Neue Punkte für das Sams - Paul Maar - E-Book

Neue Punkte für das Sams E-Book

Paul Maar

4,8
9,99 €

Beschreibung

Manchmal ist Herr Taschenbier sich nicht sicher, ob es wirklich der beste aller Wünsche war, dass das Sams für immer bei ihm bleibt. Schließlich hat es keine Punkte mehr im Gesicht und kann keine Wünsche mehr erfüllen. Es ist nur noch vorlaut und gefräßig. Und dass Herr Taschenbier sich verliebt hat, passt dem Sams natürlich überhaupt nicht. Wenn es doch endlich wieder Punkte hätte! Aber das ist diesmal gar nicht so einfach, und schließlich kommt alles ganz anders. Mit den Punkten und so und überhaupt. Jedenfalls gerät Herr Taschenbier in ganz schön verrückte und turbulente Situationen, bis am Ende sein Herzenswunsch doch in Erfüllung geht. Und er es mit Hilfe des Sams geschafft hat, einen weiteren, letzten Schritt zur Selbständigkeit zu tun.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 144




Für Tante Fanny-Frances

Das ist Herr Taschenbier

Herr Taschenbier arbeitet in einem Büro. Er ist ein schüchterner Mann, der ein recht eintöniges Leben führte – bis ihm eines Tages das Sams begegnete, eine Woche lang bei ihm blieb und alles auf den Kopf stellte. Die ganze Geschichte begann mit einem Sonntag, an dem die Sonne schien. Am Montag kam dann Herr Mon zu Besuch, am Dienstag hatte Herr Taschenbier wie immer Dienst, am Mittwoch war Mitte der Woche, am Donnerstag donnerte es. Am Freitag kriegte er frei und musste nicht ins Büro. Dann kam der Samstag und mit ihm das Sams.

Das ist das Sams

Das Sams sagte »Papa« zu Herrn Taschenbier und blieb bei ihm. Es hatte rote Haare, eine Rüsselnase und blaue Punkte im Gesicht, mit denen sich Herr Taschenbier Wünsche erfüllen konnte. Auch den nach einer Wunschmaschine, mit der er dann allerlei Unfug anstellte und Verwirrung stiftete.

Am meisten hatte der dicke Herr Lürcher unter diesen Wunschmaschinenwünschen zu leiden. Aber selbst die Polizei – bei der er sich fast jeden Tag beschwerte – konnte ihm nicht weiterhelfen.

Herr Mon, der beste Freund von Herrn Taschenbier, war der Einzige, der von dieser Maschine wusste. Er verriet das Geheimnis aber keinem Menschen. Nicht einmal Frau Rotkohl, die so großartige Apfelkuchen für ihn backte.

Schließlich war die Wunschmaschine durchgebrannt und nicht mehr zu reparieren, und beinahe hätte sich Herr Taschenbier seinen Lieblingswunsch gar nicht mehr erfüllen können: »Ich wünsche, dass das Sams immer bei mir bleibt!«

1. Kapitel

Ein Kartenspiel mit Fehlern

Es war Mitternacht und Herr Taschenbier saß auf dem Dach von Frau Rotkohls Haus. Er klammerte sich mit beiden Händen am Kamin fest, zitterte vor Aufregung und Furcht, hielt den Kopf starr geradeaus gerichtet und bemühte sich, nicht nach unten zu gucken, in die Tiefe. Neben ihm auf dem Dachfirst saß das Sams und ließ die Beine baumeln.

Wie die beiden da hinaufgekommen waren? Ganz freiwillig. Vor zehn Minuten hatten sie sich durch die enge Dachluke gezwängt und waren über die glatten, rutschigen Ziegel vorsichtig nach oben zum Dachfirst geklettert.

Was Herr Taschenbier da oben wollte? Neue Punkte für das Sams!

