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Erhalten Sie das Wichtigste für den Stationsalltag in der Neuro-Intensivmedizin zusammengefasst auf einen Blick.
Dieses einzigartige Buch ist eine konkrete Erkennungs-, Entscheidungs- und Nachschlagehilfe für jeden in der Neuro-Intensivmedizin Tätigen. In jeder denkbaren relevanten Situation auf der Neuro-Intensivstation lassen sich die wichtigsten Schritte der Diagnostik und Therapie auf einen Blick erkennen.
Der Inhalt des Buches steht ohne weitere Kosten digital in der Wissensplattform eRef zur Verfügung (Zugangscode im Buch). Mit der kostenlosen eRef App sind zahlreiche Inhalte auch offline immer griffbereit.
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2018
Neuro-Intensivmedizin
SOPs und Checklisten für die neurologische und neurochirurgische Intensivmedizin
Julian Bösel, Silvia Schönenberger
Oliver W. Sakowitz, Bodo Kress
167 Abbildungen
Unseren Familien
Die immense Entwicklung der klinischen Neurologie beruht vor allem auf einem Wandel zu einer therapeutisch aktiven Disziplin, die auch vor der intensivmedizinischen Behandlung schwerstkranker Patienten nicht mehr zurückschreckt.
Die Neurologische Intensivmedizin hat in Deutschland eine lange Tradition. Schon in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es kleine, aber autarke neurologische Intensivstationen an einigen Universitätskliniken und an wenigen großen städtischen Kliniken. Mit Gründung der Arbeitsgemeinschaft Neurologische Intensivmedizin (ANIM, später Deutsche Gesellschaft für Neurologische Intensiv- und Notfallmedizin, DGNI) im Jahr 1987 wuchsen der Organisationsgrad und die klinische und wissenschaftliche Rolle der neurologischen Intensivmedizin.
Einige der immensen Fortschritte in der Neurologie wären ohne Intensivmedizin (und Stroke Units) nicht möglich gewesen. Inzwischen ist die Neurologische Intensivmedizin nicht nur auf die Versorgung der schwerstkranken Notfälle beschränkt; die zunehmende Zahl zu begleitender geplanter Interventionen kündigt weitere Perspektiven an.
Schon früh wurden die ersten Bücher zur neurologischen Intensivmedizin veröffentlicht. Im frühen Werk „Neurologische Intensivmedizin“ aus der Aachener Neurologie, das 1984 und 1988 in erster und zweiter Auflage im Perimed-Verlag erschien, wurden schon die Plasmapherese, die Beatmung und die intraarterielle Therapie schwerer Schlaganfälle behandelt. 1994 erschien das erste große „transatlantische“ englischsprachige Lehrbuch „NeuroCriticalCare“, welches ich herausgeben durfte; ein Buch, das den Standard für Jahrzehnte setzte und erst 2008 für den deutschsprachigen Raum durch das Lehrbuch NeuroIntensiv, herausgegeben von Schwab et al., sein Pendant fand (2. Auflage 2015). Eine Reihe weiterer deutschsprachiger Bücher, unter anderem von Stöhr und Brandt (1997), Sitzer (2004), Prange und Bitsch (2004), Kiening und Hacke (2006), Schwab und Krieger (2012), Braun und Preuss (2009, 2012) sowie Grabowski (2013) runden das Angebot ab.
Worin unterscheidet sich das vorliegende Buch „Neuro-Intensivmedizin“ von Bösel und Schönenberger von diesen klassischen Lehrbüchern? Schon der Untertitel verrät Besonderheit und Intention: Standardprozeduren und Checklisten sollen den Weg durch die immer komplexer und vielfältiger werdende Praxis der Neurologischen Intensivmedizin weisen. Konkrete Handlungs-, Therapie- und Dosierungsanweisungen, und vor allem praktische Hinweise auf logistische und organisatorische Eigenarten zeichnen das Buch aus. Hinzu kommen optisch ansprechende Flussdiagramme, Abbildungen und Bildgebungsbeispiele. Nirgendwo sonst ist das aktuelle Wissen so prägnant, gut verständlich und praktisch umsetzbar angeboten. Dazu tragen auch die Formeln, Tabellen sowie Scores und Skalen im Anhang bei, die man sich sonst aus vielen Einzelquellen zusammensuchen müsste. Literaturverweise, Weblinks und ein online-Anhang mit Perfusortabelle runden das Spektrum ab und ermöglichen eine zielgerichtete Vertiefung.
Das Buch in der Kittel- oder Kasaktasche und besonders die elektronische Version auf dem Smartphone dürften sich als zuverlässiger Begleiter in Nachtdiensten und auf der Intensivstation, aber nicht nur dort, erweisen.
Ich gratuliere den Autoren zu diesem gelungenen Projekt und bin auch ein wenig stolz darauf, dass hier die Aachener/Heidelberger Schule der Neurologischen Intensivmedizin ihr nächstes Kapitel erlebt.
Werner Hacke
Mannheim, im Dezember 2017
Die Neuro-Intensivstation ist der Ort, an dem die Kenntnis des Nervensystems und das intensivmedizinische Können zusammenkommen. Eine große Herausforderung ist die Stabilisierung von Vitalfunktionen beim gleichzeitigen Realisieren von Diagnostik zur Ursachenklärung. Weitere Herausforderungen sind die Komplexität des Nervensystems, der Zeitdruck und die drohenden Folgen wegen seiner Vulnerabilität, die Vielfalt der möglichen primären und sekundären Schäden und das Erkennen von Hirnfunktionen auch beim sedierten Patienten.
Dieses Buch soll ein Begleiter, ein Kompass, eine Orientierung angesichts dieser Herausforderungen sein. Es ist ein kurzgefasstes Kitteltaschenbuch mit Checklisten, SOPs und Zusatzmaterial in einem neuartigen Format, das in gedruckter oder elektronischer Form helfen soll, auf einen Blick das Wichtige zu erkennen. Es ist allerdings kein Kochbuch, dem bedingungslos zu folgen ist. Es soll im Gegenteil eine Grundlage bieten, den individuellen Patienten optimal zu behandeln, und dabei ggf. auch begründet von SOPs abzuweichen. Der Inhalt basiert auf aktuellen Leitlinien oder Studien der Neuro-Intensivmedizin, aber auch, wegen vielfachen Mangels letzterer, auf unserer persönlichen Erfahrung und der Art, wie wir diese Medizin über Jahre in Heidelberg praktiziert haben.
Wir danken unserem Lehrer Werner Hacke, der uns immer wieder gezeigt hat, dass die Neurologie eine aktive, zupackende Disziplin ist und dass man sich in der Neuro-Intensivmedizin festlegen und konsequent sein muss. Wir danken ihm auch dafür, dass er die Heidelberger Neuro-Intensivstation mit ihrem speziellen Geist ins Leben gerufen hat, auf der über Jahrzehnte immer wieder viele national und international anerkannte Experten dieses Felds gewirkt haben. Auch wir beide hatten bzw. haben das Privileg, diese Station eine Zeit lang zu leiten. Wir danken unseren Kollegen und den viele Gastärzten, die uns dort inspiriert haben. Wir danken ganz besonders unseren Mitautoren Oliver Sakowitz und Bodo Kress, mit denen wir ebenfalls zusammen Neuro-Intensivmedizin betrieben bzw. die Ausbildung darin gestaltet haben. Wir danken so vielen großartigen Pflegekräften, die wahrhaftig nah am Patienten sind und durch ihre Hingabe den Erfolg der Disziplin überhaupt möglich machen. Und wir danken unseren Patienten und deren Angehörigen, die uns immer wieder ihr Vertrauen für klinische Behandlung und Forschung schenkten und schenken.
