Nicht die Bohne! - Kristina Steffan - E-Book

Nicht die Bohne! E-Book

Kristina Steffan

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Beschreibung

Alles nach Plan? Nicht die Bohne!

Paula Schmidt mag keine Kinder. Klein, laut, dreckig, muss nicht sein. Karriere dagegen unbedingt! Gerade hat sie sich von Olaf und seinem Dauerthema Familienplanung getrennt, da ist Paula plötzlich schwanger. Ungewollt, versteht sich. Dass das bohnenförmige Wesen auf dem Ultraschall ihr das Herz stehlen könnte, damit hat sie nicht gerechnet. Ebenso wenig mit dem Chaos, das nun über ihr Leben hereinbricht: in Form einer Kreißsaaltour mit Duftlämpchen und Walgesängen, einer neuen beruflichen Laufbahn auf dem Ökohof und eines schweigsamen, aber sehr attraktiven Tischlers namens Simon …

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Seitenzahl: 455

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Kristina Steffan

Nicht die Bohne!

Roman

Originalausgabe 05/2013

Copyright © 2013 by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion | Dr. Katja Bendels

Umschlaggestaltung | t.mutzenbach design, München, unter Verwendung von

Motiven von © mauritius images / Glasshouse und shutterstock

Satz und eBook | Greiner & Reichel, Köln

Alle Rechte vorbehalten

ISBN | 978-3-641-10310-1

www.diana-verlag.de

Kapitel 1

Ach du Scheiße. Eine blaue Linie. Zwei blaue Linien. Ich bin schwanger. Zusammengekrümmt hocke ich auf dem Badewannenrand und versuche eine Schnappatmung zu verhindern. Mir ist kotzübel. Auch mein Sprachzentrum scheint schockbedingt etwas in Mitleidenschaft gezogen zu sein, denn außer »Scheißescheißescheißescheiße« kommt nichts aus meinem Mund, und ich sehe mich nicht in der Lage, diese wenig variationsreiche Wortflut einzudämmen.

Zu meiner Verteidigung: Das kann einfach nicht wahr sein! Ich hatte dieses Jahr genau ein Mal Sex, und wir haben immerhin November. Ein Mal! Kein Mensch wird nach einem Mal Sex schwanger.

Ich kann also, rein logisch betrachtet, gar nicht schwanger sein. Was ich hier in Form eines kleinen blauen Kreuzes auf dem Schwangerschaftstest in den Händen halte, muss technischem Versagen geschuldet sein. Das Ding ist kaputt, da haben wir’s. Ich atme erleichtert aus und ignoriere den kleinen Aufdruck auf der Packung, der mir eine 99-prozentige Sicherheit beim Aufspüren von Schwangerschaften verspricht.

Im Schlafzimmer krame ich meine grauen Chucks unter dem Bett hervor und finde dort praktischerweise auch gleich meine Autoschlüssel. Keine Ahnung, wie die da hingekommen sind. Ich schnappe mir meinen karierten Wintermantel von der Garderobe, stopfe meine widerspenstigen hellbraunen Locken unter meine Lieblingsmütze und begebe mich im Eilschritt zu meinem Golf. Meine Schwester wird Rat wissen. Sie ist die Fachfrau zum Thema Schwangerschaft. Immerhin hat sie zwei davon erfolgreich mit der Produktion von Nachwuchs abgeschlossen. Also gehe ich einfach mal davon aus, dass sie sich auch mit dem technischen Versagen von Schwangerschaftstests auskennt.

Bei diesem Gedanken geht es mir gleich viel besser. Trotzdem zittern meine Hände auf der Fahrt so sehr, dass ich Schwierigkeiten habe, den Blinker zu setzen. Vermutlich fahre ich sogar Schlangenlinien, aber ich schaffe es unfallfrei bis vor Andreas Haustür. Energisch drücke ich auf die Klingel des rot geklinkerten Reihenendhauses, das meine Schwester und ihr Mann Johannes ihr Eigen nennen. Hinter der blauen Holztür mit dem obligatorischen Familienangehörigen-Informationsschild aus Salzteig ertönen tapsende Schritte, und Sekunden später schwingt sie langsam auf. Mein Neffe Julian steht breit grinsend vor mir.

»Allo!«, schmettert er mir entgegen, und ein unverständlicher Strom von Worten folgt aus seinem kleinen Mund. Julian ist drei, und ich verstehe bisher leider nur etwa fünfundvierzig Prozent der Dinge, die er so von sich gibt. Der Rest ist eine Sinfonie – oder auch Kakofonie – aus scheinbar willkürlich zusammengesetzten Buchstabenketten. Er hat anscheinend Nachholbedarf, weil er erst mit zwei geschnallt hat, dass er mit dem Mund Laute produzieren kann. Leider hört er seit dieser Entdeckung nicht mehr damit auf, was seine Anwesenheit ausgesprochen anstrengend gestaltet. Nach Angaben meiner Schwester quatscht er sogar im Schlaf. Die gesamte Familie hofft, dass er irgendwann endlich die korrekte Aussprache des deutschen Alphabets lernt oder einfach in die übliche männliche Schweigsamkeit verfällt.

Ich bücke mich zu ihm hinunter und schiebe ihn etwas unsanft zurück in den Flur, wobei ich mich um einen freundlichen und interessierten Gesichtsausdruck bemühe.

