Beschreibung

"Jetzt wird deine Familie sterben." Tabea lebt mit ihrem Mann Mark und ihrer kleinen Tochter Amy den Traum einer glücklichen Familie. Wären da nicht die Bedenken ihrer Eltern. Sie halten Mark für eine Gefahr. Tabea jedoch steht zu ihrem Mann. Bis zu jenem Tag, an dem ihr schlimmster Alptraum wahr wird.  Kann sie ihre Familie retten? Hart. Spannend. Und verstörend. Der Bestseller Nr. 1. Ein Psychothriller von Martin Krist. "Nur mal kurz reinlesen? Geht nicht! Dieser Thriller lässt dich nicht mehr los." (Sandy Mercier) "Martin Krist goes Hitchcock! Ein Paranoia-Thriller, brillant und mitreißend geschrieben. Cooles Zeug." (André Milewski) "Ein Ränkespiel um Liebe, Verrat und der Gewissheit: Du kannst niemanden vertrauen." (Denise Börner) "Martin Krist spielt mit dem Verstand seiner Leser - und gewinnt! Psychothrill vom Feinsten!" (Rebecca Feist) "Nervenaufreibend, sprachgewandt, abgebrüht - der erste Psychothriller von Martin Krist." (Emely Dark) "Kann zu Spannung, Herzklopfen und Schlafmangel führen. Das Ende - unverkennbar Martin Krist!" (Andrea Reinhardt) "Du willst mal wieder einen Pageturner lesen? Dann ist ›Niemand stirbt allein‹ dein Buch des Tages." (Ina Degenaar)

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 207

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit


Niemand stirbt allein

Martin Krist

R&K

Inhalt

Über den Autor

Prolog

Ohne Titel

Teil I

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Teil II

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Teil III

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreissig

Einunddreissig

Zweiunddreissig

Dreiunddreissig

Teil IV

Vierunddreissig

Fünfundreissig

Sechsunddreissig

Siebenunddreissig

Achtunddreissig

Neununddreissig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Epilog

Ohne Titel

Mehr von Martin Krist

Über den Autor

Martin Krist, geboren 1971, lebt in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter Biografien über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido, die Grunge-Ikone Kurt Cobain und den gewaltlosen Rebell Mahatma Gandhi, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.Martin-Krist.de

Facebook

Twitter

Instagram

Originalausgabe bei R&K

29. Mai 2019

Copyright © R&K c/o Martin Krist

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch

auszugsweise – nur mit Genehmigung des Autors

wiedergegeben werden.

Titelbild & Umschlaggestaltung:

Designomicon | Anke Koopmann

unter Verwendung eines Fotos von

© Karina Vegas/Arcangel

Inhaltliche Beratung: Denise Börner

Lektorat: Rebecca Feist (die-flinke-feder.de)

Korrektorat: Rebecca Feist &

Emely Dark (emelydark.com)

Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Martin Krist, Postfach 910104, 12413 Berlin

www.Martin-Krist.de

Prolog

Der Tod ist

die Wahrheit.

Ein Geräusch riss Tabea aus dem Schlaf.

Benommen blinzelte sie in die Dunkelheit ihres Schlafzimmers.

»Bea«, wisperte Mark und streichelte ihren Rücken, »bleib liegen, ich kümmere mich darum.«

Mit einem dankbaren Murmeln zog sie ihre Decke bis ans Kinn. Sie schloss die Augen und genoss die kuschelige Wärme.

Es dauerte drei, vier Sekunden, bis das Heulen aus dem Babyfon zu ihr durchdrang. Plötzlich begriff sie die Worte ihres Mannes.

Ich kümmere mich darum.

Ruckartig fuhr sie in die Höhe. »Mark!«

Die Holzdielen knarrten, während er durch das dunkle Zimmer schlich.

»Mark!«

Er trat hinaus in den Flur und machte auf der Kommode die Lampe an. Das Licht fiel durch den Türspalt ins Schlafzimmer.

Tabeas müde Augen brannten. Ihr verkrampfter Körper sträubte sich gegen jede Anstrengung. Trotzdem rutschte sie an den Bettrand und tapste mit den Füßen über den Boden. Als sie in ihre Schläppchen schlüpfte, drang Marks Stimme aus dem Babyfon.

Tabea hielt in der Bewegung inne.

