Niemand kennt deinen Namen - Matthew Richardson - E-Book

Niemand kennt deinen Namen E-Book

Matthew Richardson

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Beschreibung

Ein Spionage-Thriller, der auf höchstem Niveau fesselt und unterhält. London, 2016. Niemand kennt deinen Namen - doch Solomon Vine, der beste Spion seiner Generation, gerät unter Verdacht, als ein Gefangener während eines Verhörs angeschossen wird. Entlassen und scheinbar Opfer eines abgekarteten Spiels, beginnt Vine auf eigene Faust zu ermitteln. Schnell wird klar: Es gibt ein Leck im Secret Service. Durch die Enthüllungen von Edward Snowden verfügen auch islamistische Terrororganisationen über sensible Informationen westlicher Geheimdienste - und wissen diese für sich zu nutzen. Doch jemand scheint Vine immer einen Schritt voraus zu sein... In diesem packenden Spionagethriller von Matthew Richardson führt die Jagd nach einem Verräter tief hinein in die Welt der Geheimdienste. Mit Tempo und Spannung bis zur letzten Seite ist Niemand kennt deinen Namen ein Must-Read für alle Fans von Thrillern und Spionageromanen.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Matthew Richardson

Niemand kennt deinen Namen

Thriller

 

 

Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer

 

Über dieses Buch

London, 2016. Solomon Vine war der beste Spion seiner Generation. Doch als ein Gefangener im Zuge eines Verhörs angeschossen wird, fällt der Verdacht auf ihn – er wird entlassen. Es scheint ein abgekartetes Spiel, wer wollte ihn aus dem Verkehr ziehen? Und warum? Schnell wird deutlich: Es gibt ein Leck im Secret Service. Durch die Enthüllungen von Edward Snowden verfügen auch islamistische Terrororganisationen über sensible Informationen westlicher Geheimdienste – und wissen das für sich zu nutzen. Vine beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln, aber jemand scheint ihm immer einen Schritt voraus …

Vita

Matthew Richardson hat Englische Literatur an der Durham University und am Merton College in Oxford studiert. Nach seinem Abschluss arbeitete er als Journalist, Redenschreiber und Wissenschaftler.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel «My Name is Nobody» bei Michael Joseph/Penguin Random House, London.

 

Deutsche Erstausgabe

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2019

Copyright © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«My Name is Nobody» Copyright © 2017 by Matthew Richardson

Redaktion Arno Hoven

Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Umschlagabbildungen Denis Cohadon/Trevillion Images; Zuzana Susterova/shutterstock.com

ISBN 978-3-644-40339-0

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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www.rowohlt.de

Für meine gesamte Familie

Prolog

Istanbul, August 2016

«Ich weiß ein Geheimnis», sagt er. «Ein Geheimnis, durch das sich alles ändert.»

Solomon Vine zieht den wackligen Kunststoffstuhl heraus und lässt sich gegenüber am Tisch nieder. Der Raum ist karg und leer, hat einen nackten Betonfußboden. An den Wänden haftet Staub.

«Das war nicht meine Frage», erwidert Vine, ohne den Mann dabei aus den Augen zu lassen. Seine Stimme klingt neutral, ist frei von jeglichen Gefühlen.

«Nein. Aber es ist meine Antwort.»

«Ihre Geheimnisse interessieren mich nicht. Ich will Namen wissen.»

Ein metallisches Kreischen unterbricht sie: Die Tür öffnet sich, und Gabriel Wilde kommt herein. Er bittet mit einem knappen Nicken um Entschuldigung, setzt sich auf den Stuhl zur Linken von Vine und schiebt ihm eine Aktenmappe über den Tisch zu. Vine beachtet sie zunächst nicht, so als würde er ihren Inhalt bereits in- und auswendig kennen. Die Mappe, die unbeschriftet und ohne jede offizielle Kennzeichnung ist, die anonym und unverbindlich wirkt, liegt einfach nur da.

Vine lässt einen Moment der Stille verstreichen, um dem Verdächtigen mit Nachdruck seine Lage zu verdeutlichen. Er ist hier ganz allein, niemand wird ihn retten. Sie befinden sich nicht auf offiziellem Botschaftsgelände, wo die Situation durch bestimmte Regeln und Vorschriften abgemildert würde. Keine Armada von Anwälten weit und breit, die ihm bei dem Verhör beistehen könnten. Er ist ihnen und ihrer Willkür vollkommen ausgeliefert.

«Sie verstehen nicht», sagt der Mann jetzt, mit etwas lauterer Stimme. Er beugt sich vor, sodass sein Oberkörper auf den Ellbogen ruht. Tippt beim Reden im Takt seiner Worte mit dem Zeigefinger auf den Tisch, trotz der Handschellen, die seine Bewegungsfreiheit einschränken. «Was ich weiß, ändert alles. Was auch immer Sie glauben, unternehmen zu können – Sie täuschen sich.»

Vine nimmt die Mappe vom Tisch und hält sie kurz in die Höhe. Dann schlägt er sie auf und überfliegt das erste Blatt.

«Mobiltelefonprotokollen zufolge hatten Sie kürzlich Kontakt mit fünf britischen Staatsbürgern, die nach Syrien gereist sind», stellt er fest. «Uns liegen Belege vor, dass Sie die Leute mit gefälschten Papieren und illegalen Waffen versorgt haben. Die Regierung Ihrer Majestät hält eine Isolierzelle parat – nur für Sie –, die Sie bei Ihrer Heimkehr erwartet. Allein das Material, das wir in dieser Mappe haben, reicht für eine lebenslange Haftstrafe aus … Schreiben Sie uns die Namen Ihrer Kontakte auf, und dann können wir reden.»

Der Mann sieht auf, seine Lippen kräuseln sich zu einem Lächeln. Es ist kein Reflex, sondern eine wohlüberlegte Bewegung der Gesichtsmuskeln, die ein Gefühl von Belustigung zum Ausdruck bringen soll.

«Es wird keinen Prozess geben, kein Urteil, keine Zelle», behauptet er.

«Niemand wird Sie retten, Dr. Yousef», entgegnet Vine. «Kein Mensch weiß, dass Sie hier sind. Sie sind wie vom Erdboden verschluckt. Wobei Sie noch von Glück sagen können, dass Sie uns in die Hände geraten sind und nicht den Amerikanern. Aber wenn Sie lieber an die überstellt werden wollen, lässt sich da sicher was machen …»

Er schüttelt den Kopf. Diesmal steigert sich sein Schmunzeln zu einem Lachen. «Ein Wort von mir, und die lassen mich gehen … Glauben Sie mir, die werden sich melden.»

«Wer wird sich melden?», schaltet sich Gabriel Wilde ein. Er steht auf und fängt an, in dem kastenförmigen Raum umherzugehen.

«Die Leute, auf die es ankommt», erwidert Ahmed Yousef. «Das machen sie immer. Wenn die mein Geheimnis wissen wollen, werden sie den Preis bezahlen. So sind die Geschäftsbedingungen. Nichts weiter.»

«Ein Geheimnis, durch das sich alles ändert?», fragt Wilde. Er bleibt hinter Yousefs Stuhl stehen und senkt seine Stimme zu einem Flüstern. «Hoffentlich ein verdammt gutes. Ein Spitzel kann nie vorsichtig genug sein …»

«Es ist das beste», sagt Yousef. «Die melden sich. Sie werden sehen.»

«Und was, wenn nicht?»

Yousef bleibt stumm. Er blickt zu der geschlossenen Tür. Wie aufs Stichwort hin blinkt die Rufleuchte auf, ein rotes Pulsieren, das ein Element von Unruhe in den kargen Raum bringt. Vine erhebt sich und verspürt einen ersten Anflug von Unbehagen, als er zur Tür hinübergeht.

Draußen im Flur ist es kühl. Vine hört ein Geräusch hinter sich, wendet sich um und sieht, dass Wilde ihm durch den langen grauen Korridor zum Kontrollraum folgt. Ein Wachsoldat von der Militärpolizei erwartet sie schon mit dem Telefon, sichtlich nervös.

«Wer ist dran?»

«Die Telefonzentrale im Hauptquartier», antwortet er und überreicht ihm den roten Hörer. Während Vine darauf wartet, weiterverbunden zu werden, wendet sich der Soldat Wilde zu.

