Nimael 1 - Tobias Frey - E-Book
Beschreibung

Das Abenteuer beginnt ... Der junge Nimael führt ein unscheinbares Leben. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen und widmet sich voll und ganz seinem Studium. Trotzdem heftet sich eines Tages ein mysteriöser Verfolger an seine Fersen. Noch bevor er der Sache auf den Grund gehen kann, wird er mit acht weiteren Studentinnen verschleppt. Während sie gemeinsam um ihr Überleben kämpfen, entfaltet sich ein düsteres Geheimnis, von dem das Schicksal der gesamten Menschheit abhängt. Der packende Auftakt einer Fantasy-Trilogie voller Rätsel, Spannung, Romantik, Action und Zauberei.

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Seitenzahl:514

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Beliebtheit


Inhaltsverzeichnis

Karte - Der Blutfelsen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Glossar

Hierarchie

Über den Autor

Danksagung

Besuchen Sie uns im Internet:

www.talawah-verlag.de

www.facebook.com/talawahverlag

erschienen im Talawah Verlag

1. Auflage 2019

© Talawah Verlag

Text: Tobias Frey

Umschlaggestaltung:Alexander Kopainski

https://kopainski.com/

Lektorat: Jessie Weber

Satz/Layout/eBook: Grittany Design

www.grittany-design.de

unter Verwendung von:

© Chaikom - Shutterstock

© vectormikes - VectorStock

Illustration Karte: Terese Opitz

ISBN:978-3-947550-30-2

Klingt meine Musik

wie eine zweibögige Geige

fremd und wunderschön?

Wie ein Stück Freiheit,

nein – ein Stück Sonne

in tiefster Nacht?

Ein erstrebenswertes Ideal,

das die Seelen erhellt

und die Schlinge löst?

Oder lässt sie all jene

Unerreichbaren

vor Neid erblassen

oder erschaudern

wie das Kratzen

an einer Tafel?

Kein erstrebenswertes Ideal,

nur ein kurzes Flackern,

bevor die Flamme erlischt?

Nimael, Tag 516

Nimael spürte die brennende Hitze der Sommersonne auf seinem Haar. Er hatte die Mittagspause am Fluss verbracht, eine Kleinigkeit gegessen und seine Angelrute im Blick behalten, doch leider hatte kein einziger Fisch angebissen.

Es war der Fünfte des Siebten. Der Himmel war wolkenlos, die Vögel zwitscherten und das Grün der Bäume und Gräser spiegelte sich leuchtend im Wasser. Eigentlich ein hervorragender Tag, um ihn im Freien zu verbringen, aber die Vorlesungen hatten selbstverständlich Vorrang. Nimael gab feuchtes Papier und etwas Eichenlaub in die kleine Holzkiste, in der er seine Würmer aufbewahrte, packte seine Angelausrüstung zusammen und kämpfte gegen die Müdigkeit an, die ihn nach einer ausgedehnten Mittagspause besonders an heißen Tagen gern überfiel. Die beiden Lehreinheiten am Nachmittag würden ihm heute jede Menge Konzentration und Durchhaltevermögen abverlangen. Zum Glück stand morgen der alljährliche externe Fortbildungstag bevor. Sicher, es gab freudigere Ereignisse als den Exfobita, wie die Studenten ihn liebevoll nannten. Da der Siebte sonst jedoch keine Feiertage zu bieten hatte und es sich um den wärmsten Monat des Jahres handelte, freute sich Nimael schon seit Wochen auf dieses Ereignis, das ihn aus den grauen Mauern der Universität Moenchtals hinausführen würde. Zumal diese nicht unbedingt das attraktivste Gebäude darstellte. Sie war alt, heruntergekommen und hatte dringend ein paar Renovierungsarbeiten nötig. Im Sommer waren die dicken Wände zwar kühl wie ein Kellergewölbe, doch im Herbst und Winter pfiff trotz geschlossener Fenster so manch eisiger Wind durch die Vorlesungssäle. Angeblich kamen im Obergeschoss sogar schon die ersten Tropfen durch die Decke.

Nimaels Wissen zufolge handelte es sich bei der Universität um das älteste Gebäude des Städtchens und hatte ihm sogar seinen Namen gegeben. Bevor es vor ein paar Jahrzehnten zur Universität umfunktioniert wurde, war es das Kloster, in dem die Mönche des Ortes lebten und arbeiteten. Es lag direkt am Fluss und war an seinem großen Mühlrad leicht zu erkennen.

Inzwischen zog die Universität mit ihren Studiengängen der Freien Künste viele Studenten aus dem gesamten Umfeld an. Seitdem war Moenchtal stetig gewachsen und stellte nun eine der wichtigsten Städte ihres Territoriums dar.

Darüber hinaus war es auch dem Einfluss der Universität zu verdanken, dass die Bevölkerung als äußerst fortschrittlich galt. Nimael war sich durchaus bewusst, dass ein Studiengang wie sein eigener, der größtenteils aus weiblichen Teilnehmern bestand, andernorts undenkbar gewesen wäre.

Für den Exfobita war ein Ausflug nach Pagura geplant, das am Rande des Tals gelegen war. Dort war es einem der ehemaligen Studenten gelungen, einen erfolgreichen Verlag zu gründen, und - ob nun aus Dankbarkeit oder Stolz - er hatte der Universität eine umfangreiche Besichtigung versprochen.

Allerdings musste Nimael eingestehen, dass es weder die Abwechslung noch der Ausflug waren, weswegen er den Exfobita herbeisehnte, sondern vielmehr die Gelegenheit, seine Zeit mit einer gewissen Teilnehmerin seines Kurses zu verbringen. Thera. Ihr Name ließ sein Herz auf einmal höherschlagen.

Zunächst war sie ihm unter den zahlreichen Studenten gar nicht aufgefallen. Sie war unglaublich klug, gebildet und auch hübsch, gar keine Frage, aber verzaubert hatte sie ihn erst mit ihrer unbeschreiblichen Art. Sie war immer gut gelaunt und ihrem Lächeln konnte man sich kaum entziehen. Es kam von Herzen und traf auch genau dorthin.

Theras Familie stammte aus einem nordischen Territorium, aber ihre Herzlichkeit stand im krassen Gegensatz zu den - wie man sagte – kalten Nordmännern. Sie ließ anderen gern den Vortritt und sah in ihnen nur das Beste. Ob das auch für ihn galt? Auf jeden Fall fand man diese Eigenschaften immer seltener in Moenchtal und Umgebung. Viele Leute hätten sie dafür vermutlich als naiv bezeichnet, aber Nimael beeindruckte dieser Charakterzug besonders. Er wusste, dass die Welt eine bessere wäre, wenn es mehr Menschen wie Thera gäbe.

Als Nimael seine Angelausrüstung im Gebüsch versteckte, hörte er ein leises Rascheln hinter sich. Er fuhr herum, doch die Parkanlage der Universität präsentierte sich so ruhig und friedlich wie eh und je.

„Hallo?“

Keine Antwort. Wahrscheinlich hatte sich nur ein Vogel in einen Strauch geflüchtet, um der schrecklichen Mittagshitze zu entgehen. Außerdem verstieß Nimael mit seinem Fischfang ja noch nicht einmal gegen die Vorschriften der Universität, die so eine Möglichkeit wohl niemals in Betracht gezogen hatte. Er wandte sich wieder seiner Angelausrüstung zu und schob sie tief ins Unterholz. Ein lautes Knacken ließ ihn erneut hochfahren. Diesmal konnte es kein Vogel gewesen sein. Um ein solches Geräusch zu verursachen, musste schon jemand auf einen größeren Ast getreten sein. Nimael pirschte sich langsam an den nächstgelegenen Busch heran und zog mit einem Ruck die Zweige weg. Ein graubrauner Flussotter, der gerade einen Fisch zerlegte, quiekte erschrocken auf und sprang davon, um so schnell wie möglich im Fluss zu verschwinden.

Nachdem er den ersten Schrecken abgeschüttelt hatte, lachte Nimael erleichtert auf und trat den Rückweg zum Universitätsgelände an. Dieser freche, kleine Otter war auf seinem Beutezug doch tatsächlich erfolgreicher gewesen als er selbst. Wenn es ihm gelungen wäre, am Abend einen frischen Fisch gewinnbringend an eines der Wirtshäuser am Hafen zu verkaufen, hätte er sich zusätzlichen Proviant für den Exfobita leisten können. Nun musste er wieder einmal improvisieren. Seine beiden Feldflaschen konnte er am Brunnen kostenfrei auffüllen. Bei der anhaltenden Hitze war Wasser ohnehin das wichtigste Gut, dennoch wollte er die Reise nicht mit knurrendem Magen antreten. Dummerweise hatte sich sein Geldbeutel schon lange nicht mehr so leer angefühlt. Doch für einen Zuverdienst fehlte ihm im Moment die Zeit. Das zweite Semester bildete den Abschluss des Grundstudiums und Nimael wollte unbedingt mit einer der besten Noten aus den Zwischenprüfungen hervorgehen. Er musste sich dringend etwas einfallen lassen.

