Nightmares! - Die Schrecken der Nacht - Jason Segel - E-Book
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Nightmares! - Die Schrecken der Nacht E-Book

Jason Segel

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Beschreibung

Stell Dir vor, Du wirst die Schrecken der Nacht nicht los Charlie ist zwölf und hat drei dicke Probleme: 1. Er kann die neue Frau seines Vaters nicht ausstehen. 2. Seit er in ihrem Haus lebt ist sein Leben ein Albtraum - und zwar wortwörtlich, jede Nacht. Und 3. ist der neue Schulleiter ein übler Typ, der Charlie und seine Freunde auch tagsüber in Angst und Schrecken versetzt. Das Schlimmste aber sind die Nächte, wenn Charlies furchtbarste Albträume wortwörtlich Wirklichkeit werden. Trilogie Auftakt mit Suchtfaktor: Das erste Kinderbuch von Hollywoodstar Jason Segel nimmt den Leser mit in die einzigartig fantasievolle Welt der Albträume.

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Seitenzahl: 346

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Für Al, Jill, Adam, Alison und meinen Freund R. B. J. S.

Die Höhle des Stiefmonsters

Es war fünf Minuten nach Mitternacht. Am Fenster der alten Villa auf dem höchsten Hügel der Stadt stand ein Junge und schaute hinunter auf den Ort Cypress Creek. Es war ein seltsames Haus. Unmengen von Topfpflanzen hatten seine Veranda in einen wahren Dschungel verwandelt. Fette, grüne Ranken schlangen sich an den Pfosten hoch. Farnwedel und Blutblumen wetteiferten um jedes Fünkchen Mondlicht. Aus dem Dach des Hauses ragte ein achteckiger Turm hervor und das ganze Gebäude war in einem ziemlich scheußlichen Lila gestrichen. Wer es sah, nahm automatisch an, dass die Bewohner ein bisschen merkwürdig sein mussten – und doch wirkte der Junge am Fenster vollkommen normal. Er hatte mittelblonde Haare und keine sichtbaren Tätowierungen, Narben oder hässlichen Warzen. Aber dass etwas ganz und gar nicht stimmte, erkannte man, sobald man sein trauriges Gesicht sah.

Sein Name war Charlie Laird und er hatte die ganzen zwölf Jahre seines Lebens in Cypress Creek verbracht. Er und sein kleiner Bruder Jack waren in einem Haus ein Stück die Straße hinunter aufgewachsen. Charlie konnte das Haus sogar von seinem Zimmer aus sehen. Jetzt wohnte darin eine andere Familie mit zwei Kindern. Jeden Abend beobachtete Charlie, wie in seinem alten Zuhause das Licht ausging, und stellte sich vor, wie die beiden Kinder gemütlich in ihren Betten lagen, liebevoll zugedeckt von Mutter und Vater. Er hätte alles dafür gegeben, mit ihnen tauschen zu können. Es waren drei Monate vergangen, seit er mit seinem Bruder und seinem Vater in das lila Haus auf dem DeChant-Hügel gezogen war. Und es war auch drei Monate her, seit Charlie Laird das letzte Mal richtig gut geschlafen hatte.

Charlie trat vom Fenster zurück und betrachtete sein Spiegelbild im Glas. Seine Haut hatte die Farbe von geronnener Milch und seine geröteten Augen waren von dunklen Ringen umgeben. Er seufzte und machte sich wie jede Nacht an die Arbeit. In der Mitte des Zimmers standen achtunddreißig schwere Kartons. Sie waren voller Videospiele, Comics und Baseballpokale. Abgesehen von ein paar Kleidungsstücken hatte Charlie nichts ausgepackt. Jede Nacht vor dem Schlafengehen stellte er die Kartons um. Neunzehn versperrten die Tür zum Flur. Die anderen neunzehn kamen vor die Badezimmertür, auch wenn das manchmal ziemlich unpraktisch war.

Auch Charlie wusste, dass die Barrikaden seine schlimmen Träume nicht abhielten. Aber die Hexe, die ihn nun schon seit drei Monaten jede Nacht heimsuchte, war anders als die Albträume, die er sonst gelegentlich gehabt hatte. Die waren nach dem Aufwachen verblasst, aber die Hexe konnte er nicht vergessen. Sie kam ihm genauso real vor wie die Nase in seinem Gesicht. Und als die Hexe ihm androhte, ihn schon bald aus seinem Bett zu holen und mitzunehmen, war Charlie klar, dass er diese Drohung ernst nehmen musste. Er hoffte nur, dass die ganzen Kartons sie daran hindern würden, in sein Zimmer zu kommen.

