New Chances - Lilly Lucas - E-Book

New Chances E-Book

Lilly Lucas

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Beschreibung

Verliebt am anderen Ende der Welt: Im 5. Liebesroman der romantischen New-Adult-Reihe »Green Valley Love« will die junge Deutsche Leonie eigentlich bei einem Auslandspraktikum in den USA erste Berufserfahrungen als Craft-Beer-Brauerin sammeln – bis alles anders kommt als geplant. Während eines Work-and-Travel-Aufenthalts in den USA ihren Traum verwirklichen und Erfahrungen im Craft-Beer-Brauen sammeln – das hat sich die 21-jährige Leonie gewünscht. Doch dann geht schief, was nur schief gehen kann, und Leonie strandet in der Kleinstadt Green Valley, auf der Suche nach irgendeinem Job. Einziger Lichtblick ist der ebenso attraktive wie einfühlsame Barkeeper Sam, dem sie prompt ihr Herz ausschüttet. Keiner von beiden ahnt, dass sie sich schon am nächsten Tag wiedersehen werden: Leonie bewirbt sich als Nanny für die kleine Maya, obwohl sie keinerlei Erfahrung mit Kindern hat – und ohne zu wissen, dass Sam Mayas Vater ist … Die New-Adult-Liebesromane von Bestseller-Autorin Lilly Lucas entführen mit viel Gefühl und einem Schuss Humor in die wunderschön gelegene Kleinstadt Green Valley mitten in den Rocky Mountains. In jedem Band der Liebesroman-Reihe findet ein anderes Paar die große Liebe. »Green Valley Love« ist in folgender Reihenfolge erschienen: New Beginnings (Lena und Ryan) New Promises (Izzy und Will) New Dreams (Elara und Noah) New Horizons (Annie und Cole) New Chances (Leonie und Sam)

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Seitenzahl: 435

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Lilly Lucas

New Chances

Roman

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Als Leonie in der Kleinstadt Green Valley in den Rocky Mountains strandet, hat sie einen harten Tag hinter sich. Ihr Auslandspraktikum in einer Craft-Beer-Brauerei ist geplatzt. Völlig verzweifelt, weil ihr ohne Job nur noch die Heimreise nach Deutschland bleibt, schüttet sie dem charmanten Barkeeper Sam ihr Herz aus. Zwischen den beiden kommt es zu einem heißen Kuss, doch dann zieht Sam sich plötzlich zurück.

Am nächsten Tag will Leonie sich für einen Job als Nanny bewerben – und steht völlig unerwartet Sam gegenüber: Er ist der Vater der kleinen Maya ...

Herzklopfen, große Träume und ein Gefühl von zu-Hause-sein: die Green-Valley-Love-Reihe von Lilly Lucas.

Inhaltsübersicht

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

Danke

Leseprobe »A Place to Love«

 

 

 

 

Für Franziska

1.

Tage, die beschissen anfangen, enden auch beschissen. Es hätte mich also nicht wundern sollen, dass ich den Bus, der mich nach Denver bringen sollte, nur noch von hinten sah. Und dass es der letzte an diesem Abend gewesen war. Keuchend stand ich da und atmete die knochentrockene Hitze des Mesa Countys ein.

»Fuck«, fluchte ich, ließ mich auf meinen Koffer sinken und wischte mir mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn.

»Wo musst du denn hin, Kleine?«, ertönte eine Reibeisenstimme hinter mir.

Erschrocken sah ich auf und blickte in das Gesicht einer Frau. Sie musste zwischen 60 und 70 sein, trug ein zerschlissenes Kiss-Shirt und hatte sich das graue Haar zu zwei Zöpfen geflochten, die unter einem Bandana hervorspitzten. In ihrer rechten Hand hielt sie eine prall gefüllte KFC-Papiertüte, die nach zu Tode frittiertem Hähnchen roch und meinen Magen augenblicklich zum Knurren brachte. Wann hatte ich zuletzt etwas gegessen? Im Flugzeug? Nein, im Bus, erinnerte ich mich und dachte an das halb geschmolzene Balisto, das einen kackbraunen Fleck auf meiner Jeans hinterlassen hatte. Die Jeans, die mir gerade wie eine zweite Haut auf den Schenkeln klebte.

»Nach Denver.«

»Denver, hm?« Bedauernd schnalzte sie mit der Zunge. »Liegt nicht auf meiner Tour.«

Tour? Als hätte sie das Fragezeichen in meinen Augen bemerkt, wies ihr Kopf auf einen feuerwehrroten Truck, der ein paar Meter entfernt auf dem Großparkplatz stand. Besser gesagt … thronte. Er hatte gigantische silberne Auspuffrohre an der Fahrerkabine und einen schier endlos langen Sattelauflieger mit einem Logo, das ich noch nie gesehen hatte.

»Ich kann dich aber ein Stück mitnehmen«, sagte sie, während ich noch damit beschäftigt war, die Räder des imposanten Gefährts zu zählen. »Bis nach Green Valley. Von da kannst du den Bus nehmen.«

Sofort hatte ich die Stimme meiner Mutter im Ohr, der ich vor meiner Abreise hoch und heilig versprochen hatte, nie per Anhalter zu fahren – in ihren Augen der sichere Weg in die Arme eines Serienkillers. Allerdings sah die Frau vor mir nicht unbedingt aus, als würde sie mich zersägen und in eine Mülltüte stecken wollen. Noch dazu war sie mindestens einen Kopf kleiner als ich und … dreimal so alt?

»Wo liegt Green Valley?«

»Bisschen was über zwei Stunden von hier«, nuschelte sie. »Mitten in den Rockys.«

»Und von dort fährt heute noch ein Bus nach Denver?«, erkundigte ich mich skeptisch. Es war bereits halb sechs, und wenn es stimmte, was sie sagte, würden wir dieses Green Valley frühestens um acht erreichen.

»Wenn du aufhörst herumzutrödeln, schon.« Sie lachte kehlig. Ein Lachen, das sich nach zwei Schachteln Zigaretten und einer Flasche Jack Daniel’s am Tag anhörte. »Ich bin übrigens Elsie.«

»Leonie«, antwortete ich und ergriff etwas zögerlich die Hand, die sie mir hinhielt. Für eine so zierliche Person hatte sie einen überraschend festen Händedruck.

»Wo kommst du her?«

»Aus Deutschland.«

Elsie schielte auf meinen Koffer. »Bist du auf dem Weg zum Flughafen?«

Ich stieß ein bitteres Seufzen aus. »Eigentlich … komme ich von dort.«

Sie runzelte die Stirn.

»Lange Geschichte«, murmelte ich.

»Kannst du mir unterwegs erzählen.« Elsie machte Anstalten, zu ihrem Truck zu gehen. Im Eilverfahren ging ich meine Optionen durch – von denen ich streng genommen nur zwei hatte. Ich konnte eine Nacht hier in Grand Junction bleiben, mir ein Motel-Zimmer suchen und morgen den ersten Bus zurück nach Denver nehmen – oder in den Truck einer wildfremden Frau steigen, die aussah, als hätte man meine Oma mit einem Hells-Angels-Mitglied gekreuzt. Klar, dass ich mich für Zweiteres entschied. Mit meinem Koffer im Schlepptau folgte ich Elsie und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie schwer er war. Ich hatte das Limit von 23 Kilo voll ausgeschöpft, schließlich hatte ich mich auf einen sechsmonatigen Aufenthalt in Colorado eingestellt. Sechs Monate, die heute Morgen auf zwei Tage geschrumpft waren, wenn nicht noch ein Wunder geschah.

Ehrfürchtig blieb ich vor dem monströsen Truck stehen und beobachtete, wie Elsie die Fahrertür aufzog und scheinbar mühelos meinen Koffer hinaufwuchtete. Kurz darauf stieß sie von innen die Beifahrertür auf. Ein Potpourri aus Kaffee, altem Zigarettenrauch und klimatisierter Luft schlug mir entgegen, als ich die zwei Stufen ins Führerhaus nahm und mich auf einem Ledersitz niederließ, der erstaunlich bequem war. Ich schnallte mich an und blickte durch die Fensterscheibe, auf der sich der rote Staub des Mesa Countys niedergelassen hatte. Elsie verstaute meinen Koffer indessen in der winzigen Schlafkabine hinter unseren Sitzen. Als mein Blick die schmale, sichtlich durchgelegene Matratze streifte, überkam mich eine so heftige Müdigkeit, dass ich meine gesamte Willenskraft aufbringen musste, um nicht nach hinten zu klettern und mit meinem Koffer zu tauschen. Ich war seit über 24 Stunden auf den Beinen, hatte einen Langstreckenflug und eine fünfstündige Busfahrt hinter mich gebracht und sehnte mich nach einem Bett und mindestens zehn Stunden Schlaf.