Das alte Universitätsgebäude, das vor ihm in Sicht kam, riss Nimael aus seinen Gedanken. Zu dieser Tageszeit war auf dem Campus nur wenig Betrieb. Zwei Studentinnen aus höheren Semestern unterhielten sich auf dem Vorplatz, während sich drei weitere auf den Stufen zum Eingang niedergelassen hatten. Im Schatten einer mächtigen Eiche saß ein junger Mann und schmökerte in einem Buch. Lexikon der Märchen- und Fabelwesen konnte Nimael auf dem Buchrücken entziffern. Welches Fach wohl eine solche Lektüre voraussetzte? Nimael musterte den Unbekannten, der ihm besonders wegen seiner Größe und seines – für einen Studenten ungewöhnlich muskulösen – Körperbaus auffiel. Zudem war er ein paar Jahre älter als er selbst und hatte mokkafarbene Haut. Vermutlich stammte er aus einem der südlichen Territorien. Kaum zu glauben, dass der Bekanntheitsgrad der Universität mittlerweile Studenten aus einer solchen Entfernung anzog. Als Nimael ihn musterte, blickte der Mann kurz auf, schenkte ihm aber keine weitere Beachtung, sondern widmete sich sofort wieder seiner Lektüre.

Nimael überquerte den Platz und lief die Stufen zum Gebäude empor. Im Gang vor seinem Vorlesungssaal unterhielten sich Kaeti und Eskabatt. Sie würdigten Nimael keines Blickes, als er an ihnen vorbeilief. Er tat es ihnen gleich und betrat den Raum. Das Geschwätz der beiden Adelstöchter interessierte ihn ohnehin nicht im Geringsten.

Die meisten der knapp dreißig Teilnehmer waren bereits eingetroffen und in Gespräche vertieft. Unmotiviert ließ Nimael seinen Blick durch den Saal schweifen, bis er Thera entdeckte, die zwei Tische weiter ihre Notizen aus der Tasche zog und die langen Ärmel ihres Kleides richtete.

Nimael spielte schon lange mit dem Gedanken, sie in eines der besseren Wirtshäuser der Stadt auszuführen. Wenn er ihr schon den Hof machte, so wollte er ihr unbedingt etwas Besonderes bieten, denn aus seiner Sicht hatte sie nur das Allerbeste verdient. Einerseits fehlte ihm dafür aber gerade das nötige Kleingeld, andererseits wollte er auch nicht zu plump vorgehen und sie damit eventuell vor den Kopf stoßen. Stattdessen hatte er in diesem Semester begonnen, eine sehr schöne, zarte Beziehung zu ihr aufzubauen, und langsam glaubte er zu erkennen, dass auch sie an mehr als nur einer Freundschaft interessiert sein könnte.

Gerade als Nimael überlegte, ob er sie ansprechen sollte, hob Thera den Kopf und sah ihn mit ihren grün schimmernden Augen an. Ihr goldblondes Haar fiel wie ein Wasserfall über ihre Schultern, ihr Lächeln zeigte sich so schön wie der Sonnenaufgang und ihre Stimme war Nimael so vertraut wie der Klang seiner Lieblingsmelodie.

„Hallo“, begrüßte ihn Thera überrascht. „Bist du schon lange hier? Ich habe dich gar nicht gesehen.“

Nimael war plötzlich überfordert. Ihr Anblick und die unerwartete Frage verschlugen ihm die Sprache.

„Nein, ich … ich kam gerade erst vom Gang“, brachte er schließlich heraus. Die einfallslose, einsilbige und gestotterte Antwort brachte seine Wangen unweigerlich zum Glühen. Wenn es Thera aufgefallen war, so ließ sie sich glücklicherweise nichts anmerken.

„Ich freue mich schon auf morgen“, fuhr sie fort. „Das Wetter ist hervorragend und von dort oben soll man eine fantastische Aussicht haben, die ich unheimlich gern festhalten würde.“ Thera zeichnete in ihrer Freizeit leidenschaftlich gern und war außerordentlich talentiert. Auf den Bildern, die Nimael gesehen hatte, spielte sie mit Licht und Schatten und fing sowohl Proportionen als auch räumliche Verhältnisse naturgetreu ein. „Leider wird uns dazu ganz sicher die Zeit fehlen“, fügte sie mit enttäuschter Miene hinzu.

Inzwischen hatte Nimael nicht nur den ersten Schrecken, sondern auch seine Müdigkeit überwunden. Er erkannte eine Gelegenheit und hätte er einen Moment zuvor nicht bereits darüber nachgedacht, hätte er sie wohl ungenutzt verstreichen lassen.

„Was hältst du davon, wenn wir dir morgen einen geeigneten Aussichtspunkt suchen?“, bot er an. „Und wenn das Wetter mitspielt, begleite ich dich am Wochenende noch einmal nach Pagura und du kannst in aller Ruhe das gesamte Panorama auf die Leinwand bannen. Vielleicht trage ich dir sogar die Staffelei nach oben.“ Er grinste sie spitzbübisch an und erhielt die schönste Antwort, die er sich vorstellen konnte. Sie lachte verlegen und strahlte über das ganze Gesicht. Sie musste auf diesen Moment bereits gewartet haben.

„Sehr gern“, erwiderte Thera und machte Nimael damit überglücklich.

Die Doppelstunde des Fachs Praktische Philosophie verlief wie erwartet. Professor Holmweiler behandelte seit Kurzem die Unterschiede und Auswirkungen von Rhetorik, Grammatik und Logik auf Reden zum gemeinen Volke.

„Basierend auf diesen Erkenntnissen müssen alle Instrumente gleichermaßen und mit Bedacht eingesetzt werden.“ Holmweiler machte eine Pause und kratzte sich am Kinn. „Kommen wir nun zum morgigen Fortbildungstag.“

Nimael wurde plötzlich bewusst, dass sich auch die zweite Stunde der Vorlesung bereits ihrem Ende entgegen neigte. Er hatte gar nicht wahrgenommen, wie schnell sie verflogen war und dass er vermutlich die meiste Zeit davon mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zugebracht hatte. Wäre es dem Professor hinter seinen dicken Brillengläsern aufgefallen, so hätte es ihn wohl unweigerlich an Nimaels geistiger Gesundheit zweifeln lassen.

„Unser Kurs wird den letzten Termin für eine Führung im Medina Verlag wahrnehmen“, erklärte Holmweiler. „Sie wird erst am Nachmittag beginnen. Ihr könnt also ausschlafen, dafür wird es aber später Abend werden, bis wir zurückkehren. Für den Aufstieg nach Pagura werden wir voraussichtlich gute drei Stunden benötigen.“ Sein Blick wanderte zu den Adelstöchtern. „Ich schlage vor, dass ihr eure feinen Gewänder morgen zu Hause lasst und lieber einfache Kleider tragt. Außerdem sollten wir spätestens zur Mittagsstunde aufbrechen und uns schon etwas früher an der alten Brücke beim Turm treffen. Gibt es noch Fragen?“

„Nimmt jeder seinen eigenen Proviant mit oder kehren wir in Pagura gemeinsam ein?“, meldete sich Ting zu Wort.

Diese Möglichkeit hatte Nimael überhaupt nicht in Betracht gezogen. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen erwartete er die Antwort.

„Nun, für das Gemeinschaftsgefühl des Kurses wäre ein gemeinsames Abendessen sicher besser“, überlegte Holmweiler. „Wie seht ihr das?“

Das zustimmende Nicken seiner Kommilitonen bestätigte Nimael in seiner Annahme, dass für die meisten Studenten die Geldmittel keine große Rolle spielte. Für ihn bedeutete die Entscheidung allerdings, dass er am nächsten Morgen nicht ausschlafen konnte, sondern am Fluss auf Beutefang gehen musste. Den Rest des Tages würde sich Nimael davon jedoch nicht verderben lassen, schließlich stand sein wöchentlicher Stechabend mit seinen Schulfreunden Torren und Gondriel bevor.

Wenig später betrat Nimael den Hungrigen Löwen. Saeff, der Besitzer der Gaststube, erwartete ihn bereits. Obwohl Nimael und seine beiden Kameraden dem Wirt nur selten große Einnahmen bescherten, waren sie hier gern gesehene Gäste.

Saeff empfing Nimael mit einem geheimnisvollen Blick und winkte ihn zu sich an die Bar.

„Hallo Saeff, was macht die Runde?“, grüßte ihn Nimael freundlich.

Saeff sah sich einen Augenblick lang verschwörerisch um und winkte ihn noch näher heran, um ihm etwas zuzuflüstern.

„Es geht nicht darum, was die Runde macht, sondern um Informationen aus allererster Hand.“ Die ausbleibende Begrüßung und die ernste Miene des Wirtes ließen nichts Gutes erahnen. „Vor zwei Tagen hatte ich hier einen merkwürdigen Gast, der sich nach dir erkundigt hat“, erklärte Saeff. „Steckst du vielleicht in Schwierigkeiten?“

„Nach mir?“, fragte Nimael überrascht.

„Er hat sich als Angestellter der Universität ausgegeben, aber ich habe ihm kein Wort davon geglaubt“, fuhr Saeff fort. „Er war viel zu jung und sein dunkler Teint deutete eher auf eine Herkunft aus fernen Landen. Das machte mich sofort stutzig.“

„Was wollte er denn wissen?“

„Es ging vor allem um deinen Besitz und wie ich dich einschätzen würde. Ob du beispielsweise verschwenderisch damit umgehst. Er meinte, es gäbe einen Preis für besondere Leistungen, aber nur Studenten mit eingeschränkten Mitteln seien nominiert. So eine Art Stipendium. Ich solle nichts verraten, weil du nichts davon wissen dürftest, aber da kennt er mich schlecht.“ Er blinzelte Nimael zu und grinste.

