Verlag: Grey Eagle Publications Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Neun Jahre lang E-Book

Charmaine Pauls  

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E-Book-Beschreibung Neun Jahre lang - Charmaine Pauls

»Die Geschichte von Valentina & Gabriel ist eine der besten dunklen Liebesromane, die ich je gelesen habe! Valentina und Gabriel sind zusammen magisch, ihre Chemie ist vulkanisch.« New York Times & Internationale Bestsellerautorin Anna Zaires Ich bin ein Kredithai. Leuten Knochen zu brechen, liegt mir im Blut. Die Haynes sollten ein einfacher Job sein. Reingehen und zweimal abdrücken. Eine Kugel für Charlie, eine für seine Schwester. Aber als ich Valentina sah, wollte ich sie. Nur in unserer Welt bekommen diejenigen, die uns etwas schulden, keine zweite Chance. Meine Mutter wird sie auf keinen Fall am Leben lassen. Also habe ich mir einen Plan ausgedacht, um sie zu behalten. Er ist verdorben. Er ist unmoralisch. Er ist zweifelhaft. Er ist perfekt. Genau wie sie.

Meinungen über das E-Book Neun Jahre lang - Charmaine Pauls

E-Book-Leseprobe Neun Jahre lang - Charmaine Pauls

Neun Jahre lang

Der Kredithai: Buch 1

Charmaine Pauls

Aus dem Amerikanischen vonGrit Schellenberg

Die amerikanische Originalausgabe Dubious erschien 2017 im Verlag Charmaine Pauls

Copyright © 2017 by Charmaine Pauls

Copyright © der deutschen Ausgaben 2018 by Grey Eagle Publications LLC

greyeaglepublications.com

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: Najla Qamber Designs

najlaqamberdesigns.com

ISBN: 978-1-64366-000-4

Print ISBN-13: 978-1-64366-004-2

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Auszug aus Twist Me - Verschleppt von Anna Zaires

Über die Autorin

1

Valentina

Ich nehme das gelbe Glühen einer Glühbirne oder das blaue Stakkato-Flackern des Fernsehbildschirms nie als selbstverständlich hin. Die Suche nach Lebenszeichen ist eine tief verwurzelte Gewohnheit für Menschen wie mich, Menschen, die in Angst leben. Schon von der Ecke aus verbiege ich meinen Hals, um auf unsere Etage zu schauen. Dann bleibe ich abrupt stehen. Das Rechteck unseres Fensters starrt mich an. Schwarz. Dunkel.

Oh mein Gott.

Charlie!

Meine Handflächen werden feucht. Ich wische sie an meiner Tunika ab und sprinte die restlichen Stufen in den zweiten Stock hoch, wobei ich auf der letzten Stufe fast stolpere. Ein kurzes Ruckeln am Türknauf bestätigt, dass die Tür verriegelt ist. Zum Glück. Niemand ist eingebrochen, hat Charlie angegriffen und ihn zum Sterben zurückgelassen. Ich lasse meinen Schlüssel zweimal fallen, bevor ich ihn ins Schloss stecke. Von innen beginnt Puff zu bellen.

Das verdammte Schloss weigert sich. Eines Tages wird der altersschwache Knauf von der Tür abbrechen. Ich versuche es so lange, bis der Schlüssel sich endlich dreht. In meiner Eile, ins Haus zu kommen, stolpere ich über Puff, der herausläuft, um mich zu begrüßen. Er jault auf und rennt mit seinem Schwanz zwischen den Beinen davon.

Die Dunkelheit ist bedrohlich. Das Aufblitzen der Lichter vertreibt weder die Leere noch die Übelkeit, die in mir aufsteigt. Meine Brust zieht sich zusammen, als ich die Schüssel mit halb gegessenen Rice Krispies und das Glas Milch vom Tisch nehme.

»Charlie!«

Selbst wenn ich weiß, was ich vorfinden werde, renne ich zum Badezimmer.

Niemand.

»Verdammt.«

Ich lehne mich an die Wand, bedecke meine Augen und nehme mir eine Sekunde Zeit, um Kraft zu sammeln. Etwas Nasses und Warmes berührt meine Wade. Puff starrt mich mit seinen hoffnungsvollen, traurigen Augen an, und sein Schwanz wedelt in seliger Unwissenheit.

»Es ist alles in Ordnung, Baby.« Ich streichele sein raues Haar, weil ich die Berührung seines warmen kleinen Körpers mehr brauche, als er meine Liebkosung.

Ein Blitzschlag reißt den Himmel auf, und das Donnergrollen ertönt einen Moment später. Ich ziehe die Vorhänge zu. Puff hasst Gewitter. Nachdem ich ihn gefüttert habe, schließe ich ab und klopfe nebenan, aber wie unsere ist auch Jerrys Wohnung dunkel.

Verdammt noch mal. Jerry hat es mir versprochen.

Es ist nur eine vage Vermutung, aber ich tippe auf das Napoli’s, Jerrys Lieblingsort. Es ist der einzige Ort, zu dem er überhaupt geht.

Das klapprige Gerüst scheppert unter meinen Turnschuhen, während ich die zwei Treppenabsätze hinunterstürze. Es ist nach acht. Einen Autodieb als Nachbar zu haben schützt mich bis zu einem gewissen Grad, aber nur vor den Kriminellen, die in der Hierarchie unter Jerry stehen. Es gibt die Drogendealer, die Mafia und die Banden, mit denen man rechnen muss. Ich bleibe wachsam und beobachte aufmerksam die verlassenen Häuser, geparkten Autos und Gassen. Wie meine Mutter es mir beigebracht hat, bleibe ich unter den Straßenlaternen, zumindest denen, die nicht kaputt sind – so als sei ich kein Opfer.

Der tobende Sturm löst sich auf und nimmt den Regen mit sich, der den Gestank und den Ruß der Nachbarschaft weggespült hätte. Es ist Sommer, aber der Rauch von den Kochfeuern gibt der Johannesburger Luft einen dicken, winterlichen Geruch, als ich von Berea nach Hillbrow fahre. Die meisten Gebäude in Hillbrow haben keinen Strom mehr. Als die Kriminalität sich ausbreitete, zogen Leute, die sich städtische Dienstleistungen leisten konnten, in die Vororte und verwandelten das Stadtzentrum in eine Geisterstadt. Kurze Zeit später drangen Obdachlose und andere düstere Gestalten in die verlassenen Wolkenkratzer ein. Die tür- und fensterlosen Gebäude sehen aus wie Schädel mit leeren Augenhöhlen und klaffenden Mündern. Die Türen wurden längst als Brennholz verwendet. Was übrigbleibt, ist der Kadaver einer Stadt. Die Geier haben das Fleisch von den Knochen gepflückt, und jetzt gibt es nur noch die Aasfresser, die sich gegenseitig jagen – und mit etwas Glück heute Nacht nicht mich.

Der Weg zu Fuß zum Napoli’s dauert fast 45 Minuten. Ich habe Angst, und meine Beine schmerzen vom Stehen in der Tierklinik den ganzen Tag, aber die Sorge um meinen Bruder überwiegt Angst und Erschöpfung. Als ich am Club ankomme, bin ich kurz davor, zusammenzubrechen. Es ist nicht das erste Mal, dass Charlie verschwunden ist. Aus Erfahrung weiß ich, dass die Polizei nicht helfen wird. Sie hat mit Mordfällen und vielen vermissten Personen alle Hände voll zu tun, so viel, dass nicht einmal genug Platz auf den Milchkartons ist, um alle abzudrucken. Die meisten von ihnen sind sowieso korrupt. Ich werde von den Beamten eher in einer Polizeizelle vergewaltigt, als Hilfe zu bekommen. Ich muss meinen Bruder selbst finden.

Eine Gruppe von Teenagern in schmutzigen Westen, die Kleber an einer Ecke schnüffeln, brüllen Beleidigungen.

Der größte stellt sich hin, seine Haut glänzt schweißig, und seine Augen sind weit aufgerissen. »Yo, weiße Schlampe. Was hast du in meinem Viertel zu suchen?«

»Hey!« Ein fleischiger Türsteher in einem T-Shirt mit dem Logo vom Napoli’s lässt sie mit seinem Blick verstummen.

Der Türsteher hält mich nicht auf, als ich mich durch den Eingang schiebe, aber ich spüre seine Augen an meinem Hinterkopf brennen, während ich den schwarz gestrichenen Gang hinunter in das hell erleuchtete Innere gehe. Ein Song einer lokalen Rave-Rock-Band ertönt aus überdimensionalen Lautsprechern. Die Wände sind mit Street-Art bedeckt, und fluoreszierende Farben leuchten knallig auf den Ziegelsteinen unter den Leuchtstofflampen. Der Club riecht nach Poppers und Nebelmaschine. Im Inneren gibt es jede Art von Gestalten, vom dunkel gekleideten Portugiesen bis zu den mit Goldketten behangenen Nigerianern. Halbnackte Frauen machen die Runde, die meisten von ihnen sehen high aus.

Bitte lass sie hier sein.

Ich lasse meinen Blick über die Bar und die Roulette-Tische im hinteren Bereich wandern. Links gilt lautstarkes Jubeln dem Flachbildschirm, auf dem ein Pferderennen stattfindet. Die Zuschauer verstummen, als sie mich bemerken. Einer der Männer berührt seine Gürtelschnalle und stellt sich breitbeinig hin. Auf einem Schild steht, dass der Geldverleih oben ist. Vor der Tür steht eine Schlange. Das ist der Ort, wo Spieler und Leute, die die Miete oder die Mafia nicht zahlen können, ihre Leben mit einer Unterschrift verkaufen und Zinsen von bis zu hundertfünfzig Prozent auf Darlehen zahlen, die sie buchstäblich einen Arm und ein Bein kosten.

