New Hope City - Severin Beyer - E-Book
NEUHEIT

New Hope City E-Book

Severin Beyer

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Beschreibung

Ein unschuldiger Serienmörder. Ein Kommissar, den die Schatten seiner Vergangenheit jagen. Ein Junkie auf der Flucht vor der Realität. Drei Schicksale am Abgrund.

Sie alle vereint die Jagd nach dem wahren Schuldigen, der hinter der mysteriösen Mordserie steckt, welche die schwimmende Metropole New Hope City im 24. Jahrhundert in Atem hält.

Ob an der glitzernden Oberfläche der City, in den tiefsten Ebenen der Underworld oder in den Weiten des Netzes - die Suche nach dem Täter wird zu einem tödlichen Spiel gegen die Zeit.

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Seitenzahl: 371

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© 2020 Begedia Verlag

© 2020 Severin Beyer

Covergestaltung — Atelier Tag Eins

Lektorat und Satz — Harald Giersche

e-Book-Bearbeitung — Harald Giersche

ISBN13 — 978-3-95777-142-1 (epub)

In Gedenken an meinen Vater Joe

(13.03.1959 – 26.03.2016)

New Hope: Ein Prolog

»Glauben Sie kein Wort von dem, was Sie hier lesen - denn dies ist meine Geschichte. Wie jeder Mensch neige ich dazu, Unangenehmes zu beschönigen, zu vergessen oder es sogar schlichtweg wegzulassen. Wissentlich wie unwissentlich. Glauben Sie mir weder die schlechten noch die guten Dinge, die ich Ihnen erzählen werde. Denn die Erinnerung verändert sich und neigt zur Übertreibung. Und egal, wie überzeugt ich von meiner Darstellung der Ereignisse auch scheinen mag, so kann es damals auch ganz anders gewesen sein. Ich sage Ihnen dies am Anfang dieses Buches, um Sie vor dem Fehler zu bewahren, die kommenden Seiten tatsächlich für wahr zu halten. Halten Sie nie das für wahr, was Menschen über sich selbst erzählen. Auch das nicht, was andere Menschen über diese Menschen berichten. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen all dem Gesagten und dem Nichtgesagten. Nur so werden Sie vielleicht verstehen, wer ich einmal war.«

Ernst Stern, Biographie eines Jedermanns

*

Die Buchstaben der Biographie eines Jedermanns flimmerten über den Holobildschirm, doch nur das kleine Mädchen, das auf einem Sitz hinter Rien kniete, las gelangweilt mit. Rien grinste. Aus seinem rechten Mundwinkel tropfte Sabber. Niemand in der schwülen Hitze der Metropolbahn bemerkte seinen starren Blick, sein Grinsen oder seinen Speichel, der an seinem Mundwinkel herabrann. Nur das Mädchen hinter ihm fragte sich, wann der Loser vor ihr denn endlich zur nächsten Seite switchen würde.

Das was seine Standardprozedur, wenn er unterwegs und voll drauf war: Er versteckte sich hinter dem Hologramm-Bildschirm, den der kaum daumengroße Smartpod erzeugte, den er wie einen Ring an einer Kette um seinen Hals trug. Momentan waren die Buchstaben vor ihm das Einzige, das ihn noch an die andere Realität band.

›Fuck‹, mehr konnte er nicht denken, brauchte es aber auch nicht, da dieses Wort allein vollkommen ausreichte. Es war ja schon widerlich, dass die gute alte Dreidimensionalität flöten gegangen war, aber das nun auch noch die verbliebenen Reste des Raum-Zeit-Kontinuums vollkommen erodierten, machte ihn einfach nur fertig.

›Fuck‹, er hätte nicht beide Pillen auf einmal einwerfen dürfen, eine Black Light allein hätte vollkommen ausgereicht. Diese Dröhnung … Aber er war zu gierig gewesen, zu ausgehungert, als er die zwei silbern schimmernden Tabletten im Chaos seiner alten Wohnung gefunden hatte. Er hatte schon die kalten Nadelstiche gespürt, die ihn zurück in die andere Realität zogen. Oh Gott, was hatte er nur getan … Er durfte überhaupt nicht daran denken, was gerade mit seinem Körper geschah. Hoffentlich hatte er sich nicht eingeschissen, dort, wo auch immer er sich im Moment befinden mochte. War er noch in der Metropolbahn? Doch er vergaß die Frage, noch ehe er sie zu Ende gedacht hatte, da die Buchstaben der Biographie eines Jedermanns vor ihm zerflossen und ihm auf die Hose tropften. Kleine schwarze Punkte, die sich auf ihm ausbreiteten und mit der verwaschen braunen Farbe der Sitzbezüge verschmolzen, die früher wahrscheinlich einmal Burgunderrot gewesen war.

›Shit!‹ Er variierte gedanklich seinen Fluch, was in seinem aktuellen Zustand bereits eine beachtliche geistige Eigenleistung darstellte ›Ich werde eins mit Mutter Natur!‹ Das konnte er überhaupt nicht brauchen, wenn er auf einem Trip mit seiner Umwelt verschmolz. Er musste hier raus, zur Not seinen Körper verlassen, seinen Geist aufgeben, musste unbedingt an der nächsten Haltestelle aussteigen, musste sich dringend bewegen. Bewegung rettete vor der Übermacht einer der beiden Realitäten, Bewegung stellte das Gleichgewicht zwischen Ekstase und Schrecken her. So wie es eben sein sollte, wenn er voll auf Droge war.

›Bewegen!?‹ Unschlüssig darüber, ob das überhaupt möglich war, versuchte Rien seine Beine aus dem Sitz der Bahn der Linie U2 13 zu lösen. Panisch starrte er seine beiden Oberschenkel an, die wie in Beton gegossen an den verwaschen braunen Sitzen der Bahn festklebten.

Rien fokussierte seinen Geist auf seine Beine. ›Bewegt euch schon‹, schoss es ihm durch den Kopf. Er kam sich vor wie ein Psioniker aus einer Science Fiction-Geschichte, der Objekte mittels Telekinese im Raum verschob. Dabei verwackelten die bisher noch nicht zerflossenen Buchstabenreste vor seinem Gesicht vollends und spritzten in alle Richtungen: Die zerfließenden Farbtupfen verteilten sich in der gesamten Metropolbahn. Dort, wo sie aufprallten, breiteten sie sich aus wie eine bösartige Infektion. In einem singulären Augenblick einer lichten Eingebung fasste sich der Junkie an den Hals und erfühlte, nein, erahnte seine Halskette, an der er sich bis zu seinem Smartpod vortastete. Panisch schaltete er seinen mobilen Computer auf schon fast vorsintflutliche Weise direkt am Gehäuse aus. Seine Zunge war zu gelähmt für Sprachbefehle.

Die Buchstaben verschwanden und gaben den Blick auf die Umgebung frei. Das brachte Rien aber nicht viel, da Umgebung minus Raum-Zeit-Kontinuum gleich ein riesiges verschwommenes Etwas bedeutete. Ein weiteres Mal versuchte er seine Beine aus dem Sitz zu lösen, sie aus dem zähen, gummiartigen Untergrund herauszubekommen, der sie umklammert hielt. Er fasste nach einem Haltegriff, um sich hochziehen. Ein Hoffnungsschimmer glitt durch seinen verschwommenen Verstand. Das durfte er nicht vermasseln, schließlich hatte er nur diesen einen Versuch: Wenn es ihm jetzt nicht gelang, sich zu befreien, dann würde die Bahn ihn sich einverleiben, dann würde er ewig Teil der Linie U2 13 bleiben, dazu verdammt, bis zum Jüngsten Gericht auf den Schienen der Undercity herumzufahren. Rien mobilisierte alle seine Kräfte, um sich aufzurichten. Wenigstens die Zeit bis zu seiner endgültigen Verdammnis wollte er mit den anderen Toten ruhig unter der Erde verbringen, bis es an ihm war, gerufen und abgeurteilt zu werden.