»Was hat denn meine kleine Prinzessin?«, flüsterte ihr Mann. »Warum weinst du, Amy?«

Amys Schluchzen wurde zu einem leisen Wimmern.

»Na siehst du, du musst nicht weinen, Papa ist doch bei dir. Alles ist wieder gut.«

Amy beruhigte sich. Nicht einmal ihr Schniefen war mehr zu hören.

Tabea wagte nicht zu atmen.

»Soll Papa dir ein Liedchen singen?«, fragte Mark in die Stille. »Was hältst du davon?«

Amy gluckste vor Freude.

Endlich holte Tabea wieder Luft.

»Und welches Liedchen würde meiner kleinen Prinzessin gefallen?« Mark zählte einige Liedtitel auf.

Der Mann im Mond war Amys Lieblingslied, mit dem Tabea sie abends in den Schlaf wiegte. Wir fahren mit der Eisenbahn sangen sie jeden Morgen gemeinsam in ihrem kleinen Polo auf dem Weg zur Krippe.

Tabeas Blick fiel auf die weiß glimmenden Ziffern des Weckers.

4.15 Uhr.

Noch etwas mehr als zwei Stunden, bis sie aufstehen musste.

»Wenn ich ein Vöglein wär’«, begann Mark zu singen, »und auch zwei Flüglein hätt’, flög’ ich zu dir. Bin ich gleich weit von dir, bin ich doch im Traum bei dir und red’ mit dir.«

Amy kicherte.

»Und an dich gedenkt, dass du mir viel tausendmal, dein Herz geschenkt.«

Erleichtert streifte Tabea ihre Hausschuhe ab und sank zurück unter die kuschelig warme Decke.

Im Kinderzimmer stimmte ihr Mann die nächste Strophe an.

Wie gut er sich mit Amy versteht, dachte Tabea. Wie konnte ich bloß an ihm zweifeln?

Sie lächelte und ...

... wurde von einem Lachen geweckt.

Durch das Fensterrollo drang das Morgengrau ins Zimmer.

Für einen Moment war Tabea verwirrt, bis sie begriff, dass sie wieder eingenickt war.

Sie drehte sich zum Wecker um.

6.58 Uhr.

»Mist!« Erschrocken richtete sie sich auf.

Warum hatte der Wecker nicht geklingelt? Hatte sie ihn nicht gehört? War er defekt? Sie wollte danach greifen, zog aber auf halbem Weg ihre Hand zurück. Jetzt war es eh zu spät.

Stattdessen rutschte sie an die Bettkante.

In nicht einmal einer Stunde musste sie Amy in der Krippe abgeliefert haben und sich auf dem Weg ins Büro befinden. Und zuvor waren ein, zwei belegte Brote und ein starker Kaffee auch nicht verkehrt.

Vergeblich schaute sie sich nach ihren Schläppchen um.

Wo sind sie?

Als sie aus dem Babyfon ihren Mann mit Amy herumalbern hörte, ließ sie auch die Hausschuhe Hausschuhe sein.

Sang Mark etwa immer noch Lieder mit der Kleinen? Wieso hatte er nicht auf die Uhr geschaut?

Barfuß tapste Tabea durch den Flur. Sie verharrte im Türrahmen zum Kinderzimmer.

Auf der Wickelkommode juchzte Amy vor Vergnügen. Während Mark sie wickelte, zappelte er wie ein Clown. »Utschibutschi eidideidi hadidadi.«

Obwohl die Zeit drängte, rührte sich Tabea nicht vom Fleck.

Wie gut er sich mit Amy versteht.

Er tanzte von links nach rechts und wieder zurück, wackelte mit dem Kopf und schlackerte ausgelassen mit den Armen. »Heidideidi, halalili, hubidubi.«

Amy lachte.

Sekundenlang genoss Tabea den Anblick.

Wie konnte ich bloß an ihm zweifeln?

Bis ihr Mann stehenblieb. »Meine kleine Prinzessin«, japste er außer Atem und beugte sich vor. »Heute ist ein besonderer Tag.« Schon stimmte er ein weiteres Kinderlied an. »Frag mich nicht, wohin der Wind mich heute trägt. Denn die Nacht folgt mir mit dunklen Schwingen.«

Tabea hörte das Lied zum ersten Mal. Der Text klang schwermütig in ihren Ohren. Sie ließ Mark allerdings gewähren, als er eine kleine Krone zum Vorschein brachte, offenbar selbst gebastelt aus Karton und Goldpapier.

