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,,Neonmerika" ist ein origineller, fantasievoll geschachtelter Psycho-Thriller. Wechselnd zwischen einer realen Welt und einer surrealen Apokalypse, wird der Leser in eine Reise voller Ungereimtheiten entführt. Die Hauptrolle spielt der gebrochene Kriegsreporter Jack Gabriel. Oder spielt er eine Doppelrolle? Und ist Jack selber ins Glücksspiel geflüchtet, oder hat ihn Walther Franklin dazu verführt? Und ist Jack gar selber der Wüsten-Killer, über den er berichtet? Und ist Bosco Detective oder Krimineller? Und liebt Donna Gabriel noch immer ihren Mann, oder etwa Bosco? Und ist die gemeinsame Tochter der Gabriels tödlich verunglückt, oder noch am Leben? Auf jede Frage folgt eine Antwort, die wiederum ein weiteres Rätsel aufgibt. Bis schließlich auf eine Reihe überraschender Wendungen die bitterböse Schluß-Pointe folgt. Was verwirrend beginnt, endet verstörend-klärend. Absorbierendes Entertainment mit literarischem Anspruch.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ralph Gotta
Neonmerika
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Trauma-Fahrt
Die Begegnung
Donnas Version
Der Disput
Seine Version
Die Wiedervereinigung
Die Rückkehr
Boscos Version
Das Geständnis
Das Happy-End
Impressum neobooks
Es begab sich einst ein Mann ohne Vergangenheit auf eine Reise ohne Ziel durch ein Land ohne Zukunft. Dieses Land, so hatten sie ihm erzählt, hieß Neonmerika und war der Rest eines verseuchten Planeten, der nach der Zeit der Katastrophen und nuklearen Wasserkriege übriggeblieben war. Die Amerikaner als absolute Alleinherrscher hatten darauf ihren großen Traum realisiert, doch der Preis dafür war ein täglich-nächtlicher Todestraum, der noch so lange dauern würde, bis das Ende der Welt für alle Ewigkeiten erreicht wäre. Aber ihn, diesen Niemand aus einem Niemandsland, brauche das weder zu kümmern noch zu bekümmern, hatten sie ihm mit auf den Weg gegeben. Er solle einfach immer nur dem vorgegebenen Pfad folgen, seinen Wagen und sein Leben laufen lassen, sich keine Sorgen um die Sorgen machen und sich nicht vor der Einsamkeit ängstigen, dann werde er früher oder später das ganz von allein kommende größte Glück erfahren, das Wissen davon, wie man sich selbst gehören kann.
Und es dauerte nicht lange, viel kürzer, als er gedacht hätte, bis er dieses Gefühl in sich trug wie ein Kleinod aus dem Ozean der Erhabenheit. Er reiste Unendlichkeiten durch menschenleere Ruinenstädte, ausgetrocknete Seen und Baumfriedhöfe, und dennoch gelang es ihm scheinbar mühelos, das Selbst immer wieder aus den Tiefen der eigenen Existenz zu nähren. Es war, als habe die Natur aufgegeben zu atmen, und doch besaß er die Fähigkeit, seinem eigenen Sein stets aufs neue Leben einzuhauchen.
Als dieses ihm von einer undefinierbaren Macht geschenkte Glücksgefühl jedoch zunehmend gewöhnlicher zu werden und an Substanz einzubüßen begann, geschah mit ihm, der bislang durch die Endlosigkeit gefahren war wie ein beteiligter Unbeteiligter, etwas Ungewöhnliches: Zum ersten Mal, seit er unterwegs war, sah er in unmittelbarer Ferne eine der Neonklaven aufleuchten. Obwohl sie ihn eindringlich davor gewarnt hatten, dort hineinzufahren, war es ihm nicht möglich, sich der magischen Anziehungskraft des blaureinen Lichts zu widersetzen. Er wusste nicht, wie lange er sich bereits durch dieses monotone Grau, diesen nicht enden wollenden Tropensommer ohne Sonne hindurch gerungen hatte, und deshalb fiel es ihm jetzt leicht, statt sich von ihren Anweisungen von dem kalt blitzenden Magnetismus jenes Fixsterns, der Blue Italy für ihn war, leiten zu lassen. Nun, da er spürte, wie unglücklich er in Wirklichkeit während der ganzen bisherigen Expedition in dieses befremdliche Weltreich gewesen war, wie sehr ihn die Vereinzelung ausgehöhlt hatte, überwog die Aussicht auf Menschheit, so verkommen sie auch sein mochte, die auf das Sterben.
