Verlag: Sieben Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Nocona - Britta Strauss

Die junge Fotografin Sara reist durch den mittleren Westen der USA, auf der Suche nach dem einen, besonderen Foto. Als ihr in einem Museum der Comanche Makah über den Weg läuft, ist sie hingerissen. Das perfekte Gesicht für das perfekte Foto. Doch wie erklärt sich die Vertrautheit zwischen ihnen? Was haben die intensiven Träume zu bedeuten, die sie seit ihrem ersten Zusammentreffen immer häufiger heimsuchen? Träume, die sie in die Vergangenheit reisen lassen, in eine Welt, die längst untergegangen ist. Immer mehr Fragen tauchen auf, die mit dem Verstand nicht zu beantworten sind. Als Pflichten Sara zurück nach New York zwingen, wird sie von Visionen überwältigt. Sie spürt, dass nur Makah ihr helfen kann. Verzweifelt versucht sie, ihn wiederzufinden, doch als es ihr endlich gelingt, bricht Unheil über die beiden Liebenden herein. Schatten aus ferner Vergangenheit drohen ihr Leben zu zerstören, auf Sara wird ein Mordanschlag verübt. Während Vision und Wirklichkeit zunehmend verschwimmen und eine tragische Liebe aus längst vergangenen Zeiten ihren Weg in die Gegenwart findet, kämpft Makah um das Leben der Frau, der sein Herz gehört.

Meinungen über das E-Book Nocona - Britta Strauss

E-Book-Leseprobe Nocona - Britta Strauss

Nocona

Eine Liebe stärker als Raum und Zeit

Britta Strauss

Nocona

Eine Liebe stärker als Raum und Zeit

Britta Strauss

© 2012 Sieben Verlag, 64372 Ober-Ramstadt

Covergestaltung: © Andrea Gunschera

Korrektorat: Susanne Strecker, www.schreibstilratgeber.com

Szenentrenner: 16246233 © frenta, Fotolia.com

Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion, Großburgwedel

ISBN-Taschenbuch: 978-3-864430-84-8

ISBN-eBook-PDF: 978-3-864430-85-5

ISBN-eBook-epub: 978-3-864430-86-2

www.sieben-verlag.de

Teil Eins

Die Wanderer

„Hunderttausend Jahre sind vergangen,

und ich höre noch immer den fernen Klang

der Trommeln meiner Ahnen.

Ich höre die Trommeln überall im Land,

höre ihren Klang in meinem Herzen.

Die Trommeln werden schlagen, mein Herz wird schlagen.

Und ich werde hunderttausend Jahre alt.“

Shirley Daniels, Ojibwa

Sara, 2011

W

ährend draußen der Schneesturm tobte, unter dem Dach des baufälligen Museums heulte, und Kälte durch die undichten Fensterritzen drückte, las Sara die Inschrift des Grabsteins:

Resting Here Until Day Breaks

and Shadows Fall

and Darkness Disappears

is

Quanah Parker

Last Chief of the Comanches

Born – 1852

Died Feb. 23, 1911

Der Anblick des vergilbten, hinter staubigem Glas eingeschlossenen Fotos berührte etwas in ihr, das sie nicht benennen konnte. Von einer Legende war nicht mehr übrig als blasser Schatten und welkende Erinnerung. Ein Denkmal, ein Grabstein und der Name dieser Stadt. Der Lauf der Dinge, wie man so schön sagt. Unabwendbar und frustrierend.

Einhundert Jahre war es her, dass der letzte Häuptling der Comanchen am 23. Februar 1911 als reicher, angesehener Mann gestorben war. Für Menschen eine lange, im Lauf der Geschichte verschwindend kurze Zeit. Sara hatte sich während ihres Ethnologie-Studiums auf die Kultur der Khmer spezialisiert, aber aufihrer Reise durch die Reservate Nordamerikas war ihre Meinung über ihre Interessen revidiert worden. Hier war sie zu Hause. In dieser Epoche der Geschichte, mit der sie sich, bis der Auftrag zu einem Bildband eingetrudelt war, nie nennenswert beschäftigt hatte.