Julian Bösel
Kassel, im Januar 2018
Silvia Schönenberger
Heidelberg, im Januar 2018
„In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod“
Friedrich Freiherr von Logau (1604–1655)
AB
Antibiose
ACA
A. cerebri anterior
ACI
A. carotis interna
Ach-R
Acetylcholin-Rezeptor
AChE-Hemmer
Acetylcholinesterase-Hemmer
AChR-Ak
Acetylcholinrezeptor-Antikörper
ACM
A. cerebri media
ACS
Acute Coronary Sndrome
, akutes Koronarsyndrom
ADC
Apparent Diffusion Coefficient,
Diffusionskoeffizient im Gewebe
ADEM
akute disseminierte Encephalomyelitis
ADH
antidiuretisches Hormon
AE
(a) Antiepileptika (= Antikonvulsiva), (b) Autoimmun-Enzephalitis
AEP
akustisch evozierte Potenziale
AF
Atemfrequenz
AIDS
Acquired Immunodeficiency Syndrome,
erworbene Immundefizienz
AIS
akuter ischämischer Schlaganfall
AK
Antikörper
AKI
Acute Kidney Injury,
akutes Nierenversagen
AMPA-R
Alpha-Amino-3-Hydroxy-5-Methyl-4-Isoxazolepropionsäure
AP
alkalische Phosphatase
APL-Ak-Syndrom
Antiphospholipid-Antikörper-Syndrom
aPTT
aktivierte Prothrombinzeit
AQP4-Ak
Aquaporin-4-Antikörper
ARDS
Acute Respiratory Distress Syndrome,
akutes Atemnotsyndrom
ASPECTS
Alberta Stroke Program Early CT Score
Auto-AK
Autoantikörper
AV
A. vertebralis
AV-Belastung
atrioventrikuläre Belastung
AV-Block
atrioventrikulärer Block
AVNRT
Atrio-Ventricular Node Reentry Tachycardia
, AV-Knoten-
Reentry
-Tachykardie
BA
Basilar artery
, A. basilaris
BAO
basilar artery occlusion
, Basilaristhrombose
BAEP
Brainstem acoustic evoked Potentials
BB
Blutbild
BD
Blutdruck
BE
(a)
Base Excess,
Basenüberschuss, (b) Blutentnahme
BGA
Blutgasanalyse
BK
Blutkultur
BIS
Bispektraler Index
BPS
Behavioral Pain Scale
BSG
Blutsenkungsgeschwindigkeit
BSM
Burst-Suppressionsmuster
BTF
Brain Trauma Foundation
Bz
Blutzucker
CAM-ICU
Confusion Assessment Method for the Intensive Care Unit
CAPG
coronary artery bypass graft
, Koronararterien-Bypass
CBF
Cerebral Blood Flow,
zerebraler Blutfluss
cCT
kraniale Computertomografie
cCTA
kraniale CT-Angiografie
cDSA
kraniale Digital-Subtraktions-Angiografie
cEEG
kontinuierliche Elektroenzephalografie
CIM
Critical-Illness
-Myopathie
CIP
Critica-llness-
Polyneuropathie
CK
Kreatinkinase
CK-MB
Muscle-Brain Type CK
, Kreatinkinase MB aus Muskel und Gehirn
cMRT
kraniale Magnetresonanztomografie
CO
2
Kohlendioxid
COPD
Chronic obstructive pulmonary Disease
, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung
CNAP
Continuous Non-invasive Arterial Pressure(Curve)
, nicht-invasives hämodynamisches Monitoring
CPAP
Continuous positive Airway Pressure
, kontinuierliche positive Überdruckbeatmung
CPOT
Critical-Care Pain Observation Tool
CPP
Cerebral Perfusion Pressure,
zerebraler Perfusionsdruck
CPR
kardio-pulmonale Reanimation
CPT-2
Carnitin-Palmityltransferase-2
CR
Kornealreflex
CRP
C-reaktives Protein
CS
Conscious Sedation
CSWS
Cerebral Salt Wasting Syndrome
, Zerebrales Salzverlustsyndrom
CT
Computertomografie
CT-Thorax/Abdomen
Thorax- oder Abdomen-Computertomografie
CTA
CT-Angiografie
CUO
Coma of unkown Origin
, Koma unbekannter Ursache
CVST
zerebrale Venen- und Sinusthrombose
cw-Doppler
Continuous-Wave
-Doppler
CytOx
mitochondriale Cytochromoxidase
DAS
digitale Subtraktionsangiografie
DBS
Deep Brain Stimulation
, tiefe Hirnstimulation
DD
Differenzialdiagnose(n)
DGAI
Deutsche Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin
DGN
Deutsche Gesellschaft für Neurologie
DHC
dekompressive Hemikraniektomie
DIC
disseminierte intravasale Gerinnung
Diff-BB
Differenzialblutbild
DSO
Deutsche Stiftung Organtransplantation
DWI
Diffusion-weighted Imaging
ECD
extrakranielle Dopplersonografie
ECMO
extrakorporale Membranoxygenierung
EEG
Elektroenzephalografie
EGDT
Early Goal-directed Therapy
, frühe zielorientierte Therapie
EK
Erythrozytenkonzentrat(e)
EKG
Elektrokardiogramm
EKT
Elektrokrampftherapie
EMG
Elektromyografie
ENG
Elektroneurografie
EP
evozierte Potenziale
EPM
extrapontine Myelinolyse
EST
endovaskuläre Schlaganfalltherapie
EVD
externe Ventrikeldrainage
EVT
(a) endovaskuläre venöse Thrombektomie, (b) endovaskuläre (rekanalisierende) Therapie
FAEP
frühe akustisch evozierte Potenziale
FAST
Focused Assessment with Sonography for Trauma,
Sonografischer Schnell-Untersuchungsgang beim schwerverletzten Patienten
FFP
Fresh frozen Plasma,
gefrorenes Frischplasma
FiO
2
inspiratorischer Sauerstoffanteil / Sauerstoff-Fraktion (am Beatmungsgerät)
FLAIR
Fluid Attenuation inverse Recovery
GA
General Anesthesia,
Vollnarkose mit Intubation
GABA
Gamma-Amino-Buttersäure
GBS
Guillain-Barré-Syndrom
GCS
Glasgow Coma Scale
GCSE
Generalized convulsive status epilepticus
, generalisierter konvulsiver Status epilepticus
GI-Blutung
gastrointestinale Blutung
GIT
Gastrointestinaltrakt
GKSE
generalisierter konvulsiver Status epilepticus
Hb
Hämoglobin
HCO
-
3
Bikarbonat
HE
(a) Hämatom-Expansion, (b) hypoxische Enzephalopathie
HES
Hydroxyethylstärke
HF
Herzfrequenz
HHb
desoxygeniertes Hämoglobin
HIET
High-Dose-Insulin-Euglycaemia-Therapy
HIT
Heparin-induzierte Thrombozytopenie
HIV
Human Immunodeficiency Virus,
humanes Immundefizienz-Virus
Hk
Hämatokrit
HNO
Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
HPLC
High Pressure Liquid Chromatography
, Hochdruck-Flüssigchromatografie
HRST
Herzrhythmusstörung(-en)
HSM
Herzschrittmacher
HSVE
Herpes-simplex-Virus-Enzephalitis
HT
Hypothermie
HTD
Hirntoddiagnostik
HTLV-1
humanes T-lymphotropes Virus 1
HWZ
Halbwertszeit
HZV
Herzzeitvolumen
I.E.
Internationale Einheit(en)
ICA
Internal Carotid Artery
, A. carotis interna
ICB
intrazerebrale Blutung
ICDSC
Intensive Care Delirium Screening Checklist
ICG
Indocyaningrün
ICH Score
Intracerebral Hemorrhage Score
ICP
Intracranial Pressure,
intrakranieller Druck
ICP-Sonde
intraparenchymale Sonde zu Messung des intrakraniellen Drucks
ICR
Interkostalraum
ICU
Intensive Care Unit
, Intensivstation
IDSA
Infectious Diseases Society of America
IfSG
Infektionsschutzgesetz
IHA
irreversibler Hirnfunktionsausfall
i.m.
intramuskulär
IMC
Intermediate Care (Unit / Station)
INR
International normalized Ratio
I.U.