Mit beiden Händen strich er behutsam die Haare auf Amys kleinem Köpfchen zurecht. Danach setzte er ihr die Krone auf.

Meine kleine Prinzessin.

Das Gold glitzerte. Amy strahlte freudig.

»Vielleicht«, sang Mark weiter, »vielleicht wird er mir morgen das Sterben bringen. Der Tod ist gnadenlos, lässt nicht mit sich ringen.«

Etwas in Tabea zog sich zusammen.

Das ist nichts für kleine Kinder, wollte sie sagen.

Eine Bewegung ließ sie stutzen. Ungläubig registrierte sie die Pistole, die Mark auf einmal in den Händen hielt.

Das kann unmöglich wahr sein!

Eine andere Stimme in ihr schrie: Unternimm etwas!

Doch sie war wie gelähmt.

Mark hörte auf zu singen. »Meine kleine Prinzessin«, wiederholte er und hob die Pistole. »Jetzt wird deine Familie sterben.«

Endlich löste sich Tabeas Erstarrung. Sie stürzte ins Zimmer. »Amy!«

Teil 1

Der Wahnsinn hat einen Freund

in jeder Familie.

Eins

»Amy!«,schreit Tabea und sitzt von jetzt auf gleich kerzengerade.

In ihren Ohren dröhnt der Schuss. Von ihren Wangen tropft Blut. Entsetzt schnappt sie nach Luft. Ihr Herz rast. Ihr Blick irrt wie wild umher.

Merkwürdigerweise hat sie nichts außer Finsternis vor Augen – und die weiß leuchtenden Ziffern ihres Weckers.

4.19 Uhr.

Das war nur ein Traum, beginnt sie zu begreifen, trotzdem pocht es in ihrer Brust unaufhörlich weiter. Über ihr Gesicht rinnt Schweiß.

Gott sei Dank, kein Blut!

Nur langsam gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit und lassen sie die vertrauten Konturen ihres Schlafzimmers erkennen. An der Wand gegenüber steht der antike Kleiderschrank, ein Geschenk von Tabeas Eltern zur Hochzeit. An der Seite das Rokoko-Schminktischchen, das Mark zu einem Spottpreis auf der Auktion eines Treptower Möbelantiquariats erstanden hat. Daneben das Bett, nicht minder rustikal, auf dem Tabea nach wie vor um Atem ringt.

In ihr Keuchen mischt sich Marks Schnarchen. Offenbar hat er nichts von ihrem panischen Erwachen mitbekommen.

Nur ein Traum!, beruhigt sie sich selbst erneut. Nur ein Albtraum!

Wie zur Bestätigung vernimmt sie aus dem Babyfon ein Schmatzen.

Sie atmet durch. In manchen Nächten treiben sie Amys malmende Geräusche an den Rand des Wahnsinns. Es klingt, als vertilge die Kleine während des Schlafs eine große Tüte voller Gummibärchen, Schokoküsse und Zuckerwatte.

Jetzt ist Tabea erleichtert, ihre Tochter knuspern zu hören.

Ihr Puls schlägt langsamer. Ihr Atem normalisiert sich. Nur der Albtraum bleibt an ihr haften, kalt und klamm wie ihr schweißgetränkter Pyjama.

Jetzt wird deine Familie sterben.

Ihre Finger verkrampfen sich in die Decke. Schnell sinkt sie zurück auf ihr Kissen und rollt sich auf die Seite, als könne sie auf diese Weise ihre aufgewühlten Gedanken loswerden.

Auf seiner Betthälfte schnarcht Mark unverwandt vor sich hin. Sein Gesicht ist nur ein blasser Schemen im Halbdunkel.

Einerseits ist Tabea froh, dass er einen derart tiefen Schlaf hat, dass ihn nichts weckt, nicht einmal ihr Schrei. Auf der anderen Seite verspürt sie den dringenden Wunsch, ihn zu wecken und ihm von ihrem Albtraum zu erzählen.

Nur ein Traum, sonst nichts!

Stattdessen rafft sie sich die eigene Decke enger um den fröstelnden Leib. Sie schließt die Augen und möchte noch etwas Schlaf finden, bevor in einer Stunde der Alltag für sie beginnt.