Er hatte es geschafft, er stand. Die epischen Klänge von Also sprach Zarathustra von Richard Strauss erklangen, wie in solchen Situationen üblich. Er, Rien, war den Fängen der Metropolbahn entronnen!

Doch dann kam sie mit aller Wucht, die Wirkung der Black Light, die erbarmungslos in seinen soeben wieder reaktivierten Kreislauf einschlug, sich in seinen Körper und Verstand einhämmerte. Es war, als ob sein gesamter Organismus in seiner Existenz reduziert würde. Zuerst fühlte er nur noch seinen Herzschlag, fühlte ihn ausschließlich, als ob sein gesamter Körper nur noch aus diesem regelmäßigen, wuchtigen Pulsieren bestünde. Dann kamen die Knochen zurück, dicht gefolgt von den Muskeln, den Sehnen, den Nerven, gefolgt von den inneren Organen und zuletzt der Haut. Er spürte seine Existenz, spürte sie so schmerzlich-brutal, als ob er gerade eben erst zur Welt gekommen wäre. Das Farbenspektrum der anderen Realität kehrte grell verzerrt in einen extremen Kontrast aus Licht und Dunkelheit zurück. Der den Geist einlullenden Farbenmischmasch, der jenseits des Raum-Zeit-Kontinuums bestanden hatte, wurde in einem Fanal vernichtet, in einem vereinten Triumph von Rationalität und Sinneswahrnehmung.

Rien sah, dass alles gut war. Er befand sich in der Metropolbahn und hatte noch zwei Stationen vor sich, ehe er an seinem Ziel ankam. Die Lichter der unterirdischen Tunnelbeleuchtung blitzten am Fenster der vorbeifahrenden Bahn auf und verschwanden wieder genauso schnell. Niemand schien von seinem Trip Notiz genommen zu haben, nur ein kleines Mädchen mit grässlich pinkfarbener Jacke starrte ihn an. Das Pink der Jacke störte ihn mehr als das Mädchen, aber er wusste, dass der grässliche Farbeffekt durch die Nachwirkung der Black Light hervorgerufen wurde. In einer Vorahnung strich er sich den Sabber aus dem Mundwinkel, rückte seine Sonnenbrille zurecht und bewegte sich unauffällig Richtung Ausgang. Er würde eine Station früher aussteigen, denn jetzt, da die Black Light so wirkte, wie sie sollte, war es einfach nur geil, sich zu bewegen, den eigenen Körper zu spüren, die bloße Tatsache zu existieren.

Erasmus-von-Rotterdam-Platz – Place Érasme de Rotterdam – Plaza Erasmo de Róterdam … auf der Anzeigetafel der Metropolbahn liefen bereits die Namen der nächsten Haltestelle in den Amtssprachen der Europäischen Föderation (EF) durch.Es war brütend heiß in der Bahn, obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren lief – dabei hatte der Sommer noch nicht einmal begonnen.

Riens drogenverzerrtes Grinsen war zu einem entspannten Lächeln geworden. Bei Catherine und Jacques gab es erst einmal einen Schlafplatz, bis er anderswo etwas Neues gefunden hatte.

Die Linie U2 13 wurde langsamer und kam zum Stillstand. Die automatischen Türen öffneten sich und Rien trat in das Gewimmel der Leute, die sich aus dem Bahnhof auf den Erasmus-von-Rotterdam-Platz ergossen, dem zentralen Knotenpunkt der Unterebene zwei, die allgemein nur als die Undercity bekannt war.

Der Erasmus war der einzige Ort dieser Metropolebene, auf den natürliches Sonnenlicht fiel. An manchen Tagen benetzten ihn sogar Regentropfen. Doch im Augenblick war ein durchsichtiges Schutzdach darüber gespannt. Es war einer der wenigen sonnenbeschienenen Stellen in einer ansonsten vom künstlichen neonfarbenen Licht erhellten Welt. Meistens musste das künstliche Licht jedoch ausreichen, da die Strahlen der Sonne je nach Tageszeit und Lage der Stadt von den Wolkenkratzern der City abgeblockt wurden, die an der Oberfläche der Metropole in den Himmel ragten. Von seinen Bewohnern kaum bemerkt, lag der Erasmus-von-Rotterdam-Platz mehrere hundert Meter unter dem Meeresspiegel, inmitten von New Hope City, der schwimmenden Metropolarkologie Europas.

Rien ignorierte die schwindelerregenden Höhen über sich. An die Leistungen der Menschheit, die diesen Lebensraum im Meer erst möglich gemacht hatten, verschwendete er keinen Gedanken, sondern nutzte schleunigst die Masse der Menschen, um in ihr unterzutauchen. Auch wenn er sonst nichts zum Einwerfen dabei hatte, hatte Rien keinen Bock darauf, von einem Polizisten angehalten zu werden. Denn wie der Zufall es wollte, wimmelte es bei den öffentlichen Toiletten zwanzig Meter weiter vor ihm nur so von Bullen. Was für ein Menschenauflauf. Wahrscheinlich wieder einer dieser Mumienmorde, die die Stadt seit Monaten in Atem hielten.

Der Junkie beeilte sich, weiterzukommen. Mit der heutigen Technologie konnten schon die simpelsten Überwachungskameras seinen Organismus durchleuchten und anhand seiner Körperwerte feststellen, dass er vollkommen auf Droge war. Das würde ihn zwar nicht ins Gefängnis, dafür aber mindestens 24 Stunden in eine Ausnüchterungszelle bringen. Wenn Rien nur an die Entzugserscheinungen dachte … Ihn fröstelte vor der anderen Realität, ehe er vollständig in der Menschenmenge verschwand.

*

Kommissar Steiner blickte sehnsüchtig den ein- und abfahrenden Bahnen, den darin ein- und daraus aussteigenden Passagieren hinterher, ehe er sich wieder seinem ernüchternden Arbeitsalltag zuwandte. Seit dem Ende der Quarantäne, die aufgrund der Kalkutta-Pest geherrscht hatte, gab es für ihn und seine Kollegen wieder reichlich zu tun. Ein antibiotikaimmunes Bakterium konnte ihn schließlich nicht ewig von der Arbeit abhalten.

Zum Tatort musste Süleyman Steiner nicht mehr zurückkehren. Dort hatte er alles gesehen. Um den Rest kümmerten sich bereits die Roboterdrohnen von der Spurensuche, die Ergebnisse würde er früh genug erfahren. Nachdem der Mittsechzigjährige seinen Kaffeebecher in einen Recyclingeimer geworfen hatte, verließ er den abgesperrten Tatort, um zum Polizeivan zurückzukehren. Das gepanzerte Fahrzeug erinnerte ihn mit seiner genoppten Oberfläche entfernt an eine vorurzeitliche Raupe. Die Schiebetür öffnete sich automatisch, als der Kommissar näherkam. Steiner stieg ein.