Hätte er vorher gewusst, was für ein Szenario sich in Blue Italy abspielte, er würde sich niemals dorthin gewagt haben. Doch da er zu wissen glaubte, dass man es, wenn überhaupt, immer erst hinterher wusste, wusste er, dass er in diesen Sektor des Ungeheuerlichen musste. Darum bereute er sein Abweichen vom Weg der Verlassenheit, auf dem er sich nun wieder befand, nicht. Das einzige, was er bereute, war, dass er offenbar noch lebte, obgleich er glaubte, gleich mehrfach hingerichtet worden zu sein. Vielleicht war er ja auch schon längst gestorben und schwankte nun im Schattenreich eines anonymen Todes durch eine Gegend, in der es offenbar nichts zu erwarten gab als eine stumme Nachtwüste, die all seine Hoffnungen, die sie ihm gemacht hatten, unter sich begrub und seine Seele vertrocknen ließ.
Gerade aber, als er sich auf dem Tiefpunkt seiner Spazierfahrt durch die Betrübnis wähnte, mit ihr und sich abzuschließen bereit war, nahm sein Gehör Töne wahr, deren Schwingungen ihn mit einem Male ins Dasein des Erlebens zurückwuchteten. Und nun glaubte er sie auch zu erkennen, jene Soundgewalten, ganz groß am Horizont aufgestanden. Er spürte, wie sie in ihm ineinander donnerten, und es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich ihrem Klang hinzugeben.
So ließ er sich denn Augenblicksewigkeiten treiben von einem oszillierenden Beat, durch den er zunächst in bewegte Erregung geriet. Doch je länger er im Takt der Musik so dahinfuhr, sosehr ihn all deren Subtilitäten faszinierten, desto intensiver spürte er den ihr innewohnenden Kaputtmechanismus, der ganz allmählich aus der Tiefe des Basses an die Oberfläche seines Bewusstseins gedrungen war, bis er ihn schließlich aus einem Taumel der Ekstase riss mitten hinein in einen der Todtraurigkeit. Wenn er nun ein Glück hätte wählen dürfen, dann, von den nahezu unerträglichen Schmerzen befreit zu werden, die ihn seit Blue Italy befallen hatten wie ein unzerstörbares, zerstörerisches Virus.
Der Wunsch nach dem paradiesischen Nichts, dem vollkommenen Schwarz wurde ihm nicht erfüllt. Als er wieder aufwachte, begann der Albtraum erneut, und zwar noch heftiger als zuvor. Im Gefühl, sein Wille gehöre einem anderen, schnellte er auf Red Germany zu, und noch bevor er einigermaßen zu sich gekommen war, befand er sich bereits in Green England, das grenzenlos in Yellow Australia überging. Keinen Moment später fiel er schließlich wieder in Blue Italy umher.