Weshalb er dazu um Mitternacht aufs Hausdach stieg? Auch das lässt sich erklären. Allerdings fängt man da besser mit dem Samstag an. Oder noch besser mit dem Freitag, als alles begann.

Am Freitag hatte Herr Taschenbier den allerletzten blauen Punkt weggewünscht, den ihm das Sams aufgehoben hatte, gut versteckt hinter dem linken Ohr. Er hatte gar nicht lange nachgedacht, was er wünschen solle, hatte nur tief Luft geholt und langsam und feierlich gesagt: »Ich wünsche, dass das Sams immer bei mir bleibt.« Damit war der letzte blaue Punkt verschwunden und Herrn Taschenbiers sehnlichster Wunsch war in Erfüllung gegangen.

Am Tag danach, am Samstag also, kamen Herrn Taschenbier schon die ersten Zweifel, ob er wirklich den besten aller Wünsche ausgesprochen hatte. Das war, als er mit dem Sams Karten spielen wollte.

Herr Taschenbier saß am Tisch und mischte die Spielkarten.

Das Sams hopste unterdessen im Bett auf und nieder und sang dazu im Takt:

»Ich freue mich, drum hüpf ich so,

als wäre ich ein Affenfloh.

Ich freue mich, jetzt bleib ich hier

bei meinem Papa Taschenbier.«

Herr Taschenbier sagte: »Ich freue mich ja auch. Trotzdem wäre es schöner, wenn du dich ein wenig leiser freuen könntest.«

»Noch leiser? Das kann ich leider nicht, Papa. Samsregel Nummer dreiundzwanzig:

Wer sich freut, soll ganz laut singen

und dabei vor allen Dingen

singend in die Höhe springen.«

Herr Taschenbier lachte. Er sagte: »Taschenbierregel vierundzwanzig: Wenn du Karten spielen willst, sollst du am Tisch sitzen und nicht auf meinem Bett herumhopsen!«

»Du hast aber merkwürdige Regeln«, sagte das Sams. »Die reimen sich ja nicht mal!« Es hörte auf zu hüpfen und rief: »Zum Sitzen flitzen! Die Karten warten! Ich zisch zum Tisch! Absprung mit Schwung!«

Es nahm zwei Schritt Anlauf, sprang mit einem großen Satz vom Bett in den Sessel und hüpfte von da auf den Stuhl. Der Stuhl kippte, das Sams stürzte. Es versuchte sich an der Tischdecke festzuhalten, riss sie vom Tisch und mit ihr alle Karten, einen Bleistift, einen Schreibblock, Herrn Taschenbiers Lesebrille und eine Vase voller Tulpen. Im Fallen griff das Sams nach der Blumenvase, bekam sie zu fassen und kugelte mit ihr unter den Tisch.

Als sich Herr Taschenbier von seinem Schreck erholt hatte und unter den Tisch guckte, saß das Sams da mit der unversehrten Vase und allen Blumen in der einen Hand, Herrn Taschenbiers Brille in der anderen, grinste und sagte: »Sturz kurz! Fall mit Knall! Papa entsetzt, Sams unverletzt!«

»Hast du dir wirklich nicht wehgetan?«, fragte Herr Taschenbier.

»Nein, hab ich nicht«, sagte das Sams und sammelte die Spielkarten vom Boden auf. »Die Karten sind jetzt bestens gemischt, wir können sofort anfangen.«

Herr Taschenbier legte die Decke wieder auf den Tisch, mischte die Karten noch einmal und sagte: »Nun setzt du dich aber bitte schön ganz normal auf deinen Stuhl, ohne Hüpfen und Stürzen!«

»Mach ich, Papa«, sagte das Sams und setzte sich. »Ich sitz wie der Blitz!«

Herr Taschenbier begann die Karten auszuteilen. »Bei ›Sechsundsechzig‹ bekommt jeder sechs Karten«, erklärte er dabei dem Sams.