»Julian, du sollst nicht einfach die Tür aufmachen!«, donnert die Stimme meiner Schwester uns entgegen.

»Hallo«, antworte ich kläglich und blicke zu ihr auf. Sie hat ihre blonden Haare zu einem praktischen Zopf am Hinterkopf festgezurrt und trägt einen schwarzen Pullover und am Saum zerfranste Jeans. Sie sieht gestresst aus. Da Julian völlig ungerührt weiterplappert, kann ich mir gut vorstellen, warum. Schließlich hat sie die Oberaufsicht über zwei von diesen kleinen sonderbaren Wesen. Nummer eins ist eine echte Zickenprinzessin und Nummer zwei ein Kommunikationswunder ohne Aus-Knopf.

Ich richte mich auf und platziere ein schiefes Lächeln in meinem Gesicht. Jetzt bloß nicht heulen, Paula!

»Was ist los, Süße?«, fragt Andrea argwöhnisch und schnappt sich ihren Jüngsten, um ihn ins Wohnzimmer zu tragen. Ich laufe hinterher und werde gleich darauf stürmisch von meiner Nichte, Prinzessin Klara, begrüßt.

Geschickt montiert Andrea Julian auf dem Sofa und greift sich zeitgleich die Fernbedienung sowie ihre Tochter, die sie direkt neben Julian setzt.

»So, ihr beiden Hübschen, jetzt dürft ihr ein bisschen Benjamin Blümchen schauen. Ist das nicht toll?«, flötet sie. Sekunden später trötet der debile Elefant lautstark durch das Wohnzimmer, und Andrea fasst mich am Arm, um mich vor sich her in die Küche zu schieben. Sie nimmt mir den Mantel ab und legt ihn sorgfältig über eine Stuhllehne. Dann montiert sie mich genauso energisch wie gerade eben Julian auf einem der Küchenstühle und setzt sich schwungvoll daneben.

»Also?« Lauernd betrachtet sie mich. Ich ziehe die Mütze vom Kopf und ordne mit zittrigen Fingern meine Haare, um Zeit zu gewinnen. Die brillante Idee, meine schwangerschaftserfahrene Schwester zu befragen, kommt mir just in diesem Moment gar nicht mehr so brillant vor. Was passiert, wenn sie technisches Versagen bei diesen kleinen Plastikröhrchen, die die Zukunft voraussagen können, für ausgeschlossen hält?

»Paula! Du siehst aus, als ob du jeden Moment auf meinen zum Glück abwischbaren Küchenfußboden kotzen musst. Was ist los?«

Betreten schaue ich ihren Küchenfußboden an. Fliesen in Rosa. Pardon: Terrakotta. Abwaschbar, definitiv. Ein Grund zur Freude. Also sage ich leise: »Ich bin schwanger!«

Schweigen. Andrea starrt mich an.

Ich sollte an dieser Stelle kurz erwähnen, dass ich Kinder nicht besonders gut leiden kann. Ganz vorsichtig ausgedrückt: Ich bekomme keine tränennassen Augen, wenn mir jemand mit Stolz und Muttermilch gefüllter Brust seinen frisch gepressten Nachwuchs unter die Nase hält und ein Lob erwartet. Meistens finde ich diese kleinen Wesen sogar sehr befremdlich, und noch befremdlicher finde ich diese Wesen, wenn sie heranwachsen und mit dreckigen Händen an mir herumtatschen und Krach machen. Genauso befremdlich finde ich Mütter, also die Produktionsleiterinnen dieser kleinen, dreckigen Wesen. Wenn die sich nämlich mit wissendem Lächeln über Windelinhalt und blutige Brustwarzen unterhalten, verfalle ich in eine Art Schockstarre. In meinem fortgeschrittenen Alter von zweiunddreißig Jahren ist es allerdings fast unmöglich, diesen Müttern aus dem Weg zu gehen, da sie sich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis stetig vermehren.

Meine Schwester weiß das alles. Deswegen starrt sie mich schweigend an, ungefähr so, wie man eine Osterglocke zu Weihnachten anstarren würde. Nach einigen Sekunden steht sie wortlos auf und geht zum Kühlschrank. Sie öffnet die mit Kinderbildern behängte Tür und zieht eine Flasche Martini Bianco hervor. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, dreht sie den Deckel ab und nimmt einen tiefen Schluck. Ich öffne den Mund und möchte sie dezent auf die prekäre Situation hinweisen, in der ich stecke, als sie mich ansieht und erneut die Flasche ansetzt. Da der Konsum von alkoholischen Getränken vor der Tagesschau von meiner Schwester als Kapitalverbrechen geahndet wird, bedeutet das wohl, dass es noch schlechter um mich steht als befürchtet, und ich breche in Tränen aus.

Seufzend dreht sie die Flasche wieder zu, stellt sie zurück und setzt sich neben mich. Dann holt sie – verbal, versteht sich – zum Schlag aus: »Bist du denn zu blöd zum Verhüten?«

Mir klappt der Unterkiefer runter, und ich verschlucke mich an der ganzen Rotze in meinem Hals. Prustend ringe ich nach Luft. Andrea zerrt ein zerfetztes Taschentuch, die Grundausstattung einer jeden Mutter, aus ihrer Hosentasche und hält es mir entgegen.

