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Ein bayrischer Landstrich irgendwann früher. Ein mysteriöser Teufel taucht in Oberpfaffing auf und ein Bauernbursche verschwindet. Der Dorffischer Joseph Kiener begibt sich auf die Suche nach dem Kind und geht auf einen spannenden 19. Jahrhundert-Roadtrip durch ein eigentlich vertrautes Land, das uns im Laufe der Geschichte immer fremder und fremder wird. Er begegnet ungewöhnlichen Menschen, merkwürdigen Bräuchen, sonderbaren Sagengestalten, der Angst und der Wahrheit. Bis wir Leser merken, dass nichts so ist, wie es uns die Geschichte anfangs hat vermuten lassen. "Neubayern" ist halb moderner Heimatroman, halb erwachsene Abenteuergeschichte. Spannend und berührend, verstörend und mutmachend. Florian F. Scherzer hat einen Kosmos entworfen, der nur auf den ersten Blick heimelig und vertraut erscheint. Er spielt geschickt mit Klischees und Weltbildern und überrascht den Leser ein ums andere Mal. Auch die zahlreichen Illustrationen, die Cover-Figur sowie der Beileger zum selbst zusammenkleben in "Neubayern" stammen von Florian F. Scherzer.
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Florian F. Scherzer
Für Lara, die unbedingt schon um dreiviertel acht in der Schule sein wollte und mir so die Stunde bis dreiviertel neun für das Arbeiten an ›Neubayern‹ geschenkt hat.
Inhalt
Der Apostel
Das Viechfieber
Der Schwammerlrausch
Das Wollreh
Das Bild
Die Perchtln
Die Himmelskreuzler
Das Andreasfeuer
Das Schwalbennest
Die Halbwahrheit
Terra cognita
Die Neubayernsammlung
Der Dua-da
Die Einsicht
Die zweite Einsicht
Der Rausch
Der Teufel
Der Wackiwacki-Mann
Die Vizekönigin
Die Wolfskinder
Die Flucht
Die Enttäuschung
In München
In Oberpfaffing
Das Neodyn
Anmerkungen
Danksagungen
Illustrationen
Der Apostel
Bericht von Joseph Kiener (28), aus Oberpfaffing
Wenn etwas irgendwo geschrieben steht, ist es immer die Wahrheit. Das hat der Oberpfaffinger Pfarrer zumindest gesagt. Damals als ich ihn im Kommunionsunterricht gefragt habe, ob der Jesus wirklich über das Wasser gelaufen ist oder ob das nur eine ausgedachte Geschichte ist. Lügen, hat er gesagt, stehen normalerweise nicht geschrieben. Alles ist wahr, wenn es niedergeschrieben worden ist. Und wenn derjenige sich auch noch besonders gut auskennt oder sogar selbst dabei war, wie zum Beispiel ein Apostel beim Jesus, dann kann man wirklich sicher sein, dass es wahr ist. Alle Kommunionkinder haben gehört, dass er es gesagt hat.
Neulich habe ich mich wieder daran erinnert, als wir beim Wirt saßen und alle mir zugehört haben. Als ich mal wieder meine Geschichte erzählt habe. Wie immer hat der Wimmer die Nase gerümpft und gesagt, dass das ja ein schönes Märchen sei, aber glauben müsse er es noch lange nicht. Dazu könne ihn niemand zwingen. Auch nicht wenn alle anderen daran glaubten. Der Wimmer hat schon den richtigen Namen für sein ewiges Gejammer. Von wegen »die da oben« und »die lügen uns doch dauernd nur an« und »die bescheißen uns, wo sie nur können.«
Also, habe ich mir gedacht, schreibst du alles auf, was damals passiert ist. Nicht dass ich so ein besonders guter Schreiber wäre. Aber ich bin jemand, der sich besonders gut auskennt. Also quasi ein Apostel, was meine und Ipis Geschichte, die vom Schwarzbuben, der Elsi, dem Engel und allen betrifft.
Alle beim Wirt haben mir immer gerne zugehört, wenn ich darüber erzählt habe, also werden es auch alle gerne lesen, wenn ich es genauso aufschreibe. Und alle werden wissen, dass es wahr ist, was ich ihnen erzählt habe. Weil ich es aufgeschrieben habe und es in einem Buch steht. Da kann nicht einmal mehr der Wimmer dran rütteln.
Vieles davon ist schon in den Schulheften, die ich die ganze Zeit mit mir herumgetragen habe. Aber halt nur als Notizen und Stichworte. In meiner schlechten Handschrift und ohne die richtigen Schreibgeräte. Oft hatte ich ja nur einen rußigen Zweig oder eine gefundene Feder und in Wasser aufgelösten Ruß als Tinte. Und es war auch keine zusammenhängende Geschichte in meinen Heften. Meistens nur Sätze, die ich von Leuten gehört oder aufgeschnappt habe. Manchmal auch ganze Ereignisse, damit ich sie nicht vergesse und mich immer genau daran erinnern kann, wie es gewesen ist. Weil, wie gesagt, aufgeschrieben ist es die Wahrheit, erzählt ist es nur eine Geschichte. Obwohl: Ein Heft ist kein Buch.
Und ich habe den Schwarzhansi gebeten, seine Geschichte auch aufzuschreiben. Dann ist es schon zweimal wahr. Weil sich unsere Geschichten überschneiden. Er hat es mir dann auch geschickt. Aber er kann das richtig schlecht mit dem Geschichtenerzählen und dem Aufschreiben. Unverständlich sozusagen. Er ist ja schließlich auch erst ein Bub. Deshalb habe ich seine Texte nicht alle übernommen. Sondern nur die Teile unserer Geschichte, die ich noch nicht gekannt habe und deshalb nicht selber aufschreiben konnte. Oder nicht so gut. Und ich habe alles so geändert, dass man es auch lesen mag. Ich zumindest. Und so dass es zu meinem Teil der Geschichte passt.
Den Hinterwald habe ich gefragt, den Teufel und den Alto Mayer, den Mann von der Zeitung, die alte Walmgruberin und noch ein paar andere. Alle, von denen ich wusste, wo sie waren und wie ich mit ihnen in Verbindung treten konnte. Manche haben selber was geschrieben, manche haben mir ihre Erlebnisse erzählt und ich habe mitgeschrieben. Manche haben gar nicht erst auf meine Anfrage reagiert.
Der Engel hat sogar ein paar Dokumente von den Behörden aufgehoben und mir Abschriften davon angefertigt. Der Zeitungsmann hat sowieso alles aufgehoben, was er hatte. Das liegt denen im Blut. Sammeln und aufheben. Zeitungsartikel, Dokumente, Briefe. Ein paar Sachen waren mir neu und ich habe sie natürlich hier mit aufgenommen.
Den Dobler habe ich auch gefragt. Aber der hat nicht richtig mitmachen wollen. Der war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Beleidigt irgendwie.
Weil mit der Geschichte vom Johann Schwarz und vom Benno Sailler auch meine anfängt, habe ich seine Erzählung auch ganz an den Anfang gestellt.
Das Viechfieber
Bericht von Johann Schwarz (12), aus Oberpfaffing. Redigiert und umgeschrieben von Joseph Kiener
An das genaue Datum kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber es war im Frühjahr und es muss ein Sonntag gewesen sein. Weil die Felder schon gemacht waren und ich im Stall fast nichts zu tun hatte. Nur einstreuen und die Hühner füttern.
Ich bin dann runter ins Dorf. Die Kirchenglocken haben schon geläutet. Ich habe mich zu den anderen vor das Kirchentor gestellt, mich aber davongeschlichen, als alle rein gegangen sind. Das mache ich fast immer so. Sollen doch die anderen in die Kirche gehen. Das merkt sowieso keiner, wenn einer fehlt.
Es ist schön ganz alleine im Dorf. Wenn kein Mensch auf der Straße ist. Nur die paar Viecher sind zu hören und ganz dumpf das Gesinge aus der Kirche.
