Noch so eine Tatsache über die Welt - Brooke Davis - E-Book

Noch so eine Tatsache über die Welt E-Book

Brooke Davis

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Beschreibung

Millie Bird ist sieben, als sie ihr erstes totes Ding findet, Rambo, ihren Hund. Von da an führt sie Buch über alles, was auf der Welt verloren geht: die Stubenfliege. Die Großmutter. Der Weihnachtsbaum. Darauf, dass sie auch ihren Dad in ihr Buch der Toten Dinge eintragen muss, war sie überhaupt nicht vorbereitet, und auch nicht darauf, dass ihre Mom sie im Kaufhaus stehen lässt und nicht wiederkommt. Karl ist siebenundachtzig, als sein Sohn ihn ins Altersheim bringt. Hier wird er nicht bleiben, denkt Karl, als er seinem Sohn nachschaut, und kurz darauf haut er ab. Erst mal ins Kaufhaus, bis sich was Besseres findet. Dort trifft er Millie. Agatha ist zweiundachtzig und geht nicht mehr aus dem Haus, seit ihr Mann gestorben ist. Halb versteckt hinter Gardine und Efeu, sitzt sie am Küchen fenster und beschimpft die Passanten. Bis das kleine Mädchen von gegenüber zurückkommt, allein … Von Verlust und Trauer erzählt Brooke Davis in diesem berührenden Roman – und zugleich von einem Abenteuer voll furiosem Witz: Wie drei, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aufbrechen, um Millies Mutter zu suchen, und dabei zurück ins Leben und die Liebe finden.

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Seitenzahl: 335

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BROOKE DAVIS

NOCH SO EINE TATSACHE ÜBER DIE WELT

ROMAN

Aus dem Englischenvon Ulrike Becker

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für Mum und Dad

Ich weiß nicht, wie ich euch sonst dafür danken soll, dass ihr mich gemacht habt.

TEIL 1

MILLIE BIRD

Millies Hund Rambo war ihr Allererstes Totes Ding. Sie fand ihn am Straßenrand, an einem Morgen, an dem der Himmel auf die Erde zu sinken schien; Nebelschwaden umkreisten die verzerrte Tiergestalt wie Gespenster. Rambos Maul und seine Augen waren weit aufgerissen, wie mitten im Gebell. Das linke Hinterbein zeigte in eine Richtung, in die es sonst nie zeigte. Der Nebel um sie herum hob sich, die Wolken sammelten sich am Himmel, und Millie fragte sich, ob Rambo sich jetzt in Regen verwandelte.

Erst als sie den Hund in ihrem Schulranzen nach oben zum Haus geschleppt hatte, kam ihre Mutter darauf, ihr zu erklären, wie es auf der Welt zuging.

Er ist jetzt an einem besseren Ort, rief ihre Mutter ihr zu, während sie im Wohnzimmer saugte.

An einem besseren Ort?

Was? Ja, im Himmel, mein Schatz, hast du davon noch nie gehört? Lernt ihr denn gar nichts in dieser blöden Schule? Füße hoch! Im Hundehimmel; dort gibt es Hundekuchen ohne Ende, und sie dürfen ihre Häufchen hinmachen, wo sie wollen. Okay, Füße wieder runter. Füße wieder runter! hab ich gesagt. Und, ich weiß nicht, aber ich glaube, die Häufchen sind aus Hundekuchen, also tun sie nichts anderes, als Häufchen zu machen und Hundekuchen zu fressen und rumzurennen, um die Häufchen der anderen Hunde zu fressen. Die aus Hundekuchen bestehen.

Millie überlegte kurz. Wieso verschwenden sie dann überhaupt ihre Zeit hier?

Was? Na ja, sie, ähm, sie müssen es sich erst mal verdienen. Sie müssen hierbleiben, bis sie ausgewählt werden, um an den schöneren Ort zu dürfen. So ähnlich wie beim Dschungelcamp im Fernsehen, aber für Hunde.

Und ist Rambo jetzt auf einem anderen Planeten?

Ähm, ja. Irgendwie schon – hast du denn wirklich noch nie etwas vom Himmel gehört? Von Gott, der oben in den Wolken sitzt, und vom Teufel tief unter der Erde und so?

Kann ich irgendwie auf Rambos neuen Planeten kommen?

Ihre Mutter stellte den Staubsauger ab und schaute Millie geradeheraus an. Nur mit einem Raumschiff. Hast du ein Raumschiff?

Millie schaute auf ihre Füße. Nein.

Tja, dann kommst du auch nicht auf Rambos neuen Planeten.

Tage später entdeckte Millie, dass Rambo ganz eindeutig nicht auf einem neuen Planeten war, sondern stattdessen in ihrem Garten, halbherzig unter der Sunday Times begraben. Millie hob die Zeitung vorsichtig hoch und sah Rambo, aber auch Nicht-Rambo; es war ein geschrumpfter, zerfressener und verfaulender Rambo. Von da an schlich sie sich jede Nacht aus dem Haus, um bei ihm zu sein, während sich sein Körper von etwas in nichts verwandelte.

Der alte Mann, der die Straße überquerte, war ihr Zweites Totes Ding gewesen. Nachdem das Auto ihn angefahren hatte, sah sie ihn durch die Luft fliegen und hatte den Eindruck, dass er lächelte. Sein Hut landete auf dem Vorfahrtsschild, und sein Gehstock tanzte um den Lampenpfeiler. Dann kam sein Körper und landete krachend an der Bordsteinkante. Sie bahnte sich einen Weg durch die vielen Beine und Ausrufezeichen, um sich neben sein Gesicht zu knien. Sie schaute ihm tief in die Augen. Er schaute zurück, als sei er nur eine Zeichnung. Sie fuhr mit den Fingern über seine Falten und fragte sich bei jeder einzelnen, wofür er sie wohl benutzt hatte.

Schließlich wurde sie hochgehoben und weggezogen, und man sagte ihr, sie solle sich die Augen zuhalten, weil sie noch ein Kind war. Und während sie den langen Weg nach Hause lief, überlegte sie, dass es vermutlich Zeit wurde, ihren Dad nach dem Menschenhimmel zu fragen.

