Niemandsland - Rhidian Brook - E-Book
Beschreibung

Hamburg 1946 – wenn aus Feinden Freunde werden

Hamburg 1946: Ein englischer Offizier soll für die Entnazifizierung und den Wiederaufbau Deutschlands sorgen. Colonel Lewis Morgan wird mit seiner Familie in ein herrschaftliches Haus an der Elbe einquartiert. Seine Frau kann aber nicht verstehen, dass der Hausbesitzer Stefan Lubert nicht ausziehen muss. Sie findet die Idee, mit dem Feind unter einem Dach zu wohnen, unerträglich. Doch als sie den Alltag teilen, erkennt sie, wie grob und falsch ihr Bild von den Deutschen war. Nach und nach entwickelt sich eine unerhörte Nähe zwischen ihr und Stefan Lubert …

Ein selten beschriebenes Kapitel deutscher Geschichte – Rhidian Brook zeichnet ein enorm differenziertes Bild von einem Land, das am Boden liegt, von einer verstörten Bevölkerung, aber auch von dem Hoffnungsschimmer nach Tod und Vernichtung. Ein Roman von größter Intensität.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:570

Sammlungen



RHIDIAN BROOK

Niemandsland

Roman

Aus dem Englischen von Maria Andreas

C. Bertelsmann

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Aftermath« bei Viking, published by the Penguin Group, London.

1. Auflage

Copyright © 2013 by Rhidian Brook

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014 beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Buxdesign, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-12268-3V002www.cbertelsmann.de

Dieses Buch ist Walter, Anthea, Colin, Sheila und Kim Brook gewidmet

… und du sollst heißen: Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne.

Jesaja 58,12

Das kommt mir völlig blödsinnig vor – eine einzige Familie in einem so riesigen Haus.

Evelyn Waugh, Wiedersehen mit Brideshead

September 1946

1

»Hier muss er sein, der Panther. Ich hab ihn gesehen. Berti hat ihn gesehen. Dietmar hat ihn auch gesehen. Schwarzes Fell wie ’n piekfeiner Pelzmantel. Und Zähne wie Klaviertasten. Den machen wir kalt. Müssen wir ja – wer sonst? Der Tommy vielleicht? Der Ami? Der Iwan? Der Franzose? Die kannst du vergessen. Alle zu beschäftigt. Die schauen doch bloß, was sie sich krallen können. Wie Hunde, die um einen Knochen raufen, an dem kein Fleisch mehr dran ist. Nee, da müssen wir selber ran. Wir machen das Biest kalt, bevor es uns kaltmacht. Dann sind wir aus dem Gröbsten raus.«

Der Junge, der Osi genannt wurde, rückte seinen Kopfschutz zurecht und führte die anderen durch die pulverisierte Landschaft dieser von den Briten zerbombten Stadt. Osi hatte den Tommy-Helm auf, den er in der Nähe der Alster aus einem Laster geklaut hatte. Der sah zwar nicht so schmissig aus wie die amerikanischen Helme aus seiner Sammlung, nicht einmal so schmissig wie die russischen, aber er passte am besten. Und er half Osi, auf Englisch zu fluchen, zu fluchen wie der Sergeant, der am Bahnhof Hamburg-Dammtor die Häftlinge zusammengeschissen hatte: »Oi! Put your fucking hands up. Fucking up, I said! Where I can see them! Dumb bloody fucking Huns.« Diese Männer hatten einen Augenblick gezögert, die Hände zu heben, nicht weil sie schwer von Begriff waren, sondern unterernährt und zu schwach. Dumb-Bloody-Fucking-Huns! Vom Hals abwärts war Osi in einem fantastischen, aus der Not geborenen Hybridstil gekleidet, ein Mischmasch aus Fetzen und Feinem: Unter dem Morgenmantel, der einmal einem Lebemann gehört hatte, trug er die Strickjacke einer alten Jungfer, ein kragenloses Opahemd und eine SA-Hose mit hochgekrempelten Beinen und einer Krawatte als Gürtel; seine an den Kappen durchlöcherten Schuhe stammten von einem Bahnhofsvorsteher, der schon lange nicht mehr lebte.

Die kleinen Wilden folgten ihrem Anführer über die Schutthalde, die Augen angstvoll aufgerissen, das Weiß darin in den schmutzigen Gesichtern noch weißer. Sie schlichen durch Moränen aus Ziegelgestein, bis sie zu einer Lichtung kamen, auf der in voller Länge eine Kirchturmspitze lag. Osi stoppte die anderen mit einem Handzeichen und griff im Morgenmantel nach seiner Luger. Er witterte.

»Da drinnen ist er. Ich kann ihn riechen. Riecht ihr ihn auch?«

Die Wilden schnüffelten wie nervöse Kaninchen. Osi presste sich gegen die gefällte Turmspitze und schob sich Stück für Stück an das offene Ende heran, die Pistole wie eine Wünschelrute vorgestreckt. Er blieb stehen und klopfte damit gegen den Stein, als wollte er sagen, da drinnen steckt’s, das Biest. Und dann ein schwarzer Blitz – etwas schoss ins Freie. Die Wilden duckten sich, doch Osi machte einen Ausfallschritt, stellte sich breit in Positur, kniff ein Auge zu, zielte und feuerte.

»Stirb, Bestie!«

Die drückende, feuchte Luft dämpfte den Schuss, und das metallische Zing eines Querschlägers meldete: Ziel verfehlt.

»Hast du ihn getroffen?«

Osi ließ die Pistole sinken und stieß sie in den Gürtel.

»Wir kriegen ihn ein anderes Mal«, sagte er. »Suchen wir uns was zu essen.«

»Wir haben ein Haus für Sie gefunden, Sir.«

Captain Wilkins drückte seine Zigarette aus und legte den nikotingelben Zeigefinger auf den Hamburgplan, der hinter seinem Schreibtisch an der Wand hing. Er fuhr von dem Stecknadelkopf, der ihr provisorisches Hauptquartier markierte, nach Westen, weg von den ausgebombten Stadtteilen Hammerbrook und St. Georg, über St. Pauli und Altona bis zu dem einstigen Fischerdorf Blankenese, wo die Elbe einen Bogen macht und in Richtung Nordsee fließt. Der aus einem deutschen Vorkriegsreiseführer herausgerissene Stadtplan zeigte allerdings nicht, dass diese Ballungsgebiete nur noch eine Phantomstadt aus Schutt und Asche waren.

»Ein Prachtpalast direkt am Fluss. Hier.« Wilkins umkreiste mit dem Finger die Biegung am Ende der Elbchaussee, die parallel zum Elbstrom verlief. »Ich glaube, der wird nach Ihrem Geschmack sein, Sir.«

Geschmack? Das Wort gehörte einer anderen Welt an, einer Welt des Überflusses, ausgestattet mit allen zivilisatorischen Annehmlichkeiten. Woran Lewis Geschmack fand, war in den letzten Monaten auf eine kurze Liste unmittelbarer Grundbedürfnisse zusammengeschrumpft: 2500 Kalorien täglich, Tabak, Wärme. Ein »Prachtpalast am Fluss« kam ihm plötzlich vor wie die frivole Forderung eines ausschweifenden Königs.

»Sir?«

Lewis war wieder einmal »abwesend«, weggedriftet zu dem vielstimmigen Parlament in seinem Kopf, in dem er sich immer öfter in heiße Debatten mit Kollegen verstrickt sah.

»Wohnt da nicht schon jemand?«

Wilkins wusste nicht recht, was er mit dieser Bemerkung anfangen sollte. Sein Vorgesetzter hatte einen ausgezeichneten Leumund mit untadeliger militärischer Vergangenheit, aber auch immer wieder diese Anwandlungen, diesen anderen Blick auf die Dinge. Der junge Captain nahm Zuflucht zu den Leitsätzen aus dem Handbuch: »Diese Leute kennen kaum eine Moral, Sir. Sie sind eine Gefahr für uns und sich selbst. Sie müssen begreifen, wer das Sagen hat. Sie brauchen Führung. Eine feste, aber gerechte Hand.«

Lewis nickte und winkte ab, ersparte dem Captain weitere Ausführungen. Kälte und Kalorienknappheit hatten ihn gelehrt, auch die Worte zu rationieren.

»Das Haus gehört einer Familie namens Lubert. Loo – bear – t, mit hartem T. Die Frau ist bei den Bombardierungen umgekommen. Ihre Familie war im Lebensmittelhandel groß im Geschäft. Verbindungen zu den Blohm & Voss-Werften. Im Besitz etlicher Kornmühlen. Herr Lubert war Architekt. Er hat noch keinen Entlastungsbescheid, aber wahrscheinlich eine weiße Weste – schlimmstenfalls ein akzeptabler Grauton. Keine offenkundigen Nazi-Verbindungen.«

»Brot.«

»Sir?«

Lewis hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und deshalb unwillkürlich den kurzen Sprung von den Kornmühlen zum Brot gemacht; das Brot, das ihm vor Augen stand, war plötzlich gegenwärtiger, realer als der Captain vor dem Stadtplan auf der anderen Schreibtischseite.

»Weiter bitte – die Familie.« Lewis versuchte sich wenigstens den Anschein zu geben, als höre er seinem Captain zu; er nickte und hob fragend das Kinn.

