Beschreibung

Nichts ist im Leben wichtiger als eine Freundin! Dies wissen Catta, eine elegante Aristrokratin, Stella, die spitzzüngige Boutiquebesitzerin, sowie Lizzie, eine Journalistin und Gunvor, das gutmütige Pummelchen seit ihrer Schulzeit. Kurz bevor die vier Freundinnen die magische Schallgrenze des 30sten Geburtstags überqueren beschliessen sie ihren alten Traum zu verwirklichen und ein letztes Mal gemeinsam als Rockband aufzutreten. Doch, wovon sollen die Lieder handeln, wenn der Soundtrack ihres Lebens bisher eher nach Enttäuschung klang? Facettenreich und mit spitzer Feder zeichnet Louise Boije af Gennäs die Geschickte von vier faszinierenden und starken Frauen und gewährt dabei einen umfassenden Blick in die Pop-Kultur der 90er Jahre.

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MOBI

Seitenzahl: 628


Louise Boije af Gennäs

Nice Girls

Roman

Aus dem Schwedischenvon Gisela Kosubek

Saga

Für Sofie von StapelmohrAnn-Marie ÖdlingCecilia StafsingIhr gebt meinem Leben Sinn.

And for Florence YooKim SimonRobin Mackey»Keep on rockin’, girls ...Yeah, keep on rockin’ ...«

›Rose Garden‹

»I could promise you things like big diamond rings

But you won’t find roses growing in stocks of clover

So you’d better think it over«

1.

Ein zerkratztes Exemplar der Greatest Hits von Stan Getz drehte sich auf dem Plattenteller und breitete einen behaglichen, romantischen Klangteppich um sie aus. Irgendwann, ganz woanders und vor ziemlich langer Zeit hatte eine von ihnen gesagt, zu dieser Platte lasse es sich besonders gut lieben. Jetzt ging es zwar nicht um Sex; aber dennoch.

Es knallte und dampfte leicht um die geöffnete Champagnerflasche, als Stella den rauhen, widerspenstigen Korken endlich in der Hand hielt. Wie immer, wenn ihr etwas gelungen war, lief ihr das Wasser im Mund zusammen – ob es nun Korken in Flaschen, Pickel im Gesicht oder Splitter in braungebrannten Sommerfüßen betraf. Das Entscheidende war, etwas in den Griff zu kriegen, zu gewinnen, die Elemente zu besiegen.

Sie zu besiegen.

Es war ein rein physischer Genuß. Sie schluckte den Speichel hinunter.

»Her mit den Gläsern«, schrie sie fröhlich, und sofort streckten ihr drei willige Hände hauchdünne, hohe Kristallgläser entgegen. Schäumend floß der Champagner hinein und drohte über den Rand zu gehen, doch Stella wußte genau, wie man es zu machen hatte.

Schon als kleines Mädchen hatte sie es gelernt.

»Wie geschlagenes Sperma«, sagte Catta mit ihrer heiseren Stimme und betrachtete leicht angeekelt den Schaum.

Ein süßlicher Geruch hing über dem Tisch.

»Du bist nicht normal«, sagte Lizzie ein wenig sauer, als sei der Kommentar eine Beleidigung an sie persönlich. »Zum Kuckuck, das ist immerhin Dom Perignon!«

»Ach so, Domp, na dann«, erwiderte Catta ironisch.

Immer wieder reagierte Catta genervt, wenn Lizzie solche Ausdrückte verwendete. »Zum Kuckuck.« »Um Himmels willen.« »Gott behüte.« »Donnerschlag.« Es war bäurisch und beknackt und zeugte von Lizzies fehlender sozialer Zugehörigkeit. Das konnte Catta die Wände hochgehen lassen. Zugleich schämte sie sich ihrer heftigen Reaktion.

Woher rührte die, wenn nicht aus eigener Unsicherheit?

Sie wehrte den Gedanken ebenso plötzlich ab, wie er gekommen war.

»Nein, es gibt wohl keinen, der Domp im Schwanz hat«, fuhr sie statt dessen fort, sehr wohl wissend, wie niedrig Lizzies Toleranzniveau bei sogenannten unanständigen Wörtern war. »Nicht mal Frank oder Charlie, stimmt’s?«

Lizzie gab keine Antwort. Sie lehnte sich nur auf dem Sofa zurück und betrachtete das Glas mit der hellgelben Flüssigkeit, betrachtete es intensiv. Es beschlug bereits. Die Flasche war gutgekühlt, fast aufgedunsen vor Kälte gewesen, als sie sie aus der Gefriertruhe genommen hatte, wo sie zwischen den sorgfältig geschnittenen und ebenso sorgfältig eingepackten Kalbfilets und Entrecotescheiben gelegen hatte. Lizzie öffnete ihre Gefriertruhe stets mit einem wohligen Gefühl; da drinnen gab es so viel Geborgenheit, so viele Verheißungen angenehmen Zusammenseins und der Gemeinsamkeit, so viele vorbereitete Gerichte, die zu zubereiteten Gerichten werden konnten, sobald sie es wünschte.

Cattas Kommentar kümmerte sie nicht, solche Anwandlungen hatte Catta schon immer gehabt. Es war sinnlos, ihr zu antworten, wenn sie in der Stimmung war; vermutlich mußte sie sich selbst etwas beweisen. Anscheinend wollte sie gern aufrührerisch sein, wollte unanständige Wörter in den Mund nehmen können, trotz ihrer feinen Erziehung. Außerdem war schließlich Catta das Geburtstagskind, also hieß es, sich zusammenzureißen und den Ärger nicht anmerken zu lassen.

Allerdings nervte es etwas, daß Gunvor einfach nur dasaß und über Cattas Kommentar lachte. Sie lachte ihr glückliches, blubberndes Lachen, das in Wellen aus der Magengrube aufwallte, ihr Tränen in die Augen trieb und den ersten Schluck Champagner in den falschen Hals setzte, so daß Stella ihr auf den Rücken klopfen mußte.

»Kleine Sünden straft Gott sofort«, sagte Lizzie in strengem Ton zu Gunvor. »Wir haben noch nicht mal angestoßen, Gunni. Keine Extrawurst. Sieh dir das Geburtstagskind an!«

Alle blickten zu Catta hinüber, die mit Lizzies elfenbeinfarbenen Sofakissen im Rücken dasaß. Das blonde Haar fiel ihr weich auf die Schultern im sahnefarbenen Seidenpyjama herab, und in der Hand hielt sie ein noch gänzlich unberührtes Sektglas. Catta sah aus, als könne nichts in der Welt sie erschüttern, als könne nichts diese kühle Schönheit stören, und sie war sich des Eindrucks, den sie vermittelte, wohl bewußt.

Nichts konnte jedoch falscher sein, aber das brauchte sie ja wohl keinem auf die Nase zu binden?

Probleme waren dazu da, daß man sie für sich behielt. Das Trio hier mußte doch nicht wissen, daß sie nachts nicht schlafen konnte, aus Sorge, wie es mit ihr weitergehen sollte? Sie hatten doch nichts mit ihr und ihrem Vater zu tun? Oder mit ihrer Beziehung zu Charlie und dem Fakt, daß er seine Familie nie verlassen würde? Oder damit, daß sie nicht mehr malen konnte? Sie hatte schließlich mehr als ein Jahr lang mit keinem dieser Mädels hier ein ordentliches Wort gesprochen, also wäre es ja wohl merkwürdig, jetzt damit anzufangen. Eine Geburtstagsfeier, kombiniert mit einem Wiedersehen, war kaum die richtige Gelegenheit für Klagelieder. Statt dessen lächelte Catta ein kühles, korrektes Zelluloidlächeln.

Der Unterschied zwischen Catta und der armen Gunvor neben ihr, in ihrem schmutziggrauen Flanellschlafanzug, der die bleichen Wülste zwischen Jacke und Hose kaum verdeckte, war gewaltig. Gunvor, die mollige, reizende und leicht kurzatmige Gunvor, bei der eigentlich kein Kleidungsstück saß, wie es sollte; sie hätte sich möglichst weit von Catta wegsetzen sollen, und sie wußte es. Statt dessen suchte sie ihre Nähe, wie ein Hund die seines Herrchens, mit liebevollen braunen Augen, wohl wissend, daß die anderen, wenn sie in der Stimmung waren, sie stets aufzogen.

Es kümmerte sie nicht.

Wenn man nicht zeigen durfte, daß man jemanden mochte, was hatte es dann für einen Sinn, überhaupt zusammenzusein? Und zusammenzusein war wichtig. Es war wichtig, weil alles andere so schwer zu ertragen war – das Fehlen eines Liebsten, der verhaßte Job, ihre Unfähigkeit, sich den Stockholmer Kreisen anzupassen.

Das einzige, von dem Gunvor wußte, daß sie es beherrschte, waren Freundschaftsbeziehungen. Also waren sie wichtig, wichtiger als alles andere.

Lizzie, auf dem Platz der Gastgeberin ihnen gegenüber, so dicht an der Küche, daß sie rasch aufstehen und hinausgehen konnte, trug Franks großen, weißen Frotteemorgenrock über einem höchst gewöhnlichen Schlafanzug. Sie hatte ihn sorgfältig ausgesucht, einen ganz normalen Schlafanzug, damit sich die anderen in ihrer Gesellschaft wohl fühlten. Der modischere Spitzenpyjama, den ihr Frank geschenkt hatte, blieb beispielsweise in der Schublade liegen, nur damit sich Catta heute abend als die Eleganteste fühlen konnte. Auch der verschlissene Calidapyjama war verworfen worden, obwohl er für eine Pyjamaparty eigentlich genau das richtige war – doch besaß schließlich Gunvor in dem Quartett das Patent, reizend, ein wenig abgewetzt und täppisch wie ein Welpe zu sein.

