Nightmares! - Die Stadt der Schlafwandler - Jason Segel - E-Book

Nightmares! - Die Stadt der Schlafwandler E-Book

Jason Segel

4,9
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oder
Beschreibung

Albträume können einem ziemlich den Schlaf rauben, das weiß Charlie nur zu gut. Schließlich hat er schon so einige Horrornächte hinter sich. Deshalb sind auch alle begeistert, als der neue Kräuterladen in Orville Falls ein Wundermittel gegen Albträume anbietet. Doch das Elixier hat schaurige Nebenwirkungen: alle, die es genommen haben, geistern wie Schlafwandler durch die Stadt. Schaffen es Charlie und seine Freunde erneut, sich den Schrecken der Nacht zu stellen? Fantasy und Grusel mit Tiefgang für ausgeschlafene Leser: ein Kinderbuch von Hollywoodstar Jason Segel.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 342




 

 

 

Gewidmet: Ms. Patricia Berne

Prolog

Es war schon fast halb elf Uhr abends, und das einzige Licht, das in der Innenstadt von Orville Falls noch brannte, kam aus den Fenstern der örtlichen Zeitungsredaktion. Dort war eine junge Frau namens Josephine trotz der späten Stunde in ihre Arbeit vertieft.

Alle paar Sekunden musste sie gähnen. Die Augen drohten ihr zuzufallen, aber Josephine kämpfte dagegen an. Sie hatte viel zu viel Angst, einzuschlafen. Tagelang hatte sie angenommen, dass es nur ihr so erging. Doch inzwischen wusste sie, dass sie nicht die Einzige war.

Im kleinen Orville Falls war eine wahre Albtraum-Seuche ausgebrochen. Die Bewohner berichteten, dass sie morgens vollkommen verstört aufwachten und dieses beklemmende Gefühl den ganzen Tag nicht mehr loswurden. Einer der Zeitungsreporter hatte sogar eine Story darüber geschrieben. Das Bild, das Josephine zeichnete, sollte den Artikel illustrieren. Es zeigte nur ein Paar Augen, die den Betrachter aus der Dunkelheit anstarrten. Es waren die gleichen kalten und herzlosen Augen, die Josephine verfolgten, sobald sie einschlief.

Sie war gerade dabei, die Schatten noch schwärzer zu machen, als ihr die Türglocke verriet, dass jemand das Büro betreten hatte. Erschrocken sprang sie auf und stieß dabei ihren Kaffee um. Sie war sicher, dass sie die Tür abgeschlossen hatte. Doch obwohl ihr Herz furchtbar laut hämmerte, hörte sie eindeutig Schritte auf den Bodendielen.

Josephine schnappte sich den schärfsten Gegenstand auf ihrem Schreibtisch – einen Brieföffner – und ging nachsehen, wer da gekommen war. Am Empfangstresen stand ein merkwürdiger kleiner Mann.

»Guten Abend, Miss«, sagte er mit einem Akzent, den sie nicht einordnen konnte. »Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid.«

Sie fand nicht, dass er aussah, als täte es ihm leid. Er wirkte irgendwie herablassend. Die dünnen Lippen hatte er zu einem schiefen Grinsen verzogen und man konnte seine schlechten Zähne sehen.

»Das Büro ist geschlossen«, sagte Josephine energisch. »Sie müssen morgen wiederkommen.«

»Natürlich«, sagte der Mann und deutete eine Verbeugung an. Als er sich zum Gehen wandte, sah Josephine, dass hinter ihm jemand stand. Es war ein kleines Mädchen. Josephine musste an ihre Nichte denken, die ungefähr im selben Alter war, und sie bedauerte sofort, dass sie so unhöflich gewesen war.

