Nie wieder Beethoven! - Stefan T. Gruner - E-Book
Beschreibung

Der junge 'Held', Daniel, wächst im Deutschland der 1950er Jahre auf. Sein Vater: an der Ostfront vermisst. Aus dem sozialen Absturz gelingt es der Mutter, sich nach und nach wieder hochzuarbeiten. Der vermisste Vater aber sorgt bei Daniel für eine Grundstimmung von Verwirrung, Scham und Beklemmung. Der Roman verleugnet weder Nierentisch noch Tütenlampe, nicht den Italienurlaub und auch nicht den Petticoat der 1950er Jahre, verschweigt aber hinter der bonbonfarbenen Oberfläche erst recht nicht die Irrungen und Wirrungen der Zeit. Ort der Handlung ist Bonn, die Beethovenstadt, die provisorische Hauptstadt der neuen Republik und Zentrum des schwierigen Aufbaus nach der (vermeintlichen) 'Stunde Null'. Die 'Halbstarken' – meist ohne Vater und in der Familie mit Schweigegebot belegt – bewältigen ihre Situation auch mit der Begeisterung für US-amerikanische Film- und Musikhelden. Rebellion, Randale und Rock ’n’ Roll ist angesagt, auch bei der Partnersuche – bis zur letztendlichen Anpassung oder aber zum endgültigen Ausstieg. In Freundschaften und Liebesversuchen wiederholt sich das für jede Generation Erregendste mit der herzklopfenden Energie, die aus der Überzeugung entspringt, einmalig zu sein.

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Seitenzahl:281

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Stefan T. Gruner

Nie wieder Beethoven!

Stefan T. Gruner

Nie wieder

Beethoven!

Roman

Imitation, verschmäht als

die niederste Form des Schaffens,

ist die stärkste Form des Lernens.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Ich bin einer der Spätheimkehrer. Einer der letzten, die in Friedland eintreffen und als Opfer, als Helden begrüßt werden, obwohl wir genau das Gegenteil sind: Täter und Verlierer. Zwei Jahre Dienst an der Ostfront, danach zehn Jahre und sieben Monate in russischer Gefangenschaft haben mein Gesicht verwüstet. Meine Wangenknochen stechen hervor wie Zeltmasten. Meine Augen sind in die Höhlen gesunken. Mein Mund ist zertrümmert. Mein abgemagerter Körper ist in kratzende Stoffe von absurder Weite gewickelt. Die Schuhe lösen sich auf. Der Mantel scheint aus Teerpappe zu sein; sein Saum schlägt bei jedem Schritt an meine Waden. Ich gehöre nicht zu den Glücklichen, die eine Mütze auf dem Kopf haben. Meine Haare sind verfilzt, steif und durchgefroren. Ich hatte nicht die Kraft, mich zu rasieren. Auch nicht die Bereitschaft, mich von Helfern rasieren zu lassen, um einigermaßen menschenähnlich aus dem Zug zu steigen. Nein! Bloß keine Berührung! Keine Nähe! Als Arzt hatte ich mich der Heilung verpflichtet, nicht dem Zusammenflicken von Wahnsinnigen. Der Hohn ging noch tiefer. Ich war der jüngste Frauenarzt am Klinikum. Ein Forscher. Ein Wissensdurstiger. Frisch verliebt. Auf werdendes Leben eingeschworen. Unversehens zum organisierten Totschlag abkommandiert, seit es nur noch darum ging, das bestehende Material in die Endschlacht zu werfen. Die Heeresleitung konnte nicht mehr warten, bis Neugeborene kriegstauglich wurden. Nach Blitzsiegen und Vorstößen in alle Himmelsrichtungen aus allen Himmelsrichtungen Gegenschläge und Zusammenbrüche: Verwandlung eisenfressermutiger Truppenangehöriger in heulende Männer, unter Schlamm vergraben, eingekesselt, ausgehungert, verwundet, unterversorgt. Die Wehrtüchtigen einsatzfähig halten, möglichst viele Feinde mit in den Untergang reißen, mehr blieb nicht. Akuter Ärztemangel. Ich, Geburtsexperte, abgezogen, um im Leichenmatsch zu versinken. Unvorstellbare Szenen. Regelloses Abschlachten. Maschinengewehre in Sanitätsautos, Artillerie unter Rot-Kreuz-Zelten. Keine Rücksicht mehr, auf keiner Seite. Es geriet auch und gerade das unter Beschuss, was tatsächlich nur medizinisch war. Täuschung sorgte für Hemmungslosigkeit. Gemetzel egal unter welcher Tarnung. Ich war großbürgerlich aufgewachsen. Ein Schöngeist. Ich war auf diese Szenen nicht vorbereitet. Mir brachen die Sinne. Ich stieg aus meinem Körper und arbeitete wie an die Drähte in der Hand des Teufels gespannt. Ich arbeitete im Zentrum der Hölle, wo die Gesichter unter Eis am Weinen gehindert werden. Kalt, sinnlos, ohne Entkommen. Soldaten verstümmelten sich, Arztekollegen begingen Selbstmord. Ich nicht. Ich hatte kein Selbst mehr. Ich arbeitete im Rausch. Taub. Eine Maschine. Wenn überhaupt Hoffnung, dann hoffte ich auf den erlösenden Einschlag einer Kugel, die mich von mir befreite. Ich hatte nicht die Kraft, selber ein Ende zu machen. Ich gehörte mir nicht mehr. Die erlösende Kugel traf nicht ein. Ich geriet als einer der letzten Überlebenden unserer Einheit in russische Gefangenschaft. Ich beobachtete mich seit Monaten nur noch aus zehn Metern Höhe. Dorthin hatten mich Ekel und Verzweiflung geschleudert. Sie trieben ein empfindungsloses Bündel weg, das ich früher einmal bewohnte. Dawai! Ich fragte mich, warum sie uns nicht wie Ungeziefer erschlugen. Wir waren Ungeziefer. Menschenschinder. Kriegstreiber. Schlächter. Wandelnde Pest mit dem Vernichtungsdrang von Größenwahnsinnigen. Alles beansprucht, alles verloren. Besonders den Anspruch auf Rücksichtnahme. Selbst wenn sie uns nur am Leben ließen, um Zwangsarbeiter zu haben, konnten wir nicht gutmachen, was wir ihnen angetan hatten.