Die Männer, die Darts spielen, verdrehen ihre Köpfe nach mir, als ich vorbeigehe. Scheiße. Ich bekomme immer mehr Angst. Als die Panik mich zu überkommen droht, sehe ich Jerrys orangefarbenen Afro in einem Kreis von Köpfen an einem der Kartentische. Charlie sitzt auf dem Stuhl neben ihm. Fast vor Erleichterung weinend, schiebe ich Menschen mit Plastikbechern in den Händen aus dem Weg, um zu meinem Bruder zu gelangen. Charlies Locken fallen über seine Stirn, und seine Augen sind konzentriert zusammengekniffen. Er trägt ein Spiderman-T-Shirt und seine Flanell-Pyjamahose. Die Kleidung lässt ihn trotz seines Alters und seines bulligen Körpers verletzlich aussehen. Jeder kann sehen, dass er nicht hierhin gehört. Wie kann der kranke Mistkerl, der diese Jauchegrube betreibt, es wagen, meinen Bruder hereinzulassen?

»Wie konntest du nur?«, sage ich in Jerrys Ohr.

Er zuckt zusammen und schaut mich erschrocken an. »Was machst du hier?«

Charlie betrachtet eindringlich die Karten in seiner Hand. Er hat mich noch nicht bemerkt.

Ich drücke eine Hand gegen meine Stirn und zähle bis fünf. »Du hast gesagt, dass du auf ihn aufpassen würdest.«

»Ich passe auf ihn auf.«

»Er sollte nicht hier sein.«

»Er ist ein erwachsener Mann.«

»Mein Bruder ist nicht für das verantwortlich, was er tut, und das weißt du auch.«

Charlie schaut auf. »Va-Val! Ich ge-gewinne.«

Im Moment konzentriere ich mich noch auf Jerry. Alkohol und Glücksspiel sind nicht seine einzigen Süchte. »Was hast du ihm gegeben?«

»Entspann dich.« Er zuckt verärgert mit den Achseln. »Orangensaft, das ist alles.«

»Komm, Charlie.«

Ich nehme den Arm meines Bruders, aber der Croupier schnappt sich mein Handgelenk.

»Er geht nirgendwohin, bis seine Schulden beglichen sind.«

Meine Kinnlade klappt nach unten. Wie konnte Jerry das geschehen lassen? Er weiß, dass ich kaum über die Runden komme. Ich drehe ruckartig meinen Arm aus dem Griff des Dealers. »Wie viel?«

»Vierhundert.«

»400 Rand!« Das ist fast die Hälfte meines Wochenlohns.

»Vierhunderttausend.«

Meine Beine geben nach. Ich lasse Charlie los und stütze mich mit meinen Handflächen auf der Tischplatte ab. Wir können uns genauso gut tot auf die Stirn schnitzen.

»Das ist unmöglich.« Ich kann diesen Betrag nicht verarbeiten. »In einer Nacht?«

Der Croupier schaut mich eigenartig an. »Charlie ist ein Stammgast. Er hat immer anschreiben lassen, und jetzt ist seine Zeit abgelaufen.«

»Jerry?« Ich schaue ihn an, weil ich auf eine Erklärung warte, eine Lösung, oder einfach nur darauf, dass er mir sagt, dass es ein Scherz ist, einfach irgendetwas, aber er kaut auf seiner Unterlippe herum und schaut weg.

Ich haue mit der Faust auf den Tisch, und die Plastikchips klappern. »Schau mich an!«

Alle am Tisch verstummen, aber nicht wegen meines Ausbruchs. Die Köpfe der Männer sind auf den Treppenabsatz im Obergeschoss gerichtet. Als ich ihren Blicken folge, kann ich den Mann nicht übersehen, der unter dem Licht steht und sich mit seinen Händen auf das Geländer stützt. Er trägt einen dunklen Anzug, wie die Portugiesen, aber er ist alles andere als eine von vielen Gestalten. Er ist nichts weniger als ein Monster.

Sein Körper ist muskulös. Zu groß. Es ist nicht genug Platz für ihn im Raum. Er erstickt alles mit seiner Macht und Dominanz. Er ist nicht jung, aber er ist auch nicht alt. Anstatt sein Alter zu verraten, gibt seine Reife ihm die besondere Ausstrahlung von Männern mit Erfahrung. Dickes, schwarzes Haar fällt unordentlich über seine Stirn, die Strähnen streifen seine Ohren. Seine Gesichtszüge sind abgebrüht, wild und kompromisslos. Die Linien, die von der Nase bis zum Mund verlaufen, sind tief eingebrannt. Sie sind die Art von Linien, die Männer mit harten, rauen Leben tragen. Ein grässliches Netz aus Narben zieht sich von seiner linken Augenbraue bis zu seiner Wange. Unter dem entstellten Patchwork ist sein Teint gebräunt. Die Unebenheit seiner Haut erweckt den Eindruck, als ob sie von Kugeln zerfressen wurde. Ein kurz geschnittener Bart und Schnurrbart bedecken einige seiner Unvollkommenheiten, aber der Schaden ist zu groß, um ihn zu verbergen. Es ist ein Gesicht, das du nicht im Dunkeln sehen willst, und schon gar nicht in deinen Träumen. Es ist ein Gesicht, das mich direkt anstarrt.

Durch Angst ausgelöste Hitze kriecht über meine Haut. Als ich in seine Augen schaue, ist es, als ob ein Eimer Eis unter meinem Shirt ausgeleert wird. Ein unwillkommener Schauer zieht meine Haut zusammen, und mein Angstgefühl wechselt von heiß zu kalt. Seine Iris sind blau wie die fernen Gletscher, die ich nur auf Bildern gesehen habe. Alles an ihm wirkt fremdartig. Fehl am Platz. Gefährlich. Er ist die Art von Bösem, die sogar außerhalb von Napoli’s Liga liegt.

»Beschissene Scheiße«, murmelt Jerry, als er seine Stimme wiederfindet. »Gabriel Louw.«

Ich habe lange genug hier gelebt, um den Namen zu erkennen. Seine Familie betreibt das Napoli’s. Wenn Hillbrow die Hauptstadt des Verbrechens ist, ist Gabriel Louw der König der Geldverleiher. Sie nennen ihn den Brecher. Er ist ein Kredithai, und ich habe Geschichten über ihn gehört, die mit ihrer Brutalität mein Blut gefrieren ließen.

Die beste Zeit zum Weglaufen ist, wenn der Gegner abgelenkt ist. Wenn wir eine Chance haben, hier lebend herauszukommen, dann jetzt, während Gabriel die Aufmerksamkeit des Raumes mit unnachgiebigem Verlangen auf sich zieht. Charlie gegen seinen Willen mitzunehmen wird nicht funktionieren. Er wiegt doppelt so viel wie ich, und wenn er stur wird, ist er ein unbewegliches, totes Gewicht.

»Lass uns ein Eis essen gehen«, flüstere ich ihm ins Ohr, »aber du musst leise mitkommen.«

Charlie weiß, wie man ruhig ist. Wir üben es oft genug, wenn wir uns vor der Mafia verstecken und so tun, als seien wir nicht zu Hause.

Charlie steht auf, wie ich insgeheim gebetet habe, und lässt sich von mir zur Tür führen. Ich kneife die Augen zu und warte darauf, dass jemand schreit, uns packt, schießt oder alle drei Dinge auf einmal geschehen, aber als ich zurückblicke, hebt Gabriel Louw eine Handfläche, und der Türsteher tritt zur Seite, um uns hinauszulassen.

Draußen sauge ich die verschmutzte Luft ein. Ich halte den Arm meines Bruders fest und begleite ihn zurück auf unsere Seite der Gleise, was nicht viel besser ist, aber das ist alles, was wir haben. Er redet, und ich lasse mich von seiner Stimme beruhigen und versuche, nicht nachzudenken. Wenn wir zu Hause sind, werde ich das Geschehene noch einmal durchgehen. Im Moment bin ich zu sehr mit lauernden Gefahren beschäftigt.

Bei Three Sisters kaufe ich Charlie eine Waffel mit Vanilleeis, eingetaucht in Karamell, sein Lieblingseis. Erst als wir um die Ecke unseres Gebäudes gehen, gibt es erneut Ärger. Tiny lehnt am Eingang und raucht einen Joint. Als er uns sieht, richtet er sich auf, nimmt einen letzten Zug und schnippt den Rest in die Gosse.

»Sieh an, sieh an.« Er wischt sich mit den Händen über die Dreadlocks und schlendert zu uns hinüber. »Hallo, Sonnenschein. Tiny hat nach dir gesucht.« Seine Stimme hat eine gewisse Schärfe. »Wo warst du?«

»Ei-Eiscreme«, sagt Charlie.

»Ist das so?« Tiny bleibt kurz vor mir stehen. Er ist kein Nigerianer oder Simbabwer wie die meisten Leute in unserem Block, sondern Sambier. Seine knochige Gestalt überragt mich, und seine schwarze Haut vermischt sich bis auf das Weiß seiner Augen und Zähne mit der Dunkelheit der Nacht. »Also hast du Geld, um deinen Bruder zu verwöhnen, aber nicht für Tinys Steuern?«

Er nennt sich selbst Steuereintreiber. Er ist nicht der Hauswirt, aber er sammelt die »Steuern« auf die Miete von jedem, der in unserem Gebäude wohnt. Er ist eine Mini-Mafia innerhalb einer größeren Mafia, aber mit ihm zu tun zu haben bedeutet, dass ich mich nicht mit der größeren Mafia befassen muss, und er ist das kleinere von zwei Übeln.