Neben ihr schnarcht Mark. Ihre Tochter schmatzt.

Tabea wälzt sich herum, ein Mal, noch einmal, ein weiteres Mal.

Diesmal sind es nicht die Geräusche, die sie am Einschlafen hindern.

Sie öffnet wieder die Augen.

Sie hat Angst vor einem weiteren Traum. Außerdem friert sie in ihrem klammen Pyjama.

Zähneknirschend kriecht sie unter der Decke hervor. Sie schwingt ihre Beine über die Bettkante und will in ihre Schläppchen schlüpfen.

Ihre Füße gleiten ins Leere.

Verwundert tastet sie mit ihren Zehen die Dielenbretter ab, doch auch unter dem Bett wird sie nicht fündig.

Wo sind sie?

Die Frage holt die Angst aus ihrem Traum sofort zurück.

Sie verscheucht die Gedanken daran, tapst stattdessen noch einmal über das kalte Parkett. Vergeblich. Ihre Hausschuhe sind verschwunden.

Aber das kann nicht sein!

Nicht dass sie besonders erpicht ist auf die schwarzen Stoffballerinas, die sie erst diesen Sommer in einem Ramschladen günstig erstanden hat. Bis kurz vor diesem Kauf hatte sie allein den Gedanken an Pantoffeln laut lachend von sich gewiesen.

Schon immer ist sie zu Hause ohne Schuhe und Strümpfe gelaufen, hat lieber die feine Dielenmaserung unter ihren nackten Fußsohlen gespürt, die kühlen Küchenfliesen, den Wohnzimmerteppich, den Rasen im Garten, die feuchte Erde der Blumenbeete.

Sie liebt das befreiende Gefühl fast so sehr wie die Fußmassagen, die Mark ihr früher abends vor dem Einschlafen verabreicht hat. Es gab eine Zeit, da konnte er seinen Blick kaum lösen von ihren zierlichen Zehen. Oft wurde aus seinem sanften Kneten wie von selbst mehr, erst ein zärtliches Necken, dann ein Balgen, danach leidenschaftlicher Sex. Dabei ist im Juni letzten Jahres auch Amy entstanden.

Zwar kann sie mit ihren sechs Monaten noch nicht einmal richtig krabbeln, ihr Spielzeug liegt dennoch über die ganze Wohnung verteilt. Weil Tabeas Eltern der Kleinen laufend neue Puppen, Bären, Bauklötze und Rasseln schenken, hat Tabea es irgendwann aufgegeben, jeden Abend aufzuräumen. Die Rechnung folgte – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem Fuß: Eines Nachts stolperte sie barfuß über eine Rassel und verstauchte sich den großen Zeh. Seitdem trägt sie ihre Schläppchen, das fällt ihr leichter als allabendliches Aufräumen.

Das ist allerdings auch der Grund, weswegen sie ihre Schläppchen vor dem Zubettgehen im rechten Winkel vor das Nachtschränkchen stellt, jeden Abend an die gleiche Stelle. Falls Amy erwacht, hat sie sie sofort parat.

Dorthin hat Tabea die Hausschuhe auch gestern Abend gestellt.

Deshalb können sie nicht verschwunden sein.

Erneut tippt sie mit den Füßen über die Dielenbretter.

Es sei denn ...

Erst jetzt fällt ihr auf, wie still es in der Wohnung ist.

Mark schnarcht nicht mehr. Auch Amys Schmatzen ist verklungen.

Vergiss die Schläppchen!

Mit einem Mal hat es Tabea eilig, zu ihrer Tochter zu gelangen.

Zwei

Rasch eilt Tabea durch den Flur.

Als sich ein spitzer Holzklotz in ihre Ferse bohrt, unterdrückt sie einen Schmerzenslaut. Stattdessen schaltet sie im Vorbeihumpeln die Lampe auf der Kommode an.

Vom plötzlichen Licht geblendet öffnet sie die Kinderzimmertür.

Sie weiß, ihre Angst ist irrational. Gerade eben noch war Amys Schmatzen aus dem Babyfon zu hören und Mark hat neben ihr im Bett geschnarcht.

Was also soll passiert sein?

Trotzdem hält sie die Luft an, als sie vor das Kinderbettchen tritt, eine kleine, weiße Holzwiege, am Kopfende mit einem verschnörkelten Herz verziert, in das Tabeas Vater Amy hineingeschnitzt hat.

