Nicht heulen, Husky! - Gila Delden - E-Book

Nicht heulen, Husky! E-Book

Gila Delden

4,6
8,99 €

oder
Beschreibung

Kanada - die grenzenlose Weite der Natur.
Ungeschminkt und mitreissend erzählt Gila van Delden von ihrem Lebenstraum, wie sie ihren Mann und ihre Heimat verlässt, um mit Rainer, ihrer großen Liebe, und dreizehn Schlittenhunden im ewigen Winter der Yukon Territories ein neues Leben zu beginnen ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 522

Bewertungen
4,6 (44 Bewertungen)
32
5
7
0
0



Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
Einleitung
 
Kapitel 1
Kapitel 2
 
Copyright
Das Buch
> Liebe auf den ersten Blick< ist für Gila kein hohler Satz, sondern schlicht die Wahrheit, als sie Mitte der 70er Jahre dem breitschultrigen, gut aussehenden Rainer begegnet. Doch Rainer ist der Ehemann ihrer besten Freundin Eva, deshalb halten Gila und Rainer ihre Liebe viele Jahre, auch vor ihrer beider Tochter Dana, geheim. Erst nach der Scheidung von Ehemann Achim kann Gila endlich mit Rainer und seinen zwölf Huskys zusammenleben. Rainer jedoch hat mehr Probleme, sich von Eva und seiner Vergangenheit zu trennen. Die Auswanderung nach Kanada ist daher die Chance für ihren Traum von einem gemeinsamen Leben. Der Yukon lockt mit unberührten Seen, riesigen Wäldern und zehn Monaten Winter im Jahr. Rainer ist begeistert davon, in der Heimat seiner geliebten Huskys zu leben, und Gila hofft inständig auf das lang ersehnte friedliche Leben. Doch die kleinen und die großen Katastrophen nehmen schnell überhand: Die erste Geschäftsidee schlägt fehl, die Geldreserven gehen zur Neige, und Rainer kümmert sich nur noch um seine Huskys. Gila weiß nicht weiter: Wie konnte ihr Lebensglück so fehlschlagen? Wohin muss sie ihre Schritte lenken?
Ein ergreifender Erfahrungsbericht einer außergewöhnlichen Frau, die niemals den Mut und den Sinn für das Positive im Leben verliert.
Die Autorin
Gila van Delden wurde 1947 in Bielefeld geboren. In Nicht heulen, Husky! erzählt die Autorin mit Humor und Selbstironie freimütig ihre eigene turbulente Geschichte. Seit 1994 leitet Gila van Delden Selbsterfahrungsseminare. Nicht heulen, Husky! wurde mit Barbara Rudnik und Heiner Lauterbach in den Hauptrollen verfilmt.
Außerdem lieferbar: Mutter Erde, trage mich...
Die Gedanken von heute sind die Wirklichkeit von morgen.
 
Für meine Kinder Dana, Rico André und Marco - in Liebe, dass sie die Menschen verstehen und lieben lernen
Einleitung
Vancouver - meine Blicke schweifen aus dem Fenster auf die teilweise noch in Nebel gehüllte Skyline. Weich verwischt der Regen die Konturen der Lions Gate Bridge, die unseren Teil der Stadt mit ihrem Zentrum verbindet.
Heute, am 20. Januar 1987, habe ich begonnen, die Ereignisse der vergangenen fünf Jahre aufzuschreiben. Es ist in dieser Zeit zu viel geschehen, als dass ich es einfach ignorieren könnte. Kaum hatte sich eine neue familiäre Situation eingespielt, geschah wieder etwas, das unser Leben veränderte. Hier sind wir nun zur Ruhe gekommen. Unser Leben hat die Stabilität bekommen, die wir alle so nötig brauchen.
Vor einem halben Jahr sah alles noch ganz anders aus. Ich habe erlebt, dass Wunder Ursachen haben, und über diese tiefen Erfahrungen möchte ich berichten, ohne etwas zu verbergen. Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich den Schritt ins Licht der Öffentlichkeit wagen soll, in der vorliegenden Form über familiäre Dinge zu schreiben. Aber wenn ich dadurch anderen Menschen Anregungen geben kann, an die Kraft der Gedanken zu glauben, so scheint es mir richtig.
Jede neue Erfahrung im Leben hat ihren Wert und sollte vertrauensvoll, ohne jeden Widerstand, zugelassen werden, auch wenn das Positive daran nicht immer sofort ersichtlich ist.
Ich musste erkennen, dass alles im Leben seinen Preis hat, so auch meine Entscheidung, eine Beziehung zu Rainer einzugehen, für die ich bezahlte mit allem, was ich hatte.
Gestohlenes Glück - wie hoch ist dein Preis?
Eva, Rainers Frau, hatte mir einmal während unserer langjährigen Freundschaft gesagt, noch bevor sie von Rainers Beziehung zu mir wusste: »Man muss für alles im Leben bezahlen.«
Ihre Bemerkung hatte mich damals sehr nachdenklich gestimmt. Inzwischen weiß ich, wie recht sie hatte. Denn geblieben sind mir meine Tochter Dana, ein wunderbares kleines Menschenkind von fast fünf Jahren, und Rico, mein kleiner Sohn, der bald ein Jahr alt wird - sowie eine Menge kostbarer Erfahrungen.
Wenn Dana und Rico heranwachsen, werden sie nach ihrem Vater und ihrer Herkunft fragen. In diesem Buch finden sie die Antwort darauf.
Meine beiden großen Söhne, Andre, der jetzt neunzehn Jahre alt ist, und Marco mit seinen fast siebzehn Jahren, werden es etwas leichter haben, unsere Geschichte zu verstehen, denn die beiden haben sie mehr oder weniger bewusst miterlebt.
Wenn ich heute über die vergangenen Jahre nachdenke, so staune ich manchmal über die schillernden Ereignisse jener Zeit, die ein ganzes Leben ausfüllen könnten: Nach der Scheidung meiner Ehe mit Achim bin ich mit Rainer, dem Mann meiner Freundin Eva, heimlich in die kalten Yukon Territories in Kanada ausgewandert. Mit von der Partie waren unsere Tochter Dana, meine beiden halbwüchsigen Jungen sowie unsere Hauswirtschafterin, und nicht zuletzt hatten wir dreizehn Sibirische Schlittenhunde im Gefolge - und dann zwei riesige Container mit unserem gesamten Hab und Gut!
Doch nach verhältnismäßig kurzer Zeit musste ich einsehen, dass unsere Pläne zum Scheitern verurteilt waren, und bin nach Deutschland zurückgekehrt.
So turbulent ist mein Leben in den letzten Jahren wirklich verlaufen. Ich sollte aber besser der Reihe nach berichten. Dabei möchte ich vermeiden, die Gefühle anderer zu verletzen, zumal die Geschichte vor allem Eva berührt; Eva, meine Freundin, die seelisch und körperlich beinahe daran zugrunde gegangen wäre.
Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit. Ich habe sie erfahren. Doch das Leben musste mich erst beuteln, bevor ich wach wurde und mich neuen Perspektiven öffnen konnte.
Kapitel 1
Manchmal sind Gefühle wie das Meer -ruhig, stürmischEbbe und Flutdunkel, helltief, weichmanchmal mit hohen Wellenab und an schwappt es über...
(G. Voigt-Weise)
 