Lizzies Rolle war, genau in der Mitte zu liegen, so normal wie nur möglich zu sein. Deshalb die Wahl dieses Pyjamas.

Über Stella hatte sie nicht nachdenken müssen; es war völlig unmöglich, Stellas Verhalten oder ihre Kleidung im voraus zu erraten, doch bestand jedenfalls nur geringe Gefahr, daß etwas davon mit Lizzies Kleidung kollidieren könnte.

Stella, bequem auf dem Sofa zurückgelehnt, das Glas zwischen den langen Fingern, trug überhaupt keinen Pyjama. Statt dessen hatte sie ein ausgeblichenes Hemd an, auf dem ein Bild von Snoopy mit dunkler Sonnenbrille zu sehen war, ein Hemd, das über der Brust spannte und auf dem man den Text »Joe Cool« lesen konnte. Sie war die einzige, die noch immer geschminkt war, weil sie es haßte, in die Sauna zu gehen. Ihre jetzt nicht mehr auf die Kleidung abgestimmten Ohrringe kamen aus London. Die langen roten Haare hatte sie mit Hilfe eines Stifts zu einem Büschel auf dem Kopf zusammengezwirbelt, und sie sah – so war es immer bei Stella – unglaublich toll aus.

Sie hatte sich konsequent geweigert, Nachtkleidung anzuziehen. Eine Pyjamaparty war nicht Stellas ›bag‹. Auch ein Wiedersehen nicht. Besonders nicht mit Freundinnen, mit denen sie keinerlei Gemeinsamkeiten mehr hatte, auch wenn alle, außer ihr selbst, das mit aller Macht abzuleugnen schienen.

»Ein Skål auf das Geburtstagskind!« sagte Lizzie und prostete Catta zu. »Ein gutes neues Jahr, und ich hoffe, du bekommst viele Geschenke, die uns allen stehen.«

»Heißt das, du hoffst, daß wir, wie durch ein Wunder, plötzlich alle denselben Geschmack haben?« fragte Stella amüsiert.

Es wurde still, eine leicht drückende Stille. Stella schämte sich auf einmal. Sie lächelte wieder und ließ ihr Glas gegen Cattas klingen.

»Na okay. Auf ein langes und glückliches Leben«, sagte sie, »und daß du dicker bleiben mögest als ich.«

»Und als ich«, sagte Gunvor und kicherte so sehr, daß ihr weicher Bauch hüpfte, »aber das ist wohl eine physische Unmöglichkeit.«

Ihre braunen Augen funkelten, und die Grübchen in ihren Wangen wurden tiefer, während sie an ihrem Glas nippte und die anderen betrachtete. Sie hatte seit dem Abendessen einen Weinfleck auf der Pyjamajacke, ein Sokken hatte ein Loch, und sie war etwas beschwipst, vielleicht weil sie so nervös gewesen war, sie alle wiederzusehen. Andererseits war Gunvor fast immer so fröhlich, was mehr war, als man von den anderen behaupten konnte.

Doch auch Catta schien ausnahmsweise entschlossen, sich ihre gute Laune nicht verderben zu lassen.

»Moment mal. Wer ist hier die Jüngste?« fragte sie und hielt scherzhaft die Hand hinters Ohr. »Wer ist die Jüngste? Ihr werdet alle vor mir dreißig.«

»Sprich nicht davon«, sagte Lizzie finster.

In ihrem Inneren zuckte die Unruhe, fast als zappelte da ein kleiner Fisch. Bald dreißig. Bald würde alles verändert sein, und sie hatte nichts dagegenzusetzen, keine inneren Kräfte, auf die sie sich verlassen konnte. Die ganze Welt war ins Wanken geraten, und niemand war da, der ihre Hilferufe hörte.

Vielleicht rief sie nicht laut genug?

In ihr wuchs das Kind, das Kind, das schon richtige kleine Finger, Zehen und froschähnliche, blinde Glotzaugen besaß; das Kind, das in ein paar Wochen geboren werden sollte. Wenn das Kind da war, würde alles anders sein, und sie würde nie mehr zu der alten Lizzie zurückfinden. Sie wagte nicht, ihre Unruhe hinauszuschreien, denn sobald sie das tat, stand fest: Sie war nicht nur eine schlechte Frau und Ehefrau, sondern würde auch noch eine schlechte Mutter sein.

»Du hast doch wohl keinen Grund, dir Sorgen zu machen!« rief Gunvor entrüstet und schaute Lizzie an. »Du bist doch verheiratet!«

Stella und Catta brachen gleichzeitig in Lachen aus. Sie warfen sich einen Blick zu und verdrehten die Augen.

»Sie ist doch verheiratet!« wiederholte Stella mit übertriebener Betonung.

»Ja, da kann sie ja keine Probleme haben!« sagte Catta ganz unschuldig.

Sie lächelten sich zu, ein bißchen verlegen. Das war ja fast der alte Ton! Wo kam der auf einmal her?

»Skål«, sagte Stella. »Gratuliere. Meine ich wirklich.«

Ihre Gläser stießen wieder aneinander. Dann wurde es still. Alle tranken und vermieden es, sich anzusehen.

»Macht dir irgendwas Sorgen, Lizzie?« fragte Gunvor. »Im Ernst?«

»Nein, nein«, erwiderte Lizzie so fröhlich, wie sie nur imstande war. »Alles völlig okay. Frank und ich freuen uns riesig, und mit dem Kind läuft alles, wie es soll.«

Sie hörte selbst, wie albern das klang.

»Ein neuer, schöner Morgen im Glücksland!« sagte Stella gekünstelt.

»Und wie steht’s mit Benjamin, apropos Alter?« fragte Catta unschuldig und wandte sich ihr zu.

Ein Stechen durchlief die feinen Nervenfäden in Stellas Brustkorb, fast glaubte sie zu sehen, wie es sich, feuerrot, in ihrem ganzen Nervensystem ausbreitete. Doch war ihr äußerlich nichts anzumerken, soviel wußte sie. Deshalb steckte sie sich ruhig eine Zigarette an und erwiderte die Blicke der anderen mit ausdrucksloser Miene.

»Gut«, sagte sie. »Wirklich super. Es macht Spaß, mit jemandem zusammenzuleben, kaum vorstellbar bei dem, was man so um sich rum sieht!«

Lizzie, die einzige in der Runde, die seit mehreren Jahren verheiratet war und nicht allein lebte, schluckte die Stichelei, spitz wie sie war, konnte sich aber einen Gegenangriff nicht verkneifen.

»Ist es auf die Dauer nicht anstrengend?« fragte sie. »Ich meine, ich kenne Benjamin ja nicht, aber er ist doch jedenfalls ziemlich viel jünger als du, stimmt’s? Seid ihr nicht sechs Jahre auseinander?«

Stella lächelte. Sie sah aus, als beherrschte sie jeden Fingerbreit ihrer tatsächlich äußerst gut gespielten, bei vielen früheren Gelegenheiten eingeübten Lässigkeit in dieser Frage.

»Sechseinhalb, um genau zu sein«, sagte sie, »und das bist du doch gern. Nein, es ist nicht anstrengend. Es ist toll! Wie steht es übrigens mit Frank, in puncto toll, amüsant und so weiter?«

Lizzie biß die Zähne zusammen. Sie wußte doch, daß sie kein so dickes Fell besaß wie Stella; warum hatte sie sich auf diesen Nahkampf eingelassen?

»Frank und ich, wir haben es bestens!« sagte sie. »Entschuldige, wenn ich einen wunden Punkt getroffen habe!«

»Das war kein wunder Punkt!« sagte Stella unbekümmert. »Du solltest selbst mal probieren, wie es ist, mit einem jungen, witzigen Typen zusammen zu sein. Das hat seinen besonderen Reiz!«

Lizzie errötete heftig. Ihr fiel nichts zur Verteidigung ein: Es stimmte, Frank arbeitete beinahe ständig und ging selten oder nie mit ihr aus. Aber wie konnte Stella das wissen, nach so langer Zeit? Sie sahen sich doch nie.

Oder hatte man Frank damals schon alles anmerken können?

Catta schaute zu Lizzie hinüber. Deren Augen glänzten verräterisch.

»Aber ist es denn nicht schwierig, daß er so jung ist, wenn ihr mit Leuten zusammenkommt und so?« beeilte sie sich, Stella zu fragen.

»Nein, kein bißchen«, antwortete Stella ruhig. »Da denke ich, bei dir und Charlie ist es mit dem Altersunterschied viel problematischer. Ganz zu schweigen von all der Heimlichtuerei.«

Catta verstummte. Stellas Klinge war nach allen Seiten gewetzt.

»Was macht Benjamin denn eigentlich so?« fragte Gunvor eilig. »Das habe ich irgendwie nie richtig mitbekommen!«

»Ja, er ›macht‹ wohl nichts Besonderes«, sagte Stella zufrieden und blies den Rauch vor sich hin. »Da sind ein paar Gelegenheitsjobs, ein bißchen Musik ... Er ist so’n lässiger Typ, mit dem Leute wie Frank ihre Probleme haben. Stimmt’s, Lizzie?«

Lizzie gab keine Antwort. Sie griff statt dessen nach der Flasche und schenkte allen Champagner nach.

»Himmel, ich werde noch ganz blau!« sagte Gunvor und streckte begierig ihr Glas hin.