International Unit (s),
internationale Einheit(en)
i.v.
intravenös
IVB
intraventrikuläre Blutung
IVIG
intravenöse Immunglobuline
J
Joule
kcal
Kilokalorien
KG
Körpergewicht
KH
Krankenhaus
KISS
Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System
KM
Kontrastmittel
KRINKO
Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention
KS
Kopfschmerz
KT
Körpertemperatur
LA
Lokalanästhesie
LAE
Lungenarterienembolie
LD
lumbale Drainage
LDH
Laktatdehydrogenase
LE
Lungenembolie
LJ
Lebensjahr
LÖ
Lungenödem
LP
Lumbalpunktion
LPR
Laktat-Pyruvat-Ratio
LR
Lichtreflex
LV-Funktion
linksventrikuläre Funktion
LWMH
niedermolekulares Heparin
M1 oder 2
A. cerebri media (ACM) im M1 oder 2 Segment
MAL
mikrosomale Antikörper
MAMG
Anti-MuSK-AK-assoziierte Myastenia gravis
MAO-Inhibitoren
Mono-Amino-Oxidase-Inhibitoren
MAP
Mean arterial Pressure,
mittlerer arterieller Blutdruck
MCA
Middle cerebral Artery
, A. cerebri media
MCH
Mean corposcular Hemoglobin
, mittleres korpuskuläres Hämoglobin
MCP
Metoclopramid
MCS
Minimally conscious State
MCV
Mean corpuscular Volume
, mittleres korpuskuläres (Erythrozyten-)Volumen
MD
Mikrodialyse
MG
Myasthenia gravis
MH
maligne Hyperthermie
MIP
Maximal Intensity Projection
MMI
maligner Mediainfarkt
MNLS
malignes Neuroleptika-Syndrom
MNS
malignes neuroleptisches Syndrom
MODS
Multiorgandysfunktionssyndrom, Multiorganversagen
MRA
MR-Angiografie
MRE
multiresistente Erreger
mRS
Modified Rankin Scale
MRT
Magnetresonanztomografie
MRZ
Masern Röteln Zoster/Varizellen (-Reaktion)
MS
Multiple Sklerose
MSAP
Muskelsummenaktionspotenzial
MuSK
muskelspezifische Tyrosinkinase
MV
Minutenvolumen
NCS
(a)
Neurocritical Care Society
, (b)
Nociception Coma Scale
NCSE
Non-convulsive Status Epilepticus
NDMR
nicht depolarisierende Muskelrelaxanzien
NFA
Notfallambulanz
NICU
Neuro-intensive Care Unit
, Neuro-Intensivstation
NIHSS
National Institutes of Health Stroke Scale
NIRS
Nahinfrarotspektroskopie
NIV
Nicht-invasive Beatmung
NKSE
nicht-konvulsiver SE
NL
Neuroleptika
NLG
Nervenleitgeschwindigkeit
NMDA
N-Methyl-D-Aspartat
NMDARE
NMDA-Rezeptor-Enzephalitis
NMH
niedermolekulares Heparin
NMOSD
Neuromyelitis Optica Spectrum Diseases
, Neuromyelits optica-Spektrumerkrankungen
NNH
Nasennebenhöhlen
NOAK
neue (= nicht-Vitamin K-abhängige) orale Antikoagulanzien
NSE
Neuronen-spezifische Enolase
NSTEMI
Non-ST-Elevation Myocardial Infarction
, Nicht-ST-Hebungsinfarkt
NT
Normothermie
O
2
Sauerstoff
O
2
-Sättigung
Sauerstoffsättigung
O
2
Hb
oxygeniertes Hämoglobin
OAI
Oxygenation Autoregulation Index
OAK
orale Antikoagulation
OB-Sono
Oberbauchsonografie
OCR
okulozephaler Reflex
ÖGD
Ösophagogastroskopie
OKB
oligoklonale Banden
OP
Operation
pCO
2
Kohlendioxidpartialdruck
paCO
2
arterieller Kohlendioxidpartialdruck
paO
2
arterieller Sauerstoffpartialdruck
PaO
2
/FiO
2
Oxygenierungsindex (Horowitz-Index)
PbtO
2
oder PtiO
2
Brain Tissue Oxygen Pressure (or Tension)
, zerebraler Sauerstoffpartialdruck, partiale Hirngewebssauerstoffspannung
PCI
perkutane Koronarintervention
PCR
Polymerasekettenreaktion
PCT
Prokalzitonin
PDT
perkutane Dilatationstracheotomie
PE
(a) Pleuraerguss, (b) Probeentnahme
PEA
pulslose elektrische Aktivität
PEEP
positive end-expiratory Pressure
, positiver endexpiratorischer Druck
PEG
(a) Paul-Ehrlich-Gesellschaft, (b) perkutane endoskopische Gastrostomie
PET
Positronenemissionstomografie
p.i.
per inhalationem
PICA
Posterior inferior cerebellar Artery
, A. cerebelli inferior posterior
PiCCO
Pulse Contour cardiac Output,
Pulskontur-Herzzeitvolumen
PLEDs
Periodic lateralized epileptiform Discharges
PML
progressive multifokale Leukenzephalopathie
PNP
Polyneuropathie
PNS
peripheres Nervensystem
p.o.
peroral (per os)
Pplat
(inspiratorischer) Plateaudruck
PPS
Poisoning Severity Score
PPSB
Prothrombinkomplex-Konzentrat
PRES
(a) posteriore reversible Leukenzephalopathie, (b) posteriores reversibles Enzephalopathiesyndrom
PRx
Pressure Reactivity Index
PT
Pneumothorax
PTT
plastische (chirurgische) Tracheotomie
pw-Doppler
Pulsed-wave
-Doppler
qEEG
quantitatives EEG
QS-Niveau
Querschnittsniveau
qSOFA
quick SOFA
RA
rheumatoide Arthritis
RASS
Richmond Agitation Sedation Scale
RCT
Randomized controlled Trial(-s)
, randomisierte Kontrollgruppe
RCVS
reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom
RG
Rasselgeräusche
RKI
Robert Koch-Institut
RSBI
Rapid shallow Breathing Index
RSE
refraktärer Status epilepticus
rSO
2
regionale (kortikale zerebrale) Sauerstoffsättigung
RT
Reentry
-Tachykardie
rtPA
Recombinant Tissue plasminogen Activator
, rekombinanter Plasminogenaktivator
RV-Dysfunktion
rechtsventrikuläre Dysfunktion
RV-Belastung
rechtsventrikuläre Belastung
SAB
Subarachnoidalblutung
SaO
2
arterielle Sauerstoffsättigung
SAS
Sedation Agitation Scale
SatO
2
Sauerstoffsättigung
SBD
systolischer Blutdruck
SBT
Spontaneous Breathing Trial,
Spontanatmungsversuche
s.c.
subkutan
SCA
Superior cerebellar Artery
SDC
subokzipitale dekompressive Kraniektomie (vgl. auch DHC)
SDH
Subduralhämatom
SE
Status epilepticus
SEP
sensorisch evozierte Potenziale
SHT
Schädel-Hirn-Trauma
SIADH
Syndrom der inadäquat gesteigerten ADH-Sekretion
SIMV
Synchronized intermittent mandatory Ventilation
SjvO
2
(bulbo)jugularvenöse Sauerstoffsättigung
s.l.
sublingual
SLE
systemischer Lupus erythematodes
SOFA
Serial/Sepsis-associated Organ Failure Assessment (score)
SOP
Standard Operating Procedure
, standardisiertes Vorgehen
SpO
2
pulsoxymetrisch gemessene Sauerstoffsättigung
SR
Sinusrhythmus
SRSE
superrefraktärer Status epilepticus
SSEP
somatosensorisch evozierte Potenziale
SSRI
Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer
SSW
Schwangerschaftswoche
ST
Surgical Tracheostomy,
chirurgische Tracheostomie
STEMI
ST-elevation myocardial infarction
, ST-Strecken-Hebungsinfarkt
STIR
Short-tau Inversion Recovery:
MRT-Sequenz mit Fett-Signal-Unterdrückung
SU
Stroke Unit
ScvO
2
zentralvenöse Sauerstoffsättigung
SVT
(a) Sinus- und Hirnvenenthrombose (b) supraventrikuläre Tachykardie
SWI
Susceptibility-weighted Imaging,
suszeptibilitätsgewichtete Bildgebung
T3
Trijodthyronin
T4
Thyroxin
TAH
Thrombozytenaggregationshemmer
TAk
Thyreoglobulin-Antikörper
TB
Tuberkulose
TCD
transkranielle Doppler-/Duplexsonografie
TD
Thoraxdrainage
TEE
Transesophageal Echocardiography
, transösophageale Echokardiografie
TH
therapeutische Hypothermie
TK
(a) Trachealkanüle, (b) Thrombozytenkonzentrat(-e)
TNT
Troponin T
TOF-MRA
Time of Flight
– Magnetresonanz-Angiografie
TPO-AK
Thyreoidea-Peroxidase-Antikörper
TRALI
Transfusions-assoziierte Lungenstörung
TT
Tracheotomie
TTE
transthorakale Echokardiografie
TV
Tidalvolumen
TVT
tiefe Beinvenenthrombose
UFH
unfraktioniertes Heparin
V.a.
