Nicht für die Öffentlichkeit - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Alles drehte sich um die Wahl. Martha war ständig von einem Meer von Gesichtern umgeben, von tobendem Applaus, Blitzlichtern, vom Taumel der Begeisterung. Der nächste Gouverneur würde Lem Bascom heißen. Ihr Mann. Die Wahl war praktisch schon gewonnen. Außer, es würde etwas Unvorhergesehenes geschehen ... Und drei Tage vorher geschieht es. Plötzlich lag eine zerknüllte Gestalt auf der Straße. Der Mann regte sich nicht. Sein Gesicht war klein und rattenhaft. Er war tot. Dann verschwand die Leiche, und man sagte, Martha hätte sich alles nur eingebildet. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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MOBI

Seitenzahl:272


Mignon G. Eberhart

Nicht für die Öffentlichkeit

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Erni Friedmann

FISCHER Digital

Inhalt

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1

Das auf der Karte mit einem Kreuz eingezeichnete Haus tauchte im Zwielicht auf. Martha Bascom blickte durch die verregnete Windschutzscheibe. Drei Straßen zweigten hier ab. Aus den Fenstern des Hauses drang Licht.

Sie bog in die Auffahrt ein und hielt an.

Die Dämmerung war an diesem letzten Donnerstag vor dem ersten Novemberdienstag früh hereingebrochen. Schon heute wurde der erste Dienstag in Marthas Vorstellung groß geschrieben, denn der erste Dienstag war Wahltag.

Sie glättete ihr Haar, knöpfte den Regenmantel zu, nahm die Handtasche und kletterte aus ihrem winzigen Wagen.

Als sie auf das Haus zuging, schallten ihr Stimmen und Gelächter entgegen.

Kaum hatte sie angeklopft, wurde die Tür aufgerissen, und ein großer Mann mit rotem Gesicht sagte höflich: «Bitte?» Im gleichen Moment erkannte er sie. Seine Miene hellte sich auf. «Nein, so etwas, Lems Frau! Das ist ja famos. Kommen Sie doch herein … Ich bin Jim Stenson.»

«Ja, ich weiß –»

Er führte sie in ein Zimmer, das von Licht und munteren Menschen erfüllt war. «Ellen!» rief er. «Lems Frau ist gekommen. Ich habe sie nach den Fotos sofort erkannt.»

Eine hübsche Frau, deren freundliches Gesicht von einer roten Haarwolke wie von einem Glorienschein umgeben war, kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. «Mrs. Bascom! Wie nett, daß Sie uns besuchen!»

Im Handumdrehen hatte sie Martha dem halben Dutzend Anwesenden, die sie alle herzlich begrüßten, vorgestellt. Man führte sie zum Kamin und drückte ihr ein Glas Martini in die Hand. Offensichtlich hatte jeder Lems Reden gehört und sie mit ihrem Mann auf dem Fernsehschirm gesehen. Alle waren von Lems Wahlsieg überzeugt.

«Auf unseren neuen Gouverneur!» sagte jemand.

«Wir halten gerade eine Vorfeier ab», sagte Jim Stenson. «Dienstag feiern wir dann natürlich im Bascom House. Das hier ist nur eine Kostprobe.»

Endlich gelang es Martha, zu Wort zu kommen. «Dorthin bin ich gerade unterwegs. Archie Henshaw …»

«Weiß schon», sagte Jim Stenson. «Lems Pressemann.»

«Ja. Archie hätte mich hinbringen sollen, wurde aber im letzten Moment dienstlich abgerufen. So bin ich allein losgefahren. Er sagte mir, ich solle hier halt machen, um mich nach der richtigen Abzweigung zu erkundigen.»

«Ausgezeichnet», sagte Jim. «Sie sind so gut wie am Ziel. Wie steht die Wahlschlacht? Famos, nicht?»

Seine Art, «famos» zu sagen, war derart herzlich, daß jeder davon angesteckt wurde. «Ich glaube schon», sagte Martha.

«Todsicher! Lem ist ein vorsichtiger Luchs, soviel Unruhe er auch in politischer Hinsicht stiften mag. Der macht die Rechnung schon nicht ohne den Wirt.» Jim lachte dröhnend. «Ich bin überzeugt davon, daß er den Wahlsieg so gut wie in der Tasche hat. Er und kein anderer wird Gouverneur.»

Martha wußte, daß Jim Stenson zu Lems ältesten Freunden zählte.

Ellen runzelte die Stirn. «Was wollen Sie denn allein in Bascom House anfangen? Bleiben Sie lieber hier bei uns.»

«Besten Dank. Aber Lems Mutter wartet bereits auf mich. Wir wollen die Wahlen hier draußen abwarten. Lem meint, daß ich Ruhe nötig hätte.»

«Sie sehen aber taufrisch aus», sagte Jim galant. «Keine Spur von Müdigkeit zu entdecken.»

«Nach dieser anstrengenden Wahlkampagne muß sie ja müde und erschöpft sein», sagte Ellen rasch. «Sicher haben Sie die ganze Zeit mitgemacht, nicht wahr?»

«Größtenteils. Heute und morgen sind noch sehr anstrengende Versammlungen, dann kommt die Großkundgebung am Montag – deshalb hat mich Lem herausgeschickt, obwohl ich den Wahlkampf lieber bis zum Ende durchgestanden hätte.»

