruckenden journalistischen Karriere. Sie reist allein und in Rekordgeschwindigkeit um die Welt, wird zum Albtraum korrupter Politiker und berichtet von Beginn weg als einzige Kriegsreporterin von der Ostfront des Ersten Weltkriegs, wo sie vier Jahre bleibt. Die furchtlose Frau und Starreporterin, die ihr Leben in die eigenen Hände nimmt und mit spitzer Feder die Zustände ihrer Zeit hinterfragt, ist auch heute noch von größter Aktualität.

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Seitenzahl: 276

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Nicola Attadio

Nellie Bly

Die Biografie einer furchtlosen Frau undUndercover-Journalistin

Aus dem Italienischen von Walter Kögler

Die italienische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Dove nasce il vento. Vita di Nellie Bly« bei Bompiani/Giunti Editore, Firenze-Milano.

© 2018 Bompiani/Giunti Editore S.p.A., Firenze-Milano

www.giunti.it

www.bompiani.it

Orell Füssli Verlag, www.ofv.ch

© 2019 Orell Füssli Sicherheitsdruck AG, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Dadurch begründete Rechte, insbesondere der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf andern Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Vervielfältigungen des Werkes oder von Teilen des Werkes sind auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie sind grundsätzlich vergütungspflichtig.

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

ISBN 978-3-280-05715-5

eISBN 978-3-280-09063-3

Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Das italienische Außenministerium unterstützte die Übersetzung dieses Buches mit einem Zuschuss.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

INHALT

PINK

EINSAMES WAISENMÄDCHEN

I’M A FREE AMERICAN GIRL

NEW YORK

BLACKWELL’S ISLAND: KORRESPONDENTIN AUS DER HÖLLE

UNDERCOVER

SCHNELLER ALS PHILEAS FOGG

DEN FALSCHEN GEHEIRATET?

ELIZABETH, DIE MANAGERIN

1914 – NELLIE ZIEHT IN DEN KRIEG

EPILOG

DANKSAGUNG

ANMERKUNG DES AUTORS

HINWEIS DES ÜBERSETZERS

Für Marco

What shall we do with our girls? Not our beauty orour heirs; not any of these, but those without talent,without beauty, without money.What shall we do with them?»The Girl Puzzle«, in: The Pittsburgh Dispatch,gez. Orphan Girl, 25. Januar 1885

PINK

Du sitzt auf der Bettkante. Dieser Husten, dieser verdammte Husten lässt dir keine Ruhe. Eine Freundin hat dir die Zeitung gebracht. Aber heute früh ist dir nicht nach Lesen zumute. Du hast versucht, aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen. Vielleicht schaffst du es bis zu dem großen Fenster, das auf den Garten geht. Wie gern schaust du nach draußen, dort steht diese große Eiche. Wie sehr du dieses Bild magst. Es ist deine erste Erinnerung. Neben diesem Baum sahst du jeden Morgen einen Mann, der auf die Felder hinausblickte. Er wusste nicht, dass du ihn beobachtest. Lautlos schlüpftest du aus dem Bett und durchquertest den langen Flur des großen Hauses, das über dem Tal thronte. Leichtfüßig gingst du die Treppe hinunter, schobst vorsichtig die Tür auf, und während die Sonne dir warm ins Gesicht schien, suchtest du mit dem Blick den Mann, nach dem die ganze Siedlung benannt war, den Mann, zu dem die Tagelöhner achtungsvoll und auch ein wenig ängstlich aufsahen. Du suchtest nach deinem Vater. Wie hast du es geliebt, ihn zu beobachten, während er mit einer Hand am Stamm abgestützt irgendeinen Punkt in der Ferne fixierte. Wie oft hast du dich gefragt, was er wohl betrachtete. Tausendmal bist du hingegangen und hast versucht, es ihm nachzumachen, konntest aber nie etwas erkennen. Jede seiner Bewegungen hast du erforscht. Dann trafen sich eure Blicke, und mit einem Lächeln löste er den magischen Moment auf. Denn genau darin lag für dich der Zauber: ihn heimlich zu beobachten, die kleinen Gesten der Erwachsenen zu erfassen, wenn sie sich allein wähnen. Das war dein liebstes Spiel: die anderen zu beobachten, wenn sie keine Maske tragen. Vielleicht ist es gerade diese frühe Neugier, die dich als Erwachsene veranlasst hat, dich selbst zu tarnen, um andere zu enttarnen. Ja, so muss es sein, denkst du heute, während du in deinen Schal gehüllt weiter den Baum da draußen betrachtest. Du fühlst dich wieder schlaff. Ein Hustenanfall schüttelt dich bis ins Mark. Du denkst an die viele Zeit, die seither verstrichen ist. Eine ganze Welt hat sich verändert. Und du hast dein Bestes gegeben, um davon zu erzählen. Den einfachen Leuten davon zu erzählen, zu denen du als Kind gehörtest. Noch bevor die Welt, deine Welt, in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus. Wie oft hast du schaudernd an jenen Morgen zurückgedacht, an dem du entdeckt hast, dass er für immer fort war. Dabei wäre es nie passiert, wenn es nach ihm gegangen wäre. Eine größere und damals für dich unergründliche Kraft hatte ihn dir entrissen. Er hatte sich verflüchtigt wie ein Traum am Morgen. Nein, du solltest ihn nicht wiedersehen. Von ihm würde dir nur die Erinnerung an jenen an den Baum gestützten Arm bleiben. Mit jener unverschuldeten Abwesenheit nimmt deine Geschichte ihren Anfang.