Zehn Jahre und sieben Monate Gefangenschaft, Arbeitslager: Brüllorgien, Vergeltungsgelüste. Und dennoch für mich nie ein Gefühl von Wiedergutmachung. Für unsere Vergehen konnte es keine Buße geben. Die Arbeit war hart. Wer versagte, starb. Durchgefüttert wurde keiner. Das Erste, was ging, waren Gedanken. Ich funktionierte im Leerlauf, von Suppe zu Suppe. Ich hatte mich nicht eingemischt. Das kam mir inzwischen schlimmer vor als jedes Vergehen. Stumme Zuschauer oder Wegseher, angeblich Unbeteiligte wie ich waren die größeren Verbrecher. Ich glaubte, mich aus dem gesellschaftlichen Getöse heraushalten zu können. Schöngeist. Kammermusiker. Forscher. In diesen Zeiten die eigentlichen Ungeheuer. Ich hatte über zehn Jahre Zeit, den Verbrecher in mir anzunehmen, zwischen Selbstverwünschung und Reue zu wählen, beides Brände, die jeden Morgen neue Flammen aus meinem vom Vortag eingeäscherten Körper trieben. Ich weiß nicht, wodurch ich diesen Bränden immer wieder Nahrung bieten konnte. Hunger mochte die Gedärme zersetzen, doch es waren die Schuldgefühle, die den Leib im Wachen, im Schlaf und in den Dämmerzuständen dazwischen auseinanderrissen.

Ende Juni kommen wir mit einem Sonderzug zurück. Diese Szene. Der große Bahnhof. Menschenmassen. Frauen mit Blumensträußen. Kameraleute. Erregtes Gerenne, Geschiebe. Hochgereckte Plakate. Namen. Fotos. Erlösungsschreie. Umarmungen. Fremdelnde Kinder, die an abenteuerlich verwahrloste Männer hingedrückt werden und zu den Hungergestalten Vater, Vati, Papa sagen sollen. Tränen. Verwirrung. Das lebenspralle Gehabe. Alles wie hinter Panzerglas. Ich gehe den Bahnsteig entlang. Mein Blick ist erloschen. Mein Mantel schlappt um die Waden. Dann ereilt auch mich der Überfall der so genannten Lieben. Eine Frau wirft sich mir an den Hals, wimmert meinen Namen. Zwei Kinder haben sich zusätzlich an mich geklammert, heulen aus Sympathie mit … Vati, Vati … Ich sehe über sie weg, unfähig, mich mit ihrer Wärme zu belasten. Ich gehe weiter. Die so genannten Meinen laufen ratlos hinter mir her. Das von den Bomben verschonte Haus ist außen renoviert, weiß gestrichen, die Wohnung neu eingerichtet. Vor der Eingangstür wartet ein Begrüßungskuchen, den ich zu Klump trete. Ich schlafe. Ich esse. Ich rede kein Wort. Ich beantworte keinen Blick. Ich dulde keine Berührung. Ich ziehe mir den langen, um die Waden schlappenden Mantel über und laufe durch die Straßen.

Aus meiner Sicht passt auf alles, was mir begegnet, nur ein Wort: lächerlich. Die Aufbauwut, die Wiederaufrichtungshoffnung. Die bunten Auslagen in den Schaufenstern. Die Lebensmitteltürme. Die Warenberge. Die ersten Luxusartikel. Der wiederentdeckte Unterhaltungstrieb: lächerlich.

Mein Soldatenblick, staatlich gezüchteter Mörderblick, schießt das alles nieder. Die jungen Männer, die sich aufgockeln. Die Mädchen, die sich zum Nahkampf schminken. Die Frauen, die ihre Schinken schwingen, ihre Köpfe in meine Richtung drehen. Bis zum Erbrechen fremd. Wollen sie nach dem gemeinsam verbockten Höllentanz wieder ihren Blumenkasten-Alltag anwerfen? Ich habe noch den Schlachtengeruch in der Nase. Ich unterscheide tausend Vernichtungsgeräusche der Kampfmaschinerie vom Boden und aus der Luft. Ich halte tausend mal tausend menschliche Todesartenschreie auseinander, die diese Vernichtungsgeräusche begleiten. Wollen sie das auslöschen, nur um in absehbarer Zeit den gleichen Wahnsinn zu wiederholen? Womöglich noch grausamer, noch gründlicher?

Ich begreife es nicht. Ich habe Asche im Mund. Ich bin ein Stimmungstöter. Ich spucke auf jede aufflammende Lust. Ich meide jede Beziehung. Mein Blick schwärzt den heitersten Tag, brennt jede Hoffnung nieder …

… ah, das jetzt! … dieser abgekämpfte, illusionslose Gang durch die Straßen! … diese kalte Unzugehörigkeit! … dieser gewehrschussklare Blick! …