Wilkins fuhr fort: »Luberts Frau starb 1943, im Feuersturm. Ein Kind – eine Tochter. Frieda, fünfzehn Jahre. Es gibt Personal, ein Dienstmädchen, eine Köchin und einen Gärtner. Der Gärtner ist ein geschickter Handwerker, Ex-Wehrmachtssoldat. Die Familie hat Verwandte, bei denen sie unterkommen kann. Wir können das Personal ausquartieren, oder Sie übernehmen es. Die Leute sind einigermaßen sauber.«

Zur Aufklärung, wie weit ein deutscher Bürger mit dem Regime kollaboriert hatte, diente den Seelendurchleuchtern der britischen Militärregierung ein Fragebogen mit 131 Fragen. Auf dieser Grundlage wurden die Befragten in drei Gruppen eingeteilt, mit den Farbcodierungen Schwarz, Grau und Weiß und einigen Zwischentönen zwecks größerer Genauigkeit; entsprechend wurde mit den Personen weiter verfahren.

»Die erwarten die Beschlagnahme bereits. Sie müssen das Haus nur noch besichtigen, Sir, und die Leute rausschmeißen. Sie werden nicht enttäuscht sein.«

»Und die Leute? Werden die auch nicht enttäuscht sein?«

»Die Leute?«

»Die Luberts. Wenn ich sie rausschmeiße.«

»Die können sich den Luxus einer Enttäuschung nicht erlauben, Sir. Das sind Deutsche.«

»Ach, richtig. Wie dumm von mir.« Lewis beließ es dabei. Noch mehr solche Fragen, und dieser tüchtige junge Offizier mit der hochglanzpolierten Koppel und den makellosen Gamaschen würde ihn bei der Psychiatrie melden.

Er trat aus der überheizten Dependance des britischen Hauptquartiers in die frühe Kälte der letzten Septembertage. Sein Atem kondensierte zu Wölkchen. Er zog die Ziegenlederhandschuhe an, die Captain McLeod, ein amerikanischer Kavallerie-Offizier, ihm im Bremer Rathaus geschenkt hatte, am Tag, als die Alliierten die Grenzen bekannt gaben, die das neue Deutschland in Besatzungszonen aufteilten. »Sieht so aus, als hättet ihr die Arschkarte gezogen«, hatte McLeod gesagt, als er die Beschlüsse las. »Die Franzosen kriegen den Wein, wir kriegen das Panorama, und ihr kriegt die Ruinen.«

Lewis hatte inzwischen so lange inmitten der Ruinen gelebt, dass er sie nicht mehr bemerkte. Seine Uniform passte zu einem Kommandanten in diesem viergeteilten neuen Deutschland, eine Art internationales Halbzivil, das in dieser orientierungslosen, von immer neuen Regelungen überrannten Nachkriegszeit anstandslos durchging.

Lewis schätzte die amerikanischen Handschuhe, aber die meiste Freude hatte er an seinem Schaffellmantel, der von der russischen Front zu ihm gefunden hatte – der Amerikaner hatte ihn einem deutschen Luftwaffe-Leutnant abgeknöpft, der ihn wiederum von einem gefangen genommenen Rote-Armee-Obristen einkassiert hatte. Wenn es mit dem Wetter so weiterging, würde Lewis ihn bald tragen.

Es war eine Erleichterung, von Wilkins wegzukommen. Der junge Offizier gehörte zu der neuen Brigade von Staatsdienern, aus denen sich die »Kontrollkommission für Deutschland« zusammensetzte, wie sich die Militärregierung der britischen Besatzungszone nannte, eine aufgeblähte Truppe von Klemmbrett-Strategen, die sich als Architekten des Wiederaufbaus begriffen. Wenige davon hatten den Krieg tatsächlich erlebt oder einen Deutschen auch nur gesehen, was es ihnen erlaubte, auf abstraktem Weg Entscheidungen zu fällen, die sie alsdann im Brustton der Überzeugung verkündeten. Wilkins würde sicher bald zum Major befördert.

Lewis zog ein versilbertes Zigarettenetui aus dem Mantel und klappte es auf. Das spiegelglatte Metall, das er regelmäßig polierte, blinkte in der Sonne. Das Etui war das Einzige von materiellem Wert, das er bei sich hatte, ein Abschiedsgeschenk von Rachael, das sie ihm vor drei Jahren zugesteckt hatte, am Gartentor ihres letzten richtigen Hauses in Amersham. »Denk an mich, wenn du rauchst«, hatte sie ihn aufgefordert, und das hatte er auch versucht, fünfzig-, sechzigmal am Tag, drei Jahre lang, ein kleines Ritual, das die Flamme der Liebe am Brennen halten sollte. Er zündete sich eine Zigarette an und dachte an diese Flamme. Mit dem räumlichen und zeitlichen Abstand fiel es leicht, sie sich heißer vorzustellen, als sie war. Die Erinnerung an den Sex mit seiner Frau, an ihren olivenglatten Körper, an seine Rundungen hatte ihm durch die kalten und einsamen Monate geholfen (je länger der Krieg dauerte, desto glatter erschien ihm ihr Körper, desto üppiger seine Kurven). Mit diesem Fantasiebild seiner Frau hatte er sich so angefreundet, dass ihn die Aussicht, sie tatsächlich bald zu berühren und ihren Duft einzuatmen, eher beunruhigte.

Ein windschnittiger schwarzer Mercedes 540K mit einem britischen Wimpel auf der Motorhaube hielt vor der Treppe des Hauptquartiers. Der Union Jack war das einzige Unstimmige daran. Trotz der belastenden Nazi-Assoziationen mochte Lewis den Wagen, seine Linien, das seidige Schnurren seines Motors. Er hatte etwas von einem Ozeandampfer, und der extrem verhaltene Fahrstil seines Chauffeurs, Herrn Schröders, verstärkte noch den Eindruck schiffsähnlichen Dahingleitens. Der Wagen hätte sich auch durch noch so viele britische Hoheitszeichen nicht »entgermanisieren« lassen. Zum britischen Militärpersonal passte der plumpe, wuchtige Austin 16, nicht aber diese raubtierhaft schöne Limousine, die die ganze Welt eroberte.

Lewis stieg die Stufen herunter und salutierte andeutungsweise vor seinem Fahrer.

Schröder, ein dünner, unrasierter Mensch mit schwarzem Umhang und schwarzer Mütze, sprang aus dem Fahrersitz und ging rasch zur Fondtür auf der anderen Seite. Er verbeugte sich kurz in Lewis’ Richtung und öffnete die Tür, wobei sein Umhang die Bewegung schwungvoll unterstrich.

»Der vordere Sitz tut’s auch, Herr Schröder.«

Schröder schien Lewis’ Selbstbescheidung zu irritieren. »Nein, Herr Kommandant.«

»Wirklich. Das istsehr gut«, wiederholte Lewis mit seinen paar Brocken Deutsch.

»Bitte, Herr Oberst.«

Schröder schlug die Fondtür wieder zu und hob die Hand: Lewis sollte keinen Finger rühren.

Lewis spielte mit und trat zurück, fand aber die Unterwürfigkeit des Deutschen deprimierend; das war die Körpersprache des Besiegten, der um die Gunst des Siegers buhlt. Im Wagen gab Lewis seinem Chauffeur den Zettel mit der Adresse des Hauses, das für die nächste Zukunft wohl sein Zuhause würde. Der Fahrer warf nur einen kurzen Blick darauf und nickte; das Ziel fand seine Billigung.

Schröder musste um die Bombenkrater herumkurven, die das Kopfsteinpflaster mit Pockennarben überzogen hatten, ebenso um die Rinnsale von Menschen, die benommen und matt dahintrotteten, ohne bestimmtes Ziel, beladen mit den Überbleibseln ihres früheren Lebens, eingepackt in Bündeln, Säcken, Kisten und Kartons. Eine schwere, fast greifbare Unruhe ging von ihnen aus; sie wirkten wie zurückgeworfen in das Entwicklungsstadium nomadischer Sammler.

Der Nachhall eines gewaltigen Lärms hing über der Szene. Etwas nicht von dieser Welt hatte dreingeschlagen und diesen Ort zu einem wüsten Puzzle zersprengt, das wieder zu dem alten Bild zusammengesetzt werden sollte. Aber hier ließ sich nichts mehr zusammensetzen, das alte Bild würde nie mehr erstehen. Dies war die Stunde Null. Diese Leute fingen ganz von vorne an und scharrten aus dem Nichts das Nötigste zusammen. Zwei Frauen schoben und zogen gemeinsam einen Pferdewagen, auf dem sich Möbel türmten. Ein Mann mit Aktentasche schritt voran, als suche er das Büro, wo er gearbeitet hatte; er würdigte das ungeheuerliche Zerstörungswerk keines Blickes, als wäre diese apokalyptische Architektur ganz normal.

So weit das Auge reichte, dehnten sich die Trümmer dieser Stadt; der Schutt reichte bis zum ersten Stock jedes noch stehenden Gebäudes. Schwer zu glauben, dass hier einmal Menschen Zeitung gelesen, Kuchen gebacken und überlegt hatten, welche Bilder sie an die Wohnzimmerwände hängen sollten. An einer Straßenseite ragte eine Kirchenfassade auf, mit Himmel statt Buntglas und Wind statt einer Gemeinde. Auf der anderen Straßenseite standen Mietshäuser da wie riesige Puppenhäuser, vollständig erhalten bis auf die Fassaden, die komplett weggebrochen waren und so jedem erlaubten, in die Zimmer mit ihren Möbeln hineinzusehen. In einem dieser Zimmer stand vor einem Frisiertisch eine Frau und bürstete, blind für Wind, Wetter und fremde Blicke, einem kleinen Mädchen liebevoll die Haare.

