Nightmares! Die Stunde der Ungeheuer - Jason Segel - E-Book

Nightmares! Die Stunde der Ungeheuer E-Book

Jason Segel

4,7
8,99 €

Beschreibung

Furioses Finale mit Gänsehautgarantie! Mit seinen eigenen Albträumen kommt Charlie inzwischen gut zurecht. Was aber tun, wenn man plötzlich in einen fremden Traum gerät? Seit Kurzem landet Charlie nämlich in ICKs Träumen. Dabei hatte er gehofft, dieses seltsame Zwillingsmädchen, das mit seiner Schwester die Anderwelt fast zerstört hätte, endlich los zu sein. Charlie ist sich sicher: Die beiden führen auch dieses Mal nichts Gutes im Schilde. Abschluss der Trilogie mit Suchtfaktor und genialer Gänsehaut-Garantie von Hollywood-Star Jason Segel: Spannung, Abenteuer und Freundschaft in einer fantastischen Alptraumwelt!

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Seitenzahl: 375

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Über dieses Buch

Furioses Finale mit Gänsehautgarantie! Mit seinen eigenen Albträumen kommt Charlie inzwischen gut zurecht. Was aber tun, wenn man plötzlich in einen fremden Traum gerät? Seit Kurzem landet Charlie nämlich in ICKs Träumen. Dabei hatte er gehofft, dieses seltsame Zwillingsmädchen, das mit seiner Schwester die Anderwelt fast zerstört hätte, endlich los zu sein. Charlie ist sich sicher: Die beiden führen auch dieses Mal nichts Gutes im Schilde.

 

 

 

 

Als Junge überlebte Ron Daly den Bombenabwurf auf Glasgow.

Seine Geschichten über Großbritannien zur Zeit des Krieges haben dazu beigetragen, dieses Buch zu inspirieren.

Sein Leben inspirierte jeden, der ihn kannte.

Prolog

Sie bückte sich und spähte durch das Schlüsselloch. Auf der anderen Seite lag ein schummrig beleuchteter Flur. Sie konnte nicht dorthin, doch sie wusste genau, wo er sich befand: im ersten Stock einer lila Villa in einer Stadt namens Cypress Creek. Drei Türen gab es auf diesem Flur, und diese drei Türen führten zu drei Zimmern, in denen vier Menschen schliefen. Den ganzen Abend über hatte sie die vier durch das Schlüsselloch beobachtet, die beiden Jungen und ihre Eltern. Und sie hatte sich überlegt, was sie mit ihnen anstellen würde, sobald sie es erst auf die andere Seite geschafft hatte.

Zum tausendsten Mal versuchte sie ihr Glück am Türknauf. Er drehte sich, doch die Tür wollte nicht nachgeben. Sie war nicht einfach nur verschlossen. Sie war verbarrikadiert.

Ihr war klar, dass sie diejenige war, die man auszusperren versuchte – daran bestand kein Zweifel. Die Menschen, die in der lila Villa wohnten, hatten ihr einen Brief geschrieben.

Heiß wie ein Scheiterhaufen loderte die Wut in ihr auf. Sie presste die Augen zusammen, ballte die Hände und grub die Fingernägel in ihre Handflächen. Sie musste ihre Wut in den Griff kriegen. Eine falsche Entscheidung und die Familie würde den Turm niederbrennen, seine Geheimnisse zerstören und dann säße sie fest. Ihr blieb nur eines übrig: Sie musste abwarten. Früher oder später würde ihre Zwillingsschwester sie finden.

Schließlich verließ sie ihren Posten am Schlüsselloch und stieg die Treppe in den Turm wieder hinauf. Die Eigentümer der Villa hatten die Fenster des Turms mit Brettern vernagelt, doch das Mondlicht stahl sich dennoch hindurch. Das Portal, durch das sie gekommen war, stand noch offen. Dahinter lag die Anderwelt, das Land der Albträume. Jahrzehntelang war sie zwischen den beiden Welten hin- und hergewandert. Nun wollte die Familie dem ein Ende setzen. Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass Menschen wie diese die Macht dazu haben könnten, und doch war es ihnen gelungen, ihren letzten großen Plan zu vereiteln.

Das einzige Möbelstück im Turm war ein riesiger Schreibtisch aus Eiche. Als das Zimmer ausgeräumt wurde, war er zurückgeblieben. Wahrscheinlich war er zu sperrig gewesen, um ihn die Treppe hinunter zu bugsieren. Sie kletterte darauf und legte sich ins Mondlicht. Dann nahm sie den Brief zur Hand, der sie bei ihrer Ankunft erwartet hatte. Für jeden normalen Menschen wäre es im Turm viel zu dunkel zum Lesen gewesen, doch es war schon lange her, dass sie normal gewesen war.

Liebe ICK,

 

wir sind die Hüter dieses Portals, und wir wissen, dass auch du, wie wir, die Macht hast, hindurchzugehen. Wir können dich nicht davon abhalten, die wache Welt zu besuchen, doch wir können dafür sorgen, dass du nicht weiter als bis in diesen Raum kommst. Wenn du versuchst, auszubrechen, brennen wir den Turm mit allem darin nieder. Das Portal wird zerstört werden und du wirst deine Schwester niemals wiedersehen.

Hoffentlich finden dich die Behörden der Anderwelt und bestrafen dich für deine schrecklichen Verbrechen. Bis dahin: Halte dich von unseren Träumen fern!

 

Charlotte, Charlie und Jack Laird

Charlotte, Charlie und Jack Laird. Sie wiederholte die Namen im Kopf. Es waren die Namen der beiden Jungen und des Mädchens, das erwachsen geworden war. Wie interessant, dass nur drei Leute unterschrieben hatten – wenn doch vier Menschen im Haus wohnten.

ICK war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, was das bedeutete, und sah eine neue Chance. Drei der Menschen unten wussten, dass sie kommen würde. Doch der vierte erwartete sie nicht.

Die Bestien

Am Ende des Flurs, der hinter einer merkwürdigen Tür lag, die mit Schlössern übersät war, wälzte Charlie Laird sich unruhig im Schlaf hin und her. Eigentlich hatte er sich darauf gefreut, dem Traumreich einen Besuch abzustatten, als er am Abend die Augen geschlossen hatte. Doch gelandet war er ganz woanders.

Wo genau, wusste Charlie selbst nicht. Er konnte nicht einmal die Hand vor Augen sehen. Noch nie hatte er solche Dunkelheit erlebt.

»Keine Panik«, befahl Charlie sich selbst. »Denk dran: In solchen Sachen bist du Profi.«

Er streckte einen Arm aus und ließ die Finger durch die Finsternis gleiten, spürte aber nichts außer Wind, der gegen seine Handfläche drückte. Er trat einen Schritt nach vorn, und sein nackter Fuß machte ein nasses, schmatzendes Geräusch, als er ihn aus dem morastigen Boden zog. Charlie befand sich irgendwo im Freien, so viel stand fest. Er wagte sich einige Schritte weiter vor, dann blieb er stehen und schnupperte. In der warmen Brise, die ihn einhüllte, lag der Gestank von Dung. Er hoffte, dieser stammte nicht von der Brühe, die zwischen seinen Zehen hervorquoll. Es gelang ihm zwar, seine Angst in den Griff zu bekommen, aber gegen den krassen Ekel war er machtlos.