«Ihre Frau hat auch angerufen, Sir. Sie braucht Sie bei sich am Stützpunkt. Es sei dringend, hat sie gesagt.»

Wilde lässt sich keinerlei Beunruhigung anmerken. Er sieht Vine an und fragt: «Bringst du das hier allein zu Ende? Ich komme zurück, so schnell ich kann …»

Vine nickt und achtet darauf, bei der Erwähnung von Rose keine Miene zu verziehen. Der Kontrollraum ist voller Bildschirme, ein glasiges Panorama von Betonböden und stickigen Abzweigungen. Und so kann er wenige Augenblicke später auf einem der Monitore zuschauen, wie Wilde sich durch den Flur in Richtung Parkplatz entfernt. Aus dem Knistern der Telefonleitung meldet sich eine Stimme.

«Bitte dranbleiben, ich verbinde Sie mit dem Chef …»

Einen Summton später dringt die Reibeisenstimme von Sir Alexander Cecil an Vines Ohr.

«Ist es tatsächlich wahr?», fragt Cecil.

«Entschuldigung?»

«Ist es tatsächlich wahr, Vine? Sie haben Ahmed Yousef in Ihrem Gewahrsam?»

«Ja», antwortet er. «Augenblicklich redet er nicht. Aber wir kommen voran. Das Material, das er dabeihatte, dürfte ausreichen, um ihn diesmal hinter Gitter zu bringen.»

Am anderen Ende bleibt es kurz still. Vine kann das Gewicht dieser Stille spüren, wie ein lautloses Räuspern. «Ich habe das nie gesagt, Vine. Ist das klar? Das haben Sie von mir nie gehört.»

«Entschuldigung?»

«Sie setzen Ahmed Yousef umgehend wieder auf freien Fuß. Ist mir egal, wo Sie ihn absetzen, aber sehen Sie zu, dass das innerhalb der nächsten halben Stunde passiert.»

Ich weiß ein Geheimnis … Ein Geheimnis, durch das sich alles ändert …

Ein paar Momente lang bringt Vine vor lauter Bestürzung kein Wort heraus. Er spürt, wie ihm der Schweiß auf die Stirn tritt, sein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. «Wiederholen Sie das bitte noch mal. Die Verbindung ist schlecht.»

«Sie haben mich sehr gut verstanden, Vine. Tun Sie einfach, was ich gesagt habe.»

Vine wartet kurz, bis er sich wieder halbwegs gefasst hat. «Was ist los?»

«Nichts ist los», entgegnet Cecil. «Lassen Sie ihn frei und fahren Sie mit dem fort, was Sie gerade gemacht haben. Stellen Sie keine Fragen. Nicht diesmal.»

«Sir, wir haben eindeutige Beweise, dass Ahmed Yousef in die Fälle von fünf britischen Staatsbürgern verwickelt ist, die kürzlich nach Syrien gereist sind. Er steht ganz oben auf den Fahndungslisten der CIA und des Nationalen Sicherheitsrats der Vereinigten Staaten. Wir haben hier mehr als genug Material, um ihn anzuklagen. Das ergibt doch keinen Sinn.»

«Ich wünsche keine Diskussion, Vine», erwidert Cecil in frostigem Tonfall. «Es geht hier um weit wichtigere Belange, als Sie sich vorstellen können. Führen Sie diesen Befehl aus, oder ich werde verdammt noch mal jemand anderen damit beauftragen.»

Damit bricht die Verbindung ab; statt Cecils Stimme ist nur noch ein monotones Brummen zu hören. Vine reicht den Hörer an den Wachsoldaten zurück. Er wirft einen Blick auf die Bildschirme.

Dann dreht er sich wieder zum Soldaten um. «Befindet sich sonst noch jemand im Gebäude?»

«Nein, Sir. Nur Sie, ich und der Gefangene.»

Vine hält kurz inne. Wenn sie einmal ausgesprochen sind, kann er seine Worte nicht mehr ungeschehen machen. «Gut. Ich möchte, dass Sie die Kameras eine Weile abschalten, bis ich wieder Entwarnung gebe. Falls jemand fragt, sagen Sie einfach, der Strom wäre ausgefallen.» Er sieht, wie der Mann besorgt das Gesicht verzieht. «Sollte es Rückfragen geben, dann verweisen Sie die Leute an mich.»

Er blickt ein letztes Mal auf die Bildschirme und sieht, wie Gabriel Wilde in seinem Wagen gerade die Zufahrt vom Parkplatz im Schritttempo verlässt – und damit allen Konsequenzen entgeht, mit tadellosem Timing. Als Nächstes verfolgt er, wie ein Monitor nach dem anderen erst ein undeutliches Bild zeigt und dann erlischt, während der Wachsoldat die Kameras abschaltet.

Anschließend geht er aus dem Gebäude hinaus. In der Hitze, die draußen im Freien herrscht, zündet er sich eine Zigarette an. Die Sonne scheint ihm grell ins Gesicht. Er meint bereits die Zange zu spüren, die sich um ihn herum schließt. Cecil hat in London gewiss dafür Vorsorge getragen, dass sein Anruf nicht aufgezeichnet worden ist. Falls etwas schiefläuft, kann Cecil also glaubhaft abstreiten, jemals die Freilassung Ahmed Yousefs angeordnet zu haben. Aber falls Vine sich dem Befehl widersetzt, wird er es mit der geballten Macht des fünften Stocks zu tun bekommen. Das Spiel verlangt einen Sündenbock, und in dieser Rolle befindet er sich nun.

Er raucht weiter, lässt die Minuten verstreichen und bemüht sich, Klarheit in die Dinge zu bekommen. Nach dem letzten Zug tritt er die Kippe am Boden aus und wendet sich zum Gebäude um. Unterwegs zum Eingang hallen ihm Cecils Worte durch den Kopf.

Es geht hier um weit wichtigere Belange, als Sie sich vorstellen können …

Nun treibt ihn die Neugier vorwärts. Das Geheimnis ragt vor ihm auf wie eine große Herausforderung. Auf dem Rückweg durch die trostlosen Flure ist er noch unschlüssig, was er jetzt tun soll. Urplötzlich sehnt er sich danach, von hier fortzukommen, weil er es leid ist, zwischen den Hütten und Anwesen zu patrouillieren, abgeschnitten von Sauerstoff und reizvoller Landschaft. Und weil er die ständigen Fragen und Entscheidungen leid ist.

Er betätigt den Summer, um wieder in den Sicherheitsbereich zu gelangen. Während er durch den schmalen letzten Flur auf den Vernehmungsraum zugeht, der ganz hinten am Ende und grellweiß beleuchtet ist, rätselt Vine erneut, was Yousef gegen London in der Hand haben mag. Was genau weiß er? Welchen schäbigen Deal mag er abgeschlossen haben, der ihm praktisch Immunität sichert, sodass er nicht einmal vernommen werden darf? Wie kann es sein, dass der oberste Chef des Geheimdienstes persönlich zum Hörer greift, um seine Freilassung zu verlangen?

Ich weiß ein Geheimnis … Ein Geheimnis, durch das sich alles ändert …

An der Tür hält Vine kurz inne. Er nimmt einen sauren, unguten Geschmack hinten in der Kehle wahr; vor Wut ist ihm buchstäblich die Galle hochgekommen.

Schließlich drückt er seine Karte gegen den Scanner und hört, wie sich klickend die Türverriegelung öffnet. Er versucht, letzte Zweifel beiseitezuwischen, als er in das grelle Licht tritt. Er weiß, was er tun wird – was er tun muss.

Dann bleibt er unvermittelt stehen. Dort, wo sich eigentlich Ahmed Yousef befinden sollte, sieht er einen leeren Stuhl, einen leeren Raum. Aber das ist noch nicht alles. Noch etwas anderes stimmt hier nicht. Vine blickt auf den Boden und sieht die ersten roten Flecken auf der grauen Fläche. Eher eine Lache, die nach einer eigenen Logik irgendwo herauszusickern und sich auszubreiten scheint. Langsam gleitet sein Blick über sie, bis er zu der Quelle gelangt, von der sie ausgeht: ein dunkler Schatten hinter dem Tisch.

Ahmed Yousef liegt mit dem Rücken auf dem Boden, und um ihn herum ist eine Blutlache. Es sieht ganz nach einer Schusswunde aus. Vine drückt sofort auf den Alarmknopf, ohne lange über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Ein klagendes Heulen erfüllt das Gebäude.