… es beherrschte Daniels Tagträume seit den ersten Kinobesuchen. Nachdem sie aus der Eifel in die Stadt gezogen waren, hatte er die Kinos für sich entdeckt, nicht wegen der Filme, sondern wegen der Wochenschauen. Er saß auf dem Rasiersitz im abgedunkelten Kinosaal und sog die Bilder der »Fox tönenden Wochenschau« auf. Er bekam nicht genug davon. Er sprang mit der ganzen Wucht seiner Fantasie in die Leinwand hinein, versengte mit seinem Blick das Begrüßungsspalier, spuckte in die Linsen der Kameras, schmückte seinen eisigen Gang durch die verblendete Meute wieder und wieder aus. Der ganz große Bahnhof! Die bewegte Reporterstimme! Die Ankunft der Aschengesichter! Friedland … Und dabei war er nicht irgendeiner, er war der einzig echte Heimkehrer, nämlich Zu-spät-in-kein-Heim-Einkehrer, ja, Auskehrer statt Heimkehrer, Vernichtungsbote. Nicht James Dean, der hohlwangige Mann am Bahnsteig verschlug ihm den Atem. Nicht das langatmige Gequassel über Sternenhimmel, die kostbare Minute am Bahnsteig fesselte ihn. Der einfahrende Zug. Die verstörten Gesichter. Die Begrüßung. Der Rausch. Hunderte stehen am Bahnhof, Namenstafeln in der einen, Blumen in der anderen Hand. Kameras suchen Bewegendes. Tränengesichter wollen Berührung. Fragen flitzen von Gestalt zu Gestalt. Schreie platzen in die Luft. Menschen klammern sich aneinander. Filzmützen rutschen den erlöst in die Arme eines Verwandten Sinkenden vom Kopf. Lachen. Rührung. Der echte Heimkehrer achtet nicht auf sie, er verachtet sie.

Versöhnte? Verräter!

Die sich treu bleiben, stehen da mit weiß gebissenen Lippen …

Daniel stapfte schockgefroren aus dem Kino auf die Straße, in die Haut dessen genäht, der zu viel gesehen hatte, um sich noch über irgendwas zu freuen, an irgendwas zu glauben. Zurück auf der Straße saß er immer noch in dem Zug, der die Kriegsgefangenen nach Hause brachte. Seine Standardfantasie. Er dehnte diese Momente, die Augen aufgerissen, wiederholte sie, änderte sie, kam immer wieder auf sie zurück, wurde nie müde, sie auszuspinnen. Er verfeinerte Einzelheiten, vertiefte sie, baute sie aus, bekam einfach nie genug, wurde süchtig danach, vollendete in sich den Fanatiker der Verachtung.

Am wichtigsten war ihm der Blick des Mannes, der einfach zu viel gelitten, Unerträgliches gesehen hatte. Daniel streifte sich in Gedanken den Soldatenmantel über. Er duldete nur noch das unbedingt Geschmacklose. Bloß keine hübschen Blumensträuße, farbenfrohen Balkonkästen, gepflegten Vorgärten, ordentlichen Kleider, gut sitzenden Anzüge … Weg damit! Er misstraute jeder unbeschwerten Bewegung auf der Straße, verabscheute jede Gefälligkeit …

Nach kurzer Zeit steckte der Heimkehrer so fest in Daniels Kopf, dass ihm sogar an den sonnigsten Tagen alles im Eiterlicht schwamm.

Der Nabel Bonns war eindeutig auszumachen – es war der Obelisk auf dem Marktplatz. Er bezeichnete den Mittelpunkt, den Bauch, das Zentrum aller Wohlgefühle und grimmigen Koliken der Stadt. Vom Markt aus erreichte er gleich schnell über den Münsterplatz den Bahnhof und durch die Rathausgasse den Rhein. Am Rathaus, der vergoldeten Gürtelschnalle des Stadtbauchs, lief er rechts vorbei zur Universität – dem ehemaligen kurfürstlichen Schloss – in den Hofgarten.

Der »Lehrkörper« der Uni, ein Ausdruck, den seine Mutter liebte und Daniel verabscheute, weil es wie ein gewaltiger, den gewöhnlichen Menschen bedrohender Klumpen zusammengepappter Besserwisser klang, der »Lehrkörper« Bonns war als extrem altbacken und hoffnungslos rückwärtsgewandt verschrien: Was als kurfürstliches Schloss begonnen hatte, sollte nach seiner Umwandlung nicht zum Hort für rebellische Ideen werden. Und wird es auch nie, sagten die Feinde, nicht, solange der Rhein noch einen Tropfen Wasser führt …

Der Hofgarten diente zwar zum bevorzugten Aufmarschplatz für überregionale Protestler, vor allem aber gab er die passende Kulisse für die Paraden studentischer Burschenschaften, von Schützenvereinen und ähnlich verstörten Gestalten ab. Dagegen fanden die lokalen Schlägereien – die einzigen Aufläufe, die wirklich zählten – auf dem Marktplatz statt.

Beim Anblick der weiß blühenden Kastanienbäume an der Poppelsdorfer Allee, ursprünglich mit dem kurfürstlichen Schloss verbunden, bis die Bahngleise der kilometerlangen Anlage einen Strich durch die Pracht machten, beim Anblick der Bäume, Gräser, Blumen und Seerosen versuchte Daniel, Natureindrücke aus seinen ersten Jahren auf dem Bauernhof in der Eifel aufleben zu lassen. Er brachte nicht viel zusammen. Die Parole der Mutter, »Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich«, bewahrheitete sich; die schlimmsten Entbehrungen setzten nach dem Zusammenbruch ein. In Zeiten des Naturalienhandels war der Bauer König. Prompt wurden Stammbäume bis in zurückliegende Jahrhunderte strapaziert, um bei den lieben Verwandten im Ländlichen unterzukommen.

Offenbar sehr dünne – zu dünne – Blutsbande mussten auch bei ihnen herhalten, damit sie »zu Eier und Speck« in die Eifel flüchten konnten. Die Mutter, das hätte der Hof noch abgenickt, aber eine dreijährige Tochter und ein nichtmal ganz einjähriger Windelscheißer von Sohn, da wurden Bedenken laut. Noch Jahre später tobte und spuckte die Mutter bei der Erinnerung an die »Erniedrigungen« durch die »Schollensippe«.