»Jeder?«, fragte das Sams. »Also du und ich und Herr Mon und Frau Rotkohl und Herr Oberstein und Herr Lürcher und …«

»Ich meine, jeder von uns beiden bekommt sechs Karten«, stellte Herr Taschenbier richtig. »Das hier sind deine.«

»Meine? Alle sechs? Danke, Papa, danke!« Das Sams freute sich.

Herr Taschenbier deckte die dreizehnte Karte auf und legte sie auf den Tisch: die Herz-Neun.

»Herz ist also Trumpf«, sagte er. »Du fängst an!«

Das Sams nahm seine Karten vom Tisch auf, steckte sie nebeneinander in die linke Hand, betrachtete sie eingehend von vorne und von der Rückseite, beschnupperte jedes Kartenblatt einzeln, überlegte, kratzte sich am Bauch und wackelte unschlüssig mit der Rüsselnase hin und her.

»Nun mach schon!«, drängte Herr Taschenbier. »Spiel endlich aus. Was gibt’s da so lange zu überlegen?«

»Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll«, sagte das Sams. »Sind die roten Karten besser oder die schwarzen?«

»Die roten natürlich. Die mit einem Herz drauf«, sagte Herr Taschenbier. »Ich hab dir die Spielregeln doch vorher erklärt. Hast du sie schon wieder vergessen?«

»Nein, hab ich nicht.«

»Dann fang endlich an zu karten!«

»Das tu ich, Papa. Gleich sofort«, versprach das Sams, fing aber erst mal an zu singen:

»Regeln regeln

jedes Spiel;

das darf ich nicht vergessen.

Flegel flegeln

furchtbar viel,

besonders, wenn sie essen.«

Damit steckte es eine seiner Karten in den Mund, die Herz-Sieben, kaute genüsslich darauf herum und schluckte sie hinunter.

»Was … was machst du da?!«, rief Herr Taschenbier.

»Ich habe angefangen. Mit einer roten Karte, wie du’s vorgeschlagen hast, Papa«, erklärte ihm das Sams, schob sich die Pik-Zehn in den Mund, kaute und verzog angewidert das Gesicht.

»Bäh!«, sagte es und schüttelte sich. »Du hast wirklich recht, Papa. Die Schwarzen schmecken viel, viel schlechter als die Roten.

Rote Karten schmecken fein.

Aber – bäh – die schwarzen!

Die schmecken wie ein Krötenbein

mit vierundfünfzig Warzen!«

»Was … was machst du da!«, schimpfte Herr Taschenbier.

»Das hast du jetzt schon zweimal gefragt. Ist das nicht langweilig, Papa? Willst du nicht lieber mal was anderes fragen?«, sagte das Sams. »Frag doch mal zum Beispiel, ob Herr Mon mit dem Saxofon auf dem Balkon einen dumpfen Ton …«

»Ich will weder nach Herrn Mon noch nach einem Saxofon fragen!«, rief Herr Taschenbier.

»Schade, das hätte sich so schön gereimt«, sagte das Sams. »Dann frag doch mal, ob Herr Oberstein bei Sonnenschein ein Stachelschwein …«

»Ich will auch nicht nach Herrn Oberstein fragen«, sagte Herr Taschenbier. »Und nach seinem Stachelschwein schon gar nicht!«

»Nach seinem? Hat er denn eines?«

»Nein, natürlich nicht!«

»Was willst du denn dann fragen, Papa?«

»Ich will überhaupt nichts fragen. Ich … ich will, dass du nicht die ganzen Karten auffrisst«, sagte Herr Taschenbier. »Das sind Spielkarten und keine … keine Speisekarten!«

»Willst du das oder wünschst du das?«, fragte das Sams.

»Ich will … nein, halt: Ich wünsche es!«, befahl Herr Taschenbier mit erhobener Stimme. Ihm war gerade noch eingefallen, dass man bei Samsen besser »ich wünsche« sagt.