Weißt du, Spätzchen, es gibt den Himmel, und es gibt die Hölle. In die Hölle kommen alle bösen Menschen, zum Beispiel Verbrecher und Betrüger, oder Verkehrspolizisten, die Parksünder aufschreiben. In den Himmel kommen alle guten Menschen, so wie du und ich oder die hübsche Blondine aus der Kochshow.

Und was passiert, wenn man dort hinkommt?

Im Himmel ist man bei Gott und Jimi Hendrix und darf so viele Donuts essen, wie man will. In der Hölle muss man, ähm … Macarena tanzen. Die ganze Zeit, für immer. Zu diesem Megamix aus Grease.

Und wohin kommt man, wenn man gut und böse zugleich ist?

Was? Keine Ahnung. Ikea?

Hilfst du mir, ein Raumschiff zu bauen?

Wart mal kurz, Spätzchen. Können wir das in der nächsten Werbepause zu Ende besprechen?

Bald merkte Millie, dass alles um sie herum starb. Insekten und Orangen und Weihnachtsbäume und Häuser und Briefkästen und Zugfahrten und Filzstifte und Kerzen und alte Leute und junge Leute und Leute dazwischen. Sie konnte nicht wissen, dass nach den ersten siebenundzwanzig Wesen, die sie in ihrem Buch der Toten Dinge notiert hatte – Spinne, Vogel, Großmutter, die Nachbarskatze Gertrude und andere –, auch ihr Dad ein Totes Ding sein würde. Dass sie ihn neben die Nummer achtundzwanzig schreiben würde, in riesigen Buchstaben, die über zwei Seiten gingen: MEIN DAD. Dass ihr eine Zeit lang nichts anderes zu tun einfallen würde, als auf diese Buchstaben zu starren, bis sie nicht mehr wusste, was sie bedeuteten. Dass sie das beim Licht der Taschenlampe tun würde, während sie im Flur vor der Schlafzimmertür ihrer Eltern saß und zuhörte, wie ihre Mum so tat, als schliefe sie.

DER ERSTE TAG DES WARTENS

Wenn sie im Geiste Malen nach Zahlen spielte, war Millie immer Punkt eins, ihre Mum Punkt zwei und ihr Dad Punkt drei. Die Linie kam tief aus dem Bauch von Punkt eins, lief um Punkt zwei und drei – der meistens fernsah – herum und wieder zurück, sodass ein Dreieck entstand. Millie rannte mit wippenden roten Haaren durchs Haus, und das Dreieck zwischen ihnen wand sich spiralförmig um die Möbel. Wenn ihre Mum sagte, Lass das bitte, Millicent!, verwandelte sich das Dreieck brüllend in einen riesigen Dinosaurier. Wenn ihr Vater sagte, Komm, setz dich neben mich, Spätzchen, rollte sich das Dreieck zu einem großen, klopfenden Herzen zusammen. Babumm, babumm, flüsterte sie und hüpfte ungeschickt im Rhythmus dazu. Sie kuschelte sich zwischen Punkt zwei und Punkt drei aufs Sofa. Punkt drei griff nach der Hand von Punkt eins und zwinkerte mit einem Auge. Die wechselnden Fernsehbilder ließen sein Gesicht im Dunkeln aufleuchten. Babumm. Babumm. Babumm.

Am Ersten Tag des Wartens stellt sich Millie genau dahin, wo ihre Mum hinzeigt. Direkt neben die Gigantische Damenunterwäsche, gegenüber von der Schaufensterpuppe in dem Hawaii-T-Shirt. Bin gleich wieder da, sagt ihre Mum, und Millie glaubt ihr. Punkt zwei trägt ihre goldenen Schuhe, die, in denen ihre Schritte wie Explosionen wirken. Sie geht in Richtung Parfümabteilung – krawumm! – an der Männerkleidung vorbei – knallbumm! – und außer Sichtweite – peng!: Die Linie zwischen Punkt eins und Punkt zwei spannt und streckt sich, und Millie schaut zu, wie sie immer dünner wird, bis sie nur noch ein hauchdünner Strich in der Luft ist.

Babumm. Babumm. Babumm.

Es wird Millie von jetzt an überallhin begleiten, dieses Bild von ihrer Mum, die immer kleiner wird. Ihr Leben lang wird es immer wieder hinter ihren Augen aufscheinen. Wenn auf der Kinoleinwand jemand Bin gleich wieder da sagt. Wenn sie mit Mitte vierzig ihre Hände anschaut und sie nicht als ihre eigenen erkennt. Wenn sie eine dumme Frage hat und absolut nicht weiß, wem sie sie stellen soll. Wenn sie weint. Wenn sie lacht. Wenn sie auf etwas hofft. Jedes Mal, wenn sie zuschaut, wie die Sonne im Wasser versinkt, wird sie einen Anflug von Panik verspüren und nicht wissen, warum. Die automatischen Drehtüren in Einkaufszentren werden sie ihr Leben lang nervös machen. Wenn ein Junge sie zum ersten Mal richtig berührt, wird sie sich vorstellen, wie er immer kleiner wird und mit dem Horizont verschmilzt, bis er unerreichbar weit weg ist.

Aber von alldem weiß sie jetzt noch nichts.

Was sie jetzt weiß ist, dass ihr vom Stehen die Beine wehtun. Sie nimmt ihren Rucksack ab und kriecht unter den Ständer mit der Gigantischen Damenunterwäsche. Ihre Mum hat gesagt, es gibt Frauen, die ihre intimsten Körperteile nicht sehen können, weil sie eimerweise Hühnchen essen. Vielleicht ist diese Unterwäsche für solche Frauen. Millie hat noch nie erlebt, dass Hühnchen in Eimern serviert wurde. Aber ich hoffe, ich werde es erleben, sagt sie laut und berührt vorsichtig die Unterhosen. Eines Tages.

Es ist schön dort, unter den riesigen Wäscheteilen. Sie hängen tief herunter, bis um Millies Kopf herum, so dicht an ihrem Gesicht, dass ihr Atem sie streift. Sie zieht den Reißverschluss ihres Rucksacks auf und holt eine der Saftpackungen hervor, die ihre Mutter ihr eingepackt hat. Sie trinkt durch den Strohhalm. Durch die Spalte zwischen den Wäscheteilen beobachtet sie herumlaufende Füße. Manche haben ein Ziel, andere gehen nirgendwo hin, manche tänzeln, andere hüpfen, schlurfen, quietschen. Winzige Füße, große Füße, mittlere Füße. Turnschuhe, Stöckelschuhe, Sandalen. Rote Schuhe, schwarze Schuhe, grüne Schuhe. Nur keine goldenen Schuhe. Keine explodierenden Schritte.