«Sie haben Ihren Teil geleistet», sagte Ellen. «Niemand hätte es besser machen können.» Die übrigen Anwesenden ließen ein beifälliges Murmeln hören.

«Ich wette, sie hat genauso viele Stimmen gewonnen wie Lem», sagte Jim. «Noch einen Martini?»

Er wollte ihr schon einschenken, doch Martha wehrte ab. «Nein, danke, ich muß weiter. Wenn Sie mir jetzt den Weg zeigen wollen …»

Jim versuchte Einwendungen zu machen, aber gerade nur so viele, um Martha zu zeigen, wie gerne sie gesehen war. Ellen sagte: «Sie muß todmüde sein, Jim. Wir haben sie gestern im Fernsehen beobachtet. Halt sie nicht auf. Wir werden sie ja jetzt hoffentlich öfter zu Gesicht bekommen …»

Martha verabschiedete sich. «Viel Glück!» sagten die meisten und «Lem kann auf meine Stimme zählen!»

Jim riß beim Anblick von Marthas Wagen die Augen auf. «Wollen Sie wirklich behaupten, daß Sie mit diesem Kinderwagen achtzig Kilometer gefahren sind?»

Lachend stieg Martha ein. Der nette Empfang, das behagliche Kaminfeuer und der Martini hatten ihre Nerven wieder belebt. «Also wie muß ich jetzt fahren, bitte?»

«Sie können es nicht verfehlen. Erst rechts, bei der nächsten Biegung links und dann wieder rechts. Die Straße ist kurvenreich, aber es ist der kürzeste Weg. Es sind keine fünf Kilometer. Sie können es nicht verfehlen, aber wenn es Ihnen lieber ist, fahre ich gerne mit.»

Martha lehnte dankend ab. «Erst rechts, dann links, dann wieder rechts …»

«Auf Dienstag also. Und richten Sie Lem bitte Grüße von mir aus.» Er winkte ihr eifrig nach, als sie in die Hauptstraße einbog.

Rechts, dann links, dann wieder rechts. Nichts einfacher als das.

Die Straße war tatsächlich sehr kurvenreich und durch den dichten Baumbestand auch noch so eng, daß immer wieder Zweige ihren Wagen streiften.

Es war merklich dunkler geworden. Sie konnte sich bei den Stensons nicht mehr als zwanzig Minuten aufgehalten haben, aber im November wird es schnell Nacht.

Die Scheinwerfer beleuchteten die Straße vor ihr nur spärlich, da wieder heftiger Regen eingesetzt hatte. Sie sehnte die Lichter von Bascom House herbei.

Bisher hatte sie nur Bascom-Bay kennengelernt, die kleine Stadt am Seeufer. Bascom House selbst hatte sie noch nicht zu Gesicht bekommen, und da es seit Generationen der Stammsitz der Bascoms war, brannte sie darauf, endlich über seine Schwelle zu treten.

Die Abzweigung nach links war so schlecht zu erkennen, daß sie sie um ein Haar verfehlt hätte und im letzten Moment den Wagen herumreißen mußte. Die Straße schien offensichtlich selten benützt zu werden. Als sie die letzte Rechtskurve hinter sich hatte, war es überhaupt nur noch ein einspuriger Fahrweg. Kein Haus war weit und breit zu sehen, doch sie wußte, daß die Landsitze am Seeufer absichtlich isoliert voneinander waren; so hatte man um die Jahrhundertwende gebaut.

Kein Wagen begegnete ihr, und da die Sicht besonders schlecht war, kurbelte sie im Fahren ein Fenster herunter. Im gleichen Moment schwankte ein Schatten vorbei und fiel direkt vor ihr auf den Fahrweg. Ein heftiger Stoß erschütterte das Auto, als sie auf die Bremse trat. Sie wurde gegen das Lenkrad geschleudert. Ehe der Wagen zum Stehen kam, gab es noch einmal einen dumpfen Ruck.

Sie riß den Wagenschlag auf und lief im strömenden Regen nach hinten.

Im roten Schein des Hecklichtes lag eine in einen Regenmantel gehüllte Gestalt auf der Straße.

Ein Männerhut war nach vorne gerollt und lag mit der Krempe nach oben in einer Pfütze. Der Mann regte sich nicht. Er roch ekelerregend nach Alkohol.

Marthas Herz schlug derart, daß ihr ganz schwindlig wurde. Sie kauerte sich neben die Gestalt. Sie hörte sich selbst sagen: «Ich habe Sie nicht gesehen – es ist so dunkel – sind Sie verletzt – können Sie sich bewegen – ich bringe Sie zu einem Arzt.»

Dann versagte ihr die Stimme. Sein Gesicht schien sich tief ins nasse Herbstlaub zu bohren. Es war klein und armselig. Die große spitze Nase und das fliehende Kinn verliehen ihm das Aussehen einer Ratte.

Er sah aus wie ein Toter.

Ich muß etwas unternehmen. Was? dachte sie verwirrt. Einen Arzt. Telefonieren, ja, telefonieren.

Sie stand auf, strich sich automatisch die Haare aus dem Gesicht und starrte auf das Rattengesicht.

Zurück zu den Stensons …? Nein, Bascom House mußte näher sein.

Sie sollte ihn nicht allein zurücklassen. Aber da sie keinem einzigen Wagen begegnet war, war nicht anzunehmen, daß ausgerechnet jetzt jemand vorbeikommen würde. Sie mußte telefonieren.