Auf dem Flur war sie schon gewesen. Als er das erste Mal jemand durchs Haus hatte schleichen hören, war Charlie gerade aus einem Albtraum erwacht. Die ersten Sonnenstrahlen waren bereits über den Hügel gekrochen, aber in der alten Villa hatte noch absolute Stille geherrscht. Doch plötzlich war diese Stille vom Kreischen rostiger Türangeln zerrissen worden. Dann knarrten Bodendielen und auf der Treppe waren Schritte zu hören. Sie waren so schwer, dass sie bestimmt von einem Erwachsenen stammten. Aber als Charlie genug Mut gesammelt hatte, um nachzusehen, stellte er fest, dass sein Vater und seine Stiefmutter noch im Bett lagen und schliefen. Ein paar Nächte darauf hörte er dieselben Geräusche. Knarr. Stöhn. Rums. Sein Vater meinte, dass alte Häuser Geräusche machten. Sein Bruder war überzeugt, dass es im Haus spukte. Aber Charlie wusste, dass es hier keine Geister gab. Er suchte nun schon seit drei Jahren nach ihnen, und wenn welche da gewesen wären, hätte er bestimmt schon einen zu Gesicht bekommen. Nein, Charlie Laird hatte viel größere Probleme als nur ein paar harmlose Geister.

 

Die achtunddreißig Kartons warteten. Charlie stand erneut diese Schufterei bevor, aber er hatte keine Energie mehr. Seine Albträume waren schlimmer geworden – und der Kampf gegen das Einschlafen wurde von Tag zu Tag härter. Auch jetzt fielen ihm die Augen immer wieder zu und er konnte nicht aufhören zu gähnen. Wie üblich stand er bis Mitternacht am Fenster und wartete darauf, dass sein Vater und seine Stiefmutter ins Bett gingen. Er wollte nicht, dass sie hörten, wie er die Kartons über den Boden zerrte oder vor Anstrengung grunzte, wenn er sie aufeinanderstapelte. Aber wach zu bleiben, fiel ihm immer schwerer. Er hatte versucht, seine Augen mit Klebeband offen zu halten, aber das durchsichtige Zeug war nicht stabil genug, und Paketband riss ihm die Augenbrauen aus. Im Zimmer herumzulaufen, brachte auch nichts, denn davon wurde ihm nur schwindelig. Er hatte gehört, dass man mit einer vollen Blase nicht einschlafen konnte, aber jedes Mal, wenn er zur Schlafenszeit Unmengen Wasser trank, endete es damit, dass er hektisch die neunzehn Kartons von der Badezimmertür wegzerrte. Nachdem alles andere versagt hatte, war Charlie vor ein paar Wochen zum ersten Mal nachts in die Küche geschlichen, um sich eine Tasse übrig gebliebenen kalten Kaffee zu holen. Das Zeug brachte ihn zum Würgen, und manchmal musste er sich die Nase zuhalten, um es herunterzubekommen, aber der Kaffee war das Einzige, das ihn wach hielt.

 

Charlie schlich zur Tür, öffnete sie so langsam, dass die Scharniere nicht quietschten, und spähte hinaus. Erleichtert stellte er fest, dass der Flur dunkel war. Er mochte es so lieber. An den Wänden hingen alte Gemälde, die noch viel gruseliger waren, wenn Licht auf sie fiel. Er lauschte auf irgendwelche Bewegungen und schlitterte lautlos auf seinen Socken zur Treppe. Vorbei am Zimmer seines Bruders. Und dem von seinem Vater und seiner Stiefmutter. Er hatte die letzte Tür fast erreicht, als er es hörte – ein schrilles Lachen, das ihn beinahe dazu gebracht hätte, zurück in sein Bett zu rasen. Hinter dieser Tür lag die Treppe zum Turm. Und oben im Turm gab es einen Raum, den die Familie »Charlottes Höhle« nannte. Die Tür stand einen Spaltbreit offen und Charlie hörte das Tappen der Pfoten einer fetten Katze auf den Stufen. Ein blassgoldenes Licht fiel auf den Flur.

Seine Stiefmutter war noch wach.

