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Adultismus erkennen, abbauen und die eigene pädagogische Haltung stärken Adultismus ist ein Machtverhältnis, das uns alle betrifft und den pädagogischen Alltag stärker prägt, als vielen bewusst ist. Dieses Buch macht sichtbar, wie Machtungleichgewichte zwischen Erwachsenen und Kindern entstehen – und wie sie überwunden werden können. Anhand von neun alltagsnahen Beispielsituationen zeigt es jeweils zwei Perspektiven: die der Kinder und die der Erwachsenen. Diese Gegenüberstellungen eröffnen neue Blickwinkel und helfen Fachkräften, adultistische Muster im Kita-Alltag zu erkennen, zu reflektieren und nachhaltig abzubauen. Mit konkreten Impulsen, Reflexionsfragen und praxistauglichen Methoden lädt das Buch dazu ein, eingefahrene Sichtweisen kritisch zu hinterfragen. So entsteht Raum für Gleichwürdigkeit, echtes Zuhören und eine partizipative Kita-Praxis, die junge Menschen wirklich ernst nimmt. In diesem Buch finden Sie: - alltagsnahe Beispiele aus der Kita-Praxis - Perspektivwechsel, die Adultismus sichtbar machen - Reflexionsfragen zur Stärkung der pädagogischen Haltung - praktische Methoden zur Umsetzung im Team - Impulse für mehr Gleichwürdigkeit und respektvolle Beziehungsgestaltung Ein praxisnaher Wegweiser für alle, die Machtverhältnisse verstehen, Beziehungen stärken und eine wirklich partizipative Kita gestalten möchten.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2026
Sandra Richter
Adultismus erkennenund abbauen
Klett Kita GmbH
Rotebühlstr. 77
70178 Stuttgart
www.klett-kita.de
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© 2026 Klett Kita GmbH, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.
Redaktion: Franziska Martinet
Gesamtgestaltung und Satz: Gestaltungssaal, Sabine Hanel, Rohrdorf bei Rosenheim
Druck: Grafik Media Produktionsmanagement, Köln
Bildnachweis: © Gulay Erun – GettyImages; © erhui1979 – GettyImages; © Ali Kahfi – GettyImages
ISBN (print): 978-3-96046-422-8
ISBN (E-Book): 978-3-96046-434-1
Einleitung
1.Adultismus erkennen und abbauen
1.1 Adultismus – was ist das?
1.2 Erscheinungsformen von Adultismus
1.3 (Aus-)Wirkungen von Adultismus
1.4 Gemeinsam gegen Adultismus
2.„Jedem ist anders kalt!“ – Die Selbstwahrnehmung junger Menschen respektieren
3.„Sie hätte ihn einfach in Ruhe essen lassen können!“ – Selbstbestimmung ermöglichen
4.„Die anderen Erwachsenen müssen Stopp sagen!“ – Bei Adultismus einschreiten
5.„Sie wollen es gar nicht wissen!“ – Zugewandtheit statt Zuschreibungen
6.„Wir haben die Regel nie gemacht, aber müssen sie machen“ – Praxis gemeinsam regeln
7.„Wir wissen ja, dass wir vorsichtig sein müssen mit Büchern!“ – Was der Zugang zu Materialien mit Adultismus zu tun hat
8.„Mir hätte es geholfen, wenn mich jemand verstanden hätte“ – Beschwerden erkennen und ernst nehmen
9.„Aber sie wissen gar nicht, wie schlimm was ist!“ – Gemeinsam fühlen
10.„Wir sind keine Krümel!“ – Adultistische Etiketten ablösen
11.Was junge Menschen sich von Erwachsenen wünschen
Danksagung
Vita
Literatur
„Erwachsene sollen sich über Adultismus schlaumachen und versuchen, Kinder gerecht zu behandeln. Kinder sind klug und sollen nicht benachteiligt werden, nur weil sie Kinder sind. Sie spüren diese Ungerechtigkeit.“ (Elen)
Dieses Buch ist eine Einladung, über das gemeinsame Leben von „Kindern“ und „Erwachsenen“ nachzudenken, sich mit dem Thema Adultismus auseinanderzusetzen und Wege zu einem weniger adultistischen Leben für alle zu gestalten. Es ist die Bitte, junge Menschen ernst(er) zu nehmen: die jungen Menschen, mit denen wir arbeiten und leben, und auch die jungen Menschen, die wir selbst waren.
