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Wenn das Eismeer zur Grabstätte wird Im tiefsten Winter ereignet sich im Süden Norwegens ein schreckliches Unglück: Der Reisebus einer Theatergruppe bricht im Eis ein und die vierzehn Insassen ertrinken. Kristina, eine junge Kommissarin aus Kristiansand, und der erfahrene Sonderermittler Jan-Ole Andersen werden zur Unglücksstelle gerufen. Denn was zuerst wie ein Unfall aussieht, entpuppt sich schnell als Mord: Das Eisloch im See wurde präpariert. Während Kristina und Jan-Ole unter Hochdruck nach dem grausamen Mörder suchen, kämpft die Psychologin Merette Schulman noch mit den Schatten ihres letzten Einsatzes. Dann erreicht sie eine Nachricht, die ihre schlimmste Befürchtung bestätigt: Die Gefahr ist noch nicht vorbei … »Perfide und fesselnd, ein Genuss für alle Liebhaber besonderer Krimis.« Köllefornia Magazin Ein rasanter Skandinavien-Thriller mit Psychologin Merette Schulman und Sonderermittler Jan-Ole Andersen – für Fans von Unni Lindell und Karin Fossum. Alle Bände der Reihe: Band 1: Schwesterlein muss sterben Band 2: Töte ihn, dann darf sie leben Band 3: Nichts ist kälter als der Tod Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
eBook-Neuausgabe Januar 2026
Die Originalausgabe erschien erstmals bei Aufbau Taschenbuch, Berlin.
Copyright © der Originalausgabe 2017 Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Karol Kinal unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)
ISBN 978-3-69076-393-6
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Freda Wolff
Thriller | Ein Fall für die Psychologin 3
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Für Hilkje
ES GIBT KEINE UNLÖSBAREN FÄLLE – NUR POLIZISTEN, DIE NICHT LANGE GENUG NACHFORSCHEN.
Der Wind treibt den Schnee in Schlangenlinien über die stumpfgraue Eisfläche des Sees. Mit jeder neuen Sturmbö schieben sich die wirbelnden Flocken wie eine weiße Wand in den Scheinwerferkegel des Wagens. Nur die gelbschwarzen Schneestangen markieren noch die Grenze zum schmalen Uferstreifen. Wie querlaufende Wellen ziehen sich die ersten Verwehungen über die Straße und verursachen jedes Mal ein dumpfes Geräusch, wenn die Räder auf den nächsten Buckel treffen und ihn durchpflügen.
Es ist fast Mittag und doch immer noch so dunkel, dass er den Bootssteg erst ausmachen kann, als er schon fast an der Zufahrt ist. Vorsichtig bremst er ab und lenkt das schwere SUV direkt auf den zugefrorenen See hinaus. Ein paarmal noch kratzt steifgefrorenes Schilfgras über das Bodenblech, dann finden die Reifen mit einem sirrenden Pfeifton ihren Weg über die glatte Eisfläche.
Irritiert beugt sich der Staatssekretär zwischen den Sitzen nach vorne, ganz schwach kann er den Alkohol in seinem Atem riechen, als er fragt: »Was soll das werden?«
»Eine Abkürzung. Ich kenn mich hier aus. Mein Vater hatte eine Hütte hier. Die Leute aus dem Dorf haben den See im Winter schon immer als kürzeste Verbindung genutzt. Das spart uns mindestens eine Viertelstunde.«
»Ich kann nirgends erkennen, dass hier vor uns schon jemand langgefahren wäre.«
»Das Schneetreiben ist zu stark, auf dem Eis verweht der Wind alle Spuren innerhalb kürzester Zeit. Außerdem ist jetzt ohnehin kaum jemand unterwegs. Aber Sie sollten das hier mal am Sonntagvormittag sehen, wenn die Bauern quer über den See zur Kirche fahren! Das ist schlimmer als jeder Feierabendverkehr in Oslo.«
Er ist selbst überrascht, wie leicht es ihm fällt, einen lockeren Tonfall anzuschlagen. Dabei spürt er fast körperlich, wie sich der Staatssekretär auf dem Sitz in seinem Rücken versteift, als würde sein Fahrer sich gerade etwas herausnehmen, was ihm nicht zusteht. Kai Torstensen sitzt immer auf dem Platz hinter ihm, unbedingt darauf bedacht, dass sie auch im Rückspiegel keinen Augenkontakt haben. Und selbst nach den bald neun Monaten, die er ihn nun schon chauffiert, kann er die wenigen Momente, in denen sie auch nur ansatzweise so was wie ein Gespräch geführt haben, immer noch an den Fingern einer Hand abzählen.