Ein Paar knallblaue Gummistiefel stapfen vorbei. Sie schaut auf ihre eigenen hinunter. Ich weiß, ihr seid neidisch, sagt sie zu ihnen. Aber wir müssen hierbleiben. Hat Mum gesagt. Sie reckt den Hals, um zu sehen, wie die Gummistiefel den Gang entlanghüpfen und in der Spielzeugabteilung verschwinden. Na gut, sagt sie. Sie zieht das Buch der Toten Dinge aus ihrem Rucksack, reißt ein Blatt heraus, schreibt An Mum, bin gleich wieder da darauf, faltet es zusammen und stellt es genau an der Stelle auf den Boden, auf die ihre Mum gezeigt hatte.

Dann führt sie ihre Gummistiefel spazieren. Hoch und runter auf der Rolltreppe, zuerst gehend, dann springend, hüpfend und winkend wie die Queen. Sie setzt sich oben an die Treppe und schaut zu, wie die Stufen sich selbst verschlucken. Was passiert, wenn die Stufen sich nicht rechtzeitig flach machen? fragt sie ihre Gummistiefel. Sie stellt sich vor, wie die Stufen sich am Ende der Treppe stapeln und in die Gänge purzeln. Sie versucht, mit jedem, der an ihr vorbeigeht, Blickkontakt herzustellen, und immer wenn es klappt, hüpft die Luft vor ihr auf und ab, wie bei den alten Filmen, die sich ihre Mum anschaut. Sie spielt Verstecken mit einem Jungen, der gar nicht merkt, dass er mitspielt. Als Millie ihm mitteilt, dass sie ihn gefunden hat, fragt er sie als Antwort, warum ihr Haar so aussieht, und beschreibt dabei mit dem Zeigefinger eine Spirale.

Das sind Balletttänzerinnen, sagt sie. Abends springen sie von meinem Kopf und tanzen mir etwas vor.

Phh, sagt er, während er eine Barbiepuppe mit dem Kopf zuerst gegen einen Transformator knallt und zugleich mit seinen Lippen ein spuckefeuchtes Aufblasgeräusch macht. Stimmt ja gar nicht.

Millie setzt sich in der Damenumkleide auf den Fußboden. Ich weiß, wo Sie neue Unterwäsche bekommen können, sagt sie zu der Frau, die sich immer wieder vor dem Spiegel hin und her dreht, als wolle sie sich in den Fußboden bohren. Entschuldigung, wer bist du denn? sagt die Frau. Millie zuckt die Achseln. Zwei Damen unterhalten sich hinter der Tür einer der Kabinen. Millie sieht ihre Füße durch den Spalt zwischen Fußboden und Tür. Nackte Füße und glänzende Ugg-Boots. Versteht mich nicht falsch, scheinen die Ugg-Boots zu sagen. Aber findet ihr wirklich, dass Lachsrosa euch steht? Die Zehen an den nackten Füßen rollen sich ein und verstecken sich. Wir dachten, es wäre pink, scheinen sie zu antworten.

Millie wartet gemeinsam mit den wartenden Männern, die auf den Stühlen vor den Umkleidekabinen sitzen und warten, auf Frauen warten, und wie verschreckte Tiere hinter Taschen und Einkaufstüten hervorspähen. Die Wände in der Nähe sind mit gigantischen Bildern von Mädchen in Unterwäsche bedeckt, die sich lachend umarmen. Die wartenden Männer werfen ab und zu verstohlene Blicke auf sie. Millie kommt der Gedanke, dass die riesigen Wäscheteile vielleicht für diese riesengroßen Mädchen bestimmt sind.

Sie setzt sich auf den Stuhl neben einem glatzköpfigen Mann, der an den Fingernägeln kaut. Hast du schon mal Hühnchen in einem Eimer serviert bekommen? fragt sie ihn.

Er legt eine Hand auf sein Knie und schaut sie aus dem Augenwinkel an. Ich warte hier nur auf meine Frau, Kindchen, sagt er.

Sie stellt sich unter die Händetrockner in der Damentoilette, denn sie mag es, wenn die Luft durch ihre Haare bläst, so als würde sie auf dem Highway den Kopf aus dem Autofenster halten, oder als wäre sie Superman, der um die Erde fliegt. Woher weiß der Händetrockner, dass er anfangen soll zu blasen, wenn man die Hände ausstreckt? Das ist faszinierend, aber den Frauen auf der Toilette fällt das gar nicht auf, sie starren nur voller Angst in den Spiegel, um herauszufinden, was mit ihnen nicht stimmt, bevor andere es tun.

Sie hockt sich hinter die Pflanzen am Rande des Kaufhaus-Cafés und sieht zu, wie der Dampf aus den Kaffeebechern aufsteigt. Der Mann, der aussieht wie der Nikolaus, und die Frau mit den knallroten Wangen beugen sich einander über ihre Kaffeetassen entgegen. Sie sagen nichts, aber der Kaffeedampf küsst ihre Gesichter und tanzt um ihre Köpfe. Ein anderer Mann isst, ohne seine Frau anzuschauen, und der Dampf seines Kaffees beschreibt in der Luft die schönsten Formen. Millie hat solche Formen noch nie gesehen. Ob es noch mehr Formen gibt, die man erfinden kann? Der Mann mit den schreienden Kindern hat einen Kaffee vor sich, der ein- und ausatmet, mit langen, erschöpften Seufzern.

In der Ecke sitzt ein Mann mit einem Baumborkengesicht. Er trägt rote Hosenträger und einen lila Anzug und hält seine Kaffeetasse mit beiden Händen fest, so als wolle er sie daran hindern, davonzufliegen. Eine Fliege lässt sich auf der Pflanze vor Millie nieder. Wie es wohl wäre, wenn alles fliegen könnte? flüstert sie ihren Gummistiefeln zu, während sie zusieht, wie die Fliege federnd von Blatt zu Blatt schwebt. Das Abendessen könnte einem direkt in den Mund fliegen, und der Himmel könnte mit Bäumen übersät sein, und die Straßen könnten die Plätze tauschen, aber manche Leute würden sicher seekrank werden, und Flugzeuge wären nichts Besonderes mehr.