Ich gehe normalerweise immer an die Pfaffl runter, setze mich auf die Brücke, schaue mir die Fische an und schmeiße Steine ins Wasser. Von da aus kann ich dann hören, wenn in der Kirche Wandlung ist, und kann langsam wieder rauf gehen. Oder ich sitze unter der Pfafflbrücke und lese die Schmierereien auf den Steinen und den Brückenpfeilern. »Alle Unterpfaffinger sind Zipfelklatscher« oder »Erika hat Riesenduttn« steht da. Und ab und zu finde ich auch eine neue Schmiererei.
An dem Tag aber wollte ich statt an die Pfaffl lieber zum Wirt, weil ich geglaubt habe, dass ich da noch eine Semmel abstauben kann. Oder ein Radl Wurst. Oder einen kalten Knödel. Oder manchmal, wenn die gerade ein neues Fass anzapfen, steht da noch ein Rest des Probierseidels da. Ehrlich gesagt, habe ich auf das Bier spekuliert.
Es war schon recht warm für kurz nach Ostern und die Fenster vom Wirt waren auf. Das weiß ich noch, weil ich so einen Durst hatte. Ich habe mich vor dem Fenster auf der Rückseite vom Haus rumgedrückt und wollte schon reinklettern und nach dem Bier schauen. Aber dann habe ich die Stimmen gehört. Das waren der Gendarm Voigt und noch ein Mann, den ich nicht gekannt habe. Zumindest habe ich seine Stimme nicht erkannt. Die haben sich unterhalten. So halblaut. Ich wollte mich wieder davon machen, habe aber Angst gehabt, dass die mich durch die Türe sehen können, wenn ich vorne rum gehe. Also habe ich das sozusagen mit anhören müssen.
Zuerst habe ich den Gendarm gehört: »Ihr müsst den jetzt mitnehmen in die Stadt. Wir können hier nichts mit dem anfangen.«
Dann eine andere Stimme, die ich nicht erkannt habe: »Bis nächste Woche wirst du ihn schon noch behalten müssen.«
Dann wieder der Gendarm: »Der isst fast nichts und trinkt nur Wasser. Nicht dass mir der verreckt! Am Anfang hat er noch geschrien. Ich habe geglaubt, dass der mir das ganze Dorf zusammenbrüllt. Verstanden habe ich aber nichts. Ich habe dann so schnell wie möglich in die Stadt geschickt.« Der Gendarm Voigt hatte einen Heidenrespekt vor dem anderen Mann. Das habe ich in seiner Stimme gehört.
»Aber jetzt ist er ja still, der Gefangene.« Die andere Stimme hat ganz ruhig und gelassen geklungen. Das Gegenteil vom Voigt.
Der Gendarm wieder: »Ich kann nicht garantieren, dass der Saillerbenno, der Bub, sein Maul hält.«
Dann wieder die andere Stimme: »Die Woche schick ich einen Wagen und der holt den Gefangenen dann ab. Und das mit dem Saillerbuben regeln wir auch. Zur Not geht der ab nach München! Bevor wir da Probleme kriegen.«
Der Mann mit der fremden Stimme war jetzt etwas gereizt. Wegen dem Voigt und seiner Angst. Aber das mit München war ein Schock für den Schandi. Er hat gleich angefangen, ganz beruhigend auf den anderen einzureden.
»Vielleicht kann sich der Herr Oberamtsrat den erst noch einmal ansehen, wenn er bei euch in Rieding ist. Wir müssen den Buben ja nicht gleich nach München schicken. Lieber abwarten.«
Ich weiß das alles so genau, weil der Benno mein Freund ist und ich mich eh schon gewundert habe, wo der seit ein paar Tagen war. Und als die beiden Herrschaften über ihn gesprochen haben, habe ich gehofft, dass ich so vielleicht herausfinden kann, wo der Benno steckt. Und als die gesagt haben, sie würden ihn nach München schicken, ist mir ganz schlecht geworden. Was konnte der Benno angestellt haben, dass die den nach München schicken wollten. Da muss der ja fast einen umgebracht haben. Wenn die den sogar nach München schicken wollten. Habe ich damals gedacht. Aber der Benno bringt keinen um. Ich kenne nur den Dobler, den die nach München geschickt haben. Aber auch der hat keinen umgebracht. Der war nur so gut in der Schule, dass die gesagt haben, der lernt jetzt Latein und wird Pfarrer oder Amtmann oder sowas. Aber wenn einer wie wir nach München muss, heißt das nichts Gutes.
Der Gendarm dann: »Die Mutter vom Benno, die Saillerin, fragt auch schon, wie lange ihr Bub noch beim Doktor bleiben muss. Gar nicht auszudenken, was die Saillerburgl im Dorf rumerzählt, wenn ihr Bub plötzlich ganz weg ist. Wir müssen schon aufpassen.«
Der fremde Mann: »Beruhig dich, Voigt. Der Doktor hat dem Benno einen Saft gegeben. Der schläft jetzt seit Freitag und danach weiß er eh nichts mehr. Sag der Saillerburgl halt, dass der Bub ein Fieber hat und sich auskurieren muss und wir sicher sein müssen, dass sich das Fieber nicht auf die Viecher ausbreitet. So sind die Bauern doch. Wenns um ihre Viecher geht, machen die alles, was wir ihnen anschaffen, oder?«
Dann haben der Gendarm und der andere Mann dreckig gelacht. Wegen der Idee von dem Fremden. Und ich glaube, dass die dem Wirt nicht gesagt haben, dass sie seinen Schnaps getrunken haben.
Ich habe versucht, durch das Fenster zu schauen, ob ich vorbei kann, denn oben haben die schon zur Wandlung geläutet und die Mutter hätte mir schön eine mitgegeben, wenn ich nicht in der Kirche gewesen wäre. Als ich also reingelurt habe, waren die beiden Männer schon am Gehen und ich habe nur den Gendarmen an seinem Tschako und seiner Uniform erkannt. Der andere Mann war von hinten zu sehen und hatte einen feinen Gehrock an. Und einen steifen Hut. So einen Hut hat niemand in Oberpfaffing. Nicht einmal in Rieding. Ich kenne solche Hüte nur aus der Stadt. Bei der Firmung von meinem Vetter Ludwig habe ich so einen schon einmal gesehen.
Am Abend habe ich den Vater gefragt, ob er etwas von einem Viechfieber gehört hat. Aber er nicht und auch der Knecht nicht. Die Mutter hat sich natürlich gleich Sorgen gemacht und gesagt, dass man besser den Pfarrer holen muss, damit er den Stall aussegnet. Und sie hat sofort ein Perchtllicht ins Fenster gestellt. Vorsichtshalber, hat sie gesagt.
In der Nacht ist mein Bruder zu mir ins Bett gekommen, weil er es mit der Angst bekommen hat. Wahrscheinlich hat ihn die ganze Geschichte vom Viechfieber beschäftigt. Er hat mich gefragt, ob ich auch Angst vor dem Teufel habe. Weil er gehört hat, wie die Mädchen aus der Schule gesagt haben, dass ein roter Teufel erschienen ist. Und dass er deshalb viel mehr Angst vor dem Teufel hat als vor dem Viechfieber. Gegen den Teufel sind so ein paar Perchtln mit ihrem Viechfieber gar nichts.
Aber ich bin der große Bruder und natürlich hatte ich keine Angst vor dem Teufel. Also habe ich ihm gesagt, dass alle Mädchen Teufelinnen sind und da hat er gelacht. Und dann haben wir beide auch schlafen können. Jeder in seinem Bett.
Am Tag darauf war Schule und der Benno war immer noch nicht da. Ich habe in der großen Pause die Traublingergeschwister gefragt, ob sie wissen, was mit dem Benno ist. Der Hof vom Traublinger ist direkt neben dem Saillerhof vom Benno. Der Traublinger hat gesagt, dass der Benno beim Doktor ist, weil er das Viechfieber hat und der Saillerbauer Angst hat, dass das Fieber auf seine Kühe übergeht. Deshalb lässt er ihn noch ein paar Tage beim Doktor. Aber der Traublingervater hat keine Angst gehabt.