»Sir?«, rief sie ihm nach. »Entschuldigen Sie. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Als der Mann sich zu ihr umdrehte, bemerkte Josephine, dass er noch immer so merkwürdig grinste. »Ich wollte eine Anzeige in Ihrer Zeitung aufgeben. Ich eröffne diese Woche ein Geschäft in der Hauptstraße.«

Dem kleinen Mädchen zuliebe zwang sich Josephine zu etwas Freundlichkeit. »Da sind Sie hier an der richtigen Adresse. Ich arbeite als Zeichnerin und mache die Ratgeber-Kolumnen – und mal ganz abgesehen davon, bin ich auch noch die gesamte Anzeigenabteilung dieser Zeitung.«

»Wundervoll«, sagte der Mann. »Sie habe ich gesucht.«

Er holte ein Blatt Papier aus der Tasche und schob es ihr hin. »Das soll in der Anzeige stehen.«

Nehmen Sie unser Schlaf-Gut-Elixier und verabschieden Sie sich von Ihren Albträumen Erhältlich bei Goldener Schlaf Hauptstraße, Orville Falls

»Nun, das ist … ziemlich schlicht«, merkte Josephine an, die sich alle Mühe gab, nicht zu ablehnend zu klingen. »Aber vielleicht kann ich Ihnen helfen, es noch etwas packender zu formulieren.«

Der Mann schaffte es tatsächlich, noch breiter zu grinsen. »Oh, ich versichere Ihnen, dass es durchaus … packend ist.« Er stieß ein merkwürdiges Lachen aus, das ein wenig zu lange dauerte. Doch dann sah sich der Mann zu dem Mädchen um und hörte abrupt auf zu lachen. Einen Moment später beendete Josephine die peinliche Stille.

»Wirkt dieses Elixier?«

»Natürlich«, versicherte der Mann. »Volle Zufriedenheit ist garantiert.«

»Dann sollte ich es vielleicht mal selbst ausprobieren«, sagte Josephine und gähnte. Sie hätte fast alles getan, um ihre Albträume loszuwerden.

»Nun, da Sie so freundlich waren …« Der Mann griff in seine Manteltasche und holte eine kleine blaue Flasche heraus. »… möchte ich Ihnen hiermit eine Gratisprobe überreichen.«

Der Zombie von Orville Falls

»He, Charlie, ich hatte letzte Nacht einen total irren Traum«, sagte Alfie Bluenthal. »Soll ich dir davon erzählen?«

Normalerweise hätte Charlie Laird auf diese Frage mit einem entschiedenen Nein! geantwortet. In den letzten Monaten hatte er sich mindestens hundert von Alfies Träumen anhören müssen. Meistens kamen Albert Einstein, Neil deGrasse Tyson oder die Wetterfee aus dem Fernsehen darin vor, und fast immer nahmen sie kein Ende. Wenn es Albträume gewesen wären, hätte Charlie sie nur zu gern gehört. Albträume waren seine Spezialität und er betrachtete sich als Experten auf diesem Gebiet. Aber soweit es ihn betraf, gab es nichts Langweiligeres als die schönen Träume von jemand anderem. Vielleicht noch Grünkohl. Schöne Träume und Grünkohl.

Doch Charlie hatte einen großzügigen Moment. Es war der erste richtig heiße Tag der Sommerferien und er und Alfie saßen auf einer Bank vor der Eisdiele. Eine Dreifach-Eiswaffel mit Rum-Rosine, Minz-Schoko und Kaugummi-Eis wanderte langsam in Charlies Magen. Er hatte noch eine Stunde Zeit, bis er wieder bei seinem Sommerjob sein musste, und er war rundum zufrieden.

»Wieso nicht«, sagte er also zu Alfie. »Erzähl.«

Als Alfie loslegte, lehnte sich Charlie auf der Bank zurück und ließ den Blick über das Dach des Baumarkts auf der anderen Straßenseite hinweg zu der Villa auf dem Hügel wandern. Arbeiter auf Leitern waren gerade damit fertig geworden, das Haus zu streichen. Sie hatten das verblichene Dunkellila mit einem frischen Fliederton übermalt. Oben auf dem Haus thronte ein achteckiger Turm. Eines der Turmfenster stand offen und ein Drachen in Form eines Flugsauriers flatterte im Wind. Die Hand an der Schnur gehörte Charlies kleinem Bruder Jack. Das merkwürdige lila Haus war ihr Zuhause.

Alfie redete immer noch. Charlie konzentrierte sich darauf, jeden Tropfen Eis abzulecken, bevor dieser über den Rand der Waffel laufen konnte, und hörte Alfies Traum bloß mit halbem Ohr zu. Nur ein paar Worte drangen zu ihm durch: Haufenwolken, El Niño, Hitzewelle, Hochdruckgebiet.

Als Charlie sich den letzten Rest der Eiswaffel in den Mund steckte, war Alfies Bericht endlich vorbei.