Er hält seine Nase in meine Haare und riecht. »Du riechst nach Rauch. Nach Nebelmaschine. Mit wem warst du aus?«

Tiny tut so, als gehörte ich ihm. Vor allem tut er so, als ob ich ihn mag. In Wirklichkeit ist er ein Feigling, aber er hat trotzdem die Macht, mich zu verletzen. Ich weiß das von einer aufgeplatzten Lippe und einem blauen Auge.

»Du verabredest dich jetzt?«

»Das geht dich nichts an.« Charlies Schlüssel hängt nicht an der Schnur um seinen Hals. Ich muss Jerry später danach fragen. Ich fische meinen Schlüssel aus meiner Tasche und gebe ihn Charlie. »Geh nach oben und verschließe die Tür.«

Charlie nimmt den Schlüssel, aber bewegt sich nicht.

»Los, weiter«, dränge ich. »Ich komme sofort.«

»O-Okay.« Charlie macht zwei Schritte, bevor er wieder stehen bleibt.

Ich lächele ihn ermutigend an. »Schnell. Ich möchte nicht, dass du dich erkältest.«

Tiny ergreift meine Haare und hält sie fest. Ich schließe meine Augen. Bitte, Charlie. Hör auf mich. Ich will nicht, dass er das sieht. Als ich meine Lider öffne, steigt mein Bruder gerade die Treppe an der Seite des Gebäudes hinauf.

»Hast du das Geld?« Tiny zieht an meinem Pferdeschwanz.

Unserer Wohnung ist voll bezahlt. Meine Eltern zahlten schon vor Jahren bar für das Eigentum, bevor jemand vorhersagen konnte, wie Verbrechen und Verfall ihre Investition wertlos machen würden.

»Wir zahlen keine Miete«, sagte ich wütend. Das ist Tiny egal, aber ich muss es versuchen. Gott weiß, warum, aber ich versuche es jedes Mal.

»Du bist sie mir trotzdem schuldig.« Er grinst und eine Reihe von geraden Zähnen blitzt auf. »Tiny kann dich nicht bleiben lassen, wenn du keine Steuern zahlst. Was für ein Beispiel wäre das für die anderen? Gib es auf, Valentina.«

Ich erstarre. »Wage es nicht, meinen Namen zu sagen.«

Er lacht spöttisch. »Das stimmt, weil du meine Schlampe bist.« Er zieht an meinen Haaren. »Ist es nicht so, Schlampe?«

»Fahr zur Hölle.«

»Na, na, na. So spricht man nicht mit Tiny.« Er schnalzt mit der Zunge. »Wer beschützt dich, wenn Tiny nicht da ist?« Er neigt den Kopf. »Ich werde dich nicht noch einmal fragen. Wo ist Tinys Geld?«

Ich schlucke schwer. »Ich werde es am Ende des Monats haben.«

»Du kennst die Regeln. Der Fünfzehnte ist Zahltag.«

»Bitte, Tiny.« Tränen brennen in meinen Augen. Ein kaltes Gewicht drückt auf mein Herz.

Mitten auf der schmutzigen Straße zwingt er mich nach unten, bis meine Knie den Kies berühren und die Steine sich in meine Haut drücken. Seine Augen bekommen einen fiebrigen Schimmer, als er die Schnur seiner Jogginghose löst und sie bis zu seinen Knöcheln fallen lässt.

»Wenn du wieder beißt, wirst du mit mehr als nur einem Veilchen nach Hause gehen. Diesmal werde ich dir den Arm brechen.«

Er nimmt den Ansatz seines Schwanzes in eine Hand, packt meine Haare mit der anderen und führt meinen Mund zwischen seine Beine. Ekel steigt in meinem Hals auf.

Er drückt gegen meine Lippen. »Blas mir einen, weiße Schlampe!«

Ich mache nichts dergleichen. Ich blende diesen Moment aus und werde zu einer leeren Hülle. Das ist eine Routine, die er gut kennt. Er lässt seinen Penis los, um meinen Kiefer zu ergreifen, und drückt schmerzhaft auf die Gelenke, bis sich mein Mund von selbst öffnet. Dann benutzt er mich einfach, pumpt und schiebt, bis ich würge. Tränen rollen über meine Wangen. Die Salzigkeit breitet sich in meinem Mund aus und vermischt sich mit dem Geschmack von Schweiß und Schmutz. Zum Glück kommt Tiny wie immer schnell. Keine Minute später ejakuliert er mit einem Grunzen und schießt seine Ladung in meinen Mund. Als er ihn keuchend wie ein Schwein wieder herauszieht, drehe ich meinen Kopf zur Seite und spucke aus.

Er lacht auf. »Eines Tages wirst du schlucken.«

Ich wische meinen Mund mit dem Handrücken ab. »Wenn du hübsch bist und deine Eltern reich sind.«

»Komm schon, Baby.« Er zieht mich am Arm hoch, und sein Schwanz hängt schlaff zwischen uns. »Gib Tiny einen Kuss. Lass Tiny sich selbst auf deinem nutzlosen Mund schmecken, denn du weißt definitiv nicht, wie man Schwänze lutscht.«

»Lass mich los.« Ich winde mich heraus und schnappe mir meine Tasche von dort, wo sie auf den Boden gefallen ist.

Sein Lachen folgt mir die Straße hinunter, während ich zu unserer Wohnung laufe und mich selbst so sehr hasse, wie ich ihn hasse.

Jerry lehnt an unserer Tür, als ich die Treppe hochkomme. Er sieht weg und vermeidet Augenkontakt mit mir. Er muss das Napoli’s kurz nach uns verlassen haben. Das bedeutet, dass er auf der Straße an mir vorbeigeschlichen ist, während Tiny meinen Mund benutzt hat.

»Du bist ein Drecksack.« Ich versuche, ihn zur Seite zu schieben, aber er bewegt sich nicht.

»Val …«

»Hat es dir Spaß gemacht, zuzusehen?«

Er schiebt seine Hände in die Taschen. »Es tut mir leid.«

»Was? Dass du ein Spanner bist oder Charlie zu Napoli’s schleppst?«

»Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen. Einen Napoli’s-VIP-Pass bekommt man nicht jeden Tag.«

»Vierhunderttausend Rand, Jerry.«

»Wir werden eine Lösung finden. Reg dich nicht auf.«

»Genau.« Die einzige Lösung ist, zu verschwinden, aber wir haben keinen Ort, an den wir gehen können. »Wie lange geht das schon so?«

Er kratzt sich am Kopf und hat den Anstand, so auszusehen, als fühle er sich schuldig. »Ein paar Monate.«

»Du hast Charlie nachts ohne meine Erlaubnis dahin geschleppt?«

»Komm schon, Val.« Jerry lehnt seine Schulter gegen die Tür. »Ich habe gesagt, dass es mir leidtut.«

Ich klopfe, damit Charlie die Tür aufmacht. Ich bin körperlich und geistig zu erschöpft, um jetzt zu kämpfen. »Was auch immer.«

Ich koche und putze für Jerry, damit er ein Auge auf Charlie hat, während ich arbeite, und obwohl Jerry ein Dieb ist, ist er nicht gewalttätig, zumindest nicht zu Charlie.

Nach einer Weile, als Charlie nicht öffnet, nimmt Jerry Charlies Schlüssel aus seiner Tasche und reicht ihn mir. Puff bellt, als ich die Tür aufschließe. Er wartet mit wedelndem Schwanz.

»Gute Nacht, Jerry.«

»Darf ich mit reinkommen?«

»Es ist spät. Ich muss lernen.« Ich benutze diese Ausrede, auch wenn ich weiß, dass ich mich heute Abend nicht auf ein Lehrbuch konzentrieren kann, aber es ist der schnellste Weg, Jerry loszuwerden. Andernfalls wird er bis vier Uhr morgens bleiben.

»Ach, komm schon. Nur eine Stunde.«

Ich schließe die Tür, verschließe sie trotz seiner Bitte und warte, bis seine Schuhe den Treppenabsatz hinunterschlurfen. Ich putze meine Zähne dreimal, bevor ich Charlie Rührei und Toast zum Abendessen zubereite, ihn ins Bett bringe und mich mit Puff auf der Schlafcouch niederlasse.

Der Schlaf kommt nicht. Ich denke an Charlie und den gutaussehenden fünfzehnjährigen Jungen, der er gewesen war. Er gehörte zu den Allroundern, war gut in Sport und Klassenbester. Er war mein großer Bruder. Mein Held. Ich war zwei Jahre jünger als Charlie und in der Primary School, als er zur Highschool ging. Er holte mich ab, als die Glocke am Ende des Tages ertönte, trug meine Schultasche, nahm meine Hand und brachte mich zum Ballett. Wir haben meinen Eltern nicht gesagt, dass er einen Deal mit Miss Paula gemacht hatte und in ihrem Garten arbeitete, damit ich weiterhin tanzen konnte. Wenn sie es gewusst hätten, hätte mein Vater von ihm verlangt, dass er für Geld arbeitete, um Notwendiges zu kaufen, wobei diese notwendigen Dinge Alkohol und Zigaretten waren. Charlie half mir, die Ballettschuhe anzuziehen, die Miss Paula mir geliehen hatte, und wartete die Stunde, die die Tanzstunde dauerte, bevor er mich nach Hause begleitete, um mir ein Sandwich zu machen. Er hätte mit seinen Freunden rumhängen können, aber er tat es nicht. Er hat für mich gesorgt.