Der verwunschene Turm

Der Turm der lila Villa hatte Charlie schon immer fasziniert. Das Haus stand im Mittelpunkt des verschlafenen Örtchens Cypress Creek oben auf einem Hügel. Unterhalb davon lagen Straßen mit adretten Häusern in Weiß und Beige. Im Ortskern gab es Parks voller Blumen und hübsche kleine Läden. Es wäre ein wirklich nettes Städtchen gewesen – aber nur ohne den Turm des lila Hauses. Wo immer man sich auch aufhielt, man sah ihn, sobald man hochschaute. Mit den Holzschindeln, die Drachenschuppen glichen, und dem steilen, spitzen Dach, das an einen Hexenhut erinnerte, hätte der Turm auch sehr gut in ein Märchen gepasst. Er hatte zwei Fenster – eines nach Norden und eines nach Süden. Vorhänge oder Rollos gab es nicht. Und nachts, wenn der Rest des Hauses in Dunkelheit getaucht war, schien im Turm etwas zu leuchten. Es war nur ein mattes und flackerndes Schimmern. Charlies kleiner Bruder Jack behauptete immer, dass jemand ein Nachtlicht angelassen hatte. Charlie war ganz anderer Meinung.

Immer wenn Charlie draußen war, wanderte sein Blick zum Turm. Er war überzeugt, dass dort jede Nacht irgendeine Form von Zauberei stattfand. Es hieß, das Haus würde leer stehen, aber eines Abends glaubte er, jemanden an einem der Fenster zu sehen. Danach mischte sich Angst unter seine Faszination. In der Schule schrieb er Geschichten über den Turm. Zu Hause malte er Bilder davon. Sein Vater klebte die Bilder an den Kühlschrank und sagte, dass Charlie eine blühende Fantasie hätte. Er wusste nicht, was sein Sohn so interessant daran fand. Für Charlie wiederum war das unbegreiflich. Die meisten Leute empfanden die lila Villa und ihren Turm einfach als Schandfleck – Warzen auf dem Gesicht von Cypress Creek, die man am besten ignorierte. Aber nicht Charlie. Er wusste es besser.

Es hatte einen anderen Menschen gegeben, der von der Magie des Turms wusste. Jedes Mal, wenn eine neue Zeichnung am Kühlschrank der Familie auftauchte, schien Charlies Mutter ein wenig besorgter zu werden. Und eines Tages, als Charlie acht war, gestand sie ihm, dass sie als Kind mehrmals in der lila Villa gewesen war. In jenen Tagen, berichtete sie, hatte das Turmzimmer einem Mädchen in ihrem Alter gehört.

»Wie war es im Turm?«, hatte Charlie atemlos gefragt. »War es unheimlich? Oder spannend? Hat es gespukt, hat es …«

»Es war … ungewöhnlich«, hatte seine Mutter geantwortet, aber sie war dabei so blass geworden, dass Charlie sofort merkte, dass mehr hinter dieser Geschichte steckte – etwas Düsteres und Gefährliches. Er bettelte um Einzelheiten, aber seine Mom sagte nur, dass er sich von der alten Villa fernhalten sollte. Charlie musste so betroffen gewirkt haben, dass seine Mutter sich zu ihm setzte und ihm ein Versprechen gab. Sie würde ihm alles über den Turm erzählen, wenn er etwas älter wäre. Doch leider konnte Charlies Mom dieses Versprechen nicht einhalten. Sie wurde schon wenige Monate später krank und starb vier Tage und drei Stunden vor Charlies neuntem Geburtstag.

Nach dem Tod seiner Mutter war Charlies Faszination für den Turm gewachsen wie Unkraut. Er fragte seine Lehrer danach aus. Ebenso die Bibliothekarin der Stadtbücherei. Beim alljährlichen Radieschenfest erwischte er sogar den Bürgermeister und stellte ihm Fragen. Aber niemand in Cypress Creek schien viel über die lila Villa zu wissen, abgesehen von vier wenig aufregenden Fakten:

Das Haus war älter als der Rest der Stadt.

Es war von Silas DeChant erbaut worden, einem unglaublich reichen Einsiedler, der für seine schroffe Art berüchtigt gewesen war.

Die Frau von Silas hatte das Haus lila gestrichen.

Das Haus stand schon seit Jahren leer.