Auf einmal hatte Charlie es sehr eilig, weiterzugehen. Er hob ein Bein, doch dann erstarrte er mitten in der Bewegung. Er meinte, etwas gehört zu haben. Nicht viel – nur ein leises Grunzen, als hätte jemand ganz in der Nähe sich geräuspert.

Vollkommen blind wirbelte Charlie in der Schwärze herum und lauschte angestrengt, woher das Geräusch kam. »Hallo?«, rief er. »Ist da draußen jemand?«

Mit angehaltenem Atem blieb er reglos stehen und wartete auf eine Antwort – und fürchtete sich zugleich vor einer Antwort. In der Ferne grollte Donner und der Wind wehte kräftiger. Charlie war nicht nur draußen, es war auch noch ein Unwetter im Anmarsch.

Die Sekunden verstrichen und niemand antwortete. Doch etwas bewegte sich. Charlie hörte Schlamm blubbern und ein leises Platschen: ein Schritt. Er stand mucksmäuschenstill. Dann hörte er einen zweiten Schritt, kurz darauf gefolgt von einem dritten und einem vierten. Das Wesen in der Dunkelheit bewegte sich langsam, schien aber genau zu wissen, wohin es wollte. Und zwar kam es direkt … auf Charlie zu.

»Das ist nur ein Albtraum«, flüsterte Charlie. Es war schon eine Weile her, dass er sich das hatte versichern müssen. Er wusste, wie Albträume funktionierten, und er wusste, wie er sie bekämpfen konnte. Doch etwas an diesem Traum war ganz anders.

Das Wesen war nun so nah, dass Charlie es riechen konnte. Es stank wie ein Klo, vollgestopft mit widerlichen alten Pullis. Charlies Beine zuckten, als das Ding noch näher kam. Zu gerne wäre er davongerannt. Doch das Schlimmste, was man tun kann, ist, vor einem Nachtmahr wegzulaufen. Ganz egal, wie schnell man ist, am Ende holt er einen immer ein. Wie groß Charlies Angst also auch sein mochte, er hatte keine andere Wahl, als sich ihr zu stellen.

»Was bist du und was willst du?«, rief er und hoffte, er hörte sich mutiger an, als er sich fühlte.

Charlie vernahm ein mahlendes Geräusch, das Tier schien zu kauen. Er fragte sich, was es wohl fraß, und eine Million grauenhafter Bilder zuckten durch seinen Kopf – bis etwas an sein Ohr drang, was alles andere in den Hintergrund treten ließ.

Eine Melodie, die von irgendwo weit entfernt herkam. Eine liebliche Frauenstimme summte ein Wiegenlied – ein Wiegenlied, das Charlie nur zu gut kannte. Seine eigene Mutter hatte es ihm vor Jahren vorgesungen, als er noch klein und sie noch am Leben gewesen war.

»Mom?«, rief Charlie, und Hoffnung keimte in ihm auf. »Mom, bist du das? Bist du da draußen?«

Friedlich summte die Frau weiter, als hätte sie ihn nicht gehört.

»Es ist dunkel! Ich kann dich nicht sehen!«, versuchte Charlie es noch einmal. »Kannst du zu mir kommen? Kannst du mir helfen?«

Wie um seine Frage zu beantworten, fing es auf einmal an, wie aus Eimern zu gießen. Das Gewitter übertönte das Lied und erstickte Charlies Hoffnung – im selben Moment fühlte er, wie ihn ein gewaltiges Tier streifte. Mit einem erschrockenen Laut taumelte er rückwärts und fiel platschend in den Morast.

Charlie streckte die Arme aus, um einen Angriff abzuwehren, und schrie. Jetzt, da er am Boden lag, konnte das Wesen alles Mögliche mit ihm anstellen. Da zerriss ein Blitz den Himmel, und er erkannte, dass die Bestie, die ihn verfolgte, nicht allein war. Dutzende identischer Kreaturen ragten über ihm auf und mampften im Chor, während er im Schlamm herumrutschte. Jedes der Tiere war gut einen Meter hoch und fast ebenso breit, hatte rabenschwarzes Fell und bernsteinfarbene Augen, die im Licht schimmerten.

Es waren Schafe, begriff Charlie. Schwarze Schafe, genau wie in dem Lied.

 

Kerzengerade hockte Charlie in seinem Bett. Seine Brust hob und senkte sich heftig und sein Herz raste. Sowohl seine Decke als auch sein Schlafanzug waren schweißnass. Einen Albtraum wie diesen hatte er noch nie gehabt.

Und während sein Herz sich allmählich beruhigte und Charlie wieder zu Atem kam, begriff er, warum es sich so seltsam angefühlt hatte. Dieser Traum war nicht sein eigener gewesen. Er war felsenfest davon überzeugt, dass er eben im schlimmsten Albtraum eines anderen gesteckt hatte. Und wer dieser Träumer auch sein mochte, er oder sie hatte sehr große Angst.

Die Neue

Charlie spürte, wie seine Augenlider schwer wurden. Um vier Uhr morgens war er aufgewacht und hatte danach einfach nicht mehr einschlafen können. Bisher hatte er kaum je einen Gedanken an Schafe verschwendet, aber jetzt schien er regelrecht von ihnen besessen zu sein. Acht Stunden waren seitdem vergangen und es war beinahe Mittag. Charlie befand sich mitten in der wichtigsten Beschattungsmission seines zwölfjährigen Lebens. Und trotzdem bekam er diese stinkenden Tiere nicht aus dem Kopf.

Er linste durch die Lücke, die er auf einem Regalbrett zwischen einigen Büchern freigeräumt hatte. Das Mädchen, das er beobachtete, war noch da. Seit vierundfünfzig Minuten schon nahm sie einen der Bibliothekscomputer in Beschlag, aber niemand hatte es gewagt, sie zu stören. Als sie sich vorhin an das Gerät setzte, hatte Charlies Herz angefangen, wild zu pochen. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, was eine Superschurkin wie India Kessog wohl recherchieren mochte. Wo man Sprengstoff zum Schnäppchenpreis bekommt? Wie man menschenfressende Ratten züchtet? Welches Gift sich gut mit Mensa-Ketchup vermischen lässt? Doch wie sich herausstellte, wollte das Mädchen gar nichts recherchieren. Sie hatte zwanzig Minuten gebraucht, um herauszufinden, wie man mit der Maus umging, und danach hatte sie nichts anderes getan, als Zeichentrickfilme anzuschauen. Und zwar noch nicht einmal die genial abgefahrenen. Sie kicherte wie blöd über Sendungen, die sonst nur die megalangweiligsten Kleinkinder gucken würden.

Dann ertönte die Pausenglocke, und das Mädchen stand auf, um sein altmodisches Outfit glatt zu streichen. Charlie fand, es sah aus wie irgendeine Uniform. Unter einem matrosenblauen Schürzenkleid trug das Mädchen eine makellos weiße Bluse, an deren Kragen eine rote Krawatte hervorguckte.