Bald schon hört er die Schritte des Militärpolizisten draußen im Flur. Die Tür öffnet sich mit einem schwerfälligen Klicken.

Vine ist klar, dass ihnen bestenfalls Minuten bleiben. In Anbetracht des Blutverlusts könnte es jetzt schon zu spät sein. Er tastet hektisch nach einem Puls. Doch er spürt bloß Fleisch, glitschig und roh.

«Rufen Sie ein Sanitätsteam, es ist dringend!», schreit er. «Er muss abtransportiert werden, und zwar sofort.» Als sich der Soldat wieder umwendet, fügt Vine noch hinzu: «Finden Sie heraus, wer hier drinnen war und wie zum Teufel das passieren konnte.»

Die Wartezeit scheint sich ewig in die Länge zu ziehen. Vine sucht den Verbandskasten heraus und unternimmt alles, um die Blutung zu stoppen. Aber das Blut quillt ihm nur so über die Finger und spritzt bis zu seinen Armen hoch. Seine Kleidung wird feucht und klebrig. Wieder versucht er, irgendein Anzeichen zu entdecken, dass Yousef noch bei Bewusstsein ist, fühlt jedoch nur das schwach verebbende Echo eines Pulses.

Minuten später taucht der Soldat wieder in der Tür auf. «Das Rettungsteam vom Stützpunkt ist unterwegs, Sir. Geschätzte Ankunftszeit: fünf Minuten.» Er kommt ein paar Schritte in den Raum herein und bleibt dann neben Vine stehen.

«Was ist?»

Vine wendet sich dem Soldaten zu. Ihm wird bewusst, wie er auf ihn wirken muss – wie ein Schlachter, oder wie ein Chirurg.

«Ich habe die Karte gefunden, die benutzt wurde, um sich Zutritt ins Gebäude zu verschaffen, Sir», sagt der Mann. «Vor zehn Minuten. Die einzige Identifizierungsmöglichkeit, die wir haben, da ja die Überwachungskameras ausgeschaltet waren.»

«Und?», fragt Vine ungeduldig. «Wer war hier drinnen? Wer hat das getan?»

Der Wachsoldat antwortet nicht sofort. Er wirkt nervös, als wollten ihm die Worte nicht recht über die Lippen.

«Sie waren es, Sir.»

Erster Teil

November 2016

1

Solomon Vine schob seinen Teller von sich weg und trank noch einen Schluck Kaffee. Er blickte zum Kellner und gab ihm Zeichen, dass er zu zahlen wünschte. Vielleicht sollte er jetzt kurzentschlossen die Biege machen. Innerhalb einer Stunde könnte er an einem Flughafen sein und sich absetzen, etwa nach Paris oder Berlin. Er könnte hierfür sogar den einen oder anderen Kniff aus dem Einmaleins des Spionagehandwerks anwenden, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass sein Verschwinden überhaupt bemerkt würde. Oft hatte er sich die verschiedenen Leben ausgemalt, die er führen könnte – als Lehrer, als Hilfsarbeiter, als Nomade. Egal wo, Hauptsache, er war weit weg von hier. Weit weg von England und seinem Establishment, von Westminster und Whitehall – und vor allem weit weg vom Geheimdienst.

Während er auf die Rechnung wartete, griff er in die Jackentasche und holte ein weiteres Mal die Postkarte heraus, die am Morgen auf seiner Fußmatte gelandet war. Er las noch einmal die einzelne Textzeile, die mit einem Kugelschreiber auf die Rückseite gekritzelt worden war:

11:00 Uhr, St James’s Park. C.N.

Cosmo Newton, Vorsitzender des Joint Intelligence Committee. Newton hätte ihm auch eine SMS schicken können, denn seine Mobilnummer hatte er. Offenbar aber wollte er nicht, dass seine Nachricht von einer Sicherheitsbehörde abgefangen wurde, von dem GCHQ hier in London oder, schlimmer noch, der amerikanischen NSA; daher die Karte. In den vergangenen Monaten hatte eine Reihe ehemaliger Regierungsangehöriger mit der Behauptung für Wirbel gesorgt, sie wären von den Geheimdiensten abgehört worden. Seither hatten die meisten Minister ihre Kommunikation per Telefon stark eingeschränkt und waren zu getuschelten Unterredungen im Members’ Dining Room zurückgekehrt, dem Restaurant des Parlaments.

Vine beglich die Rechnung und schnappte sich seinen Mantel. Während er langsam zum Park spazierte, versuchte er, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Der Wind war unangenehm kalt, sodass seine Wangen prickelten. Ein scharfer Geruch nach Abgasen lag in der Luft. Er fragte sich, was Newton ihm wohl mitteilen wollte. Seit seiner Suspendierung vom Dienst war er von jeglichem sinnhaften Kontakt abgeschnitten. Seine Tage verbrachte er hauptsächlich mit Warten; die seltenen Nachrichten, die ihn erreichten und allerlei mögliche Konsequenzen andeuteten, verhießen nichts Gutes. Vielleicht wollte man ihm ja einen letzten Rest von Würde zubilligen und schickte ihm deswegen Cosmo Newton, um ihm die schlimmste Hiobsbotschaft von allen zu überbringen. Vine empfand vor lauter Frustration einen geradezu körperlichen Schmerz, während er dahinschlenderte. Was ihm am meisten zusetzte, war die Unlogik des Ganzen. In den letzten drei Monaten hatte er jede nur denkbare Hypothese in Betracht gezogen, doch die Unmöglichkeit des Geschehens verfolgte ihn weiter wie ein Fluch. Ahmed Yousef war von einem Geist zum Schweigen gebracht worden. Die Befragung, der Cecil ihn bei seiner Rückkehr unterzogen hatte, war ihm bis heute Wort für Wort präsent. Jedes noch so kurze Zögern hatte zu seinem Untergang beigetragen.

Sie haben den Wachposten der Militärpolizei angewiesen, alle Überwachungskameras auszuschalten?

Richtig.

Nur Sie, Yousef und der Wachposten haben sich zur Zeit des Vorfalls im Gebäude oder in seiner näheren Umgebung aufgehalten?

Richtig.

Die Bewegungen des Wachpostens innerhalb der Räumlichkeiten konnten anhand von digitaler Forensik im Computersystem rekonstruiert werden?

Richtig.

Ihre Karte ist benutzt worden, um zum Zeitpunkt des Angriffs den Sicherheitsbereich zu betreten?

Richtig.

Es gibt keine Zeugen dafür, wo Sie sich am Tag des Vorfalls zwischen siebzehn Uhr zehn und siebzehn Uhr dreißig aufgehalten haben?

Richtig.

Warum haben Sie versucht, Ahmed Yousef umzubringen?

Über diese Frage dachte Vine jetzt erneut nach. Er hatte schon oft darüber nachgedacht, was er tun würde, wenn er mit Yousef allein wäre, unter vier Augen. Hatte die Frage aus allen denkbaren moralischen Blickwinkeln geprüft, aber nie eine Antwort gefunden. Bisweilen erwog er die Möglichkeit, dass ihn sein eigenes Gedächtnis täuschte. Nachts im Bett, in den halbbewussten Momenten zwischen Wachen und Schlafen, sah er vor seinem inneren Auge, wie er selbst durch den schmalen Flur zum Verhörraum ging. Konnte das jähe Erschrecken in Yousefs Gesicht sehen, als er mit der Pistole auf ihn zielte und dann feuerte. Konnte den dumpfen Aufprall seines Körpers hören, als er verwundet zu Boden ging.

Vine atmete tief durch und verscheuchte diese Gedanken. Kurz darauf kam er im St James’s Park an. Cosmo Newton war nicht zu übersehen; er saß auf einer Bank unweit vom Eingang, eingehüllt in einen dicken Mantel, der ihn vor der Kälte schützte, und mit einem Stockschirm zwischen den Beinen, auf den er beide Hände, angetan mit Autofahrerhandschuhen aus braunem Leder, gestützt hatte.

Vine ließ sich neben ihm auf der Bank nieder. Grußlos. Er zeigte nicht das geringste Anzeichen, dass er seinen Sitznachbarn kannte.

Nach einem Moment brach Newton sein Schweigen. «Wie geht es dir in deinem Exil?»

«Ich kann nicht klagen.»

«Du warst immer schon ein guter Lügner.»