»Was meinst du, was das zu bedeuten hat?«, fragte Alfie.

»Dasselbe wie jeder andere Traum, den du in den letzten drei Monaten hattest«, antwortete Charlie, der immer noch auf seiner Waffel herumkaute. »Es bedeutet, dass du in die Wetterfee von Kanal Vier verknallt bist.«

»Die Meteorologin«, verbesserte ihn Alfie, dem es gar nicht passte, dass sich sein langer Traum in einem einzigen Satz zusammenfassen ließ. »Außerdem hat sie einen Namen.«

»Stormy Skies ist kein richtiger Name«, informierte Charlie seinen Freund.

»Wie kannst du so was sagen?«, empörte sich Alfie. Die Liebe hatte sein normalerweise so geniales Gehirn in Püree verwandelt. »Willst du etwa behaupten, dass Stormy den Namen erfunden hat? Erzähl das mal Mr und Mrs Skies.«

Noch während Charlie überlegte, wie er Alfie schonend die Wahrheit beibringen konnte, lenkte ihn ein lauter Knall ab. Auf der anderen Straßenseite war eine Autotür zugeschlagen worden. Ein merkwürdig aussehender Mann stieg aus einem schäbigen alten Geländewagen. Die Scheiben des Wagens waren kaputt und unter der Motorhaube quoll Rauch hervor. Der Fahrer war groß und hatte zerzauste Haare. Mit seinem Polohemd und der Jeans hätte er ein ganz normaler Vorstadtvater sein können. Aber etwas stimmte nicht mit ihm. Er schlurfte den Bürgersteig entlang und hatte dabei den Kopf so weit zur Seite geneigt, dass der fast die Schulter berührte. Er schob langsam einen Fuß vor den anderen, sodass sich die Schuhsohlen kaum vom Pflaster lösten. Und obwohl Charlie zu weit weg war, um ganz sicher zu sein, hätte er doch schwören können, dass die Augen des Mannes fest geschlossen waren.

Charlie stieß Alfie an. »Guck mal. Was hältst du von dem Typen?«

Alfie rückte seine schwarze Hornbrille zurecht und betrachtete den Mann auf der anderen Straßenseite. »Hmm. Mal sehen. Steife Arme und Beine. Schlurfender Gang. Erschreckend ungepflegtes Äußeres. Und ein ziemlich schmerzhaft aussehender Knick im Hals. Wenn man das alles zusammennimmt, würde ich vermuten, dass es sich um einen lebenden Toten handelt.«

Charlie rutschte an die Kante der Bank. So aufgeregt war er seit Monaten nicht mehr gewesen. »Du glaubst, der Typ könnte ein Zombie sein?«

Alfie kicherte und leckte an seinem Eis. »Das war ein Witz. Wie könnte er ein Zombie sein? Das Portal zur Anderwelt ist geschlossen.« Alfie hatte es kaum ausgesprochen, da verschwand sein Lächeln und er drehte sich langsam zu Charlie um. »Es ist doch noch geschlossen, oder?«, flüsterte er.

»Natürlich ist es das«, versicherte ihm Charlie. »Wieso sollte es offen sein?«

Diese Antwort stellte keinen von beiden zufrieden. Die Jungen schauten schweigend hoch zum Haus auf dem Hügel.

 

Die lila Villa, in der Charlie wohnte, war ganz anders als die übrigen Häuser in Cypress Creek. Während diese so niedlich waren wie ein Wurf Welpen, wirkte das lila Haus eher wie ein Drache, der auf einem Felsen hockt. Es hatte schon auf seinem Hügel gestanden, bevor Cypress Creek gegründet worden war, und seine Bewohner hatten von Beginn an über die Stadt gewacht.

Erbaut hatte das Haus ein Mann namens Silas DeChant. Charlies Stiefmutter Charlotte war die Ur-Ur-Urenkelin von Silas. In den letzten hundertfünfzig Jahren hatte immer ein Mitglied der DeChant-Familie in dem Haus gewohnt. Es war ihre Pflicht, die Außenwelt vor dem schrecklichen Geheimnis des Hauses zu schützen.