»Ach, du wünschst es, Papa«, wiederholte das Sams und griff nach dem Karo-König. »Das habe ich mir fast gedacht. Aber das Wünschen nützt jetzt leider nichts mehr. Weil du ja gestern den letzten blauen Wunschpunkt weggewünscht hast. Ich glaube, jetzt werde ich diese rote Karte mal probieren. Probieren, schnabulieren! Essen, fressen! Wenn du magst, kannst du ein kleines Stückchen abhaben, ja?«

Es biss herzhaft zu. »Mmm, höchst lecker, absolut gut, ungemein fein«, sagte es und kaute dabei. Nun hatte der Kartenkönig keine Krone, keinen Kragen und kein Zepter mehr, und von seinem roten Samtmantel fehlte ein Stück.

Herr Taschenbier warf seine Karten auf den Tisch und stand auf.

»So, jetzt reicht’s mir!«, rief er. »Nun ist Schluss!«

»Wieso Schluss?«, fragte das Sams. »Haben wir denn schon angefangen?«

»Ich hab keine Lust mehr«, sagte Herr Taschenbier. »Ich gehe.«

»Du gehst, Papa? Aber warum denn? Wohin denn?

Willst du denn nicht mehr mit den Karten spielen?«, fragte das Sams.

Herr Taschenbier gab keine Antwort und ging zur Tür. Das Sams warf seine Karten hin, nahm die Füße vom Tisch und sprang vom Stuhl. »Nimmst du mich denn nicht mit?«, fragte es.

Herr Taschenbier schüttelte den Kopf. »Nein. Ich gehe spazieren. Und zwar alleine. Ohne Sams«, sagte er. »Friss meinetwegen alle roten Karten auf, mir soll’s egal sein. Ohne Karo-König und Herz-Zehn können wir sowieso nicht mehr ›Sechsundsechzig‹ spielen. Guten Appetit und auf Wiedersehen!« Damit verließ er das Zimmer.

Das Sams rannte hinter ihm her, holte ihn im Flur ein, fasste ihn bei der Hand und versuchte ihn zurückzuhalten. »Papa, nimm mich doch mit«, bat es.

»Ich denke nicht daran«, sagte Herr Taschenbier und zog seine Hand weg.

»Bitte, Papa, bitte!«, bettelte das Sams. Es sah so aus, als ob es gleich weinen würde.

Herr Taschenbier bekam langsam Mitleid mit ihm. Er blieb stehen und ließ es zu, dass das Sams wieder seine Hand ergriff. »Du glaubst wohl, ich will mich den ganzen Nachmittag von dir ärgern lassen?«, fragte er.

»Warum denn? Was hab ich getan? Ich weiß gar nicht, warum du ärgerlich bist«, sagte das Sams.

»Wenn ich sonst etwas von dir wollte, musste ich nur sagen: ›Ich wünsche es‹, und schon hast du es gemacht. Jetzt könnte ich genauso gut gegen eine Mauer reden oder mit einer Mülltonne sprechen …«

»Na ja, letzte Woche hatte ich halt noch blaue Punkte«, sagte das Sams. »Da musste ich alles tun, was du gewünscht hast. Jetzt muss ich nur noch tun, was ich will.«

»So ist das also!« Herr Taschenbier zog seine Hand wieder zurück und steckte sie in die Jackentasche, bevor das Sams sie festhalten konnte. »Wenn du mir einen Wunsch erfüllt hast, dann hast du es nicht mir zuliebe getan, nein! Du hast es nur wegen der blauen Punkte gemacht. Weil du gar nicht anders konntest. Gut, dass ich das weiß!«

»Das stimmt nicht! Ich hab’s auch getan, weil du mein Papa bist und ich dein Sams.«

Herr Taschenbier sagte: »Vielleicht hätte ich gestern mit dem letzten Wunschpunkt lieber etwas anderes wünschen sollen …«

»Etwas anderes?«, fragte das Sams. »Du willst mich nicht mehr bei dir haben?!«

»Doch. Aber ich hätte ja auch wünschen können, das du hundert neue Punkte im Gesicht hast. Mit dem ersten hätte ich gewünscht, dass du immer bei mir bleibst, und mit den restlichen neunundneunzig hätte ich verhindern können, dass ich mich über dich ärgern muss.«

»Aber das musst du nicht, Papa. Wirklich nicht«, sagte das Sams. »Ich ärgere dich doch nicht. Nie!«

»Nie? Und wer hat dann meine Karten aufgefressen?«

»Ich nicht«, beteuerte das Sams.