Das Taschentuch ist feucht. Vermutlich hängen mindestens eine Million Kinderrotzbakterien seit Tagen darin herum, aber mein Mut reicht nicht aus, um sie um ein frisches zu bitten. Beherzt leere ich meinen Naseninhalt in den feuchten Papierstoff und wische mir mit dem Ärmel meines Shirts die Tränen weg.

»Jetzt erzähl mal«, fordert Andrea mich in etwas sanfterem Tonfall auf, und ich zerre den Schwangerschaftstest aus meiner Handtasche.

»Können die sich irren?«, schluchze ich und halte ihr das Plastikröhrchen unter die Nase. Andrea nimmt das weiße Ding ohne jegliche Berührungsangst entgegen (immerhin habe ich da draufgepinkelt, aber Mütter schockt so ein bisschen Pipi anscheinend nicht mehr) und betrachtet das kleine blaue Kreuz.

»Wie lange bist du denn überfällig?«, fragt sie.

»Sechs Tage«, antworte ich wie aus der Pistole geschossen.

»Na ja, Süße«, sagt Andrea leise und greift vorsichtig nach meiner Hand. »Die Dinger sind da schon ziemlich sicher.«

Als sie meinen frohlockenden Gesichtsausdruck bei dem Wort ziemlich sieht, setzt sie hinzu: »Eigentlich hundert Prozent sicher, wenn sie positiv ausfallen. Es geht um dieses Schwangerschaftshormon. Und wenn das da ist, ist es da!«

In diesem für mich so bedeutenden Moment fliegt die Küchentür auf, und das Plappermaul Julian betritt die Bühne.

»Mama!«, kräht er fröhlich. »Wolln Apelsap!«

Entgeistert starre ich meinen Neffen an. Die Apokalypse bricht über mich herein, und der Bengel verlangt nach Apelsap. Völlig ungerührt steht Andrea auf, fischt zwei bunte Plastikbecher aus der Geschirrspülmaschine und gießt Apfelsaft hinein. Julian langt mit seinen kleinen Händchen danach, doch sie hält die Becher außer Reichweite und sagt zu mir: »Ich bringe ihnen den Saft, sonst landet er auf dem Teppich.« Mit diesen Worten zieht sie mit dem immer noch krähenden Julian von dannen. Schon klar, der Teppich ist nicht abwaschbar.

Regungslos bleibe ich sitzen und starre die offene Küchentür an. Eine halbe Minute später ist sie wieder da und setzt sich wieder hin, als wäre nichts gewesen.

»Paula, du bist ziemlich sicher schwanger. Von wem?«, fragt sie und zieht dabei eine Augenbraue in die Höhe.

»Äh«, stottere ich und kann noch den Apfelsaftgeruch wahrnehmen, der in der Küche hängt.

»Hm?«, brummt sie mich auffordernd an und greift wieder nach dem Unglück verheißenden Schwangerschaftstest.

»Olaf«, seufze ich. Sie nickt zufrieden und schenkt mir ein Lächeln. Auch wenn es sie erfreut – das ist alles andere als gut. Olaf und ich sind nämlich seit genau achtundzwanzig Tagen nicht mehr zusammen. Weil ich mich von ihm getrennt habe. Weil er nämlich wollte, dass ich für ihn und nach seinen Regeln die genetische Reproduktion beginne. Was ich wiederum nicht wollte. Meine Verweigerung in diese Richtung ist auch schuld daran, dass wir in diesem Jahr genau ein Mal Sex hatten. Den Beziehungs-Beendungs-Sex, der für das blaue Kreuz verantwortlich ist.

Ich stecke echt tief in der Scheiße. Da brauche ich fast zweihundertachtzig Tage, um mich von ihm zu trennen, und jetzt das.

»Ich will auch Martini«, japse ich und mache Anstalten, vom Stuhl zu rutschen, um auf den Kühlschrank zuzurobben. Ich persönlich habe nämlich kein Problem mit alkoholischen Getränken vor der Tagesschau, aber meine Schwester packt mich fest am Arm.

»Alkohol in der Schwangerschaft geht gar nicht!«, zischt sie mich an.

»Aber das hier ist eine Notsituation, außerdem weiß ich doch gar nicht, ob ich schwanger bleibe«, jammere ich und versuche ihr meinen Arm zu entreißen. Sie wirft mir einen vernichtenden Blick zu und lockert ihren Griff nicht einen Millimeter. Es muss einen Pitbull in unserer Ahnengalerie geben.

»Willst du abtreiben?« Ihre blauen Augen sprühen Funken. Ich erstarre und denke: »Will ich abtreiben?«

Schließlich sage ich matt: »Ich weiß doch erst seit einer halben Stunde, dass ich schwanger bin. Ich muss überhaupt erst mal wieder anfangen zu denken.«

»Entschuldige«, sagt sie und lässt endlich meinen Arm los. Vermutlich hat sie bei ihrer »Schützt das ungeborene Leben«-Aktion einen dunkelblauen Fleck auf meinem Oberarm hinterlassen. »Du hast recht. Komm erst mal zu dir.«

Dafür bleibt mir allerdings nicht allzu viel Zeit, denn durch die geschlossene Küchentür dringen plötzlich heftige Kampfgeräusche zu uns. Ich vermute rivalisierende, rollige Katzen hinter dem Spektakel. Andrea vermutet einen Kleinkrieg innerhalb der Brut und steht zügig auf, um Schlimmeres zu verhindern. Ich folge ihr ins Wohnzimmer, wo Klara und Julian ineinander verkeilt und laut brüllend über den Couchtisch kullern.