Ein Stück weiter unten an der Straße hatten sich ein paar Frauen und Kinder um Schutthaufen versammelt, stöberten nach Essbarem oder versuchten Bruchstücke ihres alten Lebens zu retten. Schwarze Kreuze kennzeichneten Stellen, wo Leichen lagen, die noch beerdigt werden mussten. Und überall ragten die seltsamen Röhrenkamine einer unterirdischen Stadt aus dem Boden und bliesen schwarzen Rauch in den Himmel. »Kaninchen?«, fragte Lewis, der aus verborgenen Löchern graue Wesen auftauchen sah.

»Trümmerkinder!«, sagte Schröder mit plötzlichem Zorn. Und Lewis sah, dass die hochschnellenden Geschöpfe tatsächlich Kinder waren, vom Mercedes aus ihren Löchern gelockt.

»Ungeziefer!«, spie Schröder unnötig heftig den drei Kindern entgegen, die ihm vor den Kühler liefen – ob Jungen oder Mädchen, war kaum zu erkennen. Schröder hupte warnend, aber das schwarze heranrollende Ungetüm schreckte sie nicht. Sie wichen nicht von der Stelle und zwangen den Wagen zum Anhalten.

»Weg! Aber zack, zack!«, schrie Schröder, der so in Wut geraten war, dass seine Halsschlagadern pochten. Er drückte noch einmal auf die Hupe, aber eines der Kinder, ein Junge mit Morgenmantel und englischem Helm, marschierte furchtlos zur Beifahrerseite, wo Lewis saß, sprang auf das Trittbrett und klopfte an die Scheibe. »Haste was für mich, Tommy? Sandwich? Schokolade?«

»Runter da! Aber plötzlich!« Schröder sprühte Lewis Spucke ins Gesicht, als er sich über den Colonel beugte und dem Jungen mit der Faust drohte. Inzwischen waren die beiden anderen Kinder auf die Motorhaube geklettert und versuchten, den Chromstern mit den drei Strahlen abzupflücken.

Schröder drehte sich um und sprang aus dem Wagen. Er stürzte auf die Kinder los, die von der Motorhaube hüpften und sich in Sicherheit bringen wollten, und erwischte den Zipfel eines Nachthemds. Er zerrte das verwahrloste Kind zu sich heran, packte es mit einer Hand am Kragen und begann, auf es einzuprügeln.

»Schröder!« Zum ersten Mal seit Monaten wurde Lewis laut und war selbst so überrascht darüber, dass sich seine Stimme überschlug.

Schröder schien ihn nicht zu hören und drosch barbarisch weiter.

»Halt!« Lewis stieg aus, um dazwischenzugehen; die anderen Kinder wichen zurück vor Angst, dass jetzt auch sie Dresche kriegten. Diesmal hörte der Fahrer und hielt mit einer seltsamen Miene inne, halb beschämt, halb selbstgerecht. Er ließ das Kind laufen und kehrte unter Gegrummel zum Wagen zurück, noch keuchend von der Anstrengung.

Lewis rief den Kindern auf Deutsch zu: »Hierbleiben!«

Der älteste Junge machte kehrt und kam auf den Engländer zu, seine Kumpel folgten ihm zögernd. Weitere kleine Wilde kamen heran – vielleicht fiel auch für sie etwas ab –, verwahrloste Kinder, unkenntlich vor Schmutz. Aus der Nähe nahm Lewis den säuerlichen Ketongeruch des Hungers wahr. Alle streckten diesem freundlichen englischen Gott, der in seiner schwarzen Kutsche vorbeifuhr, flehende Hände entgegen. Lewis holte aus dem Auto seinen Rucksack, in dem er eine Tafel Schokolade und eine Orange verstaut hatte. Er händigte die Schokolade dem Ältesten aus.

»Verteilen!«, wies er ihn an. Dann gab er die Orange dem kleinsten Kind, einem vielleicht fünf- oder sechsjährigen Mädchen, dessen Leben so lang war wie der Krieg, und wiederholte die Aufforderung, die Frucht zu teilen. Aber das Mädchen biss sofort hinein wie in einen Apfel und begann zu kauen – Schale, Kerne, alles. Lewis versuchte mit Gesten zu erklären, dass die Frucht geschält werden müsse, aber die Kleine schirmte ihr Geschenk mit der Hand ab, aus Angst, sie müsse es zurückgeben.

Mehr Kinder drängten mit ausgestreckten Händen heran, darunter auch ein einbeiniger Junge, der sich auf einen Golfschläger stützte.

»Schokolade, Tommy! Schokolade, Tommy!«, riefen sie.

Lewis konnte nichts Essbares mehr verteilen, hatte aber etwas noch Wertvolleres. Er nahm sein Zigarettenetui heraus und klopfte zehn Players heraus. Die reichte er dem ältesten Jungen, dem die ohnehin schon aufgerissenen Augen hervortraten, als er das Gold in seinen Händen sah und spürte. Lewis wusste, dass seine Transaktion illegal war – er hatte erstens mit Deutschen fraternisiert und zweitens dem Schwarzmarkthandel Vorschub geleistet. Aber das war ihm egal, diese zehn Players würden bei einem Bauern in Nahrungsmittel umgesetzt. Die Gesetze und Vorschriften, die die neue Ordnungsmacht erlassen hatte, waren am Schreibtisch ersonnen, in einer Atmosphäre von Rache und Angst. Aber jetzt und bis auf Weiteres war er, Lewis, auf diesem Stück Land das Gesetz.

Stefan Lubert stand vor seinem verbliebenen Personal – dem hinkenden Gärtner Richard, dem stets atemlosen Dienstmädchen Heike und der dickschädeligen Köchin Greta, die den Haushalt seit dreißig Jahren versorgte – und gab letzte Anweisungen. Heike weinte schon jetzt.

»Seien Sie höflich und verhalten Sie sich bei ihm nicht anders als bei mir. Sie auch, Heike? Alle, bitte. Wenn der britische Offizier Ihnen anbietet, für ihn zu arbeiten, zieren Sie sich nicht und nehmen Sie an. Ich bin nicht beleidigt, sondern froh, wenn Sie hierbleiben und ein Auge auf die Dinge haben.«

Er beugte sich vor und wischte eine Träne von Heikes runder Wange.

»Heike, ich bitte Sie! Keine Tränen mehr. Seien Sie dankbar, dass wir nicht die Russen hier haben. Die Engländer sind vielleicht unkultiviert, aber nicht brutal.«

»Möchten Sie, dass ich Erfrischungen serviere, Herr Lubert?«, fragte Heike gequält.

»Selbstverständlich. Das ist ein Gebot der Höflichkeit.«

»Wir haben keine Kekse«, erklärte Greta. »Nur den Kuchen.«

»Wunderbar. Machen Sie Tee, keinen Kaffee. Kaffee haben wir sowieso nicht, dann passt es ja. Und servieren Sie in der Bibliothek. Hier ist es zu hell.« Lubert hatte gehofft, der Offizier käme an einem trüben, grauen Tag, aber die Frühherbstsonne strahlte mit ihrem schönsten Licht durch die Jugendstil-Buntglasscheiben, die das hohe Fenster gegenüber der Galerie schmückten, fiel auf den Boden der Eingangshalle und machte das Haus nur noch einladender. »Wo ist denn Frieda?«

»In ihrem Zimmer, Herr Lubert«, sagte Heike.

Lubert stählte sich innerlich. Der Krieg war seit über einem Jahr vorbei, aber seine Tochter hatte immer noch nicht kapituliert. Er musste ihren kleinen Putsch auf der Stelle niederschlagen. Müde stieg er die Treppe hoch, klopfte an Friedas Zimmer und rief wiederholt ihren Namen. Er wartete auf eine Antwort, die, wie er schon wusste, nicht kommen würde. Schließlich trat er ein. Frieda lag auf ihrem Bett, die gestreckten Beine ein paar Zentimeter über die Matratze angehoben. Auf den Füßen balancierte sie ein Buch, eine signierte Ausgabe von Thomas Manns Zauberberg, die seine Frau ihm zum dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte. Frieda reagierte nicht auf die Anwesenheit ihres Vaters, sondern konzentrierte sich weiter darauf, die mit dem Gewicht beschwerten Beine in der Luft zu halten. Sie begannen vor Anstrengung zu zittern. Wie lange hielt sie diese Position schon? Eine, zwei, fünf Minuten? Sie begann heftig durch die Nase zu atmen, um die Anstrengung zu überdecken, sie wollte keine Schwäche zeigen. Ihre Kraft war beeindruckend, aber freudlos. Frieda führte diese Übung wie vieles andere aus der BDM-Zeit auch nach dem Krieg gewissenhaft weiter.

Kraft ohne Freude.

Friedas Gesicht lief rot an, Schweißperlen traten ihr auf die Stirn. Als ihre Beine von einer Seite zur anderen zu schwanken begannen, ließ sie sie nicht etwa fallen, sondern senkte sie kontrolliert, wie aus eigenem Willen.

»Du solltest es mit Shakespeare probieren, oder vielleicht mit dem Atlas«, sagte Lubert. »Das wäre eine bessere Kraftprobe.« Zwar wurden seine Witze in der Regel mit schneidender Wucht abgeschmettert, aber ein leichter Ton war immer noch seine bevorzugte Waffe gegen ihre Humorlosigkeit und finstere Laune.

»Die Bücher sind doch egal«, sagte sie.

»Der englische Offizier wird gleich da sein«, sagte er.

Frieda setzte sich mit einem Ruck auf, ohne sich mit den Armen abzustützen. Sie schwang die Beine auf den Boden und wischte sich den Schweiß aus der Stirn in ihre geflochtenen Haare. Der hässliche, herausfordernde Blick, den sie sich seit ein paar Jahren angewöhnt hatte, tat Lubert weh. Sie starrte ihren Vater an.

»Ich möchte gern, dass du ihn begrüßt«, sagte er.