Das Geheimnis lag in dem kleinen, achteckigen Raum im Turm des Hauses verborgen. Die wenigen, die von dem Geheimnis wussten, nannten es das Portal. Es war eine Art Tür, die die wache Welt von der Albtraumwelt trennte. Zum Glück wusste davon kaum jemand. Die meisten Leute besuchten die Anderwelt nur im Schlaf, und die gruseligen Wesen, die dort lebten, hatten auf der anderen Seite des Portals zu bleiben.

Aber in der Vergangenheit war das Portal schon zweimal versehentlich geöffnet worden. Nachtmahre waren in Cypress Creek eingefallen und es wären beinahe furchtbare Dinge geschehen. Falls das Portal noch einmal geöffnet wurde und die Nachtmahre erneut entkamen, war es die Aufgabe der Torhüter, die Wesen zusammenzutreiben und auf die andere Seite zurückzujagen. Fast zwei Jahrhunderte lang hatte immer nur eine Person allein diesen Job gemacht. Doch jetzt lebten zum ersten Mal drei Torwächter auf einmal in dem lila Haus. Charlie Laird war einer von ihnen.

 

Von ihrer Bank aus beobachteten Charlie und Alfie, wie der Zombie-Typ den Baumarkt auf der anderen Straßenseite betrat.

»Ich sollte herausfinden, was da los ist«, sagte Charlie, dessen Herz schon jetzt wesentlich schneller schlug.

»Ich komme mit.« Alfie stopfte sich den Rest der Eiswaffel in den Mund und warf die Serviette in den Mülleimer.

Sie kamen gerade rechtzeitig am Schaufenster an, um zu beobachten, wie der Mann einen Geldschein auf den Tresen klatschte und dann mit den Armen voller Farbdosen zur Tür schlurfte.

»He, Mister, vergessen Sie Ihr Wechselgeld nicht!«, rief der Verkäufer.

Doch der Mann stieß die Tür auf, taumelte hinaus und tat so, als hätte er nichts gehört. Er kam direkt auf die beiden Jungen zu. Aus der Nähe konnte Charlie sehen, dass seine Augen doch offen waren – wenn auch nur ein kleines bisschen. Sie wirkten allerdings vollkommen leblos. Ein dünner Spuckefaden rann aus dem Mundwinkel des Mannes. Die Spucke lief in den riesigen nassen Fleck auf seinem Shirt, in dessen linke Tasche ein Logo eingestickt war. Es sah aus wie ein brennender Fußball.

Charlie und Alfie gingen hinter einem geparkten Auto in Deckung, als der Mann vorbeischlurfte. Er zog eine fürchterliche Stinkwolke hinter sich her. Charlie hielt sich die Hand vors Gesicht. Tot oder lebendig – der Typ hatte sich schon eine ganze Weile nicht mehr gewaschen.

Als er vorüber war, atmete Charlie auf. »Hast du das Logo auf seinem Shirt gesehen?«, flüsterte er Alfie zu. »Ich bin ziemlich sicher, dass ich es von irgendwoher kenne.«

Alfie kniff die Augen zusammen. »Ich kann praktisch gar nichts sehen. Meine Augen tränen immer noch von diesem Gestank und jetzt ist auch noch meine Brille beschlagen. Der Typ hat echt gemieft. Hast du eine Idee, woher du das Logo kennst?«

»Keine Ahnung«, musste Charlie zugeben. Er trat hinter dem Auto hervor. »Wir werden den Typen also fragen müssen, wo er herkommt.«

»Bist du verrückt?«, japste Alfie und wischte über seine Brillengläser. »Ich rede auf keinen Fall mit ihm!«

Charlie hob eine Braue. »Was ist los, Bluenthal?«, fragte er. »Hast du etwa Angst?«

Das Wort Angst hatte nahezu magische Wirkung auf Alfie. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Allerdings«, gab er kein bisschen verlegen zu. »Du nicht?«

»Und ob. Panische Angst«, gestand Charlie. »Und gerade deswegen müssen wir ihn fragen.«

»Ich schätze, du hast recht«, seufzte Alfie und sank wieder in sich zusammen. Auf ihren Reisen in die Albtraumwelt hatten sie viel gelernt. Die wichtigste Lektion war jedoch gewesen, dass man niemals vor einem Wesen aus der Anderwelt davonlaufen durfte. Damit so ein Nachtmahr verschwand, musste man sich dem stellen, was einem Angst machte. Versuchte man zu fliehen, stärkte sich das Albtraumwesen an der Angst seines Opfers. Und dann tauchte es schon bald jede Nacht in dessen Träumen auf.