Amy schläft friedlich in ihrem rosafarbenen Schlafsack.

Erleichtert atmet Tabea durch.

Die Brust ihrer Tochter hebt und senkt sich gleichmäßig im Takt ihrer Atemzüge. Das helle Licht aus dem Flur stört sie nicht. Weder zuckt sie, noch gibt sie ein unwilliges Murren von sich.

Tabea schließt dennoch die Tür hinter sich.

Mit der Finsternis kehrt ihr schlechtes Gewissen zurück. Wie hat sie bloß denken können, dass –

Es war nur ein Traum!, ermahnt sie sich. Ein schlimmer zwar, aber nur ein Traum. Du solltest ihn vergessen!

Wie um ihren Entschluss zu bekräftigen, durchquert sie den Raum, langsam und vorsichtig, während sie in der Dunkelheit den Puppen, Teddybären und Bauklötzen auszuweichen versucht.

Dann endlich erreicht sie die Wickelkommode.

Zielstrebig greift sie nach der Schnur der Schlummerbeleuchtung an der Wand. Ein leises Klick und Aladins Wunderlampe verteilt seidig blaues Licht in dem kleinen Zimmer.

Die acht Quadratmeter sind mit nur wenigen Möbeln ausgestattet. Neben der rustikalen Wickelkommode gibt es lediglich einen weißen Eichenschrank, in dem sich außer Amys Bodys, Strumpfhosen und Kleidchen sechs oder sieben Liederbücher aufreihen. Ansonsten ist der Raum eine einzige Spielwiese, bei deren abenteuerlichem Chaos sich Tabea wundert, dass ihre Füße es unbeschadet hindurch geschafft haben.

Direkt neben ihr steht der Winnie-Puuh-Kreisel, Amys liebstes Spielzeug, das schon bei der geringsten Berührung losdudelt.

Während sie noch immer das viele Spielzeug betrachtet, stellt Tabea nicht zum ersten Mal fest, dass das Durcheinander sie nicht stört. Auch nicht, dass sie deswegen auf das befreiende Gefühl nackter Füße verzichten muss.

Es ist Mark, der sich immer wieder über die Unordnung beschwert. Wiederholt hat er verlangt, dass sie beseitigt wird.

Allerdings sind weder das Durcheinander noch die Pantoffeln der Grund, weshalb Mark das Interesse an Tabeas Füßen verloren hat. Sein Verlangen ist schon weitaus früher erloschen.

Aber daran will Tabea jetzt nicht denken.

Sie bahnt sich einen Weg zurück zum Kinderbett, in dem Amy nach wie vor lautlos schlummert.

Was würde Tabea jetzt für ein Geräusch oder eine Regung der Kleinen geben!

Anfangs war sie versucht gewesen, ihr das Schmatzen abzugewöhnen. Der Kinderarzt, dem sie besorgt davon erzählte, lächelte allerdings nur. »Wäre es Ihnen lieber, wenn Ihr Baby die ganze Nacht schreit?«

»Nein.«

»Dann lassen Sie es schmatzen.«

Jetzt liegt Amy still in ihrem rosa Schlafsack, auf ihrem Gesicht ein glückliches, pausbäckiges Lächeln. Offenbar hat sie ihre süße Mahlzeit für diese Nacht beendet.

Meine kleine Prinzessin.

Eine Welle der Zuneigung schwappt über Tabea hinweg, die jedoch ebenso rasch wieder verebbt.

Ihr wird schwer ums Herz.

Ob Mark seine Tochter ebenso liebt?

Tabea ist sich nicht sicher. Sie wünscht sich, er könnte sich mit Amy beschäftigen, nachsichtig, sanft und liebevoll, wie ein Vater eben. So wie in ihrem Traum, der ...

... ein böses Ende hatte!, schießt es ihr durch den Kopf.

Sie verdrängt die Gedanken an den Albtraum.

Du solltest ihn vergessen!

Sie haucht Amy einen Kuss auf die Stirn. Mit einem viel zu energischen Ruck knipst sie die Schlummerlampe aus.

Erschrocken lauscht sie in die Dunkelheit.

Amy gibt keinen Mucks von sich.

Glück gehabt!