Wenn der Unfall nicht passiert wäre, wenn ich an diesem Abend kein dummes Stück Schokoladenkuchen gewollt hätte, wäre aus Charlie Charles geworden. Mein Bruder wäre zu dem Mann herangewachsen, zu dem er geboren worden war. Wie jede Nacht weine ich in mein Kopfkissen und vergieße bittere Tränen, die nichts nützen. Hirnschäden sind irreparabel.

Puff jault an der Tür und lässt mich wissen, dass er raus muss. Die Sonne ist aufgegangen, aber es ist noch nicht ganz fünf. Ich warte unten auf dem rissigen Beton, während er sein Geschäft an einem toten Baum erledigt, und werfe einige Male einen Stock, den er holen kann. Außer sich vor Freude stolpert er über seine Pfoten, um mir den abgebrochenen Ast zu Füßen zu legen. Puff ist immer ein glücklicher Hund. Eines Morgens alarmierte mich ein Kläffen aus dem Abfalleimer eines Gartens. Ich habe einen ausgehungerten, schmutzigen und von Flöhen geplagten Welpen herausgeholt. Bis heute hat Puff Angst vor Mülltonnen.

Er ist noch nicht fertig mit dem Spielen, aber ich muss Kris anrufen und ihr sagen, dass ich es heute nicht zur Arbeit schaffe. Ich hasse es, sie im Stich zu lassen, aber ich muss mir überlegen, was ich tun soll. 400 000 Rand verschwinden nicht einfach. Vielleicht kann ich das mit Charlies Zustand im Napoli’s erklären. Wenn Jerry mich unterstützt, haben wir vielleicht eine Chance. Napoli’s gehört zu den großen Fischen. Sie machen Hackfleisch aus Kleinkriminellen wie Jerry, aber er ist ein Stammgast, sogar mit einem VIP-Pass. Sie leben von Süchtigen wie ihm. Sie brauchen sein Geschäft.

Als ich wieder in die Wohnung zurückkomme, ist Charlie bereits wach. Er schenkt mir ein Lächeln, das mir das Herz bricht, denn es ist ein Lächeln, das nicht älter als fünfzehn Jahre ist. Ich zerzause seine Haare, bevor ich mich der Küchenzeile zuwende, damit er die Tränen in meinen Augen nicht sieht.

Ich rufe Kris an, aber lande direkt auf der Mailbox. Vielleicht ist sie unter der Dusche. Ich hinterlasse eine kurze Nachricht, in der ich ihr sage, dass ich nicht kommen werde und dass ich später noch einmal anrufe, um es ihr zu erklären.

»Gehst du nicht zur Ar-Arbeit?«

»Nicht heute.« Ich öffne die Schränke und betrachte den Inhalt. Da ist nicht viel. Charlie isst wie ein Scheunendrescher.

»Was gibt es zum Früh-Frühstück?«

Ich kann ihm nicht sagen, wie leid es mir tut. Wir können keine reifen Diskussionen über Schuld und Buße führen. »Wie wäre es mit Keksen?« Die einfachen Leckereien, die ihn glücklich machen, sind alles, was ich ihm anbieten kann.

»Scho-Schokolade?«

Ich habe Mehl, Milchpulver, ein Ei und Kakao. Ich kann was daraus zaubern. Wenn ich könnte, würde ich ihm die Welt zu Füßen legen.

Ich erhitze den tragbaren Backofen mit den zwei Herdplatten und lasse Charlie den Teig mischen. Während die Kekse backen, dusche ich und ziehe mich an, bevor ich ihn ins Badezimmer schicke. Gleichzeitig mit dem Timer meines Telefons für den Ofen klingelt eine SMS von Jerry.

Lauft weg.

Ein Zittern erschüttert meine Knochen. Ich erschaudere, auch wenn es wegen des Ofens hier drinnen heiß ist. Ich eile ans Fenster und schaue nach draußen. Auf der anderen Straßenseite parkt ein schwarzer Mercedes. Eine Frau sitzt vorne, aber mit dem grellen Sonnenlicht, das durch das Fenster scheint, kann ich nichts anderes als ihr schwarzes Haar erkennen. Ein Mann im Anzug steigt auf der Fahrerseite vorn und ein anderer hinten aus. Letzterer hält die Tür auf. Ein dritter Mann beugt sich zum Aussteigen nach vorn, bevor er seine Jackenärmel richtet, während er die Straße hinauf und hinunter schaut, und schließlich seinen Kopf in Richtung unseres Fensters dreht.

Gabriel Louw.

Ich halte die Luft an. Ich springe zurück, bevor er mich sieht. Charlie kommt aus dem Badezimmer und beginnt, sein Bett zu machen, so wie ich es ihm beigebracht habe.

»Die Ke-Kekse.«

Sie verbrennen gerade. Ich schalte den Backofen aus, benutze ein Geschirrtuch, um das Backblech auf eine Korkplatte zu stellen, und versuche, nicht in Panik zu geraten.

Es gibt keine Hintertür und kein Fenster hinten. Der einzige Weg nach draußen ist über die Vorderseite. Wir sitzen in der Falle. Ich lehne mich an die Wand, zittere, und mir ist schlecht.

Bitte lass nicht zu, dass er uns umbringt. Vergiss es. Lass lieber zu, dass er uns umbringt, als dass er uns foltert.

Jeder vom Aucklandpark bis zum Bez Valley weiß, was der Brecher mit Schuldnern macht, die nicht zahlen. Er hat einen Ruf, der auf einer Spur von gebrochenen Körpern und verbrannten Häusern aufgebaut ist. Puff, der Angst immer spüren kann, leckt mir die Knöchel.

Schritte ertönen auf dem Treppenabsatz. Es ist zu spät. Kampfinstinkt flackert in mir auf. Mein Bedürfnis, meinen Bruder zu beschützen, gewinnt die Oberhand.

Ich schnappe mir Charlies Hand. »Hör mir zu.« Meine Stimme ist eindringlich, aber ruhig. »Kannst du stark sein?«

»Sta-stark.«

Puff bellt einmal.

Das Klopfen an der Tür erschreckt mich, auch wenn ich es erwartet habe. Ich kann mich nicht bewegen. Ich hätte Charlie letzte Nacht nehmen und abhauen sollen. Nein, sie hätten uns genauso gefunden. Dann wäre es schlimmer gewesen. Man kann dem Brecher nicht entkommen.

Ein weiteres Klopfen, diesmal stärker. Der Klang klingt auf dem Holzimitat hohl.

»Stell dich gerade hin.« Zeig deine Angst nicht, möchte ich sagen, aber Charlie würde es nicht verstehen.

Es wird kein drittes Mal geklopft.

Die Tür fällt nach innen, als gepresstes Holz mit einem trockenen, spröden Klang zersplittert. Drei Männer kommen durch den Rahmen, und lassen meinen schlimmsten Albtraum wahr werden. Sie sind bewaffnet. Sie haben einen dunklen Teint und sind Portugiesen, mit Ausnahme des Mannes in der Mitte. Er ist Südafrikaner. Er bewegt sich humpelnd, weil sein rechtes Bein steif ist. Gabriel Louw ist aus nächster Nähe noch hässlicher. Bei Tageslicht sieht das Blau seiner Augen eingefroren aus. Sie haben die Wärme eines Eisbergs, als sein kreisender Blick den Raum aufnimmt und er die Situation in einem kurzen Augenblick bis ins kleinste Detail erfasst.

Er weiß, dass wir ungeschützt sind. Er weiß, wir haben Angst, und er mag es. Er ernährt sich davon. Seine Brust schwillt an, dehnt die Jacke über seine breiten Schultern aus. Er klopft mit der Waffe gegen seinen Oberschenkel, während sich seine freie Hand in der Luft schließt und öffnet.

Tock, tock. Tock, tock.

Diese Hände. Mein Gott, sie sind riesig. Die Haut ist dunkel und rau mit starken Adern und einigen dunklen Haaren. Das sind Hände, die keine Angst haben, sich schmutzig zu machen. Das sind Hände, die sich um einen Hals legen und eine Luftröhre mit einem einzigen Zusammenziehen zerquetschen können.

Ich schlucke und wende meinen Blick auf sein Gesicht. Er macht keine Bestandsaufnahme des Raumes mehr. Er betrachtet mich. Seine Augen wandern über meinen Körper, als ob er nach Sünden in meiner Seele sucht. Es fühlt sich an, als ob er mich aufschneidet und meine Geheimnisse ausströmen lässt. Ich fühle mich entblößt. Verletzlich. Seine Präsenz ist so intensiv, dass wir allein mit der Energie kommunizieren, die um uns herum schwingt. Sein Blick dringt tief in mich ein und durchwühlt meine privaten Gedanken, bis er die Wahrheit sieht: sein grausames Selbstbewusstsein ruft in mir sowohl Hass als auch Ehrfurcht hervor.

Ehrfurcht vor seiner Macht, meine intimen Gefühle zu erforschen, als hätte er das Recht dazu, aber die Invasion ist vorsichtig, fast zärtlich und respektvoll.

Dann verliert er das Interesse. Sobald er mich ausgesaugt hat, höre ich auf zu existieren. Ich bin der Teppich, auf dem er sich die Schuhe abtritt. Sein Gesichtsausdruck wirkt gelangweilt, als er seine Aufmerksamkeit auf Charlie richtet.