Verdacht auf
v.a.
vor allem
VF
Ventricular Fibrillation,
Kammerflimmern
VHF
Vorhofflimmern
VK
Vitalkapazität
VS
Vegetative State
VT
ventrikuläre Tachykardie
VTE
venöse Thromboembolie
WDH
Wiederholung
WFNS
World Federation of Neurosurgical Societies
WHO
World Health Organization
WR
Würgreflex
WS
Wirbelsäule
ZAS
zentrales anticholinerges Syndrom
ZNS
Zentralnervensystem
ZPM
zentrale pontine Myelinolyse
ZSS
zentrales Serotonin-Syndrom
ZVD
zentraler Venendruck
ZVK
zentralvenöser Katheter
Widmung
Geleitwort
Vorwort
Abkürzungen
1 Leitsymptome in der Notaufnahme
2 Akutmanagement in der Notaufnahme
3 Aufnahme auf die Intensivstation
4 Verlegung von der Intensivstation
5 Intrahospitaler Transport
6 Postoperative Überwachung nach elektiven neurochirurgischen Eingriffen
7 Betreuung, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung
8 Therapiezieländerung und palliative Extubation
9 Tod und ärztliche Leichenschau
10 Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls
11 Unklare nicht-traumatische Bewusstseinsstörung
12 Basismonitoring
13 Hämodynamisches Monitoring
14 Nicht-invasives Neuromonitoring
14.1 EEG und kontinuierliches EEG
14.2 SEP und AEP
14.3 EMG und ENG
14.4 ECD und TCD / Duplex
14.5 Nahinfrarotspektroskopie
14.6 EEG-basiertes Monitoring der Sedierungstiefe
15 Invasives Neuromonitoring
15.1 Hirngewebe-Sauerstoffpartialdruck
15.2 Mikrodialyse
15.3 Liquoranalyse
15.4 Messung der Körper(kern)temperatur
16 Multimodales Neuromonitoring
17 Bildgebung Neuro-Intensivmedizin
17.1 Kraniale und spinale Computertomografie
17.2 Kraniale und spinale Magnetresonanztomografie
17.3 Digitale Subtraktionsangiografie
18 Arterieller Zugang
19 Zentralvenöser Katheter
20 Intubation
21 Extubation
22 Tracheotomie
23 Trachealkanülenwechsel und Dekanülierung
24 Liquordrainage
25 Begleitung endovaskulärer Schlaganfallbehandlung
26 Bronchoskopie
27 Thoraxdrainage
28 Passagere transkutane und transvenöse Herzschrittmacher
29 Gezieltes Temperaturmanagement
30 Beatmung und Weaning
31 Analgesie und Sedierung
32 Ernährung und Magen-Darm-Passage
33 Volumen und Kreislauf
34 Häufige Infektionen
35 Organprotektive Therapie
36 Gerinnungsmanagement
37 Einsatz von Blutprodukten
38 Herzkreislaufstillstand und Reanimation
39 Akutes Koronarysndrom
40 Herzrhythmusstörungen
41 Lungenembolie und Venenthrombose
42 Lungenödem
43 Elektrolytstörungen
44 Säure-Basen-Entgleisungen
45 Sepsis
46 Organversagen
47 Anaphylaktischer Schock
48 Anämie und Transfusion
49 Gastrointestinale Blutung
50 Magen-Darm-Paralyse
51 ICP und CPP
52 Fieber unklarer Ursache
53 Critical-Illness-Myopathie und -Neuropathie
54 Tetanus und Botulismus
55 Intoxikation
56 Alkohol-Intoxikation
57 Delir
58 Maligne Hyperthermie
59 Hitzschlag
60 Rhabdomyolyse und Crush-Syndrom
61 Malignes neuroleptisches Syndrom
62 Zentrales Serotonin-Syndrom
63 Zentrales anticholinerges Syndrom
64 Zentrale (extra)pontine Myelinolyse
65 Vaskuläre ZNS-Erkrankungen
65.1 Akuter ischämischer Schlaganfall: Rekanalisierung
65.2 Akuter ischämischer Schlaganfall: Raumfordernder Infarkt
65.3 Akuter ischämischer Schlaganfall: Basilaristhrombose
65.4 Sinus- und Hirnvenenthrombose
65.5 Intrazerebrale Blutung
65.6 Intrazerebrale Blutung: (N)OAK-assoziiert
65.7 Intrazerebrale Blutung mit intraventrikulärer Blutung
65.8 Aneurysmatische Subarachnoidalblutung
65.9 Reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom (RCVS) und Posteriores reversibles Enzephalopathiesyndrom (PRES)
66 Traumatische ZNS-Erkrankungen
66.1 Schädel-Hirn-Trauma
66.2 Intrakranielle Epidural- und Subduralblutung
66.3 Spinales Trauma
67 ZNS-Infektionen
67.1 Bakterielle Meningitis
67.2 Tuberkulöse Meningitis
67.3 Meningoenzephalitis durch Pilze und Parasiten
67.4 Hirnabszess
67.5 Ventrikulitis
67.6 Herpes-simplex-Enzephalitis
68 Inflammatorische Erkrankungen des NS
68.1 Fulminante Multiple Sklerose und ADEM
68.2 Autoimmunenzephalitis
68.3 Guillain-Barré-Syndrom
68.4 Myasthene Krise
68.5 Nicht-traumatische spinale Notfälle
69 Epileptische ZNS-Erkrankungen
69.1 Status epilepticus
69.2 (Super)refraktärer Status epilepticus
70 Bewegungsstörungen
70.1 Parkinson-Krise
70.2 Hypo- oder hyperkinetische Zustände
71 Enzephalopathien
71.1 Metabolische Enzephalopathien
71.2 Hypoxische Enzephalopathie
72 Beispiele Bildgebung
73 Literatur
74 Tabellen
74.1 Häufige Antibiotika für die Neuro-Intensivstation
74.2 Notfallmedikamente
74.3 Antiepileptika
74.4 Konservative Stufentherapie bei ICP-Anstieg
74.5 Risikogruppen für MRE-Screening nach KRINKO*
75 Skalen und Scores
75.1 Einleitung
75.2 Umfragestudie 2012
75.3 Schweregrad und Prognose
75.3.1 National Institutes of Health Stroke Scale (NIHSS)
75.3.2 Hunt und Hess
75.3.3 WFNS (World Federation of Neurological Surgeons)
75.3.4 ICH (Intracerebral Hemorrhage) Score
75.3.5 SOFA Score (Sepsis-related Organ Failure Assessment Score)
75.3.6 Q SOFA (quick SOFA)
75.3.7 Besinger Score für die Myasthenie
75.3.8 ASIA (American Spinal Injury Association Impairment Scale)
75.3.9 GOS (Glasgow Outcome Scale)
75.3.10 mRS (modified Rankin Scale)
75.3.11 Barthel Index
75.4 Delir
75.4.1 ICDSC (Intensive Care Delirium Screening Checklist)
75.4.2 CAM–ICU (Confusion Assessment Method for the Intensive Care Unit)
75.5 Bewusstseinsstörung, Sedierung, Schmerz
75.5.1 GCS (Glasgow Coma Scale
75.5.2 RASS (Richmond Agitation Sedation Scale)
75.5.3 SAS (Sedation Agitation Scale)
75.5.4 NCS (Nociception Coma Scale)
75.5.5 BPS (Behavioral Pain Scale)
75.5.6 CPOT (Critical-Care Pain Observation Tool)
75.6 Radiologische Scores
75.6.1 ASPECTS ( Alberta Stroke Program Early CT Score)
75.6.2 Graeb Score
75.6.3 ABC/2 ▶ [376]
75.6.4 Fisher Scale
75.7 Spezielle Situationen
75.7.1 SETscore (Stroke-related Early Tracheostomy Score)
75.7.2 Bedside Shivering Assessment Score
75.7.3 MOCA (Montreal Cognitive Assessment)
76 Formeln und Fakten
77 Wichtige Links
78 Perfusorliste und Infusionsmanagement