Der Landkreis Armstrong County in Pennsylvania wird von Nord nach Süd von einem Fluss durchquert. Man nennt ihn Crooked Creek. Der Wasserlauf teilt den kleinen Ort Burrell mitten entzwei und bildet dabei weiche Schleifen. Unmittelbar hinter einer dieser Schleifen liegt ein Weiler, der rund um eine Wassermühle entstanden ist und von Tagelöhnern bewohnt wird, die auf den Roggen- und Haferfeldern arbeiten. Die Mühle gehört einem wohlhabenden Kaufmann, Michael Cochran. Das Mahlwerk ist äußerst rentabel. Doch Mr. Cochran begnügt sich nicht mit diesem Erfolg. Er beschließt, sein Tätigkeitsfeld zu erweitern, und eröffnet einen Gemischtwarenladen. Auch dies erweist sich sofort als hervorragende Idee. Das Geschäft floriert. Cochran ist reich und hoch angesehen, sodass er für mehrere Jahre zum ehrenamtlichen Richter gewählt wird. Eigentlich hat er von der Juristerei keine Ahnung, doch gesunder Menschenverstand und die Achtung der Gemeinschaft genügen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Pennsylvania, um kleinere Streitigkeiten zu schlichten und damit dem Richter des Landkreises zur Hand zu gehen.

Etwas abseits der Mühle, in einer windigen, im Frühling von blauen und gelben Kornblumen gefärbten Bucht, steht ein großes, zweistöckiges Haus inmitten mächtiger Eichen. Dort lebt der Richter, wie er inzwischen von allen im Ort genannt wird, mit seiner zweiten Frau Mary Jane. Die erste, Catherine, die er 1837 geheiratet hatte, war mit weniger als vierzig Jahren gestorben und hatte ihn mit ihren zehn Kindern alleingelassen. Seit Catherines Tod ist noch kein Jahr vergangen, da verspricht der Richter 1858 in seinem besten Anzug der jungen, kinderlosen Witwe Mary Jane Cummings Liebe und ewige Treue. Zur bereits großen Schar seiner Kinder kommen weitere fünf hinzu: Albert, Charles, Elizabeth, Kate und Harry. Für Elizabeth hat der Richter eine Schwäche, vielleicht, weil sie einen Monat nach dem Tod seines Sohnes William Worth zur Welt kam, der im Bürgerkrieg in der Schlacht von Plymouth gefallen ist. Ein Zeichen, dass das Leben letztlich immer die Oberhand behält. Zu Hause nennt man sie Pink, vermutlich wegen der Gewohnheit ihrer Mutter, sie seit dem Tag ihrer Taufe in Rosa zu kleiden. Und Pink liebt ihren Vater, der ihr gegenüber die Sanftheit eines Großvaters an den Tag legt, über alles. Es sind dies Jahre absoluter Unbeschwertheit. Das kleine Mädchen wird von allen Seiten mit Zuneigung überschüttet. Sie hat dreizehn Geschwister, manche davon haben bereits selbst Kinder, die älter sind als sie und sie Tante nennen. Liebe, Freude, Freiheit und Wohlstand. In dem großen Haus in Cherry Run ist das Glück Teil der Landschaft, ebenso wie die Eichen, der Fluss, die blauen Kornblumen und die Mühle. Die Tage fließen ruhig dahin, vor allem in der schönen Jahreszeit. An diesen sonnigen Tagen, an denen der Himmel so tief und blau wirkt, dass man meint, in ihn eintauchen zu können, wacht Pink sehr früh auf, um ihren Vater zu beobachten, wie er an die Eiche gelehnt Kaffee trinkt. Dann überredet sie ihn, sie in den Laden mitzunehmen, wo sie die jungen Burschen piesackt, die hinter dem großen hölzernen Tresen die Kundschaft bedienen. Oder sie schwingt sich auf der Schaukel, die an einem kräftigen Ast der Eiche hinter dem Haus hängt, immer höher hinaus, während Mary Jane überall nach ihr sucht, um sie ins Bett zu bringen. Eine kleine Oase des Friedens. Der Bürgerkrieg ist gerade vorbei. Der Richter hat – wie die gesamte Nation – einen Sohn geopfert, aber die Zeit der Trauer ist vorüber. Das Leben nimmt wieder seinen Lauf. So wie das übrige Land erlebt auch Cochran’s Mills große Veränderungen und wächst zügig: Eine Schule wird gebaut, es entstehen immer mehr Kirchen, man gräbt im Boden, weil der Bedarf an Eisen und Kohle steigt. Manche graben auch bereits nach etwas anderem, einer klebrigen, grünlichen, übel riechenden Flüssigkeit: Erdöl. Schon vor dem Bürgerkrieg hatte eine kleine Gruppe von Geschäftsleuten in dem kleinen Ort Titusville, etwa hundert Meilen nordwestlich von Burrell in Crawford County gelegen, sich in den Kopf gesetzt, diese stinkende Flüssigkeit aus dem Bauch der Erde zu holen. Häufig tauchte es in einigen Abschnitten des Allegheny auf, des großen Nebenflusses des Ohio, der nicht weit vom Ort vorbeifließt. Ein Chemiker aus Yale hatte 1855 Proben genommen, um die Eigenschaften des Stoffes zu erkunden, und war zu dem Schluss gekommen, dass es nach einem Raffinationsprozess einen hervorragenden Brennstoff abgeben würde. Die Gruppe beauftragte einen jungen Mann, Edwin Drake, der sich auf der Suche nach seinem persönlichen Glück schon in allen möglichen Berufen versucht hatte. Drake begeisterte sich für das Projekt und fing an, mit artesischen Brunnen nach dem Erdöl zu suchen. Lange Zeit blieb ihm der Erfolg versagt. Doch an einem heißen Tag des ausklingenden Sommers, als man Drake bereits für einen Verrückten und Schwindler hielt, trat aus einem der Brunnen plötzlich Erdöl aus. Es strömte nach oben, als wäre es Wasser. Seit über hundertfünfzig Jahren lernen Generationen von Schülern dieses Datum: den 29. August 1859. Allerdings hätte dieser Tag keine Aufnahme in die Geschichtsbücher gefunden, wenn nicht ein paar Jahre später ein junger Mann aus Cleveland gekommen wäre, der von dem Erdöl gehört hatte und der festen Überzeugung war, dieser Stoff sei weit wertvoller als das mythische Gold Kaliforniens.