Die Welt der Präriestämme berührte sie und gab ihr ein Gefühl von Heimat. Vielleicht war es auch nur eine launische Neigung. Wer wusste das schon? Sie zog ihren schwarzen Mantel enger um sich, trat fröstelnd von einem Bein auf das andere und wog das Für und Wider einiger weiterer Fotos ab. Morgen würde sie wohl oder übel nach New York zurückreisen müssen. Der Gedanke behagte ihr nicht. Nein,er ging ihr völlig gegen den Strich. Zum einen hatte sie während ihrer Rundreise das lang ersehnte Gefühl gewonnen, endlich zur Ruhe zu kommen. Im Kielwasser dieses Gefühls war ein innerer Frieden zu ihr gekommen, der sich in Luft auflösen würde, sobald sie in die Stadt zurückkehrte. Zum anderen fehlte ihr noch immer etwas. Der Prometheus-Funke für ihr Projekt. Das eine besondere Bild, dazu auserkoren, zum Sahnehäubchen des Bildbandes zu werden.

Sie hatte deprimierende Fotos aus dem Pine Ridge Reservat und prachtvolle vom Herzen aller Dinge, den heiligen Black Hills. Sie hatte inmitten endloser Grasebenen die Magie eines Ortes eingefangen, an dem die Zeit stillstand, und war mit viel Überredungskunst in den Genuss eines Inipi-Rituals gekommen. Keines dieser oberflächlichen Touristenschauspiele, sondern ein unverfälschter Einblick in die Tiefen des indianischen Glaubens.

Seitdem empfand sie die Dinge und sich selbst anders. Entrückt. Verwunschen.

„Beschreibe dieses Gefühl“, hörte sie ihre Chefin nörgeln. „Was dürfen sich unsere Leser darunter vorstellen? Werde deutlicher.“

Aber wie sollte man etwas beschreiben, für das man keine Worte hat?Am ehesten war es so, als würde man aufwachen und begreifen, dass die Realität nur ein Traum war. Und Träume die Realität.

„Darunter kann sich der Leser nichts vorstellen“, bemängelte ihre innere Chefin-Stimme. „Klar verständlich, bitte. Kein kryptisches Geschwafel.“

Kryptisches Geschwafel. Oh Mann. Warum war sie derart unzufrieden? Sie hatte viel erreicht, und doch war da diese schale Unvollkommenheit in ihr, von der sie weder wusste, woher sie stammte, noch wie sie sie hätte beseitigen können.Gedanken dieser Art waren ihrem inneren Gleichgewicht nicht zuträglich, also schüttelte sie sie ab und nahm ihren Rundgang wieder auf. Ordnung suchte man in diesem Museum vergeblich, was ihr ein fieses Kribbeln in den Händen verursachte. Ein, zwei Tage, und sie hätte aus diesem chaotischen Haufen etwas Ansprechendes herausgeholt. Nach Schaukästen voller Silbermünzen, Armbrüsten, Hellebarden, Auswanderungsurkunden, Tagebüchern und Geistertanz-Hemden folgte eine Vitrine, in der sich – so wusste der angeklebte Zettel zu berichten – Alltagsgegenstände aus Quanah Parkers Wohnsitz Comanche White House befanden.

Und plötzlich war die Beklommenheit, die sie verdrängt hatte, wieder präsent. Handgeschriebene Briefe lagen vor ihr, Schreibfedern und Tintenfässchen. Im Geiste sah sie Quanah am Tisch sitzen und schreiben. Öllampen erhellten das Zimmer, das Kratzen der Feder auf Papier war das einzige Geräusch, das die Stille störte. Kupfernes Licht schimmerte auf seinen langen Zöpfen, und durch die offen stehende Tür hörte man die Stimmen seiner Frauen und Kinder.

Sara rieb sich die Augen. Frönte sie einem Tagtraum? Wie unprofessionell.

Permanent beschäftigte sie sich im Rahmen ihrer Arbeit mit Artefakten der Vergangenheit. Voller Leidenschaft und Faszination, sicher, aber ohne übertriebene Sentimentalität. Diesmal hingegen war es anders. Sie war anders. In ihr erwachte der Wunsch oder vielmehr das Bedürfnis, die unter Glas ruhenden Dinge zu berühren, zu streicheln. Um dem Menschen, dem sie gehört hatten, nahe zu sein.

Ganz links lag der Brief, in dem Quanah die Texaner bat, ihm die Gebeine seiner Mutter zu schicken. Er hatte sich danach gesehnt, sie nach alter Tradition bestatten, an ihrem Grabhügel sitzen und trauern zu dürfen.