Viele pädagogische Fachkräfte gestalten bereits eine Praxis, die die Rechte der Kinder und ihre Beteiligung in den Fokus rückt. Zuweilen wird gefragt, warum es zusätzlich diesen „neuen Begriff“ brauche. Es braucht ihn, weil Adultismus das Zusammenleben von Erwachsenen und Kindern maßgeblich beeinflusst. Ohne ihn zu benennen und uns über „Adultismus schlau[zu]machen“ (Elen), kann kein gleichwürdiges Miteinander gestaltet werden. Adultismus beim Namen zu nennen, unterstützt uns, die Lebensrealitäten junger Menschen zu erkennen und ihre Benachteiligung abzubauen. Ein Wort für das zu haben, was geschieht, hilft auch, Unrecht zu benennen, oder wie eine Fortbildungsteilnehmerin sagte: „Ich habe das auch alles erlebt, aber ich kannte das Wort Adultismus nicht. Also ich habe gespürt, dass das ungerecht ist, konnte es aber nicht benennen.“ Verfügen junge Menschen über ein Wort für das, was ihnen widerfährt, können sie es adressieren, sie können sich wehren und sagen: „Stopp, das ist adultistisch!“ Sie wissen am allerbesten Bescheid über diese Art von Unrecht, auch wenn sie es bisher vielleicht noch nicht so bezeichnen.
Doch wer schreibt hier? Es ist erneut eine erwachsene Person, die über Adultismus schreibt. Ich, die ihn als Kind erlebt hat, nun jedoch in der Erwachsenenperspektive (fest-)steckt. Darin zeigt sich, wie Adultismus strukturell wirksam ist und individuell fortgeschrieben wird. Diesen Widerspruch kann ich nicht umgehend und nicht allein auflösen. Ich kann jedoch versuchen, der Struktur zu begegnen, indem ich die Stimmen der Kinder, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit mir geteilt haben, in diesem Buch öffentlich mache, sodass sie einem breiten Publikum zur Verfügung stehen, hoffend, dass sie als Expert:innen1 gehört werden. „Ihr wisst gar nicht, wie das ist als Kind!“, sagte Mila zu mir. Sie hat recht. Auch dann, wenn wir uns an manches erinnern, wissen wir nicht, wie es ist, heute ein Kind zu sein.
Und vielleicht kann das Buch ein Beitrag zu dem sein, was zu unserer Verantwortung gehört, wenn wir zur bevorteilten Seite eines Machtverhältnisses gehören: die Verantwortung, dazu beizutragen, dass Macht gerechter verteilt und Diskriminierung abgebaut wird. Und die Verantwortung, von Adultismus betroffenen Menschen, den Kindern und Jugendlichen, einen Teil der Aufklärungsarbeit abzunehmen, oder wie Mila es formuliert: „Nein, mach du mal bitte auch! Es ist anstrengend, es Erwachsenen immer wieder zu erklären, und sie hören anderen Erwachsenen besser zu!“
zum Nachdenken
Was sagt dein Alter über dich? Im gesamten Buch wurde bewusst auf Altersangaben verzichtet. Nur selten wird bei Zitaten von Erwachsenen das Alter ergänzt. Bei Kindern ist es jedoch fast durchgängig der Fall. Was machen diese Angaben mit Lesenden? Nehmen sie bestimmte Aussagen ernster? Werden andere als weniger wichtig erachtet? Lasst uns beobachten, was passiert, wenn wir Zahlen nicht als Anker für vermeintliches Wissen über andere nutzen (können). Ich erlaube mir auch, zu euch, den Lesenden, „Du“ zu sagen. Adultismus zeigt und manifestiert sich auf vielfältige Weise durch Sprache. Das so geläufige „Sie“ zwischen jungen Menschen und Erwachsenen schafft eine weitere Hierarchieebene, die wir abbauen können.