»Das ist ja auch der Sinn unseres Treffens«, erwiderte Stella. »Augen zu und schluck.«

Ihr Ton störte sie selbst, aber sie konnte nicht anders. Jetzt brauchte sie kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen; nach all dem hier wurde sie sowieso nicht wieder eingeladen. In ihrem Kopf malte sie sich aus, wie sie neben Benjamin auf dem Bett lag und über dieses Essen redete und wie sie die Mädels, eine nach der anderen, nachäffte. Er würde wie immer sagen: Deine Freundinnen sind wirklich stinklangweilig, und, wie immer, würde sie ihm beipflichten.

»Wie steht’s bei dir mit der Liebe, Gunni?« fragte Lizzie, um von Stella und ihren Kommentaren abzulenken. »Gibt’s da irgendwelche Herren?«

»Ja, da gibt’s schon welche«, sagte Gunvor und trank gierig ihr Glas leer. »Aber bis jetzt bin ich bei keinem richtig hängengeblieben.«

Sie schluckte den sprudelnden Champagner hastig hinunter, so rasch, daß er auf der Zunge brannte. Wie konnte sie nur so lügen? Bei keinem hängengeblieben. In Wahrheit war es schon Monate her, daß einer sie mal zum Essen ausgeführt hatte!

Wieder legte sich Schweigen wie ein feuchtwarmer Film über das Zimmer. Der Geruch des Champagners war ekelerregend. Eine der Kerzen zischte plötzlich beunruhigend, als seien da Kräfte im Gange, die sie nur ahnen konnten.

»Wann habt ihr beide euch übrigens das letztemal gesehen?« wandte sich Lizzie an Catta und Gunvor, um die Stimmung aufzubessern. »Trefft ihr euch nicht dauernd?«

»Mehr oder weniger«, sagte Catta. »Einmal im Monat wenigstens.«

»Catta ruft mich an, wenn sie bei irgendwas Hilfe braucht«, kicherte Gunvor.

»Schade, daß es bei uns nur in so großen Abständen ist«, sagte Lizzie und schaute sie an. »Aber Frank und ich, wir haben immer so viel zu tun.«

»Gott, klingst du erwachsen und beschäftigt«, äußerte Stella kühl.

Lizzie antwortete ihr noch immer nicht. Es war das beste, Stella jetzt einfach zu ignorieren. Außerdem wußte sie nicht, was sie hätte sagen sollen.

»Na und du?« fragte Gunvor Stella. »Von wegen beschäftigt! Nie rufst du zurück!«

»Benjamin hat ’ne Flasche Whisky auf den Anrufbeantworter fallenlassen«, erwiderte Stella und lächelte ihr frechstes Lächeln. »Ist das nicht ’ne fürchterliche Verschwendung?«

Wie die Sache eigentlich ausgegangen war, daß sie und Benjamin sich eine halbe Nacht gestritten und so geprügelt hatten, daß die Möbel zu Bruch gingen und Stella in die Notaufnahme fahren mußte, um vier Stiche an der Faust nähen zu lassen, das brauchte sie hier wahrhaftig nicht zu erzählen. Vielleicht hätte sie es tun können, hätte eine lustige Geschichte daraus machen können, wenn nur Lizzie nicht so verdammt selbstgefällig dagesessen hätte.

Lizzie mit ihrer Dachgeschoßwohnung und ihrem Mann mit dem Aktenkoffer, der genau drei Jahre älter war als sie, eben genauso wie es nach allen sozialen Regeln zu sein hatte ... Nein, in dieser Situation konnte Stella absolut nichts erzählen – nicht solange Lizzie dasaß und auch noch die schweigende Märtyrerin spielte.

Das war einfach zuviel.

War Lizzie nicht unerträglich beknackt?

»Liebst du ihn?« fragte Catta.

Stella nickte heftig, mit breitem, aufgesetztem Lächeln.

»Und du?« fragte sie. »Wie steht’s mit Charlie?«

»Ach danke«, erwiderte Catta mit ebenso breitem Lächeln. »Bestens! Bin verliebter denn je!«

»Wird er seine Familie denn verlassen?« fuhr Stella unbarmherzig fort. »Oder sagt er nur, daß er es tut?«

Cattas Lächeln wurde noch verkrampfter.

»Er wartet nur auf die richtige Gelegenheit«, sagte sie. »Aber wir sind total glücklich, also fühle ich mich nicht besonders unter Druck.«

Ein Weilchen wurde es still.

Irgendwie war das die Lüge, die alles platzen ließ, der Schwindel, den alle durchschauten – daß Catta mit ihrem fünfzehn Jahre älteren Liebhaber, einem glücklich verheirateten Vater mehrerer Kinder, wirklich froh und zufrieden war, daß sie wirklich glücklich war und völlig ruhig.

Catta wich den Blicken der anderen aus, errötete und verdrängte ihre Gefühle. Ihr Blick wanderte rasch und ohne haftenzubleiben von Stellas Gesicht zu Gunvors glatten Wangen auf der anderen Seite des Tisches und weiter zu Lizzies ruhigem Lächeln.

Über ihnen ragten die dunklen, geheimnisvollen Balken der Dachgeschoßwohnung auf; der höchste Punkt der weißgekalkten, spitzwinkligen Decke lag mindestens fünf Meter hoch. Dort oben spielten, trotz der Weiße, tiefe Schatten. Die alte Standuhr, die Frank von seinem Großvater geerbt hatte, schlug plötzlich heftig Schlag auf Schlag, doch ging sie nach. Dem Kalender nach war Catta in diesem Augenblick bereits neunundzwanzig Jahre, vier Minuten und siebenunddreißig Sekunden alt.

Der Alkohol wärmte und gab ihren Augen Glanz. Das hier waren ihre drei besten Freundinnen, jedenfalls nannten sie sich so, und jetzt begann ihr Geburtstag. Jetzt fing ihr dreißigstes Lebensjahr an! Als sie den schwindelerregenden Gedanken bis zu Ende gedacht hatte, wußte sie, daß sie vermutlich schon mindestens ein Drittel der ihr zugemessenen Zeit gelebt hatte.

Sie wußte auch, daß sie sich die Lügen, ebensowenig wie die anderen drei, bald nicht mehr leisten konnte.

2.

Gunvor, auf dem kürzesten der drei Sofas, saß jetzt wie auf Kohlen. Ihr war plötzlich eingefallen, daß sie ihre Periode hatte, und sie fürchtete ständig, trotz der Slipeinlage Flekken auf dem Bezug des Sofas zu hinterlassen. Dennoch wollte sie nicht aufstehen, um noch mehr Toilettenpapier in den Slip zu stopfen, nicht gerade jetzt, wo sie anstießen und plauderten und es so gemütlich war.

Denn das war es doch?

Gemütlich?

Typisch für sie, einfach zu vergessen, ein paar Binden einzustecken. Keine der anderen hatte im Augenblick ihre Periode, und Lizzie hatte nur Tampons im Haus, Gunvor aber lehnte es ab, Tampons zu benutzen. Am frühen Abend hatte Stella sie zum hundertstenmal getadelt, als sie mit einem lauwarmen Bier in der Hand vollständig angekleidet und behaglich in einem Korbstuhl vor der Sauna ausgestreckt dasaß, während die anderen Blut und Wasser schwitzten.

»Mensch, ich hab dir doch selbst beigebracht, wie man einen Tampon einsetzt!« hatte sie durch die Saunatür gerufen. »Das war doch, verdammt noch mal, schon in der Neunten!«

Doch Gunvor mochte keine Tampons. Sie verteidigte sich damit, daß sie scheuerten und sie sich mit dem Zeug unwohl fühle. Außerdem fürchtete sie die Tamponallergie, über die sie begierig meterweise Zeitungsspalten gelesen hatte, seitdem sie in der Presse aufgetaucht war. Diese Allergie war der endgültige, noch fehlende Beweis, um ihren Widerwillen gegen die komischen, unnatürlichen Faserröllchen zu rechtfertigen.

»Ich mag Fasern nur, wenn man sie durch den Mund aufnimmt«, hatte Gunvor einmal im vollsten Ernst gesagt und ausnahmsweise ein Riesengelächter bei den anderen geerntet.

Gunvors Mutter, die hypochondrisch veranlagt war, lebte zusammen mit Gunvors Vater, einem Offizier, der es haßte, krank zu sein, und Gunvors jüngerem Bruder Claes, der die Landwirtschaft übernehmen sollte, in Östergötland. Wenn Gunvor in den Ferien aus Lundsberg nach Hause kam, pflegte sie mit ihrer Mutter verbotene Orgien an Arzneischränken und über Necessaires abzuhalten, während der Vater und Claes im Büro vor den ausgebreiteten Kalkulationen des Hofes saßen, die Stirn in tiefen Falten. Dennoch belegte Gunvor im Gymnasium den ökonomischen Zug statt des naturwissenschaftlichen und studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität statt Medizin am Karolinischen Institut.

Das war am sichersten so, nach Meinung ihrer Eltern. Gunvor war ein gehorsames Mädchen.

Heutzutage vermied sie alles, angefangen von Kopfschmerztabletten und Halspastillen bis zu Penicillinkuren, wenn sie nicht absolut notwendig waren. Ihren Bruder Claes wollte sie nirgendwo anders treffen als zu Hause auf dem Hof; er paßte so schlecht zur Großstadt und ihrem neuen Leben. Und als Finanzberaterin hatte sie trotz allem einen gewissen Erfolg zu verzeichnen.

Jetzt saß sie auf einem Sofa unter einer der hochmodernen Dachgauben in Vasastan und fühlte die uralten Echos in ihrem Körper rufen. Irgend etwas verschob sich in ihrem Bauch von der linken Seite mehr zur Mitte, und in ihrem Rücken hinter der rechten Hüfte spürte sie ein Ziehen. Zwischen den Beinen fühlte Gunvor den warmen Strom rinnen, und obwohl sie sich wegen des Sofas Sorgen machte, die Slipeinlage könne eventuell nicht genügen, und auch, weil es vielleicht eklig war, die Tage zu haben – ob Männer es so sahen? –, spürte sie auch die übliche, unerklärliche Freude.