»Gut«, sagte Charlie. »Ich will nämlich nicht riskieren, dass uns dieser Kerl nachts besucht. Und jetzt beeil dich, sonst ist er weg.« Der Mann war schon fast bei seinem Auto angekommen.

»Entschuldigen Sie!«, rief Alfie. »Sir?«

»He, Sie da mit der Farbe!«, brüllte Charlie. Jetzt war keine Zeit mehr für Höflichkeiten. Der Mann grunzte lautstark, drehte sich aber nicht um.

Charlie warf Alfie einen besorgten Blick zu. Das war kein gutes Zeichen. Neben Schlurfen und Sabbern war auch Grunzen typisch für Zombies.

»Möchten Sie vielleicht ein leckeres, saftiges Gehirn?«, brüllte Alfie.

»Grrrummmpf?« Der Kopf des Mannes fuhr herum zu den Jungen, doch seine Beine liefen weiter. Plötzlich kam er abrupt zum Stehen und ließ die Farbdosen fallen. Blaue Farbe spritzte durch die Gegend. Die Knie des Mannes gaben nach und er stürzte zu Boden wie ein gefällter Baum. Auf der Stirn hatte er eine blutende Wunde. Er war direkt gegen einen Laternenpfahl gelaufen.

»Schnell, ruf einen Krankenwagen!«, sagte Charlie zu Alfie und rannte zu dem Mann hinüber. Als er bei ihm ankam, fiel er auf die Knie, zog das Sweatshirt aus, das er über seinem Arbeits-T-Shirt mit dem Kräuterladen-Logo trug, und wollte es auf die Wunde des Mannes drücken. Doch der Gesichtsausdruck des Verletzten ließ Charlie zögern. Trotz der Wunde wirkte der Mann erstaunlich friedvoll. Er lag mit geschlossenen Augen da und lächelte so zufrieden, als läge er tief schlafend im eigenen Bett.

Alfie hockte sich neben Charlie. »Der Krankenwagen ist unterwegs«, berichtete er. Dann fiel auch ihm der merkwürdige Ausdruck des Mannes auf. »Der scheint wirklich ein Nickerchen zu brauchen.« Alfie nahm seinen Rucksack ab und begann, darin herumzukramen. »Und da er gerade so schön schläft, können wir uns das Exemplar genauer ansehen.«

»Der Typ ist vielleicht ein Zombie, aber kein Bio-Projekt«, warnte Charlie seinen Freund und drückte das Sweatshirt auf die blutende Wunde. »Du darfst ihn nicht sezieren, Alfie.«

»Sezieren kann man nur Tote.« Alfie hatte eine kleine Taschenlampe aus seinem Rucksack geholt. »Ich bin ziemlich sicher, dass dieser Typ noch lebt, und deshalb wäre es technisch gesehen eine Vivisektion. Aber keine Angst, ich werde ihn bestimmt nicht aufschneiden.« Er hob ein Lid des Mannes an und leuchtete ihm mit der Taschenlampe ins Auge. »Ja, der Pupillenreflex ist in Ordnung. Der Hirnstamm hat nichts abbekommen.«

Mit der freien Hand nahm Charlie die Brieftasche des Mannes an sich und reichte sie seinem Freund. »Vielen Dank, Dr. Bluenthal. Sieh mal nach, ob du einen Ausweis findest, während ich den Rest von ihm durchsuche.«

Alfie durchstöberte die vollgestopfte Brieftasche des Mannes und zog eine blau-gelbe Karte heraus. »Der Kerl muss mal wieder ausmisten. Was zum Teufel ist eine Videothek?« Nach längerem Suchen fand er endlich den Führerschein des Mannes. »Hier steht, dass er Winston Lindsay heißt. Er ist vierundvierzig. Organspender. Er wohnt in der Newcomb Street 27 in Orville Falls.«

»Orville Falls?«, wiederholte Charlie ungläubig. Orville Falls war ein netter kleiner Ort in den Bergen, ungefähr eine halbe Stunde Autofahrt von Cypress Creek entfernt. »Er ist den ganzen Weg hierhergefahren, nur um Farbe zu kaufen? Haben die in Orville Falls keinen Baumarkt?«

»Doch, sogar zwei«, antwortete Alfie.