Der Motor sprang an, und der Truck setzte sich in Bewegung. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich Elsie, die gänzlich entspannt hinter dem Lenkrad thronte und das wuchtige Fahrzeug ohne Probleme aus der Parklücke manövrierte. Mit einer flüchtigen Handbewegung grüßte sie die Fahrer der anderen Trucks, während wir in gemächlichem Tempo über den Parkplatz rollten. Bis wir Grand Junction verlassen hatten, sprachen wir kein Wort miteinander, und auch wenn es mir nicht unangenehm war, verspürte ich das Bedürfnis, mehr über die Frau zu erfahren, in deren Truck ich gestiegen war.

»Wie lange machst du das schon? Truck fahren, meine ich.«

»Mein halbes Leben lang«, erwiderte sie unaufgeregt. »Als junges Mädchen wollte ich Automechanikerin werden. Aber dann hab ich einen Trucker geheiratet. Jeff und ich sind die Touren lange zusammen gefahren. Quer durchs Land.« Ihr Blick verklärte sich. »War eine tolle Zeit.«

»Was ist passiert?«, fragte ich vorsichtig.

»Herzinfarkt.«

»Das tut mir leid«, flüsterte ich.

Sie tat es mit einer Handbewegung ab. »Ist schon über zehn Jahre her. Seitdem fahre ich Big Betty allein.«

Fast liebevoll tätschelte sie das Lenkrad.

»Big Betty?«

»So hat Jeff sie immer genannt. Nach seiner Großmutter aus Alabama. Muss eine beeindruckende Lady gewesen sein.« Sie zuckte mit den Schultern. »Was ist mit dir? Womit verdienst du dein Geld?«

»Ich bin Brauerin.«

»Brauerin«, wiederholte sie und klang dabei nicht so überrascht, wie ich es gewohnt war. Vielleicht, weil wir beide in einer Männerdomäne arbeiteten. Oder weil das hier in der Gegend ein gängiger Beruf war. Schließlich besaß Colorado mehr Brauereien pro Kopf als jeder andere Staat in den USA. Nur aus diesem Grund war ich hier.

»Machst du Urlaub in Colo?«

»Äh … nein. Work and Travel.«

»Work and Travel?«

Dass sie damit nichts anfangen konnte, wunderte mich nicht. Ausgerechnet im Land der unbegrenzten Möglichkeiten waren die Möglichkeiten, das Arbeiten und Reisen zu verbinden, nämlich sehr begrenzt. Es hatte mich Tage gekostet, zu durchschauen, welches Visum ich wo beantragen musste und welche Regularien ich zu beachten hatte, wenn ich ein bezahltes Praktikum machen wollte. Alles umsonst, wie es jetzt schien. Je weiter wir uns von Grand Junction entfernten, umso mehr sickerte diese Erkenntnis in mein Bewusstsein.

»Ich wollte hier eigentlich für eine Craftbeer-Brauerei arbeiten. Und danach noch ein bisschen reisen. Zumindest war das der Plan …«

»Ich nehme an, jetzt beginnt die Geschichte«, bemerkte sie und griff in die KFC-Tüte, als wäre es das Popcorn zu dem Blockbuster, der jeden Moment startete. In Sekundenschnelle erfüllte der Geruch von Hähnchen und Frittierfett das Führerhaus. »Bedien dich«, lud sie mich ein. Zögerlich spitzte ich in die Tüte und zog mir ein paar Pommes heraus.

»Tja, also … morgen wäre mein erster Tag bei Kettle Brew gewesen, aber …«

»Oh«, stieß sie hervor und zog die Nase kraus, was mir verriet, dass sie den Ausgang der Geschichte bereits kannte.

»Ja«, seufzte ich und sah mich wieder vor dem verkohlten Backsteingebäude mit dem gelben Absperrband stehen.

»Hab’s heute in der Zeitung gelesen. Üble Sache. Irgendein Kabelbrand …«

Von einem cable fire hatte auch Zack, der Inhaber der Brauerei, gesprochen, als ich ihn heute Morgen völlig aufgelöst angerufen hatte. Er war gerade bei seiner Versicherung gewesen und hatte nicht viel Zeit gehabt. Sich nur immer wieder entschuldigt, weil er mir nicht mehr rechtzeitig Bescheid gegeben hatte, dass ich mein Praktikum nicht wie vereinbart würde antreten können. Die Stelle, auf die ich mich von Deutschland aus beworben hatte. Die Voraussetzung für mein Visum war. Mein Magen krampfte sich zusammen.

»Die Brauerei muss vorerst den Betrieb einstellen. Ich bin also vollkommen umsonst hierhergekommen«, sagte ich bitter und schob mir noch ein paar Pommes in den Mund.

»Nichts ist umsonst. Glaub mir …« Zweifelnd schielte ich zu ihr, aber Elsie beließ es bei dieser kryptischen Aussage. Inzwischen fuhren wir auf der Interstate, die schnurgerade die karge Landschaft zerschnitt. Das westliche Colorado war vollkommen anders als der Rest des Staates, das hatte ich bereits auf der Busfahrt von Denver nach Grand Junction bemerkt. Hier herrschte nicht das Grün der Wälder vor, das Blau der Seen und Gebirgsbäche. Stattdessen ragten, so weit das Auge reichte, orangerote Sandsteinfelsen in den Himmel.

»Kannst du nicht für eine andere Brauerei arbeiten? Gibt doch hier genügend.«

»Ja, aber leider hat keine von denen spontan ein sechsmonatiges Praktikum übrig. Erst recht kein bezahltes.«

Nach meinem Telefonat mit Zack und einem Heulanfall hatte ich die Zähne zusammengebissen und zu googeln begonnen. Stundenlang. Ich hatte mit Brauereien in Denver telefoniert, in Fort Collins, Boulder, Colorado Springs, Durango – Städte, von denen ich teilweise noch nie zuvor gehört hatte – und schließlich sogar jemanden von der Colorado Brewers Guild an die Strippe bekommen. Von dem Brand bei Kettle Brew hatten die meisten bereits gewusst. Und alle hatten beteuert, wie leid ich ihnen täte. Nur einen Praktikumsplatz hatte niemand für mich gehabt. Eine Brauerei, Gravity Brewing in Louisville, hatte mir eine unbezahlte Stelle ab Dezember angeboten, aber das war in zweierlei Hinsicht zu spät: Ich brauchte in den nächsten 48 Stunden einen Ersatz-Praktikumsplatz, wenn ich legal in diesem Land bleiben wollte. Da hatte sich die Frau vom Konsulat klar ausgedrückt. Noch dazu würde ich mit meinem ohnehin knappen Reisebudget höchstens einen Monat über die Runden kommen.

»Und was hast du jetzt vor?«

»Nach Hause fliegen«, antwortete ich geknickt und fügte leise »Außer es geschieht noch ein Wunder« hinzu.

Elsie stieß indessen ein Brummen aus, ging vom Gas und drückte auf die Warnblinkanlage. Vor uns stauten sich die Autos, und in der Ferne blinkte Blaulicht. Ihre fast angeboren wirkende Gelassenheit begann zu schwinden. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf dem schwarzen Vinyl des Lenkrads herum. Erst mit etwas Verzögerung fiel mir ein, dass sie womöglich einen Zeitplan einzuhalten hatte.

»Was transportierst du eigentlich?«

»Sprengstoff.«

Ich verschluckte mich an einem Stück Pommes und begann zu husten, woraufhin Elsie in Gelächter ausbrach. »Toilettenpapier.«

Röte schoss mir in die Wangen.

»Der ganze Truck ist voller Toilettenpapier?«

»Ein paar Paletten Papierhandtücher sind auch dabei, aber ansonsten … ja. Sollte dieser Stau also länger dauern, darfst du dich gerne bedienen.«

Nach weiteren zehn Minuten, in denen wir kein Stück vorangekommen waren, zückte Elsie ihr Smartphone.