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum
Die Situation Patienten, die schwere neurologische Erkrankungen entwickeln, benötigen oft die rasche Versorgung auf einer (Neuro-)Intensivstation. Dies kündigt sich meist schon in der Notaufnahme an. Es ist sehr wichtig, zentrale Leitsymptome zu erkennen, Sofortmaßnahmen zu ergreifen, und rasch die Aufnahme auf die Intensivstation zu organisieren, weil mitunter Tod oder schwere Behinderung drohen. Zu langes Verweilen in der Notaufnahme verschlechtert nachweislich das Outcome. Alarmierende Leitsymptome sind ein neues fokalneurologisches Defizit, neuartiger Kopfschmerz, nicht selbst-limitierende epileptische Anfälle, (fieberhafte) Verwirrtheit / Desorientiertheit / Fehlverhalten und v.a. ▶ Bewusstseinsstörungen. Diese Leitsymptome müssen besonders dann schnellstens abgeklärt werden, wenn sie plötzlich (innerhalb von Sekunden) oder rasch (innerhalb von Stunden) aufgetreten sind bzw. zugenommen haben und/oder wenn sie sehr beeinträchtigend sind. Letzteres kann sogar die Instabilität von Vitalfunktionen bedeuten, deren Sicherung an erster Stelle stehen muss, auch wenn durch eine Intubation die neurologische Beurteilung eingeschränkt wird. Früh in der Abklärung wird die zerebrale Bildgebung stehen, dabei meist per CT (selten MRT) und ausgerichtet auf die Bestätigung bzw. den Ausschluss von Erkrankungen, die sofortige therapeutische Maßnahmen erfordern (z.B. akuter zerebraler Gefäßverschluss). Bei fieberhaften Zuständen und/oder Meningismus ist eine Lumbalpunktion erforderlich. Zusätzliche neurologische Diagnostik kann ggf. später erfolgen. Wichtiger in der Akutphase ist oft die systemische Zusatzdiagnostik (EKG, BD, SpO2, Labor). Kurze Wege und eingespielte, vorab zugeordnete Rollen zwischen Ärzten und Pflegekräften sind unabdingbar. Sehr hilfreich sind Standards (SOPs, Protokolle, Algorithmen, Pathways), besonders für neurologische Erkrankungen, die typischerweise intensivpflichtig werden.
In der ersten Stunde
Atemweg sichern, ggf. beatmen; Kreislauf stabilisieren (Ziel: SBD > 90 mmHg)
kurze neurologische (Fremd-)Anamnese und Untersuchung
v.a. bei Fokalneurologie rasche zerebrale/spinale Bildgebung
Am ersten Tag
Zusatzdiagnostik und Akuttherapie
bei kritischer neurologischer Erkrankung Aufnahme auf Neuro-Intensivstation
Konkrete Maßnahmen
V.a. akute zerebrovaskuläre Erkrankung (AIS, ICB, SAB): multimodales CT
V.a. Hirnvenen- und Sinusthrombose: MRT mit Venografie
V.a. spinalen Prozess: spinales MRT
V.a. Meningoenzephalitis: LP und sofortige Antibiose
CAVE
Neurologische Leitsymptome können auch rein systemische Ursachen haben !
Symptomatik bei BA-Thrombose kann schleichen, stottern, fluktuieren! CTA !
SOP Leitsymptome in der Notaufnahme.
Abb. 1.1
Die Situation Die Vorstellung der Patienten in der Notaufnahme erfolgt zwar häufig durch den Patienten selbst, bei bedrohlichen Zuständen aber meist durch den Rettungsdienst, den Not- oder den Hausarzt. Im Idealfall erfolgt eine telefonische Vorankündigung, so dass notwendige Abläufe v. a. bei zeitkritischen Krankheitsbildern vorbereitet werden können. So kann z. B. bei der Verdachtsdiagnose eines akuten Schlaganfalles die Computertomografie (CT) zeitgerecht freigehalten werden. Nach Eintreffen des Patienten sollte eine sofortige Triagierung durch zuständigen Arzt und/oder Pflegkraft mit sofortiger Einstufung der Behandlungsdringlichkeit auf Basis der Anamnese und der Symptome erfolgen. Ein gängiges Konzept ist z.B. das Manchester Triage System (MTS). Auf Basis einer solchen Triagierung ist eine Ressourcen und Zeit sparende, adäquate medizinische Versorgung der Patienten möglich. Allerdings sind das MTS und andere Triage-Systeme kaum neurologisch ausgerichtet und müssen ggf. modifiziert werden. Als Leitsymptome mit Alarmcharakter gelten z. B. eine unklare Bewusstseinsstörung, perakute Kopfschmerzen oder ein akut aufgetretenes ▶ fokal-neurologisches Defizit. Die häufigsten Leitsymptome in der neurologischen Notaufnahme sind Kopfschmerzen (20%), gefolgt von motorischen Defiziten (13%), Schwindel (12%) und epileptischen Anfällen (11%).
In der ersten Stunde
sofortige Triagierung durch Arzt- oder Pflegekraft, Einstufung der Behandlungsdringlichkeit nach Anamnese und Symptomen des Patienten
Vitalparameter (Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung) messen und ggf. sichern
neurologische Untersuchung, weiterführende Diagnostik nach Dringlichkeit
ggf. zeitkritische Akuttherapie wie z.B. Rekanalisierung oder Antibiose
Am ersten Tag
Klärung Notwendigkeit und ggf. Auswahl der stationären Behandlung
Weiterführende Diagnostik
Konkrete Maßnahmen
Thrombolyse bei akutem ischämischem Schlaganfall (0,9 mg/kg i.v., 10% Bolus, Rest über 1 h)
kalkulierte antiinfektive Therapie bei V.a. Meningoenzephalitis (Ceftriaxon 2 g i.v. 1x/d, Ampicillin 5 g i.v. 3x/d, Aciclovir 750mg i.v. 3x/d)
Lorazepam 2–4 mg i.v. bei Status epilepticus; ggf. WDH; ergänzend z.B. Valproat 20–45 mg/kg i.v. als Bolus
CAVE
Fluktuierende Symptomatik bei BA-Thrombose ! CTA !
Plötzlich rasche Vigilanzminderung bei Epiduralhämatom ! CT!
Gefahr der Aspiration und respiratorischen Insuffizienz bei z.B. Status epilepticus !
Gefahr der Re-Blutung bei Subarachnoidalblutung oder intrazerebraler Blutung !
SOP Akutmanagement Notaufnahme.
Abb. 2.1
Die Situation Die besondere Herausforderung liegt darin, Patienten mit kritischen Erkrankungen des Nervensystems vital zu stabilisieren und zeitnah die Erkrankung zu diagnostizieren und/oder zu graduieren. Die typischen Krankheitsbilder einer neurologischen Intensivstation sind vielfältig. Sie reichen von zerebro-vaskulären Erkrankungen (z.B. schwere ischämische Schlaganfälle, intrakranielle Blutungen) über Meningitiden bis hin zur myasthenen Krise oder einer sekundären respiratorischen Verschlechterung bei bekannter Multipler Sklerose.