«Ich gehe davon aus, dass das kein ganz privates Treffen ist?»

«Gut gefolgert.»

«Also?»

Der Anflug eines Lächelns spielte um Newtons Lippen. «Vertrau mir», sagte er, erhob sich und pochte einige Mal mit seinem Schirm auf die Erde. «Es geht um etwas, das dich interessieren dürfte.»

2

2000

«Also», fängt er an. «Warum wollen Sie Spion werden?»

Vine stutzt kurz. Blickt erneut die seltsame Gestalt mit dem buschigen Haar an, die in Tweedsakko und roter Cordhose vor ihm sitzt. «Spion? Das wäre mir neu, offen gesagt.»

«Wie meinen Sie das?»

«Professor Donaldson hat mir gesagt, das hier sei ein Bewerbungsgespräch fürs Finanzministerium.»

Herzliches Gelächter, mindestens fünf Sekunden lang. Cosmo Newton klemmt sich seine Pfeife zwischen die Zähne. «Einen drolligen Sinn für Humor hatte sie schon immer. Wäre Ihnen das Finanzministerium lieber?»

Vine versinkt etwas tiefer in seinem Sessel. «Schwer zu sagen. Ich kann nicht gerade behaupten, auf beiden Gebieten viel Erfahrung zu haben.»

«Nein, ganz recht.» Newton senkt den Blick auf das Blatt Papier, das vor ihm liegt. Vine, der von der gegenüberliegenden Tischseite darauf schaut, kann Professor Donaldsons stark geneigte Handschrift sowie die für sie typische rote Tinte erkennen. «Gut mit Zahlen, wie ich sehe.»

«Ich kann mich da halbwegs durchwursteln, ja.»

«Irgendwelche Fremdsprachen?»

«Ich beherrsche Englisch, gerade so.»

«Aber viel Auslandserfahrung haben Sie nicht?»

Vine lächelt. «Ich weiß nicht, wie gut Sie mit staatlichen Erziehungseinrichtungen vertraut sind, Mr. Newton. Die wenigsten von ihnen haben ein Budget für Ferienreisen ins Ausland. Geben Sie also bitte nicht mir, sondern der Regierung die Schuld daran, wenn mir in der Hinsicht einiges fehlt.»

Newton blickt auf, verzieht interessiert die Stirn über seinem fleischigen Gesicht. «Dann sind Sie also ein politischer Mensch, ja?»

Vine nimmt eine Packung Zigaretten aus der Jackentasche, holt eine heraus und kramt dann nach einem Feuerzeug. «Eher nicht. Ich bin Mathematiker, kein Politiker. Ich glaube nicht an Worte, sondern an handfeste Beweise.»

Nachdem er Vine ein paar Momente beim Suchen zugesehen hat, nimmt Newton ein Feuerzeug aus seiner Tasche und wirft es ihm über den Tisch zu. Vine fängt es auf und zündet seine Zigarette an. Nach dem ersten Zug lässt seine Anspannung merklich nach.

«Und wie, würden Sie sagen, hat sich meine Welt in den letzten paar Jahren verändert?», fragt Newton. «Wenn Ihnen diese Frage nicht zu hypothetisch ist …»

«Fall der Berliner Mauer, Auflösung der Sowjetunion, die EU, die ein Jahrhundert des Friedens verheißt, und ein Ende der schlimmsten Konflikte in Nordirland. Es dürfte für Sie jetzt ziemlich langweilig sein, könnte ich mir denken.» Er wirft das Feuerzeug über den Tisch zurück. Newton fängt es so geschickt mit einer seiner bärenartigen Pranken auf, dass Vine ihm seine stille Bewunderung nicht versagen kann.

«Sie sind also kein Anhänger der Theorie, dass jeder Krieg schon den nächsten Krieg in sich birgt?»

«Ich bin kein Anhänger von was auch immer.»

«Ausgezeichnet.» Newton schlägt die Beine übereinander. «Wir hängen augenblicklich etwas in der Luft und beobachten, wie sich die Welt um uns herum verändert. Der Kalte Krieg ist vorbei, doch irgendeine neue Bedrohung wird an seine Stelle treten. Dessen können wir gewiss sein. Auch neue Arten von Kriegsführung. Die alte Garde wie ich hat ausgedient. Wir brauchen nun Codeknacker, Leute mit einem Verständnis für Zahlen, auch für Technologie. Kennen Sie sich mit Computern aus?»

«Ja», bestätigt Vine. «Mit denen kenne ich mich ganz gut aus.»

«Und wie sieht’s mit Ihrer Loyalität aus?» Newton schnippt einen Krümel von seinem Hosenbein. «Ich kann sehen, dass Sie gescheit sind, sich auch nicht scheuen, offen Ihre Meinung zu sagen. Aber können Sie Ihrem Land auch loyal dienen? Sind Sie loyal genug, jeden Befehl auszuführen, ohne Wenn und Aber?»

Vine will spontan zu einer Antwort ansetzen, hält aber dann noch einmal inne. Das ist ein Trick – eine letzte Frage, um herauszufinden, ob jemand nachlässig denkt. «Ich würde den Werten meines Landes gegenüber loyal sein. Niemals aber Personen gegenüber, die diese Werte missachten. Loyalität unter dem Gesetz – ja. Loyalität ohne Wenn und Aber – nein.»

Newton lächelt, nickt anerkennend. «Nun, dann hätten wir ja die Präliminarien geklärt. Damit sind wir wieder da, wo wir angefangen haben, würde ich sagen. Warum wollen Sie Spion werden?»

3

«Moment mal! Damit ich das richtig verstehe: Sie sagen, dass Gabriel Wilde einfach so … verschwunden ist?»

Cosmo Newton seufzte. «Er hat das Büro in Istanbul am Donnerstag, den 3. November, gegen 19:15 Uhr verlassen. Jedenfalls den Aufzeichnungen der Sicherheitskameras zufolge. Am nächsten Morgen ist er nicht zur Arbeit erschienen; das war das erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmte. Der Büroalarm ist morgens um 8:00 Uhr rausgegangen, und der Botschafter wurde informiert. Aus Zeugenaussagen schließen wir, dass sich etwa zwischen 1:00 und 2:00 Uhr nachts ein Vorfall ereignet haben dürfte. Die Kriminaltechniker haben Spuren eines Kampfs entdeckt. Unmöglich, exakt festzustellen, wie viele Feinde beteiligt gewesen sein könnten. Nach ersten Ermittlungen nehmen wir jedoch an, dass es nicht mehr als drei Leute waren. In der Küche war überall Blut von Wilde. Aber die Greifer verstanden ihr Handwerk; weitere DNA-Spuren haben wir am Tatort nicht sicherstellen können. Es deutet alles auf eine professionelle Operation hin.»

«Irgendwelche Hinweise auf die Identität der Feinde?»

«Nein, sie waren gut. Zu gut.»

Vine hüstelte und blickte weiter starr geradeaus. Er fröstelte in der Kälte und zog sich den hochgeschlagenen Mantelkragen enger um den Hals. Angesichts dieser Neuigkeiten fühlte er sich seltsam betäubt, als würde er noch Stunden brauchen, um die volle Tragweite dessen, was er gerade gehört hatte, erfassen zu können. Vorläufig war Wildes Verschwinden vor allem eine willkommene Ablenkung, wie er sich schuldbewusst eingestehen musste.

Der Park um sie herum leerte sich langsam. Statt der Eltern mit Kinderwagen, die er bei seiner Ankunft noch überall gesehen hatte, waren auf den Wegen jetzt nur noch ein paar vereinzelte Jogger unterwegs, denen die Kälte nichts ausmachte.

Vine legte den Kopf zurück und blickte gen Himmel. «Wie ist es weitergegangen?»

«Der Botschafter hat sofort eine Suche angeordnet, wie zu erwarten war. Eine Mannschaft wurde losgeschickt, um die Gegend zu durchkämmen. Es wurde versuchsweise angeregt, bei den amerikanischen Cousins um Hilfe zu bitten und ihn per Drohne suchen zu lassen, aber die Beziehungen sind in letzter Zeit etwas eingetrübt.»

«Und wie haben die Oberen in Vauxhall Cross reagiert?»

«Tja, das ist der Haken an der Sache. Dort nämlich endet die Geschichte.»

«Wie meinen Sie das?»