»Earl, hier ist Elsie«, meldete sie sich kurz darauf. »Wird heute später bei mir. Die 70 ist dicht. Kein Vorankommen.«

Mir fiel auf, wie schnell sie plötzlich sprach. Wie ausgeprägt ihr Slang war.

»Weiß ich noch nicht«, raunte sie. Eine längere Pause entstand. »Ja, bis dann!«

Sie legte das Smartphone zurück in die Mittelkonsole und blickte mürrisch durch die Frontscheibe. Nach wie vor herrschte Stillstand auf der Interstate.

»Kriegst du Ärger, wenn du nicht pünktlich beim Kunden bist?«

Stirnrunzelnd sah sie mich an, bevor ihr ein Licht aufging. »Das war nur mein Bruder. Ich übernachte immer bei ihm, wenn ich die Tour fahre. Green Valley liegt auf halber Strecke. Bietet sich an.« Sie streckte die Arme von sich und ließ ihren Nacken kreisen, bis die Wirbel knackten. »Ich muss heute nur noch zu einem Kunden, und dem ist es herzlich egal, wann ich aufschlage.«

Wenig später kam der Verkehr wieder in Gang. Eine ganze Weile lang folgten wir dem steten Strom gen Osten, während rot glühende Felswüsten zu tiefgrünen Wäldern und schroffen Bergformationen wurden und nach und nach mehr von dem Colorado zutage kam, das ich vor Augen gehabt hatte, als ich in den Flieger gestiegen war. Erschöpft lehnte ich den Kopf gegen die Scheibe und ließ die Landschaft an mir vorbeiziehen, während Elsie neben mir eine Melodie summte, die mir vage bekannt vorkam. Ich dachte an zu Hause, an meine Eltern, die längst schliefen. Nach der Landung hatte ich ihnen, wie versprochen, eine kurze Nachricht geschrieben. Von dem Feuer, das nicht nur die Brauerei, sondern auch meine Pläne zerstört hatte, wussten sie noch nichts. Gott sei Dank. Meine Mutter hätte sich nur Sorgen gemacht und mein Vater sich darin bestätigt gefühlt, dass mein Vorhaben von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Was willst du bei denen lernen? Wie man Bier braut, das wie Wasser schmeckt? Sein spöttisches Lachen noch im Kopf, schloss ich die Augen und ließ mich von einer Welle der Müdigkeit davontragen. Icherwachte erst wieder, als mich jemand kräftig am Arm rüttelte.

»Hey! Kleine! Aufwachen!«

Erschrocken fuhr ich hoch und stieß mir das Knie am Handschuhfach. Der Schmerz, der mir ins Bein schoss, sorgte dafür, dass ich im Nu hellwach war.

»Wo sind wir?«, nuschelte ich und blickte mit verkniffenen Augen aus dem Fenster. Die Fassade einer Kirche ragte in den dämmrigen Himmel. Leicht versetzt befand sich ein Bushaltestellenhäuschen mit einer Anzeigetafel. Einer leeren Anzeigetafel. Kein gutes Zeichen, flüsterte mir mein Unterbewusstsein zu.

»In Green Valley«, antwortete Elsie. »Also … es gibt eine schlechte und eine sehr schlechte Nachricht. Welche zuerst?«

»Hm?«

»Den letzten Bus nach Denver hast du verpasst.«

»Was?!«

»Der Stau auf der 70 hat uns eine halbe Stunde gekostet«, erwiderte sie schulterzuckend.

Stöhnend ließ ich den Kopf nach hinten sacken. Das durfte doch alles nicht wahr sein. »War das die schlechte oder die sehr schlechte Nachricht?«, brummte ich.

»Die schlechte. Die sehr schlechte ist, dass du ihn um zwei Minuten verpasst hast, was echt bitter ist.«

Sie lachte wieder dieses Lachen, das sich eher wie bronchialer Husten anhörte, und ich starrte sie mit einer Mischung aus Unglauben und Fassungslosigkeit an. Meine Laune erreichte ihren endgültigen Tiefpunkt. Wobei … dieser Tag hatte noch ein paar Stunden.

»Komm schon, zieh nicht so ein Gesicht. Es gibt Schlimmeres, als in Green Valley zu stranden. Ist ein netter kleiner Ort. Manche bezahlen sogar dafür, hier Urlaub zu machen.«

Ihr Aufmunterungsversuch verfehlte seine Wirkung.

»Es gibt da ein kleines Bed & Breakfast am Stadtrand. Das Golden Leaf. Ganz nett und nicht teuer. Soll ich dich hinbringen?«

Ich musste nicht lange überlegen, weil ich sowieso keine andere Wahl hatte. Ja, Tage, die beschissen anfangen, enden auch beschissen.

2.

Der Weg zum Golden Leaf führte durch ein schmales Waldstück. Zu schmal für Big Betty, weshalb Elsie mich bereits vorne an der Straße absetzen musste. Nachdem ich mich bei ihr bedankt hatte, wünschten wir uns gegenseitig alles Gute und verabschiedeten uns voneinander. Das letzte Licht der Dämmerung sickerte durch die Baumkronen, während ich meinen Koffer über den holprigen Waldboden zog. Es war deutlich kühler hier als in Grand Junction, und ich bereute es, am Flughafen meine Jeansjacke in den Koffer gestopft zu haben. Auch die Luft roch anders. Frisch und klar, nach Kiefern und Tannen, Wildkräutern und Blumen.

Das Golden Leaf hob sich als dunkle Silhouette gegen den blauvioletten Abendhimmel ab und strahlte etwas Beruhigendes, fast Verwunschenes aus. Vor der Veranda ragte ein Holzschild mit einem geschnitzten Ahornblatt aus dem Boden, und ein gemauerter Kamin blies Rauch in die Luft. Ich zerrte meinen Koffer die Verandastufen hinauf und betrat einen weitläufigen Eingangsbereich. Hinter einem Empfangstresen aus massivem Holz saß eine Frau mit rotblondem Haar und Sommersprossen und lächelte freundlich. Sie stellte sich mir als Hannah vor und fragte, wie es mir ging. Ich wusste, dass diese Frage in den USA eine reine Floskel war und niemand eine Antwort erwartete – was in meinem konkreten Fall vielleicht auch besser war. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung nickte Hannah, als ich nach einem Zimmer für eine Nacht fragte, und bat um meine Kreditkarte.

»Leonie Pirchinger«, las sie holprig ab und versicherte sich mit einem schnellen Blick, ob sie richtiglag.

Ich nickte, obwohl sie meinen Namen englisch ausgesprochen hatte, was eher wie Purginger klang. Kurz musste ich daran denken, wie ich mit Freunden The Purge 3im Kino gesehen hatte und mich vor Angst so im Sessel verkrampfte, dass ich mir einen Nerv einklemmte.

»Hattest du eine gute Anreise?«

Ich nickte, auch wenn das Wort Anreise nicht wirklich beschrieb, wie ich an diesen Ort gelangt war.

»Wo kommst du her?«

»Aus Grand Junction.« Erst mit etwas Verzögerung begriff ich, was sie eigentlich meinte. »Aus der Nähe von München. Deutschland«, korrigierte ich mich.

»Oh, wie schade, dass du nur eine Nacht bleibst. Ryan, einer der Eigentümer des Golden Leaf, ist mit einer Deutschen zusammen. Lena.« Bedauernd verzog sie die Mundwinkel. »Ihren Nachnamen kenne ich leider nicht.«

Kurz fragte ich mich, ob sie ernsthaft glaubte, wir würden uns kennen, nur weil wir beide aus Deutschland kamen. Hannah reichte mir indessen einen verschnörkelten Messingschlüssel, der aussah, als hätte man ihn vom Set einer Jane-Austen-Verfilmung geklaut. »Dein Zimmer ist das erste auf der linken Seite. Der Oak Room. Ich bin noch etwa eine halbe Stunde hier am Empfang. Danach mache ich Feierabend. Wenn irgendwas ganz Dringendes ist, kannst du diese Nummer anrufen.« Sie schob eine Visitenkarte über den Tresen. »Aber bitte wirklich nur im Notfall und nicht, wenn«, sie lächelte, »die Schranktür quietscht.«

Auf meinen verdutzten Gesichtsausdruck hin erwiderte sie schmunzelnd: »Alles schon vorgekommen. Hast du noch Fragen?«

»Äh … ja. Kann ich hier was zu essen bekommen?«

Obwohl ich mindestens die Hälfte von Elsies Pommes gefuttert hatte, knurrte mein Magen schon wieder. Vielleicht eine Folge des Jetlags.