Er hatte nicht das Empfinden, als sei er auch nur einen Schritt vorangekommen, eher, als bewegte er sich in einem Kreis, dessen einzige Ordnung das Chaos war. Unaufhörlich flossen die unterschiedlichen Neonfarben ineinander und wieder auseinander, nahmen die Mischformen all der auf seltsame Weise miteinander verbundenen Distrikte in ebenso stetiger Unstetigkeit neue an. Analog dazu erhielt der Schrecken von Mal zu Mal ungeahntere Dimensionen. Kaum war neues Leben erwacht, wurde es zusammen mit allem älteren umgebracht, und der einzige, der wie durch ein sich immer wieder wiederholendes Wunder überlebte, war er. Weil es aber kein losgelöstes Sehen gab und er mehr Elend zu Gesicht bekommen hatte, als ein Mensch vertragen konnte, verfluchte er es immerzu und verlangte schreiend nach der Erlösung, setzte dabei sein Leben mehrfach auf ein Spiel, dessen Regeln er von irgendwoher zu kennen schien. Obwohl er seine Existenz tausendmal verlor, gewann er sie ebenso viele Male zurück. «Black Jack», dröhnte es dann jeweils durch seinen Kopf, worauf er sich jedes Mal erbrach, bis er schließlich völlig zusammen- und auseinanderbrach.
Mild platzende Silbertropfen holten ihn zurück aus dem Nirgends, und als sie ihm die Augen öffneten für einen Weg, der ihm anfangs nichts zeigte außer Trübseligkeit, fragte er sich, ob das der Regen war, aus dem die Tränen der Verzweiflung gemacht wurden. Es war ein Weg voller Leere, und es kostete ihn viele seiner wenigen Energien, diese Leere mit irgend einer Hoffnung auf irgend etwas auszufüllen.
Ohne zu wissen, was ihn weitermachen ließ, reichte sein Durchhaltevermögen aus bis zu einer Stelle, an der es unverhofft steil aufwärts ging. Er war angelangt am Fuße des Berges der Katharsis, und auf einmal waren es nur noch ganze sieben Schritte bis zum Gipfel der Glückseligkeit.
Er machte ohne zu zögern den ersten und hörte seine Stimme sagen: Ich mag es, meine Innenwelt in Zeiten des Alleinseins zu erforschen, worauf seine Beine zu zittern begannen.
Trotzdem wagte er den zweiten und hörte sich zu sich sagen: Mein Wohlstand beginnt im Geist. Ich bin der Überfluss, der mich erschaffen hat, worauf in seinem Kopf ein Vakuum entstand.
Dennoch ging er weiter und flößte sich beim dritten Schritt ein: Ob meine Probleme real oder eingebildet sein mögen, stets gehe ich realistisch und positiv denkend mit ihnen um, worauf er zu schluchzen begann.
Doch auch davon ließ er sich nicht abhalten und flüsterte sich während des vierten Schritts zu: Fülle und Schönheit der Natur spiegeln mein eigenes Wesen, worauf ein zerborstenes Eismeer vor ihm erschien.
Aber so sehr ihn von nun an fröstelte, er riskierte den fünften Schritt und versicherte sich dabei: Es gibt nichts zu fürchten, worauf er spürte, wie sie ihm eine Schlinge um den Hals legten und mit einem Strick so festzogen, dass er daran zu ersticken drohte.
Trotzdem reichte sein Atem für den sechsten Schritt, während dessen er sich soufflierte: Ich verfüge über die natürliche Fähigkeit, mich jederzeit wieder aufzubauen und zu heilen, worauf er sich im Lotossitz zwei Pistolen an die Schläfen halten sah.
Aber er drückte nicht ab, sondern rappelte sich auf und erklomm schließlich den Gipfel der Glückseligkeit, wo er mit letzter Anstrengung zu sich sprach: Ich bin ein strahlendes Lichtwesen und fühle ein verzehrendes Feuer himmlischer Liebe in mir, worauf er sich in einem sich selbstverbrennenden ZEN-Buddhisten wiedererkannte.
Es war ein Tag zum Genießen, einer, an dem man die Seele locker durchschwingen lassen konnte. Zum ersten Mal während seiner Tortur schien die Sonne. Offenbar war er in einer neu erschaffenen, reinen Welt auf ebenjene gekommen. Vielleicht hatte er eine Reinkarnation erfahren, die ihn zwar die alten Leiden nicht vergessen, ihn aber keine weiteren durchleben ließ. Womöglich hatte er all die von seiner nun spürbaren Seele wie weggestrichenen Qualen und Ängste erdulden müssen, um der zu werden, der er wirklich war.