„Danke, Saeff.“ Nimael wusste die Offenheit des Wirtes zu schätzen. „Was hast du ihm denn erzählt?“

„Nun ja …“ Saeff zuckte mit den Achseln. „Im Grunde genommen nur, dass ich dazu nicht viel Auskunft geben kann. Dass du bei mir immer sehr zurückhaltend bestellst. Was aber auch vollkommen in Ordnung ist“, fügte er schnell hinzu. „Ich dachte nur, falls seine Geschichte wahr ist, bleibst du so weiterhin im Rennen um diesen ominösen Studentenpreis. Sollte er dagegen vorhaben, dich auszurauben, bist du ebenfalls besser dran, wenn er glaubt, dass es bei dir nichts zu holen gibt.“

„Gut überlegt, vielen Dank“, antwortete Nimael. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Von so einem Preis hatte er jedenfalls noch nie etwas gehört. Wollte er überhaupt damit ausgezeichnet werden? Ein Preis für besondere Leistungen wäre ja noch in Ordnung gewesen, aber für Studenten miteingeschränkten Mitteln? Auf keinen Fall wollte Nimael irgendwelche Almosen entgegennehmen. Schließlich bestellte er sich einen Becher Wasser, gab Saeff mit einem Grinsen zu verstehen, dass er auch heute kein Vermögen an ihm verdienen würde, und ging zu dem Tisch, an dem er sich meistens mit Torren und Gondriel traf.

Kaum hatte er sich gesetzt, kamen die beiden auch schon zur Tür herein. Nachdem sie Saeff begrüßt hatten, brachte Torren den Wirt mit einem Spruch zum Lachen und entdeckte Nimael schließlich an ihrem Tisch.

„Hallo, Nim!“

Nimael erwiderte den Gruß und deutete zu Saeff. „Was gab es denn so Witziges?“

„Ach, nichts Besonderes“, antwortete Torren und setzte sich. „Ich fragte ihn nur, ob er das Sprichwort Pech im Spiel, Glück in der Liebe kennt, weil er sich gleich überzeugen kann, dass unser Gondi hier mühelos in beiden Disziplinen durchfällt.“ Nachdem er Gondriel zugezwinkert hatte, rollte dieser genervt die Augen.

„Es war schon beim ersten Mal nicht witzig“, sagte er und setzte sich zu den beiden an den Tisch.

„Apropos Glück in der Liebe …“ Nimael grinste sie bedeutsam an. Sofort hatte er ihre volle Aufmerksamkeit und erzählte ihnen von seinem Nachmittag und der Verabredung mit Thera.

„Glückwunsch, das klingt fantastisch!“, rief Torren und klopfte ihm auf die Schulter. „Wurde aber auch Zeit, dass du dir mal ein Herz fasst!“

Gondriel nickte ihm anerkennend zu, zeigte sich aber weit weniger begeistert. „Du musst aufpassen, dass du die Sache nicht gleich in den Sand setzt“, sagte er. „Zu Beginn ist eine Beziehung noch am zerbrechlichsten.“

So weit hatte Nimael in seinem Glücksgefühl noch gar nicht gedacht. Der Gedanke weckte eine leichte Nervosität in ihm.

„Ach Quatsch, Gondi, du machst ihm ja Angst!“, warf Torren verärgert ein. „Die beiden sind schwer verliebt. Was soll da schiefgehen?“

Plötzlich krachte es hinter Nimaels Rücken und er zuckte so hastig zusammen, dass er seinen Becher umstieß. Er drehte sich um und erkannte, dass die Schankmagd eine ganze Ladung Krüge zertrümmert hatte. Inzwischen hatte Torren das Kartenblatt gerade noch vor dem verschütteten Wasser gerettet.

„Meine Güte, Nim“, sagte er. „Was bist du denn so schreckhaft? Ist doch nicht das erste Mal, dass irgend so ein Trunkenbold der armen Brid an den Hintern fasst.“

Nachdem sich Nimael beruhigt hatte, nickte er Torren dankend zu, nahm das Blatt entgegen und begann, die Karten zu mischen. Beim Stechen lief es an diesem Abend nicht besonders gut. Torren und Gondriel feixten, dass ihn seine Verliebtheit den Verstand kosten würde. Nimael beschäftigten jedoch nicht nur die Gedanken an Thera, sondern auch die neusten Informationen von Saeff, welche er nicht einmal mit seinen Freunden teilte. Auf dem Nachhauseweg dachte Nimael noch einmal über Saeffs Worte nach. Angeblich war dieser Angestellte der Universität recht jung und stammte aus dem Süden. Ob es sich dabei um denselben Mann handelte, den er am Mittag im Schatten unter dem Baum gesehen hatte? Vermutlich war der Fremde auch kein Student, sondern hatte sich nur das nächstbeste Buch aus der Bibliothek geliehen, um sich dahinter verstecken und Nimael beobachten zu können. Hatte das laute Knacken im Gebüsch vielleicht gar nicht der Flussotter verursacht? Nimaels Nackenhaare stellten sich auf. War er schon beim Angeln beobachtet worden? Aber wozu? Wer war der Mann? Und was wollte er von ihm? Wichtige Fragen, die aber erst einmal zurückstehen mussten. Am nächsten Morgen galt es, noch vor dem Exfobita genug Geld aufzutreiben.

Als sich die ersten Sonnenstrahlen zeigten, verließ Nimael sein kleines Zimmer im Studentenheim und machte sich auf den Weg zum Fluss. Das gute Wetter der letzten Tage hielt weiterhin an. Nimael zog seine Ausrüstung aus dem Gebüsch und warf die Angelrute aus. Für ein Frühstück war keine Zeit mehr geblieben, aber die Nervosität darüber, wie sich der Tag in Bezug auf den Fischfang und den gemeinsamen Exfobita mit Thera entwickeln würde, ließ Nimael ohnehin jegliches Hungergefühl vergessen.

Glücklicherweise konnte seine Sorge, was den ersten Punkt betraf, sehr schnell ausgeräumt werden. Schon nach kürzester Zeit biss etwas an. Als Nimael den Fisch aus dem Wasser zog, traute er seinen Augen nicht. Die dickste Flussforelle, die er jemals gesehen hatte, zappelte an seinem Haken. Zuversichtlich machte sich Nimael auf den Weg in die Stadt und betrat bald darauf den Marktplatz. Es war noch immer früher Morgen und die Händler hatten die meiste Kundschaft noch vor sich. Beste Voraussetzungen, um ein Prachtexemplar wie dieses zu einem hohen Preis zu verkaufen. Der Fisch hatte eine solche Größe, dass er nicht ganz in Nimaels Tasche passte. Seine Schwanzflosse hing tropfend heraus und zog das Interesse einiger Passanten auf sich. Noch bevor er den ersten Händler erreicht hatte, sprach ihn ein älterer, gut betuchter Herr darauf an und machte ein dermaßen großzügiges Angebot, dass Nimael ohne zu zögern einwilligte.

Als er den Markt in bester Laune verlassen wollte, sah er an einer Hauswand einen Bettler sitzen. Er trug angesengte Lumpen und hatte eine kleine Kupferschale und ein Holzbrett vor sich aufgestellt.

Haus und Eigentum bei Feuer verloren - Dankbar für jede Gabe stand darauf geschrieben.

Nimael hatte von dem Brand gehört. Während des großen Unwetters Ende des Sechsten war im östlichen Stadtteil Moenchtals ein Haus in Flammen aufgegangen, nachdem der Blitz dort eingeschlagen hatte. Noch ehe das Feuer gelöscht werden konnte, hatte es auf zwei weitere Gebäude übergegriffen. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Bettler um einen der Unglücksraben.

Nimael musterte den Mann und sah dessen Verzweiflung. Sofort begann er zu rechnen. Was hatte er sich ursprünglich für einen Gewinn versprochen und wie viel würde er für den Exfobita benötigen? Schließlich teilte er sein Geld brüderlich auf. Die Hälfte behielt er selbst, die andere gab er dem Bettler, der daraufhin große Augen machte und aussah, als wolle er ihm vor Dankbarkeit um den Hals fallen.

Ironischerweise hatte derselbe Sturm, der das Haus des Bettlers vernichtet hatte, den Wurm aus dem Erdreich an die Oberfläche gebracht, der letztendlich für den Fang des Fisches verantwortlich gewesen war. Als Nimael darüber nachdachte, wurden ihm zwei Dinge klar. Zum einen waren offenbar viele Entwicklungen miteinander verknüpft, die auf den ersten Blick gar nicht zusammenhingen, zum anderen schien jedes Ereignis immer positive und negative Konsequenzen nach sich zu ziehen – wie die zwei Seiten einer Medaille. Obwohl in diesem Fall die negative so sehr überwog, dass man die andere Seite kaum sehen konnte, so war diese selbstverständlich dennoch vorhanden.

„Gott segne dich!“, rief ihm der Bettler zum Abschied nach.

Als sich Nimael noch einmal umdrehte, sah er aus den Augenwinkeln eine Gestalt, die sich von ihm abwendete, um schnell im Marktgetümmel zu verschwinden. Handelte es sich etwa um den dunkelhäutigen Mann von der Universität, der weitere Informationen über ihn einholen wollte? Nimael wechselte sofort die Richtung, lief auf die Stände zu, zwischen denen der Mann verschwunden war, und wühlte sich durch die Menge. Für ein rücksichtsvolles Vorgehen war keine Zeit. Ein paar wahllose Entschuldigungsfloskeln mussten ausreichen, um sich möglichst schnell den Weg durch die Passanten zu bahnen.

Plötzlich lichtete sich der schmale Gang und er fand sich an einer Kreuzung inmitten des Marktes wieder. Von hier führten drei weitere Korridore zwischen den Ständen hindurch. Nimael musste sich schnell entscheiden. Geradeaus. Auf einer Flucht wäre dies wohl die instinktive Entscheidung gewesen, um Abstand zu gewinnen.