»Leider nicht. Wir bieten nur Frühstück an. Aber in der Stadt gibt es eine Sportsbar, das Olly’s. Und Moe’s Diner hat auch noch geöffnet. Im Steakhouse könntest du es auch versuchen, aber«, sie schielte auf die Uhr, »unter der Woche schließen sie meist früher. An deiner Stelle würde ich ins Olly’s gehen. Da ist immer was los.«

»Ist es weit von hier?«

»Eine Viertelstunde zu Fuß.«

»Okay, danke.«

»Dann wünsche ich dir eine gute Zeit bei uns im Leaf, Leonie!«

Ich bedankte mich, schulterte meinen Rucksack und schleppte meinen Koffer mit letzter Kraft nach oben in den ersten Stock. Das Zimmer war klein, wirkte mit seinen holzverkleideten Wänden und den rustikalen Möbeln aber unglaublich gemütlich. Ich spitzte ins Badezimmer, das so winzig war, dass ich mir mindestens einmal den Ellbogen anstoßen würde, bevor ich mich aufs Bett warf und mit dem Gesicht nach unten liegen blieb. Mit jeder Sekunde, die verging, verließ mich mehr Kraft, schien meinem Körper bewusster zu werden, was für einen Tag ich erlebt hatte. Wie viel Stress und Anstrengung hinter mir lagen, wie viel Frust und Enttäuschung. Meine Beine fühlten sich taub und schwer an, meine Schultern schmerzten, und meine Lider brannten vor Müdigkeit. Und von den Tränen, die ich vergossen hatte. Ich drehte mich auf den Rücken und legte mir beide Arme übers Gesicht. Hätte mein Magen sich nicht irgendwann lautstark zu Wort gemeldet, wäre ich vermutlich bis zum nächsten Morgen einfach hier liegen geblieben. Mit viel Überwindung schwang ich die Beine aus dem Bett und nahm eine extralange heiße Dusche. Ein Handtuch um den Körper gewickelt, betrachtete ich mich kurz darauf im Spiegel. Normalerweise fand ich das, was ich sah, echt okay. Die grünen Augen, die gerade Nase, den kleinen, aber geschwungenen Mund, die schulterlangen, honigblonden Haare. Heute jedoch blickte mir ein trauriges Gesicht mit Augenringen und spröden Lippen entgegen. Ein klägliches Abbild meiner selbst. Seufzend wandte ich mich ab und schlüpfte in frische Jeans und ein Slub-Shirt. Ich tupfte mir etwas Concealer auf die dunklen Schatten unter meinen Augen, frischte meine Wimperntusche auf und band mein noch feuchtes Haar zu einem lockeren Half Bun. Nachdem ich mir meine Jeansjacke übergeworfen hatte, verließ ich das Zimmer.

Ich brauchte fast 40 Minuten, bis ich die Sportsbar erreicht hatte. Erst ließ mich das Navi meines Smartphones im Stich, dann mein Gedächtnis. Zumindest konnte ich mich nicht mehr an den Namen der Bar erinnern und musste mich durchfragen. Es war bereits halb elf, als ich durch die Tür trat. Der Duft von gebratenen Zwiebeln und brutzelnden Burgern stieg mir in die Nase und ließ meinen Magen laut applaudieren.

Die Bar war gut besucht für einen Montagabend und mit ihren gemauerten Wänden, dem abgelaufenen Dielenboden und dem holzverkleideten Tresen überraschend gemütlich. Aus den Boxen drang entspannter Gitarrensound, und das Klirren von Gläsern mischte sich unter das Geräusch aneinanderprallender Billardkugeln. Ein paar neugierige Blicke wanderten in meine Richtung, als ich den Tresen ansteuerte. Fast konnte ich die Gedankenblasen über ihren Köpfen sehen. Wo kommt die denn her? Hab ich hier noch nie gesehen! Ich nahm gerade auf einem der Barhocker Platz, als die Tür hinterm Tresen aufschwang und ein Typ mit einem Geschirrtuch über der Schulter hindurchtrat. Und plötzlich hoffte ich, dass niemand die Sprechblasen über meinem Kopf sah. Denn er sah gut aus. Verdammt gut. Ich schätzte ihn auf Mitte 20, ein paar Jahre älter als ich. Sein Haar war braun und leicht gewellt, und ein Bartschatten betonte seine Wangenknochen. Er trug Jeans und ein weißes T-Shirt, das um die Brust herum ein wenig enger saß, und sein rechter Arm war bis zum Handgelenk tätowiert.

»Hey!«, sagte er knapp, aber freundlich.

»Hey«, erwiderte ich leicht verdattert und konnte den Blick nur mit viel Mühe von den ineinander übergehenden Motiven auf seiner Haut lösen. Eigentlich übten Tattoos keinerlei Anziehungskraft auf mich aus, aber seine waren interessant. Sie verliehen seiner Attraktivität etwas Raues, Verwegenes. Erst mit etwas Verzögerung begriff ich, dass der Kerl darauf wartete, dass ich meine Bestellung aufgab. Und dass ich mich noch keine fünf Sekunden mit der Speisekarte befasst hatte. Gab es überhaupt eine? Meine Augen huschten über den Tresen und wurden fündig. Ich griff nach der laminierten Speisekarte, an deren Rand etwas Ketchup klebte, und überflog das Angebot, das im Wesentlichen aus typisch amerikanischem Fast- und Fingerfood bestand. Genau das, was ich jetzt brauchte.

»Ein Cheeseburger mit Pommes und ein Bier, bitte.«

Bedauernd kniff er die Augen zusammen. »Die Küche ist leider schon dicht.«

»Was?!«, stieß ich ungläubig hervor und konnte mich gerade so davon abhalten, die Stirn auf den Tresen sinken zu lassen.

»Sorry, aber ich bin heute Abend allein.« Er zuckte mit den Schultern. »Trotzdem ein Bier?«

»Ja«, seufzte ich.

Erst als er sich von mir abwandte, fiel mir ein, dass Hannah ein Diner erwähnt hatte. Kurz ärgerte ich mich über mich selbst. Warum war ich nicht einfach gegangen, statt ein Bier zu ordern? Ob ich es noch abbestellen konnte? Eher nicht, entschied ich, als ich das Zischen eines Kronkorkens hörte. Kurz darauf schob er mir ein Glas über den Tresen und verschwand wieder durch die Schwingtür. So sah also mein erster und vermutlich einziger Abend in Colorado aus, dachte ich ernüchtert. Ich saß allein, hungrig und arbeitslos in einer Bar im Nirgendwo. Tränen stauten sich hinter meinen Lidern. Frustrierte, enttäuschte und erschöpfte Tränen. Mit den Handballen rieb ich über meine Augen, um sie am Herausfließen zu hindern, als mein Smartphone vibrierte und Max’ Name auf dem Display blinkte. Um diese Zeit? Es war noch nicht mal sechs Uhr morgens in Deutschland.

»Hey«, meldete ich mich mit belegter Stimme.

»Hey«, erwiderte mein Bruder in einem Tonfall, der mir verriet, dass er meine Sprachnachricht inzwischen abgehört hatte. »Oh Mann, Leo …«

Diese drei kleinen Worte reichten aus, um mein letztes bisschen Selbstbeherrschung zu zerstören. Schniefend erzählte ich ihm noch einmal ausführlich, was in den letzten zwölf Stunden vorgefallen war, angefangen bei meiner Landung in Denver und der Busfahrt nach Grand Junction bis hin zu dem Schockmoment, als ich bei Kettle Brew angekommen war – oder dem, was von Kettle Brew übrig gewesen war. Ich berichtete von meinen Telefonaten mit Zack, den Brauereien, dem Konsulat, und meine Stimme klang von Satz zu Satz deprimierter und hoffnungsloser.