Als ich den Benno zum ersten Mal wieder gesehen habe, war das ein paar Tage später. Er war blass und ganz zittrig. Aber in der Pause hat er einen kalten Semmelknödel gegessen und schon wieder gelacht und wollte mit uns und den Kleinen Fangen spielen. Aber die anderen haben gesagt, dass er das Viechfieber hat und sie deshalb nicht mit ihm spielen dürfen. Einen Perchtl haben sie ihn sogar gerufen.
Ich bin dann nach der Schule mit ihm nach oben gegangen. Über den unteren Goaßweg. Wir haben uns beeilt, damit die Traublinger-geschwister nicht hinterher kommen.
Wir haben uns an einen der Fischweiher vom Kiener gesetzt und als die Traublingergeschwister vorbei waren, habe ich zum ersten Mal mit dem Benno über sein angebliches Viechfieber und was alles so passiert ist, reden können. Am Anfang haben wir beide nicht so recht gewusst, was wir sagen sollen. Aber irgendwann habe ich dann angefangen zu fragen.
Der Schwammerlrausch
Bericht von Joseph Kiener.
Ich konnte die beiden Buben von meiner Seite des Karpfenweihers aus gut sehen und hören. Ich lag am Ufer, dort wo ich immer lag. Die Stelle, wo ich alles überblicken konnte. Den Weg, die Felder, die Wiese vom Traublinger, den Überlauf, wo im Sommer die Kinder und die Mägde schwammen. Der Sailler sah mitgenommen aus und war zuerst sehr schweigsam. Die beiden warteten, bis die Geschwister Traublinger am Weiher vorüber waren. Irgendwann fing der Schwarz zu sprechen an:
»Der Traublinger sagt, dass du die ganze Zeit geschlafen hast.«
Benno Sailler schwieg und spuckte in das Weiherwasser.
»Der sagt auch, dass du das Viechfieber hast und dass wir uns alle von dir fern halten müssen, damit wir das nicht auch kriegen.«
Der Sailler zeigte keine Regung.
»Und dass die Kinder vom Viechfieber dumm werden können, hat er erzählt. Und dass die dann nicht mehr in die Schule kommen dürfen und daheim auf dem Hof eine Last sind und den Bauern Geld nur noch kosten. Nicht einmal mehr mitarbeiten können sie.«
Immer noch keine Reaktion vom Sailler.
»Hast du jetzt das Viechfieber oder nicht?«
Ich konnte sehen, dass der Saillerbub weinte. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich sagte er etwas:
»Was weiß denn ich …«
Der Schwarz schien einerseits erleichtert zu sein, dass sein Freund überhaupt etwas sagte, wusste aber scheinbar nichts mit Bennos Gefühlsausbruch anzufangen. Ihm war sichtlich unwohl.
Dann, nach ein paar betretenen Momenten, beugte sich der Schwarzbub zum Weiher hinunter und spritzte seinem Freund eine Handvoll dreckiges Wasser ins Gesicht. Das brach endlich das Eis zwischen den beiden und Benno begann sich langsam wieder zu beruhigen. Aber es war deutlich zu sehen, dass er immer noch große Angst hatte und sich nicht wirklich traute, mit seinem Freund über alles zu sprechen.
»Ich habe jedenfalls keine Perchtln gesehen, oben auf dem Wachten, wenn du das meinst. Wie soll ich mich da angesteckt haben? Also weiß ich auch, dass ich kein Viechfieber habe. Und ich weiß auch, dass ich geschlafen habe. Fast eine Woche. Ungefähr. Zwischendrin bin ich immer wieder aufgewacht. Aber dann hat mir der Doktor einen Saft gegeben und ich bin wieder eingeschlafen. Ich war die ganze Zeit nicht ein einziges Mal auf dem Klo.«
»Du wirst halt ins Bett gepieselt haben. Wie die Oma vom Traublinger.« Der Schwarz schaute seinen Freund an. Er erwartete, dass dieser über den Witz lachen würde. Aber der war so gefangen von seinen Gedanken, dass er nicht darauf einging.
»Ich weiß nicht einmal mehr genau, wie ich überhaupt beim Doktor gelandet bin. Und zwischendrin, wenn ich wach geworden bin, war immer auch der Schandi da.«
»Geh, der Voigt. Von dem habe ich gehört, dass der der Elsi ganz gerne woanders hin pieseln würde.«
Der schmutzige Witz brachte bei Benno endlich die letzten Mauern zum Einstürzen und die beiden lachten ein bisschen.
»Von davor weiß ich nicht mehr viel. Ich war oben auf dem Wachten und habe meinem Vater die Brotzeit gebracht. Ich bin dann besonders langsam heimgegangen, weil ich wollte, dass der Alois die Stallarbeit zu Ende macht und ich erst daheim bin, wenn schon alles erledigt ist. Ich bin sogar extra einen Umweg gelaufen. Über den oberen Goaßweg. Bis zu der Stelle, wo man bis zum Grat sehen kann. Weißt du, wo ich meine? Wo die Höhlen in der Wachtenwand sind. Dann habe ich doch Angst gekriegt, dass ich so viel zu spät heimkomme, dass es einen Ärger gibt. Deshalb habe ich mich beeilt. Und dann bin ich beim Doktor wieder aufgewacht.«
Der Saillerbub stocherte mit einem Ast im Weiherufer. Aber alles in allem wirkte jetzt viel selbstbewusster und fuhr fort: »Ich weiß auch noch, dass ich eine seltsame Sache gesehen habe. Genau an der Stelle, wo die Wand auf die Wiese trifft. Schon von unten. Ganz rot. Ich bin dann hin und habe das angefasst und aufgehoben. Aber ich weiß nicht mehr, was das war. Ich habe noch immer so ein seidiges Gefühl in den Fingern, wenn ich über die Sachen, die ich angefasst habe, nachdenke. So glatt und fein.«
Der Sailler schien sich wirklich nicht genau zu erinnern. Aber ein Rest, ein Gefühlsfetzen schien noch da zu sein.
»Das hat sich vollkommen perfekt angefühlt. So perfekt wie nichts anderes. Ich habe so etwas noch nie angefasst. So gleichmäßig und glatt. Und das, was ich angefasst habe, war rot. Nur noch heller. Als würde das Rot von selber leuchten. Nicht so wie das Gewand vom Pfarrer oder das Brauereischild beim Wirt oder die Bilder in den Schulbüchern. Von selber rot. Von innen heraus. Verstehst du?«
Der Schwarz schüttelte den Kopf. Der Sailler erzählte weiter.
»Und dann weiß ich noch, dass ich gerannt bin. Weil plötzlich ein Teufel da war. Hinter mir her. Der hat geschrien und gespuckt. Und er hat ein rotes Licht in die Luft geschleudert und mich in der Teufelssprache verflucht. Und dann weiß ich erst wieder, wie ich beim Doktor aufgewacht bin.«
Beide Jungen schwiegen und saßen eine ganze Weile einfach nur da. Bis der Schwarz weiter fragte: »Und dass die dich nach München bringen?«
Jetzt wurde der Sailler bleich. Da war plötzlich so etwas wie Panik in seinem Gesicht. »Nach München? Ich habe doch nichts getan. Ich habe das nur angefasst und nichts genommen. Und dann ist der Teufel hinter mir her und ich bin beim Doktor aufgewacht. Die können einen doch nicht nach München bringen, wenn man nichts mit Absicht gemacht hat, oder? Nur weil ich nicht in den Stall wollte. Ich mache nächstes Mal hundert Stunden Stallarbeit. Freiwillig. Tausend Stunden. Nur nicht nach München.«
Die Anmerkung mit München hatte den Sailler komplett aus der Fassung gebracht. Er weinte und war auch vom Schwarz nicht mehr zu beruhigen.
Die beiden sind dann irgendwann später heimgegangen. Über die Äcker. Und ich bin zurück ins Dorf.