Newton ließ seinen Regenschirm von einer Hand in die andere wandern und verlangsamte seinen Schritt etwas. «Cecil ist bestrebt, die Sache komplett zu vertuschen, sodass Whitehall kein Sterbenswörtchen darüber erfährt», antwortete er. «Wilde ist quasi augenblicklich als Büroleiter ersetzt worden, und der Betrieb läuft ganz normal weiter.»

«Und die Amerikaner?»

«Aus der Drohnenanfrage ist meines Wissens am Ende nichts geworden. Denen werden natürlich Gerüchte zu Ohren gekommen sein, aber Vauxhall Cross hüllt sich ansonsten in Schweigen. Cecils bester Plan besteht darin, weiter keinen Staub aufzuwirbeln und zu hoffen, dass der Brexit hilft, die Sache weiter unter den Teppich zu kehren.»

«Und Sie? Das Joint Intelligence Committee?»

«Wir stützen uns auch bloß auf Gerüchte. Cecil hat den Laden fest im Griff. Es lohnt sich für keinen seiner Untergebenen, etwas auszuplaudern. Alle haben zu große Angst vor ihm. Die Lektionen der Vergangenheit stehen ihnen warnend vor Augen. Woran ich dich wohl nicht zu erinnern brauche.»

«Nein … Und warum haben Sie mich nun zu diesem Treffen bestellt?»

«Ich bin von allen Informationen abgeschnitten», sagte Newton. «Aus Vauxhall Cross dringt nichts mehr nach außen. Cecil hat das JIC immer als irrelevant betrachtet. Und im Außenministerium finde ich kein Gehör. Whitehall ganz allgemein schaut bei Skandalen dieser Art geradezu reflexartig weg. Aber etwas ist hier faul. Und es ist mir ein Bedürfnis, herauszufinden, was genau.»

«Warum diese negativen Reaktionen?»

Newton verzog das Gesicht. «Wegen des neuen Gesetzes über öffentliche Rechenschaft, das die Dreißig-Jahre-Frist für öffentliche Akten auf alle Zweige der Regierung ausdehnt.»

Vine lachte. «Offenheit und Transparenz.»

«In der Tat. Wenn wir Kabinettsprotokolle lesen können, warum dann nicht auch Unterlagen über das, was MI5, MI6 und GCHQ so alles getrieben haben? Trotzdem ergibt das alles keinen Sinn. Das Gesetz über öffentliche Rechenschaft ist nun schon seit Jahren in Arbeit. Da muss es noch mehr geben, was Cecil verbergen will. Dass er Whitehall die Sache mit Wilde nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag verheimlichen kann, dürfte ihm klar sein. Früher war so was vielleicht mal möglich, aber heute nicht mehr. Er agiert hier auf eigene Faust, da bin ich mir sicher. Welches Spiel er auch spielen mag, er ist offenbar der Ansicht, dass es dieses Risiko wert ist.»

«Und er denkt, dass er gewinnen kann.»

Newton blieb stehen. «Um ehrlich zu sein – ich möchte, dass du etwas für mich tust. Etwas, wozu nur du in der Lage bist.»

«Und was genau?»

Newton seufzte und stieß dabei ein graues Atemwölkchen aus. «Schnuppere mal gründlich», antwortete er. «Atme die Aromen ein. Schwenke das Tröpfchen im Glas herum und schau, welchen Eindruck du gewinnst. Solange der Yousef-Fall nicht geklärt ist, wirst du ohnehin nicht wieder in den Dienst genommen. So bekämst du immerhin was zu tun.»

«Danke für die Anteilnahme.»

Newton wandte das Gesicht zur Seite und sah Vine direkt an. «Niemand kennt Wilde so gut wie du. Und ich kann sonst niemandem im Apparat trauen. Ein Büroleiter, der die größte Hoffnung des MI6 in seiner Generation ist – ein Mann, der prädestiniert scheint, eines Tages sogar im Chefsessel zu sitzen –, wird mitten in der Nacht aus seiner Wohnung entführt, und wir sollen alle so tun, als wäre nichts geschehen.»

Vine vergrub die Hände tiefer in den fellbesetzten Manteltaschen. «Also, wie lautet mein Auftrag?», fragte er.

«Ich möchte, dass du den Schlüsselfiguren mal auf den Zahn fühlst. In Erfahrung bringst, was in der Botschaft so los war, im Büro selbst. Nimm Wildes Lebenslauf unter die Lupe und schau, ob du ein paar Antworten für mich findest. Es wurde endlos gemunkelt, dass er an irgendetwas Besonderem arbeitete. Er war drauf und dran, zum Direktor für globale Operationen ernannt zu werden, und schien dann plötzlich alles hinschmeißen zu wollen. Wegen privater Probleme, so hieß es damals von allen Seiten. Aber vielleicht hatte er ja noch andere Gründe. Geh ganz bis zum Anfang zurück. Sprich mit Turnbull in Oxford. Auch mit seinem stellvertretenden Büroleiter in Istanbul solltest du dich mal unterhalten; er ist wieder in London. Hier ist ein Name, mit dem du anfangen kannst.» Er reichte Vine eine Visitenkarte.

Vine überflog den Namen auf der Karte: Olivia Cartier MP, Parlamentsabgeordnete für den Wahlkreis Kensington.

«Eine der letzten Personen, die Gabriel Wilde vor seinem Verschwinden gesehen haben», erklärte Newton. «Bei einem Abendessen in der Botschaft in Istanbul. Ich habe sie schon angerufen; sie erwartet dich.»

Vine steckte die Karte ein. Er zögerte kurz, der möglichen Antworten wegen, ehe er mit seiner nächsten Frage herausplatzte. «Der Bericht vom Tatort. Hat irgendjemand gesehen oder gehört, wie Wilde entführt wurde?»

«Dem Bericht zufolge haben zwei Zeugen in dem Wohnkomplex Bewegungen draußen vor dem Gebäude gehört, aber das war nicht weiter ungewöhnlich. Wilde wurde öfters zu später Stunde in die Botschaft bestellt. Er ist nach der Trennung mit Cecils Segen aus der Dienstwohnung ausgezogen, mit der Begründung, dass er so besser getarnt wäre. Kein Mensch hat irgendetwas gesehen oder Grund gehabt, Alarm zu schlagen.»

«Was ist mit Aufzeichnungen von Sicherheitskameras? Einem Notfallprotokoll von Wilde?»

Newton schluckte schwer, zögerte kurz, bevor er antwortete: «Die paar Kameras, die es da gab, waren seit Wochen defekt. Du weißt ja, wie es da draußen im Feldeinsatz ist. Die Spurensicherer vor Ort haben alle nur denkbaren Tests durchgeführt, aber sie haben weiter nichts sicherstellen können. Zum Aktivieren eines Notfallprotokolls dürfte Wilde nicht mehr gekommen sein. Diese Greifkommandos werden immer besser. Die werden ihn eine Weile beschattet haben, um seinen Tagesablauf auszukundschaften. Der Einsatz dürfte mit klinischer Präzision durchgeführt worden sein; als Erstes werden sie alle Handys und sonstigen elektronischen Geräte zerstört haben. Wird ein Kinderspiel für sie gewesen sein, da es ja kein offizielles Botschaftsgebäude war. In einer Minute dürfte alles vorbei gewesen sein.»

Vine nahm die Hände aus den Taschen und verschränkte die Arme vor der Brust. «Aber wir gehen davon aus, dass er noch am Leben war, als sie ihn fortgeschafft haben?»

«Ja, wenn auch wahrscheinlich bewusstlos. Man hat ihn mit Drogen betäubt und in den Kofferraum gesperrt, unserer Vermutung nach. Ausgehend von früheren Erfahrungen, besteht noch die Hoffnung, dass sie die Entführung als Druckmittel einsetzen werden, vermutlich für einen Gefangenenaustausch. Wenn nicht dafür, dann als Gelegenheit für eine Medieninszenierung. Die öffentliche Hinrichtung eines Büroleiters des britischen Auslandsgeheimdienstes. Das gibt ordentlich Schlagzeilen.»

«Hat seither irgendeine Kommunikation stattgefunden? Ein Lebenszeichen oder etwas in der Art?»

Newton schüttelte den Kopf. «Nicht, dass ich wüsste. Und mit jedem Tag, der vergeht …»

«… verschlimmert sich die Lage.»