»Wieso?«

»Weil …«

»Weil du Mutters Haus kampflos aufgeben wirst.«

»Frieda. Red nicht so. Komm doch runter. Für Mutti?«

»Sie würde nicht ausziehen. Sie würde das nie zulassen.«

»Komm.«

»Nein. Du musst schon bittebitte sagen!«

»Ich möchte gern, dass du jetzt runterkommst. Bitte.«

»Blöder Bettler.«

Ihm klopfte das Herz. Weil er ohnehin jedes Blickduell mit seiner Tochter verlor, wandte er sich ab und ging. Unten an der Treppe fiel sein Blick zufällig in den Spiegel. Er sah hager und bleich aus, seine Nase hatte etwas von ihren energischen Konturen verloren, aber er hoffte, dies wäre von Vorteil. Er trug den Anzug mit den meisten Mottenlöchern. Er wusste, dass er sein Haus würde aufgeben müssen, eines der prächtigsten an der Elbchaussee, zu dem ein englischer Offizier mittleren Dienstgrads, ausgehungert nach Luxus, nicht Nein sagen würde. Trotzdem war es wichtig, den richtigen Eindruck zu vermitteln. Lubert hatte gehört, dass die Alliierten sich seit der Kapitulation Kostbarkeiten aller Art unter den Nagel rissen, und die Engländer waren als Imperialisten und Kulturbanausen bekannt dafür, dass sie die Kulturgüter anderer malträtierten; er sorgte sich vor allem um die Gemälde Fernand Légers und die Holzschnitte Emil Noldes, die in den Haupträumen hingen. Aber er redete sich ein, wenn er sich nur richtig verhielte, würde sich der englische Offizier eine gute Meinung über ihn bilden und seinen Besitz nicht schädigen. Er stocherte in der Asche von gestern Abend und ordnete die Holzreste ein wenig anders an, um deutlich zu machen, dass sie Möbel verbrannt hatten. Dann zog er das Jackett aus, lockerte die Krawatte und nahm eine Pose zwischen Respekt und Würde ein: Er ließ die Hände seitlich hängen und stellte ein Bein etwas schräg. Aber dann hatte er das Gefühl, dies sei zu lässig, zu formlos, zu vertraulich, käme seinem wahren Ich zu nahe. Er schlüpfte wieder ins Jackett, zog die Krawatte fest, strich sich die Haare glatt nach hinten und stand aufrechter, die Hände kleinlaut vor der Hose verschränkt. So war es besser: So trat ein Mann auf, der bereit war, sein Haus ohne Groll abzutreten.

Lewis und Schröder sprachen die restliche Fahrt kein Wort. Lewis sah, wie Schröders Lippen sich bewegten, wie er die Begegnung mit den verwahrlosten Kindern noch einmal durchspielte und stumm seinem Ekel und Ärger Ausdruck gab, aber er sagte lieber nichts mehr dazu. Bald erreichten sie die äußere Stadtgrenze, den Rand des Gebiets, das die Briten und Amerikaner vor drei Jahren so gründlich zerbombt hatten. Der Belag der platanengesäumten Straße war hier unversehrt, hinter den hohen Hecken und Toren lagen intakte Villen. Dies war die Elbchaussee mit den Häusern der Bankiers und Kaufleute, die Hamburg so reich und seinen Hafen und die Industrie- und Arbeiterviertel zu einem so attraktiven Bombenziel gemacht hatten. Diese Häuser waren größer, moderner und eindrucksvoller als alles, was Lewis außerhalb von London gesehen hatte, eindrucksvoller als jedes Haus, das er für sich selbst ins Auge gefasst hätte.

Die Villa Lubert war das letzte Haus an der Straße, bevor sie sich in einem Bogen von der Elbe entfernte. Als Lewis die Villa zum ersten Mal sah, fragte er sich, ob Captain Wilkins wohl ein Irrtum unterlaufen war. Das Haus, das am Ende einer langen, pappelbestandenen Auffahrt lag, sah aus wie eine riesige, weiße Hochzeitstorte, ein wahrer Prachtbau mit Portikus und einem großen, halbrunden Balkon, der auf glyzinienumrankten Säulen ruhte. Er ging zur Elbe hinaus, die etwa zweihundert Meter entfernt vorbeifloss. Zum Eingangsbereich im Hochparterre, gut einen Meter über der Bodenkante, führte ein imposanter steinerner Treppenaufgang hinauf. Auf Lewis wirkten die strahlende Eleganz und schiere Größe des Hauses wie ein Schock. Es war nicht direkt ein Palast, aber doch eine Residenz, die besser zu einem General oder Kanzler gepasst hätte als zu einem hochgedienten Colonel, der nie ein eigenes Haus besessen hatte.

Als der Mercedes in die Auffahrt einbog, sah Lewis drei Personen – zwei Frauen und einen Mann, wohl der Gärtner –, die sich zur Begrüßung aufgestellt hatten. Ein hochgewachsener Gentleman in einem zu weiten Anzug kam die Treppe herunter und trat dazu. Schröder folgte dem Bogen der Auffahrt und kam genau vor dem Begrüßungskomitee zum Stehen. Lewis wartete nicht, bis sein Chauffeur ihm die Tür öffnete, sondern stieg gleich aus und ging auf den Mann zu, in dem er Herrn Lubert vermutete. Lewis salutierte schon halb und ließ erst im letzten Moment die Hand sinken, um die seines Gastgebers zu schütteln.

»Guten Abend«, sagte er. »Colonel Lewis Morgan.«

»Willkommen, Herr Oberst. Wir können gern Englisch sprechen.«

Lubert umschloss Lewis’ Hand mit einem freundlich festen Händedruck. Selbst durch die Handschuhe fühlte sich Luberts Hand wärmer an als seine eigene. Lewis nickte den Frauen und dem Gärtner zu. Die Dienstmädchen verbeugten sich, die Jüngere sah ihn neugierig an, als wäre er der letzte Vertreter eines untergegangenen Stammes. Sie schien ihn lustig zu finden – vielleicht seine deutsche Aussprache oder seine merkwürdige Uniform –, und Lewis erwiderte ihr Lächeln.

»Und das ist Richard.«

Der Gärtner schlug die Hacken zusammen und streckte ihm den Arm entgegen.

Lewis ergriff seine schwielige Hand und ließ sich den Arm auf und nieder zerren wie einen Motorkolben.

»Bitte kommen Sie herein«, sagte Lubert.

Schröder blieb auf Lewis’ Geheiß im Wagen zurück, wo er bei offener Tür auf dem Fahrersitz saß, die Füße auf dem Trittbrett, nach der Zurechtweisung immer noch schmollend. Lewis folgte Lubert die Stufen hoch ins Haus.

Drinnen offenbarte das Haus sein wahres Wesen. Lewis gefiel die Einrichtung nicht besonders, die futuristischen Möbel und die sperrige, schwierige Kunst an den Wänden – das war ihm zu modern, zu überspannt. Aber die Qualität des Baus, die ganze durchdachte Anlage überragte alles, was er an englischen Häusern gesehen hatte, um Klassen – sogar das Domizil der Bayliss-Hilliers, ein Herrenhaus in Amersham, das Rachael neidvoll als Nonplusultra aller Wohnarchitektur betrachtete. Während Lubert ihn durch sein Heim führte und ihm liebenswürdig die Funktion der Räume und die Geschichte des Hauses erläuterte, begann Lewis sich auszumalen, wie Rachael zum ersten Mal hereinträte und die klaren, luftigen Linien dieser Räume sähe, wie ihre Augen weit würden angesichts der Grandezza ringsum – die marmornen Fensterbänke, der Flügel, der Speiseaufzug, die Dienstmädchenzimmer, die Bibliothek, das Herrenzimmer, die Kunstwerke. Und während er sich das vorstellte, überkam ihn die plötzliche, unerwartete Hoffnung, dass dieses Haus sie irgendwie für die mageren Jahre der Trennung entschädigen würde, die der Krieg ihnen auferlegt hatte.

»Haben Sie Kinder?«, fragte Lubert, als sie die Treppe zu den Schlafräumen hochstiegen.

»Ja. Einen Sohn. Edmund.« Lewis sprach den Namen aus, als müsse er sich erst erinnern.

»Dann hätte Edmund vielleicht gern dieses Zimmer?«

Lubert führte Lewis in einen Raum voller Spielsachen, überwiegend Spielzeug für Mädchen. Ein Schaukelpferd mit Glubschaugen und einer Porzellanpuppe auf dem Damensattel war ganz nach hinten geräumt. Am Fußende eines kleinen Himmelbetts stand, groß wie eine Hundehütte, ein Puppenhaus im Stil eines alten englischen Stadthauses. Auf dem Dach saßen mehrere mittelgroße Puppen und ließen die Beine über die Mansardenzimmer baumeln – eine Phalanx von Porzellanriesinnen, die ein fremdes Haus besetzten.

»Ihr Sohn wird sich nicht an den Mädchensachen stören?«, fragte Lubert.

Lewis war nicht sicher, was Edmund mochte oder nicht mochte. Sein Sohn war zehn gewesen, als er ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Aber nur wenige Kinder hätten etwas gegen einen so großen Raum mit so vielen Schätzen.

»Natürlich nicht«, sagte er.