Abermals braucht Tabea eine halbe Ewigkeit, bis sie das Zimmer durchquert und den Flur erreicht hat.

Im Badezimmer zerknüllt sie ihren Pyjama und stopft ihn in die Wäschetruhe.

Vor dem Hocker daneben entdeckt sie ihre Schläppchen.

Stirnrunzelnd betrachtet sie ihren Jogginganzug, den sie vor dem Zubettgehen gestern Abend über den Hocker geworfen hat.

Sie setzt sich aufs Klo und entleert ihre Blase.

Wahrscheinlich hat sie, einerseits übermüdet vom Tag, andererseits immer noch verzückt von den ersten Krabbelversuchen, die Amy am Abend überraschend gemacht hatte, nicht nur ihre Klamotten, sondern auch ihre Pantoffeln hier liegenlassen.

Sie betätigt die Spülung, dann zieht sie die Jogginghose an.

Die graue Hose und das Kapuzenshirt sind vom jahrelangen Gebrauch ausgebleicht, abgewetzt und fransig, aber gerade deshalb kuschelig und ihre liebsten Kleidungsstücke für zu Hause.

Während sie in ihre Hausschuhe schlüpft, späht sie durch das Rollo nach draußen.

Der Oktober-Regen prasselt auf ihren kleinen Polo in der Einfahrt. Die Königstraße, eine idyllische Straße in einem schmucken Viertel Zehlendorfs, liegt still und friedlich im Laternenschein. Bei keinem der Nachbarn brennt Licht. Niemand ist unterwegs.

Bis der Alltag beginnt, dauert es noch eine Weile, aber an Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Als sich Tabea abwendet, begegnet ihr eine gestresste, übernächtigte Gestalt im Spiegel. Ihr Teint ist bleich, die Augen dunkel unterlaufen, ihr Haar ohne Halt. Das Shirt spannt sich deutlicher als noch vor einem Jahr über der Hüfte.

Aus irgendeinem Grund kommt ihr ein Jazzstück von Al Kooper in den Sinn, das sie kürzlich gehört hat.

Act Like Nothing’s Wrong.

Aber das sagt sich so leicht.

Während sie ihre wilden Strähnen mit einem Haarreif bändigt, notiert sie auf einer imaginären To-do-Liste: Solarium. Friseur. Fitness-Studio.

Natürlich wird sie nichts davon erledigen.

Viel zu teuer. Keine Zeit. Und außerdem: Für wen?

Ein böser Gedanke, vor dem sie in die Küche flieht.

Auf dem Weg dorthin fällt ihr ein, dass im Schlafzimmer noch das Babyfon steht. Sollte Amy jetzt zu schreien beginnen, wird Mark aufwachen.

Tabea pirscht zurück zum Bett, stopft das Gerät in die Tasche ihrer Jogginghose – und bleibt stehen.

Wehmütig schaut sie auf ihren schlafenden Mann herab.

Wenn überhaupt, denkt sie, dann für ihn.

Einem Impuls folgend streicht sie ihm über die kurzen Haarstoppeln. Die Berührung fühlt sich seltsam fremd an.

Als sie in die Küche geht, kommt es ihr erneut wie eine Flucht vor.

Sie entnimmt dem Kühlschrank einen Packung Apfelsaft. Ein plötzliches Ächzen lässt sie zusammenzucken. Vor Schreck gleitet ihr beinahe der Tetra Pak aus den Händen.

Sie blickt zur Zimmerdecke, die erneut knirscht.

Ohne einen Schluck zu trinken, räumt sie den Saft zurück in den Kühlschrank.

Noch einmal hebt sie den Kopf und streicht eine Strähne beiseite, die sich aus dem Haarreif gelöst hat. Angestrengt betrachtet sie die weißverputzte Decke, als könne ihr Blick in die Wohnung über der ihren dringen. Natürlich weiß sie auch ohne Röntgenaugen, was sie dort erwartet.

Willst du das wirklich?

4.35 Uhr, zeigt die Digitalanzeige unter der Mikrowelle. Noch immer eine lange Zeit bis der Tag beginnt.

Tabea greift nach dem Schlüsselbund und läuft ins Treppenhaus.

Drei

Tabea betritt die Wohnung ein Stockwerk höher.

Ein kurzer, schmaler Flur führt sie in die Küche, in der eine Hängelampe über dem Tisch schwaches Licht verteilt. In den Schatten über der Anrichte dudelt ein Transistorradio Act Like Nothing’s Wrong.