Aber bei der nächsten Frage von Torstensen ist die Nervosität in seiner Stimme nicht zu überhören: »Sie wissen wirklich, was Sie tun? Auch bei diesem Wetter? Man sieht ja kaum die Hand vor Augen!«
»Ich sage doch, ich kenn mich hier aus. Und wir haben eines der sichersten Fahrzeuge, die jemals gebaut worden sind. Four Wheel Drive, Differentialsperre, Traktionskontrolle, alles genau für solche Witterungsverhältnisse. Außerdem arbeitet das Navi auf dem See genauso zuverlässig wie auf der Straße, da haben die Schweden ausnahmsweise mal ihre Hausaufgaben gemacht.«
Normalerweise hört der Staatssekretär es gerne, wenn man eine kleine Spitze gegen andere Nationalitäten loslässt, selbst wenn es sich dabei nur um das benachbarte Schweden und nicht irgendein unterentwickeltes Land außerhalb von Europa handelt. Aber jetzt wartet er vergebens auf einen entsprechenden Kommentar, stattdessen fordert Torstensen ihn unvermittelt auf zu halten.
»Ich muss pinkeln. Und zwar jetzt, sofort. Lassen Sie mich an dem Felsen da drüben raus.«
Er deutet auf die Felsnase, die wie ein massiger Klotz in die Eisfläche hineinragt. Kaum dass der Wagen zum Stehen gekommen ist, schlüpft er in den Parka, der für solche Situationen bereitliegt, und stapft in das Schneetreiben hinaus. Schon nach wenigen Schritten ist er nur noch eine undeutliche Silhouette, die gleich darauf mit dem Grau der Felswand verschmilzt.
Er ist nicht verärgert über die unvorhergesehene Verzögerung. Es ist egal, denkt er, während er sich in seinem Sitz zurücklehnt. Fünf Minuten mehr oder weniger spielen keine Rolle für seinen Plan. Er kann warten. So wie er schon immer gewartet hat, ohne sich dessen überhaupt bewusst gewesen zu sein. Auf den richtigen Zeitpunkt. Auf den einen Moment, der endlich alles verändert. Für immer. Unwiderruflich.
Aber es will ihm fast wie eine überraschende Fügung des Schicksals vorkommen, dass sie jetzt ausgerechnet hier noch einmal angehalten haben. Im Windschatten der Halbinsel, auf der er nach jedem Intervall der Wischerblätter die dunklen Umrisse der Hütte ausmachen kann. Die leeren Fensterhöhlen, die wie schwarze Löcher in der verwitterten Holzwand wirken. Der gemauerte Schornstein, der dicht über dem Dach wie ein verschwommener Fleck im alles verschluckenden Weiß zu schweben scheint.
Es ist lange her, seit er das letzte Mal hier war, um ein paar Tage zu bleiben. Kurz nachdem sein Vater gestorben war, hat er noch einmal notdürftig die schlimmsten Schäden am Dach repariert, auch da hatten die Jugendlichen aus dem Dorf bereits die Scheiben eingeschlagen und Teile der Einrichtung im Kamin verfeuert. Er hatte noch nicht mal mehr die Kraft aufgebracht, die kaputten Fenster mit Brettern zu vernageln, sondern nur die verblichenen Fotos von der Wand genommen und zusammen mit dem Kaffeegeschirr seiner Mutter in eine Kiste gepackt und im Kriechkeller unter der Küche versteckt.
Als wäre es wichtig gewesen, dass die Jugendlichen keine Chance hatten, sich über die Bilder lustig zu machen, die ihn mit kurzen Hosen zeigten, wie er bis zu den Knien im schlickigen Sand stand und mit einer viel zu großen Schaufel nach Krebsen grub. Oder Hand in Hand mit dem Vater, der die unvermeidliche Kippe in den Mundwinkel geschoben hatte und nicht die erste Bierflasche des Tages in die Kamera hielt. Mit dem Hund zu seinen Füßen, der jedes Mal den Kopf wegdrehte, wenn er fotografiert werden sollte. Mit seiner ersten Angelrute auf dem rundgeschliffenen Felsen hinter dem Klohäuschen. Mit von Marmelade verschmiertem Mund und einer tropfenden Eiswaffel in der Hand, während der gedeckte Kaffeetisch im Hintergrund eine Sommerhaus-Idylle versprach, die schon damals nur eine Illusion war.
Auf zwei oder drei Fotos war auch die Mutter zu sehen gewesen, im weit ausgeschnittenen Badeanzug auf dem Steg, mit Sonnenbrille in der geöffneten Tür ihres chromglänzenden Volvo Amazon, mit rot lackierten Fingernägeln und Zigarettenspitze neben der geblümten Kühltasche, die der Vater wenig später mit dem Beil zerschlagen hatte, weil das Bier nicht kalt genug gewesen war.
Und immer war die Mutter alleine auf den Fotos, niemals mit ihm oder dem Vater, noch nicht mal mit dem Hund. Selbst versteckt hinter ihrer Sonnenbrille schien sie weit weg zu sein, irgendwo, wo es keine Mücken gab, keinen Mann im tarngefleckten T-Shirt, keinen quengelnden kleinen Jungen, dessen größter Traum es war, einmal im Leben nur die krummgewachsene Kiefer hinaufzuklettern, in deren Spitze ein Raubvogel sich sein Nest gebaut hatte. Bis heute war er überzeugt davon, dass es ein Seeadler gewesen sein musste, auch wenn der Vater ihn ausgelacht und erklärt hatte, dass Adler niemals auf Bäumen brüten würden, deren Äste bis kaum übers Dach der Hütte reichten ...