Automatisch kletterte sie wieder in den Wagen und fuhr los, ohne sich dessen bewußt zu sein. Endlich schimmerte Licht durch die Bäume, dann kam sie an eine weit offenstehende weißgestrichene Pforte und las auf dem Schild: LEMUEL BASCOM. Sie bog auf den Kiesweg ein, brachte den Wagen zum Stehen, stolperte über eine Treppe und riß eine hohe weiße Tür auf. Irgendwie durchquerte sie die hellerleuchtete Halle. Im anschließenden Zimmer fuhr eine Frau erschrocken aus dem Stuhl hoch. Es war jedoch nicht Mrs. Bascom.

Im rotglühenden Feuerschein des riesigen Kamins tauchte Dilly Downes’ rundes bebrilltes Gesicht auf. «Ja, Martha! Was ist denn passiert?»

«Ich habe einen Mann überfahren, ich habe einen Mann überfahren.»

«Martha!»

«Ich muß telefonieren. Einen Arzt. Die Polizei – rasch, Dilly! Wo ist das Telefon?»

«Martha!» Dillys kleine Hand schloß sich wie Stahl um Marthas Arm und zog sie aufs Sofa. «Also los, erzähl schon.»

Marthas Zähne klapperten trotz der Kaminglut. Sie wollte aufstehen, doch Dilly drängte sie zurück.

«Er ist mir direkt in den Wagen gelaufen. Ich konnte nicht sofort stehenbleiben. Ich überfuhr ihn. Er ist tot.»

«Hör auf zu zittern! Er kann nicht tot sein.» Dennoch war Dilly kalkweiß.

«Er muß betrunken gewesen sein. Mir schlug eine Dunstwelle von Whisky entgegen. Die Polizei …»

«Also gut.» Dilly eilte zum Tisch und kam mit einem Glas Wasser zurück, das sie an Marthas klappernde Zähne hielt. Als sie sich herunterbeugte, schnupperte sie. «Du hast ja selbst getrunken, Martha!»

«Ja, bei den Stensons. Einen Martini. Beeil dich, Dilly.»

«Einen Augenblick, Martha. Erst müssen wir –» Dilly schob die Brille in die Höhe. «Wo ist es denn geschehen?»

«Nicht weit von der Einfahrt.»

«Ich bezweifle, daß er tot ist. Bleib einmal hier.»

«Wohin gehst du? Wir müssen telefonieren …»

«Rühr mir nicht das Telefon an!»

«Aber wir müssen die Polizei verständigen!»

«Du bist augenblicklich nicht in der Verfassung dazu. Ich werde mir die Sache einmal selbst ansehen.»

«Aber ich habe dir doch schon gesagt …»

«Ich verlasse mich lieber auf meine eigenen Augen. Wahrscheinlich ist er nicht einmal verletzt.»

«Dilly …!»

«Ich weiß schon, was ich tue. Wenn er tot ist, spielen fünf Minuten mehr oder weniger auch keine Rolle mehr. Ich nehme den alten Kombiwagen. Mit deinem Wagen bin ich noch nie gefahren.» Sie nahm ihre Handtasche und den Schlüsselbund. «Ich bin gleich wieder zurück.» Sie lief hinaus und schlug die Tür zu.

Dilly verstand sicherlich eine Menge von Politik, aber was sie jetzt tat, war der helle Wahnsinn. Jeder Unfall mußte gemeldet werden, besonders ein Unfall wie dieser!

Martha leerte hastig das Glas und eilte zur Tür. Aber es war bereits zu spät. Dilly hatte den Kombiwagen in Windeseile aus der Garage geholt und war schon unterwegs. Martha schloß die Tür und sah sich im Zimmer um. Wo war bloß das Telefon?

Es war ein großes Zimmer mit Ausblick auf den See. Hell gemusterte Vorhänge, etwas abgenützte, aber bequeme Stühle, ein Sofa, ein alter Teppich und das knisternde Holzfeuer gaben ihm ein behagliches Gepräge.

Lampen, Bücher, Zeitschriften, Aschenbecher, – alles, nur kein Telefon. Im Nebenzimmer vielleicht? Als sie Licht machte, sah sie eine riesige Anrichte, Tische, Stühle, einen altmodischen, glitzernden Kronleuchter – und kein Telefon.

Jedes Haus hat doch ein Telefon.

Durch die Fensterscheiben war nichts als Regen und Dunkelheit zu sehen. Die gegenüberliegende Flügeltüre führte sicherlich in die Küche. Die Köchin mußte doch um alles in der Welt ein Telefon haben! Als sie endlich den Schalter gefunden hatte, entdeckte sie eine Speisekammer und dahinter die Küche. Irgend etwas raschelte plötzlich hinter ihr, und als sie herumfuhr, sah sie einen riesigen Kater, der sie aus weit aufgerissenen Augen anstarrte, gähnte, sich streckte und schließlich davonlief. Geschirrschränke, ein großer Tisch, Töpfe und Pfannen, eine Uhr, deren Zeiger auf zwölf Minuten nach sechs standen. Kein Telefon.

Sie lief wieder ins Eßzimmer und fühlte sich wie verhext, weil sie trotz fieberhaften Suchens den so dringend benötigten Apparat nicht entdecken konnte. Dann sah sie eine Tapetentür neben dem Kamin, die sie vorhin übersehen hatte. Sie stieß sie auf: es war eine Bibliothek.