»Du nicht?!« Herr Taschenbier ging zurück ins Zimmer, zum Tisch, nahm das, was von der angebissenen Karte noch übrig geblieben war, und hielt es dem Sams unter die Nase. »Und was ist das?«, fragte er.

»Ein halber Karo-König«, antwortete das Sams wahrheitsgemäß.

»Soso, ein halber König. Willst du vielleicht behaupten, dass ihn Termiten oder Heuschrecken angeknabbert haben?«

Das Sams lachte. »Nein. Papa, das war ich. Das weißt du doch. Hat sehr gut geschmeckt.«

»Jetzt gibst du also doch zu, dass du meine Karten gefressen hast?«

»Doch nicht deine. Nur die Karten, die du mir vorhin geschenkt hast. Erinnerst du dich denn nicht? ›Das hier sind deine‹, hast du gesagt. Eigentlich wollte ich meine Karten ja gar nicht essen, sondern ausspielen. Aber sie haben sehr, sehr gut gerochen. Da hab ich gedacht: Mit seinen eigenen Sachen darf man machen, was man will. Das ist doch richtig, Papa, oder? Das hast du auch mal zu Frau Rotkohl gesagt.«

»Kann schon sein«, musste Herr Taschenbier zugeben.

»Siehst du!«, rief das Sams und fing vor Begeisterung an zu singen:

»Mit meinen Sachen

darf ich machen,

was ich mag.

Was darf ich machen

mit meinen Sachen

den ganzen Tag?

Ich darf sie pflegen,

ich darf sie verlegen,

ich darf sie putzen,

ich darf sie verschmutzen,

ich darf sie heiß waschen,

ich darf sie vernaschen,

ich darf sie polieren,

ich darf sie beschmieren,

ich darf sie vergessen …«

»Und du dachtest, du darfst sie auch essen«, ergänzte Herr Taschenbier. »Jetzt begreife ich langsam.«

»Das ist schön«, sagte das Sams. »Und als du auch noch behauptet hast, die Roten schmecken besser …«

»Sind besser!«, stellte Herr Taschenbier richtig.

»Ja, die sind viel, viel besser«, bestätigte das Sams. »Und so hab ich sie eben gegessen. Aber ärgern wollte ich dich nicht. Oder höchstens ein ganz, ganz, ganz klein wenig.«

Nun war Herr Taschenbier völlig versöhnt. »Es war also mehr ein Missverständnis.« Er nahm das Sams bei der Hand. »Komm mit! Dann steht einem gemeinsamen Spaziergang ja nichts mehr im Wege.«

»Hat was auf dem Weg gestanden? Das hat bestimmt Frau Rotkohl dorthin gestellt«, sagte das Sams.

»Nein, nein …«

»Herr Mon vielleicht?«, fragte das Sams. »Dann war es sicherlich ein Hamsterkäfig.«

»Auch nicht. Das sagt man nur so«, erklärte ihm Herr Taschenbier. »Ich meine damit, dass wir jetzt zusammen spazieren gehen.«

»Spazieren gehen, wunderschön!«, rief das Sams. »Schluss mit Karten, nicht mehr warten, sondern starten, durch den Garten!«

Das taten sie dann auch. Und obwohl das Sams unterwegs einige Gartenzäune annagte, einem Autofahrer die Zunge zeigte, auf dem Marktplatz im Springbrunnen tauchte und schließlich einen dicken, überfressenen Dackel ins Wasser setzte, um mit ihm Seehund zu spielen, bereute es Herr Taschenbier an diesem Nachmittag nicht mehr, dass er am Vortag den allerletzten blauen Sams-Wunschpunkt verbraucht hatte.