Charlies Vater hatte gesagt, dass zuletzt eine alte Dame im Haus gewohnt hatte. Ein Lehrer wusste noch, dass eine lila gekleidete Dame an Halloween Lollis mit Traubengeschmack verteilt hatte. Einer von Charlies Nachbarn glaubte zu wissen, dass die Besitzerin der Villa jetzt bei ihrer Tochter in einem weit entfernten Staat wohnte. Die Frau des Nachbarn schwor, dass die besagte Dame mindestens 110 Jahre alt wäre.

Doch plötzlich wurde die lila Villa Gesprächsthema Nummer eins. Der Postbote lieferte die große Neuigkeit mit der Post aus: Die alte Besitzerin des Hauses war gestorben, nur zwei Tage vor ihrem 111. Geburtstag, und zwar an Verletzungen, die sie sich bei einem Kartenspiel zugezogen hatte.

In dem Café, in dem die Lairds Pfannkuchen aßen, erzählte die Kellnerin Charlies Dad, dass die Enkelin der alten Dame das Haus geerbt habe und dort einziehen wolle. Der Mann am Nebentisch wusste, dass die neue Besitzerin Charlotte DeChant hieß und an der Hauptstraße einen Laden eröffnen wollte. Charlie schloss daraus, dass Charlotte DeChant eine recht interessante Person sein dürfte. Und als er sie zum ersten Mal sah, stellte sich heraus, dass er recht hatte.

Es war ein kühler Herbsttag, und Charlie war mit dem Rad unterwegs zu seinem Freund Alfie, als ein Möbelwagen vor der lila Villa hielt. Auf der Fahrerseite stieg eine große, drahtige Frau aus. Sie hatte knallrote Locken, die aussahen, als würden sie im Wind wehen – obwohl es vollkommen windstill war. Ihr schwarzer Rock bauschte sich und wippte um ihre Stiefel. Dazu trug sie ein weißes T-Shirt mit einem Schriftzug in Blutrot und Waldgrün. Er lautete Hazels Kräuterladen.

Die Frau öffnete die hinteren Türen des Möbelwagens, und von seinem Standpunkt aus konnte Charlie deutlich sehen, dass darin keine Möbel oder Umzugskartons waren. Nur Pflanzen. Es sah fast so aus, als hätte jemand einen ganzen Garten entwurzelt, in Töpfe gepflanzt und nach Cypress Creek befördert.

»He, du! Hilf mir beim Ausladen, und du kriegst fünf Dollar«, rief die Frau Charlie zu.

Charlie schob sein Rad den Hügel hinauf, um sich alles genauer ansehen zu können. »Was ist das da im Wagen?«

»Ein Zauberwald«, antwortete die Frau, ohne eine Miene zu verziehen.

»Was?« Charlie wich einen Schritt zurück. Für eine Erwachsene war das eine merkwürdige Antwort. Vermutlich hatte sie einen Scherz gemacht, aber der Möbelwagen sah tatsächlich aus, als könnten in dem Urwald ein paar fiese Zwerge oder Kobolde hausen.

Das Lachen der Frau traf ihn vollkommen unvorbereitet. Es war schrill und unangenehm – eher ein Gackern als ein Kichern. »Merkst du nicht, wenn man dich aufzieht? Das sind nur Pflanzen. Ich eröffne einen Laden im Zentrum.«

Charlie und seine Freunde hatten sich schon gefragt, was für ein Geschäft wohl neben der Eisdiele eröffnet werden sollte. Arbeiter hatten die Wände des Ladens in verschiedenen Grüntönen gestrichen. Charlies Freundin Paige vermutete, dass dort Sämereien und seltene Gemüsesorten verkauft werden würden. Rocco hoffte auf eine Reptilienhandlung. »Dann ist es also ein Blumenladen?«

»Eher ein Zauberladen«, erwiderte die Frau, und Charlie horchte auf. Dann zeigte sie auf ihr T-Shirt. »Er heißt Hazels Kräuterladen. Ich habe Kräuterkunde studiert. Das bedeutet, dass ich Pflanzen benutze, um kranken Menschen zu helfen.«

Einen kurzen Moment lang war Charlie voller Hoffnung. Aber das gab sich schnell wieder, als ihm einfiel, dass niemand mehr seiner Mutter helfen konnte.