Sara ertrug es nicht, diese Zeilen zu lesen. Unmöglich. In ihren Augen brannten Tränen, ihr Herz wurde felsenschwer.

Allmächtiger. Was war ihr nur für eine sentimentale Laus über die Leber gelaufen? Begann sie allen Ernstes zu weinen? Wegen eines alten Briefes und ein paar Tintenfässchen, die einem seit Langem verstorbenen Mann gehörten? Himmeldonnerwetter! Sie musste dringend wieder zur Vernunft kommen.

Sie nahm die Informationstafel daneben in Augenschein. Ablenkung, sie brauchte Ablenkung. Verstohlen wischte sie sich mit dem Mantelärmel über die Augen.

Dummerweise machte das Studium der Tafel es nicht besser, denn kleine Anekdoten aus Quanahs Leben waren darauf verewigt.

Kurz, nachdem der Häuptling samt Familie sein Comanche White House bezogen hatte, stellte ein Vertreter der amerikanischen Regierung ein paar Dinge klar: „Polygamie ist Ihnen fortan untersagt. Nur eine Frau ist Ihnen gestattet.“

„Gut“, war Quanahs Antwort.„Ich wähle Wes Kea. Aber sag du meinen anderen Frauen, dass ich fortan nicht mehr ihr Ehemann bin.“

Keiner der Anzugträger hatte den Zorn der Eheweiber auf sich ziehen wollen. Infolgedessen blieben sie Quanah erhalten.

Sara kicherte. Das sah diesem schelmischen Kerl ähnlich. Obwohl sie sich erst seit Kurzem mit Quanah und seinem Umfeld beschäftigte, überwältigte das Gefühlsie, genau zu wissen, was für ein Mensch er gewesen war. Sie neigte eindeutig zu Träumereien und Sentimentalität. Zumindest in letzter Zeit. Womöglich litt sie an Hormonschwankungen.

Oberhalb der Vitrine hingen zwei Bilder an der Wand. Cynthia Ann Parker, die ihre Tochter Topsannah im Arm hielt und traurig in die Kamera blickte. Alter und Verlust hatten ihr Gesicht gezeichnet, doch darunter erkannte man noch immer die stolze, schöne Frau, die sie einmal gewesen war. Jene weiße Frau, die die Liebe eines Kriegerhäuptlings gewonnen hatte.

Neben dem Portrait thronte Quanah erhobenen Hauptes auf einem schwarzen Pferd. Das einzige ihrer Kinder, das überlebt hatte, war dazu bestimmt, der letzte Freiheitskämpfer seines Volkes zu werden. Zum ersten Mal seit Jahren dachte Sara nicht daran, ihre Eindrücke mithilfeder Kamera zu verewigen. Was sie fühlte, hätte kein Bild der Welt einfangen können. Kein Wort, keine Geste. Mit jedem Atemzug wuchs ihre Benommenheit. Warum sie sich trotzdem umwandte, wusste sie nicht. Sie tat es automatisch, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden, und als sie den Mann erblickte, der hinter ihr auf einem der wackligen Stühle saß, setzte ihr Herz für zwei Schläge aus.

Es war nicht einmal sein unergründlicher Blick, der direkt auf sie gerichtet war. Nicht sein Gesicht oder die Art, wie sein Körper sich anspannte. Es war etwas, das sich ihrem Verstand entzog.Sie erstarrte.

Der Mann stand auf und kam zu ihr herüber. Sein blauschwarzes Haar war locker im Nacken zusammengebunden und reichte vermutlich bis knapp über die Schultern. Lose Strähnen bewegten sich im kalten Windzug, der durch die undichten Fenster wehte. Sara blickte in das samtige Braun seiner Augen. Er war nur ein bisschen größer als sie, doch als er vor ihr stand, fühlte sie sich klein.

Um nicht in sein Gesicht blicken zu müssen, starrte sie auf seine Kleidung. Diese bestand aus einer dunkelbraunen Lederjacke in beklagenswertem Zustand, einem schwarzen Hemd und Jeans. Er trug schmutzige braune Schuhe, deren Sohle sich zu lösen begann, und ein Lederband mit einem Tierzahn um den Hals. Offenbar ein Lebenskünstler. In Gegenden wie diesen gab es viele davon.