Eine hagere, bucklige Gestalt hantiert mit dem brodelnden Wasserkocher.

»Guten Morgen, Papa«, sagt Tabea. »Du bist schon wach?«

Ihr Vater gießt heißes Wasser in eine gusseiserne Teekanne. Dann erst dreht er sich um. Sein Blick streift ihren abgewetzten Jogginganzug. »Du doch auch.«

»Stimmt.«

»Konntest du wieder nicht schlafen?«, fragt ihr Vater in jenem vorwurfsvollen Ton, der ihr nicht zum ersten Mal zu verstehen gibt: Und daran bist du selbst schuld!

Tabea seufzt. »Ein bisschen schon.«

»Aber zu wenig.«

»Du doch auch.«

Im Radio verklingt der Refrain und eine Trompete setzt zum Solo an.

Act Like Nothing’s Wrong.

Vor wenigen Minuten noch ging Tabea dieses Lied durch den Kopf.

Während sie sich fragt, ob dieser Zufall etwas zu bedeuten hat, beugt sich ihr Vater zum Radio vor und dämpft die Lautstärke. Ein simpler Handgriff nur, dennoch ist sein Gesicht eine schmerzverzerrte Grimasse.

Mühevoll trägt er die dampfende Teekanne zum Tisch. »Was macht ...?«

»... deine Hüfte?«, kommt ihm Tabea zuvor.

Sichtlich verärgert stellt er die Kanne auf ein Stövchen ab. Mit einem Ächzen lässt er sich auf einen Stuhl nieder und schweigt vor sich hin.

In das leise Radiodudeln mischt sich der Regen, der auf die Dachfenster plätschert.

Während sich Tabea ihrem Vater gegenüber setzt, zieht sie das Babyfon aus ihrer Hosentasche und stellt es demonstrativ auf den Tisch.

Ihr Vater quittiert das mit einem abfälligen Schnauben.

Prompt bereut Tabea ihren Abstecher nach oben.

Es ist jedes Mal das Gleiche!

Egal was sie tut, sie kann es ihrem Vater nicht recht machen.

Verärgert zupft sie an den Fransen ihres Kapuzenshirts. Sie ist sich nicht einmal mehr sicher, ob nicht auch der Umzug in das Zweifamilienhaus in Zehlendorf, das sich Amy, Mark und sie mit ihren Eltern seit drei Wochen teilen, eine hirnrissige Idee gewesen ist.

Idyllisch ist in dem Viertel hier vieles, nur unsere Familie nicht.

Dann jedoch sieht sie, wie sich ihr Vater mit verkrampftem Gesicht über den Tisch beugt, und sie bereut ihre Zweifel und den Groll. »Warte, ich helf dir.«

»Geht schon«, knurrt er und greift nach der Teekanne, noch ehe Tabea sie zu fassen bekommt.

Während er sich seine Tasse füllt, zittern seine Finger. Wasser schwappt auf den Unterteller. Er meidet Tabeas Blick und stellt die Kanne zurück auf das Stövchen.

Mildes Minzaroma umwölkt ihre Nase. Sie fragt sich, ob er ihr, vergrätzt wie er ist, bewusst nichts zu trinken anbietet, oder ob er es vor lauter Schmerzen einfach nur vergessen hat. »Schon wieder deine Hüfte?«

»Was heißt – schon wieder?«

»Etwa jede Nacht?«

Als wäre ihm kalt, umschließt er mit seinen Händen die dampfende Tasse. Er senkt die Augenlider. Das ist Antwort genug. Sein künstliches Hüftgelenk, das sich nicht in seinen Körper fügen will, raubt ihm seit Monaten den Schlaf.

Im Transistorradio klingt Al Kooper aus. Ein Moderator nuschelt unverständliche Worte, bevor Paul Bley das Piano anstimmt. Nothing To Declare.

Tabea kennt fast alle Stücke. Ihr Vater schwärmt für Jazz. Seit ihrer Geburt lässt er nichts unversucht, auch sie für die Musik zu begeistern. Von seinem einstigen Elan ist allerdings nicht mehr viel geblieben.

»Du solltest nochmal mit deinem Arzt reden«, sagt sie.