Der Januar 1982 war kalt. Den ständigen Frost und die eisglatten Straßen der Eifel war ich nicht gewohnt. Hier sollte ich wochentags als Verkaufsleiterin eine neue Direktion aufbauen, mit Rainer und Eva als Mitarbeiter, und am Wochenende fuhr ich nach Hause zu meiner Familie, die dreihundert Kilometer entfernt in der Nähe von Bielefeld wohnte.
Erst vor kurzem hatte ich eine kleine Wohnung gemietet, hoch über dem Rursee gelegen, mit einer wunderschönen Aussicht auf die Rur, deren Windungen sich malerisch durch das Tal schlängelten.
Ich war gerade dabei, die letzten Kleinigkeiten einzuräumen, als ich Besuch von Rainer erhielt.
Nach der Begrüßung setzte er sich zu mir und brachte längere Zeit kein Wort heraus. Irgendetwas schien ihn zu bedrücken, denn er vermied es, mich anzusehen. Es dauerte eine Weile, ehe er die passenden Worte gefunden hatte.
»Gila, unsere Beziehung muss vorerst andere Formen annehmen«, sagte er zögernd.
Auch ich nahm täglich andere Formen an, denn ich erwartete ein Baby von ihm.
»Ich habe einfach Angst, dass Eva von der ganzen Sache erfährt. Das können wir uns momentan nicht erlauben.« Er zog mich sanft an sich und fragte vorsichtig: »Das verstehst du doch sicher, nicht?«
Ich konnte nichts erwidern. Da saß ich nun, an ihn gelehnt, während alles um mich herum in Tränen verschwamm. Die Verkaufsleitung in der Eifel hatte ich nur übernommen, um Rainer nahe zu sein - und jetzt das!
Seit September 1975 kannte ich Eva und Rainer, ein ungleiches, aber liebenswertes Paar: Sie, eine warmherzige, mütterliche Frau, die jedoch bei dem kleinsten unerwarteten Ereignis einem Nervenzusammenbruch nahe war. Rainer, ein gut aussehender dunkler Typ, ein Improvisationstalent ohnegleichen, ruhig und sachlich.
Ich erinnere mich noch genau an den Augenblick, als ich die beiden zum ersten Mal auf einer Tagung sah, die unsere Firma für die gesamte Außendienstorganisation abhielt.
In der Mittagspause steuerte unerwartet eine große, stattliche Frau mit blonden hoch gesteckten Haaren auf mich zu. Schwungvoll begrüßte sie mich.
»Hallo, guten Tag! Sie sind sicher die Dame aus Bielefeld, von der mein Mann und ich schon soviel gehört haben. Sie müssten uns eigentlich kennen. Wir sind schon früher zusammen für die gleiche Firma tätig gewesen.«
»Nein«, entgegnete ich überrascht und sah sie forschend an, »ich kann mich nicht an Sie erinnern. In welchem Gebiet haben Sie denn gearbeitet?«
»In der Eifel. Wir haben Ihren Namen immer ganz oben auf den Umsatzlisten gesehen, bis wir vor einiger Zeit plötzlich erfuhren, dass Sie die alte Firma verlassen hätten. Wie schön, dass wir uns jetzt hier endlich kennen lernen!«
Ihre dunklen Augen und ihr warmes Lachen machten sie äußerst anziehend. Überschwänglich schüttelte sie mir die Hand.
Und dann sah ich ihn. Mein Gott, was für ein Mann! Gehörte er wirklich zu dieser Frau? Da war er, der Mann, dessen Idealbild ich ein Leben lang in mir getragen hatte. Er stand vor mir, groß und breitschultrig. Seine schwarzen Haare und sein bräunlicher Teint ließen einen südländischen Einschlag ahnen.
»Guten Tag«, sagte er leicht amüsiert und sah mich eigentümlich interessiert mit seinen braunen Augen an. »Meine Frau ließ keine Ruhe, bis wir Sie endlich gefunden hatten.«
Mein Herz schlug wild. Lass bloß die Finger von ihm!, warnte mich meine innere Stimme eindringlich. Mit leichtem Erschrecken spürte ich, welch starke Faszination dieser Mann auf mich ausübte.
Er war so ganz anders als mein eigener Mann. Wir hatten jung geheiratet und kurz nacheinander unsere beiden Söhne bekommen. Achim war eher konservativ und im Grunde genommen immer recht dankbar, wenn andere die Initiative übernahmen und er im Hintergrund bleiben konnte.
Rainer dagegen hatte eine starke Ausstrahlung, und nicht nur auf mich, wie ich bald feststellte. Sämtliche Mitarbeiterinnen bekamen weiche Knie, wenn er in der Nähe war, was seine Frau nicht zu beunruhigen, sondern eher zu belustigen schien. Meine Sensoren schlugen Alarm: Um Männer, die allen gefallen, machte ich normalerweise einen großen Bogen. Ich hielt sie für uninteressant. Doch bei Rainer war alles anders.
Wenn ich über die Beziehung zwischen Rainer und Eva nachdenke, so muss ich feststellen: Solch eine Verbindung zwischen zwei Menschen kann man als Außenstehender nur sehr subjektiv beurteilen. Manchmal frage ich mich, ob ich sie zu der Zeit anders gesehen habe, als zwischen Rainer und mir nur eine Freundschaft bestand. Ja, ich glaube schon, denn ich erfuhr immer nur über Eva von irgendwelchen Problemen oder Spannungen zwischen den beiden. Nie hörte ich etwas von Rainer, was mir Anlass hätte geben können, an dem Bestand dieser Ehe zu zweifeln. Nie machte er irgendeinem Menschen gegenüber auch nur die geringste Andeutung - bis zu jenem Junitag, als der Stein ins Rollen kam und wir den Level der Freundschaft für immer verließen.
 
 
Eva hatte Geburtstag. In alter Gewohnheit rief ich an, um ihr zu gratulieren.
»Gila?«, meldete sich Rainer, »wie schön, dass du anrufst! Gerade habe ich an dich gedacht! Eva ist momentan nicht zu Hause. Soll sie gleich zurückrufen?«
»Nein«, wehrte ich ab, »ich rufe nachher noch mal an. Bis dann!«
»Halt! Leg bitte noch nicht auf, ja?«, bat er mit weicher Stimme. Ich spürte, wie ernst er wurde, als er fortfuhr: »Gila, ich muss dich sprechen.«
»Okay«, erwiderte ich unbefangen, »schieß los!«
»Nein, nicht am Telefon, persönlich. Ich muss mit dir etwas besprechen.«
»Mach doch mal ’ne Andeutung, worum es geht!«, bat ich ihn.
»Ich muss mit dir persönlich reden«, wiederholte er ruhig.
Irgendetwas in seiner Stimme ließ mich aufhorchen.
»Ich habe schon überlegt, ob ich zu dir nach Hause kommen soll, doch es wäre mir schon lieber, wenn wir uns ungestört miteinander unterhalten könnten - ohne Achim.«
Beide wussten wir, Diskretion war nicht Achims Stärke.
In all den Jahren unserer Freundschaft geschah es zum ersten Mal, dass Rainer mich um ein vertrauliches Gespräch bat. Was mochte dahinterstecken? Ob es etwas mit uns zu tun hatte? Ach was, dachte ich, meine Gefühle für ihn liegen so tief vergraben, davon kann er nichts ahnen.
Für unser Treffen schlug ich ein Restaurant auf halber Strecke zwischen Aachen und Bielefeld vor, in dem ich ein paar Mal mit meinen Mitarbeitern gewesen war.
»Du, Gila«, sagte er leise, »ich freue mich auf dich!«
Ich schloss die Augen und saß lange versonnen an meinem Schreibtisch. Was mochte er auf dem Herzen haben? Warum war er nicht bereit, auch nur eine Andeutung zu machen? Weshalb wollte Rainer eine so weite Strecke fahren, nur um mit mir zu reden?
 