Niemand sonst rührte sich, als sie den Stuhl unter den Tisch schob. Selbst für eine Bibliothek war es im Zimmer ungewöhnlich ruhig. Zwei Dutzend Kinder hielten sich hier auf, doch kein einziges redete. Sämtliche Blicke waren auf die Neue geheftet. Und die anderen gafften nicht, weil sie ihre Kleidung ungewöhnlich fanden. Nein, sie waren starr vor Schreck. Sie alle waren India Kessog schon einmal begegnet, und zwar nicht an der Schule von Cypress Creek.

Entweder bemerkte India es nicht oder es war ihr egal. Nach dem Gong sammelte sie ihre Sachen ein und hopste fröhlich zur Tür. Die übrigen Schüler trafen die weise Entscheidung, noch ein Weilchen auf ihren Plätzen zu bleiben, während Charlie ihr vorsichtig folgte.

India lief durch den Mittelgang der Schule und drehte dabei den Kopf ständig von links nach rechts. Anscheinend wollte sie sich alles ganz genau ansehen. Am Wasserautomaten, an dem man sich für einen Dollar eine Flasche ziehen konnte, blieb sie stehen und lachte. Wenige Schritte später riss sie einem Schüler ein lila Zahlenschloss aus den zitternden Händen und musterte es, als wäre es ein seltener Edelstein. India sammelte Informationen, schlussfolgerte Charlie. Wenn er nur wüsste, was sie damit vorhatte.

Die Menge teilte sich vor ihr, als India durch die Schule spazierte. Mit weit aufgerissenen Augen blieben die Kinder stehen und pressten sich an die Wände oder flüchteten ins nächstbeste Klassenzimmer. Charlie sah sogar, wie sich ein Siebtklässler freiwillig in einen offenen Spind zwängte. Er konnte es seinen Mitschülern nicht übel nehmen, dass sie so panisch reagierten. Gerade war ihr schlimmster Albtraum in ihrem echten Leben aufgetaucht und schlenderte durch die Flure der Schule.

Als India anhielt, um verwundert eine Digitaluhr an der Wand zu begutachten, ging Charlie hinter einem Putzwagen des Hausmeisters in Deckung. Es war kurz nach zwölf. Kaum zu glauben, dass erst vier Stunden vergangen waren, seit Charlies Jahr als Achtklässler begonnen hatte. Anscheinend hatte das Schicksal diesen ersten Schultag dazu bestimmt, der längste Tag in Charlies Leben zu werden.

Was wirklich ein Jammer war, dachte er schlecht gelaunt, denn abgesehen von dem fehlenden Schlaf hatte alles echt super angefangen. Seine Stiefmutter, Charlotte, hatte zum Frühstück ganz normale Pancakes aufgetischt: goldbraun, lecker und ohne das kleinste bisschen Grünkohl. Dann hatte Charlies kleiner Bruder, Jack, feststellen müssen, dass er für sein geliebtes Captain-America-Kostüm zu groß geworden war – und war ausnahmsweise einmal wie ein ganz normaler Mensch zur Schule gegangen. Und auf der Herfahrt hatte Charlies Vater, Andrew Laird, ihnen die Geschichte von seinem ersten Tag in der achten Klasse erzählt, über die sie sich schlapp gelacht hatten. Damals war die Naht seiner neuen Hose vor den Augen des niedlichsten Mädchens der ganzen Schule geplatzt, weil er sich über den Wasserspender gebückt hatte, um einen Schluck zu trinken.

Als Charlie sich in der ersten Stunde auf seinen Platz gesetzt hatte, hätte seine Stimmung nicht besser sein können. Doch von da an war alles schrecklich schiefgelaufen. Er hatte eine süßliche Stimme mit englischem Akzent gehört, die von einem Mädchen in der ersten Reihe stammte. Sie erzählte der Klasse, sie sei neu an der Schule von Cypress Creek und ihr Name laute India Kessog. Aber ganz egal, wie diese Kreatur sich nennen mochte, für Charlie würde sie immer INK bleiben.

 

India Nell Kessog (INK) und ihre Schwester, Isabel Cordelia Kessog (ICK), sahen wie ganz normale zwölfjährige Zwillinge aus. Doch dank eines Schwarz-Weiß-Fotos der beiden aus dem Jahr 1939 wusste Charlie, dass sie seit fast achtzig Jahren keinen Tag gealtert waren. Irgendwann hatten die Mädchen einfach aufgehört, älter zu werden. Zwar hatte Charlie keinen Schimmer, wie sie das angestellt hatten, aber er vermutete, dass es mit dem verlassenen Leuchtturm zu tun hatte, in dem ICK und INK beinahe ein Jahrhundert lang gehaust hatten. Das Zuhause der Zwillinge hatte an einem trostlosen, windgepeitschten Strand in Maine gelegen und es hatte ein großes Geheimnis gehütet. Genau wie in Charlies lila Villa hatte es im Leuchtturm ein Portal ins Land der Nachtmahre gegeben.

Charlie hatte geglaubt, er, sein kleiner Bruder Jack und seine Stiefmutter Charlotte wären die einzigen Menschen, die zwischen der wachen Welt und der Anderwelt hin- und herwechseln konnten. Doch dann hatte er herausgefunden, dass ICK und INK schon seit Jahrzehnten zwischen den beiden Welten hin- und hergewandert waren. Vielleicht waren die Zwillinge früher einmal, bevor sie damit angefangen hatten, ganz normale Kinder gewesen, doch die Zeit, die sie in der Anderwelt verbracht hatten, schien ihre Spuren hinterlassen zu haben. Nachdem sie nicht mehr älter geworden waren, hatten ICK und INK angefangen, sich gegen die Menschheit zu verschwören. Erst im vergangenen Sommer hatten die Mädchen einen verblüffend bösartigen Plan ausgeheckt. Nachdem sie sich mit den Kobolden verbündet hatten, erfanden sie das Schlaf-Gut-Elixier, einen Trank, der die Macht hatte, Menschen vom Träumen abzuhalten – und sie zu zombieartigen Wandlern zu machen.

Keiner konnte sich erklären, warum ICK und INK sich ausgerechnet die Nachbarstadt Orville Falls ausgesucht hatten, um dort mit dem Verkauf ihres Elixiers zu beginnen. Doch sobald die Einwohner von Orville Falls durch das fiese Gebräu in sabbernde und schlurfende Zombies verwandelt worden waren, hatten die Zwillinge ihre Aufmerksamkeit auf das nahe gelegene Cypress Creek gerichtet. Sie waren auf einmal in den Albträumen von Charlies Schulkameraden und Nachbarn aufgetaucht, und sobald sämtliche Bewohner der Stadt sich vor Angst nicht mehr zu schlafen trauten, eröffneten ICK und INK einen Laden an der Hauptstraße von Cypress Creek, um ihr Elixier als Heilmittel gegen böse Träume anzupreisen.

Das Elixier hatte wie versprochen gewirkt, nur verhinderte es nicht nur Albträume – auch gute Träume waren nicht mehr möglich. Und wenn Menschen nicht mehr träumen, passiert Schlimmes. Ohne Träumer, die sie Nacht für Nacht erneuerten, drohte die Anderwelt, in einem gigantischen Loch zu versinken – und um ein Haar hätte eine Wolke aus purem Nichts das Traumreich verschluckt.