»Aber du hast doch bestimmt was schriftlich. Einen Vertrag oder eine E-Mail«, war seine spontane Reaktion, und genau die, mit der ich gerechnet hatte. Mein Bruder und ich waren vom Charakter her grundverschieden, auch wenn wir am selben Tag gezeugt worden waren und uns verblüffend ähnlich sahen. Er ging an alles pragmatisch und rational ran, während ich dazu neigte, Entscheidungen tief aus dem Herzen zu treffen. Das änderte aber nichts daran, dass mir kein Mensch auf der Welt näherstand. »Ich meine, du kannst ja nichts dafür, dass der Laden abgebrannt ist. Die müssen dir doch wenigstens einen Ersatz bieten.«

»Müssen sie nicht«, seufzte ich und wiederholte für ihn, was mir die Dame vom Konsulat erklärt hatte. »Ich bin selbst dafür verantwortlich, einen neuen Praktikumsplatz zu finden.«

»Und dieser Zack? Kann der dir nicht helfen? Immerhin ist er nicht ganz unschuldig an deiner Misere.«

Aus irgendwelchen Gründen verspürte ich plötzlich das Bedürfnis, ihn in Schutz zu nehmen. »Der dürfte gerade andere Sorgen haben. Seine gesamte Existenz liegt in Schutt und Asche. Wortwörtlich!«

Der Rest ging in lautstarkem Grölen unter. Offenbar war gerade ein Tor gefallen. Oder wie auch immer man das beim Football nannte.

»Wo bist du?«, fragte Max irritiert.

Meine Augen huschten durch den Raum. »In einer Sportsbar.«

»Seit wann gehst du freiwillig in eine Sportsbar?«

»Gab nicht so viel Auswahl hier.«

»Ist Denver so klein?«, wunderte er sich und rief mir in Erinnerung, dass ich eine wesentliche Information ausgelassen hatte.

»Ich bin noch nicht in Denver. Musste mir auf halber Strecke ein Zimmer nehmen, weil kein Bus mehr gefahren ist. Der Ort heißt Green Valley.«

»Klingt idyllisch.«

»Hab nicht viel davon gesehen.« Ich nahm einen großen Schluck Bier und stutzte. Es schmeckte fantastisch. Hopfig und kräftig. Nach einem Hauch Grapefruit. Und Zitrone? Limette? »Kann ich mal die Flasche sehen?«, fragte ich den dunkelhaarigen Kerl, der nun wieder hinterm Tresen stand und Bier zapfte. Er sah mich überrascht an, bückte sich jedoch und reichte mir wortlos eine leere Glasflasche. »Danke.«

»Mit wem sprichst du da?«, fragte Max.

»Ach, nur mit dem Kerl hinter der Theke.« Ich musterte das Etikett und murmelte: »Lecker.«

»Der Kerl hinter der Theke?«

»Das Bier. Wobei der auch nicht übel ist. Auf einer Skala von 1 bis 10 ist er mindestens eine 9.«

»Ach! Seit wann ist diese Skala nicht mehr – Moment, wie war das doch gleich – ekelerregend sexistisch und frauenverachtend?«, zog er mich auf und spielte auf eine Diskussion an, die er und ich kürzlich nach drei Gin Tonics in einem Münchner Club gehabt hatten – als er mich eine »Solide 7« genannt hatte.

»Seit die Parameter nicht mehr Brüste und Ärsche sind. Außerdem wollte ich in einer Sprache sprechen, die du auch verstehst.«

Max’ Lachen ging in ein Gähnen über.

»Warum bist du überhaupt schon wach? Es ist erst sechs bei euch, oder?«

»Ich muss in die Brauerei«, seufzte er. »Mit der Abfüllanlage stimmt was nicht. Sepp hat gerade angerufen.«

»Wir hatten doch erst letzten Monat eine Wartung.«

Mir fiel auf, dass ich das »Wir« noch nicht aus meinem Kopf verbannt hatte. Ich gehörte zwar nach wie vor zur Familie Pirchinger, aber nicht mehr zu »Pirchinger Bräu«, unserer Brauerei in Herrsching am Ammersee.

»Leo?«

»Hm?«

»Ob du schon mit Mama und Papa gesprochen hast. Hör auf, den Barkeeper anzuschmachten!«

»Mach ich nicht«, protestierte ich, konnte aber nicht verhindern, dass meine Augen in seine Richtung wanderten. Ich beobachtete ihn dabei, wie er Zitronen in akkurate Halbmonde schnitt. Er hatte flinke Hände. Schöne Hände, fuhr es mir durch den Kopf. Nicht zu groß, nicht zu klein. Gott, Leonie, Schluss damit! Ich nahm einen großen Schluck Bier und besann mich wieder auf Max’ Frage. »Nein, ich hab ihnen noch nichts erzählt. Der Tag war schon beschissen genug.«

Das Verhältnis zu meinen Eltern war schwierig, seit ich meinen Job an den Nagel gehängt hatte, um meinen Traum vom eigenen Craftbeer zu verfolgen. Vor allem meinen Vater hatte es zu Tode gekränkt, dass ich mich, anders als meine beiden Brüder, für Trend statt Tradition entschieden hatte. Und was ich »da drüben bei den Amis« wollte, leuchtete ihm bis jetzt nicht ein.

»Okay, aber vielleicht solltest du …«

Das Brummen einer Siebträgermaschine schluckte den Rest seiner Antwort. Kurz darauf ertönte Papas unverkennbare Stimme im Hintergrund. Bevor er noch irgendetwas aufschnappen konnte, das nicht für seine Ohren bestimmt war, verabschiedete ich mich und versprach, mich zu melden, sobald ich den Rückflug umgebucht hatte.

»Kopf hoch, Leo. Das wird schon alles wieder«, waren Max’ letzte Worte, bevor wir das Gespräch beendeten.

Nachdem ich aufgelegt hatte, ließ ich mein Handy in die Tasche gleiten und stellte verdutzt fest, dass plötzlich ein Teller mit einem Sandwich vor mir stand. Stirnrunzelnd sah ich mich um und begegnete dem Blick des Barkeepers. Seine Augen hatten einen warmen Braunton. Wie Ahornsirup, dachte ich spontan.

»Ist das für mich?«, vergewisserte ich mich.

»Yep.«

»Hast du nicht gesagt, die Küche wäre geschlossen?«

»Hab ich, aber du hattest einen miesen Tag, und ich will es unbedingt noch auf eine 10 bringen.«

Er grinste, und mir schoss die Röte ins Gesicht.

»Du … hast mich verstanden.« Es war mehr Feststellung als Frage, aber er nickte trotzdem.

»Alles?«, krächzte ich und rekapitulierte hastig das Telefonat im Kopf.

»Nein. Du … äh … sprichst ziemlich schnell«, sagte er nun auf Deutsch.

»Woher …«

»Ich habe ein paar Jahre in der Schweiz gelebt. In Zürich.«

Wow, er brachte sogar Zürich einigermaßen souverän über die Lippen. Und hat dein Gespräch mit angehört, erinnerte mich eine Stimme in meinem Kopf.

»Du hättest was sagen können«, bemerkte ich mit einem Hauch Vorwurf.

»Du meinst, während du deinem Freund …«

»Bruder!«

Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas in seinen Augen auf.

»Während du deinem Bruder erzählt hast, dass du Murphys Gesetz auf zwei Beinen bist?« Er lachte.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis mein Gehirn seine Frage übersetzt hatte, bis die Bedeutung seiner Worte zu mir durchgedrungen war. Murphy’s law. Alles, was schiefgehen kann, geht schief, erinnerte ich mich. Aus irgendeinem Grund wechselte er wieder ins Englische. »Übrigens haben fast 25 Prozent der Bewohner von Colorado deutsche Wurzeln. Du kannst dir also nie sicher sein, ob dich nicht doch jemand …«

»Belauscht?«

»Versteht«, antwortete er schmunzelnd und schob den Teller in einer versöhnlichen Geste näher zu mir heran.

Ich ließ mich darauf ein, nahm das Sandwich und biss hinein. Es schmeckte köstlich. Das Brot war frisch getoastet und kross und mit knackigen Salatblättern, Tomatenscheiben und gebratenen Truthahnstreifen belegt.

»Wow«, stieß ich genüsslich aus. »Das ist lecker.«

»Danke.« Seine Mundwinkel hoben sich zufrieden. Er hatte einen schönen Mund. Einen wirklich schönen Mund.

»Stimmt was nicht?«

Ertappt löste ich den Blick von seinen Lippen. »Nein, nein. Alles gut.« Rasch konzentrierte ich mich wieder auf das Sandwich, das eine regelrecht belebende Wirkung auf mich hatte. Als würde neue Energie in meine Venen schießen.