Charlie sah ihn verblüfft an. Manchmal fragte er sich, ob Alfie wirklich alles wusste.

Alfie seufzte. »Erinnerst du dich an den Sommer, in dem mich meine Eltern in dieses grauenhafte Sommercamp in Orville Falls geschickt haben? Die Betreuer haben mich eingesperrt und zum Basteln gezwungen. Ich musste mich wegschleichen, um mir Bücher aus der Bücherei zu holen.«

»Wie könnte ich das vergessen?«, sagte Charlie, den die Erinnerung an die Geschenke, die Alfies Freunde nach diesem qualvollen Aufenthalt bekommen hatten, zum Grinsen brachte. »Ich habe immer noch die Makramee-Eule, die du für mich gemacht hast.«

In der Ferne ertönte die Sirene eines Rettungswagens. Sekunden später war das Heulen bereits ohrenbetäubend. Der Wagen kam auf der Hauptstraße zum Stehen und zwei Sanitäter in makellosen, blauen Uniformen sprangen heraus.

»Hallo«, sagte einer von ihnen mit auffällig tiefer Stimme. Er klang wie ein Superheld. »Seid ihr die Kinder, die angerufen haben?«

»Äh-hä«, grunzte Alfie. Einen Moment lang blickte er nur ehrfürchtig zu dem Sanitäter auf. Doch als Charlie ihm einen Rippenstoß verpasste, war er sofort wieder in seinem Element. »Der Patient ist bewusstlos, aber seine Pupillenreflexe deuten darauf hin, dass …«

Eine Sanitäterin schob Alfie zur Seite und hockte sich neben Winston Lindsay. »Gute Arbeit, wie du die Blutung gestillt hast«, lobte sie Charlie und untersuchte die Wunde des Mannes. »Seid ihr beide Pfadfinder oder so was?«

»Nein, Ma’am«, antwortete Charlie. Er sprach Erwachsene nicht allzu oft mit Ma’am an, aber die Sanitäterin war eine der wenigen Erwachsenen, bei denen es ihm richtig vorkam.

Charlie sah, wie Alfie die Schultern straffte. »Ich bin kein Pfadfinder, aber ich betrachte mich als eine Art Amateur-Doktor«, verkündete er stolz. »Ich habe alle wichtigen Abhandlungen studiert und …«

»Das ist toll, Kleiner«, unterbrach ihn der erste Sanitäter. Dann begann er, eine Trage auszuladen, während seine Kollegin den Mann weiter untersuchte.

»Der Pupillenreflex ist in Ordnung«, informierte sie ihren Kollegen. »Aber es sieht aus, als würde der Kerl nicht so bald wieder aufwachen. Wir sollten ihn so schnell wie möglich ins Krankenhaus schaffen.«

Alfie sah Charlie an und verdrehte die Augen. Charlie konnte gut verstehen, dass sein Freund genervt war. Zwölf zu sein, war schon schlimm genug, denn die meisten Erwachsenen hörten einem nicht zu. Aber ein zwölfjähriges Genie zu sein, war bestimmt noch viel schlimmer.

Die Sanitäter hoben Winston Lindsay auf die Trage, zurrten ihn fest und luden ihn in den Krankenwagen. Charlie und Alfie wollten ebenfalls einsteigen.

»Das geht nicht, Jungs«, sagte der Sanitäter und schob sie zurück. »Nur Familienmitglieder dürfen mitfahren.«

»Aber wir haben den Mann gefunden!«, protestierte Alfie. »Wahrscheinlich haben wir ihm das Leben gerettet!« Vorsichtshalber erwähnte er nicht, dass sie auch diejenigen waren, die den Mann in Gefahr gebracht hatten. Immerhin war er ihretwegen gegen den Laternenpfahl gelaufen.

Am liebsten hätte Charlie den Sanitäter angebrüllt, aber es gelang ihm, die Ruhe zu bewahren. »Sir, wir müssen wissen, was mit dem Mann nicht stimmt«, sagte er. »Die Lage könnte viel ernster sein, als Sie glauben.«

Der Sanitäter tippte auf seine Dienstmarke mit dem Logo des Westbridge Krankenhauses. »Besuchszeit ist von neun bis zwölf.« Dann schlug er die Türen zu und der Rettungswagen raste davon.