Sara versuchte, ihre Lähmung abzuschütteln. Vergeblich. Wie eine Statue stand sie vor ihm. Warum blieb ihr jedes Wort im Hals stecken? Sie war doch sonst nicht auf den Mund gefallen.

Beweg dich!, schimpfte sie innerlich. Sag was. Mach was, Teufel noch eins!

„Entschuldigen Sie bitte.“ Seine Stimme warangenehm. Dunkel und weich und ein wenig verwirrt. Endlich wagte sie es, zu ihm aufzublicken. Mein Gott, der Mann hatte die schönsten Augen, die sie je erblickt hatte. „Ich heiße Makah. Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Ich?“ Ihr Herz raste. Irgendetwas stimmte hier nicht. Sie fühlte sich hilflos und der Selbstsicherheit beraubt. Als hätte sie jemand in kaltes Wasser getaucht oder ihr mitten ins Gesicht geschlagen. „Warum wollen Sie das wissen?“

„Weil ich das Gefühl habe, dass … ach egal. Ich muss mich irren.“

Im fahlen Schein der Lampen schimmerte seine Haut wie bronzefarbene Seide und versetzte die Fotografin in ihr in Entzückung. Dieses Gesicht schrie danach, verewigt zu werden.

„Tut mir leid, dass ich Sie gestört habe.“

„Wie bitte?“, kam es flüsternd über ihre Lippen. „Was meinen Sie?“

„Nichts“, brummte er. „Auf Wiedersehen.“

Sara öffnete den Mund und wollte eine höfliche Floskel hervorbringen, irgendetwas, das diesen Mann zurückhielt, doch ehe es ihr gelang, hatte er den Raum mit hastigen Schritten verlassen. Verdammt. Sie war eine solche Idiotin. Sie eilte ihm hinterher, bahnte sich den Weg durch gaffende Menschengruppen und rammte fast eine Vitrine – doch Makah war nirgendwo zu entdecken. Das hatte sie nun davon. Er war freundlich auf sie zugegangen, und sie blaffte ihm ein unhöfliches „Warum wollen Sie das wissen?“ entgegen.

Die Lust am Begutachten weiterer Artefakte war verloren. Sie verließ das Museum und lieferte sich dem Schneesturm aus, der mit wildem Heulen ihren Mantel und ihr Haar erfasste. Jeder freiliegende Quadratzentimeter Haut wurde betäubt. Als gebürtige Kanadierin hatte sie viele Kältewellen erlebt, aber diese brachte selbst ihre Zähne zum Klappern.

„Passen Sie auf, bei dem Wetter kann man sich schnell erkälten.“

Sie fuhr herum. Eiskristalle rieselten von ihren Wimpern. Vor ihr stand Makah. Schief lächelnd, schneeüberzuckert und atemberaubend. Schwindel übermannte Sara aus dem Nichts. Sie glaubte, vor seinen Augen ohnmächtig zu werden, doch kaum griff sie Haltsuchend nach dem Zaun, normalisierte sich ihr Zustand.

„Wollen Sie mir wirklich nicht ihren Namen verraten?“ Seine Stimme und sein Blick waren unverändert freundlich.

„Sara Merger.“ War das ihre Stimme? Dieses piepsende Mäuschengeflüster? „Ich bin hier wegen eines Berichts.“

„Eines Berichts?“

„Eher ein Bildband. Das Leben in den Reservaten. Die Träume, Hoffnungen und Ängste der Bewohner. Der Weg zwischen Vergangenheit und Moderne in poetischen Bildern, aber ohne Beschönigung.“ Oh Gott, sie begann zu plappern. „Sowas eben.“

„Sind Sie Reporterin?“

„Nein. Ethnologin. Ich arbeite als Fotografin und Lektorin für einen Verlag, der sich auf Bildbände spezialisiert hat.“

So, das war’s. Spätestens jetzt musste seine Freundlichkeit in Empörungumschlagen. Umso konfuser war sie, als die erwartete Abneigung ausblieb. In den letzten Wochen war ihr gesamter Charme gefordert gewesen, um respektiert zu werden. Insbesondere, wenn sie ihren Fotoapparat zückte und die Sache mit dem Bildband erwähnte. Aber dieser Mann schien ihr Neugierde entgegenzubringen. Er kam noch ein wenig näher. Seine Kleidung ließ zu wünschen übrig, doch seine Haut roch angenehm nach Seife. Nicht viele Gesichter konnten es mit seinem aufnehmen. Nein, korrigierte sie sich, die allerwenigsten reichten ihm das Wasser. Seine Züge waren weder weich noch kantig. Sie waren irgendetwas dazwischen und von begnadeter Harmonie. Zu gern wollte sie diese Harmonie festhalten. Sie verewigen. Der Drang war so stark, dass sie ihre Kamera über Gebühr quetschte.