Als er die Kreuzung überquerte, überkam ihn auf einmal ein eiskalter Schauer, der ihn erzittern ließ und bis ins innerste Mark durchströmte. Nimael blieb wie erstarrt stehen und sah sich um. Es war zwar noch früh, aber die Luft hatte sich bereits so weit erwärmt, dass es inmitten des Marktes unmöglich eine dermaßen kalte Luftströmung geben konnte.

Er riss sich zusammen, setzte sich wieder in Bewegung und ließ die Kreuzung hinter sich. Die verärgerten Blicke und Kommentare der Passanten ignorierte er. Plötzlich erkannte er vor einem Obststand einen großen, schlanken, dunkelhäutigen Mann, der ihm den Rücken zugekehrt hatte.

Da war er also. Vermutlich dachte sein mysteriöser Verfolger, er wäre ihm nicht aufgefallen oder inzwischen längst entkommen. Nimael ging auf ihn zu und packte ihn energisch an der Schulter. Doch als sich der Mann umdrehte, zeigte sich das perplexe, bärtige Gesicht eines Obsthändlers, der gerade seine Früchte neu arrangiert hatte. Als er ihn in einer fremden Sprache zu beschimpfen begann, wäre Nimael am liebsten vor Scham im Erdboden versunken. Er entschuldigte sich mehrmals und entfernte sich mit beschwichtigender Geste von dem Händler.

Deutlich rücksichtsvoller als zuvor schob er sich wieder zurück durch das Gedränge. Nimael begann an sich zu zweifeln. War er nun tatsächlich beschattet worden oder hatte er sich das alles bloß eingebildet? Im schlimmsten Fall wäre wohl seine großzügige Spende an einen Obdachlosen beobachtet worden. Deswegen würde ihm jedoch kein Nachteil entstehen. Diesen mysteriösen Verfolger – wenn es ihn denn wirklich gab – hätte er dennoch gern zur Rede gestellt.

Schließlich gelangte Nimael wieder zu der Kreuzung zurück, auf der ihn die eisige Kälte überkommen hatte. Obwohl er bis zu diesem Tag noch nie Zeuge eines solchen Phänomens geworden war, hatte er davon gehört. Man nannte diese mysteriösen Erscheinungen Blips und bislang waren sie nicht erklärbar. Sie waren äußerst selten, weshalb viele Menschen bezweifelten, dass es sie überhaupt gab. Nimael stellte sich in die Mitte der Kreuzung, wo der Blip aufgetreten war. Als nichts geschah, sah er sich um. Die Wege führten weder zum Fluss noch zu irgendwelchen Gassen, aus denen eine dermaßen kalte Brise hätte aufziehen können. Dafür war das Gefühl auch viel zu intensiv gewesen. Am Boden gab es keine Öffnungen oder andere Auffälligkeiten und über ihm war nur der wolkenlose, blaue Himmel zu sehen. Nimael musterte die umliegenden Marktstände, aber keiner verwendete kaltes Wasser, um seine Waren zu kühlen. Nimael versetzte sich noch einmal in die Situation zurück. Er war gerannt und die Kälte war nicht einfach über ihn gekommen, sondern hatte vielmehr eine Wand gebildet, in die er hineingelaufen war. Er kehrte in den Gang zurück, aus dem er das erste Mal gekommen war, rannte noch einmal auf die Kreuzung und über dieselbe Stelle hinweg. Wieder geschah nichts. Ein sehr merkwürdiges Phänomen. Vielleicht eine Körperreaktion auf die andauernde Hitze oder eine kurze Luftströmung, die sofort wieder von der umliegenden Heißluft aufgezehrt worden war. Da er es nicht nachstellen konnte, musste sich Nimael wohl mit dem Unerklärlichen abfinden.

Nun stand allerdings erst einmal der Exfobita bevor. Am Brunnen füllte Nimael seine Feldflaschen mit klarem, kaltem Wasser und leistete sich einen frischen Brotlaib und etwas Wurst. Anschließend ließ er den Markt hinter sich und machte sich auf den Weg zur Brücke am Turm.

Als Nimael die Brücke erreichte, hatte er noch etwas Zeit, um sich ein ruhiges Plätzchen am Fluss zu suchen und vor der bevorstehenden Wanderung ein wenig auszuruhen. Er breitete seinen Umhang im Gras aus, lehnte sich entspannt zurück und schloss die Augen. Nach dem aufregenden Vormittag und der kurzen Nacht tat die Ruhe unglaublich gut. Die Hitze trug schließlich ihr Übriges dazu bei, um Nimael vollends einzulullen. Er dachte an Thera und stellte sich ihr Gesicht vor. Ihr Lächeln und ihre wunderschönen Augen. So glänzend. So groß. So tief. So unendlich …

„Wie ich sehe, hat da jemand meine Erlaubnis zum Ausschlafen restlos ausgeschöpft!“, rief Holmweiler mit gespielt strenger Stimme.

Noch bevor er den Satz beendet hatte, wusste Nimael, was passiert war. Er war so fest eingeschlafen, dass er nicht mitbekommen hatte, wie die ersten Teilnehmer eingetroffen waren. Mit Sicherheit hatten sie ihn schon eine ganze Weile bei seinem Mittagsschlaf beobachtet. Von der Brücke schallte lautes Gelächter zu ihm herüber und Nimael sah nur eine Möglichkeit, sich aus dieser peinlichen Situation zu retten – er musste mitspielen. Also streckte er sich genüsslich, gähnte herzhaft und rieb sich die Augen. Dann sah er mit verschlafenem Blick zur Brücke.

„Was gibt’s zum Frühstück?“, fragte er und grinste.

Damit brachte er selbst Holmweiler zum Lachen und die Stimmung drehte sich. Die Gruppe schien nicht länger über ihn, sondern mit ihm zu lachen, womit Nimael sehr gut leben konnte.

Schnell lief er zurück zur Brücke und sah sich um.

An ihren schwarzen Haaren, die sie zu einem eleganten Zopf geflochten hatte, erkannte er Melina, die man nicht nur als schüchtern, sondern geradezu als scheu bezeichnen konnte. Sie hatte sich abseits der Gruppe aufgestellt, um jeglichem Kontakt mit den anderen Kursteilnehmern zu entgehen. Diese hatten kleine Grüppchen gebildet, die nicht sonderlich überraschend ausgefallen waren. Ein Stück entfernt unterhielten sich Molluk und Elias. Neben Nimael waren sie die einzigen beiden männlichen Studenten des Kurses. Sie gaben ihm aber vom ersten Tag an deutlich zu verstehen, dass eine Freundschaft mit einem Jungen aus seinen Verhältnissen unter ihrem Niveau wäre. In ihren Adern floss blaues Blut und genau wie Kaeti und Eskabatt ließ ihre Haltung gegenüber anderen nicht den geringsten Zweifel daran aufkommen.

Stattdessen suchte Nimael die Brücke lieber nach Thera ab und fand sie schließlich bei ihrer besten Freundin Hallbora und Landria, die als Streberin des Kurses galt. Obwohl Thera nur mittelgroß war, überragte sie ihre beiden Kameradinnen um einen ganzen Kopf. Für einen kurzen Augenblick, der nur ihnen gehörte, wandte sie sich zu Nimael, warf ihm ein warmes Lächeln zu und schenkte Hallbora sogleich wieder ihre volle Aufmerksamkeit. Eine knappe, aber bedeutsame Geste, da sie eindeutig als Einladung interpretiert werden durfte.

„Das war ja ein bühnenreifer Auftritt“, begrüßte ihn Landria mit einem breiten Grinsen. Nimael verneigte sich leicht, doch bevor er antworten konnte, ergriff Holmweiler das Wort.

„Wenn wir dann vollzählig sind, können wir uns ja auf den Weg machen.“ Er zählte die Gruppe durch und kam zu dem Ergebnis, dass tatsächlich alle anwesend waren. Die Studenten marschierten von der Brücke und ließen die Stadt hinter sich. Nachdem sie zwei Bauernhöfe und einige Felder passiert hatten, erreichten sie die Ostseite des Tals und damit den Waldrand. Zur Freude sämtlicher Teilnehmer führte der Weg von nun an im kühlen Schatten weiter, dafür begann jedoch der mühsame Aufstieg nach Pagura. Nachdem sie sich einige Zeit ungezwungen unterhalten hatten, musterte Hallbora ihre Begleiter und zögerte einen Moment. Sie spielte nervös an ihren langen, braunen Haaren herum, bevor sie ein ernsteres Thema anschnitt.

„Ihr werdet mich sicher für verrückt halten, aber in letzter Zeit habe ich irgendwie das Gefühl, beobachtet zu werden.“

Ihr Geständnis ließ Nimael aufhorchen.

„Möglicherweise löst der andauernde Prüfungsdruck dieses Gefühl bei dir aus“, sagte Landria.

Nimael überlegte kurz. Seines Wissens stammte auch Hallbora aus ärmlichen Verhältnissen und passte somit ins Bild der angeblich Nominierten. Er wollte bereits von seinem Gespräch mit Saeff erzählen, hielt sich aber gerade noch rechtzeitig zurück. Die Erwähnung der eingeschränkten Mittel hätte sowohl ihn als auch Hallbora in Verlegenheit gebracht. Er beschloss, in diesem Fall besser so vage wie möglich zu bleiben.

„Ist dir vielleicht ein großer, schlanker Mann aufgefallen, der eventuell aus den südlichen Territorien stammen könnte?“, fragte Nimael.