Mit gerade einmal sechsundzwanzig Jahren beschließt er, alles, was er hat, in ein Unternehmen zu stecken, von dem damals noch kein Mensch eine rechte Vorstellung hat: eine Raffinerie. Denn so wie es aus der Erde kommt, ist das Erdöl nicht zu gebrauchen. Erfahrene Hände und kluge Köpfe sind vonnöten, die es in den Brennstoff zu verwandeln wissen, der der Kohle den Garaus machen wird. Nein, das ist keine Alchemie. Es ist angewandte Chemie. Und der unbekannte junge Mann mit den höflichen Manieren erschafft im Nichts von Titusville, was in wenigen Jahren zum größten Privatmonopol der Geschichte werden sollte: die Standard Oil. Wer weiß, ob Michael Cochran, ehrenamtlicher Richter des kleinen Ortes Burrell, je von diesem jungen Ausnahmetalent gehört hat: John Davidson Rockefeller. Möglicherweise schon. Vielleicht bewundert er dessen Unternehmergeist, das methodische Vorgehen und die Weitsicht. In jedem Fall aber ist er ein Verwandter im Geiste. Auch Cochran hat sich sein eigenes kleines Reich aufgebaut. Freilich, er spekuliert auf Grundstücke, aber der Geist ist derselbe. Es ist der Geist eines Landes, das nach dem Bürgerkrieg entschlossen nach vorn schaut und von einer Unruhe getrieben ist, die noch kraftvoller ist als Drakes Erdöl. Man verspürt den Drang, an einer großen Umwälzung teilzuhaben. Und wehe, man widersetzt sich ihm aus der Befürchtung heraus, das Erworbene zu verlieren. Für ihn ist ebenso wie später für Elizabeth Unruhe ein Schlüsselbegriff. Es ist dieselbe Unruhe, die den Richter eines Tages veranlasst, das Haus in Cherry Run zu verlassen und in seine Geburtsstadt Apollo zu ziehen. Dort will er seinen Reichtum weiter vermehren und alt werden. Gesagt, getan. 1869 verabschiedet sich Pink von der großen Eiche und zieht in das eindrucksvolle Haus mit den weißen Säulen um, die ihr, die noch kaum einen Meter misst, wie die Beine eines Riesen vorkommen. Aber alt sollte Richter Cochran in diesem Haus nicht werden: eine plötzliche Lähmung – heute würden wir von einem Schlaganfall sprechen –, und der Mann, der sich vor dem Horizont an der Eiche abstützt, wird zu einer verblassenden Erinnerung, die bald vollends verschwindet. Zu Anfang schließt Pink die Augen und sieht den reglosen Körper ihres Vaters auf dem Bett liegen. Die leblosen weißen Finger sind ineinander verschränkt. Diese Hände werden sie nie wieder streicheln, aus diesem Mund wird nie wieder seine Stimme erklingen. Mit einem Mal ist alles unwiederbringlich zu Ende. Die Großen versuchen ihr zu erklären, dass der Richter sie nie im Stich lassen, dass er von irgendeinem nicht näher bezeichneten Ort aus immer ein Auge auf sie haben wird. Aber Pink kann sich nicht damit abfinden. Für sie ist es wie eine Verstümmelung. Mit ihm ist ihr auch ein Stück ihrer selbst abhandengekommen. Außerdem hat sie Angst. Was wird aus ihrer Familie? Vorher war sie stark, jetzt ist sie es nicht mehr. Ihre Welt, ihre kleine Welt ist zusammengefallen wie ein Kartenhaus. Judy, ihre unzertrennliche Spielgefährtin, erzählt ihr gleich nach der Beerdigung, was nach dem Tod ihres eigenen Großvaters geschehen ist: Ein paar Tage später kam ein dunkel gekleideter Herr mit einem merkwürdigen Brief in der Hand, den der Großvater hinterlassen hatte, und alles war gut. Daraufhin fasst Pink wieder Mut und läuft zur Mutter, da sie annimmt, der Richter habe bestimmt dasselbe getan. Mit Tränen in den Augen teilt Mary Jane ihr mit, dass es keinen solchen Brief gibt. Pink schaut sie ungläubig an: »Wie kann es sein, dass ihr nicht daran gedacht habt, du und Papa?« Mary Jane weiß darauf keine Antwort, und Pink wird zum ersten Mal bewusst, dass die Fragen, die man stellt, oft wichtiger sind als die Antworten, die man erhält.