«Ja. Wir wissen beide, dass niemand von so etwas zurückkehrt. Nicht wirklich.» Newton wandte sich ihm zu. «Ich bin offiziell kaltgestellt. Deshalb brauche ich deine Hilfe.»

Vine sah sich um. Das war die Angst, die in jedem Agenten des MI6 steckte, auch wenn er sie nach außen hin nie zeigte: das Wissen über die tödlichen Folgen, wenn man dem Feind in die Hände fiel. Trotz allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, wurde ihm übel bei der Vorstellung, dass Wilde nun irgendwo im Dunkeln eingesperrt war. Wie alle schillernden Möglichkeiten der Zukunft von Tag zu Tag dahinschwanden und stattdessen von der grauenhaften Gewissheit ersetzt wurden, was unausweichlich bevorstand. Im Rahmen ihrer Ausbildung in Fort Monckton hatten sie sich alle einem Geiseltraining unterziehen müssen, mit brutalen Verhörsimulationen durch ein Team von SAS-Soldaten. Man hatte ihnen Techniken beigebracht, wie man sich geistig und körperlich auf Folter einstellte. Übungen aber reichten an die Wirklichkeit nur selten heran.

«… und die weiteren Auswirkungen?» Vine trat nun unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Während er jetzt hier im Park stand, schien alles, was ihn und Wilde entzweit hatte, mit einem Mal ganz unerheblich. Stattdessen spürte er, wie der alte Funke der Freundschaft wieder in ihm aufflammte, begleitet von Gedanken an Wildes stets heiteres, sonniges Gemüt, das er einst so sehr geschätzt hatte. Er hatte nie eine Gelegenheit gehabt, die Dinge zwischen ihnen wieder auszubügeln, wurde ihm mit großer Betroffenheit klar. Und nun würde er wahrscheinlich nie mehr dazu kommen.

Newton wechselte in einen forschen, professionellen Tonfall, als er ausführte: «Die Folgen sind gar nicht auszudenken. Unsere wichtigsten Agenten im Nahen Osten könnten möglicherweise auffliegen. Unsere Arbeitsbeziehungen mit allen übrigen westlichen Geheimdiensten sind akut gefährdet.» Er senkte die Stimme. «Am Ende reden sie alle, egal, wie lang sie zu widerstehen versuchen – das gilt auch für Wilde. So leid’s mir tut, das Beste, was wir uns nun erhoffen können, ist, dass sie ihn möglichst schnell umgebracht haben.»

Bei Newtons sachlichem Tonfall lief es Vine kalt über den Rücken. Dieser Tonfall herrschte sicherlich auch in den Besprechungszimmern in Vauxhall Cross, wo Cecil und der restliche fünfte Stock Wilde im Stillen den Tod wünschten. Mehr waren sie letzten Endes nicht, überlegte Vine, er und seine Kollegen: bloße Kollateralschäden. Er hatte das alles so satt. «Und was, wenn ich das alles hinter mir gelassen habe? Wenn ich auf dieses Spiel keine Lust mehr habe?»

«Du hast gar keine andere Wahl», entgegnete Newton. «Bis zum Abschluss deiner Untersuchung hängst du in der Luft.» Er blickte Vine vielsagend an. «Und dir ist schon bekannt, dass sie wieder da ist, oder? Sie ist nach der Trennung wieder zum MI5 zurückgekehrt, ins Thames House.»

Vine war einen Moment lang nicht bei der Sache, abgelenkt von dem Lärm ringsherum. Er hasste es, wie klein diese Welt war, hasste die beengende Reue über verpasste Gelegenheiten. Doch der bessere Teil von ihm fühlte sich trotz allem unwillkürlich von dem Fall angezogen. Während er sich zwang, Newton wieder anzusehen, überlegte er, ob dies womöglich eine unvermutete Chance zur Wiedergutmachung war. «Wer ist zurück?», fragte er.

Newton lächelte. «Rose natürlich.»

4

Vine blickte erneut auf den Bildschirm: Er war an diesem Tag um einige tausend Mäuse reicher geworden. Beim Anblick der Kurven und Ziggern, die vor ihm dahinflimmerten, merkte er, wie seine Ängste spürbar nachließen. Es war eine Art Erleichterung. An den Märkten herrschte bloß die Reinheit der Zahlen, sonst nichts. Seit seiner Zeit in Cambridge war er süchtig danach, hatte schon damals lange Vormittage im Bett mit der Lektüre der Financial Times verbracht.

Seine Erfolgsbilanz sprach für sich. Schon vor dem Absturz der New Economy, ehe die Blase endgültig platzte, hatte er sehr geschickt agiert. Im Vorlauf der großen Finanzkrise hatte er sich dann in die Verhaltensökonomie vorgetastet, den Wahnsinn genau beobachtet und sein Geld entsprechend seinen Analysen umgeschichtet. Er hatte jeden nur denkbaren Kredit aufgenommen und alles gegen den maßlos aufgeblähten Bankensektor gewettet. Während der Immobilienmarkt abstürzte und der Rest der Welt enorme Kapitalverluste zu verzeichnen hatte, konnte er seine geräumige Wohnung in Pimlico gegen dieses Haus aus der Regency-Zeit am Wellington Square in Chelsea eintauschen – ein ansehnliches Upgrade.

Ein halbes Jahr später verfügte er über ausreichend Mittel, um die Bibliothek komplett neu herrichten zu lassen. Sie war sein Heiligtum: ein weitläufiger, rechteckiger Raum mit glänzendem Parkettboden und einer hohen Decke mit verspielter Stuckdekoration. Seinen Buchbestand hatte er in drei Kategorien unterteilt, die säuberlich voneinander getrennt waren: rechts Literatur und Sachbücher aller Art, links Werke über die Historie des Geheimdienstwesens, und dann noch die spezielle Sammlung an der Stirnwand des Raumes, die pausenlos ergänzt wurde – Werke über die Mathematik der Aufklärung, ein altes Steckenpferd von ihm, dem er sich nun wieder verstärkt widmete. Ansonsten war der Raum völlig kahl, eine Art Nirwana des Minimalismus.

Er schaltete den Bildschirm aus und wandte sich dem sicheren Laptop zu, den Cosmo Newton ihm nach ihrem Treffen per Kurier geschickt hatte. Er klappte das Gerät auf und loggte sich mit Hilfe von Newtons eigenen Passwörtern durch diverse Sicherungsschichten ins System ein, bis er schließlich am Ziel war: Auf dem Monitor wurde eine große, durchsuchbare Datenbank des JIC angezeigt, mit dem Logo des Cabinet Office in der oberen Bildhälfte.

Vine klickte sich durch, bis er das gesuchte Verzeichnis gefunden hatte, rief die Datei mit dem Bericht des Istanbuler Büros über Wildes Verschwinden auf und las den Text noch einmal in Ruhe durch. Die Prosa war trocken und dürr, die Fakten aber lagen klar auf der Hand. Auf den Bildern der Überwachungskameras war zu sehen, dass Wilde das Botschaftsgelände am Donnerstag, den 3. November, um 19:15 Uhr verlassen hatte. Der erste Alarm wurde am Morgen darauf, also am Freitag, den 4. November, um 8:00 Uhr vom stellvertretenden Büroleiter ausgelöst. Ein Team vom Büro suchte Wildes Wohnung um 9:00 Uhr auf, ehe um 10:00 Uhr auf Anordnung des Botschafters das komplette Suchprotokoll initiiert wurde. Spezialisten für Spurensicherung wurden per Hubschrauber eingeflogen und nahmen eine erste Untersuchung der Wohnung vor, ehe man Wilde offiziell als vermisst erklärte.

Vine las die Einzelheiten noch ein zweites Mal durch. Dann öffnete er den Anhang der Datei und sichtete die Fotos der Überwachungskameras. Im Geist fing er an, das Szenario versuchsweise zu rekonstruieren. Vor seinem inneren Auge konnte er sehen, wie Gabriel Wilde das Gebäude verließ und dabei wie immer mit großer Sorgfalt darauf achtete, ob irgendjemand ihn vielleicht beschattete und hinter ihm in den gleichen Schrittrhythmus verfiel. Die Botschaft empfahl ihren Bediensteten dringend, sich möglichst nur in ihren Fahrzeugen in der Stadt zu bewegen. Wilde aber wusste ebenso gut wie alle anderen, dass Autos viel zu leichte Ziele für Peilsender und elektronische Überwachungen aller Art waren. Er zog es immer vor, zu Fuß unterwegs zu sein, sich trotz aller Risiken einen Weg durch die belebten Straßen zu bahnen und so nach einem langen Tag in den stickigen Räumlichkeiten des Büros etwas frische Luft zu schnappen.