Wäre das Schlaf-Gut-Elixier nicht vom Markt verschwunden, hätten drei Welten zugrunde gehen können. Charlie und seinen Freunden war es zwar gelungen, diese Katastrophe zu verhindern, doch ICK und INK trieben nach wie vor ihr Unwesen. Ein Feuer, das INK gelegt hatte, vernichtete den Leuchtturm der Zwillinge, sodass die Schwestern nun auf verschiedenen Seiten des Portals festsaßen. ICK war in der Anderwelt gefangen, doch wo genau INK sich herumtrieb, hatten Charlie und seine Freunde nicht herausfinden können. Nach dem Brand war sie in die wache Welt geflüchtet und hatte sich dort offenbar in Luft aufgelöst.

Charlie war klar gewesen, dass sie INK eh eines Tages hätten ausfindig machen müssen. Doch nun konnten er und seine Freunde sich die Suche sparen – eine der Bösewichte, die fast drei Welten zerstört hatten, war geradewegs zu ihnen gekommen.

 

In der Schule von Cypress Creek hatte INK sich inzwischen wieder in Bewegung gesetzt. Als Charlie hinter dem Putzwagen hervorkam, läutete es warnend zum letzten Mal, und der Flur leerte sich. Doch Charlie hatte Mittagspause, daher hatte er es nicht eilig. Er würde India Kessog nicht aus den Augen lassen. Notfalls würde er sie stundenlang beschatten – so lange, bis er herausgefunden hatte, was sie im Schilde führte. Wohin INK auch ging, er würde ihr auf den Fersen bleiben!

Dann öffnete sich eine Tür, schloss sich wieder und INK war verschwunden. Charlie zögerte. Er würde INK bis ans Ende der Welt folgen … aber nicht aufs Mädchenklo. Charlie starrte die Tür mit dem Frauensymbol finster an. Am liebsten hätte er ihr vor Frust einen Tritt verpasst. Sollte er INK doch hinterhergehen? Er wagte gar nicht, sich auszumalen, was sie diesmal alles anrichten könnte. Aber was, wenn da drinnen auch unschuldige Mädchen waren, die … Mädchenkram machten? Charlie hatte in den letzten Jahren ein paar wirklich üble Sachen erlebt, trotzdem hatte er den leisen Verdacht, dass es Dinge gab, von deren Anblick selbst er sich nicht erholen würde. Er schaute erst nach links, dann nach rechts. Niemand schien ihn zu beachten. Charlie streckte die Hand aus. Vorsichtig wollte er die Tür öffnen, als ein grauenhaftes Kreischen durch den Spalt drang. Das war kein Laut, den menschliche Stimmbänder für gewöhnlich von sich gaben. Es klang vielmehr nach einem verängstigten Tier.

Kaum hatte Charlie die Hand von der Klinke gerissen, platzte ein Junge aus der Mädchentoilette. Charlie erkannte Ollie Tobias sofort: Wie immer war sein blondes Haar perfekt gescheitelt und er trug eine schicke Fliege und Hosenträger. Doch sein Gesicht hatte die Farbe von Kleister, während Kleidung und Finger mit etwas bekleckert waren, das verdächtig nach tiefrotem Blut aussah.

»Ollie!«, keuchte Charlie.

»Charlie!« Ollie packte ihn am T-Shirt und klammerte sich daran fest, sodass der Stoff unter seinen Fäusten ganz knitterig wurde. »Ich hab sie gesehen! Die aus meinen Albträumen. Sie ist hier, Charlie. Sie ist hier!«

Ollie Tobias war einer der ersten Bewohner von Cypress Creek gewesen, denen ICK und INK im Traum nachgestellt hatten. Er hatte das Elixier getrunken, um seine Albträume loszuwerden, doch bei ihm hatte das Zeug einfach nicht gewirkt. Er war immun gegen das Schlaf-Gut-Elixier. Und wie sich herausgestellt hatte, war Ollies Immunität die Lösung für das ganze Problem. Als Charlie und seine Freunde entdeckt hatten, was Ollie schützte, kannten sie auch das Gegenmittel für das Schlaf-Gut-Elixier und konnten so alle Opfer von ICK und INK retten.

Charlie befreite sein Shirt aus Ollies Griff und versuchte, einen besseren Blick auf dessen Wunden zu bekommen. »Ich weiß! Ich habe sie auch gesehen. Was hat sie da drin mit dir gemacht?« Charlie hatte ja gewusst, dass INK gefährlich war, aber nie hätte er damit gerechnet, dass sie jemanden angreifen würde.

»Was?«, fragte Ollie, noch immer außer Atem. »Ach so, das ist nur Nagellack.«

»Nagellack?«, wiederholte Charlie.

»Ja, klar.« Ollie deutete auf die Mädchentoilette. »Ich hab für die Ladys ein paar Verschönerungen vorgenommen.«

Einen Moment lang hätte Charlie alles dafür gegeben, zu sehen, was Ollie Tobias auf dem Klo der Mädchen gemalt hatte. Ollie war nicht nur der berüchtigtste Kleinkriminelle der Schule, sondern auch ein echtes Kunsttalent. Allerdings war jetzt keine Zeit, um dessen künstlerisches Genie zu bewundern. Charlie packte den Jungen am Arm und zerrte ihn in einen leeren Physikraum auf der anderen Seite des Gangs. Höchste Zeit, Hilfe zu holen.

»Gib mir dein Handy«, verlangte er von Ollie.

»An der Schule von Cypress Creek sind Handys verboten!«, stellte Ollie fest, ohne eine Miene zu verziehen. Für jemanden, der sich noch vor Sekunden vor Angst fast in die Hose gemacht hätte, hatte er seinen Sinn für Humor beeindruckend schnell wiedergefunden.

Charlie streckte die Hand aus.

Ollie grinste. »Bevorzugst du mein Smartphone oder hättest du lieber ein Wegwerfhandy?«

»Was bitte ist ein Wegwerfhandy?«, wollte Charlie wissen.

»Ts-ts.« Ollie rollte mit den Augen. »Und du willst ein Achtklässler sein?« Er drückte Charlie ein Smartphone in die Hand.

Charlie tippte zehn Ziffern in die Tastatur.

»Rufst du Paige Bretter an?«, stichelte Ollie. »Wozu frage ich überhaupt? Wen sonst? Außer mir ist sie hier die Einzige mit einem Handy. Sie darf eins haben, weil ihre Mutter dauernd krank ist. Und sieh einer an – du kennst ihre Nummer sogar auswendig! Keiner kennt mehr die Nummer von irgendwem. Es sei denn … man ist verliebt.«

Charlie war daran gewöhnt, dass ihn andere wegen Paige aufzogen, aber das machte es nicht weniger nervig. »Paige ist seit dem Kindergarten eine meiner besten Freunde«, blaffte er.

»Ach, wie süß. Eure Enkel werden diese Geschichte lieben!«, sagte Ollie gackernd.

»Halt die Klappe, Ollie, es sei denn, du willst mit deiner neuen Freundin auf dem Klo rumhängen. Ich wette, sie findet deine Witze zum Totlachen«, sagte Charlie und wandte ihm den Rücken zu. Er wollte nicht, dass Ollie mitbekam, wie er knallrot anlief.