Der Tod des Richters trifft die Familie Cochran wie ein gut gezielter Axthieb einen jungen Baum, der zwar Wind und Wetter noch eine Weile standzuhalten vermag, aber beim nächsten Schlag plötzlich umfällt. Zu Beginn geht es darum, den Verlust eines liebevollen Vaters und Ehemanns zu verkraften, doch recht bald stellt sich ganz prosaisch das Problem, die Güter auf die neun Kinder aus erster Ehe, die Ehefrau und deren fünf Kinder aufzuteilen. Wie Pink bereits herausgefunden hat, hat Cochran keinerlei Testament hinterlassen, und der Richter des Bezirks weiß sich keinen anderen Weg, als alles zu verkaufen und jedem seinen Anteil an der Erbschaft auszuzahlen. Für die Witwe und ihre fünf Kinder beginnt ein langer Abstieg, der sie Jahr um Jahr ärmer macht. Von dem stattlichen Haus in Apollo ziehen sie nach und nach in immer bescheidenere Behausungen um. Pink ist desorientiert. Die Unbeschwertheit ihrer ersten Lebensjahre ist einem subtilen Grimm gewichen. In der Schule macht sie sich zuweilen in einer Weise Luft, die von denen, die sie damals kannten, als wild bezeichnet wird. Die Bindung zu ihrer Mutter wird immer enger. Mit zunehmendem Alter wird Elizabeth sich in einer Umkehrung der Rollen um Mary Jane, ihre Schwester Kate und ihren Bruder Harry kümmern, während Albert und Charles das mütterliche Heim schon bald verlassen.

An den Spielen ihrer Kindheit findet sie jetzt keinen Gefallen mehr. Sogar Frösche zu jagen langweilt sie. Ab und zu hat sie den Eindruck, die Stimme ihres Vaters zu hören. Doch wenn sie sich dann umdreht, ist da niemand. Sie ist davon überzeugt, dass es sich um seinen Geist handelt. Das erschreckt sie allerdings nicht, sondern gibt ihr Zuversicht. Der Geist des alten Richters ist zu dieser Zeit vielleicht ihr einziger fester Anhaltspunkt. In der Schule stellt sich schnell heraus, dass sie nicht dazu bestimmt ist, zur Musterschülerin zu werden: Sie ist mager, lebhaft, streitsüchtig und schlagfertig. Alle nennen sie Lizzie, was für ihren Geschmack aber zu niedlich klingt. Von nun an lehnt sie diesen Namen ab. Ihre Mutter hält es fast drei Jahre lang allein aus. Dann entscheidet sie sich zum dritten Mal zur Heirat. Ihr neuer Partner, John Jackson Ford, ist ein Bürgerkriegsveteran. Er arbeitet als Böttcher, aber nur, wenn er dazu Lust hat: nicht gerade das, was man unter einer guten Partie versteht. Doch in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist es mit dreiundvierzig Jahren und fünf Kindern, die durchzufüttern sind, in einem kleinen Dorf im Inneren Pennsylvanias nicht so einfach, etwas Besseres zu finden. Dennoch vergeht nicht viel Zeit, bis Mary Jane merkt, dass es unmöglich gewesen wäre, etwas Schlimmeres zu finden. Ford hat mit Richter Cochran rein gar nichts gemein. Er hat keine Ahnung, was es heißt, liebevoll zu sein, den Ehepartner zu achten, sich um die Kinder zu kümmern. Immer häufiger wird er gewalttätig. So lernt Pink im Alter zwischen neun und vierzehn die brutale Seite der Männerwelt kennen. Ford ist häufig betrunken, er ohrfeigt Mary Jane und droht allen mit seiner Pistole: Auf den Verlust des Vaters und den wirtschaftlichen Niedergang folgt nun die Schande eines erbärmlichen und gewalttätigen Stiefvaters.