Dort saß er: Hinter einer Sicherheitsscheibe befand sich der einzige Zeuge und zugleich auch der Hauptverdächtige, den die Mordkommission AlbinoBlue hatte. Der Kommissar nahm die Hand aus der Tasche seines Trenchcoats und setzte sich seinem Verdächtigen gegenüber. Er blickte in ein tiefblaues, eiskaltes Augenpaar, das ihn scheinbar seelenruhig musterte. Es gehörte zu einem unerhört gutaussehenden jungen Mann. Diese Schönheit war nicht natürlich. Und richtig – die feinen und doch zugleich seltsam markanten Gesichtszüge, das tiefschwarze kurze Haar und die vornehm bleiche, schon beinahe weiße Haut waren das Werk transhumaner Modifizierungen. Das Alter des Verdächtigen zu bestimmen war damit ohne weitere Überprüfungen unmöglich. Allein von der äußeren Erscheinung her zu urteilen hätte Steiner ihn auf 18 oder vielleicht 20 Jahre geschätzt.

Der Kommissar scannte den Körper des Zeugen mithilfe seines künstlichen linken Auges, das er als stete Erinnerung an eine lang zurückliegende Kopfverletzung trug. Die Daten tauchten auf seinem geistigen Bildschirm auf. Es dauerte einen Moment, bis er sie verstand. Vor ihm saß kein Mensch. Zumindest war es kein Mensch mehr. Die Vielzahl an biotechnologischen, mechanischen sowie nanotechnischen Modifikationen und Implantate hatten die Biologie des Menschen vollkommen ersetzt, der sie in sich trug.

Kommissar Steiner war überrascht, obwohl er wusste, dass der hundertprozentig transhumane Körper Realität war. Er besaß eine vage Vorstellung von den Kosten, schließlich hatte ihm der Veteranenfond der Peaceforce sein linkes künstliches Auge und den dazugehörigen Mindrechner, der die Funktionen des Augenimplantats steuerte, nur zum Teil bezahlt. Die Person, die vor ihm saß, musste steinreich sein.

»Sie sind Ben Rivera?«, begann Steiner sachlich, nachdem er die Informationen über den Verdächtigen durchgegangen war, die ihm seine Kollegin zusammengestellt hatte. Der so Bezeichnete lehnte entspannt in seinem Sitz, die Beine lässig übereinandergeschlagen.

»Ja, so heiße ich. Und mit wem habe ich die Ehre?«

»Süleyman Steiner. Ich bin der leitende Kommissar in diesem Mordfall. Sie waren es, der die Polizei gerufen hat.«

»Das ist richtig, doch habe ich den genauen Hergang der Ereignisse bereits ihrer Kollegin geschildert. Warum bin ich immer noch hier?«

»Leider nahm Kommissarin Dvorac Ihre Aussage nur provisorisch entgegen. In diesem Wagen erfolgt die endgültige, für das Gericht zugelassene Videoaufzeichnung. Sie müssen daher Verständnis dafür haben, wenn Ihnen einige der Fragen bereits vertraut vorkommen. Man hat Sie über Ihre Rechte belehrt? Sie wollen keinen Anwalt? Gut.

 Fangen wir doch damit an: Was haben Sie in der genderneutralen Toilette gemacht?«

»Was denken Sie? Ist das nicht offensichtlich?«, bekam er leidenschaftslos zur Antwort. Für eine Person, die gerade eben Zeuge eines Mordes geworden war, eindeutig zu leidenschaftslos.

»Mit Ihrem transhumanen Körper haben Sie sicherlich genügend Kontrolle über sich, als dass Sie ein solch versifftes Loch aufsuchen müssten«, versuchte ihn der Kommissar aus der Reserve zu locken »Wenn man dann noch hinzunimmt, dass Sie als Mann eine Toilette aufgesucht haben, die speziell für Menschen gedacht ist, die außerhalb der standardbinären Geschlechterordnung beheimatet sind …« Er beendete seinen Satz nicht.

»Sie haben mich also gescannt. Seit wann haben Sie denn Ihr künstliches Auge?«, die Stimme des Zeugen nahm einen spöttischen Tonfall an »Haben Sie es in einem Friedenseinsatz verloren und durch dieses Implantat ersetzt bekommen? Lassen Sie mich raten: Sie waren damals ’53 im Sultanat Türkei im Einsatz?«

»In der Südtürkei, aber …«

»Waren Sie in einer der verstrahlen Zonen?«, unterbrach ihn der Verdächtige Rivera forsch.

»Gelegentlich. Die Strahlung des großen Atomkriegs war in vielen Regionen dort unten sehr stark. Ist sie eigentlich immer noch …«, Steiner hatte dieser unerwartete Punkt aus dem Konzept gebracht, doch er sammelte sich und nahm das Gespräch wieder auf »Sie haben meine Frage nicht beantwortet: Warum waren Sie …«

Noch ehe er vollkommen ausgesprochen hatte, fiel ihm der Zeuge erneut ins Wort. In unpassend vertraulicher Freundlichkeit ratterte er los:

»Da haben Sie vollkommen Recht, ich hätte darauf verzichten können, eine Toilette aufzusuchen. Es bestand keine unmittelbare Notwendigkeit dazu. In dieser Sache kann ich leider nichts Entlastendes zu meinen Gunsten vorbringen. Ja: Ich habe mich in der genderneutralen Toilette aufgehalten, nachdem ich meinen Entschluss getroffen hatte, dass es Zeit wäre, meinen Körper von überflüssiger Flüssigkeit zu befreien. Allerdings lag es nur am überfüllten Zustand der Männertoilette zu diesem Zeitpunkt, weswegen ich mich dort befand. Das ist vielleicht etwas anstößig, aber ganz sicher kein Verbrechen, oder?«

Der Verdächtige mauerte. So kam Steiner nicht weiter. In betont sachlichem Ton wechselte er das Thema:

»Erzählen Sie mir, was sich am Tatort abgespielt hat.«

»Nun, nachdem ich die Lokalität, die Sie so treffend als ›Loch‹ bezeichnet haben, betreten hatte, habe ich eine der Kabinen aufgesucht. Doch noch ehe ich sie erreichte, hörte ich einen Schrei. Sein Ursprung lag hinter der benachbarten Trennwand rechts von mir. Ich habe dann wohl ›Brauchen Sie Hilfe?‹ oder irgendetwas in der Art gefragt. Daraufhin hörte ich ein dumpfes Geräusch, wie wenn jemand zu Boden sackt.«

»Was haben Sie dann gemacht?«

»Ich habe die Türe der Nachbarkabine aufgebrochen.«

»Und dann?«

»Wenn Sie wissen wollen, was für ein Anblick sich mir bot, so stellen Sie sich einen Metalltentakel vor, groß wie eine Python, an dessen vorderem Ende eine brutale Klaue prangte. Diese Monstrosität hatte sich um eine Person gewickelt, die sich verzweifelt wand, ohne auch nur den Hauch einer Chance zu haben. Die Klaue umschloss den Kopf des Opfers. Dabei machte sie ein verstörendes Sauggeräusch, während der Tentakel den unkontrolliert zuckenden Körper weiter auf den Boden drückte. Sie können sich meine Überraschung sicher vorstellen, einen solchen Anblick erlebt man schließlich nicht alle Tage.«

›Ziemlich freundliches Lächeln, dafür, dass er eine solche Szene erlebt hat‹, schoss es Steiner durch den Kopf.