„Nein, aber das wäre er bestimmt“, scherzte Hallbora, bevor ihr Grinsen einer sorgenvolleren Miene wich. „Wieso? Wie kommst du darauf?“

„Es soll sich jemand, auf den diese Beschreibung passt, nach mir erkundigt haben. Angeblich ein Angestellter der Universität.“ Nimael ließ den möglichen Studentenpreis bewusst unerwähnt. Landria hätte mit Sicherheit unangenehme Fragen darüber gestellt. Immerhin lernte sie nicht nur aus reiner Wissbegier Tag und Nacht, sondern genoss auch die Anerkennung, die damit einherging.

„Klingt ja unheimlich“, sagte Thera. „Warum sollte die Universität so etwas tun?“

„Bisher hielt ich das für einen Vorwand und war mir sicher, dass die Universität gar nichts damit zu tun hat“, antwortete Nimael. „Aber wenn man tatsächlich auch Hallbora beschattet, stimmt es vielleicht doch.“

„Möglicherweise geht es ja um Fehlstunden“, vermutete Landria, die im Gegensatz zu Hallbora und Nimael nie eine Vorlesung verpasste.

„Na ja, es besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass ich mir das alles nur eingebildet habe“, versuchte Hallbora die Situation zu entschärfen und das Thema abzuschließen.

Obwohl Nimael nicht so recht an einen Zufall glauben wollte, nickte er und ließ die Angelegenheit auf sich beruhen.

Schon bald benötigten die Teilnehmer ihre Luft, um den anstrengenden Aufstieg zu meistern, und die Gespräche verstummten. Nach einiger Zeit hatten sie die erste Anhöhe und somit den Gipfel des Schattenhügels erreicht.

Sie legten eine kurze Pause ein und erklommen schließlich den oberen Teil des Osthangs. Kurz darauf kamen vor ihnen die ersten Gebäude von Pagura zum Vorschein.

„Schön, wir haben noch etwas Zeit, bevor unsere Führung beginnt“, stellte Holmweiler fest. „Wenn ihr möchtet, könnt ihr euch solange die Stadt ansehen. Wir treffen uns in einer halben Stunde am Platz vor dem Verlag.“

Nimael ergriff die Gelegenheit beim Schopfe. „Wollen wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Panorama für dein Gemälde machen?“, schlug er Thera mit einladender Geste vor.

„Natürlich“, antwortete diese voller Elan und schloss sich ihm an, während sich Hallbora mit einem breiten Grinsen von ihnen verabschiedete.

Nach kurzer Suche stießen sie auf eine Seitengasse, die sie an einen großzügig angelegten Platz führte. Von hier hatte man eine fantastische Aussicht ins Tal. Weit unten erkannte man Moenchtal und die Felder, die sich wie ein Flickenteppich an der Talsohle entlang zogen. Gerahmt wurden sie von den dunklen Wäldern, die sich über die gegenüberliegende Talseite erstreckten und am Horizont bis in weite Ferne reichten. Nimael und Thera gingen zu der Mauer, die den Platz säumte, verharrten einen Moment und schwiegen. Aus dem Tal wehte ein erfrischender Wind empor. Beide schlossen die Augen, als er ihnen über das Gesicht streichelte und durch die Haare fuhr.

„Das tut gut.“ Thera atmete die Luft tief ein und wirkte dabei ruhig und ausgeglichen. Ein Zustand, um den Nimael sie beneidete. Er war nervös und versuchte den Gedanken abzuschütteln, dass es sich bereits um den ersten Teil ihrer Verabredung handelte. Als Thera ihre Augen wieder öffnete, folgte er ihrem träumerischen Blick ins Tal.

„Wunderschön.“

„Ja, überwältigend“, pflichtete Nimael ihr bei und begann sich langsam zu entspannen, indem er jeden Gedanken aus seinem Kopf verbannte. Zurück blieb nur die Stimme seines Herzens – ein Gefühl, dem er nun freien Lauf lassen konnte. Ohne den Blick von der Landschaft abzuwenden, griff er nach Theras Hand und umschloss sie genauso zärtlich, wie die Brise aus dem Tal zuvor ihre Gesichter gestreichelt hatte. Zu seiner Erleichterung ließ Thera die Berührung zu und drehte sich langsam zu ihm, um ihn anzulächeln. Es war dieses Lächeln, dem auch die eindrucksvollste Kulisse nicht gewachsen war. Nimael sah ihr in die Augen und erinnerte sich an die letzten Momente, bevor er eingeschlafen war, aber auch seine schönste Fantasie konnte diesem Anblick nicht ansatzweise gerecht werden.

„Ziemlich romantisch hier.“ Ein zartes Rosa legte sich auf Theras Wangen und sie wandte ihren Blick zurück ins Tal.

„Der perfekte Ort für unseren gemeinsamen Wochenendausflug.“ Nimael lächelte, richtete seinen Blick ebenfalls wieder auf das Panorama und fühlte, wie ihn Thera überrascht musterte. Er wusste, dass er mit dieser Andeutung keinen Platz für Spekulationen über seine Absichten gelassen hatte.

Vielleicht lag es nur an Nimaels guter Laune, aber die Führung im Medina Verlag präsentierte sich interessant und kurzweilig. Anschließend verließen sie den Verlag und marschierten in Richtung des Ortseingangs, wo sie wie verabredet in einem Wirtshaus einkehrten. Als sie es wieder verließen, war die Sonne bereits hinter dem Westhang verschwunden und der Himmel hatte sich rötlich gefärbt. Holmweiler hatte es eilig. Mit seiner eingeschränkten Sehkraft wollte er so schnell wie möglich vorankommen, um noch eine möglichst weite Strecke im restlichen Tageslicht zurückzulegen. Nach einer halben Stunde hatte sich der Himmel graublau gefärbt und ließ durch das dichte Geäst nur noch wenig Licht zu Boden fallen. Nimael lief im hinteren Drittel der Gruppe, als diese auf der Spitze des Schattenhügels plötzlich stehen blieb und Holmweiler seine Stimme erhob. Nimael schob sich langsam voran, bis er sehen konnte, dass Holmweiler auf einer Lichtung mit drei Männern diskutierte. Sie alle trugen dieselbe hellgraue Kleidung, die wie eine Uniform anmutete. Sie bestand aus festen Stiefeln, einer schlichten Hose und einer hüftlangen Jacke mit Knöpfen. Trotzdem präsentierte sie sich aufgrund ihres einheitlichen Farbtons von Kopf bis Fuß nicht besonders elegant. Ein Eindruck, den das ungepflegte Aussehen der Fremden noch unterstrich. Die langen Messer, die sie an ihren Gürteln führten, ließen außerdem den Schluss zu, dass es sich um Soldaten handelte.

„Was ist hier los?“, fragte Nimael.

„Diese drei Herren haben den Weg abgesperrt und wollen uns nicht nach unten lassen“, beschwerte sich Holmweiler. „Aber eine Begründung konnten sie mir dafür nicht liefern.“ Er wandte sich wieder den Uniformierten zu. „Was soll das? Führen Sie eine geheime Kampfübung durch? Und was sind das für Uniformen? Solche habe ich im Leben noch nicht gesehen. Welches Territorium vertreten Sie?“

„Alles klar, das waren die Letzten!“, ertönte von hinten eine laute Stimme.

Nimael drehte sich um und erkannte, dass am Ende der Lichtung zwei weitere Männer den Weg von Pagura heruntergekommen waren und diesen nun bewachten. Der eine hatte kurzes, blondes Haar, der andere war hager, wodurch seine Gesichtszüge kantig wirkten. Im selben Moment traten fünf Uniformierte aus dem Gebüsch, wodurch die Gruppe komplett umstellt war. Es handelte sich nicht um eine Straßensperre, sondern um einen Hinterhalt. Der hagere Mann am Ende der Lichtung schien das Kommando zu führen.

„Bleibt ruhig, dann wird euch auch nichts geschehen!“, forderte er die Gruppe auf.

„Ich verstehe nicht“, murmelte Holmweiler.

Ohne darauf einzugehen, fuhr der Unbekannte fort: „Ihr legt jetzt eure Taschen vor euch auf den Boden.“

Ein Überfall. Einen Augenblick lang ärgerte sich Nimael, dass er sein Messer bei der Angelausrüstung am Fluss gelassen hatte. Andererseits hätte es ohnehin keinen Sinn gehabt, sich der Anweisung zu widersetzen. Schließlich waren ein wenig Geld und Proviant ein solches Risiko kaum wert. Es musste sich um mindestens zehn bewaffnete Männer handeln, die sie umstellt hatten – eine Übermacht, gegen die sie nicht die geringste Chance hatten.

Elias sah das offenbar anders. Während alle anderen ihre Taschen ablegten, griff er unvermittelt unter sein Hemd und zog ein Messer hervor. Erst hielt er es in abwehrender Haltung vor sich, dann wurde ihm offenbar bewusst, dass sie umstellt waren, und er begann, nervös damit herumzufuchteln. Die Mädchen in seiner Nähe bekamen Angst und wichen vor ihm zurück.

„Ihr bleibt von mir weg! Keiner kommt auch nur einen Schritt näher!“ Elias’ Stimme zitterte vor Anspannung. Als reicher Adelssohn war er wohl nicht das erste Mal in einen Raubüberfall verwickelt und hatte entsprechende Vorbereitungen getroffen.

Der Anführer drehte den Kopf zu seinem blonden Nebenmann und nickte ihm kommentarlos zu. Bei genauerem Hinsehen erkannte Nimael, dass dieser einen Bogen an seiner Schulter trug. Er holte ihn hervor, griff mit der anderen Hand hinter seinen Rücken, spannte einen Pfeil ein, zielte und schoss, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Pfeil raste quer durch die Menge und traf Elias mitten in die Brust. Dieser schrie auf und ging durch die Wucht des Pfeils rückwärts zu Boden.