 

Alfie und Charlie rannten zurück zur Eisdiele und sprangen auf ihre Räder. Charlie durfte den Mann nicht einfach entkommen lassen. Aber der Krankenwagen war bereits nicht mehr zu sehen, als er und Alfie losfuhren, und das Heulen der Sirene wurde immer leiser. Charlie strampelte, so schnell er konnte. Seltsamerweise wurde das Sirenengeheul plötzlich wieder lauter. Er warf einen staunenden Blick auf seine Füße und sah, dass Alfie dasselbe tat. Offenbar holten sie auf.

Die Jungen schossen um eine Kurve und mussten scharf bremsen. Vor ihnen stand der Krankenwagen an einer Ampel. Die hinteren Türen waren weit offen und die beiden Sanitäter starrten in das Wäldchen neben der Straße. Sie wirkten geschockt und einer von ihnen hatte ein beeindruckend blaues Auge.

Charlie warf einen Blick auf den Boden. Eine schmale, nasse Spur, vermutlich von einem Tropf, führte von den Hecktüren des Krankenwagens über die Straße und in den Wald.

»Was ist passiert?«, fragte Alfie den Sanitäter.

»Das Verrückteste, was ich je erlebt habe.« Der Sanitäter antwortete wie in Trance. Dann sah er seine Kollegin an. »Das sollten wir melden.«

Sie holte ein Funkgerät heraus. »Zentrale, hier ist RTW Drei. Bitte kommen.«

Eine Stimme drang durch das Funkrauschen. »Zentrale hört, RTW Drei.«

»Das werdet ihr nicht glauben. Ihr habt uns doch zu dem Kerl mit der Kopfverletzung geschickt? Der an der Hauptstraße lag?«

»Was ist mit ihm?«

»Er ist uns aus dem Wagen gesprungen.«

Charlie und Alfie tauschten einen besorgten Blick.

»Was? Ich dachte, der wäre bewusstlos gewesen, mit Verdacht auf Gehirnerschütterung …«

»Ganz genau. Er war nicht ansprechbar, als wir dort eintrafen. Aber wir mussten an einer Ampel halten. Der Typ hat die Gurte gesprengt, sich den Tropf rausgerissen und den Weg nach draußen freigekämpft. Dabei hat er meinem Partner auch noch ein blaues Auge verpasst. Dann ist er im Wald verschwunden.«

»Wie soll denn so was möglich sein?«, fragte die Stimme am anderen Ende ungläubig.

»Warte mal, das Beste hast du noch gar nicht gehört«, sagte die Sanitäterin. »Die ganze Zeit über, während sich der Kerl gewehrt hat wie verrückt, hat er kaum die Augen aufgemacht. Ich bin nicht sicher, ob er wirklich wach war.«

»Was meinst du damit, ob er wach war?«

Charlie sah, wie die Sanitäterin zögerte, um nach den richtigen Worten zu suchen. Dann drückte sie den Knopf und hielt sich das Funkgerät wieder vor den Mund. »Vielleicht bin ich irre, aber ich glaube, er schlafwandelt.«

Das Monsterbuch

Das Portal war geschlossen – so viel war sicher. Während Alfie noch mit den Sanitätern sprach, war Charlie nach Hause gerast. Dort angekommen, hatte er sein Fahrrad in der Einfahrt fallen lassen und war die Stufen zum Turmzimmer hochgerannt. Er hatte das Portal überprüft, nicht nur einmal, sondern zweimal. Und dann gleich noch ein drittes Mal, um ganz sicher zu sein, dass die Tür zur Anderwelt fest verschlossen war.

Doch Charlie wurde das Gefühl nicht los, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Selbst wenn Winston Lindsay kein Zombie war, so hatte er doch nicht menschlich gewirkt. In der Anderwelt gab es Millionen von Kreaturen und jede war anders. Sie waren so einzigartig wie die Ängste der Menschen. Manche wanden sich am Boden, andere flogen – und einige schlurften. Auch wenn es so aussah, als wäre das Portal geschlossen, musste Charlie sichergehen, dass Winston Lindsay kein Wesen aus einem Albtraum war.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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