Die satten Wiesen, in denen er angeblich nackt gelegen hatte, um gleich die volle Natur auf den Pelz gebrannt zu bekommen, die üblichen Hühner, Hunde, Schweine, Kühe, Körner, Salatköpfe und Heuberge mussten an ihm abgeglitten sein, umso deutlicher haftete das Gezeter der Erwachsenen, die sich vom Aufwachen bis zum Einschlafen anschrieen, rumschubsten, von den Stühlen stießen und mit erhobenen Gerätschaften bedrohten. Worum es ging und wer wem ernsthaft an den Kragen wollte, blieb undurchsichtig. Dies grundlose Lärmen aus dem Nichts, das ohne erkennbare Muster jederzeit losbrechen konnte, beeindruckte ihn. Es war näher und bedrückender als jedes Sommergewitter, furchteinflößender als jeder Hagelschauer. Die Bauernfamilie hielt nichts von der angerückten Verwandtschaft: die Frau von landwirtschaftlichem Tuten und Blasen keine Ahnung, die Kinder zu klein, um sich nützlich zu machen – Schmarotzer, sie alle, die besser heute als morgen dahin zurückkehrten, wo sie hergekommen waren, um den Staub ihrer Bücher zu fressen, statt ihnen die selbst geschlagene Butter vom selbst gebackenen Brot zu stehlen.

Daniel vermutete, dass ausgerechnet er, das um zwei erschrockene Augen herumgebaute, laufunfähige Menschenklümpchen, die entscheidende Beißsperre abgab, die die Landleute daran hinderte, mit ihnen, den »Durchzufütternden«, auf der Stelle kurzen Prozess zu machen.

Als die Schwester und er zumindest zum Kartoffelschälen und Zäuneflicken taugten, entspannte sich die Lage. Nur die Mutter blieb sperrig. Sie kultivierte ihre Unfähigkeit für alle Haus- und Hofarbeiten. »Noch zu dumm zum Hühner füttern« war das vernichtende Urteil. Sie hörte nichts lieber als das. Sie übertrieb auch ein bisschen, wenn sie abends statt am Küchentisch Karten zu spielen und Bier zu trinken, in der hintersten Zimmerecke – das Buch wie einen schützenden Fächer hoch vor ihr Gesicht haltend – Seneca las und begeistert zitierte: »Sei ständig darauf gefasst, dass ein Räuber, dass ein Feind dir das Schwert an die Gurgel setzt.«

Ihre Haltung lehrte Daniel nur eins: Auf dem Land war kein Leben.

Die erste Bonner Wohnung, die sie nach zehn Jahren Eifel bezogen, lag im Souterrain eines Neubaus in der Haydnstraße. Von der Altstadt her gesehen befand sich die Haydnstraße »hinter den Gleisen« – eine andere Sicht kam für den echten Bonner nicht in Frage. Zur Geschichte: Als Gnomen und Trolle die Gegend beherrschten, hob ein besonders gehässiger Riese seine Keule, zog dem gerade entstehenden Ort einen Mittelscheitel, tackerte Bahnschwellen nach und legte Schienen darüber, auf dass von nun an alle Züge durch die Innenstadt rauschten und Schranken im Minutentakt auf und nieder fuhren.

Zur Versöhnung erbarmte sich ein rivalisierender Titan und bog den Fluss besonders großzügig um den verschandelten Ort herum.

Aber jetzt die Einwohner! Einerseits bildeten sie nach und nach über die Schrankengrenze hinweg eine Leidensgemeinschaft, andererseits erklärten sie den Fluss, der Bonn von Beuel trennte, dauerhaft zur Lebensscheide: Wer rechtsrheinisch wohnte, zählte nicht zur Menschheit. Das Beueler Territorium betrat ein Bonner nur, weil ausgerechnet auf »de schäl sick« Pützchens Markt, der verkrachteste, dreckigste, herzaufreißendste Rummel der Welt, über die Bühne ging.

Im Souterrain kräuselten sich die Tapeten. Die Mauern schwitzten. Es schummerte trüb, roch faulig. Die Fenster glichen Schießscharten auf Bordsteinhöhe. Wäre die Wohnungsnot nicht so groß gewesen, hätte dieser Keller nie bezogen werden dürfen. Es spielte keine Rolle. Unterkunft war alles. Neubauten schossen aus jeder freien Lücke. Tapezierer und Möbeltransporteure begegneten sich im Treppenhaus, die einen abwärts, die anderen aufwärts, dazwischen die Mieter, Bettzeug unterm Arm, ungeduldig auf die Schlüsselübergabe wartend.

Immerhin betraten die Etagenmieter ihre Wohnungen noch durchs Treppenhaus. Zu ihrem Souterrain ging es dagegen vor dem Haus links eine betonierte Stiege hinab, derart steil gewunden, dass Daniel sie prompt von der ersten bis zur letzten Stufe runterpolterte und sich, unten angekommen, in einer Schlangengrube gelandet glaubte, wo aufgebrachte Nattern sich in sein Fleisch verbissen.

Auf dem Land war es laut gewesen – Tiergezeter, Maschinenlärm, Menschengebrüll – dafür gesund, im Souterrain herrschte Lungen reizende, Gelenke entzündende Grabesruhe.

Das Mietshaus gehörte einer Dame, deren Namen die Anwohner nur ängstlich aussprachen, obwohl er quietschkomisch klang: Maus. Frau Maus galt als neureiche Furie, die jede Unregelmäßigkeit ihrer Mieter augenblicklich abstrafte. Der geringste Zahlungsverzug – egal warum – und die Kündigung lag im Briefkasten. Zweifellos hatte sie ein Rad ab, zweifellos genoss sie aber auch den Schutz des Staates, der Eigentum von keinem angetastet wissen wollte, weil da sofort die Dämme zur roten Flut zu brechen drohten. So schwang Frau Maus bei ihren Wohnsklaven die Peitsche doppelt gnadenlos.