Ich sammele ein wenig Kraft und frage: »Was wollen Sie?«

Seine Lippen zucken. Er weiß, dass ich bluffe. »Du weißt, warum ich hier bin.«

Seine Stimme ist tief. Der raue, dunkle Ton schwingt voller Autorität und etwas Beunruhigenderem – Sinnlichkeit. Er spricht ruhig und betont deutlich jedes Wort. Aus irgendeinem Grund lassen der musikalische Tonfall und die kontrollierte Lautstärke seiner Stimme die Aussage zehnmal bedrohlicher klingen, als wenn er sie geschrien hätte. Unter anderen Umständen hätte mich das reiche Timbre verzaubert. Alles, was ich jetzt fühle, ist Angst, und sie spiegelt sich auf Charlies Gesicht wider. Ich hasse es, dass ich sie ihm nicht nehmen kann.

»Ich werde dich nur einmal fragen«, sagt Gabriel, »und ich will eine einfache Ja-oder-nein-Antwort.« Tock, tock. Tock, tock. »Hast du mein Geld?«

Worte träufeln von Charlies Lippen. »I-Ich ma-mag sie ni-nicht. Keine ne-netten Mä-Männer.«

Der Mann auf der linken Seite, der mit den hellgrünen Augen, hebt seine Waffe und zielt auf Charlies Füße. Es passiert zu schnell. Bevor ich reagieren kann, drückt er ab. Der Schalldämpfer dämpft den Schuss. Ich warte auf die Verletzung, darauf, dass Blut die weißen Tennisschuhe von Charlie einfärbt, aber stattdessen ertönt ein Jaulen, und Puff fällt um.

Oh nein. Bitte. Nein. Um Gottes willen. Nein, nein, nein.

Das muss ein Horrorfilm sein, aber das Loch zwischen Puffs Augen ist sehr real. Genauso wie das Blut auf dem Linoleum. Der leblose Körper auf dem Boden entfacht meine Wut. Er war nur ein wehrloses Tier. Die Ungerechtigkeit, die Grausamkeit und meine eigene Hilflosigkeit sind wie Treibstoff für meine entsetzten Sinne.

In einem Anfall von blinder Wut stürme ich auf den Mann mit der Pistole zu. »Sie Arschloch!«

Er duckt sich und ergreift leicht meine beiden Handgelenke mit einer Hand. Als er mit der Waffe auf meinen Kopf zielt, sagt Gabriel: »Lass sie gehen«, wobei seine wunderschöne Stimme vibriert wie eine stark gespannte Gitarrensaite.

Der Mann gehorcht und gibt mir einen Schubs, der mich zum Stolpern bringt. Sobald ich mich gefangen habe, gehe ich auf Gabriel Louw los und schlage meine Fäuste in seinen Bauch und auf seine Brust. Je länger er dasteht und mein Hämmern bewegungslos hinnimmt, weil mein Angriff keine Wirkung auf ihn hat, desto mehr nähere ich mich den Tränen.

Gabriel lässt mich weitermachen, zweifellos, um mich zum Narren zu machen, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich mache weiter, bis meine Energie verbraucht ist, und ich mit einer schmerzhaften Niederlage aufhören muss. Ich gehe auf die Knie und untersuche Puffs winzige Brust. Sein Herzschlag ist verstummt. Ich möchte ihn an meinen Körper ziehen, aber Charlie hat sich in einer Ecke zusammengekauert und reißt an seinen Haaren.

Ich ignoriere die Männer, richte mich auf, bedecke Charlies Hände mit meinen und ziehe sie von seinem Kopf weg. »Erinnerst du dich daran, was ich darüber gesagt habe, stark zu sein?«

»Sta-stark.«

Mich erfüllt so viel Hass auf Gabriel und seine Gefolgschaft, dass mein Herz so schwarz ist wie ein ausgebrannter Vulkan. Darin ist kein Platz mehr für etwas Gutes. Ich weiß, dass ich der Dunkelheit der Empfindungen, die durch meine Seele strömen, nicht nachgeben sollte, aber es ist, als ob die Schwärze ein Tintenfleck ist, der über die Ränder eines Blattes läuft. Ich umarme die Wut. Wenn ich das nicht tue, wird die Angst mich auffressen.

Gabriel wirft mir einen seltsam mitfühlenden Blick zu. »Du schuldest mir eine Antwort.«

»Schauen Sie sich um.« Ich deute auf unsere Wohnung. »Sieht es so aus, als könnten wir so viel Geld auftreiben? Sie sind ein perverser Mann, weil Sie einem geistig Behinderten einen Kredit gegeben haben.«

Seine Augen verengen sich, und in den Ecken bilden sich Fältchen. »Du hast keine Ahnung, wie pervers ich gern werden möchte.« Gabriel packt Charlie am Kragen seines T-Shirts und zieht ihn näher an sich heran. »Nur fürs Protokoll: Wenn du nicht gewollt hättest, dass dein Bruder Schulden macht, hättest du ihn für unzurechnungsfähig erklären und seine finanzielle Unterschriftsbefugnis widerrufen sollen.«

»Lassen Sie ihn in Ruhe!«

Ich fasse Gabriels Arm und hänge mich mit meinem vollen Gewicht an ihn, aber das macht keinen Unterschied. Ich baumele an ihm wie ein Stück Wäsche an der Leine. Er schüttelt mich ab, wobei ich zu Boden falle, und drückt den Lauf seiner Pistole gegen die weiche Schläfe meines Bruders, wo eine Ader voller unschuldigem Leben pulsiert, das noch nicht gelebt hat.

»Va-Val!«

Er entsichert die Pistole. »Ja oder nein?«

»Ja!« Ich benutze die Wand an meinem Rücken als Stütze und krabble auf meine Füße. »Ich werde es bezahlen.«

Charlie weint leise. Gabriel sieht mich an, als ob er sonst nichts bemerkt. Seine Augen fixieren mich an Ort und Stelle. Unter seinem Blick bin ich ein gespreizter und an ein Brett genagelter Frosch, und er hält das Skalpell in der Hand.

Er senkt die Waffe nicht. »Weißt du, wie viel?«

»Ja.« Meine Stimme zittert nicht.

»Sag es.«

»Vierhunderttausend.«

»Wo ist das Geld?«

Der Hauch eines Lächelns ist zurück auf seinem Gesicht. Hinter der Narbenmaske verbirgt sich ein Mann, der weiß, wie man Menschen verletzt, um das zu bekommen, was er will, aber im Moment fühlt er sich ausreichend unterhalten. Der Bastard findet die Situation amüsant.

»Ich werde es abbezahlen.«

Er neigt seinen Kopf. »Du wirst es abbezahlen.« Bei ihm hört sich das so an, als ob ich verrückt wäre.

»Mit Zinsen.«

»Miss Haynes, nehme ich an.« Trotz seiner erklärten Vermutung sagt er es so, als sei es eine Tatsache. Alles an ihm strahlt Selbstvertrauen und Arroganz aus. »Nenne mir deinen Namen.«

»Sie kennen meinen Namen.« Männer wie er kennen die Namen aller Familienmitglieder, die sie töten wollen.

»Ich will ihn von dir hören.«

Ich befeuchte meine trockenen Lippen. »Valentina.«

Er scheint sich den Klang auf der Zunge zergehen zu lassen, so wie eine andere Person Wein probiert. »Wie viel verdienst du, Valentina?«

Ich weigere mich, mich einschüchtern zu lassen. »Sechzigtausend.«

Er senkt die Waffe. Es ist jetzt ein Spiel für ihn. »Pro Monat?«

»Pro Jahr.«

Er lacht leise. »Was machst du?«

»Ich bin eine Assistentin.« Mehr sage ich nicht dazu. Es reicht schon, dass er meinen Namen kennt.

Er betrachtet mich, wobei seine Arme locker an seinen Seiten hängen. »Neun Jahre.«

Das klingt lächerlich, aber die schnelle Berechnung, die ich in meinem Kopf mache, bestätigt mir, dass es das nicht ist. Das sind fast fünftausend pro Monat, einschließlich dreißig Prozent Zinsen auf die Pauschale. Ich kann ihn nicht unfair nennen. Kredithaie in dieser Gegend verlangen zwischen fünfzig und hundertfünfzig Prozent Zinsen.

»Neun Jahre, wenn man es mit den niedrigsten Zinsen zurückzahlt«, fährt er fort und untermauert meine Rechnung.

Natürlich habe ich nicht vor, für immer eine Tierarzthelferin zu bleiben. Nur so lange, bis ich mich in vier Jahren als Tierarzt qualifiziert habe. Dann werde ich mehr verdienen. »Ich werde es schneller abbezahlen, wenn ich einen besseren Job bekomme.«

Er schließt den Abstand zwischen uns mit zwei ungleichmäßigen Schritten. Er steht so nah bei mir, dass ich das Waschmittel seines Hemdes und den schwachen, würzigen Duft seiner Haut riechen kann.

»Du hast mein Angebot missverstanden.« Seine Augen bohren sich in meine. »Du wirst neun Jahre lang für mich arbeiten.«

Ich halte die Luft an. »Für Sie?«

Er schaut mich nur an.

»Was werde ich machen?«, frage ich flüsternd.

Die Intensität in den vereisten, blauen Tiefen nimmt zu. »Alles, was ich für richtig halte. Überlege es dir gut, Valentina. Wenn du akzeptierst, wird es eine Anstellung in meinem Haus sein, für die du einziehen wirst.«

Ich weiß, was alles bedeutet. Er ist nicht anders als Tiny. Abscheu erfüllt mich.