Der Mann mit dem Baumborkengesicht pustet so doll auf seinen Kaffee, dass die Flüssigkeit über den Tassenrand schwappt und der Dampf sich in der Mitte teilt. Die eine Hälfte schießt vorwärts, die andere steigt nach oben. Der Mann starrt ein paar Minuten lang tief in die Tasse und pustet dann erneut.

Er steht auf. Er muss beide Hände auf den Tisch legen und sich mit aller Kraft hochstemmen. Er geht direkt an Millie vorbei, und sie versucht, seinen Blick aufzufangen, aber er schaut nicht hoch. Die Fliege folgt ihm, surrt um seinen Körper herum. Er streckt eine Hand aus und lässt sie auf seinen Oberschenkel klatschen. Die Fliege fällt zu Boden.

Millie krabbelt auf allen vieren zu der Fliege hin und nimmt sie in die Hand. Sie hält sie sich vors Gesicht, schließt die Hand zur Faust und steht auf, um dem Rücken des Mannes mit dem Baumborkengesicht nachzublicken, während er aus dem Café und durch den Hauteingang nach draußen schlurft.

Millie holt ihren Rucksack unter der Gigantischen Damenunterwäsche hervor. Sie nimmt ihr Schraubglas-für-alle-Fälle heraus, macht den Deckel auf und legt die Fliege vorsichtig hinein. Dann schraubt sie das Glas wieder zu und holt ihr Buch der Toten Dinge und ihre Filzstifte aus dem Rucksack. Nummer 29, schreibt sie. Fliege im Kaufhaus. Durch das Papier schimmert falsch herum DAD in Großbuchstaben durch. Sie klopft mit dem Filzstift an ihre Gummistiefel. Nimmt das Glas in die Hand und hält es sich vors Gesicht. Durch den Spalt zwischen den Wäscheteilen schaut die männliche Schaufensterpuppe von der anderen Seite des Ganges zu ihr herüber. Der Typ trägt ein knallblaues Hemd mit gelben Palmen darauf. Seine Augen wirken durch das Glas riesig, als befänden sie sich nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. Sie verschiebt ein Paar Unterhosen, damit sie nur noch seine Knie sehen kann.

Millie umklammert fest das Glas, während sie den ganzen Nachmittag nach goldenen Schuhen Ausschau hält. Und als aus dem Nachmittag Abend wird und die letzte Tür schnappend zufällt und alles dunkel wird – die Luft, die Geräusche, die Erde –, fühlt es sich an, als würde die ganze Welt geschlossen. Millie drückt das Gesicht ans Fenster, legt die Hände um die Augen und sieht zu, wie Leute mit anderen Leuten zu ihren Autos gehen, mit Ehemännern und Ehefrauen, Freundinnen und Freunden und Kindern und Großmüttern und Töchtern und Vätern und Müttern. Und sie fahren alle davon, jeder einzelne von ihnen, bis der Parkplatz so leer ist, dass Millie die Augen wehtun. Sie kriecht zurück unter die Gigantische Damenunterwäsche und holt ein Sandwich aus ihrem Rucksack. Während sie es isst, betrachtet sie durch den Spalt zwischen den Wäscheteilen die Schaufensterpuppe. Der Typ erwidert ihren Blick. Hallo, sagt sie flüsternd. Das einzige andere Geräusch ist das leise Summen der Lampen in den Ausstellungsvitrinen.

DER ZWEITE TAG DES WARTENS

Früher hat Millie geglaubt, man würde immer in seinem eigenen Bett aufwachen, egal, wo man einschlief. Sie schlief am Tisch ein oder bei den Nachbarn auf dem Fußboden oder auf dem Karussell auf der Kirmes, und wenn sie aufwachte, lag sie unter ihrer eigenen Bettdecke und sah die Decke ihres Zimmers. Aber eines Nachts wachte sie auf, als sie gerade vom Auto ins Haus getragen wurde. Sie schaute ihren Vater mit halb geschlossenen Augen an. Du bist das also die ganze Zeit gewesen, flüsterte sie in seine Schulter.

Am Zweiten Tag des Wartens wacht Millie von dem Klacken näher kommender Stöckelschuhe auf. Sie hat sich im Laufe der Nacht ausgebreitet, und ihre Füße schauen jetzt unter dem Kleiderständer hervor. Sie zieht die Knie an die Brust, hält den Atem an und schaut zu, wie die Stöckelschuhe an ihr vorbeigehen. Klickklack, klickklack, klickklack. Die Schuhe sind glänzend schwarz, und vorne schauen rot lackierte Zehen heraus, wie Marienkäfer, die versuchen, hineinzukrabbeln.

Warum sollte ihre Mum sie die ganze Nacht unter der Damenunterwäsche sitzen lassen?

Millie hält sich den Bauch und späht durch den Spalt zwischen der Wäsche. Sie weiß, warum ihre Mum sie vielleicht dort gelassen hat, aber sie will nicht darüber nachdenken, also lässt sie es sein. Der Puppenmann schaut sie immer noch an. Millie winkt ihm zu. Es ist ein vorsichtiges Winken, bei dem ihre Finger einer nach dem anderen einknicken, bis sie eine Faust macht. Sie weiß noch nicht genau, ob sie sich mit dem Puppenmann anfreunden will. Sie zieht ihre Gummistiefel an, kriecht unter der Unterwäsche hervor und betrachtet das Schild, das sie gestern Abend am Kleiderständer angebracht hat.

Hier bin ich, Mum.

Sie reißt es ab, faltet es zusammen und schiebt es in ihren Rucksack. Der Mann mit dem Baumborkengesicht kommt auf sie zu. Er schlurft den Gang entlang direkt an ihr vorbei auf das Café zu. Millie geht hinterher und beobachtet ihn von ihrem Platz hinter den Topfpflanzen. Als er sich setzt, sieht es aus, als würde es ihm wehtun. Er starrt seinen Kaffee an. Millie geht zu ihm und legt ihre Hand auf seine Hand.

Hast du schon mal Hühnchen im Eimer serviert bekommen? fragt sie.