Um von der Haydnstraße aus die Altstadt zu erreichen, musste Daniel am Bahnhof vorbei durch eine Unterführung, die ihm das Gefühl gab, durch eine Darmschlinge zu wandern. Es stank und es war dunkel. Dafür entschädigte eine kleine Grünanlage vor der Straße, überwölbt von mächtigen Kronen alter Bäume, die Rasenfläche durch Kieswege zerstückelt. Wieso der Flecken »Baumschulwäldchen« hieß, musste das Geheimnis der Stadtväter bleiben. Immerhin ersetzte die rätselhafte Mischung aus Schule und Baum den Kindern des Viertels den Spielplatz, war Treffpunkt, Kletteranlage und Rennstrecke. Jeden Nachmittag saß Daniel mit Regine, Rolf, Martina, Lutz, Andrea, Doro und »Strunzer« Richard auf den rötlichen Steinstufen eines Ehrenmals, gewidmet »Den Söhnen der Stadt Bonn 1914 – 1918«. Ein steinerner Mann, stellvertretend für alle gefallenen Söhne, lag in einem faltenlosen Soldatenmantel unter einer von vier Adlern getragenen Platte. »Zur letzten Ruhe gebettet«, wie der schlaue Rolf meinte. Wenn die letzte Ruhe, dachte Daniel, mit einem derart kantigen Kinn erkauft werden muss, wollte er lieber für immer drauf verzichten.

Auf dem Sockel des Ehrenmals verhandelten sie so dringliche Dinge wie die Frage, ob die Macht der Frau Maus über den Papst hinausging oder warum Regines Mutter kein Maggi auf dem Frühstücksei duldete. Ihre Rücken berührten den ausgestreckten Soldaten, der sich – Helm auf dem Kopf, Hände an der Hosennaht – gegen ihr Geplapper nicht mal die Ohren zuhalten konnte.

Es ging nie um Antworten, nie um irgendwelche Ergebnisse, es ging ums Zusammenhocken.

Doro flüsterte Daniel zu, dass der steinerne Kerl noch weit Ungehörigeres ertragen musste, sobald es dämmerte und anständige Leute wie sie und er in den Wohnungen verschwanden. Daniel bestand auf Einzelheiten. Doro lieferte Ungefähres: Der Mann lag unter der Steinplatte ja immer trocken, nicht? Prima Versteck, oder? Aber auch, na ja, er wüsste schon, »Knutschkammer«, nur eben immer mit dem Reglosen dazwischen. Was wiederum zu Unfug reizte. Zu allerlei Schmierereien und Wäschestücken an den unmöglichsten Stellen des Wehrlosen. Er wüsste schon. Da müsste Daniel mal früh morgens vorbeigucken. Oder einfach Richie fragen, nein, halt, besser nicht »Strunzer« Richie ansprechen, den Berufslügner und Streithammel, der sei kein Umgang für ihn. Daniel wäre kein solcher. Das fände sie nebenbei auch gut und wollte es ihm längst mal gesagt haben!

Kaum gehört, brannte Daniel darauf, genau so ein Schuft wie Richie zu werden, aber nur heimlich, denn zuerst galt es, Doro zu gefallen. Sie war seine Vertraute, so klar und verständig, und irgendwie immer um ihn herum, mehr als die eigene Schwester.

Die Jungen verspotteten ihn, weil er sich an die Mädchen hielt. Dafür polierte er ihnen die Fresse. Dann ging er zu den Mädchen zurück. Die Mädchen waren weiter, gaben sich entspannter. Außerdem rochen sie interessanter. Sie sahen ihn aufmerksam an, und dann redeten sie über Dinge, mit denen er was anfangen konnte. Sein Wissensstand über die Schöpfungsgeschichte sah so aus, dass die Männer aus Schlamm geknetet wurden und entsprechend grob und stinkig daherkamen, während die Frauen Stück für Stück als Früchte vom Himmel zur Erde fielen, sobald Gott den Paradiesbaum schüttelte.

Doros Mund beschäftigte ihn. Was für ein Unterschied zu seinem herben Maul! Ihre Lippen waren seidig und voll, in der Mitte wie von einem aufschlagenden Wassertropfen geteilt und nach oben geschwungen. Kein Wort, das nicht noch extra zwischen Zähnen und Zunge poliert aus ihr herauskam, um ihn sprachlos zu machen. Das Wunder vollbrachte sie selbstvergessen, wie andere sich am Ohr kratzten. Er ertappte sich dabei, den Bewegungen ihrer Lippen nachzustaunen, ohne mitzubekommen, was sie sagte. Es lief auf eine flegelhafte Andächtigkeit hinaus, die er überspielte, indem er ständig nickte, sich dann aber doch von ihren Lippen losriss, um den Gesprächsfaden nicht zu verlieren, ihren Blick suchte, dabei nur eine Wonne mit der anderen tauschte, noch weiter wegtrieb, sich innerlich ohrfeigte und anschließend doppelt aufmerksam hinhörte, damit ihr nicht auffiel, wie er sich an ihr verging.

Kein Zweifel, ihr Gesicht kam aus einer besseren Welt. Sie bewegte ihn zu Geständnissen, die er – wieder allein – sich selbst nicht mehr eingestehen durfte, ohne vor Verlegenheit im Boden zu versinken.

Zum Beispiel das Geständnis, dass er sie eigentlich verabscheuen musste. Warum? Weil er angefangen hatte, in die Kinos am Markt zu gehen, durch die »Fox tönende Wochenschau« Bilder von Heimkehrern sah und sofort nicht einfach nur berührt, sondern völlig aufgewühlt war, in Flammen stand, die Bewegungen und Ausdrücke der Männer schon beim Verlassen des Kinos kopierte, zu Hause vor dem Spiegel weiterübte, ihr äußerliches Elend, ihre innerliche Zertrümmerung verfeinerte, endlos, zwanghaft. Und dann Doro damit überraschen, dass Teil der glaubhaften Übernahme darin bestand, jeden Anflug von Verständnis, Güte oder Zuneigung lächerlich zu finden.

Zärtlichkeiten? Betrug!

Lust? Verrat an den gebrochenen Gestalten, die aus Krieg und jahrelangem Lagerleben nach Hause wankten!