Die vergangenen fünf Tage seit dem Telefonat hatte ich in enormer Anspannung zugebracht. Dauernd drehten sich meine Gedanken um ihn. Woher kam bloß dieses Gefühl, dass sich an dem Abend etwas Besonderes ereignen könnte?
Ich saß in dem kleinen Restaurant und wartete auf ihn. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen. Verlegen gestand ich mir ein, wie sehr ich diesen Abend herbeigesehnt hatte und versuchte, meine Gedanken auf Rainer einzustellen. Unzählige Male hatte ich einen Blick in den Spiegel riskiert. Mit meiner flotten Kurzhaarfrisur fühlte ich mich wohl und trauerte meinen langen Haaren nicht mehr nach, von denen ich mich vor ein paar Monaten mit ziemlicher Überwindung getrennt hatte.
Von Minute zu Minute stieg die Spannung, bis er endlich etwas verspätet eintraf.
»Hallo, Gila«, sagte er liebevoll, nahm mich in alter Gewohnheit stürmisch in den Arm und setzte sich zu mir an den Tisch.
Das kleine Restaurant war nur spärlich besetzt. Rainer zündete die Kerze auf dem Tisch an. Wie immer, wenn ich in seiner Nähe war, nahm ich sein Bild in mich auf: Sein fein geschnittenes Gesicht und die schwarzen Haare bildeten einen angenehmen Kontrast zu seinen warmen grünbraunen Augen, die manchmal, wie ich wusste, auch recht finster blicken konnten.
Seit kurzem trug er einen Schnauzbart, der sein verwegenes Image noch unterstrich. Er war ein Naturmensch mit einem ausgeprägten Hang zum Abenteuer. Zu Tieren schien er ein besseres Verhältnis zu haben als zu Menschen. Noch heute habe ich Mühe, das auszudrücken, was das Besondere an ihm ausmachte. Ihm haftete etwas Wildes, ja Animalisches an.
»Weißt du eigentlich, wie gut du aussiehst, Gila?«
Er sah mich mit funkelnden Augen an.
»Na klar«, bemerkte ich munter, um meine Unsicherheit zu verbergen. Lächelnd erwiderte ich seinen Blick.
»Mir fällt auf, dass ich dich fast ein halbes Jahr nicht mehr gesehen habe. Die kurzen Haare stehen dir übrigens gut«, stellte er fest.
»Nun komm zur Sache!«, wehrte ich lachend ab, freute mich aber über seine Worte.
Lange Zeit schwieg er. Leise Musik klang zu uns herüber. Ich war froh, dass die Nachbartische nicht besetzt waren, und ließ ihm Zeit. Sein Gesicht, das mir so vertraut war und das ich so liebte, wurde plötzlich ernst.
»Noch nie in meinem Leben habe ich mit irgendeinem Menschen über dieses Problem gesprochen«, begann er zögernd. »Ich weiß, welch großer Fehler das ist. Nur, bisher habe ich auch noch nie einen Menschen gefunden, zu dem ich Vertrauen haben konnte - außer zu dir. Selbst das hat lange gedauert. Nicht einmal Manfred, mein Freund, mit dem ich letztes Jahr in Kanada sechs Wochen im Busch verbracht habe, ahnt etwas von meinen wirklichen Gedanken.«
Er machte eine längere Pause. Ich überlegte, was er wohl meinen konnte. Plötzlich zogen sich seine schwarzen Augenbrauen zusammen.
»Hör zu«, sagte er leise, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in die Luft. »Es geht um Eva. Ich halte es nicht mehr aus. Gila, ich muss mich von ihr trennen, sonst werde ich verrückt neben ihr. Den ganzen Tag über höre ich sie immer nur reden. Wenn ihr Gerede wenigstens etwas Tiefgang hätte! Ich ertrage es einfach nicht mehr. Sie mag noch so lieb sein, aber ich schaffe es nicht mehr lange, so mit ihr weiterzuleben«, stieß er hervor und hielt unvermittelt inne, offenbar verwundert, dass er diese Worte wirklich gesagt hatte.
Fassungslos starrte ich ihn an. Dass es um Eva ging, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Trotz ihres nicht versiegenden Redeflusses und ihrer enormen Nervosität mochte ich Eva gern. Sie war ein feiner Kerl, lieb und gutgläubig in allen Dingen.
Eine Sache war bezeichnend für sie: Sie verfügte über keinerlei Zeitgefühl und wurde nie fertig, was Rainer oft den letzten Nerv raubte. Mir übrigens auch, aber mit dem Unterschied, dass ich nicht mit ihr zu leben brauchte, denn ich konnte nach einem Besuch wieder fahren. Eva wusste, wie sehr sie manche Menschen mit dieser Eigenschaft reizte, zumal ich daraus keinen Hehl machte ihr gegenüber. Meine Offenheit schien sie allenfalls zu belustigen, was sie manchmal gespielt beleidigt anbrachte.
Ähnlich wie ich hatte auch Eva ständig Figurprobleme. Doch es passte zu ihr, dass sie ein wenig mollig war. Rainer störte es übrigens auch nicht - im Gegenteil. Sie trug ihre hellblonden Haare etwas altmodisch hoch gesteckt, hatte jedoch sehr ausdrucksvolle große braune Augen, die durch das helle Haar noch betont wurden.
Ja, ihre Augen waren es, die ihr Gesicht sehr anziehend machten. Sie hatte ein großes Herz und Verständnis für alles. So überschwänglich sie das Gute empfand, konnte sie sich bis zum Exzess ins Leid hineinsteigern, was den meisten Menschen in ihrer Umgebung auf die Nerven ging.
»Seit langem schon geht mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf«, fuhr Rainer fort. »Kanada ist seit dem letzten Jahr mein großer Traum, und sobald sich mir die Möglichkeit bietet, werde ich dorthin auswandern. Das schwöre ich dir! Davon hält mich niemand ab. Nicht mal Eva!«, stieß er hervor. »Du kannst mir glauben, Gila, dass ich bis jetzt Rücksicht genommen habe, weil ich warten wollte, bis unsere beiden Jungen alt genug sind, um ihre eigenen Wege zu gehen.« Wieder schwieg er eine Weile und zog an seiner Zigarette.
Betroffen nippte ich an meinem Glas Wein. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ausgerechnet mir gegenüber ließ er seinen wahren Gefühlen freien Lauf. Doch ich spürte sein Vertrauen und wusste, noch nie hatte er sich jemandem gegenüber derart geöffnet.
Nach Kanada wollte er also. Mein Traumland! Bereits 1976 war ich das erste Mal mit meiner Freundin Edith, die ihre Verwandten besuchte, in Barrie/Ontario im Osten Kanadas gewesen. Total fasziniert von diesem wunderbaren Land wollte ich danach mit Achim und meinen beiden Söhnen Andre und Marco auswandern.
Zuerst aber half ich Edith ein Jahr später bei ihrer Auswanderung und verbrachte wieder ein paar Wochen in Barrie. Kurz danach lernte Edith Gary kennen. 1978 heirateten die beiden - ich war ihr Trauzeuge. Einige Zeit später hatte Edith schwere Schwangerschaftsdepressionen. Ich setzte mich ins nächste Flugzeug und blieb bis kurz vor der Geburt ihres Babys bei ihr. So kam es, dass mir Kanada von Jahr zu Jahr immer vertrauter wurde. Nein, besser gesagt: Ich liebte Kanada!
Jetzt wollte Rainer nach Kanada - und würde sich von Eva trennen! Meine Gefühle tanzten Walzer...
Rainer unterbrach meine wirbelnden Gedanken, indem er eine Frage stellte, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte und die unser Gespräch in ganz andere Bahnen lenkte.
»Gila, wie ist eigentlich dein Verhältnis zu Achim? Bist du glücklich mit ihm?«
»Wie kommst du denn darauf?«, fuhr ich irritiert hoch, ließ mich aber durch die Offenheit unserer Unterhaltung dazu verleiten, ihm von den diversen Trennungsversuchen zu berichten, die ich in den Jahren unserer Ehe unternommen hatte.
»Siehst du, auch du hast nie darüber gesprochen, wie viel bei euch nicht stimmt. Seit ich euch beide kenne, habe ich mich immer nur gefragt, wie du es bloß bei deinem Mann aushalten kannst!«
Ich war völlig verwirrt. Noch nie hatte er mich nach meiner Ehe gefragt oder sich dazu geäußert. Schon deshalb hatte ich vorausgesetzt, dass er die Verschiedenheit der Charaktere von Achim und mir für unproblematisch hielt.
Bis weit nach Mitternacht zog sich unser vertrautes Gespräch hin. Eine enorme Spannung hatte sich zwischen uns aufgebaut. Es funkte und knisterte bei jedem Blick. War das Lächeln zwischen Freunden erloschen?
Ich dachte an Eva - dieser Gedanke holte mich sofort wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Aber er will sich doch von ihr trennen... Ein verführerischer Gedanke!
Noch konnte ich zurück...
Es war schon nach ein Uhr, als wir das Lokal verließen. Rainer legte mit einer liebevollen Geste seinen Arm um mich. Er schien zu spüren, dass ich zitterte, und zog mich fester an sich. In seinem Auto schloss er mich in seine Arme. Nein, das war keine Freundschaft mehr zwischen uns. Die Würfel waren gefallen. Lange hielten wir uns schweigend umschlungen und drängten uns aneinander. Jahre hatte ich auf diesen Augenblick gewartet. Ein Gefühl unendlichen Glücks durchströmte mich. Mein Gott, dachte ich, warum kann die Uhr nicht einfach stehen bleiben?
 