Gabriel betrachtet mich, als würde er eine Wette mit sich selbst abgeschlossen haben. »Entweder erschieße ich deinen Bruder und du gehst weg, oder er ist frei und du arbeitest seine Schulden ab.«

»Geben Sie mir den Vertrag, den ich unterschreiben muss, und ich werde meinen eigenen Weg finden, Sie zu bezahlen.«

Er lacht auf. »Das sind meine Bedingungen und keine anderen.«

Was bleibt mir anderes übrig? Meine Knie zittern, aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, schwach zu werden.

»Ich werde es tun.« Während ich die Worte sage, verwandelt sich mein Magen in einen Eisklumpen.

Einen Augenblick lang sieht er überrascht aus, doch dann wird sein Ausdruck verschlossen. »Du hast fünf Minuten, um zu packen.«

»Ich habe eine Bedingung.«

Die Belustigung kehrt wieder in seinem Gesicht zurück. Er klopft mit der Waffe auf seinen Oberschenkel und wartet.

»Ich will, dass die Sicherheit meines Bruders garantiert ist.« Wenn ich nicht da bin, braucht Charlie Schutz. Ich will keine Wiederholung dessen, was uns in diesen Schlamassel gebracht hat.

»In Ordnung. Er wird unter meinem Schutz stehen.«

»Ich muss jemanden anrufen, der ihn abholt. Er kann nicht allein bleiben.«

Er nimmt sein Handy aus der Tasche, gibt einen Code ein und drückt es mir in die Hand. »Du wirst meins benutzen, bis wir sichergestellt haben, dass deins nicht gefährdet ist.«

Ich drehe ihnen den Rücken zu und gebe die Nummer meiner einzigen Freundin ein. Während ich Kris’ Nummer wähle, durchsucht der Mann mit den dunklen Augen meine Handtasche, die über einem Stuhl in der Küche hängt. Ich beobachte die Männer aus dem Augenwinkel, und meine Hand zittert, während ich darauf warte, dass Kris den Anruf annimmt.

»Ich bin’s, Valentina«, sage ich, als sie antwortet.

Im Hintergrund bellen Hunde. »Ich habe diese Nummer nicht erkannt. Hast du ein neues Telefon? Ich habe gesehen, dass du vorhin angerufen hast, aber ich habe deine Nachricht noch nicht gehört.«

»Kris, hör mir zu. Du musst Charlie hier abholen. Kann er eine Weile bei dir bleiben?«

»Was ist passiert?«

»Charlie hat Schulden im Napoli’s gemacht. Ich rede gerade mit dem Gläubiger.«

»Was?«, ruft sie entsetzt. »Du redest gerade mit einem Kredithai? Wo?«

»Bei mir zu Hause. Dinge haben sich geändert. Ich werde Charlies Schulden abarbeiten, aber er kann nicht allein bleiben.« Meine Wangen werden heiß, als ich sage: »Es ist eine Stelle, für die ich dort wohnen werde.«

»Was ist mit deinem Job hier?«

»Es tut mir leid. Ich weiß, wie sehr du mich brauchst.«

Es ist immer hektisch in der Klinik, und ich fühle mich schlecht wegen dem, was ich tun muss. Kris ist eine der besten Tierärzte, die ich kenne. Sie hat mir einen Job gegeben, als niemand sonst es getan hätte, und ich hasse es, sie im Stich zu lassen.

Gabriel schaut auf seine Uhr. »Du hast drei Minuten.«

»Ich muss los. Rufst du mich an, wenn du Charlie hast?«

»Ich bin unterwegs.«

»Danke, Kris.« Ich schaue auf Puffs Körper und unterdrücke meine Tränen. »Du musst …«

Gabriel nimmt mir das Telefon aus der Hand. »Hallo, Kris.« Er hält seinen durchdringenden Blick weiterhin auf mich gerichtet. »Die Tür zu Valentinas Wohnung ist kaputt, aber mach dir keine Sorgen. Ich werde sie ersetzen lassen.« Damit beendet er das Gespräch. »Zwei Minuten. Ich nehme an, du wirst leichtes Gepäck mitnehmen.«

Ich bin nervös, als ich die wenigen Outfits und Toilettenartikel, die ich besitze, in unsere einzige Reisetasche stopfe. Was wird aus Charlie werden? Im Moment ist er am Leben. Ich bin am Leben. Darauf muss ich mich konzentrieren.

Gabriels Männer bedienen sich an den Keksen, die auf dem Tisch abkühlen. Gabriel sagt nichts. Allein sein verstörender Blick folgt mir, als ich mich durch den Raum bewege.

Ich habe kaum meine Tasche zugemacht, als er sagt: »Gehen wir.«

Das Adrenalin des Schocks macht mich stark, stark genug, um mit selbstbewussten Schritten zu meinem Bruder zu gehen und sein tränenüberströmtes Gesicht in die Hände zu nehmen.

Ich gehe auf Zehenspitzen und küsse seine Stirn. »Denk daran, was ich über Starksein gesagt habe. Du schaffst das.« Ich will ihm sagen, dass ich ihn anrufen werde, aber ich will nicht lügen. »Warte auf Kris. Sie wird bald hier sein.«

Gabriel nimmt meine Tasche, schiebt mich zur Tür und hält im Rahmen an, um zu dem Mann, der Puff erschossen hat, zu sagen: »Bleib bei ihrem Bruder, bis die Frau kommt, und begrabe den Hund. Lass die Tür reparieren, bevor du gehst.«

Der Mann nickt. Er ist kleiner als Gabriel, aber nicht weniger muskulös.

Ich schaue über meine Schulter und nehme alles auf, was ich kann – Charlies zerzaustes Haar, seine weichen haselnussbraunen Augen und das ausgewaschene Spiderman-T-Shirt – weil ich nicht weiß, ob ich ihn jemals wiedersehen werde.

2

Gabriel

Die zierliche Brünette erstarrt, als ich ihren Ellbogen nehme, um sie die Treppe hinunterzuführen. Ihr Gesicht ist furchtbar weiß, und ihr ganzer Körper zittert, aber sie geht mit geradem Rücken. Ich habe tretende und schreiende Männer hinter mir her geschleift, die dreimal so groß waren wie sie und die ein harmloseres Schicksal erwartete. Sie hat Mut, aber das weiß ich schon seit gestern Abend.

Auf dem Bürgersteig nehme ich ihre Hand und helfe ihr den Bordstein hinunter. Ihr zarter Körper wird noch steifer, aber sie wehrt sich nicht dagegen. Magda dreht ihren Kopf zum Autofenster, als wir uns nähern. Zuerst ist sie irritiert, als sie die Frau erblickt, die ich im eisernen Griff meiner Finger habe, aber dann wird ihr Ausdruck stoisch. Meine Mutter ist nicht glücklich. Das ist nicht das, was sie befohlen hat. Pech gehabt. Es wird heute nicht so geschehen, wie sie es sich wünscht, aber ich werde mich rechtfertigen müssen.

Magda steigt aus, und wenn Blicke töten könnten, wäre mein Leben jetzt zu Ende.

»Setze sie nach hinten«, sage ich zu Quincy, dem ich Valentina wie ein Paket aushändige.

Magda wartet, bis Quincy die Tür schließt, und geht dorthin, wo wir außer Hörweite sind. »Sie sollte tot sein.«

»Ich habe einen Deal gemacht.«

»Was für einen Deal?«

»Neun Jahre für Charlies Schulden.«

Sie blinzelt. »Du nimmst sie mit?«

Ich verschränke meine Arme. »Ja.«

»Du willst sie ficken.«

Ich leugne es nicht. Das hätte keinen Sinn.

»So einfach ist das nicht, Gabriel.«

Ich habe sie gesehen. Ich wollte sie. Ich habe sie mir genommen. Ja, so einfach ist das.

»Das war nicht der Plan«, beharrt Magda.

»Der Plan hat sich geändert.«

Sie wirft ihre Hände in die Luft und beginnt, auf dem Bürgersteig hin und her zu gehen. »Der Preis war der Tod.«

»Charlie hat Hirnschäden.« Das ist ein härterer Preis als der Tod. Für mich zumindest. »Wir hätten ihm keinen Kredit gewähren sollen.«

»Das haben wir aber. Zurückgeblieben oder nicht, Barmherzigkeit zeigen ist unseren Feinden zeigen, dass wir weich werden.«

»Neun Jahre sind nicht gerade barmherzig. Nicht bei dem, was ich für Valentina plane.

»Sie muss sterben.«

»Ich halte mein Wort immer. Die Menschen in unserem Geschäft vertrauen uns, weil ich mein Wort halte. Rhett und Quincy haben gehört, wie ich den Deal gemacht habe.«

Ihr Lidstrich legt sich in Falten. »Was hast du versprochen?«

»Ein Arrangement mit Unterkunft im Haus.«

»Arrangement?«

»Ich habe ihr gesagt, dass sie die Schulden abarbeiten kann.«

Unter Magdas kontrolliertem Äußeren kocht es. Eine Ader schwillt an ihrer Schläfe an. »Schön. Du willst mit einer Puppe spielen? Viel Spaß, aber wir bringen sie dazu, zu versagen. Wenn sie das tut, ist sie tot, und ihr Bruder auch.«

Ein stechender Schmerz zieht in meiner kaputten Hüfte. Ich bemühe mich ganz bewusst, meinen Körper zu entspannen, Muskel für Muskel.