Ohne den Gedanken ganz zu Ende gedacht zu haben, empfand sie es als angenehm, den Eisgang in ihrem Körper zu spüren. Sie mochte diesen aus ihr rinnenden warmen Strom, die halbgeronnenen Fäden dunkelroten Blutes, umgeben von helleren Flecken, die ihre Binden und Einlagen zeichneten. Sie liebte ihren Körper, wenn er die Schleimhaut wechselte, wenn er lebte und ein eigenes Leben führte, wenn die Organismen sich rührten und bewegten, zwar in ihrem Inneren, aber doch außerhalb ihrer Kontrolle. Und sie fühlte mit ihrem ganzen Bewußtsein eine tiefe, innere Sehnsucht, Leben zu schaffen, ein neues Leben, in diesem Körper.

Doch am Montag war sie gezwungen, wieder am Arbeitsplatz zu sein. Und noch immer hatte sie nicht einmal einen festen Freund, über den sie als potentiellen Vater nachgrübeln, den sie für diese Rolle in Betracht ziehen konnte.

»Meine Arbeit gefällt mir bestens«, hörte Gunvor sich jetzt sagen. »Ich fühle wirklich, daß ich am richtigen Platz gelandet bin. Und flotte Kerle gibt es da auch.«

Wo kamen diese Worte her? Nicht, daß sie ihre Arbeit im Ernst haßte, doch das einzige, was sie während der Arbeitszeit fühlte (außer einem ständig nagenden Hunger in sich, der sie zwang, an allem möglichen, von Mohrrüben bis Schokoladentafeln, herumzuknabbern), war die tiefe, innere Überzeugung, daß das Leben einen anderen Sinn haben mußte als den, Bonitätsanalysen zu erstellen. Analysen außerdem, deren Richtigkeit sie nicht einmal selbst würde bestätigen, noch weniger beschwören wollen. Wer konnte garantieren, daß die Bonität einer Firma eine sichere Investition verbürgte? Wer konnte den Markt voraussagen?

Dazu waren Zauberei und Magie vonnöten.

Und das war vermutlich auch vonnöten, um Gunvor einen Mann zu beschaffen.

Lizzie kümmerte es im Augenblick nicht, ob Gunvor die Wahrheit sagte oder nicht. Sie konzentrierte sich ganz darauf, Stella und Catta zu beobachten. Wie üblich steckten die beiden mitten in ihrem ewigen, stummen Ritual von Eifersucht und Neid, Eigenliebe und Verliebtheit ineinander. Wie unglaublich anders sie sein mußten als sie selbst!

Lizzie würde die geheimen Spiele, die sie trieben, niemals ertragen können, diesen ewigen Tanz auf Zehenspitzen voreinander und umeinander, die Abhängigkeit voneinander ständig verneinend und dennoch außerstande, die Augen voneinander zu lösen. Stella und Catta waren auf irgendeine Weise Zwillingsseelen, doch kämpften sie mit aller Macht, um ihre Verschiedenheit zu betonen. Gunvor ihrerseits landete dabei völlig natürlich und ganz von selbst in der Rolle entweder der Hofdame oder des Hofnarrs. Nur sie selbst, Lizzie, schien ständig mit dem Gesicht im Schatten zu stehen.

Fühlte sie sich deshalb so ausgeschlossen, weil sie es nicht ertrug, im Zentrum zu stehen, mitten im Licht der Aufmerksamkeit? Sie hatte es nie getan, hatte nie Sehnsucht danach verspürt oder – falls es dennoch so war – nie gewagt, den Gedanken zu Ende zu denken, sie könne genügend Anziehungskraft besitzen, um ein natürlicher Mittelpunkt zu sein. Das, was den anderen die Luft zum Leben war, war für sie ein fremdes Gas, ein Luftzug, den der Wind in ihr Dasein hinein und wieder hinaus trug, doch den sie niemals selbst verursachen konnte.

Tief in sich fühlte Lizzie, daß sie viel zu gewöhnlich für diese Geschöpfe hier war. Sie war so gewöhnlich, daß es nicht einmal jemanden gab, mit dem sie sich hätte vergleichen können. Die meisten Menschen, denen sie begegnete, waren wandernde Konstellationen aus Phobien, Frustrationen und mangelndem Selbstgefühl. Sie selbst war ungewöhnlich ausgeglichen und verhältnismäßig glücklich – oder war es zumindest bis vor kurzem gewesen. Sie war nicht interessant, nicht kapriziös, konnte niemanden fesseln, war nicht verrückt oder etwas Besonderes. Sie war nur Lizzie.

Lizzie hatte glattes, schulterlanges blondes Haar und völlig gerade Augenbrauen. Sie war weder hübsch noch häßlich.

Natürlich nicht.

3.

Dennoch war ihr Frank begegnet. Wie merkwürdig eigentlich, im nachhinein, daß es so gekommen war! Sie hatte schließlich zusammen mit den drei anderen die Party besucht, sie alle waren dort gewesen, bereit ihn als erste zu umgarnen. Na ja, vielleicht nicht Gunvor, aber Catta und Stella ganz entschieden. Lizzie erinnerte sich genau, was die beiden angehabt hatten. Was sie selbst trug, hatte sie längst vergessen.

Frank war auf sie zugekommen und hatte sich vorgestellt. Er hatte durch seinen Bruder, der auch Gedichte schrieb, von ihr gehört. Lizzie hatte sich sehr gut an Franks Bruder erinnern können. Bei einem Essen mit Freunden hatte er neben ihr gesessen, und bei einer Diskussion über Poesie waren sie aneinandergeraten. Danach hatte er sie zu überreden versucht, mit zu ihm zu kommen, aber, im Unterschied zu ihm, hatte Lizzie keinen sexuellen Reiz an ihren Differenzen gefunden; ganz im Gegenteil. Ihr war er häßlich und dumm erschienen.

Als Frank auf sie zugekommen war, hatte sie sofort die verschiedenen Möglichkeiten in Betracht gezogen. Hatte der Bruder gelogen und gesagt, sie sei eine leichte Beute? Oder gab es zwischen den Brüdern einen Konflikt, der beide reizte, stets die Schlappen des anderen für sich zu nutzen? Erst in den frühen Morgenstunden, über zwei Tellern mit Janssons Versuchung (ein Gericht, das sie normalerweise verabscheute), hatte Lizzie allen Ernstes die Möglichkeit erwogen, er könne wirklich um ihrer selbst willen an ihr interessiert sein, könnte tatsächlich ihre Lyrik gelesen und sich darin heimisch gefühlt haben.

Er, Frank, dieser unerreichbare, liebenswürdige, attraktive und dynamische Halbgott, von dem sie bisher nur durch Freunde und Bekannte von Freunden gehört hatte.

Ein halbes Jahr später war Frank Mensch geworden, im wahrsten Sinne des Wortes. Als Lizzie in der Kirche ja gesagt hatte, flankiert von Catta in Grünblau, Stella in leuchtendem Rosa und Gunvor, die den Brautstrauß fest umklammerte, in Dunkellila, hatte sie gefühlt, daß das Unmögliche eine Angelegenheit geworden war, die sie tatsächlich bewältigen konnte. Ihre Brautjungfern waren vielleicht attraktiver, reizender, beliebter und ausgefallener als sie, aber der Mann rechts von ihr mit dem Ring am Finger gehörte zu ihr.

Und sie hatte das bekommen, was sie so heiß ersehnt hatte: soziale Zugehörigkeit. Mit Frank an ihrer Seite konnte keiner sie mehr Bauerntrampel, Proletin und Emporkömmling schimpfen, wie in schwarzen Momenten in Lundsberg. Jetzt gehörte sie statt dessen zur gutsituierten oberen Mittelschicht. Jetzt war sie Franks Ehefrau, mit einem Recht auf seinen Besitz und sein Haus, sein Vermögen und seinen Bekanntenkreis, seinen Namen und seine Stellung, und keiner konnte jemals das Gegenteil behaupten.

Die alte Lizzie gab es nicht mehr. Jetzt war sie die Frau von Frank.

Und das war noch nicht alles. Sie selbst war tatsächlich auch tüchtig geworden, hatte ihre Rolle als Studentin gegen die der selbstversorgenden Freiberuflerin mit gutem Einkommen eingetauscht. Und bald stand ein erneuter Rollentausch bevor: von der Freiberuflerin zur Mutter. Das würde herrlich werden, redete sie sich ein, es war nicht auszudenken, wie herrlich es werden würde. Sie würde den ganzen Tag Hausfrau sein. Das war, weiß Gott, auch eine Arbeit! Und außerdem eine, von der sie immer geträumt hatte, ein Traum, den sie vielleicht von ihrer Mutter geerbt hatte, doch sei dem, wie es wolle, jetzt endlich würde er Wirklichkeit werden.

Hausfrau! Mutter!

Ihr neuer Job.

Aber warum fiel es ihr dann so schwer, sich auf Kosten der anderen Tätigkeiten für diese Arbeit zu engagieren? Das Artikelschreiben und die Texte fürs Fernsehen, die spärlichen Poeme, warum konnte sie sie nicht einfach aufgeben, ohne das Gefühl zu haben, sie löse sich in all ihrer verhaßten, ehrgeizigen Bäurischkeit an den Rändern auf und verschwinde einfach?

»Das wird wunderbar«, sagte Lizzie als Antwort auf die Fragen der anderen.

»Heißt das, du willst völlig aufhören zu arbeiten?« fragte Stella verblüfft.