Andrea greift beherzt und sehr mutig ein, während ich ein lautes »Tschüss!« rufe und fluchtartig das hübsche Eigenheim meiner Schwester verlasse.

Im Auto fällt mir auf, dass ich »das Plus« vergessen habe. Da ich aber eine natürliche Abneigung gegen lärmende Kleinkinder habe und vermute, dass der Kampf noch nicht vorbei ist, fahre ich ohne Plus nach Hause. Es geht mir jetzt zwar nicht besser, aber zumindest bin ich nicht mehr so panisch.

Langsam kehrt die Denkfähigkeit in mein schockbedingt leer gefegtes Hirn zurück, und ich mache einen Abstecher zur Apotheke. Der Apotheker schaut bei meiner Bestellung etwas irritiert aus der weißen Wäsche, und ich fühle mich genötigt, ihm zu erklären, dass gleich zwei von meinen Freundinnen glauben, schwanger zu sein. Außerdem, füge ich hinzu, soll man ja laut Arzt mindestens zwei Tests machen. Um ganz sicherzugehen. Freundlich lächelnd verlasse ich die Apotheke wieder, um im Auto erneut in Tränen auszubrechen.

Kapitel 2

Ich habe auf fünf Tests verschiedenster Hersteller gepinkelt. Das hat insgesamt fast drei Stunden gedauert, weil ich ja im Vorfeld für ausreichend Blasenfüllung sorgen musste. Ich habe also Eistee, Apelsap und Cola in rauen Mengen in mich hineingeschüttet und jeden Tropfen, der unten wieder rauskam, sinnvoll genutzt. Ich habe mich zusammengerissen und kurzzeitig mit dem Heulen aufgehört, damit nichts an Flüssigkeit für eine so sinnlose Tätigkeit verschwendet wird.

Das Ergebnis: Ich bin definitiv schwanger. Ich verfüge jetzt über eine stolze Sammlung von doppelten rosa Linien und blauen Pluszeichen. Ein Test sagte mir sogar wortwörtlich: Schwanger! Ich rufe Andrea an, die nach der Lautstärke im Hintergrund zu urteilen immer noch – oder schon wieder – an vorderster Front kämpft, und berichte ihr von den vielen positiven Ergebnissen. Die Kampfhandlungen in ihrem Wohnzimmer halten sie leider davon ab, ein ausführliches Gespräch mit mir zu führen, und sie beauftragt mich mit leicht gehetzter Stimme, in mich zu gehen und mir zu überlegen, wie ich weitermachen will.

Matt sitze ich auf meinem Sofa, während der Novemberregen gegen die Scheiben trommelt. Ich würde so gern mit jemandem reden, aber ausgerechnet in dieser Situation, in der ich dringend Beistand bräuchte, ist die Auswahl mehr als begrenzt. Verzweiflung macht sich breit, und ich gönne mir, nachdem ich meine Körperflüssigkeiten nun wieder maßlos verschwenden kann, eine weitere Runde Tränen.

Meine beste Freundin Justine versucht seit zwei Jahren schwanger zu werden und fällt als Gesprächspartnerin in diesem Fall definitiv aus. Die Muttis unter meinen Freunden und Bekannten werden mir gratulieren und mich in ihrem Kreise herzlich willkommen heißen. Dass ich ja überhaupt nicht schwanger sein möchte, könnte dort auf Missfallen stoßen. Meine weise Freundin Jutta ist für zwei Wochen auf den Malediven und hat demonstrativ ihr Handy zurückgelassen. Und Mara, meine karrierebewusste, Manolo Blahnik tragende Freundin, würde ohne viel Federlesens meinen Gynäkologen anrufen und den Abtreibungstermin höchstpersönlich in meinem Kalender eintragen. Dann würde sie mir auf die Schulter klopfen und mir freundlich mitteilen, dass das Problem gelöst sei.

Leider ist es nicht ganz so einfach, wie ich feststelle. Und leider habe ich auch keinen Notfallplan in petto. Ich habe mir nämlich noch nie in meinem Leben die Frage gestellt, was ich tun würde, wenn ich schwanger wäre. Vielmehr habe ich das schlicht und einfach ausgeschlossen. Paula Schmidt wird doch nicht schwanger. Schon gar nicht ungewollt. Schließlich bin ich die Meisterin der Verhütung: Meine Pille und ich sind echte Freundinnen. Niemals vergesse ich, sie mir abends um Punkt 21.30 Uhr in den Mundwinkel zu schieben. Nur ein einziges Mal in meinem Leben wurde mein Verhütungstrieb durch andere Dinge überlagert.

Vor ungefähr vier Wochen war ich nämlich beruflich in New York. Und Zeitverschiebung sowie Schlafmangel haben tatsächlich dazu geführt, dass ich die kleine weiße Pille in meinem Kulturbeutel vergessen habe. Zwei Abende hintereinander. Und auch noch die ersten beiden aus der neuen Packung.