Bei allen Beispielen finden sich zwei Perspektiven auf das, was geschehen ist. Die jungen Menschen waren entweder in der Situation dabei, haben mir davon erzählt oder ich habe ihnen von etwas erzählt, das ich beobachtet habe. Sie haben ihre Gedanken und Fragen dazu mit mir geteilt und mir erlaubt, sie in diesem Buch zu veröffentlichen. Als Beobachtende habe ich das Geschehene im Anschluss mit den beteiligten Fachkräften thematisiert.
1Manche Expert:innen haben mir erlaubt, ihren Namen zu nennen, andere wollten aus verschiedenen Gründen unter selbst gewählten Namen oder ganz ohne Namen erscheinen. Um die besondere Bedeutung der Stimmen junger Expert:innen kenntlich zu machen, sind ihre Zitate im gesamten Buch kursiv gedruckt.
Wenn wir Adultismus erkennen und abbauen wollen, braucht es zunächst ein Verständnis davon, was Adultismus ist, wie er sich zeigt und (aus-) wirkt. Wir müssen uns der Konstruiertheit von Kategorien wie „Kind“ und „erwachsen“ annähern und deren Funktionen verstehen. Unterschiede zwischen Menschen existieren. Was jedoch gesellschaftlich hergestellt wird, ist ihre Bewertung. Die Arbeit „gegen die Benachteiligung von Kindern muss deshalb damit beginnen, das Verhältnis von Erwachsenen und Kindern als ein gesellschaftliches Phänomen zu untersuchen und zu verstehen“ (Dolderer 2010, S. 12).
„Es ist nicht so schwer zu verstehen!“ (Hila)
„Adultismus ist die Ungerechtigkeit, die Erwachsene mit Kindern machen.“ (Mila)
„Na, das ist, wenn Erwachsene denken, sie wären etwas Besseres als wir!“ (Elif)
„Dass Erwachsene am Ende immer bestimmen, ist auch Adultismus.“ (Noah)
„Adultismus ist wie Rassismus, nur dann auch gegen weiße Kinder mit, also gegen alle Kinder.“ (Sani)
Bisher stammen die meisten Definitionen für Adultismus von erwachsenen Menschen. Eine Tatsache, die verdeutlicht, wie (Definitions-)Macht verteilt ist. Die Definitionen von Hila, Mila, Elif, Noah und Sani zeigen sehr genau, was Adultismus kennzeichnet. Begleitend dazu eine begriffliche Einordnung (vgl. Ritz 2008a, Ritz & Schwarz 2022; Richter 2013; Winkelmann 2019; Martischius 2022; Liebel & Meade 2023): Der Begriff Adultismus setzt sich zusammen aus dem englischen Wort „adult“ für „Erwachsene/erwachsen“ und der Endung „-ismus“ als Kennzeichen einer gesellschaftlichen Diskriminierungsstruktur. Adultismus kann auch „Kinder- und Jugenddiskriminierung“ (NCBI & Kinderlobby Schweiz 2004) genannt werden.
Der Begriff benennt damit das Machtungleichgewicht zwischen Kindern und Erwachsenen und die Höherbewertung der Anliegen Erwachsener. Folge ist die systematische altersbezogene Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen. Sie geschieht zumeist in der Konstellation Erwachsene:r – Kind, kann jedoch ebenso zwischen jüngeren und älteren Kindern oder Jugendlichen auftreten. Adultismus strukturiert die soziale Ordnung und entfaltet seine Wirkung sowohl auf individueller Ebene als auch institutionell, diskursiv und strukturell. Er regelt den Zugang und das Maß von Ressourcen wie Anerkennung, Teilhabe und Einflussnahme – oder wie Auma (2015, S. 3) formuliert: „Kinder werden in der Regel nicht als eine eigenständige Generation ernstgenommen, die ihre eigenen Lebensthemen erfährt und gestaltet. Ihre Lebens- und Handlungsräume werden durch erwachsene Akteur_innen strukturiert, ohne Beteiligung der Kinder, die es betrifft.“
gut zu wissen
Intersektionalität
Diskriminierungen kommen aus verschiedenen Richtungen und wirken in Verbindung miteinander. Kimberlé Crenshaw (1989) prägte dafür den Begriff „Intersektionalität“. Verschiedene Diskriminierungsformen summieren sich nicht einfach, sondern aus ihrer Verschränkung erwachsen zusätzliche benachteiligende Effekte, die häufig übersehen werden. Ein Beispiel (vgl. Richter 2024b, #Intersektionalität): Ein mehrsprachiges Mädchen, das zur Fortbewegung einen Rollstuhl nutzt, muss von älteren Kindern hören, dass sie „komisch“ sei und deswegen nicht mitspielen darf. Der Ausschluss kann sich auf ihr Geschlecht beziehen, auf ihre Mehrsprachigkeit, auf ihre Behinderung, auf ihr Alter oder auf ein Zusammenwirken der verschiedenen Aspekte. Auch Adultismus verwebt sich mit weiteren Diskriminierungsformen.2 Ohne intersektionale Perspektive profitieren vom Abbau von Adultismus allein die Kinder, die nicht zusätzlich durch weitere Diskriminierungen benachteiligt werden.