Je öfter er die Übertragungen sah, desto genauer nahm er auf, was er in der ersten Erregung von sich aus ergänzt und verzerrt hatte. Es schien sich eine Empfangsroutine zu entwickeln. Am Grenzbahnhof Herleshausen fuhren die Züge noch vergleichsweise unspektakulär ein. Die Begrüßung blieb schlicht, die Soldaten winkten nicht aus heruntergelassenen Zugabteilfenstern, wie er es sich immer wieder ausgemalt hatte, sie kamen oft in umgebauten Güterwagen, eine Eisenstange als Geländer an der Öffnung. Neben den wenigen Männern, die auf dem Bahnsteig auf die Heimkehrer warteten, standen Polizisten, die dafür sorgten, dass keiner behördlich undokumentiert abtauchte. Herleshausen also eine Schleuse, die jeder passieren musste, um erfasst, manchmal auch gefasst zu werden. Erst nach dem Bustransport zum Grenzdurchgangslager Friedland kam der große Bahnhof.

Von wegen raus aus dem Zug und rein ins Leben! Vielleicht eine vernachlässigbare Sache, aber ging nicht zwischen der Begrüßung am Zug und dem Empfang im Lager eine Verwandlung vor? Waren die Männer, die aus dem Zug stiegen, noch die gleichen, die aus den Bussen kletterten? Nein. Rituale, die sie selber nicht begriffen, hatten sie umgemodelt. Der Wiedereingliederungsplan sah vor, dass alle bitteren Regungen zwischen Herleshausen und Friedland auf der Strecke blieben – alle zersetzenden Impulse einer sonnigen Hoffnung wichen.

Zwei Klassen von Kopfbedeckungen stachen ins Auge: Käppis hier, Hüte da. Schwenkte die Kamera auf einen Heimkehrer, der von einem Hutträger in die Arme geschlossen wurden, tauchten neue Gegensätze auf: solide Lederhandschuhe gruben sich in wattierte Jacken, umgekehrt versanken kaputte Fäustlinge in weichen Tuchmänteln …

Unter dem Filzhut steckte der bekehrte Mensch, ein neuer Messdiener am Hochamt des freien Marktes, während die Feldmütze das Gespenst der Vergangenheit in seiner jämmerlichsten Form darstellte. Die sofortige Umerziehung der Geschundenen war staatsentscheidend! Aus dem Grund wurden die Männer, an denen noch die alten Lagerlumpen hingen, vor allem mit dem Wunsch begrüßt, sich möglichst rasch von den grässlichen Klamotten samt den darin verwobenen Erinnerungen zu verabschieden.

Einige hatten schnell begriffen, hatten sich schon zwischen Zug und Bus neu einkleiden lassen, Hemd und Krawatte angelegt, die Füße in Lederschuhe gesteckt. Als sie in Friedland aus dem Bus stiegen, kam der Rotkreuzkaffee, begannen weitere Jackenproben, Hosenprüfungen, war schon ein Stand mit Armbanduhren zur freien Wahl aufgebaut, damit sie sich wieder eintakten konnten. Armbanduhr, Wecker, Stechuhr – neues Tempo, neuer Takt. Und immer noch Pappschilder an Holzstangen: »Ich suche …« »Wer kennt …?« Und enttäuschte Gesichter. Weinende Frauen. Versteinert dastehende Männer. Und Kameraleute. Und Adenauer, der feinste aller Tuchmäntel: »Nun nochmals: herzlich willkommen im deutschen Vaterland!«

Und der Auftritt einer dritten Klasse von Bedeckung, die Hüte wie Feldmützen gleichermaßen von den Köpfen zog – die Kardinalskappe. Es folgte die »betont nüchterne« Ansprache des katholischen Kirchenmannes. Nach dem Segnen der Kanonen nun mit den Resten des Kanonenfutters konfrontiert, schien Nüchternheit angebracht.

Wie gezielt auch immer die Kameras dankbare Gesichter in der Menge der Heimkehrer suchten – »in erfüllter Freude die einen, in nie verlöschender Hoffnung die anderen« – neben dem Lamm stand die angeekelte Gestalt, die nicht glauben mochte, was hier vor sich ging, den Kopf bedeckt hielt und Daniels Fantasie aufwühlte.

Bei Wochenschauen mit Heimkehrerbildern ließ Daniel keine Vorstellungen aus, bis auf die abends – die müsste er sich noch einige Jahre verkneifen, fand der Jugendschutz, und er tröstete sich mit umso intensiveren Kopierübungen über die Zerknirschung hinweg. Da er sich mit dem Kartenabreißer des »Metro« – einem Stalingrad-Veteran – angefreundet hatte, gab’s die Filme für ihn kostenlos.

Daniel hatte so lange im Eingangsbereich des »Metro« herumgelungert, bis der Kartenabreißer begriff, welches vom bitteren Schicksal verfolgte Kind ihm da um die Füße strich, was ja auch, abgesehen davon, dass Daniel den vom bitteren Schicksal Verfolgten spielte, stimmte.

Sie kamen ins Reden. Der Mann, beim Kampf um Stalingrad Unteroffizier der Wehrmacht, konnte endlich noch einmal erzählen – und zwischen zwei Vorstellungen in einem Winkel der Garderobe zeigen – wie er sämtliche Zehen verlor. Stalingrad, das Schauerwort schlechthin! Wem um alles in der Welt verdankte er seine Rettung? Sich selbst. Sich selbst und gewissen »Eigenmächtigkeiten«, die er sich in Absprache mit seinen Männern geleistet hatte. »Befehl vom Hauptmann: ›Wer den Rückzug antritt, wird erschossen!‹ Zehn Minuten später war der Hauptmann erschossen und der Rückzug frei.«

Das Lächeln, das den Mann bei diesen Worten überkam, versuchte Daniel wochenlang vor dem Spiegel nachzumachen.

Die Kassenfrau des »Metro« hatte beobachtet, wer sich da an bestimmten Wochen täglich ohne Karte in den Kinosaal schlich und bis zur letzten Vorstellung nicht mehr rauskam, griff aber nicht ein, weil sie sich Hoffnungen auf den Kartenabreißer machte. Statt sich wegen Daniels Vergünstigung zu streiten, warf sie dem stattlichen Mann lieber verschwörerische Blicke zu, im Glauben, ein kleines gemeinsames Vergehen könnte sie beide verbinden, während der Veteran – im übrigen ein heftiger Trinker, was er mit der kalten Zugluft am Kinoeingang entschuldigte – die Kassiererin zu Daniels Verwunderung als blöde Kuh abtat. Noch mehr als dieses Urteil erstaunte Daniel, dass der Einlasser ihm, dem Knirps, derartig weltmännische Geständnisse machte.