Für einen Moment war es totenstill auf der Lichtung. Wie allen anderen war auch Nimael der Schrecken in die Glieder gefahren. Er starrte auf Elias, der regungslos am Boden lag, und wusste weder ein noch aus. Holmweiler riss sich als Erster aus der Starre.

„Seid ihr wahnsinnig geworden?“, rief er fassungslos und lief zu Elias. Sofort löste sich einer der Männer, die aus den Büschen gekommen waren, aus der Formation, schnitt dem Professor den Weg ab und schlug ihm ohne Vorwarnung brutal ins Gesicht. Der Schlag traf Holmweiler auf die Nase. Er taumelte und fiel ebenfalls zu Boden, wodurch seine Brille zersplitterte. Der Uniformierte griff an den Gürtel und zog sein Messer. Genau wie der Bogenschütze wollte er dem Anführer anscheinend seine bedingungslose Loyalität beweisen. Im Gegensatz zu Elias war Holmweiler unbewaffnet und hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Wenn sie ihn als Bezugsperson des gesamten Kurses töteten, würde die Situation womöglich eskalieren und in einem Blutbad enden. Nimael riss sich zusammen und schüttelte die Schockstarre ab. Blitzschnell löste er sich aus dem Stand, machte einen Schritt hinter den Uniformierten und trat ihm in die Kniekehle. Dieser hatte offensichtlich nicht mit einer Einmischung gerechnet und ging ohne jeglichen Widerstand in die Knie, während er die Hand, die das Messer führte, seitlich von sich streckte. Sofort griff Nimael nach dessen Handgelenk und rammte sein Knie dagegen, wodurch das Messer weggeschleudert wurde.

Ein Geräusch aus Richtung des Anführers ließ Nimael aufhorchen. Dort hatte sich der Bogenschütze bereitgemacht, einen weiteren Pfeil abzuschießen, der diesmal eindeutig für ihn bestimmt war. Nimael rollte sich nach vorn ab, griff nach dem Messer und hörte im selben Moment das Zischen des Pfeils, der ihn so knapp verfehlte, dass er dessen Luftzug noch an seinen Haarspitzen fühlen konnte. Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang er auf und erwartete den Angriff des Uniformierten, den er gerade entwaffnet hatte. Dieser hielt sich jedoch mit schmerzverzerrter Miene die Hand, die durch den Stoß mit dem Knie anscheinend gebrochen war. Sofort nutzte Nimael die Gelegenheit, packte den Mann am Arm, riss ihn herum und hielt ihm das Messer an die Kehle. Dann richtete er den Blick auf den Bogenschützen, der bereits den nächsten Pfeil in seinem Köcher suchte.

„Waffen weg!“, forderte Nimael scharf.

Der Anführer zeigte sich unbeeindruckt und grinste ihn siegessicher an. Trotzdem gab er dem Bogenschützen mit einem Wink den Befehl innezuhalten und breitete herausfordernd seine Arme aus.

„Sieh dich um, Junge! Wir haben dreißig Geiseln, du nur eine.“ Er zögerte kurz, um in düsterem Tonfall fortzufahren. „Und glaubst du wirklich, dass mir nach seinem blamablen Auftritt gerade noch besonders viel an ihm liegt?“

Nimael dachte schnell darüber nach und sah sich um. Objektiv betrachtet hatte er gegen diese Übermacht nicht die geringste Chance, aber zumindest hatte er mit seinem Einschreiten Schlimmeres verhindert und eine Kampfpause erwirkt. Vielleicht konnte er diesen Umstand nutzen, um die Situation weiter zu entschärfen.

„Ich möchte nur, dass niemand mehr verletzt wird.“

„Also gut“, sagte der Anführer nach kurzer Überlegung. „Wenn du das Messer fallen lässt und keinen weiteren Widerstand leistest, bleibst du unversehrt. Und deine Freunde ebenso.“

„Ihr nehmt unsere Taschen und lasst uns unserer Wege ziehen?“, fragte Nimael verblüfft. Auf keinen Fall hatte er damit gerechnet, die Angreifer so leicht von einer friedlichen Lösung zu überzeugen.

Der Anführer ließ seinen Zeigefinger nachdenklich an sein stoppeliges Kinn und über die Mundwinkel wandern. „Da handelt es sich wohl um ein Missverständnis“, antwortete er schließlich. „Ehrlich gesagt interessieren uns eure Taschen nicht besonders. Ich kann dir nur versichern, dass heute Abend niemand mehr verletzt wird. Vorausgesetzt, ihr begeht keine weiteren Dummheiten.“

Nimael wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Was hatten sie vor? Suchten sie etwa einen bestimmten Gegenstand? Das wilde Pochen seines Herzens ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen oder auch nur die geringste Vermutung darüber anstellen, was diese rätselhafte Aussage zu bedeuten hatte.

„Ich würde dir aber dringend raten, mein Zugeständnis anzunehmen“, ergänzte der Anführer, um mit einer Kopfbewegung in Richtung des Bogenschützens seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

„In Ordnung.“ Unter diesen Umständen gab es für Nimael nichts weiter auszuhandeln und die Sicherheit seiner Kameraden stand schließlich an erster Stelle. Er ließ das Messer langsam sinken, während er seinen Blick auf den Bogenschützen gerichtet hielt. Als sich dieser ein wenig entspannte und an die Absprache zu halten schien, warf Nimael das Messer zu Boden, trat hinter seiner Geisel hervor und streckte die Hände weit von sich.

„Ich bin unbewaffnet“, sagte er. „Ich gebe auf.“

„Gute Entscheidung“, antwortete der Anführer zufrieden. „Nachdem das geklärt wäre, können wir endlich zur Tat schreiten.“ Er ging zu Saekatla, die die Lichtung als Letzte betreten hatte. „Von hier beginnend stellt ihr euch jetzt in einer Reihe auf und legt die Hände hinter den Kopf.“

Die Studenten gehorchten seinem Befehl und bildeten eine Reihe. Nimael sah zu Holmweiler, der sich die blutige Nase hielt, aber aus eigenen Kräften aufstehen konnte und sich ebenfalls einreihte. Elias blieb dagegen regungslos liegen.

„Sieh mal nach ihm“, befahl der Anführer einem seiner Männer. Dieser kniete neben Elias nieder, fühlte dessen Atem und Puls und wandte sich wieder an seinen Vorgesetzten.

„Der hat’s hinter sich“, stellte er so gefühllos fest, als hätten sie gerade eine Mücke erledigt. Auf den Gesichtern der Studentinnen spiegelten sich Trauer und ungläubiges Entsetzen wider. Nimael suchte die Reihe nach Molluk ab. Der sonst so großmäulige Freund von Elias gab keinen Mucks von sich. Er war zwar ebenfalls bleich, stand aber ohne sichtbare Gefühlsregung zwischen den anderen.

„Wir werden euch jetzt die Hände fesseln“, erklärte der Anführer. „Wir erwarten dabei keinen Widerstand, ist das klar?“

Seine Männer warteten keine Antwort ab, sondern machten sich sofort ans Werk. Während sie Stricke hervorholten und sich Person für Person nach vorn arbeiteten, hielt sich der Uniformierte, den Nimael entwaffnet hatte, noch immer die Hand.

„Komm her!“ Der Zorn des Anführers klang durch jede seiner Silben hindurch. Sein Untergebener gehorchte und schlich mit gesenktem Haupt zu ihm. Nach kurzem Zögern streckte er ihm die verletzte Hand entgegen. „Sauber hingekriegt, du Versager!“ Der Anführer versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. „Geh zurück und lass dich behandeln. Und sag den vier Sackgesichtern, dass sie endlich ihre Auswahl treffen sollen.“

„Ja, Herr.“ Der Mann verschwand in demselben Gebüsch, aus dem er hervorgekrochen war. Kurze Zeit später raschelte es erneut im Unterholz und vier weitere Gestalten erschienen auf der Bildfläche. Im Gegensatz zu dem uniformierten Trupp waren sie in einfache weite Hemden und Hosen gekleidet, trugen aber Säcke über ihren Köpfen, aus denen Gucklöcher herausgeschnitten waren. Einer von ihnen war deutlich größer und überragte die anderen um mehr als einen Kopf.

Nimael verstand nun gar nichts mehr. Eine gewöhnliche Diebesbande bestand im Höchstfall aus fünf bis acht Personen. Inzwischen kamen hier mindestens vierzehn Mann zum Einsatz, dazu noch von offenbar unterschiedlichen Gruppierungen. Und dass sein Gegner die Möglichkeit hatte, seine verletzte Hand behandeln zu lassen, ließ darauf schließen, dass noch weitere warteten. Ein solches Aufgebot für einen einzigen Überfall? Noch dazu auf harmlose Studenten der Freien Künste, bei denen es mit Sicherheit ohnehin kaum etwas zu holen gab. Der große, maskierte Mann ergriff das Wort und riss Nimael aus seinen Überlegungen.

„Wir waren uns doch einig, dass es möglichst wenig Verletzte oder gar Tote geben sollte!“, rief er verärgert.

„Er hatte ein Messer und stellte somit eine Bedrohung dar“, antwortete der Anführer.

„Ein Einzelner? Eine Bedrohung?“, fragte der Maskierte und fuhr in sarkastischem Tonfall fort. „Ja, richtig. Ich hatte vergessen, dass ihr euch normalerweise nur mit vollkommen Wehrlosen anlegt.“

„Vergiss nicht, mit wem du sprichst!“, ermahnte ihn der Anführer scharf.

„Habt ihr wenigstens versucht, mit ihm zu reden?“, fragte der Maskierte vorsichtiger nach.