Ein Kaminplatz, Bücherbretter, Stühle, Sofas aus abgenutztem Leder, Schreibtische, eine Tür, die auf die Veranda führte, aber kein Telefon. Über dem Kamin hing das Bild eines Mannes mit buschigen Augenbrauen, der sie ebenso lauernd zu betrachten schien wie zuvor der Kater in der Küche. Sie drehte das Licht ab und ging ins Wohnzimmer zurück.

Ob sie hinaufgehen sollte? Aber wer versteckt schon seinen Telefonapparat im Schlafzimmer?

Da erst fiel ihr ein, daß Mrs. Bascom ja hier im Hause sein mußte. In einem der oberen Zimmer.

Martha rief vom Fuß der Treppe aus: «Mrs. Bascom, Mrs. Bascom …»

Keine Antwort. Eine Uhr tickte laut, und der Kater spazierte aus dem Eßzimmer herein, hüpfte auf einen Stuhl, dann auf einen Tisch und landete schließlich auf dem Kaminsims, wo er seinen Schwanz einringelte, sich niederließ und sie genau beobachtete.

Endlich hörte sie einen Wagen näher kommen. Sie stolperte über den Teppich und eilte Dilly entgegen.

«Dilly!»

«Keine Menschenseele.»

«Aber er muß doch dort liegen. Ich habe ihn ja überfahren!»

«Wer weiß, was du überfahren hast. Einen Stein vielleicht.»

«Es war kein Stein. Es war ein Mann.»

«Dann ist er eben aufgestanden und weitergegangen. Es ist ziemlich kalt geworden», sagte Dilly und hielt ihre Hände übers Feuer.

«Dilly, glaubst du mir denn nicht?»

«Doch, natürlich. Zumindest, daß du einen gehörigen Schrecken ausgestanden hast. Wenn du sagst, daß dir ein Mann vor den Wagen gelaufen sei, will ich dir glauben. Aber umgebracht hast du niemanden.»

«Dann muß jemand vorbeigekommen sein und ihn gesehen haben.»

«Niemand ist hier vorbeigekommen. Das hätte ich ja bemerken müssen. Ich wäre ihm ja begegnet.»

Eine schreckliche Vorstellung quälte Martha. «Vielleicht hat er sich in den Wald verkrochen, wahrscheinlich ist er verletzt, er stirbt …»

Dilly warf Martha einen langen Blick zu, hob ihren Rocksaum und putzte angelegentlich ihre Brille. «Rede dir keine solchen Sachen ein. Du hast niemanden umgebracht. Du hast nicht einmal jemanden verletzt. Mein Gott, man sollte doch meinen, daß du froh darüber sein müßtest!»

«J-a-a. Aber ich bin so überzeugt davon, daß … Wo ist das Telefon? Ich konnte es nicht finden.»

«Was willst du denn der Polizei sagen? Daß du glaubst, einen Mann überfahren zu haben, der aber gleich darauf aufgestanden und weggegangen ist, und daß sie diesen Mann suchen sollen? Denk doch einen Augenblick nach, Martha. Vergiß nicht, daß du bei den Stensons etwas getrunken hast …»

«Einen Martini. Niemand kann behaupten, daß man davon betrunken ist. Außerdem ist es mir gleichgültig, was die Leute sagen.»

«Dir vielleicht», sagte Dilly. «Es geht jetzt aber nicht um dich. Es geht um Lem.»

2

«O Gott, Lem!»

«Weißt du, wie der Polizeibericht so etwas nennt? ‹Trunkenheit am Steuer›. Einen größeren Gefallen können wir der Opposition ein paar Tage vor der Wahl gar nicht erweisen. Oder bildest du dir ein, daß eine derartige Meldung Lem nicht schaden würde?»

«Ich war nicht betrunken. Und wenn die Wahrheit ans Licht kommt, ohne daß ich Meldung erstattet habe, wird es für Lem noch viel schlimmer sein.»

«Aber ich habe dir doch die Wahrheit gesagt. Soll ich dir die Stelle zeigen?»

«Wie weit bist du zurückgefahren?»

«Bis zu den Stensons.»

Martha schlug die Hände vors Gesicht. Konnte man sich so etwas einbilden? Nein. Sie stand auf. «Lem würde auch sagen, daß ich den Unfall melden muß.»

«Das gebe ich zu!» Damit entwaffnete Dilly jedermann, daß sie die Wahrheit stets freimütig eingestand. «Aber ich weiß, was das zur Folge hätte. Die öffentliche Meinung ist ein überaus empfindliches Instrument, Martha. Also mach keinen Unsinn.»

«Aber das ist kein Unsinn!»

Dilly sagte langsam: «Lem ist aus dem Holz geschnitzt, aus dem man Präsidenten macht. Soll er deinetwegen aufgeben?»

«Vorläufig geht es um den Gouverneursposten.»

«Schon gut. Du weißt genau, was die Leute von ihm halten», meinte Dilly ungeduldig. «Aber hast du überhaupt eine Vorstellung davon, was die Gegenpartei aus einer derartigen Geschichte machen würde, die ihr fünf vor zwölf in den Schoß fällt? Wie kannst du überhaupt nur daran denken, Lems Karriere aufs Spiel zu setzen – für nichts und wieder nichts?»

«Dilly, du stellst einfach alles auf den Kopf – du bringst mich wirklich noch ganz durcheinander. Wo ist das Telefon?»