Mary Jane hält das fünf Jahre lang durch. Doch zu Sylvester des Jahres 1877 schlägt Ford über die Stränge. Pink ist mit der Mutter und den Geschwistern in einem von der Baptistenkirche für die Neujahrsfeier angemieteten Raum. Plötzlich taucht ein Mann auf. Er ist sichtlich betrunken. Er führt Selbstgespräche. Anfangs achtet niemand auf ihn. Mit hin und her baumelndem Kopf geht er auf Mary Jane zu, die erblasst, als sie ihren Mann erkennt. Während ringsum alles still wird, zieht Ford seine Pistole und legt sie auf ihren Kopf an, der Lauf ist nur wenige Zentimeter vor Mary Janes Stirn entfernt. Pink ist wie versteinert. Ford redet zusammenhangloses Zeug. Er habe ihr gesagt, nicht aus dem Haus zu gehen, nicht zu dieser Feier zu gehen, aber sie habe ihm nicht gehorcht. Jetzt sei er gekommen, um sie zu bestrafen. Er ist offenkundig verwirrt. Die Hand, in der er die Pistole hält, zittert immer stärker. Pinks älterer Bruder Albert tauscht mit zwei Männern in seiner Nähe Blicke. Mit einem Sprung stürzen sie sich auf Ford und zerren ihn zu Boden, überwältigt und entwaffnet. Mary Jane bekommt einen hysterischen Anfall und läuft davon, die Kinder hinterher. Das Ehepaar versucht es danach zwar noch einmal mit einer Versöhnung, aber mit Ford ist nichts mehr anzufangen. Ein paar Monate später richtet der Mann erneut die Pistole auf Frau und Kinder. Nun zögert Mary Jane nicht mehr und reicht die Scheidung ein. Der Staat Pennsylvania erlaubt es Frauen, eine Scheidung zu beantragen, dennoch macht kaum je eine davon Gebrauch. Daher löst es große Verwunderung aus, dass Mary Jane den Prozess und die öffentlichen Sitzungen über sich ergehen lässt, bei denen Zeugen über das brutale Auftreten Fords aussagen. Ihre Geschichte wird in Apollo zum alles beherrschenden Gesprächsstoff. Aufstieg und Niedergang der Witwe Cochran, der Ruin der Frau des Richters, die Gewalt ihres dritten Ehemanns. All dies hallt in der kleinen Gemeinde wider. Und nicht nur das. Pink ist mutig zur Zeugenaussage vor dem Richter bereit, sie ist jetzt vierzehn und will, dass alle erfahren, was sich zugetragen hat. Im Prozess erzählt sie stolz, und ohne je den Blick zu senken, ihre Wahrheit: »Meine Mutter kann nichts dafür, dass Ford dauernd betrunken war und sich nicht um unsere Belange gekümmert hat. Meine Mutter kann nichts dafür, dass er die Gewohnheit hatte, sie jeden gottgegebenen Tag zu beleidigen und zu verfluchen. Meine Mutter kann nichts dafür, dass er sie mit der Pistole bedrohte, die er ihr an den Kopf hielt oder geladen unter dem Kissen versteckte. Meine Mutter kann nichts dafür, dass der bevorzugte Zeitvertreib Fords darin bestand, die Möbel im Haus mit Fußtritten zu traktieren, oder dass er zu nichts anderem imstande war, als uns alle einzuschüchtern.« Zurück an ihrem Platz drückt sie der Mutter fest die Hand, und dann, erst dann läuft ihr eine Träne langsam die Wange hinunter. Sie weiß genau, so wie alle es wissen, dass Mary Jane keine Alternative hatte. Dennoch gilt die Scheidung als Versagen der Frau, nicht so sehr des Paares. Diese Stimmen, diese Gesichter verfolgen Pink, die nun ein junges Mädchen ist, wie Gespenster. Da ist die Wut, da ist die Bedrückung, da ist die Erinnerung an ein Leben, das auch anders hätte aussehen können. Sich des verlorenen Paradieses zu erinnern schmerzt noch mehr. Es wäre besser gewesen, nur Männer wie Ford kennenzulernen, denn dann – denkt sie – hätte es wenigstens nicht die Qual des Vergleichs zwischen dem Vorher und dem Nachher gegeben. »Nie wieder«, sagt sie sich. Nie wieder anderen ausgeliefert sein. Nie wieder die eigene Würde gegen ein bisschen Sicherheit eintauschen. Nie wieder von einem Mann abhängig sein. Nie wieder.