Er schaute auf und musste feststellen, dass diese merkwürdige Frau ihn prüfend ansah. »Wie heißt du?« Charlie wurde das Gefühl nicht los, dass sie es längst wusste. Er warf einen Blick auf sein Fahrrad. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er sofort aufsteigen und wegfahren sollte. Diese Frau war nicht normal – jedenfalls nicht so normal wie die Leute, die er sonst kannte. Aber er legte sein Rad auf den Boden und hielt ihr die Hand hin.

»Charlie. Charlie Laird«, sagte er. Die Frau nahm seine Hand, schüttelte sie aber nicht. Stattdessen hielt sie sie zwischen ihren Handflächen wie ein kleines Tier, das sie gefangen hatte.

»Charlie Laird«, wiederholte die Frau und verzog ihre Lippen zu einem Grinsen, bei dem man zu viele Zähne sah. »Ich bin Charlotte DeChant. Ich habe mich schon darauf gefreut, dich kennenzulernen.«

Charlie lief es eiskalt über den Rücken und er zog seine Hand weg. »Wieso?«, fragte er ein wenig zu schnell. Sie konnte doch gar nicht wissen, dass es ihn gab.

»Wenn mich nicht alles täuscht, bist du mit Veronica Laird verwandt«, fuhr Charlotte fort.

Es fühlte sich an, als hätte die Frau ihm eine Hand in die Brust gestoßen, sein Herz gepackt und fest zugedrückt. »Das ist meine Mutter.«

»Ich kannte sie vor langer Zeit«, sagte Charlotte. »Es tat mir so leid, als ich hörte, dass sie gestorben ist.«

»Schon okay«, sagte Charlie. Obwohl es das nicht war. Und nie sein würde. Er wünschte, die Frau würde das Thema wechseln. Er spürte schon, wie seine Wangen glühten.

Und Charlies Wunsch ging in Erfüllung – einfach so. Charlotte hob die Brauen und deutete mit einem Kopfrucken auf den Möbelwagen. »Na, was sagst du? Möchtest du ein bisschen Geld verdienen?«

»Ich weiß nicht …« Charlie zögerte. Man hatte ihm eingeschärft, nicht mit Fremden zu reden, und diese Frau mit den knallroten Haaren und dem mobilen Urwald war schon ziemlich fremd.

Charlies Blick wanderte zum Haus und wie üblich hinauf zum Turm. Die Frau war seltsam, aber er war dem Haus schon seit Jahren nicht mehr so nahe gekommen. Alles, wovon er immer geträumt hatte, lag auf der anderen Seite der Eingangstür. Es grenzte an Folter, jetzt einfach wegzugehen.

»Vielleicht sollte ich mein Angebot etwas attraktiver machen«, sagte Charlotte mit einem hinterhältigen Lächeln. »Fünf Dollar und dazu noch eine Führung durchs Haus.«

Es war fast so, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Charlies Neugier glich einem furchtbaren Juckreiz, der nur durch Kratzen gelindert werden konnte. War das Haus von innen genauso hässlich wie von außen? Wieso glimmte nachts ein Licht im Turm? Und wer war die Person gewesen, die er am Fenster gesehen hatte? Ihm schossen tausend Fragen durch den Kopf.

»Was ist im Turm?«, fragte er eifrig.

Charlotte gackerte wieder, und Charlie musste der Versuchung widerstehen, sich die Finger in die Ohren zu stecken. »Dinge, die nachts herumrumpeln.«

Bei dieser Bemerkung hätte Charlie auf dem Absatz kehrtmachen sollen. Er hätte auf sein Rad springen, so schnell wie möglich zu Alfie radeln und sich nicht mehr umschauen sollen. Er hatte sich noch nie so unbehaglich gefühlt. Trotzdem blieb er. Er konnte nicht einfach wegfahren. Er wusste nicht genau, ob es seine Neugier war oder irgendein Zauber, der ihn ins Haus lockte, aber er trug die Pflanzen der Frau auf die Veranda. Er bekam tatsächlich die versprochenen fünf Dollar für seine Mühe. Und dann folgte er Charlotte ins Haus.

An der Haustür wurden sie von einer fetten Tigerkatze erwartet. Sie warf Charlie einen Blick zu, machte einen Buckel und fauchte. Charlie stieg über die rot getigerte Katze hinweg und ging hinter Charlotte her, die auf das Wohnzimmer und die Bibliothek des Hauses zeigte. Die alten schweren Sofas und durchhängenden Sessel in beiden Räumen waren mit lila-, magenta- oder fliederfarbenen Stoffen bespannt. Sogar die Regale in der Bibliothek waren in der Farbe von reifen Auberginen gestrichen.