Mit jedem weiteren prächtigen Zimmer, jedem weiteren intimen Detail, das ihm über die Familie mitgeteilt wurde – »hier kommen wir gern her, um die Schiffe anzuschauen; hier spielen wir gern Karten« –, fühlte sich Lewis unwohler, als häufte ihm Lubert glühende Kohlen aufs Haupt. Ein Anflug von Feindseligkeit oder zumindest ein spröder, stummer Widerstand wäre ihm lieber gewesen, dann hätte er sich verhärten können, und seine Aufgabe wäre ihm leichter gefallen. Aber diese freundliche, fast heimelige Führung durch das Haus machte alles noch schlimmer. Als sie schließlich beim Schlafzimmer des Hausherrn anlangten – dem achten Zimmer auf diesem Stockwerk, mit einem hohen, eher schmalen französischen Bett und darüber einem Ölgemälde, eine mittelalterliche Stadt mit grünen Turmspitzen –, war ihm hundeelend.

»Meine deutsche Lieblingsstadt«, sagte Lubert, als er Lewis die Türme anstarren und nachdenken sah. »Lübeck. Sie sollten sich, wenn möglich, die Stadt einmal ansehen.«

Lewis warf einen letzten Blick auf das Bild, ging dann zu den hohen Glastüren und schaute hinaus auf den Garten und die Elbe dahinter.

»Claudia – meine Frau – hat im Sommer gern hier draußen gesessen.« Lubert öffnete die Türen, die auf den Balkon führten. »Die Elbe«, erklärte er, trat hinaus und beschrieb mit dem Arm einen weiten Bogen. Die Elbe war ein richtig großer, europäischer Strom, mächtiger und langsamer als jeder Fluss in England; hier erreichte sie fast ihre größte Breite – das andere Ufer lag vielleicht eine halbe Meile entfernt. Dieser Fluss und die Lasten, die er trug, hatten Luberts Haus und die meisten anderen am Nordufer erbaut.

»Sie fließt in unsere Nordsee. Ihre North Sea?«, fragte Lubert.

»Letzten Endes ist es dasselbe Meer«, sagte Lewis.

Das schien Lubert zu gefallen, er wiederholte den Satz. »Dasselbe Meer. Ja.«

Andere hätten Luberts Darbietung vielleicht als Versuch betrachtet, Lewis ein schlechtes Gewissen einzujagen, oder hätten in seiner aufrechten Haltung die ganze Überheblichkeit und Arroganz eines Volks entdeckt, das nach der Zerstörung der Welt getrachtet hatte und jetzt die Folgen tragen musste; aber Lewis sah das nicht so. Er erkannte in Lubert einen kultivierten, privilegierten Menschen, der sich demütigte und an die letzten Strohhalme des Anstands klammerte, um den Schaden in seinem bereits ruinierten Leben zu begrenzen. Natürlich zielte Luberts ganzer Auftritt darauf ab, ihn für sich einzunehmen, den Schlag irgendwie abzumildern oder Lewis dazu zu bringen, vielleicht ganz von seinem Vorhaben abzurücken. Aber weder konnte er Lubert deshalb verurteilen, noch konnte er sich in einen künstlichen Zorn hineinsteigern oder den kühlen, rein zweckmäßig entscheidenden Tatmenschen spielen.

»Ihr Haus ist wunderbar, Herr Lubert«, sagte er.

Lubert verneigte sich dankend.

»Es ist mehr, als ich brauche – mehr, als meine Familie braucht«, fuhr Lewis fort. »Und … sicher viel mehr, als wir gewöhnt sind.«

Lubert wartete, dass Lewis zum Ende käme, seine Augen fingen an zu leuchten, in der Vorahnung eines überraschenden Rückzugs.

Lewis blickte über den großen Fluss, der in ihr »gemeinsames« Meer floss – das Meer, das ihm gerade seine eigene, fremd gewordene Familie entgegentrug. »Ich möchte gern eine andere Regelung vorschlagen«, sagte er.

2

»›Gleich werden Sie einem fremden Volk in einem fremden, feindlichen Land begegnen. Halten Sie sich unbedingt von den Deutschen fern. Gehen Sie auf der Straße nicht neben ihnen, schütteln Sie ihnen nicht die Hand, besuchen Sie sie nicht in ihren Wohnungen. Verzichten Sie auf gemeinsamen Sport und sonstige Veranstaltungen. Versuchen Sie nicht, freundlich zu sein – das wird Ihnen als Schwäche ausgelegt. Weisen Sie die Deutschen in ihre Schranken. Zeigen Sie keinen Hass, das würde den Deutschen nur schmeicheln. Bleiben Sie stets kühl, korrekt, knapp und würdevoll auf Distanz. Jedes Frater…Fraternisieren ist unerwünscht.‹«

Edmund wiederholte das Wort. »Fraternisieren? Was heißt denn das? Mummy?«

Bei den Worten »kühl, korrekt, knapp« war Rachael abgeschweift; sie malte sich aus, wie sie unbekannten Deutschen in der geforderten Weise entgegentreten würde. Edmund las gerade in der offiziellen Informationsbroschüre Sie fahren nach Deutschland, die jede britische Familie mit Reiseziel Deutschland ausgehändigt bekam, Teil eines Reisepakets mit vielen Süßigkeiten und einem dicken Bündel Zeitschriften. Edmund laut vorlesen zu lassen, war Rachaels neue Taktik, ein einfacher Trick, mit dem sie ihn dazu brachte, sich mit der Welt zu beschäftigen, während sie ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte.

»Hmmm?«

»Da steht, wir dürfen nicht mit den Deutschen fraternisieren. Was bedeutet das?«

»Das bedeutet … freundlich sein. Wir sollen keine Beziehungen zu ihnen aufnehmen.«

Edmund ließ sich das durch den Kopf gehen. »Nicht mal, wenn wir jemand mögen?«

»Wir werden mit den Leuten nichts zu tun haben, Ed. Es wird nicht nötig sein, dass du dich mit ihnen anfreundest.«

Aber Edmunds Wissbegier war wie eine Hydra; kaum hatte Rachael die letzte Frage geköpft, wuchsen drei neue nach.

»Wird Deutschland wie eine neue Kolonie sein?«

»So in der Art, ja.«

Wie sehr hatte ihr Lewis in den letzten drei Jahren für das ständige Frage-Antwort-Pingpong gefehlt! Der intelligente, neugierige Edmund brauchte ein Gegenüber, einen Resonanzboden. Aber Lewis war weit weg gewesen, und da sich Rachaels aufmerksames Ich, das sie früher einmal besessen hatte, bis auf Weiteres davongemacht hatte, beantwortete sie Eds Fragen meist nur mit einem abwesenden, gedankenverlorenen Nicken. Edmund hatte sich so an die verzögerten Reaktionen seiner Mutter gewöhnt, dass er alles zweimal sagte, als wäre sie eine alte, schwerhörige Tante, mit der man Geduld haben musste.

»Müssen die jetzt Englisch lernen?«

»Das kann gut sein, Ed, ja. Bitte lies weiter.«

Edmund fuhr fort:

»›Auf den ersten Blick werden Sie wahrscheinlich denken, dass uns die Deutschen sehr ähneln. Sie sehen aus wie wir, nur gibt es weniger Vertreter des drahtigen Typs und mehr große, korpulente, blonde Männer und Frauen, vor allem im Norden. Aber der Schein trügt: In Wirklichkeit sind sie uns nicht so ähnlich.‹« Edmund nickte erleichtert. Doch was dann kam, brachte ihn richtig aus der Fassung. »›Die Deutschen sind sehr musikliebend. Beethoven, Wagner und Bach waren alles Deutsche.‹« Er brach verwirrt ab. »Stimmt das? Bach war ein Deutscher?« Bach war ein Deutscher, doch Rachael brachte es kaum über sich, es zu bestätigen. Das Schöne gehörte doch auf die Seite der Guten, oder?

»Deutschland war damals anders«, sagte sie. »Lies weiter. Das ist interessant …«

Die Broschüre weckte in Rachael schlichte, beruhigende Emotionen. Sie stimmte der Grundaussage zu: Letztlich sind die Deutschen einfach böse. Diese Vorstellung hatte dem großen Ziel gedient, sie alle durch den Krieg zu bringen, hatte einen Konsens erzeugt, durch den sich jede Frage nach sonstigen Schuldigen erübrigte. Man konnte den Deutschen die Schuld an so gut wie allem geben, was in der Welt schieflief: an Missernten, am Brotpreis, an der laxen Moral der jungen Generation, am Rückgang der Gottesdienstbesuche. Eine ganze Weile hatte sich Rachael dieser Meinung angeschlossen, die ihr eine Pauschalerklärung auch für ihre persönlichen, eher banalen Widrigkeiten lieferte.

Dann hatte eines Tages im Frühling 1942 eine Heinkel He 111, die von einem Luftangriff auf die Raffinerien von Milford Haven zurückkehrte, eine übrig gebliebene Bombe als Ballast abgeworfen. Diese Bombe hatte ihren vierzehnjährigen Sohn Michael getötet und das Haus ihrer Schwester zerstört; sie selbst war wie eine Marionette quer durch das ganze Wohnzimmer geschleudert worden. Zwar stand sie unverletzt aus den Trümmern auf, aber tief in ihr hatte sich, keinem Chirurgen zugänglich, ein Phantomsplitter festgesetzt, der ihre Gedanken vergiftete und ins Stolpern brachte. Diese sinnlose Bombe hatte ihren Glauben, dass das Leben grundsätzlich gut war, vernichtet und wie Staub in den Äther geblasen; ihr blieb ein Dröhnen im Kopf, das mit dem Ende des Kriegs nur noch lauter wurde.

Im kleinen Kreis ihrer Bekannten hatten andere, statistisch gesehen, höhere Verluste erlitten – beide Söhne der Blakes waren bei der Landung der Alliierten in der Normandie umgekommen; als George Davies aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, musste er erfahren, dass seine Frau und seine Kinder bei einem Bombenangriff auf Cardiff getötet worden waren. Doch Rachael fand im Kummer der anderen keinen Trost. Schmerz ist ein ureigener Besitz und bleibt durch eine Demokratie des Leidens ungemildert.