Der Mann schaut zuerst ihre Hand und dann sie an. Ja, antwortet er, zieht seine Hand weg und trommelt mit den Fingern auf den Tisch.

Und? fragt Millie und setzt sich auf den Stuhl ihm gegenüber. Wie schmeckt es?

Genau so wie es klingt, sagt er.

Millie kaut an ihrer Unterlippe. Kennst du viele Leute, die tot sind? fragt sie.

Alle, sagt er und schaut in seinen Kaffeebecher.

Alle?

Ja. Und du? fragt er, immer noch mit den Fingern auf den Tisch trommelnd.

Ja. Neunundzwanzig tote Dinge, sagt sie.

Das sind viele.

Jupp.

Er beugt sich vor. Wie alt bist du? fragt er.

Millie verschränkt die Arme. Wie alt bist du denn? fragt sie.

Ich hab zuerst gefragt.

Wir sagen es gleichzeitig.

Siebenundachtzig.

Sieben.

Er lehnt sich wieder zurück. Sieben?

Millie nickt. Einhalb. Eigentlich fast acht.

Du bist jung.

Du bist alt.

Die Grübchen in seinen Wangen werden lebendig. Deine Stiefel passen zu meinen Hosenträgern, sagt er und trommelt mit den Fingern an seine Hosenträger.

Deine Hosenträger passen zu meinen Stiefeln. Millie betrachtet seine Hände. Warum trommelst du beim Sprechen mit den Fingern?

Ich trommle nicht, sagt er, während er weitertrommelt. Ich tippe.

Was tippst du denn?

Alles, was ich sage.

Alles, was du sagst?

Alles, was ich sage.

Und was ist mit dem, was ich sage?

Das nicht.

Willst du das noch essen? sagt sie und zeigt auf ein Muffin.

Er schiebt ihr den Teller hin.

Millie stopft sich das Muffin in den Mund. Warum trinkst du deinen Kaffee nicht? sagt sie mit vollem Mund und schiebt den Kaffee näher zu ihm.

Ich will ihn nicht. Er schiebt ihn zurück.

Millie legt die Hände um den Becher und beugt sich darüber, sodass sie den aufsteigenden Dampf unter dem Kinn spürt. Warum hast du ihn dir dann geholt?

Es ist gut, etwas zum Anfassen zu haben.

Millie lächelt. Ach so. Sie zieht die Beine an und legt das Kinn auf ihre Knie. Auf dem Tisch liegt eine lange Reihe kleiner Kunststoffquadrate, jedes etwa so groß wie eine Fingerkuppe. Was ist das?

Er zuckt die Achseln.

Weißt du es nicht?

Er zuckt wieder die Achseln.

Millie beugt sich über den Tisch. Das sind Computertasten, sagt sie. Die sehen genauso aus wie die in der Schule. Sie verschränkt die Arme. Aber sie sind nicht auf einer Tastatur.

Ja, sagt er.

Also weißt du es doch, sagt sie.

Das sind lauter Bindestriche. Von verschiedenen Tastaturen. Er beugt sich vor. Weißt du, was ein Bindestrich ist?

Vielleicht.

Man setzt ihn zwischen zwei Wörter, um ein Wort daraus zu machen.

Was denn zum Beispiel?

Zum Beispiel … Er überlegt kurz.

Traurig-froh? sagt Millie.

Nicht ganz.

Hungrig-müde?

Nein, sagt er. Wie zum Beispiel rot-weiß. Oder heiß-kalt.

Aber nicht fröhlich-traurig.

Nein.

Oder hungrig-müde.

Nein.

Warum hast du so viele davon? Es sind wirklich eine ganze Menge, fein säuberlich aufgereiht.

Ich sammle sie.

Warum?

Irgendwas muss man ja sammeln.

Millie denkt an ihr Buch der Toten Dinge. Ich sammle Tote Dinge, sagt sie.

Er nickt.

Sie erwidert seinen Blick, während sie einen Zeigefinger vorstreckt und eine der Tasten verschiebt. Sie hängt jetzt schräg über den anderen, wie mitten im Rückwärtssalto. Borkengesicht rührt sich nicht. Die kommen auch zwischen Zahlen vor, sagt sie. Nicht nur zwischen Wörtern. Sie schnippt gegen eine weitere Taste, die über den Tisch schliddert und an der Kante liegen bleibt. Er atmet tief ein und sieht zu, wie sie ins Wackeln gerät und dann in seinen Schoß fällt.

Lass das, sagt er, hebt die Taste auf und legt sie zurück in die Reihe.

Woher hast du die alle?

Ausgeliehen.

Und von wem? Millie entdeckt einen Schraubenzieher, der aus seiner Jackentasche hervorschaut.

Er legt eine Hand über den Schraubenzieher, um ihn vor Millies Blick zu verbergen. Alte Leute werden nie verdächtigt, sagt er mit einem halben Lächeln. Wir sind sozusagen unsichtbar.

Wie heißt du?

Karl der Tasttipper. Und du?

Nur Millie.

Wo ist deine Mum, Nur Millie?

Sie kommt gleich. Sie trägt goldene Schuhe. Genau in dem Moment, als sie goldene Schuhe sagt, spürt Millie, wie Punkt zwei an der Schnur zieht und zerrt, und sie hält sich den Bauch. Sie rutscht auf ihrem Stuhl herum und stellt das Glas mit der Fliege auf den Tisch. Du hast gestern ein Totes Ding gemacht.

Karl nimmt das Glas in die Hand und betrachtet es eingehend. Tatsächlich? sagt er und tippt an das Glas.

Millie nickt. Ich werde sie beerdigen.

Die erste Beerdigung, die Millie je abgehalten hat, war für eine Spinne, die ihr Dad mit einem Schuh erschlagen hatte. Ihre Mum war von einem Bein aufs andere gehüpft und hatte gesagt: Wenn du diese Spinne nicht zu Brei schlägst, Harry, dann schlag ich dich zu Brei. Da stand ihr Dad aus seinem Sessel auf, zog einen Schuh aus und klatschte ihn an die Wand.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Die Spinne glitt an der Wand hinab und landete auf dem Fußboden. Ihr Dad hob sie an einem Bein hoch, warf sie vor die Haustür, setzte sich wieder hin und schaute weiter fern. Er zwinkerte Millie vom anderen Ende des Zimmers zu. Millie konnte sich nicht überwinden, zurückzuzwinkern.