»Willst du nicht nur auf die Hälfte runtergehen?« versuchte Gunvor. »Vielleicht fällt dir die Decke auf den Kopf, wenn du nur zu Hause bist!«

»Ich würde mir das sehr überlegen«, wandte Catta ein. »Eines schönen Tages sehen die Dinge vielleicht anders aus als heute.«

Lizzie sah sie mit einem langen Blick an. Das war typisch Catta; mit verdeckten, leeren Drohungen zu kommen, statt deutlich zu sagen, was sie meinte. So machte sie es immer, und das war feige, verdammt feige.

»Ich habe vor, mit der Arbeit aufzuhören«, sagte sie mit fester Stimme, »weil Frank und ich das so wollen. Wir werden jetzt eine Familie gründen. Zum Kuckuck, sein Gehalt reicht doch für uns beide. Ich werde von jetzt an zu Hause bleiben.«

Es wurde still um sie. Dann ergriff Stella wieder das Wort.

»Weil Frank es so will«, sagte sie, »oder weil du es willst?«

»Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?« fragte Lizzie wütend.

»Doch«, erwiderte Stella. »Das habe ich. Ich wollte mich nur vergewissern, ob ich richtig gehört habe.«

4.

Catta nippte an ihrem Champagner. Sie nippte daran, weil ihr irgendwo bewußt war, daß sie so das beste Bild für ihre Umgebung abgab: nippend. Catta hieß Catharina und war die Großcousine von Gunvor. Sie hatten hier im Leben fast alles gleichzeitig gemacht; waren im Seglerlager auf Dalarö gewesen und im Konfirmationslager auf Öland, hatten bis zum Abitur Lundsberg besucht, und ihre Eltern hatten ihnen Geld geliehen für ein Mieterdarlehen in Stockholm, als sie mit dem Studium an der Universität anfingen.

Dennoch ähnelten sie sich nicht die Spur. Catta war nämlich schön. Sie trug ihre Schönheit ungefähr so, wie sie ihre Zigaretten hielt: zwischen Daumen und Zeigefinger. So sah es am interessantesten aus. Besonders wenn man nun zufällig eine ziemlich klassische, beinahe ein bißchen allzu vorauszuberechnende schwedische Schönheit war, mit langen Beinen und gutem Pigment für die Sonne in den Schären. Zu allem Glück war Catta auch noch eine besonders tiefe und rauhe Stimme verliehen worden, und in der Schulzeit war immer sie es gewesen, die die Kim Carnes-Songs singen mußte. Einmal auf einer Sprachreise in Südfrankreich hatte sie einen Wettbewerb gewonnen, weil sie Rod Stewart so gut nachmachen konnte. Sie hatte die Hüften bewegt wie er und die Songs genauso kratzig klingen lassen, so daß die anderen Kursteilnehmer laut geschrien und sich die Ohren zugehalten hatten. Sie selbst hatte gesagt, die Anstrengung hätte nicht einmal im Hals weh getan. Das war nur zum Teil eine Lüge gewesen.

Catta war immer die Sorte Frau gewesen, der Schirmmützen standen.

Jetzt im Augenblick dachte Catta an gar nichts. Sie spürte in sich nur einen eisigen Schrecken über ihren Geburtstag und die eigene unausgesprochene, bodenlose Einsamkeit. Um die Angst zu betäuben, nippte sie zielbewußt den Champagner in sich hinein. Es waren beinahe unbegrenzte Mengen davon vorhanden, dafür hatte Stella gesorgt. Catta begriff eigentlich nicht, warum gerade diese Tatsache sie so unglaublich irritierte, während sie zugleich wahrhaftig entzückt war über die Chance, sich an diesem Abend mit einer richtig guten Marke betrinken zu können. Ja, sie hätte es wohl verstehen können, aber ihr Gehirn hatte in letzter Zeit die Möglichkeit zur Analyse von Gefühlen ausgeschlossen. Gefühle waren gefährlich. Sie forderten zuviel von einem selbst, bedeutend mehr, als man sich leisten konnte, von sich herzugeben.

Catta war nicht dumm, im Gegenteil; sie war brillant. Sie war begabt, gefühlvoll und unglaublich ausdrucksvoll, wenn sie es nur wollte. Wenn sie es wollte, das war ein Schlüsselbegriff für Catta und auch für ihr zuweilen ziemlich genervtes Umfeld. Im vergangenen Jahr hatte sie einen immer unerträglicheren und irritierenden Mangel an Willen bei fast allen Dingen bewiesen. Ihre Umgebung hatte in bestimmten Fällen langsam die Geduld verloren. Catta fühlte das und litt. Sie litt unter ihrem Außenseitertum, litt unter ihrer Besonderheit und ihrer unerträglichen Position auf einer Art innerem Sockel. Sie wollte herunterklettern, aber sie hatte bisher ums Verrecken nicht herausfinden können, wie sie das anstellen sollte. Und wer wäre sie dann, wenn sie den Boden erreicht hatte, dort unten zwischen all den anderen?

Jetzt nippte sie schweigend an ihrem Alkohol und fühlte, wie die Betäubung, die ganz legitime, sich in ihren Armen und Beinen ausbreitete. Bald würde auch das Lachen lose sitzen, und dann würde sie sich dazugehörig und fast normal fühlen, fast gewöhnlich, fast wunderbar alltäglich, wie Lizzie geradezu, wenigstens für ein Weilchen.

»Hast du in letzter Zeit was gemalt?« fragte Lizzie.

Catta lächelte gespielt nachsichtig und reckte sich nach einer von Stellas Zigaretten, darauf bedacht, beschäftigt zu sein, etwas in den Händen zu halten. Warum mußte Lizzie gerade jetzt mit dem Malen anfangen, jetzt wo sie dabei war, in den schmerzfreien Nebel einzutauchen? Jetzt, wo sie endlich angefangen hatte sich zu entspannen und die tägliche Bitterkeit und Enttäuschung des Lebens zu vergessen?

»Das waren von A bis Z nur Kindereien«, sagte sie lächelnd. »Eine Zeitlang hat mir das Spaß gemacht, jetzt aber nicht mehr, also habe ich aufgehört.«

»Ich fand, du warst gut«, sagte Lizzie.

»Das fand ich allerdings auch, und normalerweise kann ich Reklame auf einem Tetra Pak nicht von einem Picasso unterscheiden«, ergänzte Stella.

»Ich war es aber nicht«, sagte Catta und lehnte sich zurück, »also finde ich, wir vergessen jetzt, daß ich überhaupt gemalt habe.«

Für Stella war das okay; sie hatte es im Grunde genommen schon vergessen. Eigentlich war sie überhaupt nicht mehr an der Diskussion interessiert. Sie dachte nur daran, wie sie bald ihren Kram zusammenpacken und eine Ausrede finden konnte, um nach Hause zu Benjamin zu verschwinden. Sie hielt es nicht mehr lange aus in dieser ach so reizenden Gesellschaft, in dieser aufgesetzten Zusammengehörigkeit mit den falsch schimmernden Champagnergläsern und den herzigen, albernen Schlafanzügen. Sie hatten einmal zusammengehört, sie waren einmal die besten Freundinnen gewesen, aber das war lange her!

Seit damals waren viele Operncafébesuche, Pressebekanntschaften, Partys und Romanzen den Strom hinuntergeflossen. Das hier konnten unmöglich ihre besten Freundinnen sein; diese drei Schulkameradinnen, denen man ihr Alter deutlich ansah und die nicht annähernd so up to date waren wie sie selbst, Stella! Wenn sie ausnahmsweise mal zusammen ausgingen, schämte sich Stella zu Tode, zumindest über Lizzie und Gunvor, und hier zu Hause bei Lizzie fand sie ja doch keine Ruhe. Das konnten nicht ihre besten Freundinnen sein, das war nur noch ein Mythos aus früheren Tagen! So mußte es sein. Stella schämte sich über ihre Gefühle, und die Mädels würden sicher enttäuscht sein, wenn sie ging – waren sie ihr vielleicht doch nicht ganz egal? –, aber daran war nichts zu ändern. Sie hatte schon fast vier Stunden hier zugebracht; sie hatte ihre gute Tintenfischsoße zur Pasta zubereitet, sie hatte das Saunabad der anderen durchlitten, und sie hatte geredet und gelacht, so viel sie nur konnte. Sie hatte die üblichen Gefühle von Neid und Eifersucht bei der kleinen Gunvor und der spitzzüngigen Catta herausgelockt, obwohl sie sich vorgenommen hatte, es diesmal zu lassen. Sie hatte ihr schwarzes Vergnügen gehabt, ihr allergeheimstes: zu erreichen, daß andere Frauen sich unterlegen fühlten. Das war ihre Paradenummer, das konnte sie am besten. Erst wenn sie wieder allein war, kam das Schamgefühl, aber dann konnte sie ganz schnell in ein Rockmusikblatt, ein Fernsehprogramm oder eine Party fliehen.

Außerdem wollte sie aus einem anderen Grund nicht länger bleiben. Sie wollte nicht riskieren, noch mehr zu trinken. Trank sie mehr, stellten sich die Gedanken an ihre Mutter ein, und dann war es schwer, überhaupt mit dem Trinken aufzuhören.

Sie wollte auch nicht riskieren, noch mehr zu essen, denn dann wäre sie gezwungen, ins Bad zu gehen und sich zu übergeben. Nicht daß die Mädels das nicht kannten; es ging ja schon das zwölfte Jahr so. Doch Stella haßte es, hinterher ins Zimmer zu kommen und der gedrückten Stimmung zu begegnen, die ihr bulimistisches Verhalten auslöste. Dann schämte sie sich, dann fühlte sie, daß sie die Lage nicht unter Kontrolle hatte, daß sie in der schwächeren Position war. Solange sie nur unglaublich mager war, ohne darauf zu verweisen, wodurch, hatte sie alles in der Hand. Und so sollte es sein.