»Nächste Woche.«

»Das hast du letzte Woche auch schon gesagt.«

»Echt?«

»Ja.«

Wortlos hebt ihr Vater die Tasse aus der Pfütze des Untertellers und führt sie an den Mund. Er wartet einige Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommen. Von der Unterseite der Tasse tropft Tee auf den Tisch. Als seine Schmerzen nachlassen, trinkt er endlich.

Tabea beobachtet ihn.

Mit der gleichen Anstrengung setzt er die Tasse wieder ab. »Was guckst du, Bea?«

»Gehst du zum Arzt oder nicht?«

»Nächste Woche.«

»Versprochen?«

»Ja doch.«

»Papa ...«

»Hast du nicht gehört, Tabea? Nächste Woche!« Er nimmt einen weiteren Schluck.

Tabea belässt es bei einem resignierten Nicken. Weder nächste Woche noch in einem Monat, nicht einmal in einem Jahr wird er den Doktor aufsuchen.

»Was sollen mir diese Quacksalber noch bringen?«, hat er erst kürzlich in einem Anfall geschimpft. »Deren Blech ist in mir drin, und es bleibt in mir drin, bis ich zu Staub zerfalle!«

Für gewöhnlich holt er an dieser Stelle tief Luft, stemmt die Hände in seine verkorkste Hüfte und fügt hinzu: »So wie ich mich fühle, wird das ohnehin schon bald sein.«

Aus diesem Grund will er sich um nichts in der Welt noch einmal der Tortur einer Operation und anschließender Reha unterziehen. Lieber will er die Zeit genießen, die ihm bleibt. »Ich bin doch schließlich nicht blöd!«

Nein, nicht blöd, denkt Tabea jetzt, nur ein Sturkopf.

Aber daran hat sie sich gewöhnt, so wie auch ihre Mutter in den mehr als dreiunddreißig Jahren, die sie mit ihm verheiratet ist, längst gelernt hat, mit seinem Dickschädel zu leben. »Es gibt Schlimmeres«, erklärt sie jedem, der nach dem Geheimnis ihrer langen Ehe fragt.

Tabea zieht das Babyfon zu sich heran. »Was ist mit Mama?«

»Was soll mit ihr sein?« Ihr Vater zuckt mit den Schultern. Eine neuerliche Schmerzattacke bringt ihn zum Husten. »Sie ... sie schläft wie ... wie ein Stein. Wie jede Nacht.«

»Sie könnte dir ...«

»Nein! Sie soll gefälligst schlafen.« Tabeas Vater leert seine Tasse in einem Schluck. Mit Mühe hebt er die Teekanne an und gießt sich nach. »Sie mit ihrer Arthrose kann mir sowieso nicht helfen.«

Tabea hat da ihre Zweifel, aber sie widerspricht ihm nicht. Außerdem hat sie Durst. Sie deutet auf die leere Kanne, die er wieder auf das Stövchen absetzt. »Habt ihr noch Minztee?«

»Nee, der ist jetzt alle.«

»Was habt ihr sonst?«

»Das weißt du doch, Bea.« Er schnauft schwer. »Alles!«

Immerhin in diesem Punkt, dessen ist sich Tabea bewusst, übertreibt er nicht.

Sie steht auf und geht zum Kühlschrank.

Auf allen vier Ebenen und zusätzlich in den beiden Plastikschubfächern liegen dicht an dicht alle erdenklichen Speisen und Getränke. Wann immer Tabea glaubt, in dieser sagenhaften Fülle alles entdeckt zu haben, findet sie doch noch eine Packung Wurst, Quark oder Saft, die sie noch nie zuvor gesehen hat. Darauf angesprochen erklärt Tabeas Mutter stets, sie könne es nun mal nicht leiden, wenn an etwas Mangel herrsche. Egal ob Joghurt, Käse oder Milch, alles müsse jederzeit sofort verfügbar sein.

Kurz vor ihrem fünfzehnten Geburtstag hakte Tabea einmal nach und fragte, woher diese Furcht bloß rühre. Zumindest nahm sie an, dass so etwas wie Angst dahinterstecken müsse.

Die Antwort ihrer Mutter war nur ein Schulterzucken, als hätte sie sagen wollen: Das ist halt so.

Verwundert suchte Tabea Rat bei ihrem Vater. Auch der lächelte nur: »Ich kenne deine Mutter nicht anders.«