Am Abend saß ich beim Wirt und hörte den Dorfdeppen beim Besoffenwerden zu. Wen die alles vögeln wollten, wenn sie nicht daheim die Frau und die Kinder hätten und so weiter. Und wem alles mal ein paar aufs Maul gehörten und warum die anderen sich nur her trauen sollten, weil man es denen schon zeigen würde und dass die Knechte heute eh alles nur faule Hunde wären und heutzutage keiner mehr wüsste, was eigentlich Arbeit wäre. Und die Drecksunterpfaffinger, die Arschlöcher, die sollten sich nur umschauen, wer meinten die denn, dass die seien. Und die Scheißegenkofener mit ihrem Himmelskreuzeln. Das wäre doch nicht normal sowas. Das seien doch alles Narrische. Das Übliche halt. Ich saß wie immer alleine an meinem Tisch, aß eine Suppe und irgendeine Fleischspeise. Kalter Braten, glaube ich. Dazu kamen im Laufe des Abends drei Seidel Bier und einen Schnaps und noch ein bisschen was vom vierten Seidel. Ich vertrage nicht viel, also war ich schon ganz gut bedient.
Als schon fast niemand mehr in der Gaststube war, setzte sich die Elsi vom Wirt zu mir an den Tisch, um selbst ein Bier zu trinken. Aus Langeweile oder weil ich ihr imponieren wollte, erzählte ich ihr, was ich heute von den Buben am Weiher gehört hatte.
Die Elsi weiß alles in Oberpfaffing, Unterpfaffing und Rieding. Oder halt das Meiste. Sie ist eine der wenigen aus dem Dorf, die manchmal bis nach Rieding kommen. Mit dem Brauereifahrer sogar bis in die Stadt, heißt es. So weit kommt sonst eigentlich nur der Kramer. Ich hätte sie bestimmt nicht gefragt, wenn ich nicht schon die drei Halbe und den Schnaps intus gehabt hätte. Aber das mit dem Teufel hat mich dann doch beschäftigt. Eigentlich hatte es mir den ganzen Tag keine Ruhe gelassen. Weil der Sailler so aufgelöst gewesen ist. So fertig, wie er ausgesehen hat, habe ich mich bei der Beerdigung meines Bruders, meiner Eltern und der Großmutter gefühlt. Nach dem Unglück. Also richtig am Ende, gefühlsmäßig. Ich riss mich zusammen, schüttelte meinen Rausch ab, so gut es ging und erzählte ihr alles. Vom Benno Sailler, vom Schwarzhansi, vom Gendarm, vom Viechfieber und vom roten Teufel.
»Der Saillerbub hat geheult, wie ein kleines Kind. Vollkommen aufgelöst. Und der Schwarz hat nicht gewusst, wie er seinem Freund helfen kann.«
Elsi trank einen großen Schluck Bier. Sie wirkte nicht wirklich interessiert, aber ich schien ihr lieber zu sein, als die beiden übrig gebliebenen Besoffenen am anderen Tisch.
»Vielleicht hat der ja einen Fliegenpilz gegessen da oben. Ein Schwammerlrausch! Da sieht man auch alles Mögliche und am nächsten Tag hat man die Hälfte wieder vergessen. Wir haben die doch auch gefressen, in dem Alter. Und sind in der Sonne gelegen wie besoffen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich immer ganz gefesselt davon gewesen bin, wie perfekt sich das Moos plötzlich an den Handflächen anfühlt.«
»Blödsinn, der Benno und einen Schwammerl fressen.«, sagte ich und dann: »Der Bub war so verängstigt. Nicht wie wenn einer Angst vor einer Watschn hat, weil er was angestellt hat oder dem Vater das Bier weggesoffen hat oder nicht zur Stallarbeit gekommen ist. So richtig Angst hat der gehabt.«
Elsi wirkte jetzt etwas interessierter und nüchterner. »Das mit dem Teufel ist schon komisch. Ich glaub nicht, dass der kleine Sailler die Vorstellungskraft hat, sich sowas auszudenken. Die Saillers waren noch nie die Hellsten, oder? Denk nur an die Geschichte, als der alte Sailler den Ochsen kastrieren wollte …« Elsi lachte. Ich nicht.
Ich fragte lieber etwas anderes: »Und die Sache mit dem Viechfieber …?«
Elsi war schnell auf Krawall aus. Wie immer wenn sie ein Seidel zuviel getrunken hatte. »Ach, die Leute. Die sollen sich nicht so anstellen. Nur weil ein Bub eine Woche beim Doktor gelegen hat, heißt das doch nicht gleich, dass er krank ist und alle gleich das Viechfieber bekommen und ihnen die Viecher verrecken. Oder die Mutter oder der Vater oder die Kinder. Haben eh genug davon, alle miteinander.«
Elsi trank ihr restliches Bier in einem Zug aus. »Ans echte Viechfieber kann sich doch eh keiner von uns erinnern. Als das gewütet hat, war mein Großvater noch ein Kind. Das Meiste sind eh nur Schauergeschichten. Als wir Kinder waren, haben die uns sogar noch ernsthaft erzählt, dass das Viechfieber von den Perchtln kommt.« Elsi versuchte die Stimme ihres Vaters nachzuahmen: »Über den Wachten kommen die Perchtln und bringen das Viechfieber.« Dann wieder in normal: »Aber das haben die nur erzählt, damit wir Kinder nicht auf den Wachten gehen. Damit wir ordentlich Angst haben. Lauter Lügengeschichten.«
Elsi rückte näher an mich heran. Sogar mit meinen drei Bier und dem Schnaps konnte ich riechen, dass sie mehr getrunken hatte als ich. Wenn man trotz der eigenen Fahne die Fahne von jemand anderem riecht, ist das nicht nur ein Zeichen für eine besonders feine Nase.
Elsi fuhr fort. Für die Stärke ihres Rausches lallte sie wenig. »Die Großmutter war wie besessen von den Perchtln. Stundenlang hat sie davon erzählt. Ganz klein und ledrig sollen die gewesen sein. Und mit ihren Hexensprüchen sollen sie die Rinder und Schweine verzaubert haben, hat sie erzählt. So dass die Viecher einfach nur noch gebrüllt haben und dann tot umgekippt sind. Und dass sich die Menschen bei den Perchtln oder bei den Viechern angesteckt haben und auch verreckt sind. Dass es sogar welche gegeben hat, die mit den Perchtln unzüchtig waren und Dämonenkinder bekommen haben. Und dass man die geopfert hat oder sich selber, oder so. Der ganze Blödsinn halt. Und wir Kinder haben uns eingeschissen vor Angst. Die Leute brauchen solche Ausreden.« Elsi sprach jetzt mit einer lustigen Stimme, die so klingen sollte, wie die Bauern im Dorf reden: »Oh, meine Kuh gibt weniger Milch. Das Viechfieber. Meine Frau ist so frigide. Das Viechfieber. Meine Kinder sind hässlich. Das Viechfieber. Mein Schwanz ist so klein. Das Viechfieber. Die Suppe schmeckt meinem Mann nicht. Das Viechfieber. Kommt in die Stube Kinder. Die Perchtln kommen euch sonst holen. Wenn ihr nicht fleißig seid in der Schule, verhexen euch die Perchtln. Ich bin schwanger. Nein, nicht vom Toni, ein Perchtl hat mich überfallen. Ich geh lieber zur Engelmacherin, damit es kein Dämon wird.« Elsi holte Luft und redete dann wieder mit normaler Stimme weiter: »Und wir scheißen uns alle immer noch in die Hosen vor Angst und rennen noch mehr in die Scheißkirche, als wir es eh schon tun. Sonntag, Maiandacht, Osternacht, Rosenkranz. Pfarrer, Jesus, Jungfrau Maria, Gnade und Gebenedeit. Alles frömmelnde Arschlöcher. Nur weil die selber nicht weiter wissen und die Leute im Zaum halten müssen, erzählen die denen so einen Mist. Und die Leute glauben alles. Und als würde die Kirche nicht reichen, rennen die Leute jetzt auch noch zum Heiligen Andreas und zu den Andreasfeuern.«
Elsi war vielleicht noch besoffener, als ich gedacht hatte. Sie redete weiter: »Oder glaubst du etwa, dass der Benno Sailler von einem Perchtl gepackt worden ist und deshalb das Viechfieber bekommen hat?« Ich schwieg. Ich wusste, dass man Elsi bei so einer Rede besser nicht unterbrach. »Oder dass er in Echt einen Teufel gesehen hat oben auf dem Wachten? Das wollen die doch nur, dass wir das glauben. Die steuern uns mit ihren Angstgeschichten und wir merken das nicht einmal. Der Bub hat wahrscheinlich seinem Vater das Bier heimlich weggesoffen, dann ein Schwammerl gefressen, ist gegen einen Baum gestolpert und hat eine Kuh für einen Teufel gehalten.«
Elsi war wie losgelassen. »Mich haben die als Zwölfjährige noch dazu gebracht, wieder ins Bett zu pieseln mit ihren Perchtlgeschichten. ›Nimm dich in Acht, dass dich kein Perchtl packt und dir einen Perchtlbastard macht. So wie du rumläufst, packt dich gleich der nächste Perchtl und du bringst uns das Viechfieber ins Dorf.‹ Und wenn ich heimlich versucht habe, mein Bettzeug zu waschen oder meinen Strohsack auszutauschen und ich dabei erwischt worden bin, bin ich verhauen worden und sie haben mir wieder mit noch mehr Perchtln gedroht. ›Wer ins Bett bieselt, wird von den Perchtln verhext.‹ Als ob man die Angst vor den Perchtln mit noch mehr Angst vor den Perchtln vertreiben kann. ›Scheiß dich nicht so ein vor den Perchtln, sonst holen dich die Perchtln.‹ Quasi.«
Elsi hatte sich in Rage geredet und ich war auch nicht nüchterner geworden. Ich zapfte mir selber noch ein Bier am verlassenen Tresen und brachte ihr einen Schnaps mit.