Sie sah zu, wie ihr Dad drei komplette Sendungen anschaute, ehe sie etwas sagte.

Können wir die Spinne beerdigen? sagte sie, während der Abspann lief. So wie Oma?

Beerdigungen sind nur für Menschen, Mills, sagte er, während er von einem Sender zum nächsten zappte. Und vielleicht noch für Hunde.

Was ist mit Pferden?

Auch für Pferde, sagt er, während ein Kricketspieler ihm Vitamine verkaufen wollte.

Katzen?

Ja.

Schlangen?

Nein.

Warum?

Darum. Auf dem Bildschirm wand sich ein Auto eine wunderschöne Bergstraße hinauf. Die ganze Familie lächelte einander an. Alle hatten glänzende Zähne.

Bäume?

Nein.

Warum?

Darum.

Tausendfüßler? Planeten? Kühlschränke?

Millie! sagte er. Menschen. Große Tiere vielleicht. Sonst nichts.

Warum?

Sonst gäbe es ja den ganzen Tag lang Beerdigungen. Jeden Tag. Und das geht nicht.

Warum?

Weil es noch anderes zu tun gibt, sagte er, während der Mann im Fernsehen Millie in die Augen schaute und ihr Informationen über Handys zurief.

An jenem Abend packte sie einen Rucksack mit allem, was sie brauchte, holte ihre Taschenlampe unter dem Bett hervor und schlich sich durch die Haustür nach draußen. Sie entdeckte die Spinne auf dem Rasen neben der Auffahrt und hob sie mit beiden Händen auf. Sie sah jetzt anders aus, kleiner und leichter, von der Sonne getrocknet. Der Nachtwind wehte um Millies Hände, und dadurch kitzelte die Spinne in ihrer Handfläche.

Ein Windstoß fegte die Spinne mit einem heftigen Wuschsch aus ihrer Hand. Millie rannte hinterher und behielt sie hoch über ihrem Kopf im Auge. Vor dem Sternenhimmel flog sie durch die Luft, über den Vorgarten hinweg, hinaus auf die Straße, dann auf die andere Straßenseite und weiter die Straße entlang bis zu einem unbebauten Grundstück. Ihre Umrisse leuchteten im Mondschein. Die ganze Nacht schien von mondbeleuchteten, weit entfernten Spinnen erfüllt zu sein, die an den schwarzen Himmel gepinnt waren.

Dann verstummte der Wind so plötzlich, wie er gekommen war, und die Spinne fiel wie eine Sternschnuppe zu Boden.

In der Mitte des unbebauten Grundstücks ragte ein Baum empor. Es war der größte Baum, den Millie je gesehen hatte, noch viel größer als ihr Dad. Sie steckte die Spinne in ihren Rucksack und kletterte bis ganz nach oben in die Krone. Der Mond erschien ihr so nah, dass sie ihn fast auf ihrer Fingerspitze tanzen lassen konnte. Sie setzte sich mit gespreizten Beinen auf einen Ast, lehnte sich mit dem Rücken an den Baumstamm und holte aus ihrem Rucksack die Spinne, ein altes Marmeladenglas, eine Rolle Bindfaden, ein Teelicht, Streichhölzer und ein Stück Pappe.

Millie schaute die Spinne noch einmal an und legte sie dann in das Marmeladenglas, auf ein Polster aus Papiertaschentüchern. Sie zündete das Teelicht an und setzte es ebenfalls hinein, dann wickelte sie ein Stück Schnur um den Rand des Glases, machte an einem Ende einen Knoten und fädelte das andere Ende durch das Loch in dem Pappschild. Sie band die Schnur um den Ast des Baumes. Das Glas baumelte dort wie eine Laterne und schaukelte ein bisschen, wenn sich der Baum bewegte. Auf dem kleinen Pappschild stand in ihrer schönsten Schreibschrift Spinne? – 2011.

Millie fuhr mit den Fingern über den Strich zwischen dem Fragezeichen und Spinnes Todesjahr. Hin und her, hin und her. Es war seltsam, dachte sie, dass dieser Strich – dieser lange, gerade Strich – alles war, was von ihrem Leben übrig war.

KARL DER TASTTIPPER

WAS KARL ÜBER BEERDIGUNGEN WEISS

Karl hatte nie mit Evie über ihre Beerdigung gesprochen. Warum auch? Es fiel ihm zu schwer, die Worte über die Lippen zu bringen. Sie lagen ihm wie Blei im Mund. Er wollte einfach, dass sie lebte, während er lebte, und damit basta.

Also organisierte sein Sohn alles für ihn, während Karl damit beschäftigt war, sich daran zu erinnern, wie man aufstand, sich die Zähne putzte, die Haare scheitelte und kaute. Die Beerdigung selbst war lang, schleppend und eintönig gewesen. Ehe die Trauerfeier begann, wurde Karl unablässig von Menschen umarmt, die er kaum kannte. Er achtete darauf, dass sich seine und ihre Wangen nicht berührten. Es fühlte sich falsch an, seine Hände auf den Rücken einer Person zu legen, die nicht seine Frau war.

Karl saß in der ersten Reihe, beäugte den Sarg und atmete nur ganz flach. Es kam ihm seltsam vor zu atmen, wenn sie es nicht mehr konnte. Auf dem Sargdeckel war ein Blumenberg explodiert. Er wünschte mit aller Kraft, der Sarg möge aufgehen und Evie würde herausspringen: Überraschung! Sie würde einen großen Satz über die Blumen machen müssen.

Wenn das ein Streich ist, flüsterte er, werde ich dir nicht böse sein.

Er weiß noch, wie er bei einer der Trauerreden aufgestanden war. Es war die Rede der einzigen früheren Arbeitskollegin von Evie, die noch lebte. Sie starben alle weg, all ihre Freunde, wie auf einem Schlachtfeld: Sie fielen im Supermarkt oder auf dem Golfplatz tot um; siechten in Pflegeheimen und Krankenhäusern langsam dahin. Aber diese Frau lebte noch, sie stand wie ein Gottesgeschenk am Rednerpult, und Karl dachte, Ich wünschte, sie wäre tot.