»Wow, Ihr Haus ist wirklich traube.« Das Wort rutschte Charlie heraus, bevor er es verhindern konnte. Je näher er dem Turm kam, desto hektischer wurde er. »Ich meine natürlich toll. Ihr Haus ist wirklich toll.«

»Guter Scherz«, sagte Charlotte grinsend. »Die verrückten Möbel standen schon drin. Aber ich werde wohl alles neu streichen oder beziehen lassen. Ich hatte als Kind schon mehr als genug Lila.«

Sie erreichten eine breite Holztreppe und Charlotte begann hinaufzusteigen. Charlie stand wie erstarrt auf der ersten Stufe und konnte den Blick nicht von einem Porträt auf dem oberen Treppenabsatz abwenden. Es zeigte einen jungen Mann in einem altmodischen Jackett und einem hohen weißen Kragen, der aussah, als würde er auf Charlie hinunterstarren. Er machte einen wohlhabenden Eindruck und hätte wohl auch recht gut ausgesehen, wenn da nicht dieser leere Blick und die verstörte Miene gewesen wären.

»Wer ist das?«, fragte Charlie. Auch seine Mutter hatte solche dunklen Schatten um die Augen gehabt, und deshalb vermutete er, dass dieser junge Mann ebenfalls krank gewesen war.

Charlotte blieb auf der Treppe stehen, drehte sich um und musterte Charlie. »Das ist einer meiner Ururgroßväter. Sein Name war Silas DeChant«, sagte sie. »Er war es, der dieses Haus gebaut hat.«

Charlie schauderte. Er hatte jahrelang nach Silas gesucht. Die Leiterin der Stadtbibliothek von Cypress Creek hatte geschworen, dass es keine Bilder oder Fotos von dem geheimnisvollen Gründer der Stadt gab.

»Was fehlte ihm?« Charlie flüsterte es nur und griff hastig nach dem Treppengeländer. Seine Knie waren plötzlich ganz weich und der Boden fühlte sich an wie Wackelpudding. »War Silas krank?«

»Sagen wir mal, er hat an einem sehr dunklen Ort festgesessen«, antwortete Charlotte. »Aber er fand einen Weg hinaus. Meine Großmutter hat mir erzählt, dass Silas das Porträt malen ließ, um sich immer daran zu erinnern, dass es Orte gibt, an die manche Menschen gehen, obwohl sie dort nichts zu suchen haben.«

»Welchen zum Beispiel?«, fragte Charlie neugierig.

»Las Vegas«, sagte Charlotte mit einem Augenzwinkern. Dann drehte sie ihm wieder den Rücken zu und stieg weiter die Treppe hinauf. »Kommst du?«

Charlie musste mehrere Stufen auf einmal nehmen, um sie einzuholen.

Im ersten Stock führte eine schmale Tür zu einer weiteren Treppe, die so eng war, dass Charlie beinahe Platzangst bekam. Als sie endlich oben ankamen, trat Charlotte zur Seite und breitete die Arme aus. »Willkommen in meiner Höhle.«

Das Turmzimmer war genauso magisch, wie Charlie gehofft hatte. Außerdem war es von innen viel größer, als er vermutet hatte. Die meisten Wände waren voller Regale und Bilder, aber eine Wand war vollkommen frei. Durch die beiden großen Fenster fiel das Sonnenlicht herein und verwandelte Millionen Staubkörnchen in funkelndes Gold. Auf den Regalen standen Unmengen von Gläsern, gefüllt mit Saatgut, getrockneten Blüten oder verschrumpelten Pilzen. Auf der Platte eines großes Schreibtischs lagen Buntstifte, Farbtuben und Zeichenblöcke.

Unter einem Haufen Knüllpapier ragte eine Zeichnung hervor. Charlie konnte nur einen Teil davon sehen, aber das reichte ihm. Drei Schlangen – eine braune, eine rötliche und eine smaragdgrüne – sahen aus, als könnten sie sich jeden Moment vom Papier schlängeln. Er hätte fast schwören können, dass er sie zischen hörte, und als er den Blick abwendete, sah es so aus, als würde die grüne ihr Maul aufreißen.