Wilde machte sich also zu Fuß auf den Weg nach Hause. Beim Gedanken an seine neuen Lebensumstände würde ihn vermutlich ein Gefühl von Wehmut erfassen: eine kleine Wohnung mit einem Einzelbett; Rose, die für immer nach Großbritannien zurückgekehrt war; der mühselige Versuch, sich selbst auf dem Herd etwas zu Abend zu kochen. Und wie immer begleitete ihn die Paranoia des ständigen Misstrauens – weil davon auszugehen war, dass Lauscher und Spitzel ihn auf Schritt und Tritt umgaben. Jede seiner Bewegungen wurde protokolliert, belauscht und auf verwertbare Informationen durchsiebt. Es war die neue Normalität des Lebens im Feldeinsatz.

Vine klappte den Laptop zu, stand auf und trat an die großen, rechteckigen Fenster, von denen aus man auf das gepflegte Rasenviereck unten auf dem Platz hinausschauen konnte. Das weitere Geschehen wollte er sich lieber nicht vorstellen. Er hatte schon so viele Fallberichte gelesen, dass sein Bedarf für den Rest seines Lebens gedeckt war. Hinter dem Begriff «klinische Präzision» verbarg sich eine brutale Realität. Anfangs war man in der Regel wie betäubt vor Schock. Wenn man erst das volle Ausmaß der Bedrohung erfasst hatte, war es in der Regel schon zu spät. Das viele Blut, das die Spurensicherung vorgefunden hatte, ließ darauf schließen, dass Wilde sich heftig gegen die Angreifer zur Wehr gesetzt hatte. Am Ende aber entschied immer die Überzahl. Gegen ein professionelles Greifkommando hatte man keine Chance.

Vine atmete tief durch, während die ungebetenen Bilder nur so auf ihn einstürmten. Er schloss die Augen und versuchte, sie abzuschütteln. Stattdessen schweiften seine Gedanken, wie so oft, in die Vergangenheit. Würde es ihm je gelingen, dieser Welt voller Rivalitäten und Eifersüchteleien ein für alle Mal zu entrinnen? Diese Frage stellte er sich mitunter. Die Besetzungsliste bei diesem Fall war ihm nach wie vor präsent: Wilde, Newton, Cecil, Rose. Eine vertraute Übelkeit stieg in ihm auf, dasselbe Gefühl, das ihm auch im Park zu schaffen gemacht hatte. Im Grunde seines Herzens wusste er, dass Newton recht hatte – er würde sich seinem Hilfsersuchen nicht verschließen. Tatsächlich sehnte er sich danach, noch einmal in Aktion zu treten, gierte nach einer Gelegenheit, ein letztes Mal durch die Flure von Vauxhall Cross zu schreiten, und zwar hocherhobenen Hauptes. Aber mehr noch: Ungeachtet der Folgen, die seine Verbindung zu Wilde letzten Endes hatte, war er in jenem früheren Leben für ihn mehr Bruder als Freund gewesen. Sie hatten zu viel zusammen erlebt. Die Vorstellung, dass Wilde zu Tode gefoltert wurde, barg für ihn keinen Trost; er würde keine Ruhe finden, bis er herausgefunden hatte, wie es dazu gekommen war.

Etwa eine Sekunde später wurde die Stille durch ein Geräusch unterbrochen. Vine wandte sich um, während er sich kurz fragte, ob er sich das bloß eingebildet hatte. Dann hallte das Geräusch ein weiteres Mal durch das stille Haus.

Es klingelte an der Tür.

5

Für die Angehörigen des Auslandsgeheimdienstes, besser bekannt als MI6, galten, was ihre Identität betraf, klare und eindeutige Regeln: Für die Welt im Ganzen waren sie unsichtbar.

Ehe man per STRAP 3 die Befugnis erhielt, Einblick in Unterlagen nehmen zu dürfen, die als streng geheime Verschlusssachen eingestuft waren, wurde man einer strengen, einjährigen Sicherheitsüberprüfung unterzogen. Nachdem man die Grundausbildung in Fort Monckton überstanden hatte, wurde man in zahlreiche Schichten von Anonymität überführt. Es gab zwei Wege der Identitätsverschleierung: den offiziellen Decknamen und eine Auswahl von Aliasnamen. Der offizielle Deckname wurde im Umfeld von Whitehall benutzt, mit einer Karte, die einen als getreuen Diener des Außenministeriums auswies. Ein Aliasname kam außerhalb der gepflegten Straßen des Regierungsviertels zum Einsatz. Nachnamen und Biographien wurden dezent verändert. Für die Requisiten – falsche Ausweispapiere, Visitenkarten, sogar Sozialversicherungsnummern – waren die Techniker im Keller von Vauxhall Cross zuständig. Wenn man eine Immobilie erwarb, eine Hypothek aufnahm oder ein Bankkonto eröffnete, wurden die Spuren hinter den Kulissen verwischt, während die persönliche Sicherheit permanente eigene Wachsamkeit erforderte. Wenn Vine nach Hause zum Wellington Square zurückkehrte, vergewisserte er sich jedes Mal reflexhaft, dass ihm niemand folgte. Ein Team von Vauxhall Cross hatte eine Sicherheitskamera über seiner Haustür und eine Alarmtaste im zweiten Stock installiert. Paranoia gehörte bei ihm zum Alltag, sie war ihm zur zweiten Natur geworden.

Nachdem Vine das Klingeln vernommen hatte, rief er sogleich das Bild der Sicherheitskamera auf, das direkt auf seinen Computer übertragen wurde. Auf der Treppe vor der Haustür stand ein Mann im roten Anorak der Royal Mail, mit einem braunen Päckchen, das er auf der rechten Hand balancierte. Vine zoomte näher heran, um den Mann genauer zu mustern: ein kantiges Kinn, schmale, smaragdgrüne Augen und braune, schon etwas ergraute Haare. Es war im Prinzip so gut wie ausgeschlossen, dass ein ausländischer Geheimdienst von seiner kürzlich erfolgten Suspendierung vom Dienst wissen konnte. Er ließ das Haus regelmäßig nach Abhörwanzen absuchen, und in den Computern in Vauxhall Cross waren Personalinformationen durch komplizierteste Verschlüsselungsmethoden gesichert. Falls aber doch ein ausländischer Dienst davon erfahren haben sollte, dann war klar, dass nun die beste Zeit wäre, um zuzuschlagen. Die Alarmtaste im zweiten Stock würde in der Sicherheitszentrale von Vauxhall Cross bloß ein Achselzucken auslösen. Es gäbe keine sofortige Suche, falls er gekidnappt wurde, keine Mannschaften würden losgeschickt, um die Straßen in London nach ihm abzusuchen. Man würde den Vermerk «suspendiert» in seiner Akte einfach stillschweigend in «ausgeschieden» umändern. Er wäre völlig auf sich allein gestellt, dazu verdammt, sich die Kehle wund zu schreien, ohne jede Hoffnung auf Hilfe.

Nach einem letzten Blick auf den Mann vor der Tür schaltete Vine die Videoübertragung aus. Sein Instinkt riet ihm, den Besucher zu ignorieren, wobei er aber kaum so tun konnte, als wäre das Haus unbewohnt. Im ersten Stock brannte Licht, das gelblich aus einem Spalt im Vorhang drang. Auch die Fenster glänzten zu sehr, und die Treppe vor der Haustür war sauber gekehrt. Er hatte eben beschlossen, einfach abzuwarten, bis der Mann aufgab, als es abermals an der Tür klingelte: ein noch hässlicheres Geräusch als beim letzten Mal. Es schrillte ausdauernd durchs Haus, ehe es wieder verstummte.