„Jeden Tag und fast überall!“ (Anonym)
„Wenn ich in die Kita komme und dann Morgenkreis ist, muss ich mitmachen, da ist das schon.“ (Sascha)
„Sie sagen dann, wir sollen weghören, weil das noch nichts für Kinder ist.“ (Ole)
„Warum dürfen die Erzieherinnen das, aber wir nicht?“ (Noah)
Adultismus prägt unsere gesamte Gesellschaft und „in einer adultistischen Gesellschaft kann sich niemand von Adultismus freisprechen“ (de Rodriguez 2024, S. 110). Er wirkt in Familien, zieht sich durch Tagespflege, Krippe, Kita und Lebensraum Schule und endet frühstens mit dem Erlangen der sogenannten „Volljährigkeit“. Seine Erscheinungsformen sind vielfältig. Viele davon offensichtlich, weitere subtil. Nach Liebel können zunächst vier Bereiche adultistischer Diskriminierung benannt werden:
gut zu wissen
Vier Bereiche adultistischer Diskriminierung
Maßnahmen und Strafen gegen unerwünschte Verhaltensweisen von Kindern, die bei Erwachsenen geduldet werden oder als „normal“ geltenMaßnahmen, die mit der besonderen Schutzbedürftigkeit von Kindern begründet werden, aber letztlich zu einer zusätzlichen Benachteiligung der Kinder führen, sodass sie bspw. aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werdenIm Vergleich zu Erwachsenen beschränkter Zugang zu Rechten, Gütern, Einrichtungen und DienstleistungenNichtbeachtung von Kindern bei politischen Entscheidungen, die im späteren Leben der Kinder oder für nachfolgende Generationen lebenswichtige Auswirkungen haben(Vgl. Liebel 2020, S. 29)
Die Erfahrungen junger Menschen bestätigen alle vier Bereiche:
„Wenn ich wütend bin und schreie, werde ich von den Erziehern angeschrien, dass ich nicht schreien soll. Das macht doch keinen Sinn!“
(Marvin)
„[Dass ich nicht aussagen durfte,] war nicht gut, weil ich finde, dass jedes Kind das Recht hätte, vor Gericht auszusagen, wenn irgendwas ist. Ich fand es ungerecht, dass ich nicht aussagen durfte.“
(Interviewpartnerin in Graf-van Kesteren 2015, S. 18)
Eine Jugendliche erzählt, wie sie den Notruf gewählt hat, weil ihre Freundin zusammengebrochen ist. Ihr Gegenüber fragt, wie alt ihre Freundin ist. Als sie antwortet „12“, wird gesagt, dass entweder eine erwachsene Person den Rettungswagen anrufen muss oder sie ihre Freundin in eine Taxis setzen soll – jedoch nur mit Begleitung einer erwachsenen Person
(vgl. Garnelas & Children’s Rights Alliance for England 2007, S. 8; Übers. d. Verf.).