Seine Gedanken kehren zurück in die Gegenwart, als er den Staatssekretär aus dem Schneetreiben auftauchen sieht. Bereits die wenigen Minuten im Freien haben gereicht, um seine Kapuze und die Schultern des Parkas mit einer dicken weißen Schicht zu bedecken, auch der sorgfältig gestutzte Kinnbart ist vom Schnee verkleistert, obwohl Torstensen sich schützend die Hand vors Gesicht hält, als der Wind ihn kurz vor dem Wagen erneut mit voller Wucht erwischt.
Für eine Sekunde ist er versucht, sich noch schnell eine Zigarette anzuzünden. Obwohl er schon lange nicht mehr raucht. Eine letzte Zigarette aus dem silbernen Etui, das im Handschuhfach neben dem Flachmann mit dem irischen Whiskey liegt. Nur um Torstensen zu provozieren. Um ihm den Rauch ins Gesicht zu blasen, ohne ein Wort zu sagen. Die Vorstellung gefällt ihm. Aber er wird es nicht tun. Nicht weil er feige ist, sondern weil es keine Bedeutung mehr hat.
Auch als der Staatssekretär jetzt die Tür aufreißt und sich in der Enge hinter dem Sitz laut fluchend aus dem Parka quält, empfindet er keinen Hass. Keinen Hass und kein Mitleid. Nur eine grenzenlose Genugtuung darüber, dass die als selbstverständlich angenommene Normalität gleich von einem Moment auf den nächsten nicht mehr existieren wird. Genau so, wie es den armen Schweinen gegangen ist, die nichts Böses geahnt haben, als sie Torstensen und ihm über den Weg gelaufen sind, denkt er noch.
Gerade als er den Ganghebel wieder in Fahrstellung geschoben hat, tippt ihm der Staatssekretär auf die Schulter.
»Ich möchte, dass wir zurück zur Straße fahren. Ohne Diskussion. Wenden Sie und fahren Sie zurück!«
Als hätte er die Aufforderung nicht gehört, streckt er nur die Hand zum Armaturenbrett aus und stellt das Gebläse auf die höchste Stufe. Fauchend strömt die heiße Luft aus den Düsen.
Während er bereits den Fuß von der Bremse nimmt, sagt er laut über die Schulter nach hinten: »Mein Vater hat gerne behauptet, die einzig vernünftige Heizung, die Volvo je gebaut hätte, wäre für den alten Amazon gewesen. Aber da kannte er diesen Wagen noch nicht.«
Er hört die Hupe erst, als ihn das Licht der Scheinwerfer im Außenspiegel blendet. Gleich darauf schiebt sich schon schlingernd ein alter Linienbus mit langer Kühlerhaube an ihnen vorbei, so dicht, dass er trotz des Schneetreibens deutlich die lachenden Gesichter hinter den Scheiben erkennen kann. Ein Oldtimer, denkt er, aus den Sechzigerjahren, mit einer großflächigen Aufschrift, die fast die ganze Seite einnimmt: TEATER PÅ TUR. Und mit den beiden stilisierten Masken daneben, dem lachenden Gesicht und dem weinenden ...
»Sie haben recht gehabt!«, dringt Torstensens Stimme wie aus weiter Ferne zu ihm. »Das gibt’s ja wohl nicht, sogar mit einem Bus fahren die hier lang!«
Er ist so irritiert, dass er wie erstarrt auf seinem Sitz hockt, die Hände ums Lenkrad gekrampft, bis die Heckleuchten des Busses im stiebenden Schnee, den die Hinterräder aufwühlen, verschwunden sind.
»Was ist los? Worauf warten Sie? Jetzt machen Sie schon, denen zeigen wir mal, was ein richtiges Auto ist!«
Als er das Gaspedal durchtritt, beschleunigt das SUV so stark, dass er gegen die Rückenlehne gepresst wird. Ohne zu rucken schaltet sich die Automatik durch die Gänge, bis der Motor bei mittlerer Drehzahl gleichmäßig vor sich hin brummt.
Seine Gedanken überschlagen sich. Eine Theatergruppe, die zu irgendeinem Gastspiel unterwegs ist. Vielleicht in Åseral, vielleicht noch weiter weg, irgendwo im Süden an der Küste.
Fast meint er, die Bilder vor sich zu sehen, die sich im Bus abgespielt haben müssen. Vielleicht ist es der Regisseur, der vorne neben dem Fahrer sitzt, vielleicht auch der Fahrer selber, der kurz vor dem Bootssteg plötzlich auf die Spuren im Schnee zeigt und ruft: He, da ist einer übers Eis! Das machen wir auch. Festhalten, Leute, die Rutschpartie beginnt!
Eine spontane Entscheidung, die die Theatergruppe mit Beifall und fröhlichem Gelächter quittiert. Eine willkommene Abwechslung nach den eintönigen Stunden, die sie in ihrem Bus schon hinter sich haben. Von wo auch immer sie gekommen sind ... Zeig mal, was die alte Karre noch so drauf hat!