Grundsätzlich ist das kein Problem … wenn frau keinen Sex hat. Es wird zu einem großen Problem, wenn frau kurz davor doch Sex hatte und aufgrund der heimeligen Sicherheit, in den vergangenen Jahren die Pille immer ordnungsgemäß eingenommen zu haben, vergisst, dass sie sie vergessen hat.

Irgendwo in meinem Hinterkopf gab es wohl immer die Annahme, dass ungewollte Schwangerschaften nur die blödesten unter uns Schwestern treffen und das Problem mit einer Abtreibung schnell wieder in den Griff zu bekommen ist.

Jetzt gehöre ich selbst zu den blödesten unter uns Schwestern, und der Gedanke an eine Abtreibung jagt meinen Puls in die Höhe. Irgendeine bisher unbekannte Instanz in meinem Hirn souffliert mir seltsame Dinge wie: Es zu bekommen wäre eine Alternative. Und vielleicht auch ganz schön!

Hier ist nichts schön, verdammt! Und eine Alternative zu was? Karriere machen? Diese seltsame Stimme aus dem Off scheint mich nicht gut genug zu kennen: Ich mag keine Kinder! Energisch setze ich sie über diese Tatsache in Kenntnis, aber sie quatscht unverdrossen weiter. Erzählt was von Verantwortung dem ungeborenen Leben gegenüber, dass ich ja schon zweiunddreißig Jahre alt bin und so ein kleiner Mensch …

Blabla! Hallo?! Ich habe dem Spermaspender dieser wachsenden Zelle gerade den Laufpass gegeben. Dazu habe ich einen echten Traumjob. Gut, zurzeit ist es eher ein 24-Stunden-Hammerjob, aber meine weitere Karriereplanung sieht eindeutig vor, den ultimativen Traumjob allerspätestens in drei Jahren ergattert zu haben. Schließlich habe ich nicht umsonst BWL studiert.

Ich kann jetzt nicht schwanger sein und ein Kind bekommen. Dafür habe ich gar keine Zeit. Das ist völlig ausgeschlossen. Und außerdem: Ich mag keine Kinder!

Ich weine noch ein bisschen und gehe dann unter die Dusche. Am Abend treffe ich mich mit meiner Mädels-Runde, die aus fünf kinder- und männerlosen Frauen besteht. Meine Alkoholenthaltsamkeit erkläre ich meinen Freundinnen mit einer Magenverstimmung. Nur mir selbst gegenüber kann ich sie nicht so recht erklären. Wenn ich doch dieses Kind, sagen wir besser diese Zelle, nicht bekommen werde, könnte ich doch saufen wie eine bengalische Bergziege. Aber der Gedanke an Prosecco und Co. lässt leichte Übelkeit in mir aufsteigen.

Den Rest des Wochenendes verbringe ich in einem Zustand völliger Verwirrung. Ich laufe desorientiert durch meine Wohnung und zähle die Stunden, bis ich endlich meinen Gynäkologen anrufen und ihn mit der erschütternden Tatsache meiner ungewollten Schwangerschaft konfrontieren kann.

Unpassenderweise gratuliert mir die debile Sprechstundenhilfe, die ich am Montagmorgen um acht am Telefon über meinen unfassbaren Zustand in Kenntnis setze, sehr freundlich. Darüber hinaus verweigert sie mir einen sofortigen Termin. Ich solle noch ein wenig abwarten, in der Regel könne man den Herzschlag erst ab der siebten Woche sehen. Wie wäre es mit einem Termin Ende nächster Woche?

»Ich bin schwanger, verdammt«, zische ich in mein Handy und setze zu einem Sprint um die Häuserecke an, als mir ein Pulk Anzugträger entgegenkommt. Nur mit größter Mühe habe ich es überhaupt geschafft, mein Büro Punkt acht zu verlassen, um dieses elementare Telefonat zu führen, und jetzt will die blöde Kuh mich vertrösten. Der Ernst der Lage ist nicht bei ihr angekommen.

Also noch einmal: »Ich bin schwanger. Und ich muss JETZT einen Termin bekommen. Weil ich DRINGEND mit dem Arzt sprechen muss.«

Am anderen Ende herrscht verblüfftes Schweigen. Im Hintergrund klingelt ein Telefon, ich höre Stimmen. Ich schiebe mir die freie Hand in die Achselhöhle, um wenigstens an einem Körperteil keine Erfrierungen davonzutragen. In der Annahme, dass das Telefonat schnell erledigt wäre, habe ich meinen Mantel im Büro gelassen und zittere nun vor Kälte gleichmäßig vor mich hin.

»Ja, … äh …«, sagt die Sprechstundenhilfe schließlich leise. »Das ist eigentlich nicht nötig, aber wenn es soooo dringend ist, können Sie heute Abend gegen sechs kommen. Das kann dann aber etwas dauern, weil ich Sie dazwischenschieben muss.«

»Wunderbar!«, zische ich wieder und drücke hektisch auf Auflegen, dann jage ich zurück in mein Büro.