EINSAMES WAISENMÄDCHEN

Waisenmädchen, Waisenmädchen, Waisenmädchen. Das kleine Waisenmädchen. Wie fühlt es sich an, ohne? Wie wächst man ohne auf? Oft hast du dich das gefragt. Du hast großes Glück gehabt, einen solchen Vater zu haben. Aber es hat nicht lange gehalten. Dann ist der andere gekommen, zu dem du nie Vertrauen gefasst hast. Selbst für ein Kind war zu erkennen, dass er ein Tunichtgut war. Dabei warst du fast noch ein Kind, als er dir ins Haus geschneit kam. Deine Mutter aber hat es nicht erkannt. »Gib ihn auf, gib ihn auf«, hast du ihr gesagt. Aber sie wollte nicht mehr allein sein. Und so war es dann. Wie oft hast du gedacht, »wie selig doch die sind, die keinen solchen Vater gekannt haben wie ich«. Der Vergleich hat dich Tag um Tag zermürbt. Deine größte Furcht: selbst in den Armen eines solchen Kerls zu landen. Du warst besessen von der Idee eines solchen Schicksals. Mit all deiner Kraft hast du nach einem Ausweg gesucht. Nach der Demütigung jener Scheidung hast du dir geschworen, es nicht so zu machen wie deine Mutter: drei Eheschließungen, weil eine Frau es allein nicht schaffen kann. Aber du musst es schaffen. Sie ist jetzt wieder allein. Zwei Ehemänner unter der Erde, und der dritte, Gott sei Dank, abgehauen. Auch wenn sein Gebrüll, seine Drohungen und seine Schikanen dir immer wieder in Erinnerung kommen und dir keine Ruhe lassen. Wie ein Hintergrundgeräusch, wie das Rauschen des Windes im Eichenlaub. Es ist da. Du verstehst nicht gleich, wo es herkommt und wo es hinführt, aber es ist da und begleitet dich den ganzen Tag über. Und nachts wird dieser laue Wind zu einem Sturm, der dich im Schlaf erschüttert. Plötzlich taucht Ford mit seinem idiotischen Grinsen und der zitternden, ins wachsbleiche Gesicht deiner Mutter gehaltenen Pistole auf. Deiner Mutter, die das Lächeln verlernt hat. Das plötzlich ernste Gesicht zerfällt in einem Ausdruck des Schreckens, als wäre es morsches Holz. Die Haut fällt ab wie Tonsplitter. Ford fängt angesichts des schrecklichen Anblicks an, ängstlich zu schlottern. Er weicht zurück, wendet sich angeekelt ab und richtet die Pistole auf dich. Zwischen den Fingern deiner Hände, die du dir auf die Augen gelegt hast, siehst du, wie deine Mutter sich in Staub auflöst. Du stößt einen tierischen Schrei aus, und in der Panik drückt er ab, ein knallharter Schuss. Den du aber nicht hörst. Du liegst in deinem Bett. Das Fieber ist wieder gestiegen. Du setzt dich auf, und mit der Hand suchst du im Dunkeln nach dem Glas auf dem Nachttisch. Der Albtraum ist vorbei, ebenso wie die Zeit, der Schmerz allerdings ist es nicht. Der Schmerz ist geblieben wie ein Splitter im Herzen, in deinem Herzen eines Waisenmädchens, eines einsamen Waisenmädchens.

»Wir können nicht alle in den Städten leben, dennoch sieht es so aus, als wären fast alle dazu entschlossen. Kaltes und warmes Wasser, Brot vom Bäcker, das Theater, die Straßenbahn zeigen den Trend des modernen Geschmacks.« Diese Aussage stammt von Horace Greeley, dem Herausgeber der Tribune in New York. Ein Pionier des amerikanischen Journalismus. Er trat für die Abschaffung der Sklaverei ein und prägte in diesem Sinn die Politik der Republikanischen Partei, zu deren Namensgebern er wohl auch gehörte und die aus der Implosion der Whig Party entstand, als diese an der Frage der Sklaverei zerbrach.