Irgendwo hinten im Bus fängt einer an zu singen. Und irgendwann machen alle mit. Singen können sie, sie sind ja vom Theater. »We are the champions.« Nein, nicht Queen, eher Bowie: »We can be heroes, just for one day.« Und der Fahrer trommelt im Takt auf dem Lenkrad. Bringt den Bus mit Gas und Bremse gerade so weit ins Schleudern, dass er sich noch nicht im Kreis dreht, aber sie trotzdem auf ihren Sitzen von links nach rechts rutschen. Kreischen und Johlen. Wie Schulkinder auf einem Klassenausflug. Theaterleute eben, die immer eine Show aus allem machen müssen, als würde nur der Moment zählen. Als gäbe es kein Morgen.
Und dann sehen sie das SUV vor sich aus dem Schneetreiben auftauchen.
He, das ist bestimmt der Wagen, dessen Spuren wir gefolgt sind! Teurer Schlitten. Hup mal! Ja, genau, und jetzt so dicht dran vorbei, dass sie sich ordentlich erschrecken. Habt ihr sie gesehen? Zwei Typen in Anzügen, einer vorne, einer hinten. Wahrscheinlich so ein verdammter Großkotz, der mit Aktien spekuliert. Und ganz bestimmt keiner, der jemals zu uns in die Vorstellung kommen würde. Der geht nur in die Oper, wetten? Weil seine Frau ihm zu Weihnachten ein Jahresabo geschenkt hat! Aber warum stehen die da? Sollen wir anhalten? Quatsch, vergiss es, kann uns doch egal sein. Warte mal, was ist das da vorne, siehst du das? Fahr mal langsamer. Da, rechts, die Stange im Eis ...
Die Scheibenwischer laufen auf höchster Stufe. Trotzdem ist es bei dem Tempo kaum möglich, mehr als zehn Meter vorauszublicken. Fünfzehn Meter vielleicht, höchstens. Die Schneeflocken wirbeln im Kegel der Scheinwerfer, als würden sie einen Tunnel bilden, der sie jeden Moment verschlucken muss.
Die Tachonadel pendelt zitternd zwischen siebzig und achtzig. Zu schnell für die schlechte Sicht. Jetzt haben sie die Halbinsel mit der verfallenen Hütte passiert und nur noch die weite Fläche des Eises vor sich, wie marmoriert von den sich schlängelnden Fäden des Schnees.
Die Hand des Staatssekretärs krallt sich schmerzhaft in seine Schulter.
»Wo sind die hin? Die können doch nicht plötzlich verschwunden sein! Da, da war eben was! Ich sehe die Bremslichter! Direkt vor uns! Aber wieso ...?«
Er reißt das Lenkrad herum und rammt gleichzeitig den Fuß auf die Bremse. Die Warnleuchte am Armaturenbrett blinkt heftig, als die Räder für einen Moment die Haftung verlieren, bevor die Elektronik die Kontrolle zurückgewinnt. Ein Stück rutschen sie noch seitwärts, dann kommt der Wagen zum Stehen.
Er hat schon den Gurt gelöst und die Tür aufgerissen, als Torstensen noch stammelnd sein Gesicht an die Seitenscheibe presst.
»Das ... das ist nicht wahr! Die brechen gerade ein! Da ist ein Loch im Eis!«
Die Sohlen seiner Lederschuhe finden keinen Halt auf dem glatten Untergrund, fast wäre er gestürzt, kann sich aber im letzten Moment noch an der Tür festhalten.
Das Splittern des Eises kommt ihm ohrenbetäubend vor. Mit einem metallischen Quietschen schiebt sich der Bus über die Abbruchkante, das Getriebe kreischt, als der Fahrer noch verzweifelt versucht, den Rückwärtsgang einzulegen, während das Gewicht des schweren Motors die Kühlerhaube bereits unaufhaltsam in die Tiefe zieht. Grauschwarzes Wasser spritzt auf, Eisschollen werden wie Papier zur Seite gedrückt. Für ein paar Sekunden scheint der Bus plötzlich in der Schwebe zu verharren, wie eine Wippe, die sich nicht entscheiden kann, ob sie rauf- oder runterschnellen soll, dann rutscht er weiter, wie in Zeitlupe lösen sich die Hinterräder vom Eis ...
»So tun Sie doch was! Wir müssen die Leute da rausholen, sonst ...« Der Wind verweht die letzten Worte des Staatssekretärs, der jetzt neben ihm steht und ihn zitternd am Arm gepackt hält. »Das Abschleppseil! Holen Sie das verdammte Seil aus dem Wagen!«
»Es ist zu spät. Und der Bus ist zu schwer.«
»Aber irgendwas müssen wir doch tun!«
Hinter den Scheiben erkennt er undeutlich, wie die Theaterleute jetzt zum Heck stürzen, und tatsächlich stoppt das plötzliche Gegengewicht die Vorwärtsbewegung des Busses, fast berühren die Hinterräder schon wieder den Boden, als das Eis erneut splittert und die scharfkantigen Schollen sich knirschend am Blech emporschieben ...
Er schüttelt die Hand des Staatssekretärs ab und macht einen Schritt nach vorne, und noch einen, bis er sich nicht weiterwagt und in einer hilflosen Geste die Arme ausbreitet.