„Wohnen Sie hier in der Stadt?“, fragte Makah.

Sie nickte. „Im Best Western. Leider muss ich schon morgen zurück nach New York.“

Er zog eine Grimasse. „Das wäre kein Ort für mich. Soll ich Sie ins Hotel fahren? Oder möchten Sie lieber eine Stunde auf den nächsten Bus warten? Dann bleibt nur zu hoffen, dass der Fahrer einen Eiskratzer dabei hat, um Sie von der Straße loszueisen.“

„Ich … na ja …“ Sara biss sich auf die Unterlippe. Er wollte sie fahren? Ein Fremder? Ihre Vernunft rebellierte, doch ihr abenteuerlustiges Alter Ego jubilierte. „Gern.“ Wie in neun von zehn Fällen gewann nicht die Vernunft. „Sofern Sie mir garantieren, dass Sie kein perverser Serienkiller sind, der seine kranken Fantasien an mir austoben will.“

Er gab einLachen von sich, das Saras Bauch mit herrlichem Kribbeln füllte. Es war ewig her, dass sie sich in Gegenwart eines Mannes so nervös und lebendig gefühlt hatte.

„Keine Angst. Die einzige Gefahr besteht darin, dass mein Auto unter uns zusammenbricht.“

Das konnte ja abenteuerlich werden. Seite an Seite mit ihrer neuen Bekanntschaft marschierte sie zum Parkplatz, wo er auf einen schrottreifen, roten Pick-up zusteuerte. Bretter, Kisten und Seilrollen stapelten sich auf der Ladefläche, kaum erkennbar unter der dicken Schicht Schnee. Im Inneren des Wagens roch es nach Sagespänen und nassem Hundefell. Sara erklomm den Beifahrersitz. Sie hatte schon Schlimmeres gesehen.

„Erster Pluspunkt“, sagte Makah. „Die meisten Frauen hätten den Sitz vorher desinfiziert. Normalerweise sitzt Paul dort.“

Er warf ihr ein spitzbübisches Zwinkern zu. Für einen Moment verlor ihr Herz den Takt. Bei Gott, jemanden wie ihn konnte sie nicht brauchen. Es fiel ihr schwer genug, dieses Land zu verlassen und in eine Stadt zurückzukehren, die sie bis vor Kurzem noch für ihre Heimat gehalten hatte.

„Ich nehme an, Paul ist Ihr Hund?“

„Nicht meiner. Er schaut nur manchmal auf einen Besuch vorbei.“

Der Pick-up röhrte wie ein brünstiger Hirsch. Klappernd und quietschend setzte sich der Wagen in Bewegung, stur wie ein Mensch, der nicht bereit ist, sein Alter zu akzeptieren. Makah übte sich in entspanntem Schweigen, nicht geboren aus Nervosität, sondern aus Ausgeglichenheit. Ein Umstand, der einem in New York selten begegnete.

Wie hatte Ernest Hemingway so schön gesagt? Man braucht zwei Jahre, um sprechen zu lernen. Und fünfzig, um schweigen zu lernen.

„Woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?“ So prickelnd das Schweigen zwischen ihnen auch war, ihre Neugier gewann die Oberhand.

„Dürfen Sie“, antwortete er. „Ich komme aus Lawton. Wohin ich heute noch zurück muss.“

„Lawton in Oklahoma? Das ist nicht um die Ecke.“

„Yep.“

Der Gedanke an über hundertMeilen durch Schnee und Eis schien ihn nicht sonderlich zu beunruhigen. Routiniert manövrierte er den Pick-up über den Parkplatz und lenkte ihn schlingernd auf die Straße.

„Was einen nicht umbringt, macht einen härter. Oder wie war das?“

„Welchem Stamm gehören Sie an?“

„Comanchen. Oder besser gesagt, Nunumu. So bezeichneten wir uns selbst.“

„Ich weiß. Es bedeutet Das Volk.“

Makahs Lippen spitzten sich, als er konzentriert eine scharfe Kurve meisterte. Saras Kopfkino verselbstständigte sich. Sie wusste, wie diese Lippen schmecken würden. Wie sie sich anfühlen würden. Ja, sie wusste es.