„Er machte keinen verhandlungswilligen Eindruck“, mischte sich der Bogenschütze ein.

„Und was ist mit ihm?“ Der Große zeigte auf Holmweiler. „War er auch eine Bedrohung?“

„Manchmal ist es am wirkungsvollsten, wenn man gleich zu Beginn ein Exempel statuiert“, sagte der Anführer und zuckte mit den Achseln.

„Ihr hättet meine Auswahl töten können!“, beschwerte sich der Maskierte.

„Ihr trefft vielleicht die Auswahl, aber die Umsetzung ist allein unsere Angelegenheit und hat euch nicht zu interessieren!“, brüllte ihn der Anführer an. „Ist das klar?“ Als der Maskierte nicht reagierte, fuhr er fort: „Jetzt fangt endlich an oder wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“

Während des Streits war ein Uniformierter hinter Nimael aufgetaucht und hatte ihm ebenfalls die Hände auf den Rücken gebunden. Nun waren sie ihren Angreifern schutzlos ausgeliefert und konnten sich nur auf das Versprechen des Anführers verlassen. Nimael begann, an seiner Entscheidung zu zweifeln, und sah hilflos mit an, wie der Maskierte und seine drei Begleiter die Reihe entlangschritten.

„Wir werden jetzt vor euch treten und jeder, den wir auswählen, tritt einen Schritt vor und kniet zu Boden“, befahl er. Daraufhin zeigte einer seiner Begleiter auf jemanden in der Reihe und seine erste Entscheidung folgte. „Du!“

Ting trat zitternd vor und kniete sich wie befohlen hin. Es folgten Eskabatt, Kaeti, Landria, Melina, Hallbora, Veila und zu Nimaels Entsetzen auch Thera. Die vier verhüllten Gestalten setzten ihren Weg fort und bauten sich schließlich vor ihm auf.

„Und du!“ Diesmal traf der Große selbst die Entscheidung.

Obwohl Nimael nicht wusste, welches Schicksal ihn erwarten würde, konnte er seine Erleichterung nicht verbergen, in dieselbe Gruppe wie Thera gewählt worden zu sein. Bereitwillig trat er vor und kniete sich zu den anderen.

„Nein, der nicht“, widersprach der Anführer vehement. „Das ist ein Unruhestifter.“

„Ich habe meine Wahl getroffen“, konterte der Maskierte.

„Du hast nicht mitbekommen, was da vorher abgelaufen ist. Triff eine andere Entscheidung!“ Der Anführer sah sich um. „Dieses schweißgebadete Würstchen da zum Beispiel.“ Er deutete auf Molluk, der noch immer wie gelähmt in der Reihe stand.

Der Maskierte ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und ging zielstrebig auf den Anführer zu. „Genau wie die Umsetzung eure Angelegenheit ist, so ist die Auswahl die meine“, stellte er selbstsicher fest. „Ihr habt keinen Einfluss darauf und ich werde sie keinesfalls ändern.“

Der Anführer erwiderte nichts darauf, aber trotz des Dämmerlichts war deutlich zu erkennen, wie es vor Zorn in seinen Augen blitzte. Als der Maskierte seinem Blick standhielt, gab er schließlich nach.

„In Ordnung. Aber wenn etwas schiefgeht, trägst du die Verantwortung.“ Damit übernahm er wieder die Befehlsgewalt. „Ihr Sackgesichter verschwindet jetzt von hier!“ Die maskierten Gestalten gehorchten und verließen die Lichtung. „Wir nehmen jetzt alle Ausgewählten mit“, fuhr der Anführer fort. „Die anderen verbringen die Nacht hier. Morgen früh werden euch sicher ein paar Wanderer finden und befreien.“ Sein Blick richtete sich wieder auf Nimael. „Und was dich betrifft …“ Er kam auf ihn zu, winkelte ein Bein an und kniete sich vor ihm zu Boden. „Du hast echt Schwein, weißt du das? Wenn ich es dir vorher nicht versprochen hätte, hättest du jetzt einen bedauernswerten Unfall. Aber ich bin ein Mann meines Wortes und deshalb nehmen wir dich mit.“ Er zögerte kurz, sah zu dem Uniformierten, der hinter Nimael stand, und grinste. „Wie du allerdings mitkommst, ist Teil der Umsetzung, und die ist wiederum unsere Angelegenheit.“ Er zog ein Tuch hervor, grinste noch breiter und gab es dem Uniformierten. „Verbinde ihm die Augen.“

Dann wurde es dunkel.

Los, auf die Beine!“, forderte der Anführer. „Folgt uns! Jeder Fluchtversuch wird mit dem Tode bestraft.“ Seine Anweisungen waren unmissverständlich, aber Nimael fragte sich, wie er sie mit verbundenen Augen befolgen sollte.

„Du, Blondchen!“ Offensichtlich war dieser Umstand auch dem Befehlshaber gerade bewusst geworden. „Du wirst unseren Unruhestifter führen. Ich binde jetzt deine Hände los, und wehe, du machst Unsinn!“

Nimael richtete sich vorsichtig auf und wartete. Kurz darauf nahm jemand seinen rechten Arm.

„Ich bin’s“, hörte er Theras verängstigte Stimme.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Ja, ich …“ Theras Antwort wurde von einem Uniformierten jäh unterbrochen.

„Wer hat euch erlaubt, zu reden?“, brüllte er sie an. „Los jetzt, weiter!“

Nimael war froh, dass Thera ihn gut abstützte. Die verbundenen Augen brachten ihn aus dem Gleichgewicht. Unbeholfen wankte er voran und stolperte mehrmals. An seinen Beinen spürte er, dass sie die Lichtung verlassen hatten und sich nun durchs Unterholz schoben, das ihm bis zur Hüfte reichte. Plötzlich traf ihn ein Zweig ins Gesicht und kratzte über seine linke Wange. Mehr vor Schreck als vor Schmerz stöhnte er auf.

„Tut mir leid, den habe ich nicht kommen sehen“, flüsterte Thera.

„Nichts passiert“, antwortete Nimael, obwohl seine Wange noch brannte. Querfeldein im Wald unterwegs mussten Thera und die anderen inzwischen beinahe so blind sein wie er.

Nach einiger Zeit hörte er von vorn vereinzelte Wortfetzen und ein wieherndes Pferd. Bald erkannte Nimael die Stimme des Anführers, der ganz in seinem Element weitere Befehle brüllte.

„Werft ihr Gepäck in die Kutschen.“ Selbst ihre Taschen hatten sie also mitgehen lassen.

Thera verringerte ihre Geschwindigkeit und signalisierte Nimael mit einem sanften Ruck, dass er stehen bleiben solle.

„Das sind die Letzten“, sagte einer der Entführer.

„Gut.“ Der Anführer klang zufrieden. „Bring sie zu den anderen.“

Thera änderte die Richtung und führte Nimael einige Schritte weiter.

„Ihr seid neun Personen, aber es sind nur noch zwei Kutschen übrig“, erklärte der Anführer. „Also wird sich eine Partei zu fünft in einen Wagen quetschen müssen. Und nun ratet mal, wer sich einen Platz darin verdient hat?“ Trotz Augenbinde fühlte Nimael zahlreiche Blicke, die sich auf ihn richteten. „Ihr dürft euch während der Fahrt unterhalten, aber wenn ihr uns stört oder irgendwelche Probleme verursacht, gibt’s Ärger! Und die Nacht solltet ihr lieber zum Schlafen nutzen, damit ihr morgen bei Kräften seid. Ihr werdet sie brauchen.“

Eine Hand, die weit weniger sanft mit ihm umsprang als Thera, packte Nimael und schob ihn vorwärts, bis er mit dem Schienbein gegen die Unterkante einer Kutsche stieß.

„Rein da!“, befahl sein ungehobelter Begleiter.

Nimael machte einen hohen Schritt und stieg vorsichtig zwei weitere Treppenstufen empor. Als er oben angelangt war, blieb er planlos stehen.

„Setz dich nach links“, riet ihm Hallbora, die offensichtlich bereits in der Kutsche saß. „Thera wird gleich wieder bei dir sein.“

Nimael war erstaunt, wie gefasst sie klang. Er schob seinen Fuß vorsichtig über den glatten Boden und stieß auf Holz. Dann drehte er sich und setzte sich langsam hin, bis er einen Sitz unter sich fühlte. Nachdem er sich bedankt hatte, hörte er bereits die nächste Person an der Treppe. Sie setzte sich neben ihn und er spürte ihr Zittern.

„Thera?“, fragte er vorsichtig.

„Ja, ich bin es“, antwortete sie.

„Mach dir keine Sorgen, es wird alles gut.“ Nimael versuchte, sie zu beruhigen, doch die Tür, die hinter ihnen mit einem lauten Schlag zugeknallt wurde, machte seine Bemühungen zunichte und ließ ihn selbst nicht mehr an seine Worte glauben.

Während von außen einige Geräusche zu ihnen drangen, herrschte im Innenraum noch lange betretenes Schweigen. Irgendwann knallte eine Peitsche und die Kutsche setzte sich in Bewegung, doch die Stille hielt weiterhin an. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich einer der schönsten Tage des Jahres in den erdenklich schlimmsten Albtraum verwandelt. Wohin brachte man sie? Welches Schicksal erwartete sie? Und warum ausgerechnet sie?

„Danke“, durchbrach Hallbora das Schweigen. Nachdem Nimael nicht darauf reagierte, stupste ihn Thera an.