»Nachdem ich nun die Türe eingetreten hatte, ließ der Tentakel von seinem Opfer ab und richtetet sich auf. Er fixierte mich. Ich kann nicht sagen, wozu er dies getan hat, aber es wirkte so, als ob mich dieses Ding mustern würde. Der mechanisch-metallische Körper des Tentakels pulsierte, fast als ob er lebendig wäre. So etwas habe ich noch nie gesehen.

Wie dem auch sei, wir standen uns einen Augenblick gegenüber, beide scheinbar unschlüssig. Plötzlich, vollkommen unvermittelt, sprang das Tentakelwesen in die Toilettenschüssel und verschwand durch den Abfluss. Als nächstes wählte ich die Nummer des Notrufs.«

»Hatten Sie denn keine Angst?«

»Sie haben doch meinen Körper gescannt, oder? Geben Sie zu: Selbst Sie hätten keine Lust, es mit mir aufzunehmen, wenn wir uns ohne trennende Scheibe begegnen würden. Dabei tragen Sie Ihre dienstliche Handfeuerwaffe bei sich und haben zusätzlich eine Kampfausbildung durchlaufen.«

Herausfordernd blickten die eisigen Augen des künstlichen Menschen Kommissar Steiner an. Ihm kam dieser Blick irgendwie bekannt vor, doch gelang es dem Kommissar nicht, die Assoziation einzuordnen, die das kalte Augenpaar in ihm hervorrief. Als ob dieser Rivera ihn als ein Stück Beute betrachtete. Steiner war sich ziemlich sicher, dass die Geschichte ausgedacht und erlogen war – der wahre Täter saß vor ihm.

»Ich wüsste nicht, was eine solche Konfrontation bringen sollte«, entgegnete der Kommissar trocken.

»Wer hat denn von einer Konfrontation gesprochen? Fühlen Sie sich etwa von mir herausgefordert? Oder gar bedroht? Entschuldigen Sie, falls ich diese Wirkung auf Sie haben sollte, das wollte ich nicht. Nein, wirklich nicht. Ich habe nur einen äußerst effektiven Körper, der Grund genug ist, sich sicher zu fühlen. Ich hatte einfach keine Angst, die Kabinentüre zu öffnen, genauso wenig wie ich Angst vor dem hatte, was ich dahinter gesehen habe.«

Steiner durchschaute diesen selbstgefälligen Schwall, der ihn nur provozieren sollte. Der Kommissar musste wohl konfrontativer vorgehen, um die Wahrheit zu erfahren. Nur für alle Fälle – und um sich zu beruhigen – lockerte er unauffällig den Halfter seiner Dienstwaffe, eher er fortfuhr:

 »Nur das ich das richtig verstehe: Sie wollen mir ernsthaft erzählen, dass dieses Ding das Opfer getötet hat? Woher soll ich wissen, dass nicht Sie es waren?«

»Was wäre mein Motiv? Außerdem würde es an ein Wunder grenzen, wenn der Mord keine DNA-Spuren an mir hinterlassen hätte. Ihre kleinen Drohnen-Helferlein haben meinen Anzug bereits abgesucht. Er ist schneeweiß wie die Unschuld selbst.«

»Ihr Anzug besteht aus Nanofasern, die verhindern, dass sich Schmutzpartikel jeglicher Größe darin einlagern. Das wissen wir bereits aus unseren Analysen. Außerdem könnte Ihr Körper so modifiziert sein, dass Sie nicht einmal Fingerabdrücke hinterlassen.«

»Touché! Das wäre natürlich möglich. In diesem Fall dürfte es aber so oder so schwierig sein, mir die Täterschaft an diesem Mord zweifelsfrei nachzuweisen«, erklärte der makellos geformte Verdächtige.

Dieser Rivera war mit allen Wassern gewaschen, Grund genug, dass er Steiner suspekt blieb. Er fixierte den Zeugen und scannte ihn ein weiteres Mal, jedoch sehr viel gründlicher als zuvor.

»Sie scannen mich schon wieder, nicht? Warum tun Sie das? Hoffen Sie, dass Ihnen das die Antworten auf Ihre Fragen verschafft? Ich glaube, Sie mögen mich nicht. Nicht, dass ich Ihnen deshalb einen Vorwurf machen würde, ich weiß ja selbst, dass ich nicht sonderlich glaubwürdig wirke. Die meisten Menschen wären von dem Anblick, den ich Ihnen geschildert habe, zutiefst verstört. Ich bin es aber nicht. Das ist verdächtig, klar. Aber es gibt meinerseits kein Motiv, es sei denn, Sie unterstellen mir pure Mordlust. Dann müssten Sie natürlich auch erklären, warum ausgerechnet ich die Polizei gerufen habe. Warum hätte ich dies tun sollen, wenn ich der Täter wäre?«

Abgebrüht. Einfach nur abgebrüht. Diese vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod eines anderen Menschen ließ auf eine ausgeprägte psychopathische Persönlichkeit schließen, was heutzutage nur noch ausgesprochen selten war. Aber das brachte Steiner nicht weiter. Weder konnte ein Psychopath etwas dafür, psychopathisch zu sein, noch war es kriminell, zumindest solange er niemanden in öffentlichen Toiletten massakrierte. Steiner brach den Körperscann ab, das brachte ihn nicht weiter.

 »Dürfte ich nun gehen oder haben Sie noch weitere Fragen an mich? Ihre Kollegin hat meine Kontaktdaten bereits aufgenommen, Sie können mich daher bei Bedarf jederzeit kontaktieren. Zu humanen Zeiten, versteht sich.«

Nein, er konnte ihn nicht gehen lassen. Auch wenn die Beweislage dünn war, war Rivera die beste Spur, auf die sie bisher in dieser Mordserie gestoßen waren. Vielleicht war er der mordende Pharao, den sie so dringend suchten. Natürlich würden gutbezahlte Anwälte noch heute den Verdächtigen gegen Kaution freibekommen. Aber wenigstens konnten Steiner und seine Kollegen ihn so im Auge behalten. Argus, das städtische System zur Videoüberwachung des öffentlichen Raums, dürfte es diesem Verdächtigen in Zukunft so gut wie unmöglich machen, sich unbemerkt in New Hope zu bewegen. Zumindest in den kontrollierten Bezirken, doch das war eine andere Geschichte.

Aber was, wenn er ihn zu Unrecht verhaftete? Dann hatte er einigen Ärger am Hals. Inzwischen wurden sogar Richter für Fehlurteile juristisch zur Rechenschaft gezogen. Und als einfacher Polizist war man ohne gute Rechtsschutzversicherung ohnehin aufgeschmissen.

Als Rivera in Handschellen abgeführt wurde, fiel Steiner ein, woran ihn dessen Blick erinnert hatte: An das tiefschwarze Auge eines weißen Haies, eines Killers der Meere. Bisher hatte er so etwas jedoch nur im Explorer Stream in einer Folge über ausgestorbene Arten gesehen.