Eine Zeit so großer Erlebnisfülle begann, wie ich sie nie zu empfinden geglaubt hätte, voller Zärtlichkeiten, gefühlvoller Anrufe und heimlicher Treffen. Wo immer sich uns die Möglichkeit für ein Zusammensein bot, nahmen wir sie glücklich wahr. Nie vorher waren für unsere geschäftliche Tätigkeit so viele Übernachtungen erforderlich gewesen. Wir übertrafen uns im Erfinden von Treffpunkten. Die raffiniertesten Ideen checkten wir durch, um nicht entdeckt zu werden. Nur der Gedanke an Eva und ihre unbekümmerte Ahnungslosigkeit lag wie ein dunkler Schatten auf unserer Beziehung.
Er will sich von ihr trennen - schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Noch vor unserer Beziehung wollte er das! Es hat also mit mir nichts zu tun, versuchte ich mich immer wieder zu rechtfertigen, wenn mein schlechtes Gewissen mich quälte...
Wie konnte ich Rainer bloß öfter sehen? Immerhin lagen fast dreihundert Kilometer zwischen uns. Und dann kam mir die Idee. Von jeher waren Buchführung und das Sortieren der Steuerbelege für Rainer ein rotes Tuch. Ich wusste das und witterte jetzt die Chance, ihn ganz offiziell öfter bei mir zu haben, um ihm bei seiner Korrespondenz und seinen Belegen zu helfen.
So kam es, dass er einmal im Monat mit sämtlichen Unterlagen zu uns nach Hause kam, und irgendwie bot sich uns immer die Möglichkeit für ein paar Stunden zu zweit, ohne dass Achim uns erwischte.
An einem Samstagnachmittag saßen wir nebeneinander auf Tuchfühlung in meinem Büro und sortierten Belege. Trotz dieser langweiligen Tätigkeit lag eine enorme Spannung in der Luft, die sich immer wieder im Austausch versteckter Zärtlichkeiten entlud.
Plötzlich legte Rainer die Belege zur Seite und lehnte sich zurück.
»Gila«, sagte er in seiner ruhigen Art, nahm meine Hand und hielt sie fest, »ich habe vor einiger Zeit einen Film gesehen, der mich sehr beeindruckt hat. Er heißt >Die Möwe Jonathan< und erzählt die Geschichte einer Möwe, die aus dem Schwarm ausbricht, um ihrer inneren Stimme und ihrer Berufung zu folgen. Ein wunderbarer Film! Wenn sich dir die Möglichkeit bietet, schau ihn dir an!«
Ich schrieb seine verhaltene Begeisterung seiner großen Liebe zur Natur und den Tieren zu. Kurze Zeit später schenkte mir Rainer die Platte >Jonathan Livingston Seagull< mit der Musik jenes Films, gesungen von Neil Diamond. Damit hatten wir etwas, das uns verband und ganz allein uns gehörte. Wann immer ich diese Platte hörte, schwang für mich eine tiefe Zärtlichkeit in den Tönen mit.
 
Es war eine wunderbare Zeit, doch sie war immer überschattet von der Überzeugung, dass es keinen Weg gab, mit ihm zusammenleben zu können. Rainer wollte Eva verlassen, und irgendwann würde er es tun. Innerlich hatte er seine Entscheidung getroffen und die Trennung bereits vollzogen. Und trotzdem kam manchmal ein Anflug von Zweifel in mir auf, ob er stark genug sein würde, sein Vorhaben auszuführen.
So sehr ich auch über diese Frage nachdachte, ich fand keine Antwort. Ich wusste nur eines: Ich liebte Rainer mit allen Fasern meines Herzens, so wie ich noch keinen Mann zuvor geliebt hatte. Für mich verkörperte er die Leidenschaft, das Verbotene, das Unerreichbare, nicht das fröhliche, unkomplizierte Beisammensein. Selbst heute verspüre ich noch immer die über unserer Verbindung lastende Traurigkeit.
Schon bald nach Beginn unserer Beziehung spürte ich eine gewisse Resignation in mir, denn Rainer sprach nie wieder von seiner Einstellung zu Eva und der beabsichtigten Trennung. Dadurch nahm ein Gedanke mehr und mehr von mir Besitz: Wenn ich schon nicht mit ihm leben konnte, so sollte wenigstens ein Teil von ihm bei mir sein. So verrückt es auch war, ich wollte ein Kind von dem Mann meiner Freundin. Nie hatte ich mit ihm darüber gesprochen, dass ich ein Kind bekommen möchte. Ich wusste, wie er reagieren würde, und so traf ich diese Entscheidung ganz allein.
 
In den letzten Oktobertagen des Jahres 1981 flog Achim für eine Woche zu meiner Cousine nach Florida zur Feier ihres 40. Geburtstags. Zugegeben - ich hatte ihn dazu animiert, zu groß war die Sehnsucht nach Rainer.
Vier wunderbare Tage und Nächte blieb er bei mir. Er hatte in Hannover etwas zu erledigen, und so fand er Eva gegenüber für die Tage bei mir eine plausible Erklärung. Ich war sicher, sie hegte überhaupt keinen Argwohn, zwischen uns könne mehr als nur Freundschaft bestehen.
Wegen Andre und Marco bezog Rainer abends offiziell das Gästezimmer. Wir verlebten zauberhafte Stunden voller Zärtlichkeit und Leidenschaft. Wie schön war es, ihn abends beim Einschlafen neben mir zu wissen und morgens mit ihm zusammen aufzuwachen. Wie sehr liebte ich diesen Mann!
Ende November 1981 hatte ich Gewissheit, dass ich ein Baby erwartete. Ich war überglücklich, doch in meine überschäumende Freude mischte sich die Sorge, auf welche Weise ich Rainer die neue Situation beibringen sollte. Welche Reaktion hatte ich bei ihm zu erwarten? Freude? Überraschung? Ich hatte eigenartigerweise gar keine Vorstellung, wie er reagieren würde. Wegen des Babys würde er mit Sicherheit seine Beziehung zu Eva nicht ändern, und irgendwie wollte ich das auch gar nicht. Nur über eins war ich mir im klaren: Ich wollte dieses Baby.
 
Eines Nachmittags rief Rainer an und sagte: »Heute habe ich endlich meine Steuererklärung abgegeben. Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass ich diese Sachen jetzt in Ordnung habe.«
Wie immer, wenn ich in dieser Zeit mit ihm sprach, dachte ich an das Baby. Hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn er so unbedarft mit mir redete? Nein, eigenartigerweise nicht. Noch heute kann ich mich gut an meine Gedanken und meine Gefühle von damals erinnern. Durch dieses Kind war etwas Gemeinsames zwischen Rainer und mir entstanden, das nicht mehr auszulöschen war.
»So schön, wie das ist«, riss er mich aus meinen Gedanken, »dass die Belege fertig sind, wir müssen uns etwas Neues einfallen lassen, um uns zu sehen. Kannst du nicht nächstes Wochenende zu uns kommen?«
»Wir fallen auf, Rainer. Sieh mal, in den letzten sechs Wochen war ich zweimal bei euch. Achim hat auch schon gefragt, warum du ausgerechnet während seiner Abwesenheit kommen musstest. Stell dir vor, er hat mich sogar gefragt, wo du geschlafen hast!«
»Und? Was hast du gesagt?«
»Ich habe ihn ausgelacht. Aber wohl war mir nicht dabei, das kannst du mir glauben. Übrigens - ich muss mit dir sprechen, Rainer, unbedingt.«
Er hatte den letzten Satz wohl überhört und fuhr fort: »Momentan fällt mir kein Grund mehr ein zu kommen, wie ich es auch drehe. Wir müssen bis zum Jahresende warten. Ihr kommt doch und feiert mit uns Silvester?«, fragte er.
»Rainer, ich muss mit dir reden, möglichst noch vorher«, sagte ich eindringlich, und meine Stimme bebte. »Aber nicht am Telefon, ich muss dich sehen. Können wir uns nicht kurz treffen?« Überlaut vernahm ich das Klopfen meines Herzens.
Erst jetzt schien er zu begreifen, dass irgendetwas nicht stimmte.
»Gila, was ist los?«, fragte er rau. »Sag mir, was los ist, bitte!«
»Das kann ich dir am Telefon nicht sagen. Ich muss dich sehen.«
Plötzlich wurde ich unsicher. Er glaubte doch nicht etwa, ich wolle unsere Beziehung beenden? Nein, nur das nicht! Ob ich wollte oder nicht, ich musste ihm die Wahrheit sagen - jetzt, hier am Telefon.
»Rainer, du musst jetzt stark sein.«
»Ja«, sagte er tonlos, »was ist?«
»Ich bekomme ein Kind.«
Einen Augenblick lang war es still in der Leitung.
»Nein, Gila, nein! Das ist nicht wahr! Nein, das kann nicht wahr sein! Das glaube ich nicht!«, stieß er heiser hervor.
»Doch, Rainer, ich bin sicher.«
»Und nun?« Seine Stimme hatte einen eigenartigen Unterton.
»Ich will dieses Kind.«
Seine Reaktion war kurz und knapp. »Ich muss jetzt auflegen. Ich rufe dich wieder an.«
 
Ein paar Tage später trafen wir uns auf halber Strecke in Remscheid. In einem langen Gespräch versuchte Rainer, gegen meine Entschlossenheit anzugehen, das Baby zu bekommen. Er konnte ja nicht ahnen, wie sehr ich mir ein Kind gewünscht hatte. Als ich ihm meinen Standpunkt klarmachte, gab er schließlich resignierend auf.
Nur ganz allmählich fand er sich in den nächsten Wochen mit der neuen Situation ab. Wir kamen überein, vorerst niemanden über diese komplizierten Zusammenhänge aufzuklären. Rücksicht? Feigheit? Vielleicht beides.
Kurz vor Weihnachten übersandte Rainer mir kommentarlos ein Kalenderblatt mit bezeichnenden Worten, die ausgerechnet an seinem Geburtstag auf dem Kalender standen:
»Liebes Christkind! Bitte bewahre mich vor dem Irrglauben, dass Verkehrsunfälle nur anderen passieren können.«
Erleichtert stellte ich fest, dass er anfing, sich langsam mit dem Gedanken an das Baby vertraut zu machen.
Während Eva völlig aus dem Häuschen war über die Nachricht, geriet Achim beinahe in Panik. »Ich begreife das Ganze nicht. Wie konnte es bloß dazu kommen?«
»... ist nun mal passiert«, erwiderte ich ausweichend.
Er wollte nicht wieder von vorn anfangen und teilte mir rigoros mit, er sei nicht bereit, noch mehr Verantwortung zu tragen und sich dadurch in seiner Freizeit beschränken zu lassen. Mit Macht versuchte er, gegen meine Entscheidung anzugehen, das Baby zu bekommen. Und als gar nichts mehr half, entschloss er sich, von da an nur noch das Nötigste mit mir zu sprechen.
Eine unmögliche Situation, in die ich mich selbst hineinmanipuliert hatte, ohne auf Rainers und Achims Gefühle Rücksicht zu nehmen. War ich wirklich so stark, wie ich tat, um das alles zu tragen? Hatte ich nicht alles hoffnungslos überreizt? Wie hilflos fühlte ich mich manchmal in meiner vorgetäuschten Stärke. Wenn ich doch bloß öfter bei Rainer hätte sein können!
 