Er ging auf den Sarg zu. Evie, flüsterte er, umkreiste ihn und fuhr mit den Fingern an den Kanten entlang. Um ihn herum war Gemurmel, aber es hörte sich an, als seien die anderen meilenweit weg. Er presste sein Gesicht an den Kiefernholzdeckel. Schloss die Augen. Atmete tief ein. Evie, flüsterte er wieder, die Lippen auf das Holz gedrückt. Er musste es wissen. Er fasste unter den Sargdeckel. Und hob ihn schwungvoll hoch.

Sie lag dort und war tot, so viel war sicher; ihr Gesicht wirkte so steinern, wie er es noch nie gesehen hatte, aber er konnte seine Hände einfach nicht vom Rand ihres Sarges lösen. Nicht als der Priester ihn am Ärmel zupfte, nicht als ein Windstoß durch die offene Tür hereinkam, nicht als der Sargdeckel so dramatisch und kraftvoll zuschlug, dass er ihm die Finger zerquetschte. Karl spürte den Schmerz nicht, denn es war schon überall Schmerz.

Und er wollte es tippen, aber man ließ ihn nicht, denn jemand hielt seine Hände fest, um das Bluten zu stoppen, deshalb schrie er es einfach hinaus, schrie, so laut er konnte.

ICH BIN HIER, EVIE. ICH WERDE IMMER HIER SEIN.

MILLIE BIRD

Bei dir fehlen ein paar Fingerspitzen, sagt Millie, als sie Karls Hand ergreift und mit ihm das Café verlässt.

Ja, antwortet er und tippt in ihre Hand. Das stimmt.

Sein Mund verzieht sich zu dem Strich, der bei Erwachsenen bedeutet, dass sie im Moment auf keinen Fall weiter über das angesprochene Thema reden werden, vielleicht sogar nie. Also bewahrt Millie ihre Fragen in ihrem Innern auf und schiebt sie an den Ort, der sich Sachen für später merkt. Während sie Karls Hand hält, reibt sie die Stümpfe seiner Finger. Hat er so doll an den Nägeln gekaut, dass er die Fingerspitzen gleich mit abgebissen hat? Hat eine Mäusefamilie sie abgefressen, als er schlief? Oder hat sie ihm jemand abgeschlagen, weil er nicht getan hat, was er tun sollte? Millies Mum hat ihr einmal damit gedroht, erinnert sich Millie, als sie mit den Fingern auf ihren Teller getrommelt hat, während Dancing with the Stars lief. Ich reiß sie dir aus, hatte ihre Mum gesagt, ohne sich zu ihr umzudrehen. Leg dich lieber nicht mit mir an. Und das hatte Millie nicht getan – sie hatte gar nicht vorgehabt, sich mit ihr anzulegen –, und sie hatte sich vorsichtshalber auf ihre Finger draufgesetzt, damit sie sich nicht heimlich mit irgendjemandem anlegen konnten.

Millie führt Karl zu der Gigantischen Damenunterwäsche, schüttelt seine Hand ab und kriecht unter den Ständer. Sie schiebt ein paar Unterhosen beiseite, damit Karl hineinschauen kann.

Was machst du da unten, Nur Millie? fragt er.

Hab ich dir doch gesagt, sagt sie und schraubt den Deckel vom Marmeladenglas auf. Sie öffnet den Reißverschluss ihres Rucksacks und zieht ihr Beerdigungs-Federmäppchen hervor. Daraus nimmt sie ein Teelicht und Streichhölzer. Sie starrt sie an. Schließlich hält sie Karl die Sachen hin. Machst du das bitte?

Er blickt sich um. Meinst du wirklich, wir sollten ein Feuer machen?

Ja, sagt sie.

Karl scheint über diese Antwort nachzudenken, dann nickt er. Millie sieht zu, wie der Docht Feuer fängt, und hält sich den Bauch. Sie beißt die Zähne zusammen und versucht, nicht an Den Abend vor dem Ersten Tag des Wartens zu denken. Sie versucht, ihn in den Teil ihres Kopfes zu schieben, der sich an gar nichts erinnert. Sie reicht Karl das Glas. Hier rein, bitte, sagt sie.

Karl senkt die Kerze vorsichtig in das Glas und reicht es dann wieder Millie. Sie bindet das Glas an den Kleiderständer. Die Fliege baumelt jetzt hinter einer Reihe fleischfarbener Wäscheteile.

Du musst etwas sagen, sagt sie zu Karl.

Ich? sagt Karl und zeigt auf sich selbst.

Ja, du, sagt Millie und zeigt auf ihn, während er auf sich selbst zeigt. Du bist es gewesen. Du hast ein Totes Ding gemacht. Tut es dir nicht leid? Ihr Kopf löst sich von ihr ab, und sie schaut ihrem Dad zu, wie er mit seinem Schuh die Spinne erschlägt. Hat es ihm leidgetan?

Natürlich, sagt Karl und legt die Hände auf seine Hüften. Natürlich, sagt er noch einmal. Aber, sagt er und holt tief Luft, es ist eine Fliege.

Ja. Millie nickt. Da hast du recht. Es ist eine Fliege.

Karl schaut zu Millie hinunter.

Millie schaut zu Karl hoch.

Karl seufzt. Was soll ich denn sagen?

Was wünschst du dir denn, was auf deiner Beerdigung gesagt werden soll?

Karl starrt auf seine Füße. Ich glaube kaum, dass da überhaupt jemand etwas sagen wird.

Tja, sagt Millie und verschränkt die Arme, jedenfalls musst du etwas sagen.

Wieso kennst du dich mit diesen Dingen so gut aus?

Wieso du nicht? sagt sie.

EINE TATSACHE ÜBER DIE WELT, DIE MILLIE GENAU WEISS

Alle wissen alles darüber, wie man geboren wird, aber niemand weiß irgendetwas darüber, wie es ist, tot zu sein.