Daniel hatte sich mit den Heimkehrerbildern infiziert, sofern sie Verachtung und Fremdheit wiedergaben. Er genoss das Fieber, das sie in ihm auslösten. Er kroch in die Köpfe der Erledigten, wie er sie verstand, begann, sich ihre Haltung, ihre ausgezehrten Blicke, ihre ungelenken Gesten zueigen zu machen. Seine Sucht bestand darin, unter ihre Haut zu kriechen. Die grausamen Bilder, die er sich dabei ausmalte, die hartherzigen Selbstgespräche, die er dabei führte, sogen ihm die letzte Kraft aus den Knochen, aber je matter und niedergeschlagener er wurde, desto besser fühlte er sich, desto näher drückte er den für die Welt Verlorenen an sich.

Wer hatte die Geschundenen aus den Klauen des Feindes befreit? Adenauer, der schlaue Fuchs von Rhöndorf. Er hatte den Sowjets die letzten Gefangenen abgehandelt. Unschlagbar, was das anging, der Alte. Ein Trickser, gerade deshalb idealer neuer Staatengründer.

Wer konnte, ergriff seine Hand und küsste sie.

Sommer 1957, die Republik feierte ihren achten Geburtstag, Daniel brachte seinen dreizehnten hinter sich, Sommer 1957 beschäftigte sich die »Fox tönende Wochenschau« nicht mehr mit solchen Trauergestalten, sondern mit Bubi Scholz bleibt ungeschlagen und Prinzessin Caroline wird geboren und Rocklänge und Hutbreite und Skisprungweite und Ledermoden auf dem Bauernhof und Bambi-Verleihung und Träume auf vier Rädern und O. W. Fischer aus Hollywood zurück und Albert Schweitzer wieder nach Afrika und Laika als erster Hund im All. Was hielt ihn gefangen? Warum benahm er sich, grade mal den kurzen Hosen entwachsen, wie ein verdrossener Veteran, der sich selbst überlebt hatte?

Eines Nachts fuhr er aus einem Heimkehrer-Traum hoch. Schweißnass. Herzrasen. Sein Kopf brach durch eine Tür. Er weinte Stunden und sah, was er sich nie eingestanden hatte: So hätte er heimkommen sollen. Der Vermisste. Der Vater. Das Ausfall-Wort. Ein immer weiter nach unten rückender Name auf der Rotkreuzliste.

Er kam die folgenden Tage nicht zu sich. Tagträumte. Halluzinierte. Spürte seine Füße nicht mehr auf dem Boden. Und schwor sich: Sobald es sein Körper zuließ, wollte er sich den Vater auch äußerlich überstreifen. Bartstoppeln. Ausgebeulte Jacken. Schlurfgang. Er musste versuchen, die Welt mit verbrannten Sinnen zu sehen. Er musste, um den Vater nicht zu verlieren, dem Wirtschaftswundergetriebe gedanklich ständig in die Suppe spucken.

Solange er mit Abscheu im Blick herumlief, blieb er dem Vermissten treu. Die finstere Haltung erschien umso wichtiger, als die letzten Gefangenen angeblich vor zwei Jahren aus den sowjetischen Lagern eingetroffen waren. Da der Vater nicht dabei war, konnte es sich nur um Propaganda handeln. Man wollte mit dem Thema nichts mehr zu tun haben. Schändlich, also wahr. Der Blick ging in die rosige Zukunft. Selbst die Kleider, die Möbel, die Autos, die Kaugummis … alles kam in Pastell. Heinz Erhardt die Spaßfolter, Ludwig Erhard der Wohlstandseinpeitscher waren die aktuellen Orientierungsfiguren. Dagegen galt es sich mit ganzer Trümmerseele zu stemmen.

Sein Vater saß noch in Sibirien fest, vertraute auf den Sohn, schlug sich durch, hatte sich bestimmt schon vor Jahren auf den Weg gemacht. Nur solange Daniel ihm die Treue hielt, überwand der Vater alle Hindernisse. »Nur im Wissen, dass jemand auf ihn wartet, findet der Gefangene die Kraft zum Weitermachen.« Das berichteten sie alle. Vergesst mich nicht, wartet, wartet auf mich! Daniel wartete. Fieberhaft. Der Auftrag gab ihm Halt.

Der Auftrag hinderte ihn daran, Doro gut zu finden.

Für ihn war schon jetzt, so früh, alles zu spät. Das hatte ihm der Vermisste hinterlassen: Daniel konnte strampeln, wie er wollte, es reichte nie zur Zufriedenheit für irgendwen – bei Birke, der Mutter, angefangen, bei dem auf unbeschwerte Jugend lauernden Staat noch lange nicht aufgehört. Er hatte keinen goldenen Löffel im Mund. Und wäre er mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden, er hätte ihn, auf den Vermissten wartend, ausspucken müssen.

Der Vermisste war allgegenwärtig. Dann meldeten sich die Hormone. Ein neuer Körpergeruch. Fremde Gewalten, die ihn ummodelten. Daniel beging Verrat am Vater: Er versuchte zu lachen. Ausgerechnet in einer Zeit, wo er sich auch körperlich dem Vermissten zu nähern begann, wollte er ihn loswerden. Wie alle um ihn her. All diese Verräter.

Daniel schielte nach den Mädchen. Die Fantasien mit Ute in der Badewanne oder Doro am Kriegerdenkmal drohten, das Heimkehrerbild zu verdrängen. Ihm gingen zärtliche Szenen durch den Kopf, blieben störrisch haften. Er zog den kopfgeschneiderten Soldatenmantel aus und stellte schon mal probeweise seinen Hemdkragen hoch: sein neuer Hahnenkamm.