Jetzt schlagen sie von innen mit den Fäusten gegen die Scheiben, und sie schreien, aber er hört nichts, er kann nur ihre offenen Münder sehen, wie dunkle Flecken, und die vor Panik aufgerissenen Augen. Eine Frau presst ihr Gesicht so fest an das Glas, dass es zu einem bleichen Oval ohne jegliche Konturen verschwimmt, dann sackt der Bus endgültig in die schwarze Tiefe.
Durch den Druck wölbt sich noch einmal die Oberfläche des Wassers über dem versinkenden Dach. Der kurz darauf einsetzende Strudel wirbelt die losgerissenen Schollen durcheinander, konzentrische Kreise schwappen gegen die Eiskante, dann steigen Blasen auf, erst als weißlich schäumende Menge, schließlich nur noch vereinzelt, immer weniger und weniger.
Der Wind hat nachgelassen, von dem Schneetreiben sind nur vereinzelte Flocken geblieben, die jetzt lautlos vom Himmel schweben.
Die plötzliche Stille kommt ihm unwirklich vor. Er braucht einen Moment, bevor er begreift, dass Torstensen nicht mit ihm redet, sondern sein Handy in der Hand hält. »Hier ist ein Unglück passiert! Ein Bus ist im Eis eingebrochen. Wir konnten nichts tun, es ging viel zu schnell!«
Zwei Wildgänse fliegen mit weit vorgestreckten Hälsen laut schnatternd vorüber. Die Berge am gegenüberliegenden Ufer sehen aus wie eine schwarze Wand vor dem Grau des Himmels. Irgendwo in weiter Ferne meint er plötzlich, einen Hund bellen zu hören.
Es wird nicht lange dauern, bis der Wind und die Kälte des Wassers das Eis erneut schließen, denkt er. Und zurück bleibt nicht mal ein Loch – so wie er es sich gedacht hatte. Nur dass jetzt trotzdem alles ganz anders gekommen ist.
It’s gonna hit us, like a slap in the face
(Dance with a Stranger)
Es war so kalt in der Garage, dass das Schwitzwasser auf der Scheibe des Fensters zum Garten glitzernde Eisblumen bildete. Obwohl die Drähte des Heizlüfters auf der Arbeitsplatte glühten, schien sich die warme Luft im selben Moment, in dem sie aus dem Gehäuse strömte, bereits schon wieder verflüchtigt zu haben.
Jan-Ole Andersen trug einen grauen Marinepullover über dem Overall und schwere Clogstiefel, die mit Fell gefüttert waren, die schwarze Wollmütze hatte er bis weit in die Stirn gezogen. Die Neonröhre über ihm flackerte in unregelmäßigen Abständen. Aus dem vorsintflutlichen Röhrenradio dudelte billige Popmusik, unterbrochen von Werbespots, die sich in ihrer aufgeregten Blödheit kaum voneinander unterschieden, egal welche Produkte sie anpriesen. Ein neues Waschmittel, eine neue Eissorte, eine neue Kopfschmerztablette, die immerhin für ein paar Sekunden Jan-Oles Interesse zu wecken vermochte.
Als er die Stichsäge erneut ansetzte, konnte seine linke Hand vor Kälte kaum noch die Holzplatte halten. Kreischend fraß sich das Sägeblatt auf der Bleistiftlinie entlang, steckte aber schon nach wenigen Zentimetern wieder fest. Der kleine Elektromotor roch verbrannt, aus den Lüftungsschlitzen sprühten Funken. Das Zedernholz war zu frisch und so hart wie Beton, und das Sägeblatt war wahrscheinlich schon stumpf gewesen, als er es eingesetzt hatte. Aber es war das einzige, das er in der Werkzeugkiste hatte finden können, und es war Sonntag, der Baumarkt hatte geschlossen.
Fluchend zog Jan-Ole den Stecker aus der Dose und griff nach der Handsäge. Aber seine Hände gehorchten ihm nicht, plötzlich war das Verlängerungskabel im Weg, als er es unwillig zur Seite schieben wollte, riss die Säge ihm die Haut an seinem Finger auf, sofort fing das Blut an zu tropfen.
Vergeblich suchte er mit der anderen Hand in seinem Overall nach einem Taschentuch, dann nahm er einen halbwegs sauberen Lappen von der Arbeitsplatte. Bevor er ihn um den verletzten Finger wickelte, tränkte er ihn mit dem letzten Rest Whiskey aus der Flasche, die er in Reichweite auf dem Regal stehen hatte.