Später, die künstliche Beleuchtung von New Hope war schon gedimmt, fuhr Süleyman Steiner nach einem anstrengenden Arbeitstag durch die heruntergekommenen Straßen eines der äußeren Bezirke der dritten Unterebene. Diese Ebene war so verratzt, dass die Einwohner sie nur noch den Bottom nannten. In vielen Vierteln funktionierte nicht einmal mehr der Hologramm-Himmel, der den Bewohnern der unteren Ebenen vorgaukeln sollte, im Freien zu leben. Das Problem der fehlenden Tag-Nacht-Beleuchtung hatten die Einwohner des Bottoms pragmatisch dadurch gelöst, indem sie die Hologramme der Reklameschilder bei Nacht dimmten, die die Straßen säumten. Die Gegend des Bottoms, die der Kommissar mit seinem E-Motorrad durchquerte, glich bei Nacht einem Gewirr von Katakomben, die in schummriges Licht getaucht waren.

Die ursprüngliche Bepflanzung, die die Arkologie für ihre unterirdischen Bewohner einst freundlicher gestaltete, war hier längst eingegangen. Der Asphalt der Straße hatte sich schon vor Jahren zurückgeholt, was ihm gehörte. Die Hologramm-Reklametafeln – ein vergeblicher Versuch, die kärglichen und verhärmten Häuserfronten zu verbergen – zeigten Steiner den Weg zum Ming. Wahrscheinlich wurden sie mit illegal abgezweigtem Strom betrieben. Die Polizei unternahm jedoch nichts dagegen, denn für die Orientierung waren die leuchtenden Schilder unverzichtbar. Denn auch die ursprüngliche Straßenbeleuchtung funktionierte schon seit langem nicht mehr.

Im Gegensatz zu den restlichen Bewohnern der Arkologie war Steiner nicht auf die öffentliche Metropolbahn, das Fahrrad oder die eigenen Füße angewiesen. Denn als Polizeibeamter stand ihm ein Dienstfahrzeug auch für den privaten Gebrauch zur Verfügung. Motorisierte Fahrzeuge waren mit wenigen Ausnahmen nur für Notfalldienste wie Polizei, Erste-Hilfe-Dienste oder Feuerwehr zugelassen. Obwohl über vier Millionen Menschen auf dieser Ebene wohnten, die damit etwas weniger als ein Drittel der Gesamtbevölkerung New Hopes ausmachten, traf der Polizeibeamte nur auf wenige Seelen.

Schließlich erreichte Steiner den Block, in dessen Inneren sich das Ming befand. Ohne abzusteigen, rauschte er mit seiner Maschine verbotenerweise durch den Zentralkorridor der Wohnwabe. Über einen Aufzug gelangte er mitsamt Motorrad in den siebten Wabenstock. Dort angekommen, folgte er dem nur spärlich beleuchteten Gangsystem, vorbei an Pennern und Drogensüchtigen. Endlich gelangte er zu einer abgewrackten, in traditionell chinesischen Stil gehaltenen Gebäudefront, über der schief mehrere gelbe Buchstaben hingen, die das Wort »MING« bildeten. Die Schrift bestand richtig oldschool aus LED-Röhren, statt aus einem projizierten Hologramm. Aus energetischer Sicht war das natürlich ein Albtraum. Das war das Ming, das Abbild einer einstigen Hochkultur, die in den Resten ihrer Ruinen vegetierte.

Der Kommissar aktivierte die biometrische Verriegelung seines Fahrzeugs und ließ sein Motorrad neben den beiden Türstehern zurück. Per Sprachbefehl fuhr sich sein Trenchcoat wieder aus, dessen untere Hälfte während der Fahrt hochgefaltet gewesen war, um nicht in die Speichen zu geraten. Die verlebte, schlecht rasierte Gestalt von Süleyman Steiner war hier bestens bekannt, daher kam er ohne weitere Fragen in die Spelunke. Sofort stieg ihm der aschige Geruch von Zigaretten in die Nase. Es war kein Geheimnis, dass man im Ming den EF-Nichtraucherschutz offen missachtete wie so vieles andere auch. Das war auch einer der Gründe, warum Süleyman diesen Schuppen so gerne aufsuchte: Irgendwann hatte er Dienstende, dann war er kein Polizist mehr. Und das Ming war für ihn schlichtweg die Verkörperung des Dienstendes.

Zielstrebig setzte er sich an den Tresen unter den goldenen Plastikdrachen, der von der Decke hing, und bestellte einen Drink. Dann drehte er sich auf seinem Barhocker um, sodass er mit dem Rücken zur Bar saß, lehnte sich zurück und genoss den ersten Schluck, der seine Kehle hinunterrann. Von dort sah er den Leuten beim Glücksspiel zu, beim Saufen, Rauchen, Kiffen, sah ihnen dabei zu, wie sie eine Line nach der anderen zogen und sich mit den stets neuesten Pillen und Tickets in andere Realitäten bombten. Es war ihm egal.

»Nicht viel los heute, hm?«, meinte er schließlich zu Pete, die heute eine Frau war und hinter der Bar die Drinks ausgab »Du, Pete, wo ist Madame Ming? Ich kann sie nirgendwo sehen.«

»Madame kommt heute später. Ich weiß aber nicht, wann«, versuchte Pete mit weiblicher Stimme zu antworten, was sich allerdings ziemlich absurd anhörte, da ihr Stimmmodulator schon etwas in die Jahre gekommen war. So war es mehr ein burschikoser Bass, ein extremer Widerspruch zur zierlichen Gestalt der gender-fluiden Person.

»Das macht nichts, dann warte ich. Noch einen White Russian, bitte.«

»Schon das erste Glas geleert? Du siehst ziemlich müde aus, Süleyman. Harten Tag gehabt?«

Süleyman rieb sich die linke Schläfe, während er in wenigen Zügen die Reste seines ersten Drinks leerte und sich zu Pete umwandte:

»Ich habe schon viel krankes Zeug erlebt; im Krieg, als Polizist … Und dabei denkt man immer wieder, dass man schon alles gesehen hätte. Vielleicht hat man das auch, aber trotzdem kommt ständig krankes Zeug dazu, das einen erneut fertigmacht. Ja …«, er besah sich sein leeres Glas und hatte das Gefühl, dass er noch nicht genug getrunken hatte, um dieses Gespräch zu führen. Süleyman war kein gesprächiger Mensch und so war der äußerst dankbar, als ihm die über und über tätowierte Pete seinen zweiten Drink rüberschob. Er rieb sich nachdenklich sein schlecht rasiertes Kinn.

»Zum Beispiel hatten wir heute wieder einen dieser Mumienmorde. Man sieht noch in die leeren Augen eines dieser ausgebluteten Opfer, dann zerfallen sie auch schon zu Staub. Aber das ist es nicht, was mich fertigmacht, nicht heute. Es ist unser Verdächtiger. Stranger Typ, ist zu 100 Prozent transhuman. Sogar sein Gehirn! Wie kann man sein Gehirn ersetzen? Das ist man doch nicht mehr man selbst.«

»Man kann sein Hirn auch Stück für Stück durch TransTech austauschen. Dann ist es ein fließender Übergang, bis am Ende die Persönlichkeit vollkommen in die Technik übergegangen ist. Das hat doch vor kurzem auch dieser eine brasilianische Geschäftsmann gemacht. Dieser Philanthrop mit dem letzten Stück Regenwald, glaube ich. Mit fällt sein Name gerade nicht ein …«

Pete war die Person mit dem umfangreichsten Halbwissen, die Steiner je kennengelernt hatte. Die Gender-Fluide war wie ein Schwamm, der alles in sich aufsog, was man ihm erzählte. Den restlichen Abend sagte Steiner nichts mehr. Für eine tiefergehende Diskussion fehlten ihm schlicht Kraft und Wille. Irgendwann fand Pete an der Stelle, an der der Kommissar gesessen hatte, das Geld für die Drinks. Er zahlte nie per App, ziemlich altertümlich, aber im Ming machten das viele so. Nachdem ein Virus vor Jahrzehnten das internationale Finanzsystem gecracht hatte, hatte das gute alte Papiergeld eine wahre Renaissance erlebt, die bis heute anhielt.