Ohne dass ihn die Einsicht verließ, sich als missraten zu durchschauen. Ihm fehlte das Entscheidende. Er wusste nicht was, aber es fehlte, obwohl er die Umwelt mit seinem Witz überraschte.

Geistreich ist Dreck.

Er schämte sich, an den Lippen der Mädchen zu hängen, ihr Lachen zu mögen, auf ihre interessanten Wölbungen zu schielen. Ihre Nähe zu suchen. Da war dieser kratzende Soldatenstoff, aus dem heraus er abfällig auf alles spuckte, was sich bewegte. Und da war diese warme Haut, die zu Lust und Hingabe einlud.

Er schämte sich, den Mädchen gefallen zu wollen. Dinge zu tun, die bei ihnen ankamen. Zum Beispiel schlagfertig und leicht verrückt und in entscheidenden Momenten sehr empfindsam zu sein. Gut auszusehen. Die richtige Kluft zu tragen. Er schämte sich, auf diese Weise seinem gegen Schnee und Hunger kämpfenden Vater in den Rücken zu fallen.

Egal wo der Vermisste sich aufhielt, er beobachtete Daniel, musste sich über seine Schwächen entrüsten, seinen Drang zu den billigen Vergnügen verachten.

Die Scham wuchs mit.

Ihn plagten Gewissensbisse? Mit Gewissensbissen fängt jede Gemeinheit an. Gewissensbisse leiteten Vergessen ein. In dem Moment, wo er den Finger hob, um sich als Unschuldiger zu melden, als Nachgeborener, Ahnungsloser, tauchte er in die Sippe der Verräter ab, keinen Deut besser als die Leugner um ihn her, die ihre Büßerhemden an extra eingerichteten Gedenktagen aus den Fenstern hängten, um den Rest der Zeit ungestört den alten Sünden nachzugehen.

Es gab nur eine Scham, die alle Verwirrung abdeckte – die Scham, Deutscher zu sein. Deutscher. Das reichte. Angehöriger einer Horde, die in der Kriminalgeschichte Einmaliges geleistet hatte. Täter konnten bereuen. Kinder von Tätern konnten sich nur schämen. Die Alteren zeigten Reue, aber nicht, weil sie einen Krieg angezettelt, sondern weil sie ihn verloren hatten. Die damals eingeschlagene Richtung stimmte, daran hielten sie fest – an der Ausführung hatte es gehapert.

Doppelte Schmach für Daniel: nicht nur zu den Verlierern, sondern zu den Verbohrten, den Unbelehrbaren zu gehören, die noch einen zweiten Krieg brauchten, um zu begreifen, dass sie den ersten verloren hatten. Und danach ihre Besieger auch noch als Befreier zu feiern hatten. Mit den Fäusten in der Tasche zusehen mussten, wie ihre Kinder deren Musik übernahmen, deren Filme sahen, deren Kleider trugen, deren Knusperfrühstücke löffelten, deren Limos tranken, deren Kaugummis kauten … Was blieb ihnen? Sie hatten es ja nicht einmal fertig gebracht zu sterben. Was also? Ein verkniffenes Lächeln und überkreuzte Finger beim Schwur auf die neue Verfassung.

Das blieb. In ihrer Verwirrung gaben sie jeden Tag eine neue Losung aus: Sonntag Rückbesinnung auf Jesus, Goethe, Bach und die deutsche Kartoffel. Montag flächendeckende menschliche Neubesamung. Dienstag existenzieller Ekel. Mittwoch Amerika, wir kommen, für alle Fälle auch die Polka an der Wolga. Donnerstag Hochwuchten mietgünstiger Bauten statt Graben im Vergangenen. Freitag dann doch Gott endgültig tot. Samstag ein Volk, das nicht zu seiner Vergangenheit steht, ohne Zukunft. Was denn nun? Zoff im Parlament, Richtungszank im Zeitungswald.

Die »Davongekommenen«, um die man sich stritt, hatten von vornherein die Nase voll, verweigerten jede weitere Parteinahme und möblierten ihre Niederlage mit Schweigen.

Daniels Scham wuchs bis zu dem Gefühl, im Grunde nicht da sein zu dürfen: eine Fehlgeburt, weil er es gewagt hatte, seine Augen zur falschen Zeit aufzuschlagen, den Kopf zu heben und mitleben zu wollen.

Unbeeindruckt von Zweiflern wie Daniel, die man sich später vorknöpfen konnte, blähte Bonn sein kurfürstliches Herz weiter auf, überdehnte sich zur Nutzbau-Hauptstadt, wollte in die Liga von Hamburg, Köln, München hineinwachsen und setzte doch nur Geschwüre an. Uber den rheinischen Charme, mit dem der rheinwassergetaufte Kanzler die rheinseligen Alliierten in die Falle gelockt hatte, wucherte das von eisernen Krampfadern durchzogene Mörtelmonster.

Beamtensiedlungen, Parlamentsgebäude, Regierungshochhäuser, Verwaltungstürme stopften jede linksrheinische Lücke von der Altstadt bis Bad Godesberg zu. Die kurfürstliche Perle verhässlichte. Die Bewohner und ihre Bausünden wurden zum Gespött der Beobachter, Zwangsversetzten und Gastarbeiter: Treibhaus, hieß es, Nebelsuppenloch, katholisches Klüngelheim, Diplomatensumpf, Vorposten der neuen Spießerkultur, Popanzien, Deutschlands Affenfels, Hochburg der Kleinkrauter … Entweder die Bahnschranken sind geschlossen, hieß es, oder es regnet: sonntags beides …

Es stimmte, aber Städte sind innere Zustände. Je nach Erleben färben sie sich golden oder erscheinen grau und abstoßend. Wer sich in eine Person verliebt, verliebt sich in ihre Umgebung, der er sich nicht mehr ohne Herzklopfen nähert. Leidet er, beginnt er auch den Ort, in dem er leidet, zu hassen.

Bonn ein verschlafenes Nest? Nicht für den, der sich in diesem Nest geprügelt, gefürchtet und gefreut hat, der vor Abscheu erstarrt, vor Sehnsucht umgekommen ist.