Mein Chef steht verwirrt vor meinem Schreibtisch und bestaunt den leeren Platz, an dem er sonst immer fleißig und brav seine persönliche Vorstandsassistentin sitzen sieht. Ich schieße an ihm vorbei und lasse mich auf meinen Schreibtischstuhl plumpsen. Dann blicke ich ihn an und nicke.

»Äh, wo waren Sie?«, fragt er und deutet leicht verwirrt auf die Richtung, aus der ich in sein Sichtfeld geschossen kam.

»Ich musste kurz mal weg«, informiere ich ihn sachlich. Meine Mundwinkel sind in einer Wölbung nach oben erstarrt, und ich blicke ihn abwartend an.

»Ich habe hier noch eine Vorstandsvorlage. Die müssten Sie bis heute Abend fertig machen.« Er legt mir ein Blatt Papier auf den Tisch und wendet sich ab, dreht sich aber gleich noch einmal um. »Außerdem könnte ich mal einen Kaffee vertragen.« Vertraulich grient er mich an, bleckt sein gelbes Pferdegebiss und wandert bedächtigen Schrittes zurück in sein Büro.

Punkt 1: Er hätte sich seinen Kaffee gleich mitnehmen können.

Punkt 2: Er hätte sich seinen Kaffee sogar gleich selbst eingießen können. Die Kanne steht auf dem kleinen Tisch direkt vor meinem Schreibtisch.

Punkt 3: Er ist ein lebensunfähiger Arsch. Wenn seine Frau in den Urlaub fährt – und das muss sie hin und wieder, um die Ehe mit ihm ohne Depression zu überleben –, kommt jeden Tag die Putzfrau. Weil er vermutlich noch nicht einmal in der Lage ist, den Kühlschrank alleine zu öffnen, geschweige denn eine Tasse in die Geschirrspülmaschine zu stellen.

Punkt 4: Ich bin schwanger. Aber das tut hier wohl nichts zur Sache.

Also erhebe ich mich wieder, gieße Kaffee in eine Tasse, füge die genau definierte Menge an Milch und Zucker hinzu und folge ihm. Ich sage laut: »Bitte schön!«, und platziere die Tasse auf seinem Schreibtisch. Er gibt einen unartikulierten Laut von sich, und ich laufe den gleichen Weg wieder zurück. Dann gieße ich mir selbst einen Kaffee ein und setze mich an meinen Schreibtisch. Während ich meine Mails öffne, nehme ich einen Schluck und erstarre.

Erstaunt linse ich in die Tasse. Der Inhalt sieht aus wie Kaffee. Er riecht auch wie Kaffee. Aber er schmeckt wie Moppelkotze oder Klostein. Je nachdem, welche Geschmacksknospen in meinem Mund mit dem Gebräu in Kontakt kommen. Angewidert schlucke ich es runter und greife mir die Kanne. Gleiches Ergebnis: riecht wie Kaffee, sieht aus wie Kaffee, schmeckt grauslich. Vermutlich hat der Interne Einkauf uns mit einem Sonderangebot von armen Kaffeepflückern aus Guatemala versorgt. Ich schütte den Kaffee in den Ausguss und mache mir einen Tee. Dann notiere ich mir auf einem Post-it, unbedingt die entsprechende Abteilung zur Rede zu stellen. Den gilligelben Post-it klebe ich zu seinen Freunden an den Bildschirmrand des Computers und widme mich jetzt endlich meinen Mails.

Ärger und Stress, so weit das Auge blicken kann. Irgendwie sind in diesem Unternehmen alle immer sauer aufeinander. Das scheint zur Firmenphilosophie zu gehören. Dabei sollten wir eigentlich Autoteile bauen, aber das kann man bei meinem mit wüsten Anschuldigungen und Vorwürfen prall gefüllten Posteingang allerdings schnell aus den Augen verlieren. Vielmehr sind wir ein Vorzeigeunternehmen in Sachen schlechte und wenig zielführende Kommunikation.

Seufzend tröste ich mich damit, dass ich hier nicht ewig hocken werde, sondern dieser Job das ultimative Sprungbrett nach oben ist, und befasse mich mit der Vorstandsvorlage, den bedenklich hohen Stapeln an Unterlagen auf und neben meinem Schreibtisch und den wüsten Anschuldigungen von Abteilung X an Abteilung Y, sie über dies und jenes nicht korrekt und nach Norm informiert zu haben.

Ich bin so beschäftigt, dass ich zwischendurch sogar das Plus vergesse und mich erst das unsanfte Piepen meines Handys darauf aufmerksam macht, dass der Termin zur Rettung meines Lebens kurz bevorsteht. Hektisch fahre ich den Computer herunter und stelle mein Telefon um. In Rekordgeschwindigkeit verlasse ich das Firmengelände und rase zur Praxis meines Gynäkologen.

Dort werde ich erst mal im Wartezimmer geparkt. Mein Blutdruck könnte dem eines DSDS-Kandidaten kurz vor dem Finale Konkurrenz machen. Verzweifelt versuche ich mich mit einer der vielen Zeitschriften abzulenken und nicht auf die dickbäuchigen Frauen zu achten, die mich umringen. Allein die Anwesenheit dieser so offensichtlich sehr schwangeren Frauen macht mich noch nervöser. Eine nach der anderen verlässt das Wartezimmer, bis ich ganz alleine zurückbleibe. Es ist mittlerweile kurz vor sieben. Knapp vor einem Nervenzusammenbruch meinerseits steckt die Sprechstundenhilfe den Kopf durch die Tür und nickt mir freundlich zu. Es ist dieselbe Frau, die ich heute Morgen am Telefon hatte, und ich schäme mich kurz, weil ich sie so angezischt habe. Schließlich ist sie ja nicht schuld an meinem Dilemma.