»Wie geht es deiner Mutter, Stella?« fragte Lizzie. »Geht es ihr besser?«

»Oh«, erwiderte Stella, »meiner Mutter? Der geht’s gut. Sie ist jetzt völlig trocken. Hat seit Jahren keinen Tropfen getrunken.«

Warum nun noch das? Ihr Gequatsche über Benjamin hätte ja wohl gereicht. Warum mußte sie nun auch noch mit Mama anfangen? Erschöpft, sabbernd, allein und betrunken, vollgeschissen und ausgegrenzt saß sie zu Hause. Warum war Stella gezwungen, auch in der Sache noch zu lügen?

Weil Lizzie gefragt hatte.

Die blöde Lizzie. Sie war dicker als sie selbst, und dieses verdammte Gör im Bauch würde sie noch fetter machen. Wie konnte man zulassen, schwanger zu werden und Zuchtkuh zu sein? Ganz besonders bei einem Mann wie Frank! Wirklich unbegreiflich.

Stellas eine Hand lag auf ihren Rippen. Sie wehrte die unangenehmen Gedanken ab und widmete sich den üblichen, leichteren, die ihr eigenes Aussehen betrafen. Sie fühlte mit Befriedigung, daß die Rippen sich deutlich an den Seiten ihres Brustkorbs abzeichneten, ohne daß deshalb der Busen an Umfang verloren hätte. Die ganze Woche hatte sie so gut wie nichts gegessen, und offenbar hatte es geholfen. Benjamin würde zufrieden sein.

Er lag ihr ständig in den Ohren: Nimm ab, du Fettkloß. Sie war dünn wie ein Strich, das konnte sie manchmal sogar selbst sehen, aber es reichte nicht. Für Benjamin mußte sie immer noch ein bißchen dünner sein. Wenn man dünn ist, sieht man jünger aus. Wenn man dünn ist, sieht man intelligenter aus. Benjamin hatte eine Menge zu den Vorteilen des Magerseins zu sagen, aber er hatte natürlich leicht reden, soviel Drogen, wie er konsumierte.

Benjamin selbst war fast nur ein Schatten, beinah zwei Meter groß und schwarzgekleidet von Kopf bis Fuß, in Sachen, die aussahen, als hätte man ihn ins Wasser gestoßen. Außer der riesigen Lederjacke natürlich, der Jacke, die Benjamins Erkennungszeichen war. Stella pflegte darin zu schlafen, und allein deshalb bestand ja wohl kein Zweifel daran, daß sie auf dieser Pyjamaparty fehl am Platz war. Stella schielte auf die Uhr. Benjamin würde bald nach Hause kommen, und dann wollte sie auch da sein. Stella fühlte, daß sie möglicherweise nicht ohne ihn leben konnte, und der Gedanke erschreckte sie so sehr, daß es in ihren Schläfen zu hämmern begann. Ihr wurde der Mund trocken.

Benjamin wurde demnächst dreiundzwanzig.

5.

Doch nach der ersten Flasche Dom Perignon begann es auch in Stellas Gliedern angenehm zu kribbeln. Sie lehnte sich auf dem Sofa zurück und blickte mit glitzernden Augen in die Runde.

»Habt ihr den letzten Klatsch gehört?« fragte sie.

Das war ihr Spiel. Ein Spiel, das sie schon in der Zehnten zu spielen begonnen hatten, ein Spiel mit fest abgesteckten Revieren und unverschämten Überschreitungen, mit eindeutigen Favoriten und ausgesprochenen Sündenböcken. Es war ein Spiel, das ebenso in ungestümen Kitzelangriffen und Lachkrämpfen wie in heulendem Elend, in Ohrfeigen und regelrechten Schlägereien enden konnte.

Jetzt war es lange her, daß sie es gespielt hatten.

»Was für einen?« schrien die anderen.

Sie begriffen sofort. Die Frage wirkte wie ein Signal, und die Freundinnen waren die Pawlowschen Hunde. Stella schaute sie an.

»Per Gessle ist schwul«, sagte sie langsam, mit offensichtlichem Wohlbehagen. »Ich habe es direkt von einem Musikjournalisten.«

»Hör auf!« brüllte Gunvor. »Das ist nicht wahr!!!«

Per Gessle gehörte ihr, ihr allein. Keine der anderen hatte ihn mit ihr teilen wollen. Die Gruppe »Gyllene tider« gehörte zu ihren Idolen, und sie gestattete niemandem, ihnen, und vor allem Gessle, auch nur ein Haar zu krümmen.

»Ich sitz auf meinem Sofa ... mit schmollenden Lippen ...!« sang Stella aufreizend.

Lizzie und Catta kicherten entzückt.

»Okay«, schrie Gunvor aufgebracht und zeigte mit dem Finger auf Stella, »aber du bist selbst schuld. Du hast es so gewollt!«

»Immer los«, erwiderte Stella.

Gunvor überlegte fieberhaft. Es durfte nicht einfach erfunden sein, so lautete die Regel. Erst mußte ein Gerücht existieren, irgendeine Behauptung mußte der Beschuldigung zugrunde liegen.

Jetzt fiel ihr etwas Wunderbares ein.

»Annabel von Bow Wow Wow arbeitet in Südengland als Kindergartentante!« Gunvor lächelte ein teuflisches Lächeln.

»Du lügst«, sagte Stella.

»Nee, das habe ich tatsächlich auch gelesen«, mischte sich Catta ganz unschuldig ein. »Neulich in einer Popzeitschrift!«

»Ihr seid nicht bei Trost!« sagte Stella und setzte sich auf. »Dann holt doch die Zeitschrift her!«

Die Gruppe Bow Wow Wow war eins ihrer absoluten Idole gewesen. Gleich nach dem Abitur hatte sie sich für kurze Zeit sogar die Haare abrasiert und für fast zweitausend Kronen ein Wildlederkleid mit Federn angeschafft.

»Das kann in einer von denen dort stehen«, sagte Lizzie und zeigte auf einen Haufen von mehreren hundert Musikzeitschriften, die neben einem Bücherregal aufgeschichtet lagen. »Willst du suchen?«

Stella starrte mißtrauisch von Gunvor zu Catta und auf den Stapel Zeitschriften.

»Ich komme drauf zurück«, sagte sie mit einem verschmitzten Augenblitzen. »Glaubt nicht, daß ich eine solche Sache vergesse.«

»Wißt ihr, was ich gehört habe?« fragte Lizzie lächelnd.

»Du hast was gehört?« höhnte Stella. »Wo denn? In der Mütterberatung?«

»Sehr lustig«, erwiderte Lizzie. »Ich habe gehört, daß Nina Hagen nach ihrem Konzert am Freitag bei ›Vickan‹ spielen wird.«

»Nicht möglich!« sagte Catta. »Dort gibt’s doch keine gute Bühne!«

»Redet man über so was in der Mütterberatung?« erkundigte sich Stella.

»Hast du vor hinzugehen?« fragte Gunvor hoffnungsvoll. »Dann komm ich mit!«

»Natürlich gehen wir«, sagte Stella.

Sie sahen sich an. Plötzlich war klar, daß sie hingehen würden. Alle vier. Zusammen.

Die Verwunderung war so groß, daß sie verstummten.

»Was haltet ihr von ein bißchen Musik?« fragte Catta schließlich. »Getz scheint total eingeschlafen zu sein.«

Die Frage war fast überflüssig, so selbstverständlich erschien sie ihnen. Gunvor sprang auf und stieß beinah die neue Champagnerflasche um, die Lizzie mit einem leichten Satz über die Sofalehne vor die Stereoanlage geholt hatte. Es bumste gewaltig, als Gunvor landete, und Stella erschauerte unmerklich. Wie konnte man so dick sein und keine Hungerkur machen?

»Denk an die Nachbarn«, sagte Lizzie. »Die sind hyperempfindlich.«

Gunvor wühlte indes klappernd zwischen den CDs herum. »Das ist ja nur neues Zeug!« sagte sie entrüstet.

»Denk ’n bißchen nach, Gunni«, ließ sich Cattas tiefe Stimme vernehmen. »Das ist das CD-Gestell.«

»Kannst du nicht ›Augen wie Eis‹ auflegen?« fragte Lizzie. »Die steht bei den LPs.«

»Ja!« sagte Stella. »Und dazu ein bißchen ›will dich haben im Duunkeln bei miir‹. Ein Nostalgietrip!«

»Ich weiß genau, was ich nehmen werde«, sagte Gunvor entschlossen, und ihre Augen glitzerten mutwillig.

Sie legte eine CD ein und drehte an den Knöpfen. Die anderen schauten ihr abwartend zu und nippten an ihren Gläsern. Die CD lief an.

»Ich wußte nicht, daß es das hier auf CD gibt«, sagte sie zu Lizzie und grinste über das ganze Gesicht.

Die Wirkung zeigte sich unmittelbar. Die beiden ersten Takte von ›I Never Promised You A Rose Garden‹ mit Lynn Anderson erklangen aus den Lautsprechern. Sie sahen sich alle breit grinsend an. Lizzie stand auf, kroch fast in einen Wandschrank und kehrte mit einem blankgewetzten Baß und einer Gitarre zurück, der zwei Saiten fehlten. Sie warf Stella die Gitarre zu und hängte sich selbst den nicht angeschlossenen Baß über die Schulter. Stella erhob sich zögernd und stellte den Gitarrengurt ein. Catta hatte unterdes eine Haarbürste gefunden, die sie wie ein Mikrofon vor den Mund hielt, während Gunvor vor dem alten Sekretär von Cattas Großmutter auf die Knie gesunken war, mit einem Salatbesteck in jeder Hand.