Als unermüdlicher Herausgeber von Tageszeitungen ist Greeley einer der großen Protagonisten der Ära der penny press, der ersten Form von Massenblättern. Dennoch heben sich seine Zeitungen, und insbesondere die Tribune, von allen anderen ab. Greeley lässt nicht viel Raum für Verbrechensmeldungen und konzentriert sich stattdessen eher auf soziale und politische Themen. Seine Produkte sind ein wenig anspruchsvoller, er hat den Ehrgeiz, seine Leser über die aktuellen Debatten zu informieren. Greeley ist auch der Mann hinter dem Mythos der Grenzüberwindung als Chance. »Go West, young man.« Geht nach Westen, Jungs, und wachst gemeinsam mit dem Land – das war sein Motto. Doch diese Suche nach neuen Möglichkeiten bildet auch die Basis für einen epochalen Verstädterungsprozess. Man könnte Greeleys Spruch also umdeuten in: »Geht in die Städte, Jungs, und wachst gemeinsam mit dem Land.« In der Tat ist das letzte Viertel des Jahrhunderts von einer regelrechten Landflucht geprägt, sodass gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts beinahe die Hälfte der Amerikaner in großen Städten wie New York, Chicago, Philadelphia, Detroit oder Pittsburgh leben. Dort – so denken alle – gibt es mehr Arbeit, Freiheit und Wohlstand. Für viele wird dieser Traum jedoch zu einem Albtraum: Die Wohnungen sind heruntergekommen, wenn nicht gar Bruchbuden, die Arbeit in den Fabriken ist entmenschlichend – die Armut auf dem Land kehrt sich um in das Elend in den Städten. Es entsteht das amerikanische Stadtproletariat. Ein Proletariat, das nie eine Revolution anstrebt, denn für die allermeisten dieser Menschen sind ein guter Lohn und die Sicherheit einer Wohnung mit warmem Wasser weit mehr wert als die Eroberung der Macht. Auch für die Frauen ist die Stadt eine neue Grenzmarke, sie bietet ihnen neue Möglichkeiten. Solche der Arbeit und solche der Eigenständigkeit. Viele junge Frauen ziehen auf der Suche nach einem neuen Leben vom Land in die großen Städte, so wie auch Pink dies vorhat. Zumeist landen sie in den Fabriken oder als Verkäuferinnen in den immer zahlreicheren Geschäften, die den Bedürfnissen der Einwohner dicht besiedelter Viertel entgegenkommen, deren Leben vom Takt der Schichtarbeit bestimmt wird. Andere junge Frauen bevölkern als Sekretärinnen, Telefonistinnen und Stenografinnen die großen Büros. Manche träumen von einem Platz an einer Schule: Lehrerin gilt als begehrter, angesehener und gut bezahlter Beruf. Tatsächlich denkt auch Pink ans Unterrichten, als sie sich, kaum fünfzehnjährig, ihre Zukunft als unabhängige Frau ausmalt. Ihr Plan ist simpel: Ein Teil des Erbes ihres Vaters steht ihr zu und könnte sich als nützlich erweisen. Allerdings muss sie dafür mit dem Vormund sprechen, der das Geld bis zu ihrer Volljährigkeit zu verwalten hat: Samuel Jackson, ein geschätzter und mächtiger Bankier des County. Das Mädchen bittet um einen Termin bei ihm und erhält ihn auch. Während der Besprechung erläutert Pink, was ihr vorschwebt: »Meine Mutter schafft es nicht mehr lange allein. Ich habe allerdings keinerlei Absicht, bald zu heiraten. Ich habe erlebt, wozu ein Mann fähig ist, und die Aussicht auf eine Ehe scheint mir nicht besonders attraktiv zu sein.«

Bei diesem letzten Satz hebt Jackson den Blick von den Papieren auf seinem Schreibtisch und sieht Pink fragend an. Seine linke Augenbraue zuckt kaum merklich. Er ist nicht irritiert, eher verwundert. Er hat noch nie erlebt, dass ein fünfzehnjähriges Mädchen mit einer solchen Entschlossenheit auftritt.

Pink kümmert sich nicht um sein Erstaunen und fährt mit ihrer Rede fort, die sie zu Hause vor dem Spiegel immer wieder geübt hat: »Die Lösung ist ganz einfach: Ich muss eine passende Arbeit finden. Zum Beispiel als Lehrerin.« Und nach einer kurzen Pause fragt sie ihn freiheraus: »Wo kann ich eine Ausbildung machen und lernen, eine gute Lehrerin zu werden?«

Jackson antwortet prompt, als wäre er der Schüler: »Auf der Indiana Normal School.«

»Genau«, gibt Pink zurück. »Und damit kommen wir zum Kern unseres Gesprächs. Reicht mein Anteil an der Erbschaft aus, um die Kosten des dreijährigen Lehrgangs zu decken?«

»Gewiss, Miss Cochran, Geld ist vorhanden.«

Darauf setzen sich die beiden ins Einvernehmen: Der Bankier wird dem Institut die für das Schulgeld nötigen Beträge überweisen. Im September 1879 meldet sich Elizabeth mit großer Begeisterung an der Indiana Normal School an. Sie hat die verheißungsvolle Aussicht auf eine seriöse Schule und auf einen Abschluss vor sich, der ihr eine würdige, geachtete und gut bezahlte Arbeit sichern wird. Und vor allem – daran liegt ihr am meisten – die Gewissheit, nicht von einem Mann abhängig sein zu müssen. Beinahe zehn Jahre nach dem Tod des Vaters, nach der desaströsen Ehe der Mutter mit dem geistesgestörten Ford und der anschließenden Scheidung kann Pink also endlich aufatmen. Nun kann sie mit einer gewissen Erleichterung auf die Vergangenheit und mit einem Funken Hoffnung in die Zukunft blicken. Den Herbst über besucht sie den Unterricht in Mathematik, Grammatik und Zeichnen. Besonders das Lesen tut es ihr an, sie verbringt lange Nachmittage in der Bibliothek der Schule. Die Reise um die Erde in 80 Tagen verschlingt sie regelrecht, stundenlang träumt sie von Hochseeschiffen, Karawanen und Zügen. Da ahnt sie noch nicht, was das Schicksal zehn Jahre später für sie bereithält.