Jan-Ole war kein Heimwerker. Er war Sonderermittler einer Spezialeinheit der norwegischen Polizei zur Terrorbekämpfung. Er konnte mit den verschiedensten Waffen umgehen und war in der Lage, nur mit einem Messer und ganz auf sich allein gestellt mehrere Tage in der Wildnis zu überleben, aber er scheiterte daran, ein einfaches Vogelhaus zu bauen. Und ganz sicher war es nicht hilfreich, dass er bereits zum Frühstück seinen Kaffee wieder mit Whiskey verlängert hatte. Aber Whiskey schien das Einzige zu sein, was ihm zurzeit durch seine Nächte half. »Whatever gets you through the night, it’s alright, it’s alright ...«
Das Vogelhaus sollte eine Überraschung für Merette werden. Ein genaues Abbild ihres Hauses im Strangehagen in Bergen. Noch auf der Rückfahrt von seinem letzten Besuch in der Reha-Klinik hatte er sich im Kopf eine Zeichnung gemacht und den Maßstab festgelegt. Und am selben Abend die Bodenplatte ausgesägt und mit einer Halterung versehen, die er am Fensterbrett von Merettes Krankenzimmer anbringen konnte. Das war vor etwas mehr als einer Woche gewesen. Nachdem der behandelnde Arzt ihm versucht hatte zu erklären, was Merette schon wusste. Dass die Verletzung ihrer Wirbelsäule schwerwiegender war als zunächst angenommen. Dass sie zwar angeblich immer noch gute Chancen hatte, irgendwann auch wieder ohne Rollstuhl klarzukommen, aber dass es dauern würde. Und dass sie ganz sicher auch ihren Geburtstag noch in der Klinik bei Farsund verbringen musste.
Ihren fünfzigsten Geburtstag, für den er jetzt dieses Vogelhaus baute, bei dem nichts stimmte. Weder die Dimensionen noch die Ausschnitte für die Fenster oder die Türen, ganz zu schweigen von der ursprünglichen Idee, dass es möglichst so aussehen sollte wie ihr eigenes Haus. Aber was da mittlerweile vor ihm auf der Arbeitsplatte stand, wirkte eher wie ein halbverfallener Bootsschuppen, an dessen traurigem Anblick auch der noch fehlende farbige Anstrich – dunkelblau mit weiß abgesetzten Tür- und Fensterrahmen – kaum etwas ändern würde. Und genauso wie das Vogelhaus aussah, fühlte sich auch Jan-Ole. Hoffnungslos. Am Ende seiner Kraft. Und nicht fähig zu irgendeinem vernünftigen Plan. Er wusste ganz einfach nicht, was er tun sollte. Die Zwischentöne in den Aussagen des Arztes waren seiner Meinung nach deutlich genug gewesen. Es gab keine Gewähr, dass die neue Therapie anschlug. Es gab also auch keine Sicherheit, dass Merette jemals wieder laufen konnte.
Mehr als einmal schon hatte er sich bei der Vorstellung ertappt, dass Merette tot wäre. Natürlich war das vollkommen idiotisch, das wusste er. Sie würde im Rollstuhl sitzen, aber sie würde leben. Er würde sie vielleicht die Treppen hinauftragen müssen, sie ins Auto setzen, sie zur Ergotherapie bringen. Sie durch den Nordness-Park schieben, ihr bei irgendwelchen Feiern einen Drink von der Theke holen, sie waschen, ihr aufs Klo helfen, darauf achten, dass sie regelmäßig ihre Medikamente nahm. Und mit schlechtem Gewissen – und nur, weil sie ihn dazu drängte – würde er für ein paar Tage ins Fjell hinauffahren, um auf andere Gedanken zu kommen, aber schon am ersten Abend wieder zurückkehren.
Er tat sich selber leid – und er hasste sich dafür. Aber er bekam die alptraumhaften Bilder nicht aus dem Kopf, wie er an ihrem offenen Grab stand, wie er wortlos und zu keiner Reaktion fähig die Beileidsbekundungen über sich ergehen ließ, wie er sich schließlich auf der Trauerfeier so lange mit Alkohol vollkippte, bis er den Mut fand, um allen, mit denen er noch eine Rechnung offen hatte, endlich mal die Meinung zu sagen. Es waren nicht wenige. Und er war nicht zimperlich in seinem Zustand. Einmal war er mitten in der Nacht aufgewacht und hatte im Licht der Lampe seine Hände betrachtet, verwundert, dass die Fingerknöchel nicht wirklich blutig geschlagen waren ...
Als das Telefon im Haus klingelte, hatte er Mühe, ohne zu stolpern über die Türschwelle und die paar Stufen hoch in den Flur zu kommen. Prompt rutschte ihm das Telefon aus der Hand, kaum dass er es aus der Station genommen hatte, und fiel scheppernd auf den Dielenboden.
»Jan-Ole?«, hörte er Julias Stimme. »Papa? Bist du da? Was ist da los bei dir? Warum sagst du nichts?«
Schwer atmend stützte er sich an der Wand ab, als er sich nach unten beugte, wurde ihm schwindlig. Er schaffte es gerade noch, die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken, während er wie in Zeitlupe in die Knie ging. Und dann auf den Knien hocken blieb und das Telefon ans Ohr presste.