Paige ging nach dem ersten Klingeln ran und ihre Stimme war nur ein hektisches Flüstern. »Charlie! Wo steckst du denn? Wir sind im Pausenraum und haben schon überall nach dir gesucht. Hast du die Neue gesehen?«

»Sie ist auf der Mädchentoilette im Erdgeschoss«, berichtete Charlie. »Sag Alfie und Rocco Bescheid, wir treffen uns auf dem Flur davor. Wir müssen uns mit ihr unterhalten.«

INK verschwindet

Als Charlie seine Freunde um die Ecke biegen sah, atmete er erleichtert auf. Verstärkung war im Anmarsch und diese Verstärkung konnte knallhart austeilen. Rocco Marquez, der Starathlet der Schule, war der Zweitgrößte der ganzen Achten – wenigstens dreißig Zentimeter größer als die zierliche blonde Paige Bretter, die dafür eine beeindruckende Persönlichkeit hatte, was die mangelnde Körpergröße allemal wettmachte. Wie immer trug Alfie Bluenthal eins seiner nerdtastischen Wissenschafts-T-Shirts. Auf der Vorderseite war ein schlecht gelaunter Comicdiamant zu sehen. Darunter stand: UNTERDRUCK. Alfie mochte der Unsportlichste ihrer Truppe sein, aber wenn es ein Problem zu lösen gab, stemmten Alfie und sein mächtiges Hirn die schwersten Probleme.

Seit dem Kindergarten waren Alfie, Paige und Rocco Charlies beste Freunde. Sie waren schlau, tapfer und einfallsreich – genau die Sorte Leute, die man in Krisenzeiten an seiner Seite haben wollte. Was sich als extrem praktisch herausgestellt hatte, denn seit sechs Monaten herrschte in Cypress Creek quasi Dauerkrise.

»Wir sind da. Wie lautet der Plan?« Paige ließ die Knöchel knacken.

»INK ist noch immer im Waschraum«, sagte Charlie und zeigte auf die Tür zur Mädchentoilette. »Gehen wir rein.«

Alfies Augen wurden riesig und seine Kinnlade klappte nach unten. »Da rein?«, fragte er nervös.

»Es ist nur eine Toilette, Bluenthal«, sagte Paige schnaubend. »Genau wie eure – nur wesentlich sauberer.«

»Und hübscher«, ergänzte Ollie und präsentierte stolz die Nagellackkleckse auf seinen Klamotten. »Ich habe den ganzen Morgen lang daran gearbeitet.«

Rocco gab Ollie einen kräftigen Klaps auf die Schulter. Er schien kein bisschen nervös zu sein. »Eine Gelegenheit, Ollies neuestes Kunstwerk zu bestaunen und mit einem Superschurken zu plaudern? Klingt, als würden hier echt keine Wünsche offenbleiben. Worauf, zum Teufel, warten wir noch?« Als er losstiefelte und die Tür öffnete, folgte Paige ihm sofort. Alfie ächzte noch einmal, setzte sich dann aber ebenfalls in Bewegung.

»Du bleibst hier und stehst Schmiere«, befahl Charlie Ollie. »Lass keinen rein.«

»Klar doch, aber was soll ich wegen der anderen Tür machen?«, fragte Ollie.

»Andere Tür?«, wiederholte Charlie.

»Jupp. Soll das heißen, dass du wirklich noch nie da drin warst? Auf der anderen Seite der Toilette gibt es noch eine Tür.«

»Was?« Charlie stöhnte. Während er die eine Tür überwacht hatte, war INK vielleicht längst durch die andere entkommen. »Nein, Ollie, ich war wirklich noch nie da drin.«

In diesem Moment streckte Rocco den Kopf zur Tür hinaus und bestätigte Charlies Befürchtung. »Falls INK nicht zufällig unsichtbar ist, dann ist sie nicht hier. Nette Arbeit übrigens, Ollie. Erinnert mich an den Urlaub in Mexiko, als Mom mit mir schnorcheln gefahren ist …«

»In Mexiko kommt diese Gattung nicht vor«, rief Alfie, dessen Stimme von den Fliesen widerhallte, von weiter hinten. »Die ist ausschließlich im Great Barrier Reef in Australien heimisch.« Er streckte seinen Kopf unter Roccos heraus. »Dein Feuerfisch ist der Hammer, Ollie!«

»Wovon redet ihr …?«, setzte Charlie an, als er sich an seinen Freunden vorbeischob. »Wow!« Kurz vergaß Charlie, warum er eigentlich in der Mädchentoilette war.

Die blauen Wandfliesen waren in eine Unterwasserwelt verwandelt worden, in der sich unzählige Meerestiere tummelten. Kunterbunte Fische zogen um Charlie ihre Kreise, während sich an der Decke der Umriss eines gigantischen Hammerhais abzeichnete. Aus dem Maul des Tiers ragten ein Paar Schwimmflossen mit Füßen darin. Über dem Papierhandtuchspender winkten Charlie Anemonen zu und ein Oktopus umschlang mit seinen vielen Armen eine der Toilettenschüsseln.

Ein Mülleimer in der Ecke war bis zum Rand voll mit Nagellackfläschchen und die Luft stank nach Lack.

»Bemerkenswert, nicht?«, sagte Alfie. »Und wenn man bedenkt, dass Ollie das alles mit der Nagellacksammlung seiner Mutter gemacht hat! Übrigens, es ist hier so viel schöner als bei uns Jungs, Paige. Ihr habt sogar Klopapier und Türen vor den Kabinen!«

»Ja, ja, schon klar«, sagte Paige. »Die Mädchen hier sind alle so zivilisiert und sauber. Zu schade, dass eine von uns eine mordende Wahnsinnige und womöglich nicht mal ein Mensch ist. Apropos, was wollen wir dagegen unternehmen?«

»Keine Ahnung«, gab Charlie zu. Er schloss einen der Klodeckel und setzte sich. Den ganzen Morgen lang hatte er sich darüber schon den Kopf zerbrochen, hatte bisher aber keine zündende Idee gehabt.

»Was will sie hier?«, fragte Rocco. »Als INK ihren Leuchtturm niedergebrannt hat, hätte sie sonst wohin gehen können und wir hätten sie nie im Leben gefunden. Warum kommt sie ausgerechnet nach Cypress Creek, wo jedes Kind sie aus seinen Albträumen kennt?«

Charlie schaute seine Freunde überrascht an. Wussten sie das wirklich nicht? Vielleicht hatten sie echt keine Ahnung. Keiner von ihnen hatte Geschwister. »Sie ist hier, weil es in der lila Villa ein Portal in die Anderwelt gibt«, erklärte er. »Wo ihre Schwester festsitzt.« Charlie hatte zwar keine Schwester, dafür aber einen Bruder. Und so nervtötend Jack auch sein konnte, Charlie würde ihn nie im Stich lassen.

Mit einem lauten Krachen flog eine der Türen auf. Charlies Freunde zuckten zusammen und er selbst sprang erschrocken hoch. Eine Frau kam in die Toilette gestürmt. Sie war klein – kaum größer als Charlie. Ihr dickes schwarzes Haar war zu einem schicken Bob geschnitten, dessen Pony bis an ihre Augenbrauen reichte. Sie trug ein schmales schwarzes Kleid und dazu schwarze Schuhe mit Absätzen, ihre Lippen hingegen waren tiefrot geschminkt. Ms Abbot war Charlies neue Klassenlehrerin – und auch neu an der Schule. Sie gab in Charlies Klasse Biounterricht und übernahm außerdem die Vertretung für einen Geschichtslehrer, der sich bei einem unglücklichen Longboard-Unfall auf dem Weg zur Schule das Schlüsselbein gebrochen hatte.