Silvester feierten wir zusammen mit Eva und Rainer in der Eifel.
»Sag mal, Gila«, meinte Eva am Neujahrsmorgen nachdenklich, als wir allein am Frühstückstisch saßen, »Achim machte so eine eigenartige Andeutung über das Baby. Ich hatte das Gefühl, er wollte nicht so recht mit der Sprache heraus. Denkt er etwa, er sei nicht der Vater? Du glaubst gar nicht, wie ich ihm den Kopf gewaschen habe! So etwas auch nur anzunehmen!«, grollte sie, während sie ein Stück ihres zusammengedrückten Brötchens in ein weich gekochtes Ei tunkte. »Das ist wieder typisch für ihn! So ein Kindskopf! Er hat gestern Abend mal wieder viel zu viel getrunken.«
Was sollte ich nur machen? Bloß diesem Thema ausweichen! Bitte, Eva, sprich über etwas anderes!, dachte ich. Als ob meine Gedanken sie erreicht hätten, wechselte sie plötzlich das Thema.
»Das Neueste weißt du ja noch gar nicht!«, gluckste sie, und ihre großen dunklen Augen blitzten voller Vorfreude auf. »Unser Verkaufsleiter hat das Handtuch geworfen. Er hat fristlos gekündigt!«
Ich war überrascht und betroffen zugleich. Nach zehnjähriger Tätigkeit fristlos zu kündigen, war mir wirklich unverständlich, vor allem, weil ich mich noch ein paar Tage zuvor auf einer Verkaufsleitertagung mit meinem Kollegen unterhalten hatte, ohne irgendein Anzeichen zu spüren.
»Übrigens: Der Boss sucht händeringend einen neuen Verkaufsleiter für die Eifel. Wäre das nichts für dich?«, fragte Eva arglos »Wir könnten dir eine Wohnung oder ein Haus besorgen. Du verkaufst dein Haus, und ihr zieht hierher. Was meinst du, wie gut dem Baby die herrliche Eifelluft tut!« Lachend gab sie mir einen Stups in die Rippen. »Ehrlich, Gila, dann hätten wir dich endlich hier, und Rainer brauchte nicht ewig nach Bielefeld zu fahren!«
Mir war ganz elend zumute.
 
Kurze Zeit später übernahm ich tatsächlich die Verkaufsleitung in der Eifel und mietete die kleine Wohnung hoch über dem Rursee in der Hoffnung, in dieser Zeit öfter und näher bei Rainer zu sein.
Zum Wochenende fuhr ich nach Hause zu meiner Familie. Achim, zu der Zeit arbeitslos, versorgte die beiden Jungen wochentags. Durch den Bau unseres Hauses hatten wir hohe monatliche Belastungen, die ich durch die besserbezahlte Position ausgleichen konnte. So hatte ich auch familiär eine Begründung für die Notwendigkeit dieser neuen Situation.
Nur einen Haken hatte die Sache. An jenem kalten Regentag im Januar 1982, als ich die neue Wohnung in der Eifel bezogen hatte, eröffnete Rainer mir zögernd, dass er unsere Beziehung beenden wolle. Was ging bloß in ihm vor? Wovor hatte er Angst? Vor Eva? Vor sich selbst? Vor mir? Vor der Verantwortung? Vor einer Entscheidung? Ich erwartete doch gar keine!
Nach dem Gespräch war ich tagelang völlig verzweifelt. Rainer brach den Kontakt zu mir völlig ab. Nur die wichtigsten dienstlichen Dinge besprach er telefonisch mit mir. Ich befand mich in einem Niemandsland und wusste manchmal nicht, wie es weitergehen sollte.
Es dauerte lange, bis ich mich einigermaßen wieder gefasst hatte. Dennoch wollte ich meine Aufgabe zu Ende führen und die Verkaufsleitung bis Juni 1982 behalten, um dann endgültig kurz vor der Geburt zu meiner Familie zurückzukehren.
Ich war bereits im achten Monat und schon recht unbeholfen. Eines Abends musste ich zusammen mit Eva eine Interessentin besuchen, als auf dem Heimweg im Auto plötzlich Wehen bei mir einsetzten.
»Ach du lieber Himmel«, stöhnte ich und legte schützend die Hände um meinen Leib. »Ich glaube, es geht los. Es ist doch noch viel zu früh!«
»Um Gottes willen, Gila! Wir müssen einen Krankenwagen rufen! Bist du denn von allen guten Geistern verlassen, noch weiterzufahren? Halt sofort an!« Eva war sehr aufgeregt.
Ich schaute auf die Uhr. Im Rhythmus von zehn Minuten setzten die ziehenden Schmerzen im Unterleib ein. Jedes Mal, wenn eine Wehe kam, hielt ich an und lief einmal ums Auto, bis sie vorbei war.
Evas große Besorgnis ging mir sehr nahe. Immer wieder beschwor sie mich, einen Krankenwagen kommen zu lassen. Ich wollte ja ins Krankenhaus fahren - aber allein, doch das hätte sie nie zugelassen. Ausgerechnet sie bei mir zu haben, irritierte mich mehr als die Wehen und der Gedanke an die vielleicht verfrüht einsetzende Geburt. Psychisch hätte ich das wohl kaum unbeschadet überstanden.
Nur durch einen Trick konnte ich ihrer Besorgnis entkommen. Mit äußerster Beherrschung überstand ich die nächste Wehe, ließ mir nichts anmerken und meinte, scheinbar erleichtert, kurze Zeit später: »Siehst du, Fehlalarm!«
Sie sah mich besorgt von der Seite an, als wir endlich die Einfahrt zu ihrer Wohnung erreicht hatten. Nun wandte sie all ihre Überredungskünste an, ich solle doch mit zu Rainer hinaufkommen. Aber das war das Allerletzte, was ich jetzt wollte. Verständlicherweise setzte ich sie vor der Haustür ab. Nur weg - dachte ich und versuchte, so schnell wie möglich mein provisorisches Zuhause zu erreichen.
Durch die eintretende Ruhe löste sich allmählich die enorme Spannung dieses Abends. Mein Körper hatte offensichtlich durch die Wehen auf die seelische Belastung reagiert. Es war erstaunlich: Kurze Zeit später spürte ich zu meiner Erleichterung, dass die Wehen nachließen, obwohl ich mich schon beinahe damit abgefunden hatte, diese Nacht im Krankenhaus zu verbringen.
Nein, ich hielt es hier nicht mehr aus! Es war Wahnsinn, auf was ich mich eingelassen hatte. Ich musste nach Hause, und zwar so schnell wie möglich. Es wurde höchste Zeit, zu meiner Familie zurückzukehren, um aus Rainer und Evas Umgebung zu entfliehen. Nur diese Nacht wollte ich noch hier bleiben.
Früh am nächsten Tag fuhr ich endgültig heim.
Kapitel 2
Die Einbildungskraft ist die Vorläuferin und die Ursache für jedes Gelingen.
 