„Warum haben Sie die beiden vorhin so angestarrt? Quanah und Naduah?“

Seine Frage riss sie aus ihren Gedanken. Blieb nur zu hoffen, dass er nicht sah, wie ihre Wangen glühten. Falls doch, würde sie es auf die hochfahrende Heizung schieben.

„Gute Frage.“ Sie überlegte, ohne zu einer sinnvollen Antwort zu kommen. „Ich weiß es nicht. Als ich mich mit Cynthias, ich meine Naduahs Geschichte beschäftigte, tat ich es am Anfang aus rein beruflichen Gründen. Aber als ich tiefer in die Materie eintauchte, hat es mich fast vom Hocker gehauen. Ich meine gefühlsmäßig. Fragen Sie mich nicht, warum. Ich glaube, jeder hat so eine Herzensangelegenheit. Etwas, das ihn total gefangennimmt, auch wenn man sich nicht erklären kann, warum.“

Makah lenkte den Wagen in gemütlicher Manier durch den Schnee. „Da habenwir soeben unsere erste Gemeinsamkeit gefunden.“

Seine Stimme klang gelassen. Von Eile und Hast schien er nichts zu halten, ein Charakterzug, der ihr auf ihrer Reise oft begegnet war. Seine ruhige Natürlichkeit hüllte Sara in einen Kokon aus hypnotischem Wohlgefühl. Noch ein paar Straßen und sie würden das Hotel erreicht haben. Wie bedauerlich. Höchstwahrscheinlich reichte ihr Mut nicht, ihn zu einem Kaffee einzuladen. Sie ertappte sich bei demWunsch, sie würden sich hemmungslos verfahren.

„Sie haben also auch ein Faible für diese Geschichte?“

„Kann man so sagen.“ Makahs Miene wurde starr. „Naduah und Nocona sind nicht nur in unseren Kreisen eine Legende. Jedem Kind wird ihre Geschichte erzählt. Ständig habe ich das Gefühl, dass mich etwas mit ihnen verbindet. Mehr als es der Verstand begreift. Was haben Sie gefühlt, als Sie vor Quanahs Foto standen?“

„Sehnsucht. Traurigkeit. Als wäre es … keine Ahnung.“

„Genau das meine ich. Ist es nur Empathie? Oder mehr?“

Sie wusste es genauso wenig wie er. Wie schaffte es dieser Mann, seinen Finger so zielgerichtet auf ihre Gefühle zu legen? Er konnte sie nur ein paar Minuten vor der Vitrine beobachtet haben. Vielleicht hätte sie diese merkwürdige Situation beunruhigen sollen, stattdessen hüllte Makahs entspannte Energie sie ein. Ihr Kopf wurde leergefegt, ihre sonst üppig blühende Plauderoase in eine Wüste verwandelt. Sobald sie zurück in New York war, musste sie ihre Mutter anrufen und ihr von dieser seltsamen Begegnung erzählen. Wo mochten Dad und sie wohl stecken? Nachdem die beiden Ex-Workaholics ihre Kanzlei dichtgemacht und in Rente gegangen waren, trieben sie sich pausenlos in der Weltgeschichte herum. Es schien ein unwiderstehlicher Drang zu sein, dem Ruf der Ferne zu folgen, und dieses Nomadenblut hatten sie an ihre Tochter weitervererbt.

Sara kuschelte sich in das ausgeleierte Polster des Sitzes. Mom würde wahrscheinlich denselben Spruch wie immer ablassen: „Wie sieht es mit deiner Familienplanung aus? Schatz, du wirst nicht jünger. Such dir endlich den Richtigen und schenke uns Enkelkinder. Du wirst vertrocknen wie eine Primel, wenn du immer nur arbeitest.“

Ihr umherschweifender Blick entdeckte ein Buch auf der Ablage. Das Cover zeigte ein Mädchen, das an einem schilfgesäumten Fluss stand. Ihr langes Haar wehte im Wind. Der Himmel war milchblau wie an heißen Sommertagen, betupft von Schäfchenwolken. Das Bild stieß etwas in Sara an. Ähnlich wie die Bilder im Museum oder die Schreibutensilien in der Vitrine.