Die Aufnahme des Patienten auf die Neuro-Intensivstation kann u. a. notwendig werden, weil die Patienten eine engmaschige Überwachung der Vitalparameter und/oder Hirnfunktion oder eine Beatmungstherapie benötigen. Direkt nach Aufnahme erfolgen die sofortige klinische Beurteilung durch den zuständigen Arzt und der Anschluss des Monitorings durch die Pflegekraft. Adaptiert an die Herz-Kreislauf-Situation sollte die invasive arterielle Blutdruckmessung erwogen werden, die gleichzeitig auch eine regelmäßige Messung (z.B. alle 2h) der arteriellen Blutgase möglich macht (paO2 und paCO2). Parallel empfiehlt sich eine erweiterte Blutanalyse mit Blutbild, Elektrolyten, Gerinnungs- und Entzündungsparametern. Unabhängig muss eine Beurteilung der erhaltenen Schutzreflexe (Husten- und Würgereflex) und der Vigilanz (Unterteilung in Somnolenz, Sopor und Koma) erfolgen, da auch bei stabiler Sauerstoffsättigung, aber fehlenden Schutzreflexen eine Intubation notwendig werden kann.
In der ersten Stunde
strukturierte Übergabe durch erstversorgenden Arzt; Anschluss Monitoring
Am ersten Tag
Aufklärung des Patienten und/oder der Angehörigen über die aktuelle Situation, anstehende Maßnahmen bzw. Therapie
Anlage notwendiger Dokumente; Anmeldung von Diagnostik; ggf. Abstriche.
Konkrete Maßnahmen
Einstellung Beatmungsgerät: positiver endexpiratorischer Druck (PEEP) 5 mmHg, FiO2 40–50%, Atemzugvolumen 6–8 ml/kgKG, Atemfrequenz 10–15/min
primär kurz wirksame Analgosedativa, z.B. Propofol 2% 6–8 mg/kgKG, Remifentanil 10–30 µg/kgKG
Röntgen-Thorax nach ggf. Intubation und ZVK-Anlage
Zielparameter Monitoring: paO2> 80 mmHg, paCO2 35–45 mmHg, BD systolisch ca. 100–180 mmHg (für intrazerebrale Blutungen < 160)
Anlage Blasenkatheter und Urinscreening
Messung der Körpertemperatur (Ziel Normothermie: 36,5–37,2 °C)
Kultivierung und ggf. Beginn einer kalkulierten antiinfektiven Therapie bei Infekt
CAVE
Insuffiziente Schutzreflexe oder Atmung: sofortige Intubation !
Suffiziente Analgesie !
Monitoring und Zugänge auf Lage und Funktion überprüfen !
SOP Aufnahme lntensivstation.
Abb. 3.1
Die Situation Die Verlegung des Patienten von der Neuro-Intensivstation erfolgt meist bei einem der folgenden Zustände:
Es sind dominierende Komplikationen außerhalb des ZNS eingetreten, so dass die Fortführung der Therapie auf einer nicht-neurologischen Intensivstation sinnvoll erscheint.
Der Patient stabilisiert sich zunehmend, und es sind weder eine kontinuierliche Überwachung der Hirnfunktion oder des Herz-Kreislaufes noch eine Beatmungstherapie notwendig.
Der Patient wird nach Abschluss der akuten Krankheitsphase in die neurologische Rehabilitation verlegt.
Es gab eine Therapiezieländerung, und die palliative Therapie erfordert keine Intensivmedizin.
Idealerweise erfolgt die Verlegung unter geplanten, geordneten und mit allen Beteiligten (v.a. Angehörigen) kommunizierten Bedingungen, dies gelingt jedoch nicht immer.
Bei Verlegung des Patienten sollten die Herz-Kreislauf-Situation stabil sein, die Blutgase im Normbereich liegen und keine kreislaufunterstützenden Medikamente mehr notwendig sein. Zudem ist eine ausführliche, strukturierte Übergabe an den nachfolgend zuständigen Arzt und die Pflegekraft notwendig. Viele Patienten verlassen die neurologische Intensivstation direkt in eine neurologische Rehabilitationsklinik. Sollten z.B. noch eine weiterführende internistische Behandlung notwendig sein, kann auch eine Verlegung in ein externes Krankenhaus vor Beginn der Rehabilitation sinnvoll sein. Typische Komplikationen bei Verlegung können z.B. die Verschlechterung eines deliranten Syndroms durch Umfeldwechsel, aber auch Versäumnisse bei der Übergabe sein (z.B. die vergessene Fortführung der antibiotischen Therapie oder der oralen Antikoagulation). Versäumnisse können mitunter tödliche Folgen haben.
In der ersten Stunde
kritische Evaluation der Verlegungsfähigkeit und Auswahl der Zielstation
Am ersten Tag
frühzeitige Absprache mit den ärztlichen/pflegerischen Kollegen der Zielstation
Konkrete Maßnahmen
Phasen der Rehabilitation:
Phase B – Frührehabilitation
Phase C – weiterführende Rehabilitation
Phase D – medizinische Rehabilitation nach Abschluss der Frühmobilisierung
Eckpunkte Übergabe: Beatmung/Atemweg, kardio-pulmonale Situation, Notwendigkeit von Perfusoren, aktuelle Mediation, Isolationspflichtigkeit, anstehende Diagnostik, neurologischer Untersuchungsbefund bei Verlegung, ggf. Termin der Rehabilitation
CAVE
Alle persönlichen Gegenstände (inkl. Schmuck, Gebiss, Brille etc.) mitgeben !
Ggf. Fotodokumentation von z.B. Dekubiti oder Wunden vor Verlegung !
SOP Verlegung Intensivstation.
Abb. 4.1
Die Situation Ein Transport des Patienten kann aus den unterschiedlichsten Gründen notwendig werden. Meistens handelt es sich um intrahospitale Fahrten auf Grund von bildgebenden Verlaufskontrollen oder weiterführender Diagnostik. Jeder intrahospitale Transport ist mit einem nicht unerheblichen Risiko für den Patienten verbunden. Dies gilt nicht nur für Patienten mit kreislaufunterstützenden Medikamenten oder Ventilationsstörungen. Selbst bei von intensivmedizinisch geschultem Personal durchgeführten Transporten liegt die Komplikationsrate zwischen 5 und 10%. Die häufigsten Komplikationen sind Abfall des Blutdrucks, Herzrhythmusstörungen, krisenhafter Anstieg des intrakraniellen Drucks (ICP) oder Ventilationsstörungen inkl. Dislokation des Tubus. Daher sollte die Indikation eines intrahospitalen Transportes streng gestellt sein. Außerdem stellt jeder intrahospitale Transport auch für das begleitende ärztliche und pflegerische Personal einen erheblichen Aufwand dar. Jeder Transport sollte mindestens von einem Arzt und einer Pflegekraft begleitet werden. Um den typischen Komplikationen möglichst vorzubeugen und das Risiko so klein wie möglich zu halten, sollte der Tarnsport sehr gut vorbereitet werden. Je nach lokaler Gegebenheit ist z.B. für das MRT eine Verlängerung der Perfusorleitungen notwendig, da auch diese in aller Regel nicht MRT-tauglich sind. Ebenfalls ist es essenziell, im Vorfeld wichtige Diagnostik-Kontraindikationen wie z.B. eine Niereninsuffizienz bei geplanter Gabe von Kontrastmittel auszuschließen. Vor dem geplanten Intrahospitaltransport muss bei nicht aufklärungsfähigen Patienten die Aufklärung des gesetzlichen Vertreters durchgeführt worden sein. Vor allem bei insolationspflichtigen Patienten ist eine vorherige Absprache und gute zeitliche Planung des Transports zur Vermeidung unnötiger Transporte und Zeitverzögerungen unbedingt notwendig. Bei Neuro-Intensivpatienten ist insbesondere zu bedenken, dass jeder Transport zu einer schwerwiegenden und ggf. lebensbedrohlichen Erhöhung des ICP führen kann. Um das Risiko für den Patienten möglichst gering zu halten und eventuelle damit einhergehende Komplikationen zu vermeiden, sollte vor Abfahrt von Station auf eine ausreichende Analgosedierung und die zusätzliche Bereithaltung von Osmotherapeutika im Bedarfsfall geachtet werden.