»Hey Sam, können wir noch zwei Cokes haben?«, rief eine junge Frau mit blonden, hüftlangen Dreads von einem der Tische herüber.

Sam also, dachte ich, während ich ihn dabei beobachtete, wie er zwei Flaschen aus dem Kühlschrank zog und sie öffnete. Der Name passte zu ihm. Zu den Haaren und dem Bart, den Tattoos. Sam.

»Hm?«

Abwartend sah er mich an, und mir wurde bewusst, dass ich seinen Namen laut ausgesprochen hatte. Ups.

»Ich bin Leonie«, war das Erste, das mir in den Sinn kam – und blöderweise auch gleich über die Lippen. Ich bin Leonie?!

»Okay.«

Mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen verwirrt und amüsiert lag, kam er um den Tresen herum und trug die beiden Flaschen zu dem Tisch, an dem das Mädchen mit den Dreads saß. Er stand mit dem Rücken zu mir, eine Hand lässig in der Hosentasche, und sagte etwas, das sie zum Lachen brachte. Die beiden schienen sich zu kennen, zu mögen, und plötzlich keimte etwas wie Eifersucht in mir auf. Nicht auf sie, sondern auf das, was sie hatten. Vertrautheit, Freundschaft, Nähe. Alle Menschen, die mir etwas bedeuteten, waren in diesem Moment über 5000 Meilen entfernt. Überfallartig brach ein Gefühl der Einsamkeit über mich herein.

»Also, Leonie aus Deutschland … Was führt dich nach Green Valley?«

Er lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tresen, stützte die Arme darauf ab und musterte mich interessiert, und seine plötzliche Aufmerksamkeit ließ mich schon wieder erröten. Du meine Güte, warum hatte der Kerl so eine Wirkung auf mich? Warum genügte seine Stimme, um mir ein Kribbeln die Wirbelsäule hinunterzujagen?

»Hab ich doch schon am Telefon erzählt. Deine Deutschkenntnisse sind scheinbar doch nicht so gut«, entgegnete ich mit gespieltem Bedauern.

Seine Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. »Ich hab nur die Hälfte mitbekommen und davon nur die Hälfte verstanden. Außerdem«, er neigte den Kopf in meine Richtung und hielt sich die Hand vor den Mund, »bin ich eigentlich zum Arbeiten hier.«

Er entlockte mir ein Schmunzeln.

»Ich bin nur auf der Durchreise.« Heimreise. »Eigentlich wollte ich jetzt schon in Denver sein, aber ich hab den letzten Bus verpasst, also …« Ich zuckte mit den Schultern und seufzte: »War nicht mein Tag.«

»Da sind wir schon zwei. Aber ich hab meinen noch nicht aufgegeben.«

»Hm?«

Sam deutete auf die Wanduhr. »Eine Stunde hat er noch.«

»Dann muss er sich aber ranhalten. Zumindest in meinem Fall.«

Seine Augen fixierten mich neugierig. »Machst du Urlaub hier?«

»Nein, Work and Travel. Das bedeutet …«

»Dass du arbeiten und reisen willst?« Mein stutziger Gesichtsausdruck ließ ihn breit grinsen. »Mein Deutsch ist okay, aber mein Englisch ist verdammt gut.«

Ich musste lachen und genoss das warme Gefühl, das sich in meiner Brust ausbreitete. Sam setzte gerade an, noch etwas zu sagen, als das Mädchen mit den Dreads auf uns zusteuerte und ihn darüber informierte, dass es in der Damentoilette eine kleine Überschwemmung gegeben hatte.

»Schon wieder?«, seufzte er genervt. Mit einer entschuldigenden Geste in meine Richtung stieß er sich von der Theke ab und verschwand durch die Tür. Leicht enttäuscht sah ich ihm nach. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich wohl in seiner Gegenwart. Es machte Spaß, mit ihm rumzuplänkeln, lenkte mich ab von all dem Chaos in meinem Leben. Und da war dieses Prickeln auf meiner Haut, wenn er mich ansah. Ein seltsames Flattern in meinem Magen. Plötzlich empfand ich etwas wie Bedauern darüber, dass ich ihn nach heute nie wiedersehen würde. Morgen um diese Uhrzeit würde ich vermutlich im Flugzeug nach Hause sitzen. Apropos morgen. Wenn ich wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekommen wollte, musste ich mich langsam auf den Weg zum Golden Leaf machen. Ich fischte mein Portemonnaie aus der Handtasche und zählte mein Bargeld. Genug für ein Bier und ein Sandwich, stellte ich erleichtert fest und schielte zur Tür, durch die Sam eben verschwunden war. Ob ich das Geld einfach auf den Tresen legen konnte? Aber ich wusste nicht, was das Sandwich kostete, und es stand nicht auf der Speisekarte. Und wenn ich ehrlich war, wollte ich auch nicht gehen, ohne Tschüss zu sagen. Also wartete ich.

Als Sam zehn Minuten später immer noch nicht zurückgekehrt war, traf ich eine Entscheidung. Ich packte meine Sachen zusammen, schlüpfte in meine Jacke und ging auf die Suche nach den Damentoiletten. Die Tür stand offen, und ein pflatschendes Geräusch drang in regelmäßigen Abständen an mein Ohr. Als ich mich näherte, sah ich Sam, der einen Wischmopp über den nassen Boden zog. Mit einem Klopfen gegen den Türrahmen machte ich auf mich aufmerksam.

»Musst du …?« Sein Finger deutete auf die Toilettenkabinen.

»Äh … Nein.« Röte schoss mir in die Wangen. »Ich wollte eigentlich nur zahlen …«

»Ach so. Hast du noch ein paar Minuten?« Er bückte sich, wrang den Wischmopp über dem Eimer aus und klatschte ihn wieder auf den Boden. »Ich muss das hier noch fertig machen.«

Kurz war ich abgelenkt von seinem T-Shirt, das sich über seinen Rücken spannte.

»Klar. Ich warte einfach.« Unschlüssig trat ich von einem Bein aufs andere. »Kann ich dir irgendwie … helfen?«

»Du könntest die Stellung an der Bar halten, solange ich hier«, er grinste selbstironisch, »beschäftigt bin.«

Erst hielt ich es für einen Scherz. »Ich soll …?«

»Nur kurz. Wenn es dir nichts ausmacht. Ich bin gleich fertig.«

»Okay«, antwortete ich, machte auf dem Absatz kehrt und lief zurück in die Bar, in der bereits Aufbruchstimmung herrschte. Zu meiner Erleichterung schienen alle die Preise in- und auswendig zu kennen. Etwas unbeholfen lehnte ich an der Theke und beobachtete sie dabei, wie sie Dollarscheine abzählten und auf Tische und Tresen legten. Als Sam endlich zurückkehrte, war nur noch ein Tisch besetzt. Ein Mann um die 40 lag mit dem Kopf auf der Tischplatte und döste selig.

»Sorry, hat doch länger gedauert.« Sam ging um den Tresen herum und wusch sich die Hände ausgiebig. »Das Waschbecken hat ein Leck. Ich hab Olly schon tausendmal gesagt, dass er es reparieren lassen soll.«

»Dann gibt es ihn wirklich?«

Verständnislos sah er auf.

»Den Mann, nach dem die Bar benannt ist.«

»Ach so, ja. Olly ist mein Chef. Eigentlich ein prima Kerl, aber … na ja, manchmal ein bisschen bequem.« Schmunzelnd zuckte er mit den Schultern. »Danke, dass du die Stellung gehalten hast.«

»Kein Problem. Ich musste ja nicht wirklich was tun.«

»Das da geht natürlich aufs Haus.« Er deutete auf mein Bier und den leeren Teller.

Ich wollte höflich protestieren, als er einen Schwamm auswrang und ihn zielsicher auf den Mann schleuderte, der inzwischen ein Schnarchkonzert veranstaltete.

»Feierabend, Frank!«

Der Mann – Frank – schreckte hoch, sah sich verpennt nach allen Seiten um und lallte etwas vor sich hin. Schwerfällig erhob er sich, zückte seinen Geldbeutel und legte ein paar Scheine auf den Tisch, bevor er sich torkelnd auf die Tür zubewegte. »Nacht«, nuschelte er und verschwand nach draußen. Sam begann indessen, die leeren Flaschen und Gläser einzusammeln und auf ein Tablett zu stellen. Unschlüssig beobachtete ich ihn dabei und kam mir schrecklich fehl am Platz vor.