Ms Abbot war Mitte August aus New York in die Stadt gezogen – und galt in Charlies Nachbarschaft seitdem als Klatschthema Nummer eins. Es kursierten Gerüchte, nach denen die neue Lehrerin in einem halb verfallenen alten Haus mitten im Wald außerhalb von Cypress Creek wohnte. Sie blieb gerne für sich, was alle anderen umso neugieriger machte. Die Leute tuschelten über ihre schwarze Kleidung, ihre ungewöhnlich blasse Haut und ihre Vorliebe für knallroten Lippenstift. Manch einer hatte den Verdacht geäußert, dass Ms Abbot ein grässliches Geheimnis verbarg, auch wenn keiner zu wissen schien, worum es sich dabei handeln sollte. Den Ruf, ein bisschen merkwürdig zu sein, hatte sie an jenem Morgen weggehabt, als sie das Schuljahr damit begonnen hatte, der Klasse ihre Privatsammlung von konservierten Tierhirnen zu zeigen. Charlie hatte sich mit Nachtmahren in allen denkbaren Formen und Größen herumgeschlagen, doch Ms Abbot war ihm unheimlich. Sie mochte klein und hübsch sein – aber irgendetwas an ihr stimmte einfach nicht.

Ms Abbot stützte ein kleines Mädchen, dessen Füße nicht recht zu funktionieren schienen und dessen Augen wild hin und her wanderten.

»Alles wird gut«, versprach die Lehrerin dem Kind. »Die Direktorin ruft gerade deine Mutter und deinen Vater an, damit sie dich abholen kommen. Wir werden dir jetzt ein bisschen Wasser ins Gesicht spritzen.«

Paige rannte zum Waschbecken und drehte für die beiden den Hahn auf. »Ist das Ellie Hopkins? Was hat sie denn?«, fragte sie.

»Ellie geht es nicht so gut«, antwortete Ms Abbot. »Aber sie wird …« Als sie endlich Ollies Kunstwerk und die herumstehenden Jungen bemerkte, verstummte sie. »Habt ihr die Wände hier drin bemalt?«

Charlie seufzte. Das Letzte, was einer von ihnen jetzt gebrauchen konnte, war, dass man sie am ersten Schultag wegen Vandalismus drankriegte.

»Nein, Madam, das waren wir nicht.« Alfies Stimme bebte leicht. Ein Verweis wäre ein echter Schandfleck in seiner sonst so tadellosen Schulakte. »Ich schwöre, wir hatten nichts damit zu tun!«

»Tja, wenn ich den Verantwortlichen finde, werde ich ihn bitten, mein Haus ebenfalls zu verschönern. Das muss ja ein Wahnsinnstalent sein«, staunte Ms Abbot, bevor sie sich wieder dem Mädchen zuwandte. »Kann einer von euch Ellie stützen, solange ich ein paar Handtücher nass mache?«

Alfie und Paige nahmen je einen Arm. »Können Charlie und ich auch etwas tun?«, bot Rocco an. Er war der geborene Pfadfinder.

»Gerne doch. Ihr könnt damit anfangen, aus der Mädchentoilette zu verschwinden. Und könntet ihr anschließend vielleicht im Pausenraum vorbeischauen und Ellies Sachen holen? Sie ist in der Nähe des Gewürzregals in Ohnmacht gefallen.«

»Sie ist ohnmächtig geworden?«, hakte Charlie nach. Ein eiskalter Schauer rann ihm über den Rücken.

Ellie öffnete den Mund. Die vier Worte, die herauskamen, waren kaum mehr als ein Flüstern, trotzdem verstand Charlie das Mädchen: »Ich habe sie gesehen.«

Charlie stieß Rocco mit dem Ellbogen an. »Gehen wir.«

Das Versprechen

»Sie sieht so …« Rocco machte eine Pause, um nach den richtigen Worten zu suchen.

»Diabolisch? Mörderisch? Blutrünstig aus?«, füllte Charlie hilfsbereit die Lücke.

»Harmlos aus«, sagte Rocco seufzend. Charlie hörte das Mitleid in der Stimme seines Freundes und für ihn klang das verdächtig nach Ärger. Obwohl Rocco größer als beinahe jeder andere an der Schule war, steckte unter dem einschüchternden Äußeren ein weicher Kern. Rocco Marquez war viel zu nett.

Aber Charlie musste zugeben – sein Freund hatte recht, was INK anging. Sie hockte ganz allein an einem Tisch in der Mitte der Cafeteria. Und nicht nur ihr Tisch war leer, sondern auch die vier angrenzenden. Die übrigen Schüler, die in der Cafeteria waren, hielten alle Abstand. An den Tischen am Rand hatten sich hundert Schüler auf halb so viele Plätze gequetscht und die Luft dort schwirrte von Getuschel. Charlie wusste, wie es war, sich einsam zu fühlen. Es war kein schönes Gefühl.

Wie ein Wissenschaftler, der ein besonders abstoßendes Exemplar seziert, untersuchte INK die Sachen auf dem Essenstablett vor ihr. Sie hielt ein Stück paniertes Hähnchen hoch und schnupperte daran. Mit einer Ekelmiene ließ sie es zurück auf ihren Teller fallen.

»INKs Geruchssinn scheint jedenfalls in Ordnung zu sein«, meinte Charlie. »Einmal schnuppern reicht, um zu wissen, dass in den Dingern kein echtes Hühnchen drin ist.«

»Dafür scheint sie voll auf die Kartoffelecken zu stehen«, stellte Rocco fest. INK hatte sich eine in den Mund gesteckt, und auf ihrem Gesicht machte sich Überraschung breit, gefolgt von Begeisterung. Sofort griff sie nach der nächsten. »Vielleicht ist sie gar nicht so übel.«

»Kartoffelecken mag ja wohl jeder«, entgegnete Charlie. »Sie sind das Einzige in der Cafeteria, was tatsächlich nach Essen schmeckt. Aber wir sind nicht hier, um INK beim Mittagessen zuzuschauen. Gehen wir rüber und reden mit ihr.«

»Oh-oh«, machte Rocco. »Schätze, da hatte jemand dieselbe Idee.«

Ein Kind schob sich an den anderen vorbei und versuchte, in die Mitte des Pausenraums zu gelangen. »Entschuldigung! Tut mir leid! Darf ich mal?« Als Charlie das hörte, zuckte er automatisch zusammen. Das Gesicht des Schülers konnte er nicht sehen, aber die Stimme kannte er nur zu gut.

Und tatsächlich tauchte da auch schon sein neunjähriger Bruder Jack aus der Schülermenge auf und stellte seine Captain-America-Brotdose vor INK ab. Das Wispern verstummte. In der Cafeteria wurde es geradezu unheimlich still. »Macht es dir was aus, wenn ich mich zu dir setze?«, fragte Jack das Mädchen.