Der Schnaps machte Elsi ruhiger. Fast nüchtern und nachdenklich. »Weisst du, Kiener, ich wäre längst weg von hier, wenn der Vater mich nicht brauchen würde. Die Frömmelei und die Engherzigkeit und alles. Ich kann das nur aushalten, weil ich manchmal nach Rieding und in die Stadt und ganz woanders hin kann.« Sie lachte in sich hinein. »Das hier ist nichts mehr für mich, Kiener.«
»Aber wo willst du hin?«
»Ich wüsste schon was.«
»Für immer in die Stadt?«
»Ruckzuck wär ich weg. Meistens denk ich mir auch, dass ich das alte Arschloch auch einfach hier lassen könnte. Einfach so. Verrecken lassen oben in seiner Stube. Aber dann hat er wieder einen Anfall. Dann liegt er da im Bett und ihm ist so schlecht. Dann erbarmt er mich. Wenn ich ihn sehe, wie er weint und jammert und sich am Bettkasten festhält, weil er das Gefühl hat, dass alles in der Kammer schwankt und wackelt und er es nur aushalten kann, wenn ich die Fenster aufreiße, damit er den Horizont sehen kann, egal wie kalt es draußen ist. Dann tut er mir so leid, dass ich ihn einfach nicht alleine lassen kann. Und dann bleibe ich doch hier.«
Jetzt wirkte die Elsi wieder vollkommen nüchtern und nachdenklich. Und dann auf einmal ungehalten und grob.
»Jetzt schleich dich Kiener. Ich muss noch zusammenräumen.«
Später im Bett schämte ich mich ein bisschen für den Abend. Viechfieber. Roter Teufel. Perchtln. Scheißdreck. Warum kümmerte ich mich überhaupt um solche Kindereien?
In der Nacht musste ich drei Mal raus. Drehwurm, volle Blase und Kotzreiz im Hals. Jedes Mal versuchte ich, etwas hoch zu würgen, um den Drehwurm endlich loszuwerden. Kein einziges Mal konnte ich tatsächlich kotzen. Was für ein sensationeller Säufer ich doch war! Die Riedinger Brauerei konnte wirklich stolz auf mich sein. Ihr bester Kunde. Auf der Riedinger Dult sollte man mich ausstellen: ›Sehen Sie den Mann, der fast ohne mit der Wimper zu zucken dreieinhalb Bier und einen Schnaps trinken kann. Und das in nur vier Stunden. Für nur zwei Kreuzer sind Sie dabei!‹ Ich armseliger Hanswurst. Allein der Kirtertoni trank zwölf Halbe und mindestens zehn Schnaps an so einem Abend und der war noch nicht einmal der versoffenste von allen.
Trotzdem war meine Nacht um halb vier vorbei. Ich musste zu den Fischweihern. Die Schwarzbäuerin nahm meine Forellen und Karpfen mit zum Markt nach Rieding und wollte mit den geräucherten, den lebendigen und den ausgenommenen Fischen um halb fünf los. Damit sie um sechs auf dem Markt stehen konnte. Zum Glück waren die Forellen schon geräuchert und in Zeitungspapier verpackt. Nur noch das frische Fischzeug fehlte. Die kühle Luft und die vertrauten Gesten halfen mir beim Wachwerden: Netz ins Wasser, Fisch raus, Prügel auf den Fisch, aufschlitzen, Innereien raus, Katzen verscheuchen, Netz ins Wasser, lebenden Fisch ins Fass. Zweimal das Ganze. Bei den Forellen und den Karpfen.
Um halb fünf stand die Schwarzbäuerin am Weg und nahm meine Fische in Empfang. Finster und verschlafen sah ich den Hansi, den Schwarzbuben, auf dem Bock sitzen. Ich rollte die Fässer mit den ausgenommenen Fischen auf den Wagen und bat Hansi, mir bei den drei Tonnen mit den lebenden Forellen und Karpfen zu helfen. Das waren ganz schöne Trümmer und die Schwarzbäuerin stellte sich immer sehr dabei an. Man konnte dem Buben ansehen, dass ihm die Geschichte mit seinem Freund die ganze Nacht lang keine Ruhe gelassen hatte.
Die Schwarzbäuerin fuhr los, ich schaute an mir hinab, riss mir die Fischschürze herunter und lief dem Wagen hinterher.
Das Wollreh
Bericht von Joseph Kiener. Fortsetzung
Ich war zuvor noch nicht oft in Rieding gewesen. Es hatte auch selten Anlässe dafür gegeben. Ein paar Mal zum Markt. Ein paar Mal als Kind mit dem Vater und den Geschwistern zur Riedinger Dult. Wir Oberpfaffinger mögen die Riedinger nicht. Hochnäsige Markterer. Aber wir mögen die Unterpfaffinger genauso wenig. Und die sind keine Markterer. Ich glaube nicht, dass die Riedinger überhaupt wissen, dass es einen Ort namens Oberpfaffing gibt.
Auf dem Wagen schlief ich fast sofort ein. Ich hatte eigentlich gehofft, ein paar Worte mit dem Schwarzbuben zu sprechen. Der aber schaute nur finster und der Wagen schaukelte so regelmäßig und mein Platz zwischen den Kartoffeln, dem Kopfsalat, den Radieschen und den Lagergelberüben war gemütlicher als gedacht. Erst als wir nicht weit vor Rieding in Schoham waren und die Ochsen stehen blieben, um am Wegrand zu fressen, schreckten die Bäuerin, der Bub und ich auf.
Der Verkehr wurde dichter und uns begegneten immer mehr Fuhrwerke. In Schoham kreuzte der Pfaffinger Weg die größere Bacherner Straße und den Weg aus Hinterneukirchen. Die Menschen marktfein herausgeputzt. Mir wurde bewusst, dass ich immer noch mein blutiges und stinkendes Fischgewand trug und aussah und roch wie der letzte Bauerndepp. Außerdem hatte ich kein Geld dabei. Ohne Geld auf den Markt zu gehen, war keine gute Idee. Vielleicht konnte ich mir den Fischlohn von der Schwarzbäuerin vorschießen lassen.