Wenn ich heute über die Zeit der Schwangerschaft nachdenke, so erkenne ich deutlich, dass ich sie nur deshalb seelisch einigermaßen unbeschadet überstand, weil mir der Gedanke an das Baby Halt und Sicherheit gab. War es eine Art Selbstschutz, die mich nicht tiefer forschen ließ, in welch unmöglicher Situation ich mich befand? Oder verbot mir die Erkenntnis des wissentlichen Betruges, den ich begangen hatte, das Verhalten der anderen zu bewerten?
Rainer sprach kaum mit mir und wich mir aus. Nicht nur die im Juni 1981 zwischen ihm und mir eingegangene engere Beziehung fand im Januar durch unser Gespräch ihr Ende, auch unsere Freundschaft lag damit auf Eis. Nur über Eva, die von allem nach wie vor keine blasse Ahnung hatte, hielten wir den nötigsten Kontakt.
Dazu kam, dass auch Achim wegen des Babys in den ersten Monaten kaum mit mir sprach, obwohl er die wahren Zusammenhänge nicht kannte und seine Befürchtungen hinsichtlich der Vaterschaft nach dem Gespräch mit Eva als Hirngespinste abgetan hatte. Er hatte einfach Angst, in seiner Freiheit beschnitten zu werden. Doch wer gab mir das Recht, sein Verhalten zu verurteilen?
 
Dann kam der 21. Juli 1982.
Als die Wehen einsetzten, packte ich eiligst meine Reisetasche ins Auto, fuhr in das zehn Minuten entfernte Krankenhaus - und bereits drei Stunden später war alles überstanden. Dana war geboren.
»Ein gesundes kleines Mädchen! Und so hübsch!« Die Hebamme strahlte und legte mir meine noch etwas zerknautschte kleine Tochter in den Arm. Voller Glück vernahm ich ihr Schreien, das mir zeigte, sie war jetzt ein selbstständiger kleiner Mensch, nicht mehr mit meinem Körper verbunden.
Lange vorher schon hatte ich mir überlegt, wie sie aussehen und was ich empfinden würde, wenn ich sie das erste Mal sah. Da lag sie nun in meinem Arm, so unendlich hilflos, und eine unheimliche Welle von Zärtlichkeit und Liebe erfasste mich, während ich stumme Zwiesprache mit ihr hielt.
Dachte ich an ihren Vater? Ja, obwohl ich mich in den letzten Monaten der Schwangerschaft von ihm entfernt hatte. Seit dem Gespräch über die Trennung hatte er das Baby nie wieder erwähnt.
Nach der Entbindung im Krankenhaus ging es mir verhältnismäßig gut, und ein paar Stunden später konnte ich wieder nach Hause fahren. Jetzt stand ich vor der schwierigen Aufgabe, ein offenes Gespräch mit Achim zu führen und ihm zu erklären, welche Rolle Rainer in meinem Leben gespielt hatte. Doch in diesem Augenblick trat etwas ein, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Achim freute sich plötzlich so über das Baby, dass eine Aussprache für mich beinahe unmöglich wurde.
Ich musste mich entscheiden: mein bisheriges Leben durch das Bekenntnis zur Wahrheit aufgeben und das innige Gefühl zerstören, das in Achim zu dem kleinen Wesen aufkeimte, oder mit der Lüge weiterleben. Auch Rainers Ehe würde ich mit dem Aufdecken der Wahrheit schwer belasten, wenn ich sie nicht gar zerstörte. War es nicht einfacher zu schweigen und mir einzureden, ich respektiere damit Rainers Wunsch?
Ich entschied mich zu schweigen - auf Kosten meines Gewissens, denn durch meine einsame Entscheidung, Dana zu bekommen, hatte ich einige Menschen betrogen: Achim, Eva, Rainer - um seine Tochter - und im Grunde genommen auch Dana um ihren leiblichen Vater.
 
Nach Danas Geburt ließ Rainer nichts von sich hören; nur Eva rief an.
»Gila, du bist ja schon wieder zu Hause! Wie schön! Also doch ein Mädchen! Ist das nicht herrlich? Ich habe eben mit Achim gesprochen. Er ist ja auf einmal überglücklich. Siehst du, alles ist wieder in Ordnung«, sagte sie in ihrer lieben überschwänglichen Art.
Diese furchtbare Lüge! Würde das immer so weitergehen?
Ungewohnt steif verhielt ich mich am Telefon. Mir kam die ganze Situation wieder hautnah zum Bewusstsein.
Als ich Dana zwei Tage später beim Standesbeamten anmeldete, trat Rainer dabei als Vater nicht in Erscheinung.
 
Nach meiner endgültigen Rückkehr aus der Eifel gab Eva ihre langjährige Tätigkeit bei unserer Firma auf und wechselte zu einer Versicherungsgesellschaft über. Und genau diese Gesellschaft machte mir ein verlockendes Angebot für den Bielefelder Raum, das nur einen halbtägigen Zeiteinsatz erforderte. Da es auf die räumliche Nähe zu Rainer und Eva nicht mehr ankam, nahm ich nach einigen Überlegungen an. So gab ich nach Danas Geburt meinen Posten als Verkaufsleiterin auf, den ich mit einem Baby nur mit Schwierigkeiten hätte ausüben können.
Ich sollte genau diese Firma kennen lernen, zur richtigen Zeit in der richtigen Phase. Zwar verabschiedete ich mich etwas wehmütig von meiner alten Position. Doch das ganze Leben besteht aus Abschiednehmen und Neubeginn. Ich musste etwas hergeben, um etwas zu bekommen.
Diese Firma tat Außerordentliches für die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Mitarbeiter. Im November 1983 sollte ich das erste Mal an einem Persönlichkeits-Seminar teilnehmen. Dieses Seminar gab mir eine ganz neue Lebensanschauung und unter anderem endgültig die Kraft für die Trennung von Achim. Doch vorher geschah etwas anderes:
Dana wurde rasch der Sonnenschein der ganzen Familie. Ständig erinnerte sie mich an Rainer mit ihrem bräunlichen Teint, während sie meine dunklen Augen hatte. Ihre beiden großen Brüder liebten sie genauso heiß und innig wie ich. Auch Achim zeigte sich stolz in der Nachbarschaft mit ihr, was ich mit äußerst gemischten Gefühlen beobachtete. Wie schwer war es doch, mit dieser Lüge zu leben!
 
Als Dana ein Jahr alt war, fuhr unsere Familie nach Bornholm in Urlaub. Auch ich ahnte es damals noch nicht: Es sollte unser letzter gemeinsamer Urlaub werden. Die von mir aufgenommene Kassette von Neil Diamond >Jonathan Livingston Seagull< nahm ich mit, und es verging kein Tag, ohne dass ich sie nicht mindestens einmal anhörte. Unsere Musik, weiche Worte, unaussprechliche Empfindungen - Träume, die der Wirklichkeit die Würze gaben.
Vergessen konnte ich Rainer nicht. Täglich schrieb ich meine Empfindungen nieder, um die Unruhe zu besiegen, die mich immer noch erfasste, wenn ich an ihn dachte. Auch auf Bornholm gehörten ihm meine Gedanken. Jeden Abend, bevor ich einschlief, stellte ich mir sehnsüchtig vor, er käme zurück, bäte mich inständig um Verzeihung, und unsere Beziehung würde wieder so stark wie am Anfang sein.
Es sind zwar nur Träume, nur Vorstellungen, dachte ich, aber diese wunderbare Traumwelt kann mir niemand nehmen. Auch wusste niemand etwas davon, dass ich diese Träume brauchte, um das Gefühl zu vertreiben, nur noch zu funktionieren. Es packte mich oft, wenn das selbst auferlegte Arbeitspensum in Stress auszuarten drohte.
 
Mit Dana im Kinderwagen ging ich eines Morgens im Einkaufszentrum von Bornholm spazieren und stöberte ein wenig in einer Buchhandlung herum. Plötzlich sah ich sie - diese wunderschöne Kunstkarte: nur blauer Himmel und unten rechts eine weiße Möwe. Fasziniert nahm ich sie in die Hand. Es gab nur einen Menschen auf der Welt, für den sie gedacht sein konnte, und mir fielen die Worte dazu ein:
Schöne Tage - nicht trauern, dass sie vergangen, sondern lächeln, dass sie gewesen.
(Tagore)
Abgesandt habe ich die Karte erst Tage später, nachdem ich lange überlegt hatte, welche Wirkung sie auf Rainer ausüben werde, und auch auf Eva, denn sie sollte annehmen, es sei ein Urlaubsgruß.
Bereits kurze Zeit später sollte ich zu Hause erfahren, was ich mit dieser intensiven Vorstellung angerichtet hatte, in die ich mich täglich in Bornholm hineingeträumt hatte. Doch bis dahin herrschte noch einigermaßen Ruhe in meinem Leben, jedenfalls nach außen hin, nur meine unruhigen Gedanken sollten später die Ereignisse hervorbringen, die dann Schlag auf Schlag eintraten.
 