»Ich bin da. Alles okay.«
»Wirklich? Was war das eben? Das klang, als ob ...«
»Vergiss es. Wie geht es dir?«
»Ganz okay eigentlich. Ich wollte nur schnell fragen, ob du vielleicht irgendwas Neues weißt. Ich hab mich nicht getraut, Merette selber anzurufen.«
»Nichts Neues. Wir können nur hoffen.«
»Ich komme auf jeden Fall zu ihrem Geburtstag, das ist ja klar. Hast du irgendeine Idee, was ich ihr schenken könnte? Irgendwas, worüber sie sich echt freut ...«
»Ich hab selber auch noch nichts. Ich glaube aber, es ist nur wichtig, dass wir da sind.«
Für einen Moment hörte er nur das Rauschen und Knistern im Hörer. Vorsichtig wechselte er in eine bequemere Haltung und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. So war es besser, auch wenn seine Hand mit dem Telefon immer noch zitterte und er jedes Mal, wenn er die Augen schloss, bunte Lichtkreise sah.
Wie aus weiter Ferne drang jetzt wieder Julias Stimme an sein Ohr.
»Als ich das letzte Mal mit ihr telefoniert habe, hat sie behauptet, dass sie zu ihrem Geburtstag niemanden sehen will.«
»Ich weiß, das hat sie mir auch gesagt.«
»Aber wir fahren trotzdem hin, oder?«
»Natürlich.«
»Gut, das wollte ich nur wissen. Glaubst du, dass sie Angst hat? Ich meine, dass sie nie wieder ... Du weißt schon. Dass sie für immer im Rollstuhl sitzen muss.«
»Vielleicht. Wahrscheinlich sogar. Aber du weißt selber, wie sie ist. Sie redet nicht darüber.«
»Und du? Hast du auch Angst?«
Er schluckte heftig. Dann griff er mit zitternden Händen unter seinen Pullover und zog das Tabakpäckchen aus der Brusttasche des Overalls.
»Manchmal, ja«, sagte er leise, während er versuchte, das Telefon zwischen Hals und Schulter zu klemmen und sich eine Zigarette zu drehen.
»Ich auch«, kam ebenso leise Julias Antwort.
»Aber die Ärzte da sind gut. Solange Merette nicht aufgibt, wird das schon wieder.«
Er merkte selber, wie dürftig seine Sätze klangen. Aber es war wie sein persönliches Mantra, mit dem er sich Hoffnung zu machen und alle anderen Gedanken in den Hintergrund zu drängen versuchte, wenn der Alkohol ihn ausreichend betäubt hatte. Solange Merette nicht aufgibt, wird alles gut. Merette schafft das. Alles wird gut.
Verblüfft hörte er, wie Julia plötzlich auflachte.
»Mama gibt nicht auf. Nie! Ich glaube, darüber müssen wir uns echt keine Sorgen machen. Also, dann sehen wir uns bald! Ich habe schon einen Flug nach Oslo gebucht. Holst du mich ab und wir fahren zusammen zu ihr? Dann können wir auf der Fahrt noch ein bisschen reden.«
»Klar, machen wir so.«
»Gut. Ich schick dir eine SMS mit Uhrzeit und Flugnummer. Ich liebe dich. Ich liebe euch beide.«
»Wir lieben dich auch. Pass auf dich auf!«
Für einen Moment blieb er noch auf dem Boden sitzen und drehte die fertige Zigarette zwischen seinen Fingern hin und her, ohne sie anzuzünden. Er hoffte nur, dass Julia eben tatsächlich nichts von seiner jämmerlichen Verfassung bemerkt hatte. Und er musste einen Weg finden, um sich wieder in den Griff zu bekommen, bevor sie gemeinsam zu Merette fahren würden. Vor allem musste er aufhören zu trinken! Auch wenn er sich davor fürchtete und keine Idee hatte, ob er es schaffen würde. Er verstand sich selber nicht, aber vielleicht war ihm durch Merettes Prognose zum ersten Mal bewusst geworden, wie sehr er sie brauchte. Und wie selbstverständlich er immer davon ausgegangen war, dass es nichts geben würde, was ihr gemeinsames Leben wirklich verändern könnte.
»Why must things change«, murmelte er halblaut vor sich hin, während er sich mühsam aufrichtete und mit schweren Schritten zur Küche hinüberging, um endlich etwas anderes als Kaffee und Whiskey in den Magen zu bekommen. Aber er hatte noch kaum den Kühlschrank geöffnet, als er merkte, wie ihm plötzlich die Tränen über die Wangen liefen. Er kam nicht dagegen an, er stand einfach so mitten in der Küche und schluchzte. Und wünschte sich, dass Julia nicht weit weg für ein Auslandssemester in Berlin wäre. Dass Merette nie gestürzt wäre, sich nie verletzt hätte, nie im Rollstuhl darauf warten müsste, dass sich ihr Zustand endlich besserte. Dass er selber in der Lage wäre, so etwas wie Optimismus zu verbreiten. Oder wenigstens seinen ganz normalen Alltag zu meistern, so zu funktionieren, wie er es Merette und Julia schuldig war ...
Als das Telefon, das er neben der Spüle abgelegt hatte, erneut klingelte, musste er sich zusammenreißen, um seine Stimme unter Kontrolle zu bringen. Die Nummer auf dem Display sagte ihm nichts.