So fuhr er denn in Zufriedenheit fort, bis sie ihn schließlich brachte an einen erwartungsvollen Ort. Es war das Land der Verführung, und kaum an dessen Zentrum angekommen, wurde er von einem Schokoladenmädchen in Empfang genommen. Sie schenkte ihm ihre wunderschöne rote Rose, doch sooft er sie auch begoss, es trat niemals ein, was sie ihm eingangs versprochen hatte, die Erfüllung seiner nicht geträumten Träume zu sein. Stattdessen überkam ihn mit einem weiteren Male eine sonderbare Pein, hörte er sich plötzlich: «Donna», schreien und stürzte in eine tiefe Schlucht hinein.
Er lag noch immer am Boden, fühlte sich wie in Scheiben geschnitten, und er war klar genug bei Verstand, um zu wissen, dass er sehr verwirrt war. Nun strömten Bilder durch seinen Kopf, die in ihm eine Flut von Emotionen verursachten und die Frequenz seines Herzens bis zum Anschlag erhöhten. Er bemühte sich, eine Synthese zwischen seiner Reise durch Neonmerika und dem davor Geschehenen herzustellen, aber immer dann, wenn die Fäden zusammenzulaufen begannen, verlor er sie wieder. Er war schlichtweg noch zu aufgewühlt, um all die irgendwie miteinander verflochtenen Erlebnisse logisch aufzulösen, und der Grund für diesen inneren Aufruhr trug vor allem zwei Namen: Donna und Louisa. Nun, da ihm sein Gedächtnis verriet, dass es in seinem Leben einmal eine Frau und eine gemeinsame Tochter gegeben hatte, war es ihm kaum mehr möglich, an etwas anderes zu denken. Im Prinzip drehte sich fortan in seinem Gehirn alles um die beiden Menschen, die er liebte, und die Frage, ob sie noch am Leben waren.
Die Möglichkeit, dass sie nicht mehr auf der Welt zugegen waren oder in einer anderen zu Hause als er, lähmte ihn zunächst. Dann aber sagte er sich, dass er schließlich nichts zu verlieren habe. Wenn Louisa und Donna tot waren, waren sie, so furchtbar das auch wäre, tot. Wenn sie noch lebten, er sie aber nicht fände, wäre das kaum minder traurig. Am schlimmsten jedoch wäre gewesen, wenn er erst gar nicht versucht hätte, nach ihnen zu suchen. Und vielleicht, machte er sich Mut, war das Schokoladenmädchen ja ein zerschmelzender Traum gewesen, der allein dazu bestimmt war, ihn zurück in seine Vergangenheit zu führen und damit in eine bessere Zukunft. Sich an dieser Deutung festhaltend, stand er auf, und nachdem ihm die ersten Meter noch große Mühe bereitet hatten, nahmen mit jedem weiteren Dynamik und Zuversicht zu. Wenn du dich von dem führen lässt, was für dich Herz, Verstand und Sinn hat, wirst du Erfolg haben, hörte er seine innere Stimme sagen. Und dieses Mal hatte er das untrügliche Gefühl, dass sie ihn nicht betrog. In dem Glauben, dass alles, was bisher schiefgelaufen war, seine Richtigkeit hatte, dass sämtliche Unverständlichkeiten die unverzichtbaren Bestandteile einer am Ende schlüssigen und glücklichen Geschichte waren, irrte er unbeirrt durch ein Labyrinth von Wegweisern, bis er schließlich dort ankam, wohin er sich immer gewünscht hatte.