Das Trinkgeld war zwar nicht gerade üppig, aber in Ordnung. Auch wenn sie damit ihrem neuen Stimmmodulator nicht viel näher kam, half es Pete dabei, über die Runden zu kommen. Dass sie Steiner nirgendwo mehr entdecken konnte, sprach dafür, dass Madame Ming zurückgekehrt war.

*

Aggression. Die unbändige Lust, die Visagen vorbeilaufender Passanten einzuschlagen, tobte ihn ihm. Das Dröhnen von Presslufthammern, das den Sound des Songs Iss dein Selbst der Band Plattenbaubeben bestimmte, wummerte in seinem Kopf. Er spielte den Song direkt in seinem Gehirn, sodass nur er ihn hörte.

Seitdem ihn seine Anwälte aus der Polizeiwache geholt hatten, brodelte es in ihm, seine Wut war kaum zu zügeln. Mühsam hielt er sich zurück, um nicht wahllos Löcher in Wände zu schlagen und laut loszubrüllen. Wer hätte auch gedacht, dass ihm so ein Ding zuvorkommen würde? Er hatte dieser aufgedonnerten Person mit ihren hochgesteckten, schreiend grünen Haaren schon die Hände um den Hals gelegt gehabt. Der Druck seiner Hände auf ihre Kehle hatte jeden Hilfeschrei erstickt. Sogar diese seltsame Zärtlichkeit für sein Opfer hatte Rivera bereits durchzuckt, die ihn immer elektrisierte, wenn er die Anstrengungen seiner Beute betrachtete, sich an ihr Leben zu klammern.

Doch dann war plötzlich dieses Ding gewesen, dieser Tentakel. Er war unerwartet hinter seinem Opfer hochgeschossen und hatte sich dessen Kopf geschnappt. Einfach so aus dem nichts! Zuerst hatte Rivera überhaupt nicht geschnallt, was da geschah. Erst als sich die Augen seines Ofers nach oben gedreht hatten, hatte er erschrocken den noch zuckenden Körper von sich gestoßen und aus sicherem Abstand beobachtet, was diese technische Abnormität mit seiner Beute anstellte.

Nachdem der erste Schreck von ihm gewichen war, hatte ihn jedoch beim Anblick dieser Kreatur eine gewisse Faszination überkommen. Diese erbarmungslose und unaufhaltsame Art des Tentakels hatte ihn schlicht verzückt. Nach weniger als einer Minute war das Ding schon wieder im Abfluss verschwunden, aus dem es gekommen war. Als ob es Rivera gar nicht bemerkt hätte.

Nur warum hatte er die Polizei gerufen? Es hatte absolut keine Notwendigkeit dazu bestanden. Alle Kameras, die ihn beim Betreten der Toilette gefilmt hatten, hatte er manipuliert, sogar die der kleinen Flugdrohne, die über dem Erasmus kreiste. Niemand hätte ihn mit diesem Mord in Verbindung gebracht, er hätte einfach nur den Ort verlassen müssen, als ob nichts gewesen wäre. Stattdessen war er nun der Hauptverdächtige! Und hätte er sich nicht einmal selbst zurücknehmen können, zumindest dem Kommissar gegenüber, der ihn verhört hatte? Einfach etwas freundlicher sein oder gar verängstigt wirken?

Rivera verfluchte seine Dummheit und Überheblichkeit, wegen der er nun den gesamten Tag damit verbracht hatte, Abstand zwischen sich und dem Ereignis am Erasmus zu bringen. Zuerst hatte er, der er normalerweise für die Augen der Kameras, den Augen der Stadt, unsichtbar war, seinen Weg zu seiner Alibi-Wohnwabe in der Undercity aufzeichnen lassen. Zumindest soweit sein Nachhauseweg das Blickfeld von Argus durchkreuzte. Die Polizisten würden ihn bestimmt überwachen. Weitere Unstimmigkeiten zu seiner Person brauchten ihnen nicht aufzufallen.

War es vielleicht der Schreck gewesen, dass dieses Ding auch ihn hätte erwischen können? Oder war es noch viel primitiver, und er konnte einfach nur keinen anderen Killer neben sich dulden? Wie dem auch war, nachdem er seine Wabe erreicht hatte, hatte Rivera sie den restlichen Tag über nicht mehr verlassen. Obwohl er die Hologramm-Umgebung seiner Wohnwabe in einen nächtlichen Dschungel verwandelt hatte, war es ihm unmöglich gewesen, sein Körpersystem in einen schlafähnlichen Zustand zu versetzen.

Normalerweise hätten ihn die Geräusche des Urwalds beruhigt, aber der unerfüllte Drang zu töten ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Eingesperrt in seiner Wabe, diesem winzigen Ort zugestandener Privatheit, hatte er nach langem hin und her schließlich die Freiheit des Netzes gesucht. Uninspiriert hatte er öffentliche und private Shareplattformen auf der Suche nach Interessantem durchforscht, aber die üblichen Verdächtigen boten auch nur die üblichen Inhalte. Aus purer Not loggte er sich in das Pornoportal Happy Together ein, doch von den empfohlenen Videos überzeugten ihn weder Tim&Collegegirls#Springbreak noch RoboboylovesSusanC oder 3BlackDicks1whiteslut und so landete er bei einem Lesbenporno.

Uninteressiert hatte er jedoch mehr seinen Fischen im Aquarium zugesehen als den beiden Japanerinnen, die sich schreiend die Kimonos vom Leib rissen. Der Porno hatte sich dann auch zunehmend absurder entwickelt. Spätestens beim schlecht animierten Tentakelmonster war sein Interesse an dem Film endgültig erschöpft gewesen. Per Zufall fand er eine Dokumentationsreihe über Künstler der Renaissance und des Frühbarocks, die ihn zum Glück über den restlichen Tag brachte. Rivera wählte zuerst die Folge mit Caravaggio und beendete seinen Dokumentationsmarathon mit Leonardo da Vinci.

Aggression. Das Wummern von Plattenbaubeben im Kopf zusammen mit dem Kreischen der Kinder, die von ihrem Vater Kronos gefressen wurden.Er war wieder auf der Straße, in den vom dämmrigen Licht beschienenen kalten Betonröhren, die zu den Bezirken New Hopes führten, die nie offiziell in Betrieb genommen worden waren. Dort, wo die lebten, die nichts hatten und nirgendwo sonst hinkonnten. Illegale Einwanderer, Obdachlose, Leute auf der Flucht vor der Staatsgewalt ... All diesen Menschen bot der Bezirk World’s End mit seinen Betonruinen und provisorischen Kunststoffbauten ein schmutziges und menschenunwürdiges Zuhause.

Für Rivera jedoch viel wichtiger: Hier vermisste man niemanden, hier gab es genügend Beute. Hier waren Argus’ Augen blind.