„Darf ich?“ Sie nahm das Buch in die Hand und drehte es hin und her. Es gab weder einen Klappentext noch irgendwelche Hinweise zum Autor. „Worum geht es?“

„Das Schicksal eines Überlebenden von Wounded Knee. Es wurde nie veröffentlicht. Ich habe es vor Jahren geschenkt bekommen. Wenn du willst, gehört es dir.“

„Oh.“ Sara starrte ihn verblüfft an. „Das kann ich nicht annehmen. Wir kennen uns doch gar nicht. Abgesehen davon habe ich so meine Schwierigkeiten mit diesen Schicksalen.“

„Die Geschichte dieses Landes ist eben längst nicht so glorreich, wie man es den meisten vormacht. Deswegen bleiben viele Weiße den Reservaten fern. Sie haben lieber keine Ahnung.“

„Ich meine damit, dass diese Geschichten mich traurig machen.“

„Verzeihung.“ Sein Lächeln warentwaffnend. „Ich wollte dir nicht vor den Kopf stoßen. Wie auch immer, ich würde mich wirklich freuen, wenn du mein Geschenk annehmen würdest.“

Sara kapitulierte. Diese Bitte konnte sie ihm unmöglich abschlagen. Sie steckte das Buch in ihre Tasche, lächelte verlegen und sah aus dem Fenster. Durch den Schmutz war nicht viel zu erkennen, aber als sie den morschen Zaun vor dem Hintergrund schneebedeckter Grashügel erblickte, wusste sie, dass es perfekt war. Als wollte das Schicksal sie in ihrem Entschluss bestärken, flaute der Sturm ab und wich einem elfenbeinbleichen, schneeglitzernden Licht.

„Würdest du bitte mal kurz anhalten?“

„Klar doch.“

Makah parkte am Straßenrand. Kaum stand der Wagen still, sprang Sara aus dem Wagen und rannte zum Zaun hinüber. Perfekt! Ganz wunderbar. Als er sich zu ihr gesellte, musste sie ihre Beherrschung zusammenkratzen, um ihn nicht mit beiden Händen zu packen und in die Position zu bugsieren, die sie bereits in ihrem Kopf sah.

„Darf ich dich fotografieren? Es wäre mir eine große Ehre.“

Hinter dem undurchschaubaren Spiegel seiner Augen schien er mit einer Entscheidung zu ringen. Als er irgendwann tief Atem holte und den Mund zu einer Entgegnung öffnete, hätte Sara am liebsten die Augen geschlossen.

Bitte sag ja. Bitte sag ja! Bitte! Bitte!

„Nein.“

Verdammt, genau das hatte sie erwartet.

Doch dann fügte er leise hinzu: „Eine Ehre wäre es für mich.“

Erstaunt blickte sie zu ihm auf.

„Die Idee mit dem Bildband klingt nicht übel“, setzte er nach.„Scheint, als wäre jemand wirklich mal an der Wahrheit interessiert.“

Freude und Erleichterung tanzten einen wilden Reigen. Mit dieser Einwilligung konnte sie mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. „Natürlich werden die Fotos nicht ohne deine Einwilligung veröffentlicht. Gib mir deine Mailadresse, dann schicke ich sie dir zur Freigabe.“

„Ich habe kein Internet.“

„Smartphone?“

„Tut mir leid.“

„Du hast kein Telefon? Kein Fax? Nichts?“

„Nein. Aber wenn du der Meinung bist, dass die Fotos gut sind, veröffentliche sie.“

Sara würgte an ihrer Enttäuschung. Sie war niemals hinter jemandem hergerannt. Niemals. Aber eben war sie drauf und dran, ihre Prinzipien sausen zu lassen. Der Gedanke, Makah ohne Aussicht auf ein Wiedersehen zu verlassen, verwandelte ihre Eingeweide in einen Knoten.„Wohin schicke ich dein Gratisexemplar? Ich will mich wenigstens bedanken dürfen.“

Er lächelte, und bei Gott, es war ein Lächeln, das ihre Knie weich werden ließ. Als er nach etwas in seiner Jackentasche fingerte, wagte sie kaum, nach dem aufflackernden Hoffnungsfunken zu greifen.