Anfang Oktober wollten wir das Gartenhäuschen neu decken. Bei Achim - von handwerklichen Dingen hatte er keine blasse Ahnung - kam plötzlich der Gedanke auf: »Ob Rainer uns wohl hilft? Ich rufe ihn mal an! Was hältst du davon?«
Mir verschlug’s den Atem! Sollte ich mich dagegen wehren oder nicht? Sollte er kommen oder nicht? Wollte er überhaupt kommen? Irgendwie stach mich der Hafer, und ich wollte herausfinden, wie er reagierte.
Und Rainer sagte zu.
Eine enorme Spannung erfasste mich in den darauf folgenden Tagen, ähnlich der, die ich damals vor dem ersten Treffen mit Rainer verspürt hatte. Jeder in meiner näheren Umgebung musste mir doch ansehen, was in mir vorging, oder? Wie sollte ich mich ihm gegenüber verhalten? Lässig? Höflich? Ablehnend? Schlichte Zurückhaltung - das war wohl das Beste.
 
Es kam der 14. Oktober.
Abends sollte Rainer eintreffen. Wie ich diesen Tag überstanden habe, weiß ich nicht mehr genau. Ständig blickte ich auf die Uhr, sah unzählige Male in den Spiegel. Vierzehn Tage lang hatte ich eisern meine Diät durchgehalten. So fühlte ich mich gewappnet, Rainer gegenüberzutreten.
Achim hielt sich bei unseren Nachbarn auf, während ich versuchte, die Stehlampe im Wohnzimmer zu reparieren, um mich abzulenken. Dana saß neben mir in ihrem Kinderstuhl und spielte mit ihren Bauklötzen. Normalerweise schlief sie um diese Zeit bereits, doch ich brachte es nicht übers Herz, sie jetzt schon ins Bett zu legen. Sie war beinahe fünfzehn Monate alt, ein kleines Persönchen mit kohlrabenschwarzen Augen in ihrem schmalen Gesicht.
Und dann war es soweit. Draußen bewegte sich ein Schatten, dann wurde die Terrassentür langsam aufgeschoben. Eine feuchte Hundeschnauze schob sich witternd zwischen Türrahmen und Schiebetür. Kavik, ein sanfter Huskyrüde mit einer schwarzweißen Maske, drängte sich schnuppernd ins Wohnzimmer.
Mein Herz schlug laut, denn hinter Kavik löste sich Rainers Silhouette aus der Dunkelheit. Wie meistens trug er ein Khakihemd und eine dazu passende braune wildlederne Weste. Unsicher schaute ich von meiner Stehlampe hoch. Unsere Blicke trafen sich. Sekundenlang schauten wir uns in die Augen, und mir war, als seien es Ewigkeiten.
»Hallo, Gila«, sagte er leise. Es lag sehr viel Wärme in seiner Stimme, während er mich freundschaftlich an sich zog.
»Tag, Rainer«, flüsterte ich.
Er spürte meine Abwehr und ließ mich los. Er durfte einfach nicht merken, in welcher inneren Spannung ich mich befand.
Interessiert schaute Dana zu Rainer hoch. Er wandte sich ihr zu und beugte sich zu ihr hinunter.
»So, du bist die Dana. Guten Tag!« Er räusperte sich, und seine Stimme klang rau. »Ich bin Rainer. Du kennst mich noch gar nicht, nicht wahr?«
Dana hatte an diesem Tag die ersten Gehversuche unternommen, was für uns alle ein ganz besonderes Ereignis war. Später schrieb ich auf das Kalenderblatt:
»14. Oktober 1983 - ein besonderer Tag, an dem Rainer zurückkehrte und Dana laufen lernte.«
Die Unterhaltung zwischen uns verlief sehr gezwungen, bis Achim zu uns stieß. Erst dann entspannte sich die Situation etwas.
Nach dem Abendessen setzten wir uns in die Kaminecke, wo das Feuer gemütlich vor sich hin knisterte.
Ich war bewusst still und versuchte, nach außen hin Gelassenheit zu zeigen und mir keinesfalls etwas von meiner inneren Unruhe anmerken zu lassen. Waren wir mal kurz allein, schaute Rainer mich offen an. Während ich ihm auswich, schien in seinem Blick eine gewisse Herausforderung zu liegen. Oder projizierte ich sie nur hinein? Nein, je später der Abend wurde, umso deutlicher spürte ich es. Sämtliche ihm zur Verfügung stehenden männlichen Geschütze setzte er ein. Ich ließ sie an mir abprallen, jedenfalls noch an jenem Abend.
Spät gingen wir zu Bett. Rainer lief seine Runde mit Kavik. Während ich noch mit offenen Augen neben Achim im Bett lag, konnte ich kurze Zeit später an Rainers Pfiff und an dem Klappern der Leine erkennen, dass sie wohl wieder im Haus sein mussten.
»Hast du irgendetwas?«, fragte mich Achim und sah mich forschend an. »Du bist so still. Bist du etwa nicht damit einverstanden, dass Rainer das Gartenhäuschen deckt?«
»Doch, doch, selbstverständlich«, antwortete ich schnell. »Ich bin nur müde. Schlaf gut.«
Ich spürte förmlich Rainers Nähe im Nebenzimmer. Meine Gedanken waren bei ihm, und seine Gedanken trafen mich, ich empfand es ganz deutlich. Gedanken sind Energie, das sollte ich noch lernen. Sie kennen keine Barrieren außer denen, die wir ihnen im Geiste entgegenhalten.
 