»Ich geh dann auch mal«, sagte ich.

»Klar. Und danke noch mal.«

»Gern geschehen.« Ich spürte seinen Blick auf mir, als ich in meine Jacke schlüpfte und »Bye« murmelte. Spürte ihn in meinem Rücken, als ich zur Tür lief, nach der Klinke griff.

»Hey!«

Überrascht fuhr ich herum, schnell genug, um das Zögern zu bemerken, das wie das Flackern einer Kerze über sein Gesicht huschte.

»Hast du noch Lust auf ein Bier?«

»Ich muss morgen früh raus« – hätte ich sagen sollen. Stattdessen nickte ich. Und lächelte dabei.

3.

Also … warum machst du dieses Work-and-Travel-Ding?«

Mit zwei Bierflaschen kam Sam um den Tresen herum und nahm neben mir auf einem der Hocker Platz. Mir fiel auf, wie gut er roch. Obwohl die Luft um uns herum essensgeschwängert war, verströmte er einen unglaublich angenehmen Duft. Nach Seife, frischer Wäsche und … etwas anderem. Aber ich konnte nicht sagen, was es war.

»Ich will mich beruflich neu orientieren.«

Zu meiner Irritation prustete er los.

»Was ist daran so komisch?«, fragte ich fast gekränkt.

»Na, weil das klingt, als wärst du 40 und eine frustrierte Buchhalterin.«

»Woher willst du wissen, dass ich das nicht bin?«, entgegnete ich mit hochgezogenen Brauen.

»40?«, erwiderte er grinsend, woraufhin ich die Augen verdrehte. »Du siehst nicht aus wie eine Buchhalterin.«

»Wie sehe ich denn aus?« Unbeabsichtigt hatte sich ein provokanter Unterton in meine Stimme geschlichen.

Sam betrachtete mich, und es war, als würden seine Augen binnen einer Sekunde jeden Quadratmillimeter in sich aufnehmen. Mein Puls begann zu rasen, und ich wusste nicht, warum. Oder ich wusste es und konnte es nicht einordnen. Also tat ich dasselbe. Musterte ihn. Die Augen, die Nase, die Wangenknochen, die Lippen. Was tue ich da?, dachte ich, aber der Gedanke schwamm nur am Rande meines Bewusstseins und drang nicht bis zu mir vor. Dafür waren Sams Augen zu schön, seine Lippen zu geschwungen, seine Haare zu voll. Und dann, wie aus dem Nichts, unterbrach er den Blickkontakt. Er griff nach seiner Flasche und stieß sie gegen meine. Fast zeitgleich nahmen wir einen Schluck daraus. Das Bier schmeckte süßer und malziger als das letzte. Neugierig betrachtete ich das schwarz-weiße Etikett. Hipster IPAstand dort in einer Schreibmaschinenschrift. Spinnert!, hallte die spöttische Stimme meines Vaters durch meinen Kopf.

»Da wir jetzt ausgeschlossen haben, dass du Buchhalterin bist … Was hast du bisher gemacht?«

»Ich hab in der Brauerei meiner Familie gearbeitet.«

»Als was?«

»Als Brauerin«, erwiderte ich mit einer Selbstverständlichkeit, die ich mir über die Jahre antrainiert hatte.

»Du bist Brauerin?« Er klang erstaunt.

»Lass mich raten: Ich sehe nicht aus wie eine?«, erwiderte ich etwas gelangweilt.

»Na ja, die Brauer, die ich so kenne, haben alle Vollbärte.«

Ich fuhr mir über Kinn und Wangen. »Hab’s versucht, aber da wollte nichts wachsen.« Mit gespieltem Bedauern zuckte ich die Schultern. Sam lachte.

»Warum willst du aufhören? Mit dem Brauen?«

»Will ich gar nicht. Ich möchte mich nur künftig auf Craftbeer konzentrieren und mein eigenes Bier brauen.« Ich ließ die Worte nachklingen und wartete leicht nervös auf seine Reaktion – die prompt kam.

»Cool«, sagte er und nippte an seinem Bier. »Was reizt dich daran? Am Craftbeer, meine ich.«

»Die Kreativität«, antwortete ich, ohne zu zögern. »Alles ist möglich. Neue Rezepte, neue Aromen, neue Kombinationen.« Sein aufmerksamer Blick ermutigte mich, fortzufahren. »Ich muss mich nicht an irgendwelche starren Regeln halten, weil man das eben schon immer so gemacht hat. Wenn ich Lust habe, mische ich mein Bier mit Kaffee oder … Lavendel … Kirsche … Rosmarin.« Ich betrachtete das Etikett der Flasche. »Und wenn ich es am Ende Hipster IPA nennen will, kann mir das auch keiner verbieten.«

Sam schmunzelte, und ich spürte, wie ich errötete.

»Sorry, jetzt hab ich dir einen Vortrag gehalten.«

»Quatsch, das war irgendwie … süß.«

»Süß?!«

»Okay … nicht süß.« Entschuldigend hielt er sich die Hände vor die Brust. »Was ich damit sagen wollte: Man hört dir an, dass du dafür brennst.«

»Ja.« Ich spürte, wie meine Euphorie etwas anderem Platz machte: der Realität. »Brennen ist das Stichwort des Tages.«

Ich erzählte ihm von dem geplatzten Praktikum bei Kettle Brew und meiner aussichtslosen Lage, und er hörte aufmerksam zu, hakte nur ab und zu nach oder nickte.

»Hast du vor, es noch mal zu versuchen? Von zu Hause aus?«

»Du meinst, ob ich noch mal zwanzig Bewerbungen schreiben, hundert Formulare ausfüllen und tausend Dollar für einen Flug ausgeben möchte?« Ich stieß ein bitteres Lachen aus. »Eher nicht …«

»Also gehst du zurück in deinen alten Job?«

»Nein«, kam es entschlossen aus meinem Mund. »Ich will mein eigenes Ding machen. Das Praktikum bei Kettle Brew wäre ein Traum gewesen, keine Frage. Ich hätte von den Besten lernen können, Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen können, aber«, ich schluckte und legte allen Optimismus in meine Stimme, »ich kann meine Pläne auch irgendwie von zu Hause aus weiterverfolgen. Vielleicht dauert es länger, aber … hey, Träume haben ja kein Verfallsdatum.« Ich brachte nur ein halbherziges Lächeln zustande und konzentrierte meinen Blick auf das Etikett der Bierflasche. Auf einmal war die Stimmung seltsam gedrückt, weshalb ich rasch das Thema wechselte.

»Was ist mit dir? Kommst du direkt aus Green Valley?«

»Yep.«

»Lebst du gern hier?«

»Jetzt wieder … ja.« Abwartend sah ich ihn an, aber er fügte nichts mehr hinzu. Und dann tat er es doch. »Nach der Highschool wollte ich erst mal weg. Mir war hier alles zu klein und provinziell. Zu konservativ. Also bin ich eine Weile mit dem Rucksack durch Europa getrampt, hab hier und da ein bisschen gejobbt und bin schließlich in Zürich hängen geblieben.«

Kurz fragte ich mich, wie man ausgerechnet in Zürich hängen bleiben konnte. Da war garantiert eine Frau im Spiel gewesen.

»Aber es hat dich wieder in die Heimat gezogen«, mutmaßte ich.

Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein Schatten über sein Gesicht, aber er nickte. In einem Zug leerte ich meine Flasche und stellte sie vor mich auf den Tresen.

»Willst du noch eins?«

Ich schielte auf die Uhr und stellte erschrocken fest, dass es weit nach Mitternacht war. Und auch, wenn Sam wie eine Gravitationskraft wirkte, die mich auf meinem Barhocker halten wollte, siegte diesmal meine Vernunft.

»Mein Bus geht morgen sehr früh. Ich sollte wenigstens noch ein paar Stunden schlafen.«

Obwohl er nickte, blitzte in seinem Gesicht Bedauern auf, und meine Entschlossenheit geriet gefährlich ins Wanken. So gefährlich, dass ich mich rasch vom Barhocker herunterschob und meine Jeansjacke von der Lehne zog. Sein Blick heftete sich auf mich, während ich hineinschlüpfte und an den Knöpfen nestelte. Gingen die schon immer so schwer zu? Aus dem Augenwinkel sah ich, dass er ebenfalls von seinem Barhocker glitt.