INK sah auf, und ihre Mundwinkel begannen zu zucken, als versuchte sie, krampfhaft zu lächeln und wüsste nur nicht recht, wie das geht. »Hallo, Jack«, antwortete sie in ihrem eleganten Akzent. »Ich hatte gehofft, dass wir uns treffen.«

Jack strahlte, als würde er sich ehrlich freuen. »Hi, Indy.«

Charlie hatte beinahe vergessen, dass die beiden sich kannten. Im Frühling hatte Jack Dutzende von geheimen Ausflügen in die Anderwelt unternommen, während Charlie und Charlotte geschlafen hatten. Bei einem dieser Ausflüge hatte Jack INK kennengelernt. Später erzählte er Charlie, dass er dem Mädchen Gesellschaft geleistet hatte, weil sie so einsam gewirkt hätte. Doch Charlie hatte den Verdacht, dass diese angebliche Freundschaft Teil des teuflischen Plans der Zwillinge gewesen war. Es gab nur einen Grund, warum eine Superschurkin wie INK mit einem Neunjährigen abhängen sollte. Ganz bestimmt hatte sie Informationen über die Familie Laird, ihre lila Villa und die Stadt Cypress Creek sammeln wollen.

Jack öffnete seine Brotdose und holte ein Sandwich heraus. »Du kommst aus England, richtig? Hast du schon mal ein EB&M probiert? Das steht für Erdnussbutter und Marmelade. Oder Erdnussbutter und Konfitüre, wenn man vornehm sein will. Ist so eine Art amerikanische Spezialität – so ähnlich wie Kartoffelecken. Meine Stiefmutter macht die besten EB&Ms auf der ganzen Welt. Sie sammelt diese abgefahrenen Beeren im Wald und macht daraus Marmelade.« Er hielt ihr die Hälfte seines Sandwichs hin und INK griff danach.

Was trieb Jack da? Charlie kochte vor Wut. Diesmal konnte sein Bruder nicht behaupten, er hätte es nicht besser gewusst. War Jack lebensmüde? Sollte er INK aus Versehen wütend machen, war sie vermutlich zu allem fähig. Was, wenn sie EB&Ms absolut eklig fand? Charlie machte einen Schritt nach vorn, um sich einen Weg durch die Menge zu boxen, doch Rocco legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Nicht, Charlie«, sagte er sanft. »Ich glaube, Jack hat’s fürs Erste im Griff.«

Für einen Augenblick flammte die alte Eifersucht auf, bevor Charlie sich wieder unter Kontrolle hatte und das Gefühl verpuffte. Sein Bruder konnte einfach echt gut mit Menschen umgehen – und mit Ogern, Gorgonen und Wechselbalgen –, besser, als es Charlie je gelingen würde. Jack konnte so ziemlich jeden und alles um den kleinen Finger wickeln. Er hockte noch keine Minute bei INK und schon fraß sie ihm buchstäblich aus der Hand.

»Dann gehst du jetzt auf unsere Schule?«, hörte Charlie Jack fragen.

INK nickte. Offensichtlich wollte sie etwas sagen, aber ihr Mund war mit Erdnussbutter verklebt, und sie brauchte mehrere Anläufe, bis sie alles heruntergeschluckt hatte. »Eine Bombe hat meine alte Schule in London zerstört. Ich wollte mir schon immer eine neue suchen.«

Charlie wurde schlecht. Hatte sie mit der Schule von Cypress Creek das Gleiche vor?

»Eine Bombe?«, fragte Jack gelassen und ohne eine Spur von Sorge in der Stimme. Er war wirklich gut, dachte Charlie grimmig.

»Oh ja«, bestätigte INK. »Sie hat alles in kleine Stücke zerfetzt.«

»Krass!«, meinte Jack. »Das ist ja echt schlimm.«

»Es hätte schlimmer sein können. Immerhin ist es nachts passiert«, erzählte INK und nahm einen weiteren Bissen von ihrem Sandwich. »Daher war die Schule leer.«

»Puh!« Jack tat so, als würde er sich Schweiß von der Stirn wischen. »Tja, also willkommen bei uns! Ich freue mich, dass du da bist, aber irgendwie wundert es mich auch. Ich dachte eigentlich, du wolltest in Orville Falls zur Schule gehen.«

INK hörte auf zu kauen. Etwas in ihrem Blick hatte sich verändert. »Wie kommst du denn darauf?«

Jack ließ sich von der Frage keine Sekunde lang aus der Fassung bringen. »Ach, nur, weil es da ein großes Haus gibt, das Burg Kessog heißt. Und da dein Nachname ja auch Kessog ist, dachte ich, dass du irgendwie mit dem Typ, der es gebaut hat, verwandt sein musst. War er ein entfernter Verwandter oder so?«

»Mein Onkel«, sagte INK. »Aber an diesen schrecklichen Ort werde ich nie wieder zurückgehen. Die Menschen dort sind die schlimmsten, die mir je begegnet sind.«

Ihr Tonfall machte überdeutlich, dass ihr Onkel und Orville Falls nicht zu ihren Lieblingsgesprächsthemen gehörten. »Interessant«, murmelte Charlie und wünschte, er hätte einen Stift bei sich, um sich Notizen zu machen. Sein Bruder und INK mampften schweigend ihre EB&Ms, während Jack darüber nachzudenken schien, was er als Nächstes fragen sollte. Plötzlich wurde das Flüstern der Kinder am Rand der Cafeteria lauter.

»Oh nein«, stöhnte Rocco. »Jetzt wird es echt interessant.«

Eine hünenhafte Gestalt hatte sich durch die Menge am Rand des Pausenraums geschoben. Hinter ihr trippelte ein kleineres Wesen, das um die Stühle herum flitzte. Der Riese war ein Mädchen namens Jancy Dare – Spitzen-Abwehrspielerin des Schul-Footballteams, dessen Kapitän Rocco war. Jancy überragte Rocco um gut sieben Zentimeter, war wenigstens fünfzehn Zentimeter breiter und außerdem so fies wie ein Sack Schlangen. Der Albtraum aller Football spielenden Achtklässler im ganzen Staat war eine Legende im Umhauen von Quarterbacks – selbst solcher, die gar nicht auf dem Spielfeld waren. Der Zwerg, der hinter ihr herwuselte, war ein Junge namens Lester. Keiner wusste so genau, ob er Jancys fester Freund oder ihr Dienstbote war. Jedenfalls schien seine einzige Funktion zu sein, Jancys Rucksack durch die Gegend zu schleppen und sich von ihr beschimpfen zu lassen – was er dann umgehend an allen anderen ausließ.

Jancy stapfte zu dem Tisch, an dem Jack und INK saßen. »Ich kenne dich«, sagte sie.

»Ich kenn dich auch«, sagte Jack. »Wir gehen schon seit fünf Jahren auf dieselbe Schule. Wie geht’s dir so, Jancy? Wann fängt die Footballsaison an?«

Lester kicherte.

»Mit dir hab ich nicht geredet, Captain America«, keifte Jancy. »Ich meine die da.« Sie zeigte mit dem Finger auf INK, sodass ihre Fingerspitze keinen Zentimeter von der roten Krawatte entfernt war, die ordentlich im Ausschnitt von INKs dunkelblauem Schürzenkleid steckte.

»Süßes Outfit«, meinte Lester. »Wo hast du das her? Aus dem Kleiderschrank deiner Oma?«

INK schwieg. Sie musterte Jancy mit aufmerksamem Blick, beinahe wie eine Wissenschaftlerin, fand Charlie – so als hätte das knallrote Gesicht der Abwehrspielerin etwas total Faszinierendes an sich.