Spät, sehr spät schlief ich ein.
Den nächsten Tag über bauten sich zwischen Rainer und mir immer mehr Spannungen auf. Ich war froh darüber, dass er die meiste Zeit draußen am Gartenhäuschen arbeitete und nur zu den Mahlzeiten hereinkam. Doch abends am Kamin waren wir unseren Gefühlen wieder hilflos ausgeliefert.
»Magst du ein Glas Wein?« Achim beugte sich zu mir und legte seine Hand mit vertrauter Geste auf mein Knie. Ich bemerkte, wie Rainer aus den Augenwinkeln zu uns herüberblickte. Schweigend zündete er seine Pfeife an. Ich nahm das eingeschenkte Glas entgegen.
Der Alkohol trug dazu bei, dass der Abend etwas gelöster wurde. Meine innere Spannung entlud sich des öfteren durch fröhliches Lachen, unter anderem ausgelöst durch Rainer, der sich plötzlich eine grüne Drachenmaske der Kinder über den Kopf zog und auf allen Vieren auf den entsetzt zurückweichenden Kavik losging. Äußerst misstrauisch beäugte dieser das komische Wesen, das doch so vertraut nach Rainer roch, ihm aber überhaupt nicht ähnlich sah.
Ab und zu riskierte Rainer einen eigenartigen Blick zu mir herüber. Ich dachte: Mal sehen, was jetzt kommt! Und dann geschah es. Wohl wissend, dass Achim sich die Sportschau im Fernsehen nie entgehen ließ, fragte mich Rainer unverhofft: »Gila, ich muss mit Kavik noch ’ne Runde laufen. Hast du Lust mitzugehen?«
Mein Herz schlug wild. Packen wir’s an, dachte ich, einmal müssen wir ja darüber reden, und der Wein hatte mich mutig gemacht.
Lange Zeit liefen wir in der Dunkelheit schweigend nebeneinander her. Ich spürte körperlich die unausgesprochenen Worte, die zwischen uns standen, und blickte geradeaus, um zu vermeiden, Rainer offen anzusehen. Nichts durfte von mir aus geschehen; er war an der Reihe.
Als ob er meine Gedanken spürte, suchte er plötzlich meine Hand, nahm sie in seine und drückte sie fest. Wohlig ließ ich es geschehen. Sanft streichelte er sie, während wir weitergingen. Keiner sprach ein Wort. Nur den warmen festen Druck seiner Hand spürte ich. Es knisterte in meinen Fingerspitzen - wie immer, wenn es spannend wird.
Immer noch schauten wir beide schweigend geradeaus und vermieden, einander anzusehen. Die letzten Häuser waren hinter uns verschwunden. Wir stiegen höher in den Wald hinein. Jeder Pfad war uns vertraut. Kavik lief frei herum und raschelte im Gebüsch.
Die Lichter unserer kleinen Stadt lagen unter uns, als wir unsere kleine Bank erreichten, die so viele vertraute Erinnerungen für uns barg. Rainer blieb stehen, legte seine Hände auf meine Schultern und zog mich ganz fest an sich.
»Gila, was habe ich dir angetan! Kannst du mir das jemals verzeihen?«
Ich kuschelte meinen Kopf in seine Halsbeuge. Vor lauter Erschütterung konnte ich nichts erwidern. Ein dicker Kloß saß mir in der Kehle.
»Kann ich das überhaupt wieder gutmachen?«, stammelte er.
Tränen schossen in meine Augen. Ich glaubte, nur noch aus Gefühlen zu bestehen. Alles vergaß ich, was jemals zwischen uns gestanden hatte. In dem Moment lösten sich bei mir alle aufgebauten Spannungen, und ich dachte: Es ist ein Wunder! Genau die Situation habe ich mir in Bornholm immer vorgestellt. Diese Worte habe ich ihn flüstern hören - genau diese Worte! Ich träume. Es kann nicht wahr sein, was ich hier erlebe. Seine Wärme, die ich durch den Parka spürte, sein mir so vertrauter Geruch. Doch, es war Wirklichkeit.
Wie lange wir im Wald in aufgestauter Sehnsucht umschlungen standen, weiß ich nicht mehr genau. Kaviks Rascheln im Laub riss mich aus meinem Träumen. Irgendwann später machten wir uns wieder auf den Heimweg.
Vor der Haustür drückte Rainer nochmals ganz fest meine Hand. »Gute Nacht«, flüsterte er mir zärtlich zu, als wir über die Terrasse ins Wohnzimmer gingen. Achim saß noch immer vorm Fernsehapparat. Ich musste jetzt allein sein. Aufgewühlt wünschte ich den beiden Männern eine gute Nacht.
Lange lag ich wach im Bett. Seit Monaten diese Vorstellung, diese Empfindungen, dieselben Worte! Konnte ich hellsehen? Das war doch nicht normal! Wie ging es an, dass genau das geschah, was ich mir immer wieder brennend gewünscht hatte - mir immer wieder als lebendigen Traum vorgestellt und dabei meinen Empfindungen freien Lauf gelassen hatte? Lieber Gott, gib mir eine Antwort auf die Frage, wie das möglich ist!
Bis ins Innerste erschüttert, verweilte ich mit meinen Gedanken noch immer bei der Situation im Wald, als ich plötzlich Achims vertrauten Schritt auf der Treppe vernahm. Er kam ins Schlafzimmer, beugte sich über mich und flüsterte mir erwartungsvoll ins Ohr: »Schläfst du schon?«
Ich reagierte nicht. Nie und nimmer hätte er mich jetzt anrühren dürfen. Enttäuscht gab Achim auf, und bald darauf schlief ich wirklich ein.
Kurze Zeit später weckte mich ein leises Knarren auf. Blitzschnell richtete ich mich auf. Die Schlafzimmertür wurde vorsichtig geöffnet. Ich hielt den Atem an. Gebannt starrte ich auf den Lichtstrahl, der langsam immer breiter wurde.
Wie erstarrt saß ich im Bett, konnte aber niemanden erkennen! Achim lag ruhig schlafend neben mir. Zuerst dachte ich an Kavik. Doch es war Rainer, der vorsichtig auf allen Vieren zu meinem Bett kroch, mit dem Zeigefinger ein >Psst!< andeutete und mir, ehe ich mich’s versah, einen Kuss auf meinen großen Zeh drückte. Lieber Himmel! Danach drehte er sich um, kroch zurück und schloss mit leisem Knarren die Schlafzimmertür.
Erleichtert atmete ich ein paar Mal tief durch. Wenn das ins Auge gegangen wäre! Hatte Rainer vielleicht draußen gelauscht, ob alles ruhig war? Ich konnte mir ein Lachen nicht verbeißen. So war er, immer für kleine Überraschungen gut, möglichst mit viel Risiko, aber herrlich verrückt!
Bis Sonntagabend wollte Rainer bleiben. Nachmittags saßen wir allein in der Küche bei einer Tasse Kaffee. Noch ein paar Stunden in seiner Nähe, dachte ich wehmütig, und er ist wieder für einige Zeit aus meinem Leben verschwunden. Könnte er doch länger bleiben! Könnte ich doch mitfahren mit ihm, um wirklich mal mit ihm allein zu sein, ohne die Angst zu haben, entdeckt zu werden!
Ich überlegte. Und dann kam mir die Idee, wirklich mit ihm in die Eifel zu fahren. Mir fiel ein, dass Eva mich immer wieder gebeten hatte, einmal an einem gemeinsamen Montagsmeeting unserer Firma in Köln teilzunehmen.
Rainer war sichtlich erfreut über diese Idee und überlegte: »So haben wir wenigstens unterwegs noch ein wenig Zeit für uns und können miteinander reden. Eva freut sich sicherlich auch, dich wiederzusehen nach der langen Zeit. Wir überraschen sie einfach.«
Mein Gesicht verdüsterte sich sofort, als er sie erwähnte. »Du weißt, wie ungern ich Eva unter die Augen trete«, meinte ich leise. Wieder dieser Wermutstropfen.
Achim stieß etwas später zu uns und fragte nach einer Tasse Kaffee. Er fand an meinem Vorhaben nichts auszusetzen, da ich bereits am nächsten Tag mit dem Zug zurückkehren wollte. Ich brauchte nur unser Kindermädchen zu bitten, ein paar Stunden früher als gewöhnlich zu kommen, um die Kinder morgens zu versorgen.
Endlich fuhren wir los. Wie schön, neben Rainer zu sitzen und den zärtlichen Druck seiner Hand während der Fahrt zu spüren!
»Sag mal, warum bist du eigentlich wiedergekommen?«, fragte ich ihn unvermutet, als wir die Autobahnauffahrt in Rheda erreicht hatten. Offen blickte ich ihn an, worauf er übermütig lachend meine Hand drückte und entgegnete: »Denk mal an die Karte mit der Möwe! Einen deutlicheren Hinweis konntest du mir ja wohl nicht geben, oder?«
Also doch die Karte.
»Was hättest du denn getan, wenn ich die Karte nicht geschrieben hätte?«, fragte ich abwartend, gespannt auf seine Antwort.
Er wurde ernst. »Eines solltest du wissen, Gila. Die Karte hat mir gezeigt, wie du die Zeit mit uns in Erinnerung behalten hast. Das hat mich ermutigt zu kommen. Du solltest aber noch eines wissen. Vor gar nicht langer Zeit habe ich in Berlin meinen Sohn besucht und näherte mich auf dem Rückweg der Autobahnausfahrt Bielefeld. Lange habe ich gezögert, einfach dort abzufahren, vor dir zu stehen und zu sagen: Da bin ich! Ich tat es nicht, weil ich wusste, wie weh ich dir getan habe, und weil ich das Gefühl für deine Einstellung zu unserer Beziehung verloren hatte. Sonst wäre ich gekommen. Denk nicht, dass die Zeit nur bei dir reif war.«
Das gab mir ein gutes Gefühl. Ich sollte dem Schicksal doch mehr vertrauen.
Irgendwann kam er dann auf das Seminar zu sprechen, an dem er vor einiger Zeit in der Kölner Geschäftsstelle teilgenommen hatte. Offensichtlich hatte es einen starken Eindruck bei ihm hinterlassen. Unwillkürlich musste ich daran denken, wie beeindruckt auch die Mitarbeiter meiner Direktion sich zeigten, die vor Monaten daran teilgenommen hatten.
»Geht es bei diesem Seminar nur um das Bewusstsein einer positiven Grundeinstellung zu allem?«, fragte ich voller Interesse.
»Ich kann dir konkret das Fazit in kurzen Worten gar nicht beschreiben oder richtig erklären«, antwortete er und fuhr nach einer Weile nachdenklich fort: »Es wäre, als wenn du eine Lösung vorwegnähmest, wobei doch dein Leben in dem Weg zu dieser Lösung besteht. Du kannst sie schwerlich anerkennen, wenn du den Weg nicht einbeziehst.«
Ich runzelte die Stirn. Was meinte er damit? All das klang mir ein wenig zu theoretisch.
»Gila, wie gern würde ich daran nochmals teilnehmen. Dem Seminarleiter muss ich wohl anfangs sehr auf den Geist gegangen sein mit meiner kritischen, konträren Ader«, meinte er trocken. »Aber weißt du, er hat Recht mit seiner Aussage. Sie ist so logisch und wahr! Hinterher habe ich es eingesehen und ihm in Gedanken Abbitte geleistet.«
Ich musste plötzlich lachen über Rainers Art, erst alles in Frage zu stellen und zu kritisieren. Mit Sicherheit war er kein bequemer Mensch.
Mit gewissen Hintergedanken warf ich ein: »In der nächsten Zeit wird die Direktion Bielefeld ein weiteres Seminar veranstalten, vielleicht kannst du es dann bei uns noch mal besuchen.«
»Gehst du auch hin?« Aus den Augenwinkeln blickte er mich abwartend an.
»Wenn du auch kommst...«
»Übernachtung eingeschlossen?«
Verlagsgruppe Random House
 
11. Auflage
 
Taschenbuchausgabe 10/2000
Copyright © 1992 by Country Verlag, Halle/Westf.
Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlagillustration: IFA-Bilderteam/ AP & F und Deutsche Presse-Agentur
 
eISBN : 978-3-641-03473-7
 
http://www.heyne.de
 
Leseprobe
 

www.randomhouse.de