»Ich habe angefangen, Little Women1 zu lesen, und dabei bemerkt, dass wir in den letzten zehn Jahren zu Hause kein richtiges Weihnachten mehr gefeiert haben«, vertraut sie einer Mitschülerin an, die sie daraufhin verständnislos anblickt. »Weißt du nicht mehr? ›Ein Weihnachten ohne Geschenke ist kein richtiges Weihnachten.‹ Jo sagt das am Anfang des Buches. Aber dieses Jahr werde ich mich danach richten, und ich schwöre, dass wir es richtig feiern.« Im Dezember erhält sie jedoch eine unerwartete Vorladung zu Mr. Jackson in die Bank. Auf dem Weg in sein Büro kreisen Elizabeth – der Name Pink ist ihrem Alter nicht mehr angemessen – alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Hat sie sich irgendetwas zuschulden kommen lassen? Hat sich die Schule vielleicht bei ihrem Vormund beschwert? Sie lässt die in der Indiana Normal School verbrachten Monate geistig noch einmal Revue passieren, es fällt ihr aber nichts ein, was diese Vorladung rechtfertigen könnte. Aufgeregt betritt sie Jacksons Büro und erkennt auf seinem Gesicht einen noch desolateren Ausdruck als auf ihrem eigenen. Sie nimmt Platz und wartet, dass er das Gespräch eröffnet. Der Mann ist offenkundig verlegen und teilt ihr mit, dass leider kein Geld mehr zur Verfügung steht: »Ich habe falsch gerechnet, Miss Cochran. Leider werden sie die Schule verlassen müssen.«

Elizabeth versteht nicht. Sie verlangt nach einer Erklärung, aber es verhält sich so, wie Jackson es ihr dargestellt hat, und nichts vermag, daran etwas zu ändern. So verwandelt sich das Weihnachtsfest, das endlich wieder einmal feierlich werden sollte, in eines der traurigsten, bei dem sie sich ganz darin verzehrt, der verpassten Chance nachzutrauern.

Nachdem die kurze Erfahrung in der Indiana Normal School abgeheftet ist, zieht die ganze Familie 1880 in eine Vorstadt von Pittsburgh in der Hoffnung, dort leichter Arbeit finden zu können. Es ist eine finstere Zeit, die Elizabeth damit zubringt, eine Anstellung als Verkäuferin oder Sekretärin zu suchen. Aber ohne Erfolg. Vielleicht geschieht es in dieser Zeit, dass sie auf die Idee kommt, die eigene Vergangenheit zu »korrigieren«, ihren Lebenslauf durch eine schulische Erfahrung zu bereichern, die sie in Wahrheit nie gemacht hat. So taucht darin ein nicht näher bezeichneter Besuch der Indiana Normal School und ein autodidaktischer Bildungsweg dank einer imaginären Hausbibliothek auf. Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Als sie sechzehn ist, wohnt sie mit der Mutter, den älteren Brüdern Albert und Charles, der vierzehnjährigen Schwester Kate und dem zehnjährigen Harry in einem bescheidenen Haus in Allegheny City. Albert und Charles finden schnell Arbeit und heiraten wenige Monate später. Bald darauf heiratet auch Kate, aber die Ehe wird nicht lange halten. Elizabeth hat hingegen noch immer keinerlei Absicht zu heiraten. Sie will arbeiten. Doch sie muss am eigenen Leib erfahren, wie schwierig es für Frauen zu jener Zeit ist, für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen, und was es bedeutet, den von der etablierten patriarchalischen Gesellschaft für Frauen vorgesehenen Kreis zu verlassen. Gewiss, für Frauen wird sich bald eine neue Welt auftun. Bald wird von new women die Rede sein. Doch was für gebildete oder wohlhabende Töchter des Bürgertums gelten mag, gilt für die Frauen der ärmeren Schichten der amerikanischen Gesellschaft weit weniger – oder überhaupt nicht. Diese zwingt die krampfhafte Notwendigkeit einer Arbeit häufig dazu, sich auf gelinde gesagt diskriminierende Bedingungen einzulassen. Manche schaffen es mit Mühe und Not, eine Stelle als Verkäuferin oder Sekretärin zu ergattern, aber die Konkurrenz ist gnadenlos, und die meisten dieser Frauen landen zwischen den vier Wänden einer Fabrik.

Dennoch ist Schritt um Schritt, Eroberung um Eroberung, eine erhebliche Veränderung der Rolle der Frau im Gange. Der weißen Frauen, versteht sich! Denn die Schwarzen (Frauen wie Männer) werden noch fast ein Jahrhundert warten müssen. Eine mühsame, äußerst schwerfällige Revolution. Aber immerhin eine Revolution. Und in diesem Klima der Veränderung sucht ein junges Mädchen seinen Weg. Elizabeth gibt nicht auf. Sie kann sich nicht vorstellen, dass es ihr bestimmt ist, bei irgendeinem Mann zu landen, mit wer weiß wie vielen Kindern und der Mutter, die auch zu versorgen ist. Nein. Ihr Leben ist wertvoll. Und sie will es nicht wegwerfen. Ganz still, unbesehen von den Zahlen und Statistiken der Historiker, hält sie stand. Sie arbeitet weder in der Fabrik noch heiratet sie, und das in einer Zeit, in der alle in ihrem Alter das eine oder das andere tun. Oder beides. Es zehrt an ihr, eine Frau und arm zu sein. Doch noch mehr zehrt es an ihr, zugeben zu müssen, dass es ohne einen Mann nicht geht.

Auf alles kann Elizabeth verzichten, nur nicht darauf, die Seiten des Pittsburgh Dispatch