«Da drüben.» Dilly deutete in die Halle.

Martha verstand zwar nicht, weshalb Dilly so plötzlich aufgab, aber sie eilte sofort hinaus. Natürlich, das Telefon gehörte in die Halle, sie hätte das wissen müssen. Links und rechts vom Eingang befanden sich eine Reihe von Türen. Als sie eine davon öffnete, sah sie ein Waschbecken und Kleiderbügel. «Gegenüber», sagte Dilly geduldig. «Das ist die Garderobe.»

Es war eine winzige Telefonzelle mit einem Pult und einem mühsam hineingezwängten Klappstuhl. «Wie wählt man hier? Weißt du die Nummer der Polizei?»

«Erst mußt du Null wählen», sagte Dilly obenhin. Martha hob ab. Das Licht aus dem Eßzimmer genügte, um die Ziffern erkennen zu können. Sie wählte Null. Was sollte sie sagen? Ich glaube – nein, ich weiß, daß ich einen Unfall hatte; ein Mann ist mir in den Wagen gelaufen. – Zuerst mußte sie ihren Namen nennen: Mrs. Lemuel Bascom.

Mrs. Lemuel Bascom … Sie konnte die Schlagzeilen deutlich vor sich sehen: Nach einer Cocktail-Party – so würden sie ihren kurzen Besuch bei den Stensons sicher nennen – überfuhr Mrs. Lemuel Bascom … Irgend etwas stimmte nicht mit dem Telefon.

Sie legte auf, hob wieder ab – nichts.

«Dilly, das Telefon muß gestört sein. Man hört überhaupt nichts.»

«Ich weiß», sagte Dilly.

Wütend legte Martha auf. Sie ging ins Eßzimmer zurück. Dilly schenkte sich gerade ein Glas Whisky ein. «Du hast es die ganze Zeit gewußt!»

«Im Winter ist es immer abgeschaltet. Anscheinend hat man es noch nicht angeschlossen. Komm, trink erst einmal etwas.»

«Ich will nichts trinken. Ich werde mich in den Wagen setzen …»

«Das geht nicht.»

«Was soll das heißen? Glaubst du, ich kann nicht fahren?»

«Nicht ohne Wagenschlüssel. Und die habe ich versteckt.»

Sie drückte Martha ein Glas in die Hand. Martha hatte gute Lust, dessen Inhalt Dilly ins Gesicht zu schütten.

Dilly setzte sich und zog die Schuhe aus. «Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir immer wieder Krokodillederschuhe kaufe. Sie zwicken entsetzlich.» Sie massierte sich die Füße.

«Gib mir meinen Wagenschlüssel.»

Dilly schüttelte den Kopf, schlug die Beine übereinander und blickte ins Feuer.

«Dann gehe ich eben zu Fuß.»

«Zur Polizei? Du kennst nicht einmal den Weg dorthin.»

«Ich werde ihn schon finden. Ich werde eben – ja, natürlich! – ich gehe zu den Stensons.»

«Fünf Kilometer im Regen?»

«Das schreckt mich nicht. Du hast den Schlüssel nur versteckt, weil du genau wußtest, was ich tun würde.»

«Weil ich wußte, daß du die Folgen nicht übersehen kannst.»

«Dilly, sei vernünftig! Man muß es melden, man muß den Mann suchen …»

«Ich weiß, daß die Vernunft das vorschreibt. – Unter normalen Umständen. Aber es handelt sich nicht um normale Umstände. Wenn du aufhören würdest, wie ein gereizter Löwe auf und ab zu laufen, und mir statt dessen zuhörtest …»

«Du willst mir nur einreden, daß ich unrecht habe.»

«Du stehst noch ganz unter der Wirkung eines Schocks, Martha. Du bist weiß wie ein Gespenst. Trink das, komm!»

Sie sprach so eindringlich, daß Martha ohne Bedenken gehorchen wollte. Aber in letzter Sekunde stellte sie das Glas hastig nieder. «Man würde es riechen – auf der Polizei …»

«Das tut man sowieso schon», sagte Dilly geduldig. «Du brauchst jetzt eine Stärkung. Trink und ich werde dir sagen, was wir tun sollen.»

Martha setzte sich – sie fühlte sich todmüde und leer. «Also?»

«Erstens einmal wird der Mann, falls du ihn verletzt oder auch nur gestreift hast, Meldung erstatten, verlaß dich drauf. Wir werden also bald Bescheid wissen.»

«Aber ich sollte es zuerst melden.»

«Natürlich, ich bin ganz derselben Meinung. Ich meine nur, wir sollten ein bißchen damit warten. Ich will dir auch sagen, warum.»

«Warum?» Ohne sich dessen bewußt zu sein, trank Martha, was Dilly ihr eingeschenkt hatte. Es schmeckte bitter und scharf, aber nun schien es ja nichts mehr auszumachen. «Also warum?»

Dilly schob die Brille hinauf und sah Martha an. «Du kannst mir glauben, daß ich auch eine Nervenstärkung nötig habe. Es war nicht einfach für mich, auf die Straße hinauszugehen und nach einem Toten Ausschau zu halten, der Lems Untergang sein würde. Wenn du tatsächlich einen Mann überfahren hättest, würde man das ‹fahrlässige Tötung› nennen, und die meisten würden hinzufügen, daß du in betrunkenem Zustand gefahren bist.»

«Das ist nicht wahr!»