Sicherlich existierten in seiner Vorstellung weitaus idyllischere Orte als der, den er vor sich sah. Weil hier aber nun seine einzige Liebe lebte, eignete ihm in seinen Augen gar etwas Romantisches. Er konnte Gott, den er einst ungezählte Male verflucht hatte, nur reuevoll danken, dass er Donna in dieser Ungastlichkeit nicht im Stich gelassen hatte und ihm die Richtung zu ihr gewiesen. Nun war es ihm ein leichtes, all die durchgestandenen Schwierigkeiten als tatsächlich unabdingbare Prüfungen auf dem Weg zum lohnenswerten Ziel zu betrachten: wer so lange durch die Hölle gegangen war wie er, auf den konnte am Ausgang nur das Paradies warten.
Aber wenn es jetzt auch in Sichtweite war, so durfte er nicht blindlings in sein Glück stolpern, sondern musste sich in Umsicht und Besonnenheit üben. Innerlich schien er zwar wieder der alte zu sein, sein Gedächtnis mit dem Auffinden Donnas sogar völlig intakt. Doch Gesicht und Körper, Motorik, Mimik und Gestik sowie Stimme und ihr Tonfall hatten mit Jack Gabriel so wenig gemein, dass seine Frau bewusst niemals ihren Mann in ihm erkannt hätte.
Dass er ihr als ein völlig anderer erscheinen würde, betrachtete er allerdings insgeheim als Vorteil. Denn da er nach Boscos Mitteilungen damit rechnen musste, dass seine Frau das komplette Erinnerungsvermögen hatte einbüßen müssen, wäre nicht auszuschließen gewesen, dass sie durch ein Wiedersehen mit ihm in seiner ursprünglichen Gestalt einen Schock erlitten hätte. Dann wären all die damaligen Geschehnisse mit einem Male wieder in ihr hochgekommen und sie hätte ihn verwünscht, noch ehe er Gelegenheit bekommen hätte, ihr den wahren Hergang zu erklären. In seiner neuen Haut konnte er sich indes sicher fühlen, dass Donna nicht gleich in verzweifelte Hysterie ausbrach, und zugleich vage hoffen, dass mit der Zeit ihr Unterbewusstsein zunehmend auf ihre grundsätzlich positiven Gefühle ihm gegenüber reagierte. Und wenn der richtige Augenblick gekommen wäre, dann würde er ihr verraten, wer sich hinter Tom Pitcock verbarg. Und vielleicht erhielte er dann endlich die Chance, ihr die Wahrheit zu erzählen. Und vielleicht würde sie ihm dann glauben und vergeben. Und vielleicht würden sie dann zusammen die Entschlusskraft aufbringen, nach Louisa zu suchen. Und vielleicht könnten sie dann bis ans Ende ihrer Tage miteinander glücklich sein. Nachdem er ein allerletztes Mal seinen Argwohn überzeugt hatte, dass sich in dieser Unwirtlichkeit niemand aufhielt außer Donna und ihm (von Teufel Diam drohte ihnen keine Gefahr, das wusste er schließlich selbst am besten), nahm er seinen ganzen Mut zusammen und stellte sich ihr vor als ein müder Vagabund mit dem Wunsch nach ein wenig Ruhe und menschlicher Wärme. Und von dem Moment an, als sie ihn nach einem kritischen Mustern zum Verweilen in ihrem Haus einlud, bestimmte die Melodie der Harmonie überraschend schnell den Takt ihrer Herzen. Es war für ihn wie einst im Frühling ihrer Gefühle, als sie gemeinsam den Tau frischer Verliebtheit auflasen, und scheinbar nur noch eine Frage von nicht mehr allzu langer Zeit, bis Donna ihrer neuen Leidenschaft erläge, ohne zu wissen, dass es ihre alte war.
Doch ausgerechnet dann, als die in seinen Augen einfache Rechnung Einsamkeit und Einsamkeit plus seelischer Verbundenheit ist gleich vollendete Zweisamkeit fantasievoll ineinander aufzugehen schien, wurde es kompliziert. Abrupt brach Donna ihr intimes Zusammenspiel ab und in Tränen aus.
Als er nach dem Grund ihres plötzlichen Ablassens von ihm fragte, bekam er zu hören, dass sie nur mit ihrem Mann schlafen könne und sonst mit niemandem, auch nicht mit ihm, so gern sie ihn habe.