Die Deutschen zu verteufeln brachte ihr nur kurze Erleichterung. Nach der Explosion hatte sie durch die glimmenden, dachlosen Sparren in den Himmel geblickt und sich vorgestellt, wie die Soldaten lachend nach Deutschland zurückflogen. Aber Männer zu verurteilen, die ihre Pflicht taten, hinterließ in ihr nur Leere. Sie hatte kurz an die Schuld ihres Führers gedacht, aber jeder Gedanke an diesen Mann schien das Andenken ihres Sohnes zu besudeln.

Als nach einigen Wochen ihr Gefühl zurückkehrte, entdeckte sie, dass sie nicht mehr beten konnte wie früher immer; gleichzeitig stellten sich unerwartete Zweifel ein, ob es Gott überhaupt gab. Dieser Gott, den sie sich immer an ihrer Seite vorgestellt hatte, fühlte sich plötzlich genauso fern und abstrakt an wie ein »Führer«. Sie reagierte nicht mit dem erbitterten Aufschrei einer Gläubigen – mit Gott zu hadern setzt Glauben voraus –, sondern mit dem Schweigen eines Menschen, der sich fragt, ob er je wirklich geglaubt hat. Reverend Prings Worte, wir würden »am Leid wachsen«, verstärkten nur das seltsame Gefühl göttlicher Abwesenheit. Als der Pastor damit trösten wollte, dass auch der Gott, an den sie glaubten, einen Sohn verloren hatte, konterte sie mit überraschender Schärfe, ER habe den seinen wenigstens nach drei Tagen zurückbekommen. Der verblüffte Pastor ließ dies ein paar Augenblicke so stehen, bis er ihr im beruhigendsten Tonfall, dessen er mächtig war, erklärte, dass alle, die an jene Auferstehung glaubten, dieselbe Hoffnung haben durften. Rachael schüttelte den Kopf. Sie hatte den zerschlagenen Körper ihres Sohnes gesehen, als er unter den Balken hervorgezogen wurde, das unschuldige Gesicht weiß von Staub und Tod. Für Michael würde es keine Auferstehung geben.

In harten Zeiten war Selbstmitleid ein streng rationiertes Gut, mit dem man sich lieber nicht in der Öffentlichkeit zeigte. Dennoch ließ in Rachael der Eindruck nicht nach, dass der Krieg ihr besonders übel mitgespielt hatte – sie fühlte sich wie König Lear als jemand, an dem gesündigt ward, mehr als er sündigte. Ohne einen Gott, den sie zur Rechenschaft ziehen konnte, kehrte sie bei der Suche nach einem Schuldigen auf die Erde zurück und fand auch einen. Es war nicht der, den sie erwartet hatte, und sie schob den Gedanken erst auf ihre »angegriffenen Nerven«, wie Doktor Mayfield es formuliert hatte, und versuchte ihn zu unterdrücken. Lewis – der einen guten, einen heroischen Krieg erlebt hatte – war, als es passierte, weit weg gewesen und hatte in Wiltshire Rekruten ausgebildet. Seine Idee war es gewesen, dass sie von Amersham in den sicheren Westen gehen sollten, »weit weg von der Reichweite der deutschen Luftwaffe und den für sie interessanten Zielen«, und er hatte auch darauf bestanden, dass sie die Jungs mitnahm; allerdings konnte er unmöglich vorhersehen, dass eine deutsche Flugzeugbesatzung nur, weil sie möglichst schnell nach Hause wollte, ausgerechnet dort eine einsame Bombe abwerfen würde. Aber Trauer, vermischt mit anderem unausgesprochenem Groll, kann einen Schwarm lärmender Gedanken aus dem Käfig lassen, die schwer wieder einzufangen sind. Wenn es in Rachael am lautesten tobte, schob sich Lewis’ Gesicht vor alles andere, und dass er nicht da war, vergrößerte seine Schuld. Wenn sie irgendwem Vorwürfe machte, dann ihm.

»Mummy? Mit wem redest du denn jetzt?«, fragte Edmund. Wieder hatten ihre Tagträume sie entführt, und wieder war es der arme Edmund, ihr jüngerer und einziger überlebender Sohn, der sie zurückrufen musste. Durch die Tabuisierung ihres Kummers war alles nach innen gedrängt worden, ins Private, und manchmal entfernte sie sich so weit von der Welt, dass sie jedes Gefühl für Ort und Zeit verlor. Rachael versuchte, sich wieder im Hier und Jetzt einzufinden.

»Mit niemandem, Ed. Ich dachte nur gerade …«, sagte sie. »Mir ist gerade eingefallen … dass ich noch eine Karte für dich habe.« Sie nahm ihr Päckchen Wills aus der Handtasche und zündete sich eine Zigarette an – Doktor Mayfield hatte ihr das Rauchen als »gut für die Nerven« empfohlen. Sie zog die Sammelkarte aus dem Päckchen und gab sie Edmund, der sie begeistert nahm, dann aber wieder hinwarf.

»Die hab ich schon«, sagte er.

Rachael sah sich die Karte an. Die Abbildung zeigte, wie man Fenster gegen Druckwellen schützt. »Die haben noch die langweiligen Karten mit den Kriegsinformationen«, maulte Edmund. »Kannst du nicht mal eine andere Marke rauchen?«

»Dein Vater hat bestimmt neue. Ich glaube, er raucht immer noch seine Players.«

Rachael klopfte die Zigarette über dem Aschenbecher ab und wischte sich ein paar Ascheflocken vom Tweedrock. Zum ersten Mal seit einem Jahr hatte sie beim Ankleiden an Lewis gedacht – sie hatte ihn zuletzt drei kurze, seltsame Tage nach dem 8. Mai 1945 gesehen, als sie sich wie der einzige Mensch in ganz Großbritannien vorkam, der nicht ausgelassen feiern konnte. Jetzt trug sie den Tweedrock, in dem er sie »toll« fand, wie er, ganz untypisch für ihn, einmal gesagt hatte, und hatte sich mit Je Reviens eingesprüht, das er ihr aus Frankreich mitgebracht hatte (»ein Knaller«). Nach den Jahren, in denen man Mäntel aus Vorhängen geschneidert und die Lippen mit Rote-Bete-Saft geschminkt hatte, war ihre Aufmachung fast aufreizend.

Rachaels Blick fiel auf ihr Spiegelbild im Zugfenster, und da bemerkte sie zum ersten Mal die Frau und das Kind, ein etwa zehnjähriges Mädchen, die ihr gegenübersaßen, die eine in die Broschüre vertieft, die andere in ein Comic-Heft. In den Augen der Frau meinte Rachael ein abfälliges Urteil zu lesen.

»Ich glaube, das ist wichtig, Lucy«, sagte sie zu ihrer Tochter. »Premierminister Attlee hat eine Botschaft für uns.« Die Frau las aus der Broschüre vor: »›Die Deutschen werden britische Frauen als Vertreterinnen des britischen Empire betrachten und von ihrem Verhalten und dem ihrer Kinder Rückschlüsse auf die britische Lebensart ziehen, weit mehr als vom Verhalten der Streitkräfte.‹ Daran müssen wir immer denken«, sagte sie. Zwar sah sie dabei ihre Tochter an, doch Rachael spürte, dass die Worte an sie gerichtet waren. Zweifellos hielt diese Musterbritin die viel zu schick gekleidete, zerstreute, in sich versunkene Frau, die ihren Sohn kaum zur Kenntnis nahm und vor sich hin murmelte, für eine selbstsüchtige Ehefrau und ausgesprochen schlechte Mutter, denkbar ungeeignet, ihr Land zu repräsentieren.

»Nachdem die Bombe eingeschlagen hatte, gab es eine Art Pause, alles stand still …« Edmund hielt dramatisch inne. »Und dann wurde jedes Geräusch weggesaugt und die ganze Luft, und meine Mutter … wurde zehn Meter durchs Haus geschleudert.«

Edmund lebte mit seinen elf Jahren in aufregenden Zeiten: Er fuhr auf einem umgebauten deutschen Truppenschiff über die Nordsee seinem Vater entgegen, einem echten Kriegshelden, und würde in einem Land wohnen, in dem das mächtigste, verwerflichste Regime der ganzen Geschichte geherrscht hatte. Besser noch: Er war mit Kriegsgeschichten gerüstet, die die Geschichten aller anderen in den Schatten stellten.

Die Bombe, der Edmunds Bruder zum Opfer gefallen war, hatte auch seine Mutter drei Meter oder sieben Meter (vor dem richtigen Publikum sogar zehn Meter) durch das Wohnzimmer seiner Tante geschleudert. Seitdem litt sie an einem leichten Zittern und brach schnell in Tränen aus (sie weinte beim geringsten Anlass – klassische Musik im Radio, ein hinkender Vogel im Garten), aber das konnte Edmund ihr verzeihen, schließlich lag es ganz klar an Michaels Tod und ihrem knappen Überleben. Wie sie dem Tod von der Schippe gesprungen war, machte ihn irgendwie stolz und lieferte ihm eine gute Geschichte, die er immer weiter ausschmückte.