«Natürlich ist es nicht wahr. Aber die Menschen sind gehässig. Sie klagen an, ehe sie die Wahrheit kennen. Das ist zwar ungerecht, aber eine unumstößliche Tatsache. Deswegen war es gar nicht so einfach für mich …»

«Es tut mir leid, daß ich so – so –»

«Wütend, willst du sagen?»

«Ja, wütend war. Du hast Mut bewiesen. Ich bin dir dankbar.»

«Schon gut», sagte Dilly trocken. Voller Reue bemerkte Martha im Flackern des Kaminfeuers, daß Dillys Gesicht wachsbleich und angespannt war. Der Vorfall mußte für sie ein ebenso großer Schock gewesen sein wie für sie selbst.

«Ich verlange keine – Rücksicht», sagte Dilly, «nur ein wenig Aufmerksamkeit. Ich werde zur Polizei gehen und mir sagen lassen, ob und was überhaupt passiert ist. Und dann werde ich es dir sagen.»

«Jetzt gleich?»

«Ich möchte die Sache nicht aufbauschen. Du weißt, wie schnell so etwas geht. Ein falsches Wort, und wir haben morgen solche Schlagzeilen in den Zeitungen, daß Lems Prestige vor der Wahl erledigt ist. Aber ich verspreche dir, ich werde alles herausbekommen, was geschehen ist. Und dann werde ich mir die Sache durch den Kopf gehen lassen. Oh, Martha, setz dich doch! Ich weiß, wie leicht man etwas falsch machen kann. Bist du zufrieden?»

«Ich werde dich begleiten.»

«Morgen früh», sagte Dilly sanft. «Warte – ich will dir sagen, warum. Natürlich sollten wir es gleich tun. Genau gesagt, hätten wir es …», sie warf einen Blick auf die Uhr, «schon vor einer Stunde tun sollen. Aber wir dürfen hoffen – ich bin sogar davon überzeugt, auch wenn du nicht derselben Ansicht bist –, daß es, nüchtern betrachtet, überhaupt nichts zu melden gibt. Warte! Versuch doch nicht immer, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen!»

«Warum willst du bis morgen warten?»

«Weil ich nicht glaube, daß irgend jemand verletzt worden ist, und weil ich das Risiko auf mich nehmen möchte, daß die Polizei überhaupt nichts davon erfährt.»

«Aber nicht du hast jemanden überfahren, sondern ich …»

«Wenn mich nicht alles täuscht, hast du keiner Fliege etwas zuleide getan. Willst du die Möglichkeit nicht in Betracht ziehen? Kannst du es denn nicht für Lem tun?»

Martha stellte ihr Glas nieder. Bleierne Müdigkeit hatte Besitz von ihr ergriffen. Das Feuer knisterte behaglich, und das Haus kam ihr auf einmal herrlich warm und gemütlich vor. Sie blickte sich um. Ja, über dem Stuhl hing ihr Regenmantel, wie sie ihn hingeworfen hatte, als sie hereingelaufen war.

«Es tut mir leid, Dilly – ich weiß, daß du es gut meinst. Aber …»

«Aber du gehst zu den Stensons. Du wirst ihnen alles erzählen. Sie mögen Lem, sie sind seine Freunde. Aber woran ihnen, wie allen Menschen, bedeutend mehr liegt, ist eine Sensation. Es wird die tollsten Schlagzeilen geben. Du wirst deine Geschichte nicht wiedererkennen, wenn du liest, was die Gegenpartei daraus macht. John Henty ist ein harter Bursche. Er ist fest entschlossen, um jeden Preis Gouverneur zu werden. Natürlich wird er dich nicht öffentlich angreifen – eine Frau! Das würde Stimmenverluste bedeuten. Er ist ein heimtückischer Widersacher, und …» Sie sah Martha an und seufzte erleichtert auf. «Endlich siehst du schläfrig aus. Glaub mir, ich habe es zu deinem Besten getan.»

«Was?»

«Während du in der Telefonzelle warst, habe ich drei Schlaftabletten in deinem Glas aufgelöst. Wie ich sehe, beginnen sie endlich zu wirken.»

«Das kannst du doch nicht getan haben. Du kannst doch nicht …»

«Schau in dein Glas.»

Ungläubig neigte Martha das Glas. Ein feiner weißer Bodensatz war deutlich zu erkennen. Sie stellte das Glas so heftig nieder, daß der Kater vom Kaminsims sprang und sie empört ansah. «Wie konntest du nur so etwas tun?»

Zu ihrem Besten, hatte Dilly gesagt – der Whisky übte in Verbindung mit den Schlaftabletten eine euphorische Wirkung auf sie aus. Sie konnte es jetzt einfach nicht mehr glauben, daß sie einen Mann überfahren und damit ihr und Lems Leben verändert hatte.

«Sie können dir nicht schaden», sagte Dilly. «Du wirst dich ordentlich ausschlafen, und morgen werden wir die Lage viel besser überblicken können. Starr mich nicht so an. Ich habe dir versprochen, dir in der Wahlschlacht zu helfen – das da gehört eben auch dazu. Jetzt werde ich uns etwas zu essen richten.»