In Rieding war viel los. Markttag halt. Ich half der Schwarzbäuerin beim Abladen und sie zahlte mir die Fische im Voraus aus. Widerwillig. Ich wusch mich an einem Brunnen abseits des Marktplatzes und kaufte ein neues Hemd an einem der Kramerstände. Wenn ich die Fischhose über die Stiefel zog, sah ich nicht mehr ganz so Fischdandlerhaft aus. An einem schon geöffneten Marktstand gab es Schmalznudeln. Ich aß eine zum Frühstück.
Rieding war für einen Oberpfaffinger etwas Besonderes. Der Marktplatz mit dem Königsmonument, der große Brunnen, die vielen Menschen, die bürgerlichen Häuser, mit den Malereien an den Fassaden, die so gar nicht nach Bauerndorf aussahen. Es war immer noch nicht die Stadt. Aber die kannte ich eh nur aus Erzählungen.
Der Markt in Rieding war bekannt und beliebt. Im Laufe des Vormittags erwartete man sogar einige Stadterer, die mit dem Zug nach Rieding kamen, um hier einzukaufen und sich umzuschauen. Käse, Geräuchertes und die Leinenstoffe aus den Arnrieder Webereien.
Ich hatte bis Mittag Zeit in Rieding. Viel zu viel Zeit für den Ort. Also ging ich über den Markt und schaute mir die Stände an: die Bauern mit ihrem Gemüse, dem Geräucherten und dem Käse. Der Papiermüller aus Kräuth mit seinen farbigen Tapetenbögen, den Schulheften und bedruckten Einwickelpapieren. Der Eisenbahnerschmied, der neben seiner Arbeit bei der Bahn Eisenwaren herstellte und verkaufte. Töpfe, Pflugscharen und Messer. Der Wagner, der Bader, der Glasmacher, die Tucher und wie sie noch alle hießen.
Dabei bemerkte ich zum ersten Mal, dass die Fassaden der rechten Häuserzeile am Marktplatz voll mit Wandmalereien waren. Auf jedem Haus über der Türe, zwischen den Fenstern im ersten Stock, ein Bild. Wenn man tagaus tagein nur in Oberpfaffing lebt, beeindruckt einen das schon noch mehr. Auch muss ich gestehen, dass mich die Farben und die ausdrucksstarken Gesichter der Menschen auf den Gemälden sehr berührten. Ich kam ja nicht wirklich oft mit Abbildungen von Menschen oder Malerei im weitesten Sinne in Berührung. In Oberpfaffing gab es fast keine Bilder. Die paar Drucke von hohen Persönlichkeiten im ›Bayerischen Merkur‹, in die ich meine Räucherfische einpackte oder die Erinnerungen an die Bilder in der Schulfibel oder die schmutzigen Schmierereien von nackten Frauen an der Pfafflbrücke. Mehr gab es in Oberpfaffing nicht. Ich versuchte ja manchmal selbst, Menschen und andere Sachen zu zeichnen. Mit einem hellen Stein auf dem großen dunkelgrauen Fels in der Pfaffl unterhalb von meinem Haus. Das klappte manchmal besser, manchmal schlechter. Tiere und Gesichter gingen eigentlich am Besten. Und sobald es regnete, war alles wieder weg und ich musste mich nicht über missglückte Schmierereien ärgern. Einmal ist mir der Wirt so gut gelungen, dass ich das Bild gerne behalten hätte. Ich habe es daheim noch einmal auf einem Fetzen Papier versucht. Ist aber nicht so gut geworden wie auf dem Stein. In letzter Zeit hatte ich sogar darüber nachgedacht, auf den Zetteln zu zeichnen, die wir früher in der Familie Supersol genannt hatten. Das waren ursprünglich große Bögen gelblichen Papiers, auf denen sechzig Mal das Wort ›Supersol‹ stand. Darüber war eine Sonne abgebildet. Mein Bruder hatte immer wieder welche aus dem Auffanggitter im Pfafflabfluss gefischt, weil sie ihn verstopft hatten. Niemand wusste, wo sie herkamen. Er hatte die Bögen getrocknet und jeden in neun Teile geschnitten. Obwohl die Zettel stockfleckig und ausgeblichen waren, hätte der Bruder sie nie benutzt, um damit etwas banales anzustellen, wie Fenster abdichten oder Räucherfeuer anzünden. Die Zettel waren ihm heilig und wir anderen Kinder bekamen sie nur zu Gesicht, wenn unsere Namenstagsgeschenke darin eingeschlagen wurden. Ich hatte genau neun Mal ein Geschenk in einem Supersol verpackt bekommen. Diese neun Bögen hatte ich besser aufbewahrt als die Geschenke selbst. Aber ich traute mich nicht, darauf zu zeichnen. Was, wenn die Zeichnungen nichts wurden? Dafür waren die Zettel eine zu wertvolle Erinnerung an den Bruder.
Mir gefielen die Malereien auf den Markthäusern so gut, weil ich die viele Arbeit dahinter und das handwerkliche Geschick der Maler zu schätzen wusste: Die Sengerquerung mit den vor Anstrengung verzerrten Gesichtern der Siedler. Die Flößer von Fontan mit ihren muskulösen Körpern. Man konnte jede Sehne an den Armen sehen. Der Schmied von Trelef mit ernstem, entschlossenem Gesicht und seinem Walliserprügel mit den Nägeln dran. Der König der Bayern, wie er mit entblößter Brust einen Berglöwen erlegt. Und das für mich beeindruckendste Bild: unser König, wie er die Riedinger besucht, die sich ehrfürchtig vor ihm verneigen. Dieses Gemälde berührte mich besonders. Der König mit seinem gnädigen, väterlichen Blick. Man wusste nicht, ob er einen anblickte oder ob er leicht über einen hinweg sah. Mir schnürte es vor Ergriffenheit fast die Kehle zu. Ich blieb sehr lange vor dem Bild des gütigen Landesvaters stehen. Ich traute mich nicht wegzugehen. Warum bewegte mich das so? Ich hatte schon Bilder des Königs in den Schulbüchern gesehen oder in der Zeitung. Aber hier? Seine scharfen Gesichtszüge, die gütigen Augen, die schützende Geste? Er wirkte fast wie mein Vater im Sarg. So ruhig. Ich konnte den Blick kaum abwenden. Verschämt wollte ich mir die feuchten Augenwinkel abwischen, als ich bemerkte, dass ich nicht der einzige war, der in den Bann des Königs geraten war. Der Schwarzbub kniete nur einige Fuß hinter mir und weinte. Als würde er den König anflehen. Wie beim Gebet. Ich riss mich vom Anblick des Buben und der Wandmalereien los und ging weiter.
An einem etwas niedrigeren Haus am Ende des Marktplatzes war ein Bild übermalt worden. Ob es einfach abgeblättert war und deshalb die Stelle übertüncht worden war oder ob es so schlecht gewesen ist, dass die Besitzer es nicht mehr sehen wollten? Eine ältere Frau öffnete das Fenster und starrte den Schwarzbuben an.
Auf der anderen Seite des Marktplatzes waren die Häuser offizieller aber auch weniger bemalt. Das Rathaus, das Amtshaus, die Gendarmerie. An der Ecke zur Bahnhofsgasse war das Gasthaus Rath. Ich ging daran vorbei und hatte von dort aus das Königsmonument genau im Blick. Die morgendliche Sonne schien es an und ich konnte es zum ersten Mal richtig ansehen: König Ludwig II. auf einer Säule. In der einen Hand eine Papierrolle, die andere Hand auf ein Schwert gestützt. An der Säule vier weitere Figuren, die mir nichts sagten: Ein langhaariger Mann mit einer großen Feder, eine Frau mit einer Fackel, eine andere Frau mit einem Buch und einer Art Schwert und ein bärtiger Mann, der auf einem Löwen saß. Alle trugen lockere Umhänge. Nur der Mann auf dem Löwen war nackt. Ganz unten, unterhalb der Füße des Königs lagen einige Putten, die ein bayerisches Wappen in den Händen hielten: Altbayern, Franken, Schwaben, die Pfalz und ein fünftes Wappen, das mir noch nie aufgefallen war. Das Tier darauf sah seltsam aus. Nicht wie eines, das ich schon einmal zuvor gesehen hatte.
