Nero lässt grüssen - Martin Walser - E-Book

Nero lässt grüssen E-Book

Martin Walser

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Beschreibung

Zwei monologische Texte vom Feinsten. Von einem großen Meister der Sprache und der zwischenmenschlichen Psychologie.

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Seitenzahl: 42

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Barfuß, nachts und querfeldein. Hast du die Gitarre, Phaon? Ohne Gitarre nicht ins Exil. Wenn ihr während der letzten Meilen nicht eure Mäntel vor mich hingelegt und hinter mir wieder aufgehoben hättet, um sie wieder vor mich hinzulegen, hätte ich diese Grube nicht erreicht. Eine Sandgrube. Mein letzter Auftritt, Sporus? Einunddreißig. Sterben, weil meine Mutter wollte, dass ich Kaiser werde?

Epaphroditus, dann meldest du den Senatskreaturen und der Diurna populi: Zuletzt lachte Nero.

Ich lache nicht. Ich möchte weinen. Aber melden tust du: Zuletzt lachte Nero. Nero lachte bis zuletzt.

Nero starb vor Lachen.

Nichts ärgert sie mehr. Starb ich lachend, war, was sie gegen mich inszenierten, umsonst. Hier zwei Dolche, Phaon, Sporus. Sobald die Menschenjäger des Senats auftauchen, stoßt ihr zu. Einer von hinten, einer von vorne. Der von hinten zuerst. Du, Sporus, von hinten. Phaon von vorn. Phaon, du wartest, bis Sporus zugestochen hat, verstanden! Epaphroditus, du meldest: Nero lachte bis zuletzt. Nein: Nero sang. Er sang sein süßestes Gedicht und starb.

Nero war selig, als er starb. Sie werden blass vor Ärger, zittern vor Wut, wenn sie hören, ich sei gern gestorben.

Nach Art der Väter, sagst du, haben sie beschlossen, mich hinzurichten. Du weißt, Sporus, wie das geht, nach Art der Väter! Nackt! Öffentlich! Den Hals in die Holzgabel geklemmt. Zu Tode gepeitscht. Die gute alte Art. Darum die Million für den, der mich lebendig bringt. Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Zu dritt, eine Million. Wahnsinn. Und wenn ihr mich, falls die Senatsgreifer kommen, gehorsam und gnädig erstecht, kriegt ihr nichts. Doch. Meinen Schmuck. In Alexandria ist der eine Million wert. Mehr. Ich schwör’s. Sporus, du verstehst nichts von feinen Sachen, aber Epaphroditus. Epaphroditus, du übernimmst den Verkauf, falls … nicht wahr. Wenn ich jetzt einschlafe, zieht mir Sporus eins über die Rübe, fesselt mich und verkauft mich für eine Million. Nein, nein, nein, Sporus. Du nicht, Germanen sind treu. Aber Epaphroditus taxiert schon meine Ringe. Epaphroditus, du verkaufst mich, klar, ein Intellektueller, eine Charakternull, doch, doch, doch. Genau wie ich. Aber glaub mir, mit dem Schmuck seid ihr besser dran. Römisches Geld, bei dieser Inflation, das ist schon, bis ihr’s kriegt, nur noch die Hälfte wert.

Ich trau euch nicht. Epaphrodit, mein Gott, du bist doch intelligent genug, schau, schon dieser Brillant, in Alexandria eine Million. In Gold. Wenn ich mich bloß selber töten könnte. Wer sich selber umbringen kann, ist vor dem Schlimmsten sicher. Nach Art der Väter, oje. Man sollte sich öfter umbringen können, dann fiele es einem schon ein bisschen leichter.

Ich muss singen. Seit meinem elften Lebensjahr kein Tag, an dem ich nicht gesungen habe. Der Sänger singt nicht, er übt. Auch wenn die Leute glauben, jetzt singt er, ER übt. Für einen Auftritt, den es nicht gibt. Ich sterbe, wenn ich nicht singe. Der Sänger singt, um nicht zu sterben.

Entsetzlich, solche Sätze. Klingt nach Schule. À la Seneca. Sobald etwas verlogen klingt, klingt es nach Schule. Der Sänger muss wissen, ob die Stimme noch da ist. Darum singt er. Seit meinem elften Jahr täglich die Angst, ob die Stimme noch da ist. Seit meinem neunzehnten sing ich mindestens einmal pro Nacht, zur Vergewisserung.

Barfuß, nachts und querfeldein. Das hält keine Stimme aus. Ohne Stimme bin ich nichts, nichts, nichts. Ohne Stimme nicht ins Exil. Wenn ich meine Stimme verloren habe, geh ich keinen Schritt weiter. Dann könnt ihr mich gleich hier schlachten. Wenn ich jetzt singe, zieh ich mir die Menschenjäger des Senats auf den Hals. Ich singe leise. Ich bin doch nicht blöd, Epaphrodit. Ich will lebend nach Antium, aufs Schiff, nach Ägypten. Lebend, aber nicht ohne meine Stimme, meine süßesüßesüße Stimme.

(Eine zärtliche Vokalise)

Mein Auftritt im Orient wird Rom endgültig zur Provinz machen. Rom ist Provinz. Ohne mich ist Rom sofort Provinz. Wo ich nicht bin, ist Provinz. Oder sollen wir nach Germanien, wo die Flüsse durch die Wälder gehen, zu dir heim, Sporr, nach Koblenz?! Meine Bronchien, Sporr, der Sänger entscheidet sich für Afrika, den Orient. Meine Stimme, Sporr, trägt mich in die Welt. Ich gehe dahin, wo meine Stimme hin will.

Oder ist diese Nacht die letzte? Todesursache: Todesangst. Die meisten Menschen sterben an Todesangst. Schreib’s, Epaphrodit.

Wenn du mich nicht geweckt hättest, Sporus, wäre ich geweckt worden von den Senatsgreifern … das hätte ich nicht überlebt.

Epaphrodit, du schreibst jedes Wort mit in dieser Nacht. Du schreibst meine Geschichte. Aber du schreibst: Nero lachte. Als er hörte, der Senat habe ihn zum Staatsfeind erklärt, lachte Nero wie noch nie und sagte: der von Galba gekaufte Senat. So viel Geld habe ich Galba aus Spanien herauspressen lassen, dass er sich das teuerste Bordell der Welt leisten konnte. Jedes Parlament ist ein Bordell.

Es ist der Stolz des römischen Senats, das teuerste Bordell der Welt zu sein. Beim letzten Senatsempfang habe ich die Gipsköpfe geärgert. Als wir schon auf den Kissen saßen, das Essen schon auf den Tischen, da rief ich: Halt, halt, halt, halt. Und ich sang. Kleine Konfession rief ich und sang.

Wir sitzen auf gestohlenen Kissen,

essen Gestohlenes, sind heikel,