Catta schließlich wagte es. Sie fiel genau an der richtigen Stelle, mitten in der Strophe, in den Gesang ein und tanzte auf ihre gewohnte Weise zum Text »You’d better look before you leap, still waters run deep, and there won’t always be someone there to pull you out ...«. Stella warf den Kopf in den Nacken und brüllte vor Lachen, als sie das sah, doch dann legte auch sie auf der Gitarre los. Lizzie schlug die Baßsaiten routiniert in Hüfthöhe, obwohl man bei der Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte, keinen Ton vernehmen konnte. Gunvor trommelte auf dem Sekretär und zog kleine Schubladen heraus, um die Schlagflächen zu verändern, und hin und wieder gelang es ihr, das eine Salatbesteck ein paar Drehungen durch die Luft zu wirbeln.

Es war tatsächlich wahr; nach nur wenigen Augenblikken machten sie alles genau wie damals. Genau auf dieselbe Weise, als sei überhaupt keine Zeit vergangen, als hätte sich nichts zwischen ihnen verändert.

6.

An dem Abend, als die ›Chanelles‹ Premiere hatten, war die Turnhalle in Lundsberg voll gewesen bis auf den letzten Platz. Die ganze Schule war wie ein Mann erschienen, um zu sehen, was diesen musikversessenen Mädels von Misba wohl eingefallen war. Alle wußten, daß in dem Wohnheim dieses Namens eine Band gegründet worden war, doch da sie aus vier Küken, wenn auch aus der Neunten, bestand, die noch kaum Brust hatten, waren die älteren Schüler nicht sonderlich interessiert. Sicher nur Kleinkinderkram.

Die Mädels hatten drüben in Lungsund einen Keller benutzen dürfen, in dem sie proben konnten, und jeden Mittwoch-, Samstag- und Sonntagnachmittag konnte man das kleine Quartett zielbewußt auf dem Filipstadsvägen lostraben sehen. Zu Beginn des Halbjahres hatten sie gewaltige Netze mit Süßigkeiten und Getränken mitgeschleppt. Gegen Ende waren sie blitzschnell mit dem Fahrrad unterwegs, ohne alles Überflüssige, nur mit diesem und jenem Handmikrofon oder einem Notizblock voller Noten. Die Premiere stand vor der Tür, am Samstag, dem vierten Mai.

Wenn sie nicht sämtlich so gut in der Schule gewesen wären, hätte der Direktor die Sache vermutlich abgeblasen, lange bevor es bis zu dem Turnhallenauftritt gekommen wäre. Doch nun lagen die Dinge nun einmal so: Keine von ihnen hatte ein Durchschnittszeugnis unter 2,0, und damit fiel es schwer, ihrem großen Enthusiasmus etwas entgegenzusetzen. Tatsache war auch, daß der Direktor selbst ein bißchen neugierig geworden war, als sie in ihren grünen Schuljacken und schmucken, schwarzen Röcken zu ihm kamen und sich leidenschaftlich für die Möglichkeit einsetzten, ›die erste richtige Schulband‹ des Internats zu werden. Es war ihm ganz einfach schwergefallen, nein zu sagen.

Am vierten Mai hatte sich der Vorhang gehoben für die ›Chanelles‹ – ein Name, der Gunvors Mutter eingefallen war und den sie ziemlich bald gegen den weniger salonfähigen ›Good Girls Do‹ ausgetauscht hatten – und einen Auftritt, den wohl kaum jemand vergessen konnte.

Mitten im zweiten Song war der Strom ausgefallen, und die ganze Turnhalle hatte im Dunkeln gelegen. Stellas Verstärker – für 250 Kronen gebraucht gekauft von einer Ehemaligen des Internats, deren großer Bruder ein Rundfunkgeschäft in Storfors besaß – war nicht geerdet und geradezu lebensgefährlich gewesen. Sobald er eingeschaltet war, teilte er kleine Stromschläge aus, und jetzt hatte er sich selbst ausgeschaltet und alles andere rundum mit. Eine Vierzigminutenpause mußte eingelegt werden, ehe die Sicherungen ausgetauscht und Stella an den Baßverstärker angeschlossen war, mit einer deutlichen Tonverschlechterung zur Folge.

Einen Song später gab Cattas Mikrofon den Geist auf, und Gunvor kriegte wegen all der Aufregung das heulende Elend. Lizzie spielte ein äußerst langatmiges Baßsolo, wobei die meisten Lehrer – die sich übrigens von Anfang an ganz hinten und auf der Galerie plaziert hatten, um schnell verschwinden zu können – die Lust verloren und nach Hause gingen. Als Catta ihr gelockertes Kabel schließlich mit Klebeband befestigt und Gunvor ihre Tränen getrocknet hatte, waren nur noch fünfzehn Minuten Spielzeit übrig. Die halbe Turnhalle war leer. Stella und Catta führten eine wütende, flüsternde Besprechung bei zugehaltenen Mikrofonen, was ein Kreischen von solchem Ausmaß zur Folge hatte, daß das Publikum vor Schmerz aufschrie. Schließlich hatten sie sich auf zwei letzte Nummern geeinigt – ›I Can’t Get No Satisfaction‹ und ganz zum Schluß ›Fever‹.

Schon als Stella auf der Gitarre loslegte, richteten sich die Schüler auf ihren Stühlen auf. Sie hatte gerade diesen Gitarrengriff lange geprobt, und er saß jetzt wie eine Stimmgabel im Rückenmark der Zuhörer. Gunvor benutzte die Trommeln, um aus der Frustration über die vielen Fehlschläge herauszukommen, wobei sie sich mehr in die Sache hineinsteigerte als je zuvor. Lizzie biß die Zähne zusammen und konzentrierte sich, um keinen Fehler zu machen und den Baß so deutlich, rhythmisch und schwer tönen zu lassen, daß sie wirklich wie eine richtige Rockband klangen. Catta heulte, was das Zeug hielt, von ihrem unbefriedigten Sexualtrieb – obwohl sie bisher nur einmal an die Brust gefaßt worden war und meinte, schon das Wort Onanie rieche nach Abschaum und Plebs mit schmutzigen Händen.

Nach dem letzten Akkord war die ganze Turnhalle in Aufregung. Lizzie zwinkerte Catta zu, die sich jetzt, wenn möglich, noch heiserer gesungen hatte (ihre Mutter pflegte stets zu scherzen, daß sie im Stimmbruch sei und nicht ihr Bruder), und Catta packte das Mikrofon auf die gleiche Weise, wie sie später eine Menge Dinge halten sollte – zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Schirmmütze, die sie während des ganzen Konzerts getragen hatte, bekam einen Stoß und rutschte über eine Augenbraue, und dann legte sie aufs neue los.

Es wurde der in der Weltgeschichte vermutlich meist bejubelte Vortrag von ›Fever‹, den eine Jungfrau, unterstützt von drei anderen, jemals gesungen hatte. Die Schulband war eine Tatsache.

7.

»Noch mal!« schrie Catta vom Kaffeetisch, auf dem sie sich aufgebaut hatte, in der einen Hand die Haarbürste und in der anderen eine halbleere Flasche. »Und stell es lauter!!!«

Gunvor tat, wie ihr befohlen war, und das Baßintro zu ›These Boots Are Made For Walking‹ dröhnte unter den Dachbalken. Tief unter ihnen kniete Lizzie und bearbeitete fingerfertig den Baß. Es war eine Illusion, doch schien es, als spiele sie das alte bekannte Baßriff besser denn je.

»You keep saying you’ve got something for me«, brüllten Nancy Sinatra und Catta im Chor.

In dem Moment ertönte die Türklingel, laut und durchdringend trotz des gewaltigen Geräuschpegels. Unmittelbar darauf war ein Hämmern an der Wohnungstür zu hören, dumpf wie am Tor zum Grab. Sie sahen sich an. Gunvor drehte den Ton leiser. Hämmern und Klingeln kehrten mit gleicher Stärke wieder.

Lizzie zog ihre geraden Augenbrauen hoch und trabte in die Diele hinaus, gefolgt von den anderen. Sie öffnete die Tür, kam jedoch nicht zu Wort vor der Schimpfkanonade, die sie überflutete.

»Was, zum Teufel, macht ihr hier eigentlich? Ist euch nicht klar, daß es schon Viertel zwei ist? Begreift ihr überhaupt nicht, daß in diesem Haus noch andere Leute wohnen? Verdammt noch mal, wir müssen morgen schließlich arbeiten!«

Keine von ihnen antwortete. Der Mann starrte die vier Gesichter vor sich wütend an. Dann richtete er seinen scharfen Blick erneut auf Lizzie.

»Wie alt bist du eigentlich?«

Schweigen. Dann ergriff Stella das Wort.

»Gute Frage«, sagte sie trocken.

›Dangerous Rhythm‹

»Take off your halo

For the all-night inferno

Something is happening in the air«

1.

»Aber das war ja wohl auch ziemlich bescheuert!«

Frank war verärgert. Er stand vor dem Spiegel im Badezimmer und rasierte sich, und von ihrem Platz draußen auf dem Korridor konnte Lizzie sehen, wie hastig er mit dem Rasierer über Kinn und Wangen fuhr. Jetzt schnitt er sich gleich. Au. Nein, noch nicht. Aber jetzt. Jetzt.

»Verflucht!« sagte Frank, spülte den Rasierer ab und befeuchtete die Schnittwunde mit Wasser.

Doch gleich quoll wieder frisches, hellrotes Blut nach. Mit einem Ruck zog er ein Stück Toilettenpapier von der Rolle, riß einen kleinen Streifen ab und klebte ihn aufs Kinn.