Ich ging weiter. Durch die Gasse hinter dem Gasthaus Rath bis zur Pfarrkirche St. Jakob. Aus der Kirche drang kein Laut. Ich versuchte das Tor zu öffnen. Es war verschlossen. Die Kirchturmuhr läutete neun mal. Noch vier Stunden bis die Schwarzbäuerin wieder zurück nach Oberpfaffing wollte.
Ich umrundete die Kirche einmal und bemerkte an ihrer Rückseite eine Hütte mit sehr großen Fenstern. Die Werkstatt eines Steinmetzes, der an der Kirche arbeitete oder sein Schuppen? Durch die großen Scheiben konnte ich einen Mann erkennen, der an einer Werkbank saß und in ein Heft schrieb. Ich ging vorbei. Er sah mich und winkte mir zu. Ich nickte höflich zurück. Er nahm einen Becher von seiner Werkbank, hob ihn hoch und deutete mir an, ob ich auch etwas zu trinken wollte.
Immer noch vier Stunden bis Oberpfaffing. Ich nickte. Besser mit einem Unbekannten die Zeit totschlagen als sich alleine zu Tode langweilen. Der Mann kam durch die Tür des Hauses auf mich zu. Eine Tür, die aus vielen kleinen Glasrechtecken bestand. Er war nicht richtig alt, aber auch nicht jung, trug eine hohe rote Hausmütze mit einer Quaste, einen Hausrock und eine Brille. Ungewöhnlich war, dass der Mann glatt rasiert war. Weder Schnurr-, noch Backen-, noch Vollbart. Das machte es mir fast unmöglich sein Alter zu bestimmen. Vielleicht war er doch älter, als ich zuerst gedacht hatte. Die Haare unter der Mütze waren grau. Das glatte Gesicht eines Kindes, der Körper eines fünfzigjährigen Mannes. Oder eine hässliche Frau in der Kleidung eines Mannes. Bei uns in Oberpfaffing gab es keine Männer ohne Bart und eine Brille kannte ich auch nur vom Pfarrer. Ich musste bei seinem Anblick unweigerlich an meine Fische denken. Der Bartlose musterte mich und mein Fischgewand. Er lachte ölig: »Dass ich in diesem Bauernkaff einmal jemanden treffe, der noch bauernhafter ist, als alle anderen zusammen.«
Seine Sprache war genauso seltsam wie der Rest an ihm. So zerhackt. Jedes Wort war einzeln. Überdeutlich. So als würde man ihn nicht sprechen hören, sondern ihn wie ein Buch lesen. Als hätte er erst vor Kurzem gelernt zu sprechen. Er sprach eine Mischung aus Schriftdeutsch und Bairisch.
»Komm erst einmal herein und trink einen Kaffee mit mir. Wie heißt du denn?«
»Kienerjoseph«, antwortete ich, wie ich es seit der Schule nicht mehr getan hatte.
»Ich bin der Holderer.« Und an seine Zugehfrau gewandt: »Otti, bringst du für mich und meinen Gast einen frischen Kaffee.« Ich hatte noch nie Kaffee getrunken. In Oberpfaffing gab es das nicht. Da trank man Bier, Wasser oder als Kind Milch.
Er setzte sich zurück an seine Werkbank und musterte mich ausgiebig. Ich kam mir vor wie das seltsame Reh, das der Traublingergroßvater auf dem Wachten geschossen hatte und das tot vor dem Wirt in Oberpfaffing gehangen hatte. Das Reh im Schafspelz, das damals alle in einer Mischung aus Grausen und Lachen angestarrt hatten. Genauso wie mich der Holderer jetzt ansah. Der Kienerjoseph, das Wollreh.
Und als ich darüber nachdachte, fiel mir ein, woran mich das Tier auf dem vierten Wappen am Königsmonument erinnert hatte. An genau jenes Wollreh vom Oberpfaffinger Dorfanger. Ein stehender Löwe symbolisierte Altbayern und die Pfalz, die drei liegenden Löwen waren Schwaben, der Rechen Franken. Aber wofür stand das Wollreh?
Der Holderer holte mich aus meinen Grübeleien: »Jetzt erzähl einmal, Kienerjoseph, bist du zum Markt da? Du bist aus …« Der Holderer überlegte »… Oberpfaffing. Hab ichs richtig?« Er lachte. Ich nickte. War das so offensichtlich?
»Setz dich her, Kienerjoseph.«
Die Zugehfrau kam herein, in der Hand ein Tablett mit einer hohen Kanne.
»So, Kienerjoseph, ein oder zwei Stück Zucker? Ein Schluckerl Rahm?«
Ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte und nickte. Der Holderer goss eine Tasse mit Kaffee voll, tröpfelte etwas Rahm dazu und nahm mit einer kleinen Zange Zuckerbrocken, die er in den Kaffee warf. Er reichte mir die Tasse auf einem kleinen Tellerchen, darauf lag ein metallener Löffel. Es stank bestialisch. Der Holderer machte für sich das gleiche und ich beobachtete ihn, wie er die Tasse auf dem Teller in der einen Hand hielt und mit der anderen den Löffel, mit dem er darin rührte. Ich machte es genauso. Als ich den Kaffee im Mund hatte, wollte ich gleich wieder ausspucken. Das schmeckte mir nicht. Bitter und buttrig. Der Holderer lachte wieder.
»Probier es nochmal. Da muss man erst auf den Geschmack kommen. Das ist die gute Zichorie!« Er lachte, als hätte er einen wirklich guten Witz gemacht. »Den Kaffee muss man unter die Zunge bringen.«
Der Holderer lehnte sich in seinem Stuhl zurück und trank seine Tasse in einem Zug leer. Ihm schien das zu schmecken. Ich probierte lieber nicht, den Kaffee unter meine Zunge zu bringen.
Ich sah mich in dem Raum um. Von innen wirkte die Hütte fast wie ein echtes Stadthaus. Gepolsterte Möbel, Tapeten, Teppiche, Stiche in Bilderrahmen. Alles ein bisschen angestaubt, fadenscheinig und grindig. An den Wänden gegenüber der Fenster hingen große Papiere mit Kohlezeichnungen drauf. Ich hatte so etwas schon einmal gesehen, als wir den Schober vom Doll umbauen mussten. Da wurde auch so ein Plan auf ein großes Papier gezeichnet, bevor wir anfangen konnten. Aber das war eine viel gröbere Zeichnung gewesen als die hier beim Holderer. Es wirkte aus der Entfernung, als wären da die Häuser vom Marktplatz gezeichnet. Der Holderer stand auf und ging durch den Raum auf die Papiere zu. Er schien sich zu freuen, dass mich seine Papiere interessierten.
»Möchtest du wissen, was das ist?«
Ich schüttelte den Kopf. Dem Holderer war das scheinbar egal, denn er fuhr fort.
»Kienerjoseph. Ich bin der Heimatwahrer.«
Es wirkte so, als erwartete der Holderer, dass die Aussage eine große Wirkung auf mich haben würde. Ich wusste nicht, was das bedeutete, nickte aber.
»Der Heimatwahrer schaut sich alle Sachen in unserer Heimat an und bestimmt, ob sie wahrbar sind. Malereien, Schnitzereien, Altäre, Bücher, Zeitungen. Nicht dass unser König eines Tages unsere Gegend bereist und da sind österreichische Schmierereien an den Riedinger Häusern oder preußische Bilder in der Zeitung und in den Büchern.« Der Holderer lachte öliger als vorher. »Glaubst du, dass das unserem König gefallen würde?«
Ich schüttelte wieder den Kopf.