»Diesen Sommer hatte ich ’ne Million Albträume von einem Mädchen, das genau aussah wie du«, meinte Jancy. »Sie wollte mich einfach nicht in Ruhe lassen und schlafen war auch nicht drin. Ständig hat sie mir irgendwo aufgelauert oder hat mich in finstere Zimmer gesperrt. Jedenfalls bist du jetzt in meiner Welt. Keine Ahnung, wie du hierhergekommen bist, aber ich werd’s dir heimzahlen. Das wird ein Spaß!«

INK musterte immer noch Jancys Gesicht. »Tut mir leid. Ich habe dich noch nie gesehen, und ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Ich fürchte, du verwechselst mich«, sagte sie höflich.

Jancy schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall. Das komische Outfit würde ich überall wiedererkennen. Und der Akzent passt auch. Also steh auf, sei keine Memme und hol dir deine Strafe ab!«

»Du scheinst ziemlich aufgewühlt zu sein«, stellte INK fest, während sie aufstand. »Und du schwitzt stark. Darf ich dir eine Frage stellen? Hast du dich in letzter Zeit in einem Kriegsgebiet aufgehalten?«

»Was zum …?!« Jancy sah zu den anderen Schülern hinüber, um zu sehen, ob irgendjemand das kapiert hatte. »Soll das eine Drohung sein?«

»Ganz und gar nicht«, antwortete INK. Ängstlich wirkte sie nicht.

Aber Charlie machte sich ernsthafte Sorgen. Und er befürchtete nicht, dass INK verletzt werden könnte. Er hatte schreckliche Angst, dass Jancy etwas zustoßen würde. »Ich hab genug gesehen«, wandte er sich an Rocco. »Komm mit.«

Sie eilten auf die kleine Gruppe in der Mitte der Cafeteria zu. Aus der Nähe fiel Charlie auf, dass Jancy tatsächlich schwitzte wie ein Schwein. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen und die Rückseite ihres T-Shirts war völlig durchnässt.

»Was willst du denn?«, wollte Jancy wissen, als sie Rocco auf sich zukommen sah.

»Ich will, dass du aufhörst«, befahl Rocco der Verteidigerin. »Darf ich dich daran erinnern, dass du immer noch auf Bewährung bist wegen der Gehirnerschütterung, die du letzte Saison diesem Quarterback verpasst hast?« Charlie war der Vorfall noch gut im Gedächtnis. Jancy hatte an dem Tag gespielt – der Quarterback, den sie niedergewalzt hatte, saß bei ihrem Angriff allerdings auf der Tribüne. Er war nicht einmal aufgestellt worden. »Wenn du dieses Mädchen auch nur mit dem kleinen Finger antippst, fliegst du für den Rest des Jahres aus dem Team.«

Jancys Nasenflügel bebten vor Wut. Sie war so groß, dass Charlie in ihre Nase und fast bis in ihr Gehirn gucken konnte. »Weißt du denn nicht, wer das da ist, Marquez?«, fuhr sie ihn an. »Das ist die gruselige Kleine, die wir alle im Traum gesehen haben. Und haben du und dein kleiner Freund Laird hier nicht jedem gepredigt, dass man vor seinen Nachtmahren nicht weglaufen soll? Tja, also ich bleibe genau hier stehen, bis die da abzieht! Sie ist nicht mal ein richtiges Kind. Sie ist irgendein Geist oder Dämon oder sonst was! Pass auf!«

Jancy warf sich nach rechts und kniff INK mit zweien ihrer fleischigen Finger in den Oberarm. Sobald die Verteidigerin INKs Haut berührte, veränderte sich der Ausdruck in ihrem Gesicht. Sie hatte offenbar etwas anderes erwartet, und auch INKs Schmerzensschrei machte absolut deutlich, dass deren Arm aus Fleisch und Blut bestand. Einen Moment lang schien es, als stünde die Zeit still. Niemand in der gesamten Cafeteria rührte sich. Charlie war nicht einmal sicher, dass er noch atmete. Gleich würde etwas Grauenhaftes geschehen.

»Jetzt reicht’s!« Rocco stürmte auf Jancy zu, stieß Lester aus dem Weg und ließ ihn auf seinem Hinterteil quer durch die Cafeteria segeln. »Ich hab dich gewarnt.« Auge in Auge stand er vor dem Mädchen, das im ganzen Staat als Quarterback-Killer berüchtigt war. Alles hätte passieren können, wäre in diesem Augenblick nicht Ms Abbot in die Cafeteria gekommen, um nach Ellie Hopkins’ Rucksack zu suchen, den Charlie völlig vergessen hatte.

»Ihr da!«, brüllte sie quer durch den Raum. »Ich weiß nicht, was hier los ist, aber ihr zwei habt euch gerade eine Reise ins Büro der Direktorin verdient!« Die beiden Footballspieler waren kurz vorm Ausrasten und lauerten nur auf eine Ausrede, um aufeinander loszugehen. »Sofort!«, schrie Ms Abbot, so laut ihre Lunge es hergab. Vielleicht war es nur Einbildung, aber Charlie meinte, sogar das Licht an der Decke hätte geflackert.

Während Rocco und Jancy durch den Pausenraum marschierten, lenkte das Geräusch von einem Stift auf Papier Charlies Aufmerksamkeit wieder auf INK. Anscheinend machte sie sich Notizen.

»Bemerkenswert.« INK schloss ihr kleines Buch, in das sie gekritzelt hatte. »Wie lange ist das Mädchen schon so?«, fragte sie Charlie.

»Schon immer«, antwortete er. »Komm mit.« Er nahm INK am Arm, der sich genauso echt anfühlte wie sein eigener und führte sie zur Tür. Jack ließ sein Mittagessen auf dem Tisch liegen und rannte ihnen nach.

»Geht es dir gut, India?«, wandte Ms Abbot sich an INK, als sie an ihr vorbeigingen.

»Ich glaube nicht, dass ich diejenige bin, um die Sie sich Sorgen machen sollten«, antwortete INK.

Dann schaute Ms Abbot zu Charlie und Jack. »Geht es bei euch an der Schule immer so verrückt zu?«, fragte sie.

»Ach, das ist noch gar nichts«, meinte Jack. »Sie hätten hier sein sollen, als wir ein Monster zum Direktor hatten.«

 

Auf dem verlassenen Flur blieb Charlie stehen und ließ INKs Arm los. Er, sein Bruder und das fremde Mädchen standen im Kreis, und zum ersten Mal hatte Charlie die Gelegenheit, INK von Nahem zu betrachten. Sie hatte ihr perfekt gescheiteltes rotbraunes Haar mit einer Spange aus Schildpatt zurückgesteckt. Ihre Haut hatte die blauweiße Farbe von Magermilch und ihre Wangen waren zartrosa. Mit ihren großen braunen Augen und den langen schwarzen Wimpern ähnelte sie einer Puppe. Allerdings nicht der Sorte Puppe, die man in den Regalen von Spielzeugläden findet. INK anzusehen war wie eine vergessene Truhe auf einem staubigen Dachboden zu öffnen und eine perfekt erhaltene Puppe aus längst vergangenen Zeiten darin zu entdecken.