Jetzt schmückte er sie gerade vor Zuhörern aus, die einwandfrei ein »Zehn-Meter-Publikum« waren: ein etwa dreizehnjähriges Mädchen mit Schönheitsfleck, ein rothaariger Junge, der wie elf aussah, und ein älterer, vielleicht sechzehnjähriger Junge in einer Sportjacke mit Hahnentrittmuster. Die Aufregung der Überfahrt setzte zwar alle Klassenunterschiede vorübergehend außer Kraft, aber Edmund rechnete sich unwillkürlich seinen Platz in dieser neuen Gesellschaft aus, und noch bevor vom militärischen Rang der Väter die Rede war, vermutete Edmund, dass er mit Rotschopf und Schönheitsfleck zumindest auf Augenhöhe war und fast sicher höhergestellt als Hahnentritt, der abseits saß, so tat, als ließe ihn die Überlebensgeschichte von Edmunds Mutter kalt, die Asche von seiner Zigarette schnippte und sich die brillantineglänzenden Haare zurückstrich.

Trotz der betonten Gleichgültigkeit, die Hahnentritt zur Schau trug, spürte Edmund, dass er gebannt zuhörte. Edmund hatte gerade den Moment beschrieben, als die Bombe in das Haus einschlug, einschließlich des donnernden Aufpralls und der eigenartigen Druck- und Sogkräfte der Explosion, die seine Mutter ihm zu erklären versucht hatte. Der Bericht traf im Großen und Ganzen zu, bis auf das Wam-wam-wam der Flugabwehrkanonen, über die Narbeth, die kleine Marktgemeinde im ländlichen Wales, gar nicht verfügt hatte. Edmund erwähnte auch nicht eigens, dass er selbst am Tag des Bombeneinschlags auf einem benachbarten Bauernhof gewesen war.

»Zehn Meter? Das ist fast … dreimal so weit, wie diese Kabine lang ist.« Rotschopf verfolgte die imaginäre Schleuderstrecke der »Fliegenden Mutter« mit einer Kopfdrehung und untermalte ihre Landung irgendwo jenseits des Decks mit einem abschließenden »Mann!«. Wie um allen Zweifeln den Riegel vorzuschieben, beendete Edmund seine Geschichte mit der unbestreitbaren Tatsache von Michaels Tod, dessen Einzelheiten nicht weiter ausgeführt werden mussten.

»Mein Bruder hatte weniger Glück.«

Nachdem Edmund mit der Geschichte Wie meine Mutter dem Tod entkam den Respekt seiner Zuhörer gewonnen hatte, war ihm nun mit der Geschichte Wie mein Bruder starb ihr Mitgefühl sicher.

Es hieß, jeder habe seine eigene »Bombengeschichte«, aber Edmund war noch niemandem begegnet, dessen Geschichte es mit der seinen aufnehmen konnte. Er wartete, ob einer der drei nun etwas beisteuern würde. Rotschopf räusperte sich und erwähnte einen Cousin, der ums Leben gekommen war, während er sich mit zehn anderen Zuschauern im Alhambra-Kino in Bromley Vom Winde verweht angesehen hatte, aber er hatte diesen Cousin nicht sehr gut gekannt. Hahnentritt blieb stumm, doch Edmund deutete sein Grinsen so, dass er gleich mit einer eigenen Geschichte auftrumpfen würde: Tod durch V1-Rakete? Deutscher Pilot von Baum aufgespießt? Egal. Edmund konnte, wenn nötig, noch eine weitere Geschichte aus dem Ärmel zaubern.

Er zog seine Spielkarten heraus. »Wisst ihr, wie man ein Kartenhaus baut?«, fragte er, breitete die Karten aus und stellte auf dem Ausziehtisch das Fundament der Pyramide auf. Das Rollen des Schiffs verschärfte die Bedingungen.

»Wir müssen unsere Kabine mit einer anderen Familie teilen«, sagte Schönheitsfleck. »Mein Vater ist nur Captain.« Sie hatte innerlich bereits die Größe von Edmunds Unterbringung vermessen, die dem Rang seines Vaters entsprach. »Aber meine Mutter hofft, dass er bald Major wird, dann kriegen wir ein besseres Haus in Deutschland. Was hat dein Vater denn für einen Rang?«

Edmund warf einen raschen Blick zu Hahnentritt hinüber, um sich zu vergewissern, dass er zuhörte. Hier bot sich die Chance, seinen größten Trumpf lässig und bescheiden auszuspielen. Wenn Wie meine Mutter dem Tod entkam ein Full House war, dann war Wie mein Vater einen Orden verdiente sein Royal Flush.

»Am Anfang des Kriegs war er auch nur Captain. Er wurde rasch zum Major befördert, hat einen Orden bekommen und wurde noch einmal befördert – vom Major direkt zum Colonel, den Lieutenant Colonel hat er übersprungen.«

»Wofür hat er denn den Orden bekommen?« Hahnentritt hatte angebissen; seine Aussprache verriet Edmund, dass er aus unteren Schichten kam, aber eine höhere Bildung anstrebte: Sicher bereitete er sich auf die Aufnahme in einer staatlichen Grammar School vor, aber auch noch so viel Sprechtraining konnte seine Herkunft nicht verschleiern.

Edmund brauchte kaum eine Aufforderung; er erzählte, wie sein Vater in die Ems gesprungen war, zur Rettung zweier Pioniere, die in einem Laster eingeschlossen waren. Und wie er aufpassen musste, dass ein deutscher Scharfschütze nicht auf ihn aufmerksam wurde. Edmund erzählte die Geschichte nicht zum ersten Mal und hatte gelernt, dramatisch innezuhalten, kurz bevor sein Vater, nachdem er eine Strecke getaucht war und die Männer befreit hatte, wieder an Land kam und es auch noch schaffte, den Scharfschützen mit einer Granate auszuschalten. Danach herrschte ehrfürchtige Stille, bis Hahnentritt fragte:

»Was hat er denn für einen Orden gekriegt?«

»Den OBT – Orden für besondere Tapferkeit.«

»Ach so. Orden für besondere Trottel, meinst du.« Hahnentritt lachte spöttisch; damit stiegen Zweifel in den Zuhörern hoch wie das Emswasser im Laster. Edmund merkte, wie seine Geschichte zu sinken begann. Schönheitsfleck stellte mit einer Aussage, der alle zustimmen konnten, wieder eine gewisse Einigkeit her:

»Nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher.«

Edmund und Rotschopf nickten, während Schönheitsfleck weitere Einblicke in die wahre Natur der Deutschen von sich gab, Einblicke, die sie auf dem Knie ihrer Großmutter erworben hatte:

»Meine Oma hat immer gesagt, wenn du ihnen in die Augen schaust, kannst du den Teufel sehen …«

Auch Rotschopf hatte seine Hausaufgaben gemacht: »Wir dürfen nicht mit ihnen reden und sie schon gar nicht anlächeln. Und sie müssen vor uns salutieren und tun, was wir sagen.«

»Und wir dürfen nicht mit ihnen fraternisieren«, fügte Edmund hinzu, erfreut, dass er das neue Wort anbringen konnte.

Hahnentritt zündete sich wieder eine an und schüttelte den Kopf. Edmund bewunderte ihn insgeheim, wie er den Rauch durch die Nase ausstieß und absolut nichts glaubte, was die anderen sagten.

»Jetzt hört mir mal zu. Ihr habt ja keine Ahnung. Es gibt nur eins, was ihr über Deutschland zu wissen braucht …« Er streckte ihnen seine Zigarette hin. »Mit einer einzigen davon könnt ihr ein ganzes Brot kaufen. Mit hundert ein Fahrrad. Wenn ihr genug Zigaretten habt, könnt ihr leben wie ein König.«

Damit zog Hahnentritt noch einmal mit übertriebener Inbrunst an seiner Zigarette und blies ihnen den Rauch ins Gesicht, sodass alle blinzeln mussten außer Edmund, der die Augen lange genug aufriss, um sein Kartenhaus zusammenstürzen zu sehen.

Der Club der »Frauen der bereits in Deutschland stationierten Militärs« versammelte sich im Gesellschaftsraum des Schiffes. Man hatte sich bemüht, die Herkunft dieses Schiffes zu vertuschen; alle Spuren, dass es einst die Waffen-SS zu den frisch eroberten Häfen Oslo und Bergen transportiert hatte, waren mit limettengrüner und cremeweißer Farbe überpinselt und mit fröhlichen Wimpeln überdeckt. Nur das schärfste Adlerauge würde auf der Reling an Deck den alten Schriftzug bemerken, der der Welt kundtat, dass der Gefreite Tobias Messer lange genug hier gestanden hatte, um seinen Namen für die Nachwelt einzuritzen.

Die Empire Halladale war das Flaggschiff der Operation Familienzusammenführung, und seine Passagiere waren Vertreter einer immer noch großen Weltmacht, einer Nation, die sogar in mageren Zeiten in der Lage war, ihren Bürgern Sondervergünstigungen zu bieten. Der Zeitpunkt war gut gewählt, um England zu verlassen, um wegzukommen von den Comicfiguren Potato Pete und Doctor Carrot, die nicht nur Kinder ermutigen sollten, Gemüse aus dem heimischen Vorgarten zu essen, wegzukommen von den »Strümpfen«, die man sich mit eingekochter Brühe auf die Beine malte, weg vom gnadenlosen Sparzwang. Dieser kleine schwimmende Ableger des Empire schien sich über alle diese Nöte lustig zu machen und versprach für die nahe Zukunft ein Leben auf großem Fuß.