»Komm schon.« Magda ist bereits auf dem Weg zurück zum Auto. »Ich werde es auf dem Weg nach Hause austüfteln.«

Zum ersten Mal bedauere ich es, dass ich mich nie um den Aufbau professioneller Beziehungen gekümmert habe. Ich kümmere mich nicht darum, was die Leute denken, und überhaupt sind mir die Leute, abgesehen von meiner Tochter, egal, aber Magda hat das Netz immer weit ausgeworfen und jeden gefangen, den sie in ihre Tasche stecken konnte. Ihr Netzwerk und ihr Einfluss reichen viel weiter als bei mir. Sie ist die Autoritätsperson in dieser Organisation. Manchmal habe ich den hässlichen Verdacht, dass das Geschäft der einzige Grund ist, warum sie meinen Vater geheiratet hat – damit sie es übernehmen konnte. Sie ist ein verdammt härterer Kredithai, als er es jemals war, und er war ein furchterregender Bastard.

Ich steige hinten bei Valentina ein, während Magda vorne bei Quincy sitzt.

»Fahr«, sagt sie zu meinem Leibwächter.

Quincy und Magda schweigen, ich schätze wegen des Mädchens. Ein intensives Bewusstsein für die Frau neben mir und meine Macht über sie breitet sich durch meinen Körper aus, und ich werde hart.

Leck mich am Arsch. Ich besitze sie.

Sie gehört mir.

Von dem Gedanken wird mir schwindelig. Sie ist so klein, dass sie aussieht wie die Puppe, mit der ich laut Magda spielen will. Stehend geht mir Valentina kaum bis zur Brust. Ihre Knochen sind zerbrechlich genug, um unter dem leichtesten Druck nachzugeben. Wenn ich sie zu fest umarme, könnten ihre Rippen brechen. Ich kann eine Hand um ihren schlanken Hals legen. Es entscheidet über Leben und Tod, wie fest ich meine Finger schließe. Dennoch hat sie mich angegriffen, als Rhett ihren Hund erschossen hat. Sie gab mir einen Befehl, als sie mir sagte, ich solle Charlie Haynes gehen lassen. Sie ist stark und loyal.

Ich bin fasziniert und eifersüchtig auf ihre Liebe zu ihrem Bruder. Niemand hat je so für mich gekämpft, und ich bezweifle, dass es jemals jemand tun wird. Ihr das alles, was ich für richtig halte hinzuwerfen war ein Test. Ich wollte sehen, wie weit sie für Charlie zu gehen bereit war – nicht, dass ihre Entscheidung etwas verändert hätte. Ich habe sie in dem Moment in Besitz genommen, als ich sie sah. Gestern Abend wusste ich bereits, dass ich sie mir nehmen würde. Egal, was passiert.

Als der Clubmanager vom Napoli’s anrief, um mich wissen zu lassen, dass die Zielperson meiner Mutter, Charlie, da war, war mein Plan gewesen, hinzugehen, Charlie auszuschalten, und danach seine Schwester, die allein zu Hause sein sollte. Exempel an Leuten zu statuieren, die nicht zahlen, ist eine Standardprozedur. Manche Menschen fürchten nicht um sich selbst, aber sie fürchten immer um ihre Familien. Bei Magdas Plan wäre Valentina das Opfer gewesen, um unsere Schuldner daran zu erinnern, dass ihre Familien nicht sicher sind, solange sie uns etwas schulden.

Dann trat ich aus dem Büro, und da stand sie in ihrer vollen Pracht. Keine Frau, außer den Prostituierten, geht freiwillig ins Napoli’s. Ein Nerv zuckt zwischen meinen Schulterblättern, als ich daran denke, was hätte passieren können, wenn ich nicht da gewesen wäre. Sie ist entweder extrem naiv oder idiotisch mutig. Nach diesem Morgen vermute ich letzteres.

Wenn ich darüber nachdenke, verstehe ich auch nicht, wie sie hier so lange überlebt hat. Jerry zufolge wohnt sie seit sechs Jahren in Berea. Das Drecksloch, in dem sie lebte, liegt im Drug Valley. Es ist eine Überraschung, dass die Drogen- und Sex-Lords sie nicht entführt und verkauft haben oder eine Straßengang sie noch nicht vergewaltigt und getötet hat. Es gibt unendlich viele dunkle Dinge, die einem ungeschützten schönen Mädchen in dieser Gegend passieren können.

Ich beobachte sie aus dem Augenwinkel. In den zwanzig Minuten, die wir fahren, hat sie kein Wort gesagt. Ihr braunes Haar ist lang und wellig und fällt in Locken über ihre Schultern. An ihr haftet ein sauberer Geruch, wie der von Shampoo oder Bodylotion. Ich mag ihn. Von schweren Parfüms bekomme ich Kopfschmerzen. In den weißen Shorts und dem gelben Tanktop sind ihre getönten Beine und ihre gerundeten Brüste deutlich zu sehen. Genauso wie die Vene, die unter der goldenen Haut an ihrem Hals pulsiert. Ihre Angst erregt mich. Ihr Mut fasziniert mich. Lange, dunkle Wimpern verstecken den Ausdruck in ihren braunen Augen vor mir. Sie tut so, als würde sie aus dem Fenster schauen, aber ich weiß, dass sie sich meiner Person und der Waffe, die auf meinem Schoß liegt, bewusst ist.

Die Waffe liegt kühl in meiner Hand. Ich bin längst über die Phase hinaus, in der meine Handflächen vor einem Job verschwitzt werden. Mir macht das Töten nichts aus. Ich lebe in einer gewalttätigen Stadt. Nur die Härtesten überleben, und ich bin ein Survivor. Ich würde nicht zögern, den Abzug zu betätigen, wenn jemand meine Familie bedroht oder ihr Schaden zufügt. Leg einen Finger auf meinen Besitz, und ich breche ihn ab. Ich war die Art von Kind, das Freude daran hatte, das Spielzeug anderer Jungen zu zertrümmern. Ich zerbreche immer noch Dinge. Heutzutage sind es vor allem Knochen. Wenn es um Herzen geht, breche ich nur das, was bereits gebrochen ist. Auf diese Weise muss ich keine Verantwortung für die Gefühle von jemandem übernehmen. Jetzt habe ich die Verantwortung für eine Person auf einer ganz anderen Ebene übernommen. Wenigstens besteht kein Risiko, Valentinas Herz zu brechen. Sie hasst mich bereits, und durch das, was ich mit ihrem Körper vorhabe, wird sie mich nur noch mehr hassen, aber sie wird mich genauso intensiv brauchen. Dafür werde ich sorgen.

Ihre Augen weiten sich kaum merklich, als wir auf unser Anwesen einbiegen. Es ist ein zweistöckiges Herrenhaus auf einem großen Grundstück, umgeben von einer zwei Meter hohen Mauer, die mit elektrischem Stacheldraht und bewaffneten Wachen gesichert ist. In dieser Stadt sind nur Leute mit Geld sicher. Ihr Gesicht bleibt vollkommen ausdruckslos, als wir die Tore passieren. Das ursprüngliche Frank-Emley-Design stammt aus den frühen 1900er Jahren und verbindet verschiedene Stile mit einem starken viktorianischen Einfluss, Eisenarbeiten, Steinmauern und Jugendstil-Fenster. Es liegt mitten im Herzen von Parktown, mitten zwischen den Häusern der Bankiers, Diamantenhändler, Politiker und aller anderen, die man kaufen kann.

Quincy parkt und öffnet die Tür zuerst für Magda und dann für mich. Während ich mein steifes Bein strecke, lässt er Valentina heraus und wartet mit ihrer Handtasche und Reisetasche vor dem Brunnen.

»Ich nehme das.« Ich ergreife ihre Besitztümer und ihren Arm, um sie die Stufen zur Veranda hinaufzuführen. Meine Finger überlappen sich beim Umfassen ihres schlanken Oberarms. Dies ist der Punkt, an dem ich von ihr erwarte, dass sie mit ihren Absätzen treten und schreien wird, aber sie bleibt unheimlich ruhig.

Magda überholt uns auf der Treppe. »Eine falsche Bewegung, ein falsches Wort zu irgendjemandem, und Charlie ist tot. Verstanden?«

Valentina neigt ihren Kopf von meiner Mutter weg, und ein Zittern läuft durch ihren Körper.

Marie, unsere treue, alte Köchin, öffnet die Tür. Ihr Gesicht erstarrt, als ihre Augen auf die junge Frau fallen.

»Bereite das Zimmer des Dienstmädchens vor«, sagt Magda. »Ich informiere dich später.« Sie tritt vor uns ein. »Gabriel, bring das Mädchen in mein Arbeitszimmer.«

Bevor ich widersprechen kann, ist Magda weg. Maries Blick bleibt auf die Frau an meiner Seite gerichtet. Ich kann die Vorstellung auch gleich hinter mich bringen.

»Das ist Valentina«, sage ich. »Sie ist Eigentum.«

Sie hat in ihrem Leben viel gesehen. Sie huscht davon, ohne mir meinen üblichen Drink anzubieten.

Ich führe Valentina zum Arbeitszimmer meiner Mutter und schließe die Tür. Was auch immer Magda ausheckt, es gefällt mir nicht. Der Anblick des persönlichen Leibwächters meiner Mutter, Scott, der hinter ihrem Stuhl mit einer Pistole in seiner Hand steht, lässt mich meine Hand auf meine eigene Waffe legen, die in meinem Hosenbund steckt. Die Drohung ist eindeutig. Widersetze dich Magda, und Valentina wird wie ihr Hund enden – mit einer Kugel zwischen ihren weichen braunen Augen.