Dilly suchte ihre Schuhe. Martha kämpfte gegen eine Nebelwand an und murmelte mit größter Anstrengung: «Mrs. – Bascom …»

«Was meinst du? Ach, ich verstehe. Du dachtest, Mrs. Bascom würde dich hier erwarten. Ich hätte morgen und übermorgen Versammlungen organisieren sollen, aber da ich so schrecklich müde war, hat sie mir das abgenommen. Sie hat mich hierhergeschickt, damit du nicht allein bist. Sie wird Montag oder Dienstag nachkommen.»

Martha packte die Stuhllehne, um sich aufrecht zu halten. Es machte sie wütend, daß sie nicht mehr klar und deutlich sagen konnte, was sie sagen wollte. «Ein Mädchen – irgend jemand …»

«Ob sonst jemand im Haus ist, meinst du? Damit du ihn zu den Stensons schicken kannst? Nein, niemand. Der Hausverwalter ist zur Zeit im Krankenhaus, und Chrissy, die Köchin, tritt erst Montag ihre Arbeit wieder an. Ich bin mit dem Zug gekommen, habe in der Stadt ein paar Lebensmittel eingekauft, mir ein Taxi genommen, das Haus ein bißchen in Ordnung gebracht und Feuer gemacht. Ans Telefon habe ich überhaupt noch nicht gedacht.»

«Und – Lem … ich möchte Lem …»

«Lem wird frühestens nach seiner heutigen Rede anrufen. Und wenn er keine Verbindung bekommt, wird er sich bestimmt nicht den Kopf zerbrechen, weil ihm die Vermittlung gleich sagen wird, daß wir noch nicht angeschlossen sind. Wenn er Ma Bascom anruft, wird er erfahren, daß ich dir Gesellschaft leiste. So, jetzt mache ich das Abendessen.»

Martha konnte alles deutlich hören. Nur mit dem Sehen haperte es. Die Umrisse der Gegenstände verschwammen.

Frische Luft würde ihr gut tun, dachte sie vage. Ein Spaziergang – ja, der würde ihr einen klaren Kopf verschaffen. Sie kannte den Weg zu den Stensons. Sie stand auf, schwankte ein wenig, vergaß den Regenmantel anzuziehen und ging mühsam bis zur Tür. Es war sehr anstrengend, sie aufzubekommen.

Die Regenluft kühlte ihr Gesicht. Sie sah vier weiße Säulen, eine Treppe und am Fuß der Treppe ihren kleinen Wagen.

Sie stolperte die Stufen hinunter, öffnete die Wagentüre und kroch auf den Fahrersitz. Erst die Scheinwerfer einschalten, dann den Zündschlüssel herumdrehen; jetzt erinnerte sie sich gar nicht mehr daran, daß Dilly ihn abgezogen hatte. Sie beugte sich über das Lenkrad, und plötzlich rutschte sie vom Sitz.

Undeutlich fühlte sie, wie sie jemand hochzog, ihr aus dem Wagen die Treppe hinaufhalf; wie sie sich an den Türpfosten lehnte. Dann folgte eine Gedächtnislücke, bis sie spürte, wie sie auf das breite Sofa niedersank. Dilly öffnete ihr die Jackenknöpfe, zog ihr die Schuhe und den Rock aus. Sie warf alles auf einen Stuhl – man sollte das Kostüm aufhängen, dachte Martha undeutlich, nicht so unordentlich hinwerfen. Aber dann schloß sie die Augen, weil sie sie einfach nicht mehr offenhalten konnte.

Sie spürte eine warme, leichte Decke und schlief ein. Es war wie ein hypnotischer Schlaf. Sie hatte das bestimmte Gefühl, daß sie, was immer auch geschehen mochte, nicht imstande war, auch nur den kleinen Finger zu rühren.

Zur gleichen Zeit ließ sie ein dumpfes Angstgefühl nicht los. Stimmengemurmel drang an ihr Ohr, und dann hörte sie sich selbst zu Lem sagen: «Ich fürchte mich …»

3

Das war vor einigen Wochen gewesen, ehe der Wahlrummel losging. Sie hatte mit Lem noch ein paar verhältnismäßig ruhige Tage in seinem ehemaligen Junggesellenappartement verbracht.

«Ich fürchte mich», sagte Martha und wunderte sich selbst über ihre Bemerkung.

Lem Bascom sah von seiner Zeitung auf. «Du? Du weißt doch gar nicht, was Furcht ist.»

«Doch. Nimm einmal an, ich würde irgend etwas falsch machen.»

«Das kannst du gar nicht.»

«Bei dir ist das etwas anderes. Du bist auf politischem Gebiet ein alter Hase. Aber ich, ich kann so leicht einen nicht mehr gut zu machenden Fehler begehen.»

Beide Telefone begannen zu klingeln.

«Unvorstellbar», sagte Lem im Brustton der Überzeugung.

Die Türglocke schrillte.

Martha faßte einen Entschluß. «Ich werde mich mit deiner Mutter beraten. Oder mit Dilly Downes.»

«Hör einmal, Liebling; ich habe dich geheiratet, laß also Mutter und Dilly aus dem Spiel.» Abermals erklang die Türglocke, und die Telefone surrten um die Wette. «Ich komme schon!» rief Lem. «Laß dich von den beiden nicht verrückt machen. Du brauchst keine Ratgeber.» Er hob ab. «Hallo! – Moment, bitte; es klingelt gerade an der Tür.»

Miss Stanley, die schlanke, attraktive und überaus tüchtige Sekretärin Lems, kam zuerst herein. Newton, der Wahlmanager, folgte ihr auf dem Fuß. Im eleganten hellgrauen Anzug sah er mit seinem Sphinxlächeln, seinen durchdringenden grauen Augen und der goldgeränderten Brille wie ein Bankier aus.