„Sie meint dich.“

„Mich?“, fragte er überrascht. „Wofür bedankst du dich?“

„Ich mag Holmweiler“, antwortete Hallbora. „Wer weiß, was sie mit ihm gemacht hätten, wenn du nicht eingegriffen hättest.“

„Das hätte aber auch genauso gut ins Auge gehen können“, sagte Landria, die Nimael als die vierte Person in der Kutsche identifizierte. „Wenn dich der Pfeil erwischt hätte, wärt ihr jetzt beide ebenfalls tot.“

„Der arme Elias“, brachte Thera hervor und hielt kurz inne. „Ich hoffe, die anderen schaffen es unbeschadet nach Moenchtal zurück.“ Dass ihre Sorge sogar jetzt noch der anderen Gruppe galt, während sie selbst vermutlich einer viel schlimmeren Gefahr ausgesetzt war, ließ Nimael wieder einmal über ihr Mitgefühl staunen. „Holmweiler sah nicht gut aus“, fuhr sie fort. „Am Ende hat er kein Wort mehr herausgebracht.“

„Er hat wahrscheinlich nur erkannt, dass unsere Entführer nicht mit sich reden lassen und auch keine andere Autorität neben sich akzeptieren“, versuchte Nimael erneut, sie zu beruhigen.

„Das solltest du dir merken!“, ermahnte ihn Landria scharf.

„Keine Sorge“, erwiderte Nimael mit ruhiger Stimme. „Im Moment droht uns keine unmittelbare Gefahr. Solange es so bleibt, werde ich sie ganz sicher nicht provozieren.“ Trotz seiner beschwichtigenden Worte fühlte er Thera noch immer ein wenig zittern. Vielleicht konnte er sie auf andere Gedanken als den Überfall bringen. „Wer ist überhaupt hier? Wir sind doch zu fünft, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete Melina von der gegenüberliegenden Seite. „Ich bin auch hier.“ Sie klang verängstigt. Wahrscheinlich war sie mit dieser Situation hoffnungslos überfordert.

„Wie viele Kutschen habt ihr gezählt?“, fragte Nimael weiter.

„Insgesamt waren es vier“, sagte Hallbora.

„Du steckst das erstaunlich gut weg, Hall.“ Nimael wollte sie loben, aber es klang mehr nach einer Frage.

„Seit sie uns nicht mehr mit Waffen bedrohen und versprochen haben, dass sie uns nichts antun werden, geht es mir besser“, erklärte sie. „Außerdem ist mir klar geworden, dass wir schon längst tot wären, wenn sie das gewollt hätten.“

Nimael hoffte, dass ihr Argument auch die anderen etwas beruhigen würde, doch Landria widersprach sofort.

„Nein. Das heißt nur, dass sie dich erst töten werden, wenn sie ihr Lösegeld bekommen haben.“

Ihre unsensible Antwort ließ Nimael mit den Augen rollen. Eine Reaktion, die unter seiner Augenbinde zum Glück unerkannt blieb.

„Irgendwie glaube ich nicht, dass es so einfach ist“, widersprach er. „Warum wurden ausgerechnet wir ausgewählt? Für mich sollten sie jedenfalls kein allzu hohes Lösegeld erwarten. Wäre es nicht logischer gewesen, einen Adelssohn wie Molluk zu entführen, der noch dazu keinen Widerstand leistete?“

„Ja, das ist merkwürdig“, überlegte Thera laut.

„Und warum solch ein Aufgebot?“, fragte Nimael. „Habt ihr gesehen, mit wie vielen Gegnern wir es zu tun haben?“

„Schätzungsweise doppelt so viele wie wir“, antwortete Hallbora.

„Nein, das ist einfache Mathematik“, widersprach Landria, deren Stärke nun zum Vorschein kam. „Es sind vier Kutschen. In jede Kutsche passen vier Personen und jeweils zwei Mann sitzen oben, um die Kutsche zu steuern. Wenn wir den Innenraum abziehen, den wir einnehmen, verbleiben genau 16 von denen.“ Offenbar erzielte eine simple Rechenaufgabe bei ihr eine beruhigendere Wirkung, als Hallboras vernünftigste Argumente es vermocht hatten.

Die darauffolgende Stille hatte einen deutlich positiveren Unterton als noch zu Beginn der Fahrt. Thera zitterte nicht mehr und vermutlich ging es auch Melina schon besser. Es handelte sich nicht mehr um eine angespannte Stille, sondern eine erschöpfte Ruhe. Alle schienen sich einig, den Rat des Anführers zu befolgen und ein wenig zu schlafen, um am folgenden Tag bei Kräften zu sein. Doch die zahlreichen Ereignisse und offenen Fragen ließen Nimael nicht los. Er saß noch eine ganze Weile da und ließ seine Gedanken kreisen. Auch die direkte Nähe zu Thera hatte nicht unbedingt eine beruhigende Wirkung auf ihn, aber zumindest eine positive. Er konzentrierte sich auf sie. Auf das Geräusch ihres Atems. Auf ihren Geruch. Auf die Stellen, an denen sich ihre Körper berührten und gegenseitig wärmten. Auf jede ihrer Bewegungen, selbst wenn es nur ihr Brustkorb war, der sich hob und senkte. Gleichmäßig. Regelmäßig. Immer und immer wieder …

Am nächsten Morgen wurden die Spekulationen vom Vortag fortgeführt. Melina war aufgefallen, dass ihre Entführer allesamt ein G mit einem Stern auf der linken Seite ihrer Uniform trugen. Nur die Brust des Anführers war mit zwei Sternen versehen, also handelte es sich dabei wohl um ein Rangabzeichen. Aber was hatte das G zu bedeuten? Obwohl sie die Namen sämtlicher Territorien durchgegangen waren, fiel ihnen kein Staat ein, der seine Soldaten ohne Wappen und nur mit einem einfachen Buchstaben dekorierte. Dafür führte die Diskussion über die Territorien aber zu einem weiteren interessanten Punkt.

„Wir sind die ganze Nacht gefahren. Ob wir uns überhaupt noch in Kabundaea befinden?“, rätselte Hallbora. Moenchtal und Pagura lagen am Ostrand ihres Territoriums. Nach so langer Reise hatten sie Kabundaea wahrscheinlich bereits verlassen, was eine Rettung noch aussichtsloser machen würde.

Bald darauf befahl der Anführer endlich eine erste Rast. Nachdem sie die Kutsche verlassen hatten, beschrieb Thera die unspektakuläre Umgebung. Sie befanden sich so tief im Wald, dass man allen bis auf Nimael die Fesseln löste und ihnen erlaubte, sich die Beine zu vertreten.

„Ihr habt eine halbe Stunde Zeit, aber bleibt in Sichtweite! Wenn jemand versucht zu verschwinden, wird das entsprechende Konsequenzen haben“, drohte der Anführer.

Thera ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie nahm Nimael am Arm und führte ihn fort. Nach der langen Reise tat jede Bewegung gut, aber nicht nur deshalb hatte ihn Thera außer Hörweite gebracht.

„Nimael, mir ist noch etwas aufgefallen“, berichtete sie ernst. „Als wir die Kutsche verlassen haben, habe ich den Uniformierten im Blick behalten, mit dem du gestern gekämpft hast. Er hat einem anderen seine verbundene Hand gezeigt, ihm etwas erzählt und dabei immer wieder zu dir gesehen.“

„So eine Verletzung kann ganz schön schmerzhaft sein“, antwortete Nimael.

„Ja, aber du hättest seine Blicke sehen sollen! Er scheint ziemlich nachtragend zu sein.“

„Danke, gut zu wissen.“ Nimael dachte kurz darüber nach. „Im Moment bin ich ihm zwar schutzlos ausgeliefert, aber den Maskierten scheint einiges daran zu liegen, dass wir die Reise unverletzt überstehen. Ich glaube nicht, dass er mich angreifen darf.“

„Ich verstehe das sowieso nicht“, fuhr Thera fort. „Wie kann es sein, dass unsere Entführer unterschiedliche Interessen haben? Diese vier maskierten Gestalten sitzen noch immer in ihrer Kutsche, die ringsherum von Vorhängen verdeckt wird. Also warum zeigen sich zwölf Leute offen und vier nicht? Das ergibt doch keinen Sinn! Haben sie vielleicht eine Krankheit oder sind irgendwie entstellt? Jedenfalls scheinen sie nicht zu den anderen zu gehören.“

„Solange es sich nicht um Butze handelt …“ Nimael lächelte verlegen, weil ihm keine schlüssige Antwort darauf einfiel.

„Holen die nicht nur Kinder?“, fragte Thera mit einem nicht allzu ernsten Unterton. „Aus dem Alter dürften wir wohl raus sein.“

Kurz darauf ertönte das Signal zum Aufbruch und sie kehrten zur Kutsche zurück. Wie sich herausstellte, hatte es auch sonst niemand auf einen Fluchtversuch ankommen lassen. Anscheinend war allen bewusst, dass dies in einem unbekannten Waldstück und dazu noch gegen Verfolger mit Pferden aussichtslos gewesen wäre. Auch die Entführer wähnten sich inzwischen so sicher, dass für die Mädchen die Fahrt ohne Fesseln weiterging.

Der Tag verstrich. Irgendwann machten die Räder erneut halt.

„Wir sind an einem Haus angelangt“, sagte Thera. Sie klang neugierig. Offenbar hatte sie sich schnell an die Situation gewöhnt und informierte Nimael mittlerweile genauso selbstverständlich, wie ein Deuter den Stand der Sterne erklärte. „Vorsicht, Stufen.“ Eine kurze Pause. „Schwelle.“

Ihrer liebevollen Stimme folgte der harte Kontrapunkt. „Bringt sie auf die Zimmer!“, brüllte der Anführer. Wieder ging es einige Stufen hinauf. Von oben waren die Befehle eines Uniformierten zu hören.