Es fehlte zwar der prickelnde Reiz des Erwischtwerdens, so wie am Erasmus mit seinen Menschenmassen und der Polizeipräsenz. Aber den Kitzel konnte sich Rivera in nächster Zeit nicht leisten. Er trug daher auch nicht seinen weißen Anzug, so wie sonst üblich, sondern begnügte sich mit unauffälliger straßentauglicher Kleidung. Er verspürte brennende Wut, wenn er daran dachte, sich in den nächsten Monaten in seiner gewohnten Art des Jagens einzuschränken: belebte Gebiete zu meiden, absolut mittelmäßige Alltagskleidung zu tragen, und sich ausschließlich vom Abschaum der Gesellschaft zu nähren. Rivera fluchte innerlich auf äußerst obszöne Weise. Doch das Töten war ihm im Zweifelsfall wichtiger als das Wie.

In den dunklen Bauruinen unfertiger Blocks war es für ihn am einfachsten, sich unbemerkt mit seiner Beute zu vergnügen. Das war es, was Rivera jetzt brauchte; maximale Brutalität, möglichst lange auskostbar.

Ein Umgebungsscann zeigte ihm sämtliche technische Anwendungen in der Umgebung, darunter mehrere Smartpods, zwei Ghosts, aber keine Überwachungssysteme. Er wählte einen der abgeschiedenen Smartpods aus.

Mit beschleunigten Schritten steuerte Rivera das Ziel seiner Wahl an. Hier gab es keine Beleuchtung, aber das konnte ihm mit seinen Augen egal sein, die selbstverständlich über Nachtsicht verfügten.

Einer der beiden Ghosts, die er aufgespürt hatte, kam ihm wankend entgegen. Niemand wusste, woher diese roboterhaften Kreaturen kamen. Man munkelte, dass es sich bei ihnen um Menschen aus der Ära der ersten TransTech-Revolution handelte, die den Durchbruch technischer Implantate bedeutet hatte. In deren Folge waren die ersten Cyborgs entstanden. Doch manche dieser Technikbegeisterten hätten ihren Körper nach und nach vollkommen durch das damals verfügbare TransTech ausgetauscht, so hieß es. Zurückgeblieben seien diese stumpfen und auf wenig mehr als auf ihre grundlegenden Überlebensinstinkte reduzierten Kreaturen geblieben. Urban Myths. Andere behaupteten recht unspektakulär, dass es sich bei den Ghosts lediglich um die Resultate von Hobbybastlern oder um freigelassene Prototypen aus Forschungseinrichtungen handelte.

Wie dem auch war, da sie niemandem etwas taten und sich in weitgehend unbewohnte Gegenden und Schrottplätze zurückzogen, wurde von amtlicher Seite nichts gegen sie unternommen. In den Fokus der Öffentlichkeit gerieten sie hauptsächlich durch PR-wirksame Aktionen von Pro-Ghost-Aktivisten, die auf die gelegentliche Zerstörung von Ghosts durch Rowdys aufmerksam machten.

Rivera war stehengeblieben und betrachtete die Metallkonstruktion, während sie an ihm vorbeischlurfte. Sie war einem gebückten menschlichen Skelett nicht unähnlich, dem mehrerer Metallstangen aus dem Rücken ragten. Gewissermaßen war dieser Ghost genauso künstlich wie er selbst. Nur dass er, Rivera, ein Bewusstsein hatte, das diesen Namen auch verdiente. Einmal hatte er sich in einen Ghost gehackt und sich selbst mit den Augen eines solchen Wesens betrachtet. Die Erinnerung daran, in ein anderes Bewusstsein einzudringen, wie einfach gestrickt es auch war, war sehr … befremdlich gewesen.

Ben Rivera war einer der wenigen Menschen, die überhaupt dazu in der Lage waren, eine solche Erfahrung zu machen. Denn entgegen den Prophezeiungen der Vergangenheit war die breite Masse nie in den Genuss gekommen, sich mit dem eigenen Geist in das Internet einzuloggen. Es sei denn, man gehörte zu dem erlesenen Kreis von Zeitgenossen der Netwalker, die illegal mit dem Risiko des Cyberspace spielten.

Schweigend ließ Rivera den schwankenden Haufen Technik an sich vorübergehen. Dann wandte er sich wieder dem ursprünglichen Grund zu, weswegen er überhaupt erst in diese deprimierende Gegend aus Ruinen und zusammengezimmerten Slumwohnungen gekommen war. Das Signal eines einsamen Smartpods zeigte ihm nach wie vor die Position seiner Beute an. Rivera verspürte schon die innere Befriedigung, die ihm die Vorstellung seines baldigen Zerstörungswerks verschaffte. Seine Beute befand sich in der Eingangshalle des gegenüberliegenden Wabenblockes. Der Killer hätte auf die Daten des Smartpods zugreifen und somit etwas über sein Opfer herausfinden können, doch er bevorzugte die Überraschung. In freudiger Erwartung neigte er seinen Kopf zur Seite und ließ sein Genick knacken. Es konnte losgehen. Endlich.

Die Luft in der Halle war dumpf und abgestanden. Graffitis an den Wänden zeugten von der überschaubaren Kreativität selbsternannter Straßenkünstler, während haufenweise Müll auf dem Boden der Beweis dafür war, dass hier in der Vergangenheit schon mehrere Menschen gehaust hatten. Rivera kam sich beinahe wie ein Archäologe vor, der als erster Mensch seit Jahrtausenden eine Höhle der Steinzeit betrat. Mit dem Unterschied, dass er den letzten Höhlenmenschen töten würde. Das mochte archäologisch zwar höchst unsensibel sein, aber letztendlich war es auch nur ein netter Vergleich gewesen, der ihm gerade in den Sinn gekommen war.

Wo war er denn nun, sein Neandertaler? Er musste sich wegbewegt haben. Ein weiterer Scann verriet Rivera, dass sich der Träger des Smartpods im Stockwerk über ihm befand. Entkommen konnte er ihm nicht mehr. Vor lauter Vorfreude fiel sämtlicher Stress von ihm ab und er hüpfte begeistert wie ein kleiner Junge die Treppe hinauf.

Da war es auch schon, sein Opfer. Es lehnte zusammengekauert an einen Betonpfeiler, die Arme verschränkt, den Kopf in der Kapuze seines Pullovers versteckt. Wahrscheinlich hatte es sich gerade erst zum Schlafen gelegt. Gemächlich schritt der Tod darauf zu, jetzt brauchte er keine Eile mehr an den Tag zu legen. Doch dann blickten ihn zwei müde Augen durch die Dunkelheit an, und eine junge, brüchige Männerstimme fragte ihn unvermittelt:

»Kennst du Kafka? Franz Kafka? Hast du schon einmal etwas von ihm gelesen?«

Rivera stutze einen Augenblick, doch dann fand er die Idee ganz reizvoll, mit seiner Beute noch ein wenig zu plaudern. Er blieb vor dem jungen Mann stehen.

»Es ist absolut grässlich, Kafka zu lesen«, fuhr die müde Stimme seines Opfers fort »Es ist als ob man sich in einem Albtraum befindet oder in einem Fiebertraum. Man schläft dabei jedoch nicht wirklich, sondern befindet sich in einem seltsamen Zustand des Halbwachseins. Es ist ein Zustand, der durchsetzt ist von Momenten der Klarheit, die immer wieder auftauchen und einem Hoffnung geben, diesen Zustand des Halluzinierens, diesen Zustand der Fiebrigkeit zu entkommen. Aber diese Hoffnung ist eine Täuschung, denn aus diesem Traum gibt es kein Entrinnen. Nein, die gibt es nicht. Man glaubt zwar, dass man kurz davor steht, jetzt endlich aus dem Gefängnis auszubrechen, endlich den Gordischen Knoten zu zerschlagen, man denkt, man ist ganz kurz davor, doch dann zieht es einen wieder rein und man ist von Neuem im Albtraum gefangen. Und so geht es ständig weiter. Das ist Kafka, da gibt es keine Gnade.