»Ich habe Ihnen ja gesagt, dass es dauern kann, aber jetzt können Sie schon mal in Behandlungszimmer 1 gehen. Der Doktor kommt dann gleich.« Sie lächelt mich an, und meine Mundwinkel zucken in dem verzweifelten Versuch, ebenfalls eine halbwegs sozialverträgliche Miene zu produzieren.

In Behandlungszimmer 1 ist es schummrig dunkel. Allerdings nicht dunkel genug, um das große Plakat an der Wand neben dem Schrank zu übersehen. Auf dem Plakat ist eine Zelle. Eine Zelle, die von Bild zu Bild immer größer wird und schließlich als kleiner zerknautschter Säugling in den Armen einer glückselig grinsenden Frau liegt. Erschrocken atme ich ein und stecke meine eiskalten und zitternden Hände in die Taschen meiner Anzughose. Bild Nummer eins ist also das, was da gerade in meinem Uterus herumschwimmt.

Hinter mir fällt die Tür ins Schloss, das Licht geht an, und ich wende den Blick von dem Plakat ab. Dr. Ganter steht vor mir und streckt mir seine Hand entgegen.

»Hallo, Frau Schmidt, was ist denn so dringend?«, brummt er väterlich und setzt sich an seinen Schreibtisch, während er mich mit einer einladenden Geste dazu auffordert, auf einem der Stühle davor Platz zu nehmen.

Ich setze mich und sage: »Äh!« Mein Hirn ist noch mit dem Verarbeiten der Bilder auf dem Plakat beschäftigt, und ich brauche ein paar Sekunden, um mich zu sortieren.

»Ich bin schwanger«, flüstere ich dann schließlich, und weil mich der Doktor so freundlich und einfühlsam anblickt, schießen mir die Tränen in die Augen.

»Na«, sagt er und reicht mir eine Kleenexbox, die er unter seinem Schreibtisch versteckt zu haben scheint. »Das ist ja erst mal kein Grund zum Weinen!«

»Haben Sie eine Ahnung«, erwidere ich zaghaft und erzähle ihm, warum es eben doch ein Grund zum Weinen ist. Die Tatsache, dass ich Kinder nicht mag, lasse ich in diesem Bericht allerdings weg. Das erscheint mir einem Menschen gegenüber, der hauptberuflich Kinder zur Welt bringt, irgendwie unpassend.

Aber die Fakten sprechen auch so für sich. Nachdem ich meine dramatische Darstellung beendet habe, sagt er nachdenklich: »Lassen Sie uns mal schauen«, und deutet auf seinen von mir sehr gefürchteten Untersuchungsstuhl. Nichts ist erniedrigender, als sich unten herum frei zu machen und genau dort Platz zu nehmen. Aber heute habe ich es eilig. Ich reiße mir förmlich die Klamotten vom Leib, während er wieder das Licht dimmt und dabei irgendetwas erzählt. Das soll wohl der Beruhigung dienen, aber ich habe gerade keinen Kopf für Geplapper und denke nur: Mach hin, Gynäkologe!

Außerdem ist mir schlecht – um genau zu sein: kotzübel. Geübt schiebt er den Ultraschallkopf in mich hinein und blickt dann aufmerksam auf seinen Bildschirm. Er brummt ein bisschen vor sich hin, und ich kneife die Augen zu.

Erst sein fragendes »Frau Schmidt?« veranlasst mich, sie wieder zu öffnen.

»Ja?«, frage ich zurück und vermeide den Blick auf den Bildschirm, indem ich ihm fest in die braunen Augen starre.

»Wann genau hatten Sie ungeschützten Geschlechtsverkehr?«, erkundigt er sich und tippt einhändig auf der Tastatur des Gerätes herum. Ich antworte knapp: »Vor etwa vier Wochen.«

»Dann ist das ein wenig ungewöhnlich«, kommt seine Antwort.

Ich presse ein: »WAS ist ungewöhnlich?« hervor.

»Schauen Sie mal!«, fordert er mich energisch auf, und ich folge langsam seinem Blick.

Da blubbert was. Auf dem sonst so dunklen Bild des Monitors sehe ich eine kleine, weiß umrandete Bohne. Zumindest sieht das Ding so aus, und es beherbergt etwas, das im Rhythmus einer schnell laufenden Nähmaschine vor sich hin zuckt.

»Was ist das?«, hauche ich schwach.

»Das Herz«, antwortet er ernst und bewegt den Schallkopf ein wenig hin und her. Das Bild wird noch deutlicher. Vielleicht ist mir das Herz in die Hose gerutscht? Wie gebannt betrachte ich das zuckende Etwas auf dem Bildschirm.

Da schlägt also ein Herz in mir. Ein zweites Herz. Und dieser bescheuerte Arzt zeigt es mir auch noch. Vermutlich ist das Absicht. Er will dieses Herz zur Welt bringen. Purer Eigennutz. Er glaubt, wenn er es mir zeigt, kann ich es nicht mehr »wegmachen« lassen.