»Gerade schau ich mir die Fassadenmalereien von Rieding an. Aber auch in St. Jakob gibt es ein paar Dinge, die man im Auge behalten muss. Ich zeichne sie ab und schicke das an die Amtmänner in der Stadt. Und wenn wir das Gefühl haben, dass da welche nicht passen. Weg damit.«
»Wie bei dem kleinen Haus am Marktplatz.«, platzte ich heraus.
»Ah, der Kienerjoseph redet. Genau. Wie bei dem kleinen Haus am Marktplatz. Das haben wir erst letzten Monat übermalt. Die Wagnerin war nicht gerade begeistert. Die hatte das erst vor einigen Jahren neu machen lassen. Und jetzt musste es halt wieder weg. Ich frag mich nur, wer so was da hin malt.«
Der Holderer schien mehr mit sich selbst zu sprechen als mit mir.
»Aber da redet keiner. Als hätten die sich abgesprochen.«
Der Holderer schenkte sich noch einen Kaffee ein und trank ihn ohne Rahm und ohne Zucker. Mich schüttelte es. Der Holderer stand auf und ging zu seinen Papieren hinüber. Er sah mich an, als hätte er eine Idee gehabt.
»Kienerjoseph. Magst du sehen, was da für eine Schmiererei drauf war, auf dem Haus von der Wagnerin? Komm herüber.«
Ich stand auf und ging zum Holderer. Der nahm zwei große Bögen ab und legte sie vorsichtig auf seine Werkbank. Darunter hing eine Kohlezeichnung der Fassade des kleinen Hauses am Marktplatz. Und in farbig darauf das Bild, das ursprünglich einmal die Front verziert hatte. Die Malerei wirkte viel volkstümlicher als die auf den anderen Häusern. Weniger gekonnt als das Bild vom gütigen König Ludwig oder den Flößern. Das hätte sogar ich besser gekonnt. Vielleicht lag das auch nur am nicht vorhandenen zeichnerischen Können vom Holderer.
Auf dem Bild vom Wandgemälde sah man einen weißbärtigen Mann, der in Bundhose und Hut ein viel kleineres Wesen, das vielleicht tot war, denn seine Arme und Beine hingen schlaff nach allen Seiten hinunter, auf eine Art Scheiterhaufen legte. Dort lagen schon einige weitere Kleine. Das Gesicht des ersten kleinen Wesens war verkniffen und seine Haut hatte die Farbe von Leder. Wie eine Puppe, die jemand aus einem alten Stück Sattelleder geschneidert hatte. In der Brust des kleinen Wesens steckte ein Pfahl.
Ich betrachtete das Bild genau und bemerkte, dass ich selbst noch viel genauer betrachtet wurde. Der Holderer beobachtete mich und schien ganz genau wissen zu wollen, wie ich auf das Bild von dem Gemälde reagierte.
Ich war verlegen und sagte: »Ja.«
Der Holderer sah mich auffordernd an. »Ja? Und? Was siehst du auf dem Bild?«
»Das sind die Perchtln, oder? Der Andreas von Rieding, wie er die Perchtln besiegt, oder?«
»Richtig. Und was hältst du von der Geschichte?«
»Eine Sagengeschichte halt. Die erzählt man sich halt bei uns im Tal. Die Kinder sollen Angst vor den Perchtln haben, damit sie nichts anstellen. Sie sollen das Viechfieber bringen und auch noch sonst alle möglichen Hexereien machen, die uns schaden.«
»Hoppla. Was für ein Redeschwall, Kienerjoseph. Aber ist das auch wahr? Meinst du, dass das wirklich passiert ist? Das mit dem Heiligen Andreas und den Perchtln?«
»Eher nicht, oder? Das sind doch nur Geschichten. Für die Alten und für Kinder. Schreckgeschichten.«
»Weißt du, was ursprünglich auf das Wagnerhaus gemalt war?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Die Maria und das Jesulein. Übermalt und ersetzt durch Andreas Riederer und die toten Perchtln.«
Der Holderer wirkte jetzt fast verzweifelt.
»Und in St. Jakob. Da war hinten links ein Korbiniansaltar. Jetzt steht da, prächtig geschnitzt, vergoldet, bemalt und schöner als alles, was da jemals zuvor war, der angebliche heilige Andreas von Rieding mit einem aufgespießten Perchtlkopf. Einfach ausgetauscht. Der Korbinian ist verschwunden. Weggeschmissen oder verbrannt. Und angeblich soll das Weihnachtskripperl in ein Andreaskripperl umgestaltet worden sein. Was meinst du, wie da der Pfarrer geflucht hat, als er davon erfahren hat? Und wenn Pfarrer erst einmal anfangen zu fluchen …«
Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte. In Oberpfaffing gab es auf dem unteren Goaßweg auch eine Kapelle, die Andreas von Rieding geweiht war. Da sah man auch statt eines Kruzifixes einen Andreas mit aufgespießtem Perchtl vor dem Altar. Die Oberpfaffinger nannten den Ort Andreasspieß. Es war seit einigen Jahren wieder in Mode gekommen, zum Andreasspieß zu gehen, um für etwas zu beten. Aber ich hielt es eher für eine Art Aberglaube, wie den Perchtllauf und die Perchtllichter in den Fenstern. Und ich glaube, den meisten Oberpfaffingern ging es genauso.
»Die Leute können doch nicht einfach ihren eigenen Glauben machen. Wo kämen wir denn da hin? Ein bisschen Volksglauben mit Perchtllauf, schön und gut. Aber ein eigener Heiliger? Unser Bischof heißt Antonius von Rampf und unser Papst heißt Pius IX. Die kümmern sich um den Glauben, den lieben Gott, die Jungfrau Maria und die Heiligen auch. Und nicht die Riedinger!«
Aus dem Holderer war plötzlich ein furchteinflößender Prediger geworden. Kein Lächeln mehr und kein lustiges »Kienerjoseph«.
»Und um den Teufel? Kümmern die sich auch um den Teufel?«, fragte ich. Plötzlich ganz mutig.
»Gerade um den. Gerade um den.«, antwortete der Holderer.
»Weil, wenn einer den Teufel selbst gesehen hat? Ich kenne einen Buben in Oberpfaffing, der sagt, dass er von ihm gejagt worden ist. Persönlich.«
»Soll er mit dem Pfarrer reden. Bei euch in Oberpfaffing ist doch so ein neuer, junger.« Der Holderer wirkte ermattet von seiner Predigt. Der heilige Andreas und die Perchtln und der Aberglaube schienen ihn mehr zu interessieren als meine Teufelsgeschichten.
Ich fuhr trotzdem fort: »Und dann hat es geheißen, dass er das Viechfieber hat, der Bub. Und Sie erzählen von den Perchtln und dem verbotenen Andreas und allem. Da hab ich gedacht, ob das irgendwas miteinander zu tun hat. Oder ob das alles nur ein Schmarrn ist.«
»Wie heißt er denn, der Bub?«, fragte der Holderer fast gelangweilt.
»Sailler Benno aus Oberpfaffing, wie ich.« Der Holderer schrieb den Namen nachlässig auf den Rand der Zeichnung. Vielleicht war es auch nur irgendein Gekritzel um mich zu beruhigen. Ich redete weiter:
»Der war lange beim Doktor, hat geschlafen und jetzt erinnert er sich an fast nichts mehr. Nur ein paar Fetzen noch. Vielleicht kommen die Erinnerungen ja zurück.«
»Ein paar Fetzen noch, sagst du. Die Erinnerung kommt zurück, meinst du.« Kurz schien es, als würde ihn meine Geschichte doch interessieren. »Ich kann dir da auch nicht helfen. Ich bin nur der Heimatwahrer und kein Doktor und kein Pfarrer.« Sein Zorn von vorhin war jetzt vollkommen verraucht, denn er fragte mich nur noch, ob ich noch mehr Kaffee wolle und noch dies und jenes aus Oberpfaffing.
Irgendwann brachte er mich wieder hinaus aus seiner Hütte.