»Es hat uns einfach unheimlich Spaß gemacht!« sagte Lizzie.

»Ja, aber du weißt doch, was das für ein Meckerheini ist. Da muß man ihm ja wohl nicht noch mehr Grund geben.«

Lizzie rührte sich nicht, als Frank an ihr vorbei ins Wohnzimmer drängte, wo sein fertiggepackter Koffer aufgeklappt dalag. Der Geruch seines Rasierwassers blieb in der Luft hängen und schlängelte sich in ihre Nase. Aramis. Sie selbst hatte es für ihn gekauft, es war bestimmt ein Jahr her, an einem Nachmittag voller Lärm und Geschrei auf dem Flughafen von Kopenhagen. Zum Dank hatte er sie mehrmals durch die Luft gewirbelt.

Jetzt war der Geruch der einzige Kontakt, den sie zu ihm bekam.

Sie spürte ein Hämmern in der Schläfe, Warum sollte sie sich dafür entschuldigen, daß sie mit ihren alten Freundinnen einen schönen Abend gehabt hatte? Seit Ewigkeiten das erstemal! Der Nachbar hatte sich beschwert – na und? Das war früher ja wohl auch schon passiert? Frank selbst war ein großer Partyhengst gewesen, ehe er beschlossen hatte, kürzerzutreten und zu heiraten. Warum konnte er nicht verstehen, daß man manchmal einen draufmachen mußte?

Vielleicht, weil er es bei ihr nicht gewöhnt war?

Dennoch schwieg Lizzie, drückte nicht einen ihrer Gedanken in Worten aus. Betrachtete lediglich ihren Mann, der über seinen Koffer gebeugt dastand und versuchte, den Deckel zu schließen, ihn zu schließen, um wieder einmal wegzufahren. Der kleine Toilettenpapierstreifen flatterte ihm am Kinn, doch er schien ihn völlig vergessen zu haben. Im Augenblick war er die Gereiztheit und männliche Effektivität persönlich und brauchte sich um bestimmte Details offensichtlich nicht zu kümmern.

»Wann kommst du zurück?« fragte sie.

»Aber Mädel«, sagte er mit unterdrücktem Ärger, »ich habe doch gesagt, ich weiß es nicht genau.«

Jetzt kontrollierte er die Innentasche seines Trenchcoats. Paß, Geld, Fahrkarte. Lizzie stand völlig reglos da, die Hände vor dem Bauch verschränkt, und beobachtete ihn. Sie spürte ihre Brüste schmerzen. Ein Gefühl der Hilflosigkeit erfaßte ihren Körper. Er fuhr weg, wieder einmal weg, und sie blieb wie immer allein zurück, auf die Post angewiesen, die auf den Dielenteppich hereinflatterte, auf die über die Möbel wandernden Sonnenstrahlen vom Fenster im Süden bis zu dem im Westen, mit trägen Schatten im Gefolge, während sie selbst gezwungen war, sich mit ihren unfertigen Manuskripten und ihrem unfertigen Fötus herumzuschlagen.

Ihrem Fötus.

Bisher hatte Frank noch keine Anzeichen größerer Teilnahme spüren lassen. Doch, er hatte getan, was seiner Ansicht nach von ihm erwartet wurde: Er hatte ihr hin und wieder die Hand auf den Bauch gelegt und gefragt, ob »es schon strample«. Doch fast ehe sie antworten konnte, hatte er wieder weggemußt, war er unterwegs zu ständig neuen Terminen, neuen Aufträgen, neuen wichtigen Konferenzen.

Fort; weg, um sein eigenes Leben zu leben. Ein Leben, in dem kein Platz für sie war.

Nicht, daß er sie nicht liebte, denn das tat er wirklich. Er liebte sie rein und stark. Untreue gab es in seiner Vorstellungswelt nicht, da war sie sicher. Als sie sich kennenlernten, hatte er ihr immer wieder versichert, wie fantastisch es sei, sein zweites Ich getroffen zu haben, seine bessere Hälfte, seine weibliche Ergänzung. Sie hätten so vieles gemeinsam, das betonte er ständig, angefangen bei ihren Interessen bis zu ihrem Verhalten.

Doch das war damals. Dann hatte Frank eine bessere Stelle bekommen, und sie war schwanger geworden.

Jetzt lebten sie schon in weit entfernten Welten.

»Ich rufe von Arlanda aus an, wenn wir landen«, sagte er. »Aber das wird mit Sicherheit nicht vor zehn Uhr sein.«

Dann küßte er sie auf dem Weg zur Wohnungstür flüchtig auf die Wange. Lizzie konnte ihm gerade noch den Toilettenpapierzipfel vom Kinn reißen.

Die Tür schlug zu. Frank war weg. Nur sie stand da mit einem kleinen Papierfetzen in der Hand. Das einzige, was seine Anwesenheit vor ein paar Sekunden bezeugte, war der kleine kreisrunde, hellrote Blutfleck, den seine Schnittwunde hinterlassen hatte.

Irgendwann morgen abend gegen zehn würde er also wieder in Schweden landen. Bis dahin mußte sie allein zurechtkommen.

Lizzie starrte auf die Tür. Dann drehte sie sich langsam zum Spiegel um und begegnete ihrem Blick, graublau, alltäglich, unter völlig geraden Augenbrauen.

Sie wußte nicht, wie lange sie dort gestanden hatte, als sie plötzlich ein Zucken in ihrem Bauch fühlte, schwach wie von einem kleinen zappelnden Fisch.

Das erste Strampeln!!!

Und sie war ganz allein.

2.

Der Morgen brach an bei Benjamin und Stella. Genau in der Reihenfolge stimmte es, zuerst war es Morgen bei Benjamin, dann bei Stella. Immer war es erst sein Morgen, ehe es ihrer wurde. Sein Name stand zuoberst an der Tür, seine Sachen dominierten in der winzigen Einzimmerwohnung, und er war es, der bestimmte, was Spaß machte – ob es nun um Sex ging oder darum, vielleicht vor der Glotze zu sitzen und Bier zu trinken, oder sich zusammen mit Kumpels vollzudröhnen, bevor man in die Stadt zog.

Stella machte mit. Sie machte bei allem mit. Zum erstenmal in ihrem Leben war nicht sie es, die das Sagen hatte, sondern sie ließ über sich bestimmen und fand es herrlich und erschreckend zugleich. Alle, die Stella kannten, wußten, daß ihre Willenskraft für fünf ausreichte und daß sie mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg halten konnte, egal zu welchem Thema. Wer Benjamin hatte kennenlernen dürfen – und das waren nicht viele –, fand es unglaublich, daß sie sich auf dieses Arrangement eingelassen hatte. Fragte man Stella selbst, erklärte sie, sie begreife nicht, warum man die ganze Zeit an Kleinigkeiten herumkritteln solle. So was verderbe eine Beziehung nur, das könne man ja überall beobachten.

In Wahrheit hatte Stella ihre Abhängigkeit eingesehen, hatte verstanden, daß sie aus dieser Beziehung vielleicht sowieso nicht herauskam. Und damit gab es tausend Gründe, jedem Auftritt aus dem Weg zu gehen und zu vermeiden, den eigenen Willen bei jeder Gelegenheit zu betonen. Was hieß überhaupt Willen? Wessen Willen denn? Stella konnte nicht länger sehen, wohin sie unterwegs war. Ihren Willen hatte Benjamin übernommen. Und sie selbst hatte sich darein gefügt.

Nachdem Benjamin aufgestanden war und die Stereoanlage eingeschaltet, ein Bier geöffnet, die Zeitung durchblättert, gerülpst und sich unter die Dusche gestellt hatte, machte Stella Tee für sich und ihn. Zum Frühstück nur Tee war die erste Regel des Tages. Kein Toast dazu – davon wurde man dick. Manchmal machte sich Benjamin zwar ein Brot, doch fragte er Stella nie, ob sie auch eins wolle, und niemals ergriff sie selbst die Initiative, während er zusah. Sie sprachen nicht viel beim Frühstück. Benjamins Laune war vor drei Uhr nachmittags selten gut.

Die Musik dröhnte durch die Wohnung. Stella ging ins Bad, duschte und zog sich an. Sie war dünner, als sie während ihres ganzen erwachsenen Lebens gewesen war, und die Sachen hingen an ihr herunter wie an einem unterernährten Pariser Model. Als sie fertig angezogen war, nahm sie Kalender, Portemonnaie und Tasche und küßte Benjamin auf die Stirn, bevor sie ging. Er brummte zur Antwort, umfaßte sie leicht, ohne von der Zeitung aufzusehen.

»Ich komme gegen sieben nach Hause. Bist du heut abend da?« fragte Stella.

Benjamin schaute auf.

»Weiß nicht. Mal sehen. Hab noch nichts festgemacht.«

Stella nickte. Sie nahm ihre Tasche und ging, und erst als sie unten auf der Straße war, konnte sie richtig durchatmen. Ein und aus, die herrliche, frische Morgenluft. Von Luft wurde man nicht fett. Und hier sah sie keiner, sah, wie sie die Lungen mit Luft füllte und Brust und Bauch richtig rausstreckte, weit, weit raus, ehe sie die Luft ausatmete und wieder zusammenfiel.

In ihrem Kopf surrte eine Textzeile herum wie eine lästige Fliege, sie ließ sich nieder, flog auf und setzte sich wieder zur Ruhe. Als sie bei Rot über die Straße ging, flog sie blitzschnell auf und war wieder zur Stelle.

»... cause if you can’t let yourself go

what are you saving yourself for?«

Die Zeile hallte in ihrem Kopf wider.

Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, aus welchem Song sie war.

3.