Jeder trug einen Stoß Zeitungen und eine Aktenmappe bei sich, und erst als man sie begrüßte, bemerkte Martha, daß sie noch im Morgenrock war, ergriff hastig ihre Kaffeetasse und verschwand im Schlafzimmer.

Am späten Nachmittag besuchte sie ihre Schwiegermutter, die sie auf einen ernüchternden Gedanken brachte.

«… deshalb gab ich jedem meiner Söhne einen Namen, der auch ins Weiße Haus passen würde. Carter Bascom, Howard Bascom, Lemuel Bascom. Präsident Lemuel Bascom … Was hältst du davon?»

Martha blieb die Luft weg. «Daran habe ich noch gar nicht gedacht.»

«Dann wird es aber langsam Zeit.»

«Aber es geht doch um den Gouverneursposten!»

«Natürlich; aber er wird, falls er gewählt wird, der jüngste Gouverneur der Vereinigten Staaten sein. Natürlich wird es dir nicht entgangen sein, daß man noch mehr von ihm erwartet. Sie brauchen einen Mann wie Lem, und es gibt genügend Anzeichen dafür, daß sie ihn einmal an der Spitze haben wollen. Natürlich hängt viel davon ab, daß er erst einmal Gouverneur wird.»

«Wer weiß, ob er gewählt wird.»

«Er wird gewählt, verlaß dich drauf. Lem ist dazu geboren – und ich habe ihn dafür erzogen!»

Für eine Mutter gibt es anscheinend nur einen richtigen Präsidenten, ihren eigenen Sohn, überlegte Martha.

Mrs. Bascom erriet ihre Gedanken. «Es gibt zweierlei Ehrgeiz, meine Liebe. Ehrgeiz um der Macht willen und Ehrgeiz um des Vaterlandes willen, egal, wie schwer die Pflichten sein mögen, die damit verbunden sind. Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausgedrückt habe.»

«Ich kenne Lems Ehrgeiz.»

«Sicher noch nicht in seiner ganzen Tragweite. Er ist ein wirklicher Patriot. Natürlich wurde er für eine politische Karriere erzogen. Das wurden alle Bascoms. Aber nur Lem besitzt alle Anlagen, die Begeisterungsfähigkeit, die Tugenden eines großen Patrioten. Nur ein Mann von Charakter soll sich überhaupt mit Politik befassen. Und nur wenn er über ein hervorragendes Maß an Festigkeit und Tugend im altmodischen Sinn verfügt, wird er durchhalten. Regieren ist eine große Sache. Der Gouverneursposten ist der erste Schritt. Ich bin zwar seine Mutter, aber ich bin sehr realistisch veranlagt. Wir brauchen einen Mann wie Lem. Möchtest du einen Cocktail?»

«Danke nein – nicht jetzt. Lem wird um sieben hier sein.»

«Schön. Hast du dich gestern abend gut unterhalten auf der Party?»

«O ja!» Martha hatte es wirklich genossen, obwohl sie die brennende Neugier aller Leute, die Lem kannten, bis unter die Haut spüren konnte, denn sie waren vor allem gekommen, um diese junge Frau kennenzulernen, die er sich da in Rom aufgegabelt und nach kaum sechswöchiger Bekanntschaft geheiratet hatte.

«Die größte Party steht noch aus – die kommt nach den Wahlen. Die Dinge kamen alle ein bißchen überstürzt.» Eine Spur von Lems Lächeln lag in Mrs. Bascoms Augen.

«Ich wollte, du hättest zu unserer Hochzeit kommen können.»

«Die ganze Bascom-Sippschaft nach Rom verfrachten? Das kam gar nicht in Frage. Sehr vernünftig, daß ihr gleich an Ort und Stelle geheiratet habt», meinte Mrs. Bascom lebhaft. «Ich sehe, daß Lem glücklich ist, und ich sehe, daß du glücklich bist. Das ist alles, worauf es ankommt.»

«Aber es war nicht fair, von dir zu verlangen, eine ganz fremde Person als Frau deines Lieblingssohnes anzuerkennen.»

«Ich verlasse mich ganz und gar auf Lems Urteil», sagte Mrs. Bascom trocken. «Er hat lange genug auf die Frau seines Lebens gewartet. Weißt du, was er mir sagte, als er mich aus Rom anrief? ‹Ma, ich habe um sechs Uhr dreißig ein Mädchen kennengelernt und mich um sechs Uhr fünfunddreißig in sie verliebt. Willst du zur Hochzeit kommen?›»

«Ja, so war es», erinnerte sich Martha sogleich an die schwüle Sommernacht und die Party in der Botschaft, an der Lem als Ausschußmitglied und sie – wie so oft – als Tochter eines höheren Beamten des State Department teilzunehmen verpflichtet waren.

«Ich antwortete ihm: Heirate sie auf der Stelle, und Gott segne euch. Ich hielt es für das Vernünftigste; denn wenn Lem seinen Wahlfeldzug beginnen wollte, mußte er einen klaren Kopf haben, und wenn ein Ozean euch getrennt hätte, wäre ihm das wohl kaum gelungen. Aber nun zu den Wahlen. Was möchtest du denn wissen, mein Kind?»

«Alles. Ich weiß so gut wie nichts über Politik.»