„Ich finde das [Wahlrecht ab 15 Jahren] vor allem wegen dem Klimawandel wichtig und einfach, dass die jungen Menschen mal zeigen: Hey, so geht’s nicht weiter, wir müssen was ändern! Aber auch bei anderen Themen, da gibt’s ja genug.“
(Malou in Sievers 2022, S. 4)
Darüber hinaus zeigt sich Adultismus in unterschiedlichsten Bereichen und Situationen, wie im Folgenden deutlich wird.
Die Liste von Formulierungen, die Adultismus transportieren und erhalten, ist lang. So ist vieles, was mit Kind sein verbunden ist, negativ besetzt. Sätze wie „Sei nicht so kindisch!“, „Wir sind doch hier nicht im Kindergarten!“ oder „Du benimmst dich wie ein kleines Kind!“ zeugen davon. Werden Formulierungen wie diese benutzt, bewerten sie in der Regel Verhalten als unpassend und unangemessen. Auch Begriffe wie „minderjährig“ (minderwertig) im Gegensatz zu „volljährig“ (vollwertig) wirken als Verstärkung adultistischer Denkmuster.
Webtipp
Unter www.wamiki.de kann ein Poster mit einer umfassenden Sammlung von „Erwachsenensätzen“ zur Unterstützung der Selbst- und Praxisreflexion bestellt werden.
Wenn Erwachsene reden, haben Kinder Sendepause!Antworte gefälligst!Dafür bist du noch viel zu klein!Was soll aus dir bloß was werden?Das macht man nicht! Finger weg!Das ist nichts für Kinder!Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!Guck nicht so!Ich wusste es doch gleich!Hab dich nicht so!Hör auf zu weinen!Das tut doch gar nicht weh!Ich weiß doch, dass dir kalt ist!Ich sehe doch, dass dir warm ist!Du sollst still sitzen!Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!Schling nicht so!Schlaf nicht ein beim Essen!Reiß dich zusammen!Hab ich doch gleich gesagt!Hör auf, dich wie ein kleines Kind zu benehmen!Du denkst wohl, du bist schon erwachsen?Das verstehst du noch nicht!Ich sage es dir, wenn du groß bist!Mach nur weiter so!Muss ich alles fünfmal sagen?Muss ich erst mit dir schimpfen?Siehst du!Lernst du es denn nie?Sag kein Wort mehr!Schämst du dich nicht?Sitzen bleiben!Sitz gerade!Du machst sofort, was ich dir sage!Warst du auch schön artig?Das geht Kinder noch nichts an!Kinder können das nicht entscheiden!Warum? Darum!
Diese und viele weitere Aussagen verdeutlichen, wie üblich adultistische Abwertungen in unserem Sprachgebrauch sind. Laut einer der Pionier:innen der Auseinandersetzung mit Adultismus in Deutschland, ManuEla Ritz, beginnt adultistische Diskriminierung „bei der Art und Weise, in der wir mit Kindern sprechen“ (Ritz 2008a, S. 47). Hinterfragen oder kritisieren Kinder und junge Menschen diese Sprache, geschieht es nicht selten, dass sie mit ähnlichen Sätzen (z. B. „Das ist nichts für Kinder!“, „Weil ich es sage!“) konfrontiert werden.
„Ich hasse es, wenn Erwachsene uns immer einfach anfassen. Immer meine Haare! Bei meiner Schwester ist es noch schlimmer, ich glaube, weil sie erst 2 ist.“ (Sani)
„Ich will manchen Leuten nicht die Hand geben, aber ich muss.“ (Anonym)
Adultismus greift bspw. dann, wenn Erwachsene Kindern ungefragt über die Haare streichen, sie berühren oder umarmen, obwohl die Kinder es nicht möchten. Solche Grenzüberschreitungen werden seit Jahrhunderten praktiziert und als „normal“ verstanden. Kinder, die aufgrund der ungewollten Berührung zurückzucken oder ihr Unwohlsein begründen, gelten nicht selten als unhöflich und ihr Widerstand wird mit Sätzen wie „Jetzt stell dich doch nicht so an!“ kommentiert.