Mit Drogen, da ist es genauso. Nie entkommt man vollkommen einer Realität, stets bleibt man in einer Wirklichkeit gefangen, die so grundlegend ist, dass man sie nicht überwinden kann. Realität, das ist wie Kafka«, meinte er ermattet und fügte nach einer kurzen Pause hinzu »Willst du mich töten?«

Konsterniert starrte Rivera seine Beute an.

»Bitte töte mich, dafür bist du doch gekommen, oder? Du siehst nämlich so aus, als ob du mich töten wolltest«, dann lachte der junge Mann. »Das wäre nämlich ganz gut so, denn Catherine und Jaques haben mich rausgeschmissen. Nun habe ich keinen Platz mehr in dieser Welt. Außer diesen Betonplatten hier vielleicht. Man hat mich auch aus meiner alten Wohnung vertrieben und ich bin selbst schuld daran. Alles habe ich mir kaputtgemacht, hahaha … Nein, ganz so schlimm ist es nicht, wahrscheinlich verschwindet mein Weltschmerz wieder. Aber wenn du mich nicht tötest, dann werden es die Drogen tun. Ich bin übrigens Rien.«

Rivera blickte auf eine zum Gruß ausgestreckte Hand. Er konnte sich weder dazu entschließen, diese Hand zu ergreifen, noch dazu, die jämmerliche Gestalt zu seinen Füßen zu zertreten. Jegliches Verlangen, jede Vorfreude war aus ihm gewichen. Er fühlte sich schrecklich impotent. Heute war einfach nicht sein Tag. Wortlos drehte er sich um und ließ den Junkie hinter sich. Er ging gerade die Treppe hinunter, da hörte er Rien noch einmal rufen:

»He, du! Wenn du mich schon nicht tötest, kann ich dann wenigstens bei dir pennen? Es ist echt kalt hier draußen.«

Um darauf zu antworten, fühlte sich Rivera schon zu besiegt. So besiegt, dass er nichts dagegen unternahm, als ihm der junge Mann nach Hause folgte. Und während zur selben Zeit Kommissar Steiner erschöpft neben Madame Ming eingeschlafen war, die an einem Martini nippte und ihm dabei zart über den Kopf streichelte, hatte Rivera das erste Mal Sex mit einem Mann. Vier einsame Seelen, die ihren Weg in der Metropole des Architekten Ernst Stern suchten, in New Hope, dem Versuch einer Antwort auf die verlorenen Hoffnungen der Menschheit. Sie ahnten nichts von den dunklen Geheimnissen, die im finsteren Herzen dieser Stadt auf sie alle warten sollten.

Teil I: Totentanz

Interludium 1: Das Fenster zu einer anderen Welt

Als Audrey nach oben schaute, erblickte sie weit über sich das gläserne Dach eines riesigen Gewächshauses. Eine Dachluke war geöffnet und das Licht der Sonne fiel auf ihr Gesicht. Die Strahlen strichen verspielt über ihre ungläubigen Züge.

Was für ein irres Gefühl, Audrey hatte noch nie die Sonne auf ihrer Haut gespürt. Wie auch, ihr gesamtes Leben spielte sich im Bottom ab. Wenn Harald sie nur sehen könnte! Die junge Frau war sich sicher – hätte sie jetzt jemand gesehen, so würde sich dieser Jemand ganz gewiss fragen, wie man nur so bescheuert über das ganze Gesicht grinsen konnte. Es fühlte sich alles so verdammt echt an. Und dieses geschwungene Dach weit über ihr, das von einem Gerüst stählerner Arabesken getragen wurde, als sei es zu Zeiten der legendären Queen Victoria erbaut worden, das war ja voll der Hammer! In das 19. Jahrhundert hatte Audrey sich schon gewünscht, als sie in ihrer Jugend die Welt des Steampunks für sich entdeckt hatte. Eine fiktive Welt, in der die Dynamik von Dampfmaschinen und Erfindergeist auf den vormodernen Kosmos von Adel und Tradition prallte.

Sie befand sich wahrscheinlich in einem botanischen Garten oder einem Tropenhaus, vermutete Audrey. Das würde den Dschungel voll exotischer Pflanzen erklären, in dessen Mitte sie noch immer regungslos stand.

Den Wald umspielte eine Aura des Geheimnisvollen. Das ging weit über die Pflanzen hinaus, deren Aussehen so fremdartig war, dass Audrey nicht einmal im Netz etwas Vergleichbares entdeckt hätte, hätte sie danach gesucht. Der Dschungel wirkte auf sie, als wäre er den Bildern des französischen Malers Henry Rousseau entsprungen.

In den Ästen über ihr zeigten Paradiesvögel und Papageien ihre farbenfrohe Gefiederpracht. Die junge Frau erhaschte durch das Geäst den einen oder anderen Blick auf die Vögel, aber die gefiederten Tiere gaben keinen Laut von sich. Die Stille war seltsam, geradezu unheimlich. Bis auf das unheilvolle Insektenzirpen, dieses Sirren, das die Luft zum Vibrieren brachte, war es absolut ruhig. Kein Vogelgesang erreichte ihre Ohren, nicht einmal die Blätter der Bäume oder Farne raschelten.

Harald hatte ihr ja gesagt, dass es am Anfang etwas beängstigend wirken könnte. Das beruhigte ihre aufkommende Furcht. Es fühlte sich einfach alles so unglaublich real an. Sogar die drückende Luftfeuchtigkeit spürte sie. Probehalber fasste Audrey ein Blatt an, das zu einer Pflanze gehörte, deren gezackte rote Blüte bis zu ihrer Hüfte reichte. Es war erschreckend, wie wirklich sich die raue Oberfläche des Gewächses anfühlte. Sie zerrieb es zwischen ihrem Daumen und Zeigefinger. Ein ätherischer Duft stieg ihr in die Nase. Hätte man die junge Frau gefragt, sie hätte nicht sagen können, dass dies hier nicht die Wirklichkeit war. Sie spürte zu gleichen Teilen Faszination und Unbehagen in sich aufsteigen, doch die Faszination überwog eindeutig.

Okay, sie befand sich in einem Dschungel inmitten eines endlosen, kunstvollen Tropenhaues des viktorianischen Zeitalters. Was nun? Noch ehe Audrey einen Entschluss gefasst hatte, tauchte vor ihr ein Pfad auf, der sich durch den Urwald schlängelte. Sein Boden bestand aus einem Mosaik glänzender bunter Steine, die sanft das Licht der Sonne reflektierten.

›Das ist doch mal’n Zeichen!‹, dachte sich Audrey. Beim Betreten des Weges spürte sie die erfrischende Kühle der bunten Steine an ihren Füßen. Da erst fiel ihr auf, dass sie keine Schuhe trug. Mit dem Enthusiasmus eines kolonialen Tropenforschers machte sich Audrey auf Entdecktertour. Schnell verlor sie jegliches Zeitgefühl. Der Pfad führte sie an scheinbar unzähligen Orten vorbei, jeder schöner und majestätischer als der davor. Es waren Traumlandschaften, die in ihre Wirklichkeit einbrachen.