»Jan-Ole? Ich hoffe, ich störe nicht. Kristina ist hier, aus Kristiansand. Ich habe es schon unter deiner Dienstnummer versucht, aber da hat niemand abgenommen.«
Jan-Ole rieb sich mit der freien Hand über die Schläfe, als könnte er so den Kopfschmerz vertreiben, der sich langsam von seinem Nacken her ausbreitete. Kristina! Die junge Kriminalkommissarin, mit der er am Ende des letzten Sommers zusammengearbeitet hatte. Bei eben der Ermittlung, die schließlich zu Merettes Unfall führte.
»Jan-Ole? Bist du noch da?«
»Ich bin für ein paar Tage krankgeschrieben, deshalb erreichst du mich nur zu Hause. Was ist los? Warum rufst du an?«
»Sehr begeistert scheinst du ja nicht gerade, mich zu hören ...«
»Entschuldigung, Kristina, aber ...«
»Schon gut, ich mache es kurz. Wir haben hier einen Unfall gehabt, zwischen Evje und Åseral ist ein Bus über einen zugefrorenen See gefahren und eingebrochen. Ein Tourneetheater, vierzehn Leute. Wir konnten sie nur noch tot rausholen, sie sind alle ertrunken.«
Jan-Ole holte tief Luft, während er die Kühlschranktür schloss und sich einen Küchenstuhl heranzog.
»Aber warum ...«
»Warum ich dich deshalb anrufe?«
»Ja, ich meine, das ist schlimm, was du da erzählst, aber ...«
»Es gibt da zumindest eine Sache, die darauf hindeutet, dass es nicht einfach ein Unfall war, weil die Typen so bescheuert gewesen sind, den See als Abkürzung zu benutzen. Wir hatten hier einen ziemlichen Schneesturm, der die meisten Spuren unbrauchbar gemacht hat, aber es sieht verdammt so aus, als wäre das Eis präpariert worden.«
Unwillkürlich stieß Jan-Ole einen leisen Pfiff aus.
»Moment, du meinst ...«
»Da hat jemand so was wie eine Rinne gehackt, die nur mit einer dünnen Eisschicht überfroren war. Zu dünn, um das Gewicht eines Fahrzeugs zu tragen. Aber warte, es kommt noch was anderes hinzu, weshalb ich dich bitten möchte, dir das mal selber anzusehen. Eine von den Toten im Bus ist eine alte Bekannte von dir und mir! Und ich kann nicht ausschließen, dass es nicht vielleicht einen Zusammenhang zu unserem letzten Fall hier gibt.«
»Wer?«, stieß Jan-Ole hervor. Von einer Sekunde zur nächsten war er hellwach. »Von welcher Frau redest du?«
Irgendetwas war anders als sonst. Merette hatte das deutliche Gefühl, dass Ibu ihr etwas sagen wollte, sich aber nicht traute. Und sie fragte nicht nach. Es gab diese unausgesprochene Regel zwischen ihnen: keine Fragen. Wenn einer von ihnen über etwas reden wollte, musste er von sich aus dazu bereit sein.
Als der Pfleger ihr zum Abschied kurz die Hand auf die Schulter legte, wusste sie, dass sie sich nicht irrte. Er hatte etwas auf dem Herzen. Und früher oder später würde sie es auch erfahren ...
Ibu hatte Merette vorsorglich in mehrere Rentierfelle gewickelt, bevor er sie mit dem Rollstuhl zum äußersten Ende des Klinikgeländes geschoben hatte. Und dann weiter durch die Pforte bis in die flachen Dünen, die sich oberhalb des Uferstreifens zwischen den Felsen gebildet hatten. Es gab nur diese eine Stelle, an der man auch mit dem Rollstuhl bis fast ans Wasser kam, und der Sand war von der Kälte so hartgefroren, dass die gummibereiften Räder ohne einzusinken über den Untergrund rollten. Der Strand lag so tief, dass er von der Klinik her nicht einsehbar war – und das war auch einer der Gründe, warum Merette diesen Platz für sich gewählt hatte. Sie wollte alleine sein, ohne das Gefühl haben zu müssen, dass an irgendeinem Fenster jemand stand und sich fragte, was die einsame Gestalt dort unten machte, die stundenlang auf das graue Meer hinausstarrte und nur die kreischenden Möwen zur Gesellschaft hatte.
Sie hatte eine Verabredung mit Ibu getroffen. Kaum dass die morgendlichen Anwendungen und das Mittagessen vorüber waren, schob er sie mehr oder weniger heimlich durch den jetzt im Winter wie ausgestorben daliegenden Park der Klinik zum Strand hinunter und ließ sie dann in Ruhe. Erst wenn es anfing zu dämmern, kam er wieder, um sie zu holen. Er stellte keine Fragen. Er versuchte auch nicht, sie mit dem aufgesetzt optimistischen Gerede zu trösten, das die anderen Pfleger nur zu gut beherrschten. Er war einfach nur zu dem Zeitpunkt da, an dem sie ihn erwartete, und blickte noch ein paar Minuten gemeinsam mit ihr auf die gischtend anrollenden Wellen, bevor er den Rollstuhl wendete und sie zurück in ihr Zimmer brachte. Sie war ihm dankbar für die gelassene Selbstverständlichkeit, mit der er ihren Wunsch nach Einsamkeit akzeptierte.