Magda spricht meine kleine Beute an. »Ich verstehe, dass du für uns arbeiten wirst.« Sie zeigt auf den Stuhl, der ihrem Schreibtisch zugewandt ist. »Setz dich hin.«

Ich lasse Valentina los. Sie gehorcht und setzt sich auf die Kante des Stuhls. Ich nehme die gleiche Haltung wie Scott ein und bleibe stehen, nur für alle Fälle.

»Was sind deine Stärken?«, fragt Magda.

Valentinas Wimpern bewegen sich, als sie ihre Augen zu mir hebt. Sie sind groß für ihr kleines Gesicht und eindringlich traurig, aber auch stolz.

»Antworte, wenn du angesprochen wirst«, sagt Magda mit derselben Stimme einer Schulleiterin, mit der sie mich als Kind gescholten hat.

»Ich bin eine Assistentin.«

Magdas Mundwinkel verziehen sich nach unten. »Das ist alles?«

»Außerdem koche und putze ich für meinen Nachbarn.«

Magda klopft mit ihren Fingernägeln auf den Schreibtisch. Nach einiger Zeit sagt sie: »Du wirst für uns als Dienstmädchen arbeiten und was Gabriel sonst noch von dir erwartet.« Meine Mutter wirft mir einen sauren Blick zu, so als ob ihr mein Anblick Verdauungsstörungen verursacht. »Du wirst von Montag bis Freitag arbeiten, bis das Abendessen serviert und die Küche sauber ist. Am Samstag hast du ab fünf Uhr nachmittags frei. Du wirst am Montagmorgen um acht Uhr zurückerwartet. Wenn wir Veranstaltungen zu Hause haben, erwarten wir von dir, dass du arbeitest, unabhängig von den Überstunden.«

Die Idee des Dienstmädchens kotzt mich einfach an, aber ihre freie Zeit macht mich unglaublich wütend, auch wenn ich keine Möglichkeit habe, etwas dagegen zu tun. Es ist Magdas Geschäft und es sind ihre Schulden, die sie eintreibt. Ich mache nur die Deals. Mein neues Spielzeug sollte besser nicht versuchen, zu fliehen. Ich wette, das ist es, worauf Magda setzt. Es wird ihr den Grund geben, um Valentina zu eliminieren und meinen idiotischen Deal zu beenden, wie sie es formuliert hat.

»Du wirst das Haus sauber halten«, fährt Magda fort, »und mit sauber meine ich makellos. Alles, was sich im Inneren des Gebäudes befindet, unterliegt deiner Verantwortung, außer dem Kochen. Marie kümmert sich darum. Wenn du kochen musst, sag’ ich dir Bescheid. Solltest du jemanden von uns vergiften, werden du und dein Bruder langsam und schmerzhaft sterben. Verstanden?«

Ihre Kehle bewegt sich, als sie schluckt. »Ja.«

»›Ja, Mrs. Louw‹ oder ›Ma’am‹.«

Diese dunklen Augen blinken trotzig, aber sie wendet sie schnell ab. »Ja, Ma’am.«

»Wenn du bei einer deiner Aufgaben versagst, ist der Deal geplatzt und du bist tot.« Ein sadistisches Leuchten funkelt in Magdas Augen. »Arbeite gut für …« Sie schaut mich an und wartet.

»Neun Jahre«, sage ich.

»Arbeite neun Jahre lang gut«, fährt Magda fort, »und Charlies Schulden werden beglichen sein. Wir werden dir kein Gehalt zahlen. Das Geld, das wir dir gegeben hätten, wird für die Begleichung deiner Schulden verwendet. Ich erlaube es den Bediensteten nicht, von unserem Tisch zu essen, aber du kannst die Kücheneinrichtungen benutzen, um deine Mahlzeiten zuzubereiten. Da du kein Bargeld verdienen wirst, zahlt dir mein Sohn einen Zuschuss für Essen und persönliche Güter. Fragen?«

»Gibt es eine Routine, der ich folgen muss? Was genau muss ich tun?«

Magda steht auf. »Das findest du schon heraus. Du fängst sofort an.«

Valentina folgt Magda und steht mit betroffenem Gesicht von ihrem Stuhl auf.

Bevor sie geht, muss sie eine Sache verstehen. Ich umfasse ihr Gesicht mit einer Hand und grabe meine Finger in ihre Wangen. »Lauf vor mir weg – und du wirst dir wünschen, ich hätte dich heute erschossen.«

Ihr Körper ist nahe bei mir, und ich kann ihren Duft riechen. Endlich weiß ich, was der Geruch ist, den ich im Auto nicht zuordnen konnte – Himbeere. Sie sieht aus wie eine Taube mit gefesselten Flügeln, aber sie schwankt nicht unter meinem Blick.

»Haben wir uns verstanden?«, frage ich leise. Ich erhebe niemals meine Stimme. Das muss ich auch nicht.

»Ja.«

»Gut.« Ich lasse sie gehen.

Ihre Hand bewegt sich zu ihrem Kiefer und berührt den Abdruck, den meine Finger hinterlassen haben.

»Marie wird dir dein Zimmer zeigen«, sagt Magda. »Du findest sie in der Küche.«

Ich reiche Valentina ihre Reisetasche, aber halte mich an der Handtasche fest und bleibe stehen, da ich nicht entlassen wurde.

Sobald Valentina weg ist, sage ich: »Sie kennt den Weg nicht.«

Magda geht zur Bar und gießt sich einen Wodka ein, den sie mit Orangensaft verdünnt. »Sie ihren eigenen Weg finden zu lassen, ist ihr erster Test.«

»Was meinst du damit?«

»Die versteckten Kameras werden alle verräterischen Dinge aufzeichnen, die ihr in ihren dummen Kopf kommen könnten, und du wirst das zu deinem Vorteil nutzen, um sie zu brechen.« Magda nimmt einen Schluck von ihrem Getränk und geht zurück zu ihrem Schreibtisch, um das interne Telefon zu nehmen, das mit der Küche verbunden ist.

Marie antwortet beim ersten Klingelton mit einem professionellen »Mrs. Louw?«, das über den Lautsprecher ertönt.

»Bestelle Dienstmädchenuniformen für Valentina und Bettwäsche für ihr Zimmer.«

»Irgendwelche Vorlieben, Ma’am?«

»Schwarz.«

»Die Uniform oder die Bettwäsche?«

»Die Uniform. Die Bettwäsche …«, sie denkt eine Sekunde lang nach und lächelt mich an, »… weiß.« Sie legt auf und fährt fort: »Schwarz und Weiß. Hört sich gut an, nicht wahr? Es wird sie daran erinnern, was aus ihr geworden ist – unser Dienstmädchen und dein Spielzeug.«

»Sie wird nicht weglaufen«, sage ich mit herausfordernder Stimme. Ich habe Valentina gerade erst gefunden. Ich werde sie nicht am Sonntag töten.

Magda schmunzelt und schwenkt ihr Glas. »Das ist nicht der Grund dafür, dass ich ihr die Sonntage freigegeben habe.«

»Warum hast du es dann getan?«

»Um ihr die Illusion von Freiheit zu geben. Von Fairness. Für den Moment lasse ich sie glauben, dass sie eine Chance hat. Menschen ohne Hoffnung können nicht gebrochen werden.« Meine Mutter hebt das Glas zu ihren Lippen. »Verstehst du? Ich gebe uns beiden, was wir wollen. Du kannst sie brechen, und ich kann sie töten.«

Hass macht Magdas Worte schneidend. Die Tatsache, dass ich diese Frau genug möchte, um meiner Mutter zu trotzen, macht Magda wütend. Ich habe keinen Zweifel, daran dass sie Valentina dafür bezahlen lassen wird, dass sie mich von dem nicht so geraden und schmalen Pfad, der für mich zugeschnitten wurde, abgebracht hat.

Als ich schweige, fährt Magda fort: »Du verstehst doch, dass wir sie nicht ihren Teil der Abmachung erfüllen lassen können? Das wäre schwach.«

»Ich habe ihr neun Jahre versprochen.«

»Ich habe nicht die Absicht, sie so lange leben zu lassen.« Ihr Lächeln breitet sich aus, bis es ihr ganzes Gesicht erleuchtet. »Sie wird früher oder später versagen.«

Eine plötzliche Erkenntnis beunruhigt mich. Magda ist mit dem Verlauf der Ereignisse zufrieden. Sie will, dass Valentina leidet, und sie verlässt sich auf meine natürliche Veranlagung, um genau das geschehen zu lassen.

Valentina

Meine Kehle schmerzt durch die aufgestauten Tränen, als ich Mrs. Louws Arbeitszimmer verlasse. Wenn ich irgendeine Hoffnung hatte, dass Gabriels Mutter Mitleid haben und mir helfen würde, dann wurde sie in diesem Raum ausgerottet. Sie ist schlimmer als ihr Sohn, ihre Schwärze ist viel kälter.

Ich bin krank vor Sorge um Charlie. Ich muss Kris anrufen und mich versichern, dass es ihm gut geht, aber Gabriel hat mir nur meine Kleider gegeben und meine Handtasche mit meinem Handy behalten. Ich kann es mir nicht erlauben, an diesen Morgen oder an Puff zu denken. Noch nicht. Im Augenblick muss ich stark sein.

Jetzt, da die akute Bedrohung unseres Lebens vorbei ist, stürzt die Realität auf mich ein. Verzweiflung sickert durch meine Poren in mich hinein. Meine Berechnung ist erschütternd. Ich werde 32 Jahre alt sein, wenn ich wieder frei bin. Wenn