Er musste schlucken und noch einmal nachfragen: «Du hast einen Mann?» «Ja», sagte sie weinend und seinem Blick ausweichend. «Oder sagen wir besser: Ich habe mal einen gehabt.»
«Warum hast du mir denn davon nichts erzählt?»
«Weil ich gehofft habe, ich würde meinen Mann durch dich aus meinem Gedächtnis streichen können», sagte sie schluchzend. «Aber stattdessen, ich weiß, es klingt absurd, sind alle meine mit ihm verbundenen schlimmen Erinnerungen wieder aus mir herausgebrochen.»
«Welche schlimmen Erinnerungen?»
Als er keine Antwort erhielt, sagte er, während er ihr über das Haar zu streichen versuchte: «Donna, verstehe mich jetzt bitte nicht falsch, ich möchte nicht in deiner Vergangenheit herum bohren. Aber vielleicht würde es dir besser gehen, wenn du mir erzähltest, was damals geschehen ist und wie du hierhergekommen bist.»
«Das ist ja das schreckliche», sagte sie mit nun stolpernder Stimme. «Ich weiß überhaupt nicht, wie ich hier nach meinem Absturz landen konnte.»
«Nach welchem Absturz?»
«Ich hatte einen Unfall. Zusammen mit Louisa, meiner Tochter, also, ich meine, mit der gemeinsamen Tochter von mir und Jack, meinem Mann. Ich war mit ihr unterwegs zu Detective Frederick Bosco, und dann kam diese Kurve. Oh, wenn ich nur wüsste, was aus Louisa geworden ist. Und aus Jack. Vielleicht habe ich ihn ja zu Unrecht des Mordes an Fletcher und Spadea verdächtigt und bin dafür auf diese Weise vom Leben bestraft worden.»
«Dein Mann soll zwei Menschen auf dem Gewissen haben?»
«Ja, wahrscheinlich. Oder vielleicht doch nicht. Verzeih mir», sagte sie, den Blick auf den Boden gerichtet, die Hände aufs Gesicht gelegt.
«Ich mute dir zu viel zu. Erst bin ich dir sehr zugeneigt, dann mache ich zu, sage dir, dass du in mir meine unsägliche Vergangenheit wachgerufen hast. Und jetzt bin ich so töricht, dich damit auch noch zu behelligen. Dafür sollte ich mich schämen.»
«Das brauchst du nicht. Du hast doch nichts Verwerfliches getan», sagte er und versuchte, mit seinem rechten Zeigefinger vorsichtig ihr Kinn zu heben.
«Du wolltest einen Schnitt machen, einen Neuanfang mit mir wagen, in der Hoffnung, damit deinem vermeintlich nur noch in deiner Erinnerung existierenden Zusammenleben mit Jack ein Ende zu setzen. Und dann, als du mit mir schlafen wolltest, hast du gemerkt, dass das so einfach nicht geht, dass dieser Jack noch tiefer in dir steckt, als dir lieb ist. Und jetzt weißt du nicht mehr, wohin mit all deinen Emotionen, hast zudem mir gegenüber große Schuldgefühle, weil du dich mir nicht hingeben kannst.»
«Ja, mag schon sein», sagte sie leicht seufzend, während sie ihren Kopf wieder langsam sinken ließ. «Und diese Unfähigkeit dir gegenüber ist mir äußerst peinlich.»
«Das muss es dir nicht sein, das ist doch nur nachvollziehbar, absolut menschlich.»
Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen: «Weißt du, dass du ein außergewöhnlich verständnisvoller Mensch bist?»
«Ich weiß nur eins, Donna», sagte er mit stockender Stimme, weil ihm die Worte die Kehle zuzuschnüren drohten. «Ich liebe dich.»
«Sag so was nicht, dafür kennst du mich doch erst viel zu kurz», sagte sie, während ihr eine Träne die linke Wange herunterlief.