Auch am Sonntag bedauerte er es kein einziges Mal, genauso wenig wie am Montag oder Dienstag.

Der Wunsch nach neuen Wunschpunkten kam ihm erst am Mittwoch wieder.

Nicht etwa, dass das Sams besonders frech gewesen wäre und Herrn Taschenbier geärgert hätte. Es hatte zwar am Mittwochmorgen fast die Küche in Brand gesteckt, als es mit einem Streichholz ausprobieren wollte, ob man Frau Rotkohls Tischdecke anzünden kann. Herr Taschenbier war darüber nicht gerade erfreut gewesen, wie man sich denken kann. Auch nicht darüber, dass das Sams den Brand nicht mit Wasser, sondern mit Kartoffelsuppe aus Frau Rotkohls Kühlschrank gelöscht hatte.

Aber wenn man mal vom Tischdeckenbrand absah, war es für Samsverhältnisse fast brav gewesen.

Nein, Herr Taschenbier hätte gerne aus ganz anderen Gründen wieder Wünsche frei gehabt. Oder doch wenigstens einen einzigen.

Herr Taschenbier hatte sich nämlich verliebt!

2. Kapitel

Herr Taschenbier hat sich verliebt

Als Herr Taschenbier am Mittwochabend von der Arbeit nach Hause kam, war er ganz anders als sonst. Gewöhnlich setzte er sich nach einem langen Arbeitstag erst mal in seinem Zimmer in den Sessel und ruhte sich aus. Dann las er die Tageszeitung, und wenn das Sams mit ihm reden wollte, bekam es meist nur kurze Antworten. Später, nach dem Abendbrot, taute Herr Taschenbier erst so richtig auf und lachte, wenn das Sams Witze machte oder ihm selbst erfundene Lieder vorsang.

An diesem Mittwochabend kam er singend nach Hause, begrüßte Frau Rotkohl, seine Vermieterin, die gerade auf der Leiter stand und Fenster putzte, wunderte sich auch gar nicht sehr, dass Herr Mon ihr beim Saubermachen half und mit einem großen Staubsauger in der Küche herumfuhrwerkte, klopfte seinem Freund kurz und herzlich auf die Schulter, stürmte in sein Zimmer und rief schon in der Tür: »Einen wunderschönen Abend, liebes Sams. Stell dir vor: Sie hat mich nicht nur gegrüßt, sie hat mir auch zugelächelt. Im Aufzug.«

»Guten Abend, Papa. Das ist aber freundlich, dass dir Frau Rotkohl zulächelt«, antwortete das Sams. »Und noch dazu in diesem Aufzug, wahrscheinlich mit Schürze, Kopftuch und Gummihandschuhen.«

»Ich meine nicht diese Art von Aufzug, ich spreche vom Fahrstuhl, mit dem ich immer in den ersten Stock hinauffahre, zum Büro.«

»Und da war Frau Rotkohl?«

»Wer spricht denn von Frau Rotkohl!« Herr Taschenbier wurde richtig ungeduldig. »Sie! Hast du denn schon vergessen, was ich dir vorgestern erzählt habe? Dass neben meinem Büro seit letzter Woche eine Frau arbeitet, die …«

»Die?«

»Die … nun ja, die mir eben gefällt. Sehr gefällt.«

»Ach, die mit der Nase meinst du.«

»Nase?«, fragte Herr Taschenbier. »Stimmt. Jetzt erinnere ich mich. Ich hab dir erzählt, was sie für eine hübsche Nase hat. Dass du dich ausgerechnet daran erinnerst! Von ihren Augen hab ich dir aber auch erzählt und davon, wie sie immer ihre Aktentasche trägt …«