»Es ist ungewöhnlich, dass man den Herzschlag so früh schon so deutlich sehen kann«, sagt Dr. Ganter und lächelt mich an. Ja klar, es ist also ein Zeichen, füge ich seinen Worten im Stillen hinzu.

Dr. Ganter beendet den Ultraschall, und ich darf mich anziehen. Verwirrt und leicht zittrig nehme ich wieder auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz.

»Sie sind jetzt am Ende der fünften Schwangerschaftswoche«, informiert er mich. Ich bin nicht gut in Kopfrechnen, aber selbst ich bemerke, dass das nicht stimmen kann. Er sieht meinen verwirrten Gesichtsausdruck und erklärt: »Man geht bei der Berechnung vom ersten Tag Ihrer letzten Periode aus. Insgesamt ergeben sich daraus dann die vierzig Schwangerschaftswochen.«

Dr. Ganter lächelt mich mitfühlend an. »Sie sollten da noch mal drüber nachdenken, Frau Schmidt. Es ist nicht das Ende der Welt. Es ist nur ein Kind.« Und mit diesen Worten überreicht er mir ein kleines Stück Papier. Ein Herzschlagbild. Na toll, er hat sogar ein Beweisfoto gemacht und nötigt es mir nun auf.

»Haben Sie jemanden, mit dem Sie darüber sprechen können?«, höre ich ihn aus weiter Ferne fragen, während ich auf das Bohnenbild starre. »Vor einem Abbruch muss immer ein Beratungsgespräch geführt werden. Die Menschen hier«, er reicht mir erneut ein Stück Papier, nur diesmal mit einer Adresse drauf, »kennen sich mit der Situation, in der Sie stecken, sehr gut aus. Wenn Sie Probleme haben, mit Ihrem privaten Umfeld darüber zu sprechen, können Sie dort auch vor dem offiziellen Beratungstermin Hilfe bekommen.« Jetzt starre ich auf die Adresse von pro familia.

»Der errechnete Termin ist übrigens der erste Juli«, fügt er noch hinzu und tippt fleißig auf der Tastatur seines Computers herum.

»Der errechnete Termin für was?«, frage ich.

»Der Geburtstermin«, antwortet er und lächelt mich schon wieder an.

Jetzt ist es offiziell: Mein Frauenarzt ist hinterhältig und berechnend.

»Was soll ich denn jetzt bloß machen?«, frage ich und starre ihn an.

»Sehen Sie, Frau Schmidt«, er tippt noch einmal energisch auf eine Taste und wendet sich dann wieder mir zu, »ich habe in meiner Praxis unglaublich viele Frauen, die nichts lieber wollen, als ein Kind zu bekommen. Aber sie werden nicht schwanger. Manchmal kann auch die Medizin ihnen nicht dabei helfen. Es ist keine Selbstverständlichkeit, schwanger zu werden. Alles, was Sie mir an Gegenargumenten genannt haben, kann ich verstehen. Ich bitte Sie nur um eins: Denken Sie in Ruhe darüber nach, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, dieses Kind zu bekommen. Wenn Sie sich jetzt gegen diese Schwangerschaft entscheiden, ist das vielleicht eine Entscheidung für immer. Außerdem kann ich Ihnen nur ans Herz legen, mit dem Vater zu sprechen.« Damit steht er auf, tätschelt mir noch einmal die Schulter und entschwindet aus der Tür.

Ich bleibe mit den Zetteln in der Hand sitzen. Ich hatte mir von ihm eine Lösung des Problems erhofft. Jetzt weiß ich, dass das Problem aussieht wie eine Bohne, über einen Herzschlag verfügt und am ersten Juli zur Welt kommen wird.

Wenn ich es denn lasse. Schlagartig wird mir bewusst, dass diese Entscheidung nicht mehr nur mich betrifft. Da hängen jetzt verdammt viele Leute drin. Sie betrifft Olaf als Vater, mich als Mutter und die Bohne als Kind.

Plötzlich ist die Welt grau vor lauter Verantwortung, die auf meinen Schultern lastet oder besser: in meinem Uterus lauert.

Ich stopfe die Zettel in meine Handtasche und gehe. Die Praxis ist leer. Die Tür fällt geräuschvoll hinter mir ins Schloss. Dann fahre ich nach Hause, lege mich auf mein Sofa, ziehe mir meine karierte Kuscheldecke über die Ohren und beginne einen Heul- und Schluchzmarathon, der bis Mitternacht dauert.

Als ich damit fertig bin, gehe ich ins Bett und schlafe. Traumlos und leer geweint.

Kapitel 3

Als der Wecker am nächsten Morgen klingelt, brauche ich sehr lange, bis es mir gelingt, die Augen zu öffnen. Ich wundere mich über meine schweren Lider und lasse den gestrigen Tag langsam im Kopf Revue passieren, als mich die Erkenntnis kalt und aus dem Hinterhalt trifft: Ich bin schwanger!

Schlagartig ist alles wieder da – die vielen blauen Pluszeichen und der Besuch bei meinem Gynäkologen. Und wie auf Befehl wird mir schlecht. Nicht nur ein bisschen schlecht, sondern gleich das volle Programm.

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