Darüber hat Millie sich schon immer gewundert. In der Schule gibt es Bücher mit Bildern von Mums, die durchsichtige Bäuche haben, und Millie wollte schon immer einmal das T-Shirt einer schwangeren Frau hochheben, um zu sehen, ob es tatsächlich stimmte, dass der Bauch durchsichtig wird, wenn man schwanger ist. Sie findet das sinnvoll, damit das Baby sich an die Welt gewöhnen kann, bevor es in ihr lebt; ähnlich wie im Glasbodenboot; denn sonst, was für ein Schock! Wie erschreckend wäre die Welt, wenn man nicht wüsste, dass sie auf einen zukommt. Millie hat auch die Bücher mit den Comicfiguren angeschaut, die sich so sehr lieben, dass der Mann der Frau einen Fisch schenkt, und der Fisch kriecht in die Frau hinein und legt Eier, die sich dann in ein menschliches Baby verwandeln. Sie weiß, dass das Baby da rauskommt, wo man pinkelt, aber davon hat sie noch keine Bilder gesehen. Wenn Millie im Meer schwimmen war, sucht sie ihr Pipi immer genau nach Babys ab. Nur. Für. Alle. Fälle.

Die Erwachsenen wollen, dass sie über diese Sachen Bescheid weiß, sonst hätten sie ihr die Bücher nicht gegeben. Aber keiner hat ihr je ein Buch über Tote Dinge gegeben. Was gibt es da zu verheimlichen?

Also gut, sagt Karl. Die Fliege, von vielen geliebt und unvergessen. Er räuspert sich. God save our gracious Queen, singt er, so leise, dass Millie ihn kaum hören kann.

Lauter, sagt Millie, und er gehorcht: Long live our noble Queen, God save the Queen. Millie betrachtet durch den Spalt in der Unterwäsche die vorbeigehenden Füße, während er singt. Manche werden beim Näherkommen schneller, andere verlangsamen ihre Schritte. Ein Paar Schuhe bleiben stehen. Send her victorious, er schmettert jetzt förmlich, und seine Grübchen werden wieder lebendig, happy and glorious, long to reign over us. Karl hebt mit großer Geste die Arme, seine Finger tippen in der Luft. God save the Queen. Er verbeugt sich. Die Schuhe – breit, schwarz, klobig – stehen immer noch dort im Gang; ein Fuß klopft ungeduldig auf den Boden. Millie zieht die Beine dicht an ihre Brust.

Sind Sie jetzt fertig, Sir? sagt eine Frauenstimme.

Karl schaut in die Richtung der Schuhe. Seine Augen weiten sich. Ja, danke, Sir. Ich meine, Lady! Ich meine, Ma’am.

Zwei Arme packen Karl, schieben ihn den Gang entlang, und die Frau sagt: Gehen wir, und Karl sagt, Verzeihung, Sir. Ich meine, Ma’am. Ma’am!Tut mir schrecklich leid, ich wollte das nicht sagen. Ich wollte auf keinen Fall andeuten, dass Sie auch nur die geringste Ähnlichkeit mit einem Mann haben.

Millie presst ihren ganzen Körper an die Stange in der Mitte des Kleiderständers. Karl sagt, Sie sind ausgesprochen damenhaft, ehrlich. Und dann Verzeihung, immer wieder, bis sie ihn nicht mehr hören kann. Eine Frau in der Nähe sagt, Was soll das ganze Tamtam? Millie formt mit den Lippen das Wort Tamtam, während sie die Beerdigungssachen wieder einpackt. Sie zieht den Rucksack nah zu sich heran und macht sich so klein wie möglich, wie Babys es machen, wenn sie noch in den Bäuchen ihrer Mums festsitzen. Sie drückt ihr Gesicht an die Metallstange. Sie fühlt sich kalt an ihrer Wange an. Das Glas mit der Fliege schaukelt im eingebildeten Wind hin und her, und das Kerzenlicht erzeugt dabei Schlieren, die verschwinden und wieder auftauchen. Millie fährt mit dem Finger durch die Luft, und sie fühlt sich nach nichts an, aber sie hält alle am Leben.

Wie kann sich so etwas nach nichts anfühlen?

Durch den Spalt in der Unterwäsche schaut der Puppenmann sie immer noch an, und sie erwidert den Blick. Es gefällt ihr, wie er sie die ganze Zeit anschaut. Es gibt ihr das Gefühl, er wird nicht zulassen, dass die klobigen Schuhe auch Millie mitnehmen.

Millie bleibt in dieser Position sitzen, bis es wieder Nacht ist im Kaufhaus. Ihre Füße schwitzen in den Gummistiefeln. Ihre Knie kleben aneinander. Die Kerze im Glas brennt immer noch, aber nur gerade eben, und durch die flackernden Schatten sehen die Unterhosen so aus, als wären sie an den Kanten verbunden, als wären sie ein einziges supergigantonormes Paar Damenunterhosen, und dieses Superunterhosenpaar kreist um ihren Kopf, es kommt immer näher, und Millie ist ganz sicher, es wird sich um sie herumwickeln und sie ersticken, und dann geht die Kerze im Glas aus, und Millie atmet viel zu tief, und ihre Wangen sind nass von Tränen. Sie vergräbt das Gesicht zwischen ihren Knien und presst die Augenlider fest zusammen.

Sie hört Schritte und denkt, Goldene Schuhe, goldene Schuhe, goldene Schuhe, und ihr Atem ist ganz zittrig, so wie bei alten Leuten, die laut atmen, um zu zeigen, dass sie es noch können, aber es ist gar nicht ihre Mum, denn die Schritte schlurfen über den Fußboden, und Mum geht nicht so. Die Schritte kommen auf Millie zu, und eine Taschenlampe strahlt überall hin, und jetzt trifft das Licht der Taschenlampe auf das Fliegenglas, und die Schritte kommen ganz nah, und die Taschenlampe strahlt immer noch das Glas an, und jetzt haben die Schritte aufgehört, und die Taschenlampe scheint wie ein Spotlight auf die Fliege, wie ein Raumschiff mit Aliens, die versuchen, das Glas zu sich hoch zu beamen, und Millie muss ihren zittrigen Atem anhalten, damit der Lichtstrahl der Aliens sie nicht auch erwischt.

Aber dann sieht sie etwas im Augenwinkel, durch das Licht der Lampe, ein Schimmern hinter den Wäscheteilen, und der Puppenmann schaut sie an, und aus irgendeinem Grund sind seine Augen geweitet, und in Millies Bauch ist etwas, das zieht und zerrt, und es fühlt sich an wie Punkt drei, aber das kann nicht sein, und dann fällt die Puppe irgendwie um, und die schlurfenden Füße rufen Au!