Adultismus wirkt auch dann, wenn Erwachsene glauben, sie wüssten besser, was Kinder empfinden oder brauchen: „Ich sehe doch, dass du müde bist!“, „Ich weiß doch, dass du Hunger hast!“ oder „Du bist doch längst satt!“ Solche Sätze sprechen jungen Menschen ihre Empfindungen ab, stellen die der Erwachsenen über sie und können schnell dazu führen, dass Kinder Zugang zu und Vertrauen in ihre eigenen Körperwahrnehmungen verlieren. Sie sind zudem fast immer mit konkreten machtvollen Handlungen verknüpft: aufessen oder probieren müssen, nicht schlafen dürfen oder es müssen und viele weitere Grenzüberschreitungen ähnlicher Art.
Buchtipp
Einen Gegenentwurf liefert das Buch „C is for Consent“ (Morrison & Orlove 2018), das junge Menschen in ihrer Selbstbestimmung stärken kann und Erwachsene sensibilisiert.
„Zu klein, zu klein, zu klein, immer sind wir Kinder für alles zu klein!“ (Ole)
Weite Teile unserer Gesellschaft sind für Menschen konstruiert, die „groß“ (im Sinne von „lang“) sind. „Kinder wollen groß sein, damit sie an alles rankommen“ sagt Spitty in Ritz (2022, S. 188). Pädagogische Einrichtungen scheinen auf den ersten Blick eine Ausnahme zu sein: Dort gibt es spezielle Möbel, niedrigere Waschbecken oder tiefere Toiletten. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass diese Gestaltung einer „kindgerechten“ Umwelt sich zumeist auf einzelne Teile der Ausstattung beschränkt. Viele Treppen bleiben für junge Kinder schwer zu erklimmen, Türklinken oder Lichtschalter schwer erreichbar, Regale viel zu hoch oder auch Materialien nicht zugänglich. Wie Ritz treffend formuliert, sind Kinder aufgrund dieser Normierungen „länger als tatsächlich notwendig in den alltäglichsten Situationen des Lebens von uns Erwachsenen abhängig und werden nicht nur als kleiner gesehen, sondern auch kleingehalten“ (ebd.).
zum Nachdenken
Denke an Busse und Züge, Knöpfe im Fahrstuhl, Lichtschalter, Türklinken, Kinosäle, Supermarktregale und -kassen, an Verkaufstresen, Fahrkartenautomaten und Postschalter, denke an die Einrichtung, in der du arbeitest: Betrachte all diese Orte aus der Perspektive einer Körpergröße von weniger als 1,40 Meter. Was siehst du? Was kannst du erreichen? Wie viel bleibt dir verwehrt?
Auch in der Rechtsprechung wirkt Adultismus. Die Einschränkung von Mitsprache, Teilhabe und Selbstbestimmung junger Menschen zeigt sich z. B. darin, dass Kinder nicht über eigene finanzielle Ressourcen verfügen können. Auch durch geltendes Wahlrecht werden sie ausgeschlossen: Junge Menschen können sich vor dem 18. bzw. 16. Lebensjahr nicht an politischen Wahlen beteiligen. Sie können keine Mandate übernehmen und somit auch keine Gesetzesänderungen bewirken, die sie selbst und ihre Zukunft schützen (vgl. Liebel & Meade 2023, S. 87). Junge Menschen können nicht eigenständig gegen die Verletzung ihrer Rechte vor Gerichten klagen, da sie als „nicht“ oder „beschränkt geschäftsfähig“ eingestuft werden. Für volle Geschäftsfähigkeit bedarf es der Zustimmung der gesetzlichen Vertreter:innen (vgl. BGB § 104 ff.). Hier entsteht besonders dann eine Benachteiligung, wenn deren Interessen nicht denen der Kinder entsprechen (vgl. Graf-van Kesteren 2015, S. 5): „Man kann sagen, was man will. Wenn man klein ist, heißt es, es wurde von den Eltern eingeredet. Wenn man dann etwas größer ist, dann heißt es, ja, das ist jetzt Pubertät“ (Interviewpartnerin in ebd., S. 19). Ebenso problematisch ist die Macht Erwachsener bei der Feststellung des (vermeintlichen) Kindeswillens.
„Es ist, als gibt es außer der Kita keinen Ort, an dem wir nicht stören. Eigentlich denke ich manchmal auch, wir stören hier die Erzieher.“ (Marvin)