Rachael saß mit drei Offiziersfrauen zusammen und verglich Listen von Haushaltsinventar. Die ihre umfasste drei Seiten, schließlich war sie die Frau eines Colonel, die von Mrs. Burnham (Frau eines Majors) zweieinhalb Seiten und die von Mrs. Eliot und Mrs. Thompson (Captains) zwei Seiten. Was gäbe es für einen schlagenderen Beweis für das Wunder der britischen Bürokratie: Sogar in diesen bankrotten Zeiten scharrte sie die nötigen Gelder zusammen, um entscheiden zu können, dass die Frau eines Captain kein Teeservice für vier Personen benötigte, eine Majorsfrau jedoch das volle Speiseservice und nur die Frauen befehlshabender Offiziere dazu noch eine Portweinkaraffe. Rachael war die Ranghöchste der Gruppe, trat aber gern hinter Mrs. Burnham zurück, der geborenen Rädelsführerin. Diese selbstbewusste Frau, die sich gern den Anstrich von Glamour gab, war schlagfertig, vulgär und wusste alles besser. Sie brachte ein konspiratives Moment in die Gruppe und beseelte sie mit dem Gefühl, das Unternehmen Deutschland sei ein Abenteuer, eine Chance, die man mit beiden Händen packen musste. Die durch und durch versnobte Mrs. Thompson hing an ihren Lippen. Nur Mrs. Eliot mangelte es an Begeisterung. Ihr war übel, seit das Schiff in Tilbury in See gestochen war, und ihre Gesichtsfarbe glich sich immer mehr dem Graugrün des allgegenwärtigen Teegeschirrs an.

»Geht’s Ihnen schon besser?«, erkundigte sich Rachael.

»Der Tee hilft.«

»Lassen Sie sich ihn schmecken, solange Sie ihn kriegen«, empfahl Mrs. Burnham. »Die Deutschen sind vielleicht Kaffee-Experten, aber von Tee verstehen sie rein gar nichts.«

Mrs. Burnham hatte ihre Liste bereits eingehend geprüft und bemängelte das Fehlen von Gewürzen, Servietten und Kelchgläsern. Jetzt wandte sie ihre Aufmerksamkeit Rachael zu.

»Alles vorhanden?«

Rachael hatte wenig an ihrer Liste auszusetzen, aber Lewis’ Beförderung gleich über zwei Ränge hinweg hatte sie in neue Höhen mit neuen Anspruchsberechtigungen katapultiert. Nun stand sie unter Druck und musste zeigen, dass sie sich ganz selbstverständlich in besseren Kreisen bewegen konnte.

»Sherrygläser wären schön gewesen.«

Mrs. Burnham brachte gleich in gespieltem Ernst eine Beschwerde vor: »Da bleibt einem doch die Spucke weg! Sherrygläser sind für die Frau des Kommandanten einfach ein Muss. Sonst hagelt es Anfragen ans Unterhaus!«

Alle brachen in Gelächter aus, und Rachael freute sich, jemanden um sich zu haben, der sie zum Lachen brachte. Mrs. Burnham drückte aus, was Rachael empfand, aber nicht in Worte fassen konnte. Alles Triste, Beschränkte, Steife sollte im grauen, ausgebrannten England zurückbleiben. Dort würde man Mrs. Burnham wohl als dreist und ordinär einstufen, aber hier, auf unbekanntem Terrain und frei von den Zwängen des Protokolls, trat sie mit der ungenierten Selbstsicherheit einer Pionierin in der Neuen Welt auf.

Da stellte die vernünftige Mrs. Eliot eine Frage, die die gehobene Stimmung dämpfte. »Stimmt es, dass es wegen der Bombardierungen einen Mangel an geeigneten Häusern für Familien gibt? Als George mir das letzte Mal schrieb, war er nicht sicher, wo wir unterkommen würden.«

Mrs. Burnham fegte alle Zweifel beiseite. »Die haben schon mit der Beschlagnahme von Häusern begonnen. Wir werden jede Menge Platz haben.«

»Ich habe gehört, ihre Häuser sollen gut ausgestattet sein«, steuerte Mrs. Thompson bei. »Vor allem die Küchen.«

»Na, die Küche kümmert mich als Allerletztes«, sagte Mrs. Burnham. »Mir geht es ums Schlafzimmer. Und mit einem großen, bequemen Bett rechne ich schon!« Sie lachte auf, und Rachael bemerkte den Blutandrang an ihrem Hals, einen roten Fleck, einer lasziven Brosche gleich.

Doch Mrs. Eliot war immer noch in Unruhe wegen der Wohnungsnot.

»Aber wo sollen die dann hin?«

»Wer denn?«

»Die deutschen Familien … die, von denen wir die Häuser beschlagnahmen.«

»Notunterkünfte.« Mrs. Burnham feuerte das Wort ab wie eine Ladung Schrotkugeln.

»Notunterkünfte?«

»Notunterkünfte«, wiederholte sie.

Mrs. Eliot versuchte sich die Unterkünfte vorzustellen, und wie die deutschen Familien dort wohnen würden.

»Wie schrecklich«, sagte sie.

»Ich glaube kaum, dass hier Mitleid angebracht ist«, sagte Rachael überraschend heftig.

»Sehr richtig.« Mrs. Burnham applaudierte. »Die können verdammt noch mal ein Stück zusammenrücken und uns Platz machen. Das ist das Mindeste, was sie tun können.«

»Das finde ich auch«, pflichtete Mrs. Thompson bei. Und mit diesem Mehrheitsbeschluss wurde das unangenehme Thema der deutschen Familien und ihrer Unterkünfte fallen gelassen. Als die Frauen untereinander zu plaudern begannen, wandte sich Mrs. Burnham an Rachael. Sie dämpfte vertraulich die Stimme.

»Na dann. Wann haben Sie denn das letzte Mal Ihren Mann gesehen?« Mrs. Burnhams roter Fleck schien zu glühen, und unter ihrem billigen Parfum nahm Rachael den süßen, fast würzigen Duft ihrer Haut wahr.

»Bei der Siegesfeier. Drei Tage lang.«

»Na, dann habt ihr beide ja was nachzuholen.«

»Ich fürchte, ich habe mich in den letzten Jahren ein bisschen zu sehr daran gewöhnt, das Bett für mich allein zu haben.« Rachael war von ihrem Geständnis selbst überrascht, aber diese dralle, lebhafte Person schien eine solche Offenheit geradezu einzufordern.

In Wahrheit war Lewis für Rachael zum Phantom geworden, halb Mann, halb Vorstellung. Natürlich hatten sie einmal eine intime Beziehung gehabt. Aber da wurde nicht viel geredet, es geschah einfach. Es war immer schnörkellos und unkompliziert gewesen, und auch – da war sie sich sicher – genussvoll und ausgewogen im Geben und Nehmen. Trotzdem konnte sie sich an Intimitäten weder erinnern noch sie sich vorstellen; umso beunruhigender war Mrs. Burnhams Frage. Rachael war auf dem Weg in ein feindliches Land, wo sie ein ungewisses neues Leben beginnen sollte, aber die größte Unbekannte darin war nicht der Feind, sondern ihr Mann. Es war ein Jahr her, seit sie »einen Moment miteinander gehabt« hatten, wie er es gern nannte, als sie frisch verheiratet waren, oder »sich geliebt« hatten, ein Ausdruck, den sie mutig benutzte, weil sie sich an seinem verborgenen tieferen Sinn freute. Aber jetzt verschwamm das Ereignis im Halbdunkel, eine Umschlingung, die sich im enttäuschenden Kriegsende verlor.

»Also, ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich habe vor, mich für die gestohlenen Jahre schadlos zu halten.« Mrs. Burnham zog tief und vielsagend an ihrer Zigarette, beugte sich vor und ließ noch einen Extrawürfel Zucker in ihren Tee fallen. Und obwohl Rachael ihren Tee seit fünf Jahren nicht mehr süßte, nahm auch sie zwei Würfel und tat es ihr gleich.

3

Lewis beobachtete die britischen Soldaten, die sich auf dem Bahnsteig von Hamburg-Dammtor versammelten. Fast alle waren sie hier, um ihre Frau abzuholen, und für manche würde mit dem Zug aus Cuxhaven eine monatelange, sogar jahrelange Trennung enden.

Siebzehn Monate waren seit den Siegesfeiern in London vergangen, diesen auf seltsame Weise immer matter werdenden drei Tagen, siebzehn Monate war es her, seit er Rachael in Fleisch und Blut gesehen, ihren farnduftenden Atem wahrgenommen, ihr Klavierspiel gehört hatte. Er wäre nun nicht mehr auf den Schnappschuss von ihr angewiesen, aufgenommen an einem herrlichen Julitag an einem Strand in Pembrokeshire. Er hatte das Foto hinter das Gummiband in seinem Zigarettenetui geklemmt. Rachael glich darauf dem Sommer in seiner höchsten Blüte: das weite Blumenkleid, der Kopf in kesser Schräglage – sogar in Schwarz-Weiß sah man ihre Wangen blühen. Lewis war kein Augenmensch und deshalb selbst verblüfft, wie viele Bilder und Szenen er während ihrer Trennung heraufbeschwören konnte – weniger die stilisierten, perfekten Posen des romantischen Kinos, sondern mehr die vertrauten, spontanen Momente, die ein Film nicht zeigen kann oder darf. Meist kehrte er zu dem Tag zurück, als er Rachael seiner Familie vorstellte – seine Schwester Kate war überwältigt, dass er eine so tolle Eroberung gemacht hatte, und sofort angetan –, und zu dem spontanen mitternächtlichen Ausflug zur Carmarthan Bay, wo ihnen beim Nacktschwimmen schleimige Algen um die Glieder strichen.

Dass Rachael nun gleich vor ihm stehen würde, gefährdete all das; während er wartete und rauchte, dachte er über die Person nach, die aus dem Zug steigen würde. Wie würde die echte Rachael im Vergleich mit der schnell in die Tasche gesteckten, bewunderten Foto-Rachael abschneiden? Der Rachael, die ihm durch den ganzen Krieg zugelächelt hatte, bei jedem Wetter, in jeder Situation?