Konkrete Maßnahmen
aufgezogene Notfallmedikamente: Norepinephrin (1:100 und 1:10), Epinephrin (1:100, 1:10), Atropin und Urapidil, ggf. Mannitol 100 ml und NaCl 10% 100 ml
Notfallrucksack inkl. Venenverweilkanülen, Infusion, Laryngoskop, Tubus, Notfallmedikamente
notwendige Perfusoren (Analgosedativa, z.B. Remi- oder Sufentanil, Propofol, S-Ketamin, Dormicum und Katecholamin, z.B. Norepinephrin, Epinephrin, Dobutamin)
Einstellung des Beatmungsgeräts auf das Transportbeatmungsgerät, Gasvorrat sicherstellen übernehmen
CAVE
MRT: Tauglichkeit von Kathethern, Sonden, Elektroden und Metallfreiheit !
Auskultation des (intubierten/tracheotomierten) Patienten nach jeder Umlagerung !
SOP Intrahospitaler Transport.
Abb. 5.1
Die Situation Herausforderungen nach elektiven neurochirurgischen Eingriffen ergeben sich aus der Indikation (Grunderkrankung), der Art der Operation (extra- /intradural, infra-/ supratentoriell, oberflächen- vs. mittelliniennah, offen-mikrochirurgisch vs. endoskopisch vs. endovaskulär) und dem prä-operativen Zustand des Patienten. Zunächst wird man sich im Rahmen der Übergabe durch das OP-Team (Anästhesisten und Neurochirurg) ein Bild vom Patienten, den intraoperativen Besonderheiten des Eingriffs (z.B. Hirnschwellung, unsichere Blutstillung, Eröffnung oder Verschluss großer Gefäße, Luftembolie, Eröffnung von Nasennebenhöhlen, etc.) und den daraus resultierenden Besonderheiten der unmittelbaren Nachsorge machen. Es gilt zu klären, ob bestimmte Anforderungen durch den Operateur gestellt werden. Im Regelfall wird eine rasche neurologische Beurteilung des Patienten, d.h. Beendigung von Analgosedierung und Extubation, angestrebt sein. Postoperative Nachblutungen treten in 1% (intrakraniell) bis 10% (extrakraniell) der Fälle auf. Sie sollten immer in Rücksprache mit dem Operateur behandelt werden.
In der ersten Stunde
sorgfältige Übergabe („OP-Regime“ zunächst auf der Intensivstation fortsetzen)
schonendes Umlagern, körperliche und neurologische Untersuchung
Umsetzung der unmittelbaren postoperativen Anordnungen
Drainagen (Management: offen/geschlossen, Höhe, mit/ohne Sog; Kontrolle der Drainagemengen).
Am ersten Tag
körperliche und neurologische Untersuchung nach Extubation und im Verlauf
Festlegung, der Dauer intensiv-neurologischer Überwachung (Risiko postoperatives Ödem, Nachblutung, hydrozephaler Aufstau?).
Konkrete Maßnahmen
ggf. ICP-/CPP-Kontrolle und Therapie, (Doppler-)sonografische Kontrollen
ggf. Steroide und/oder Osmotherapeutika, perioperative Antibiose fortführen
ggf. antikonvulsive Prophylaxe/Therapie
ggf. Korrektur von Störungen der Blutgerinnung
ggf. Thromboseprophylaxe. Antikoagulanzientherapie.
CAVE
Fehlerhafte Behandlung neurochirurgischer Drainagen können u.U. schwerwiegende Folgen haben ! Ggf. Rücksprache OP-Team !
Bei Eingriffen im Sellabereich (Hypophyse, Hypophysenstiel, Hypothalamus) können u.U. schwere Störungen des Wasser-/Elektrolythaushalts auftreten !
SOP Postoperativer neurochiurgischer Patient.
Abb. 6.1
Die Situation Viele Patienten einer Neuro-Intensivstation sind wegen ihrer akuten Erkrankungen zum Zeitpunkt der Aufnahme und oftmals Wochen oder Monate über diesen hinaus nicht in der Lage, ihren Willen frei zu äußern. Typische Gründe hierfür sind z.B. eine schwere Bewusstseinsstörung oder Aphasie. Um für einen solchen Fall vorzusorgen, haben mittlerweile viele Patienten eine Patientenverfügung. In dieser hat der Patient zu einem früheren, einwilligungsfähigen Zeitpunkt schriftlich festgelegt, ob er in bestimmte, zum Zeitpunkt der Festlegung noch nicht unmittelbar bevorstehende Untersuchungen seines Gesundheitszustandes, Heilbehandlungen oder ärztliche Eingriffe einwilligt oder sie untersagt. Die Inhalte der Patientenverfügung sind nach neuester Gesetzgebung für den behandelnden Arzt bindend. Nicht selten ist mit einer Patientenverfügung eine Vorsorgevollmacht verknüpft, d.h. es wird eine Vertrauensperson für den Fall der Geschäfts- und/oder Einwilligungsunfähigkeit des Vollmachtgebers für bestimmte Bereiche, z.B. die gesundheitlichen Angelegenheiten, bevollmächtigt. Der Bevollmächtigte wird zum Vertreter des Willens. Der Bevollmächtigte prüft zusätzlich, ob die Festlegungen der Patientenverfügung auf die aktuelle Behandlungssituation zutreffen. Falls bei Patienten der Zustand der Unfähigkeit, den eigenen Willen zu übermitteln, über eine Notfallsituation hinaus andauert und keine Vorsorgevollmacht vorliegt, sollte über das Vormundschaftsgericht der jeweiligen Stadt eine Betreuungsverfügung eingerichtet werden; im Rahmen einer (neuro-)intensivmedizinischen Behandlung meist in Form einer Eilbetreuung, d.h. diese sollte zeitnah und meist innerhalb von max. 72 h geprüft und ausgeführt werden. Dies ist notwendig, um den dann bestellten Betreuer z.B. über notwendige Eingriffe oder Diagnostik aufzuklären und entsprechend dem mutmaßlichen Willen des Patienten zu handeln. Meist werden in Absprache mit den Angehörigen enge Familienmitglieder wie z.B. Ehe-/Lebenspartner oder Kinder als Betreuer eingesetzt. Die Betreuung ist in aller Regel vorläufig, d.h. für max. 6 Monate eingerichtet, so dass dann nach Erholungszustand des Patienten neu evaluiert werden kann.
In der ersten Stunde
Notfallbehandlung ist immer, nach Möglichkeit in Absprache mit Angehörigen, möglich
falls vorliegend, immer Einbezug der Patientenverfügung in das Therapiekonzept
Am ersten Tag
Evaluation der Notwendigkeit einer Betreuung
Einrichtung einer Betreuung nur, wenn keine Vorsorgevollmacht vorliegt
Konkrete Maßnahmen
schriftlicher Antrag zur Eilbetreuung mit medizinischer Begründung der Notwendigkeit an das zuständige Vormundschaftsgericht
CAVE
Sobald der Patient in der Lage ist, seinen Willen zu bilden, erlischt die Betreuung !
SOP Betreuung, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung.
Abb. 7.1
Die Situation Auch wenn das primäre Ziel der Intensivmedizin darin besteht, Leben zu retten und Lebensqualität zu bewahren, ist das Sterben auf der neurologischen Intensivstation und am Beatmungsgerät mit ca. 20% häufig. Durch die heutigen Therapiemöglichkeiten und Technik kann der Tod oftmals lange hinausgezögert werden, was aber im Falle eines begonnenen Sterbeprozesses ärztlich nicht vertretbar ist. Die Grenzen dorthin sind allerdings oft fließend und stellen eine erhebliche Herausforderung dar. Insgesamt ist die Sterblichkeit bei allen beatmungspflichtigen Patienten mit 52–60% sehr hoch, und den meisten Todesfällen gehen komplexe Prozesse von Therapieminimierung bzw. Therapiezieländerung voraus. Bei der Therapiezielfindung muss sich das Behandlungsteam an der ärztlich gestellten Indikation sowie dem Patientenwillen orientieren. Den Angehörigen kommt in dieser Situation für Letzteres eine besondere Bedeutung zu, da die betroffenen Patienten in der Regel nicht kontakt- oder einwilligungsfähig sind. Therapieverzicht, Therapiebegrenzung, Therapieabbruch oder Therapiereduktion sind die möglichen Prozesse, die einer Therapiezieländerung folgen. Terminales Weaning bzw. terminale/palliative Extubation bzw. das Sterben am Beatmungsgerät stehen am Ende der patientenzentriert ausgerichteten Entscheidungsprozesse. Der Palliativmedizin kommt in der Endphase der Erkrankung eine wesentliche Rolle zu. Schmerzen und Angst müssen gelindert werden, dabei muss man im Einzelfall eine Lebensverkürzung in Kauf nehmen, um die belastenden Symptome mit entsprechenden medikamentösen Maßnahmen (maximale Leidenslinderung) zu beherrschen.