Vine gab sich einen Ruck und entschied, doch an die Tür zu gehen. Das Päckchen hatte seine Neugier geweckt, und schließlich bestand immer noch die Möglichkeit, dass es sich tatsächlich bloß um einen Postboten handelte. Irgendwie mochte er jedoch nicht ganz daran glauben; es widersprach jeder Logik. Dass er hier wohnte, war außerhalb der Kollegenschaft kaum einem Menschen bekannt. Spione wurden nicht direkt ermuntert, sich einen großen Freundes- und Bekanntenkreis zuzulegen. Wäre das Päckchen von Cosmo Newton, hätte er es ihm, wie schon den Laptop, von einem freiberuflichen Kurier des Cabinet Office vorbeibringen lassen, den er mit einer Nachricht auf dem Wegwerfhandy bestellt hätte. Es war gerade die Normalität des Vorgangs, die ihm Sorge bereitete.

Allerlei warnende Beispiele kamen ihm in den Sinn, als er durch den Flur im Erdgeschoss ging: Geschichten von Agenten, denen ein Moment der Unachtsamkeit zum Verhängnis geworden war. Er könnte immer noch auf die innere Stimme hören, die ihn zur Vorsicht mahnte. Seine Schritte auf der Treppe jedoch hatten ihn vermutlich bereits verraten, zumal für einen Agenten, der geschult war, auf solche Anzeichen zu achten.

Vine zog den Verschlussriegel zurück, setzte ein Lächeln auf und öffnete die Tür.

Der Mann nickte ihm schweigend zu und zückte ein elektronisches Handgerät. Vine wartete gespannt auf den Namen, der genannt würde, denn dann könnte er entscheiden, ob dieser banale, alltägliche Vorgang Dichtung oder Wahrheit war. Das so harmlos wirkende Päckchen konnte alle möglichen Übel enthalten: eine Abhörwanze, eine Bombe oder sogar ein biologisches Kampfmittel, das langsam das Haus durchseuchen und seine inneren Organe zerfressen würde. Sosehr er derlei Kenntnisse und Hypothesen auch im Stillen verwünschte, er hatte sie nun mal im Hinterkopf und konnte sie nicht ausblenden. Schon vor zu langer Zeit hatte er vom Baum der Erkenntnis gekostet.

«Mr. Joseph Woods?»

Vine bekam umgehend schweißfeuchte Hände. Sein Herz raste, seine Kehle war wie ausgedörrt. Äußerlich ließ er sich nichts anmerken, aber der Name hallte ihm durch den Kopf, als er dem Boten durch eine Unterschrift auf dem Display des Handgeräts den Empfang quittierte. Der Mann händigte ihm das Päckchen aus und lächelte ihm noch einmal schmallippig zu, ehe er sich zum Gehen wandte. Sekunden später war er auch schon verschwunden.

Vine blieb noch kurze Zeit in der offenen Tür stehen, wo er zunächst das Päckchen in der Hand wog und dann rasch seine Form begutachtete. Auf dem Klebeetikett stand der Name Joseph Woods mitsamt seiner Adresse, säuberlich in schwarzen Lettern ausgedruckt. An den Ecken war das Päckchen ein wenig ramponiert, als hätte es eine lange Reise hinter sich. Zum Schluss prüfte er es noch auf offensichtliche Warnzeichen – eine zu professionelle Versiegelung etwa, die auf eine Herstellung unter Laborbedingungen hingedeutet hätte –, entdeckte aber nichts dergleichen.

Er schloss die Tür und begab sich in die Küche, wo er das Päckchen auf den Tisch legte. Nachdem er es noch einmal von allen Seiten begutachtet hatte, machte er sich auf die Suche nach einer Schere. Dabei gingen ihm in einem fort jene drei Worte durch den Kopf: Mr. Joseph Woods. Es gab nur eine Handvoll Menschen auf der Welt, die ihn je unter diesem Namen gekannt hatten. Es war einer seiner ersten Einsätze überhaupt gewesen, nach den Angriffen auf das World Trade Center, bei dem er zusammen mit Kollegen von der CIA hochrangige Al-Qaida-Führer aufgespürt und gefangen genommen hatte. Die Einzelheiten dieses hochgeheimen Einsatzes, darunter auch die Aliasnamen, waren nur den wichtigsten Amtsinhabern des fünften Stocks bekannt gewesen.

Vine hielt das Päckchen mit der linken Hand fest, ehe er es mit der Schere in der Rechten vorsichtig in einer geraden Linie aufschnitt, von unten nach oben. Dabei kamen ihm die eindringlichen Warnungen der Verbindungsoffiziere aus dem Forschungslabor in Porton Down in den Sinn, die ihnen seinerzeit eingebläut hatten, wie viele Möglichkeiten es für feindliche Akteure gab, harmlos wirkende Alltagsobjekte mit biologischen Kampfstoffen zu präparieren.

Als Vine die Verpackung schließlich auseinanderschlug, kam ein in Leder gebundenes Buch zum Vorschein, etwas größer als normal und mit einer dünnen Staubschicht bedeckt. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass es wirklich nur Staub war, nahm er das Buch behutsam aus der Verpackung und hielt es hoch ans Licht. Ein Titel war nicht zu entdecken, weder auf der Vorderseite noch seitlich am Buchrücken. Der Einband aus glattem Leder aber, der sich anfühlte wie gepolstert, machte einen teuren Eindruck.

Er legte das Buch auf den Tisch, ehe er es bedachtsam aufschlug. Erst nach einigen leeren Seiten aus recht dickem, schon etwas vergilbtem Papier stieß er auf ein erstes Zeichen, ein kreisförmiges grafisches Symbol mit einem pfeilartigen Schweif. In der Kreismitte war ein aufgeschlagener Codex zu sehen, umgeben von drei Kronen: zwei darüber, eine darunter. Vine warf einen genaueren Blick auf den Text, der rund um den Kreisrahmen stand: UNIVERSITY OF OXFORD. Unter dem Symbol stand in Kursivschrift: Oldsworth Prize 1999.

Er blätterte abermals um und erblickte eine Titelseite: DIE ODYSSEE. Als Nächstes fiel Vines Blick auf einen Namen, der ihn einigermaßen überraschte: Der Ehrenwerte G. Wilde. Darunter befand sich, mit blauer Tinte zu Papier gebracht, ein handschriftlicher Eintrag.

Vine atmete tief durch, ehe er die Worte las, und sie waren so unbegreiflich für ihn, dass seine Gedanken förmlich zu sprudeln begannen:

Lieber Solomon,

 

für den Fall, dass wir uns nicht wiedersehen, möchte ich dir dies gern übereignen. Alle Weisheit liegt in diesem Buch. Kümmere dich für mich um Rose.

 

Dein Gabriel

6

Vine starrte den Eintrag einige Minuten lang an, während er die ganze Bandbreite von Implikationen zu ergründen versuchte, die damit einhergehen könnten. Dann trat er vom Tisch zurück und atmete einige Male tief durch, um sich etwas zu beruhigen.

Die Liste der Menschen, die ihn unter dem Namen Joseph Woods kannten, war denkbar kurz: der Chef sowie der Direktor für globale Operationen beim MI6, der Direktor des National Clandestine Service bei der CIA und sein Partner bei jenen Einsätzen, ein Mitabsolvent von Fort Monckton, der Ehrenwerte G. Wilde.

Das Misstrauen war ihm derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass er kurz überlegte, ob es sich um einen schlechten Scherz von einem der anderen Mitwisser handelte. Derlei Psychospielchen waren im Kalten Krieg vor allem eine Domäne des KGB gewesen – extravagante Machtdemonstrationen, durch die man gegnerische Agenten erschreckte und halb in den Wahnsinn trieb. Das Buch vor ihm auf dem Tisch hatte etwas zutiefst Persönliches. Es handelte sich um Gabriel Wildes eigene Übersetzung von Homers Odyssee, die Arbeit, die ihm in seinem vorletzten Studienjahr in Oxford den prestigeträchtigen Oldsworth Prize eingetragen hatte. Die Belohnung bestand in dem Band, der jetzt vor ihm lag: Wildes Übersetzung war in zwei Sonderausgaben gedruckt worden, die man in der ehrwürdigen Bodleian aufbewahrte, der Bibliothek der Uni Oxford. Vine hatte oft gehört, wie Wilde sich damit brüstete. Für Eingeweihte war dies eine Art akademischer Ritterschlag, weitaus exklusiver als ein bloßes Studiendiplom. Wieder meldete sich das leise Unbehagen. Wollte ihn jemand, der Wildes derzeitigen Aufenthaltsort kannte, mit seiner Macht einschüchtern, indem er ihm vor Augen führte, dass selbst die vertraulichsten Gegenstände vor seinem Zugriff nicht sicher waren?