»Danke.«

Überrascht hob ich den Kopf und stellte fest, dass er direkt vor mir stand. So nah, dass sich unsere Fußspitzen fast berührten. Dass ich wieder diesen angenehmen Duft in der Nase hatte, der von ihm ausging.

»Wofür?«, krächzte ich, überfordert von seiner Nähe. Seinem Geruch.

»Dass du meinen Tag noch gerettet hast.« Seine Stimme war warm und ruhig und bildete einen heftigen Kontrast zu meinem Herz, das nun wie wild in meiner Brust hämmerte. Vor Aufregung. Vor Freude. Vor Nervosität. Vor … Verlangen. Ein Verlangen, das bis in die letzte Zelle meines Körpers drang und jeden Widerstand, jede Vernunft, jede Überzeugung auslöschte. Nur so konnte ich es mir erklären, dass ich den Knopf losließ und ihn ansah. In seinen Augen flackerte etwas Dunkles auf. Eine Nanosekunde später prallten unsere Lippen aufeinander. Adrenalin schoss durch meine Venen, als sich unsere Zungen trafen, sich erst sanft erkundeten, um dann ungeduldig und drängend miteinander zu spielen. Er stöhnte, als ich meine Arme um seinen Nacken schlang und die Finger in seinem Haar vergrub, das sich unglaublich weich anfühlte. Viel weicher als der harte Körper, der sich gegen meinen drückte. Ich spürte seine Wärme, seinen Herzschlag, das Vibrieren seines Brustkorbs. Sam vergeudete keine Zeit und dirigierte mich, ohne unseren Kuss zu unterbrechen, zu einem der Tische. Seine Hände griffen um meine Taille, hoben mich hoch und setzten mich auf der Tischplatte ab. Er schob sich zwischen meine Knie, legte seine Hände auf meinen Hintern und zog mich näher zu sich. Hitze sammelte sich in meinem Körper. Ein kehliger Laut drang aus seinem Mund, als meine Hände über sein Shirt fuhren, während seine Lippen meinen Hals hinabwanderten, mein Schlüsselbein küssten, mich vollkommen unter Strom setzten. Alles um mich herum verblasste, und meine Welt bestand nur noch aus ihm, seinem Mund, seinen Händen, seinem Körper. Und dann, wie aus dem Nichts, löste er sich von mir. Als hätte er sich verbrannt, machte er einen Schritt zurück. Von mir weg.

»Was ist los?«, fragte ich irritiert.

Sein Atem ging abgehackt, seine Brust hob und senkte sich schwer.

»Wir sollten das nicht tun.«

Vollkommen verwirrt starrte ich ihn an, während mein Körper vor Protest bebte, weil man ihm etwas in Aussicht gestellt hatte und nun verweigerte.

Unschlüssig fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. »Es ist keine gute Idee, glaub mir.«

Ich schluckte angestrengt und spürte, wie mir die Röte ins Gesicht kroch. Passierte das hier gerade wirklich? »Okay«, murmelte ich wie betäubt und rutschte vom Tisch. Dem Tisch, auf dem wir fast … auf dem wir vielleicht …

»Es hat nichts mit dir zu tun. Echt nicht.«

Ich nickte überfordert und wünschte mir die Superkraft, mich in Luft auflösen zu können. »Ich … äh … gehe dann mal …« Mein Zeigefinger wanderte in Richtung Tür.

»Wo übernachtest du?«

Seine Frage irritierte mich. Kurz überlegte ich, ob ihm die Antwort darauf zustand. »Im Golden Leaf.«

»Ich fahr dich hin.«

»Nein!«, kam es viel zu schnell aus meinem Mund. Ich räusperte mich. »Musst du nicht.«

»Ich weiß. Aber es ist schon spät. Und ziemlich kühl da draußen.«

»Ich habe eine Jacke dabei«, antwortete ich das Offensichtliche.

»Der Weg zum Leaf ist nicht beleuchtet. Ich fahr dich.«

Weil ich begriff, dass Widerspruch zwecklos war und diese unangenehme Situation hier nicht angenehmer wurde, nickte ich. Stumm verfolgte ich, wie Sam in eine schwarze Lederjacke mit grauer Kapuze schlüpfte, die Lichter ausschaltete und die Tür hinter uns abschloss. Als wir gemeinsam ins Freie traten, war ich froh, auf ihn gehört zu haben. Es war empfindlich kalt für eine Septembernacht, und in meiner Jeansjacke fror ich bereits jetzt.

»Da steht mein Auto.« Sam deutete auf einen dunklen Geländewagen, der mutterseelenallein auf dem Parkplatz stand. Als ich die Beifahrertür aufzog, schlug mir leichter Kaffeegeruch entgegen, was vermutlich an dem Thermobecher lag, der in der Mittelkonsole stand. Im Radio lief ein Song von Katy Perry, den ich gerne unter der Dusche trällerte. Sam schien er nicht zu gefallen. Er wechselte den Sender, bis ein mir unbekannter Indie-Rock-Song aus den Lautsprechern drang, und startete den Wagen. Schweigend rollten wir über den Parkplatz. Auf der kurzen Fahrt zum Golden Leaf sagte niemand etwas. Ein beklommenes, unangenehmes Schweigen. Erleichterung durchströmte mich, als wir endlich in das Waldstück einbogen, das zu meiner Unterkunft führte. Es lag tatsächlich komplett im Dunkeln, und erneut war ich dankbar, auf Sam gehört zu haben.

»Danke fürs Fahren«, sagte ich und schnallte mich hastig ab.

»Kein Problem.«

Es klang förmlich. Viel zu förmlich, wenn man bedachte, was wir vorhin getan hatten. Fast getan hatten. Kurz fragte ich mich, wie weit ich gegangen wäre, und mein Kopfkino antwortete prompt. Als ich schon dabei war, auszusteigen, streckte er seine Hand nach meinem Arm aus, bekam stattdessen aber meine Hand zu fassen. Dieser Bruchteil einer Sekunde, in dem sich unsere Hände berührten, ineinanderlagen, reichte aus, um etwas durch meine Adern schießen zu lassen, das sich wie Brausepulver anfühlte. Und ein schneller Blick in seine Augen verriet mir, dass es ihm genauso ging.

»Das vorhin …«, begann er stockend. »Es hatte wirklich nichts mit dir zu tun.«

»Schon okay.«

»Nein, es …« Er seufzte und senkte den Kopf. »Wir hätten es morgen bereut.«

Ich nickte, war mir aber nicht sicher, ob ich ihm wirklich zustimmen wollte. Darüber würde ich mir in ein bis zwei Minuten Gedanken machen. Vielleicht auch die ganze Nacht. Und morgen … übermorgen …

»Mach’s gut, Leonie aus Deutschland«, durchbrach er meine Gedanken. »Du hast meinen Tag wirklich gerettet.«

Er sagte es auf Deutsch, und für einen winzigen Moment blieb mein Herz stehen.

»Du auch, Sam aus Green Valley.«

Unser Blickkontakt hielt noch ein paar Sekunden lang an, und das Lächeln, das er mir schenkte, bevor ich mich abwendete, sorgte dafür, dass ich fast über meine eigenen Füße gestolpert wäre. Mit Beinen aus Pudding stieg ich die Verandastufen hinauf, während die Motorengeräusche hinter mir leise wurden und verstummten.

Wenig später lag ich in meinem Bett und starrte an die dunkle Zimmerdecke. Schlaf war nicht in Sicht, und dass ich mir permanent Sams Küsse in Erinnerung rief, das Gefühl seiner Hände auf meinem Körper, meiner Haut, machte es nur schlimmer. Warum hatte er seine Meinung so plötzlich geändert? Und warum wurmte mich das dermaßen? Ich hatte noch nie in meinem Leben einen wildfremden Kerl geküsst, war noch nie so weit mit jemandem gegangen, den ich nicht kannte. Warum mit ihm? Weil ich mich einsam gefühlt hatte? Nähe gesucht hatte? Kurz blitzte in mir der Verdacht auf, ich könnte womöglich auf eine Barkeeper-Masche reingefallen sein. Schütte mir dein Herz aus, Kleines. Ich mach es wieder heil.