Evaluation der Situation
Ist die medizinische Indikation zur Fortführung der Therapie nicht gegeben?
UND/ODER liegt eine schwere Hirnerkrankung mit, bei Überleben, allenfalls mit schwerster zu erwartender Behinderung vor, die der Patient nicht akzeptieren würde?
Klärung des Therapiezieles
Prüfen einer ggf. vorhandenen Patientenverfügung auf konkret anwendbare Situation
Falls kein konkreter Wille des Patienten vorliegt, Klärung des mutmaßlichen Willens im persönlichen Gespräch mit Angehörigen/Nahestehenden
Falls der Wille des Patienten auch im Gespräch nicht eruierbar ist, Entscheidung zum Wohl des Patienten gemäß gängigenWertvorstellungen (Überleben mit schwerer Behinderung akzeptabel? Ja/nein)
In sehr komplizierten Situationen ggf. Ethikkonsil
Therapiezieländerung
Beendigung der intensivmedizinischen Therapie und bei Beatmung palliative Extubation
CAVE
Die Einstellung zuvor begonnener Therapiemaßnahmen (z.B. Beatmung) stellt KEINE aktive Sterbehilfe dar ! Der Patient stirbt an der Schwere seiner Grunderkrankung !
SOP Palliative Extubation.
Abb. 8.1
Die Situation Jeder Arzt ist nach den Vorschriften des entsprechenden Bundeslandes verpflichtet, den Tod des Menschen bei Bedarf festzustellen. Auch auf den Arzt einer Neuro-Intensivstation wird diese Pflicht häufig zukommen. Unabhängig davon gilt die Leichenschau als letzter Dienst des Arztes am Patienten, mit dem neben der medizinischen Feststellung des Todes und der Todesursache zusätzlich öffentliche Interessen wie z.B. seuchenhygienische Aspekte oder Rechtssicherheit verbunden sind. Da die ärztliche Leichenschau in die Gesetzgebungskompetenz der einzelnen Bundesländer fällt, gibt es eine Fülle unterschiedlich formulierter Vorschriften und teilweise sehr unterschiedlich aufgebaute Formulare der Todesbescheinigung. Nicht zuletzt deshalb sind die Kenntnisse der Aufgaben, des Zwecks und der Rechtsgrundlagen der Leichenschau unbedingt notwendig. Jeder Arzt ist verpflichtet, eine Leichenschau durchzuführen, wenn ihm ein Todesfall angezeigt wird. Die wichtigsten Aufgaben bei der ärztlichen Leichenschau sind: sichere Feststellung des Todes (und der Identität), der Todeszeit, der Todesursache, Qualifikation der Todesart, Dokumentation übertragbarer Erkrankungen nach dem Infektionsschutzgesetz und Beachtung von Meldepflichten. Im Falle des Hirntodes gilt der Abschluss der Hirntoddiagnostik als Todeszeitpunkt und muss so im Totenschein dokumentiert werden.
Vorbereitung
Liegen sichere Todeszeichen (z.B. Totenflecke, Totenstarre, Fäulnis) vor?
Liegen frühe Leichenerscheinungen (Totenflecke, Totenstarre, Abkühlung) oder späte Leichenerscheinungen (z.B. Fäulnis, Verwesung) vor?
Prüfung supravitaler Reaktionen oder medizinischer Befunde (z.B. EKG/Monitoring)
Maßnahmen
Untersuchung nach sicheren Todeszeichen
Anzeichen von Verletzungen durch z.B. Gewalteinwirkung prüfen
Wahrnehmungen am Leichenfundort prüfen (z.B. Auffindeort, Lage der Leiche)
Wahrnehmungen im Leichenumfeld prüfen (z.B. Anhalt für Tablettenkonsum)
anamnestische Informationen zur Leiche einholen
Todesart
natürlicher Tod: Tod aus krankhafter Ursache
nicht natürlicher Tod: Die Diagnose bedarf keiner hohen Evidenz, der Verdacht reicht aus. Sammelbegriff für: Selbsttötungen, Unfalltodesfälle, Tötungen durch fremde Hand, Todesfälle infolge ärztlicher Eingriffe.
unklare Todesursache: immer dann, wenn eine eindeutige Ursache fehlt.
CAVE
Meldung an das zuständige Gesundheitsamt bei V.a. übertragbare Krankheiten (spätestens innerhalb von 24h) !
Benachrichtigung der Polizei bei Zweifel an natürlichem Tod !
SOP Ärztliche Leichenschau.
Abb. 9.1
Die Situation Ein spezielles Verfahren zur Feststellung des Todes ist die Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (IHA, früher „Hirntod“). Definitionsgemäß ist der IHA eingetreten, wenn die Gesamtfunktionen des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstammes unwiederbringlich erloschen sind. Die Richtlinie zur Feststellung des IHA wurde in ihrer Fortschreibung zuletzt im Jahr 2015 aktualisiert und vom Bundesministerium für Gesundheit genehmigt. Die Diagnostik dürfen nur 2 Fachärzten mit mehrjähriger Erfahrung in der Behandlung schwer hirngeschädigter Patienten vornehmen, mindestens einer davon muss Neurologe oder Neurochirurg sein. Zudem müssen sie unabhängig vom Organspendeprozess sein. Der Ablauf der klinischen Untersuchung und die eventuelle Zusatzdiagnostik sind in der Richtlinie strikt geregelt und erfolgt in 3 Schritten: Prüfung der Voraussetzungen, klinische Untersuchungen und Nachweis der Irreversibilität.
Vorbereitung
Ausschluss Intoxikation (Anamnese, ggf. toxikologisches Screening)
Dämpfende Medikamente ausreichend lange abgesetzt (Propofol und Remifentanil > 8h, Dormicum und Sufentanil > 12h, ggf. Spiegelbestimmung, z.B. bei Thiopental)?
Ausschluss von Relaxanziengabe
Ausschluss primäre/therapeutische Hypothermie (KT > 35°C bei Einfluss zentral wirksamer Substanzen, nach therapeutischer Hypothermie frühestens > 24h nach Erreichen der NT Diagnostik möglich)
Ausschluss metabolisches/endokrines Koma (Leberwerte, ggf. Ammoniak, Elektrolyte)
Ausschluss Kreislaufschock (SBD > 80 mmHg)
Art der Hirnschädigung (supratentoriell/infratentoriell und primär/sekundär)
Prozedur
Evaluation des Bewusstseinszustandes (Koma ja/nein)
Prüfung der Pupillenweite (weit/mittelweit)
okulo-zephaler oder vestibulo-okulärer Reflex vorhanden (ja/nein)
Kornealreflex (ja/nein)
Trigeminus-Schmerz-Reaktion (ja/nein)
Pharyngeal-/Trachealreflex (ja/nein)
Apnoe-Test (Ausgangs-paCO2 35–45 mmHg; paCO2 bei Apnoe > 60 mmHg, Temperatur korrigiert)
Irreversibilitätsnachweis durch Wiederholung der klinischen Untersuchung oder apparative Zusatzdiagnostik
CAVE
PaCO2 bei chronisch hyperkapnischen Patienten vor Apnoe-Test > 65 mmHg !
Bei Kindern ab der 37. SSW bis einschl. 2. LJ immer apparative Zusatzdiagnostik notwendig; bei Kindern bis einschl. 14. LJ ein Diagnostiker Pädiater !
SOP Irreversibler Hirnfunktionsausfall.
Abb. 10.1
Die Situation Nicht-traumatische unklare Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma (Nicht-Erweckbarkeit, Coma of unknown Origin,