»Diese Schlangen sind der Wahnsinn«, hauchte Charlie. »Haben Sie die gezeichnet?«

Charlotte schnappte sich die Zeichnung und klatschte sie verkehrt herum auf den Schreibtisch.

»Das ist nur ein grober Entwurf«, sagte sie und wirkte merkwürdig verlegen. »Wie findest du den Raum?«

»Er ist …« Charlie suchte nach dem richtigen Wort.

»Der perfekte Arbeitsplatz, nicht wahr?« Sie beendete den Satz für ihn. »Weißt du was? Ich arbeite gerade an einem kleinen Projekt und könnte Verwendung für einen Jungen in deinem Alter haben …«

Könnte Verwendung haben? Charlie schauderte. Wieso hörte sich das an, als wollte sie seine Knochen zermahlen, um daraus Farbe zu machen? Er spürte etwas Weiches an seinem Knöchel und sah hinunter auf die fette rote Katze, die an seinen Beinen entlangstrich und bösartig zu ihm hochsah.

Die Türglocke läutete und Charlie fuhr zusammen. Doch dann war er dankbar für die Störung und schaute Charlotte hinterher, die die Treppe hinuntereilte. Er hätte die Gelegenheit zur Flucht nutzen sollen, aber er blieb, wo er war. Es kam ihm vor, als wäre er festgefroren. Zwei Stockwerke tiefer hörte er, wie die Haustür geöffnet wurde.

»Hallo«, hörte Charlie Charlotte sagen.

»Äh … hallo, mein Name ist Andrew Laird und das ist mein Sohn Jack. Es klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber ist mein anderer Junge, Charlie, hier? Ich habe sein Rad draußen liegen sehen. Ich hoffe, er belästigt Sie nicht?«

»Nein, gar nicht! Kein bisschen. Sie haben einen sehr netten Sohn, Mr Laird«, antwortete Charlotte. »Er hat mir beim Ausladen des Umzugswagens geholfen und ist jetzt oben. Kann ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen?«

Charlie war sicher, dass sein Vater dankend ablehnen würde. Er ging nur noch zur Arbeit und sonst nirgendwohin. Seit dem Tod seiner Frau hatte die Trauer ihn zum Einsiedler werden lassen. Früher waren Andrew und Veronica Laird das beliebteste Paar der Stadt gewesen. Aber jetzt schien er für jede Einladung eine Ausrede parat zu haben. Charlie wartete gespannt, welche es wohl diesmal sein würde.

Doch dann kamen die Worte, die Charlies Schicksal besiegelten.

»Ja, gern.«

Elf Monate später wurde Charlotte DeChant Charlies Stiefmutter. Und Charlie hatte sich längst geschworen, nie wieder einen Fuß in den Turm zu setzen.

Begegnung um Mitternacht

Seit dem Tod seiner Mutter vor drei Jahren hatte Charlie Laird gelernt, sich nicht auf den äußeren Eindruck zu verlassen. Seine Mom hatte gesund ausgesehen – fast bis zu dem Monat, in dem sie gestorben war. Er selbst wirkte vollkommen normal – obwohl sein Leben alles andere als normal war. Und alle hielten Charlotte DeChant für die perfekte Stiefmutter. Charlie wusste jedoch, dass sie nicht der Mensch war, für den sie sich ausgab. Er hatte längst gemerkt, wie perfekt sie sich tarnte.

Charlie stand an der Küchentür und suchte nach dem grünen Blinklicht der Kaffeemaschine. Er wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, und sah sich prüfend in der Küche um. Es schien keine Gefahr zu drohen, aber der erste Eindruck hatte ihn schon zu oft getäuscht. Zögerlich machte er einen Schritt vorwärts. Das einzige Licht im Raum kam von der kleinen Gasflamme, die unter Charlottes schwarzem Lieblingskessel brannte. Die Küche war renoviert worden und der Edelstahlherd nagelneu, aber Charlottes Töpfe und Pfannen sahen aus, als wären sie im Mittelalter geschmiedet worden. Und was sie dort gerade kochte – eine Salbe oder ein Gift –, stank wie eine Mischung aus toten Ratten und Hundefürzen. Charlie brauchte kein Licht, um zu wissen, dass der Fußboden vermutlich mit glitschigen Wurzeln und Blättern übersät war, die es nicht bis in den blubbernden Kessel geschafft hatten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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