„Hier.“ Er hielt ihr ein Kärtchen entgegen. „Das ist die Adresse unseres Gemeindehauses. Isabella nimmt alles an, was für mich kommt. Sie ist die gute Seele unseres Dorfes.“

Das Kärtchen war mit einem Traumfänger verziert und besaß einen hübschen, roten Rahmen. Keine Webseite oder Mailadresse, dafür eine Postadresse samt Telefonnummer. Immerhin etwas. Gewissenhaft verstaute sie das Kärtchen in ihrer Handtasche.

„Stell dich bitte an den Zaun.“ Sie schaltete die Kamera an und suchte die für das Licht passende Einstellung. „Schau in die Ferne. Als wäre ich nicht da. Und könntest du den Zopf aufmachen? Das wäre fantastisch. Danke schön.“

Makah gab ihr genau das, worauf sie hoffte. Sein Haar wehte im Wind, seine Haltung war entspannt, der Blick ging ins Leere. Graue Zeitlosigkeit lag über den schneebedeckten Hügeln. Seine Gestalt fügte sich in die Szenerie ein, als gehörte sie seit Ewigkeiten dazu wie der Himmel und das Gras. Er war eine Brücke zu längst vergangenen Zeiten. Perfekt. In jeder Hinsicht.

Sie fotografierte, bis ihr Finger wehtat. Mal warf Makah ihr einen rätselhaften Schulterblick zu, mal schwang er sich auf den Zaun oder lief durch den Schnee, den Blick zum Himmel gerichtet. Instinktiv wusste er, was sie wollte. Ein Naturtalent, keine Frage. Ihr Körper kribbelte und prickelte, ihre Seele jubilierte. Sie schoss ein Foto nach dem anderen und spürte, wie das Feuer der Leidenschaft durch ihre Adern jagte. Herrlich! Danach hatte sie gesucht. Genau danach!

Erst, als der Speicher nichts mehr aufnehmen konnte, sank Sara mit einem Seufzer der Zufriedenheit zusammen. Es war genau dieser Moment, nach dem sich ihr Fotografenherz gesehnt hatte. All die Jahre, seit sie zum ersten Mal einen solchen Apparat in die Finger bekommen hatte. Das Wissen, zur perfekten Zeit am perfekten Ort die perfekten Fotos zu schießen.

Die Bilder, die dein Schicksal sind.

Sie gelingen dir nur einmal und dann nie wieder.

So hatte es ihr Vater beschrieben. Ihm selbst war es nicht vergönnt gewesen, seine Passion zum Beruf zu machen. Er hatte nie die Bilder gefunden, die sein Schicksal waren. Umso glücklicher würde er sein, wenn er erfuhr, dass es seiner Tochter gelungen war.Sara sandte ein stummes Danke in den Äther hinaus, das hoffentlich ankam, egal wo ihr Vater gerade seine Pensionierung genoss.

„Einfach nur klasse!“ Sie drehte eine Pirouette. „Das war grandios.“

Makah gesellte sich zu ihr. „So grandios, dass du in Tränen ausbrichst?“

Verschämt wischte sie über ihre feuchten Augen. „Ein perfektes Foto bringt mich immer zum Weinen.“ Das war eine glatte Lüge. „Ich weiß nicht, warum, aber es fühlt sich an, als wenn … ach, verdammt.“

„Wie fühlt es sich an?“

„Als wäre die alte Zeit ganz nah.“ Sie kam sich noch nicht mal albern vor, als sie es aussprach. In seinem Blick lag Verständnis. Fast so etwas wie Faszination.

„Die alte Zeit?“ fragte er leise.

„Als das Land und die Menschen noch so waren, wie sie erschaffen wurden.“

Er wusste genau, was sie meinte. Und doch schien er verwirrt zu sein. Bewegungslos stand er vor ihr, bis er unvermittelt nach ihr griff und seine Arme um sie schloss. Es verschlug ihr den Atem. Sein Körper presste sich an ihren. Stark und warm.

Vertraut.

Sie kannte diesen Mann erst seit einer halben Stunde, und doch fühlte es sich richtig an, von ihm umarmt zu werden. Absolut und atemberaubend richtig. Sein Haar kitzelte ihre Wange, duftetenach Schnee und Rauch. Sie wagte kein Wort, keine Bewegung. Still und heimlich begann es wieder zu schneien.

„Ich kenne dich nicht“, sagte Makah. „Aber ich habe das Gefühl, niemanden je besser gekannt zu haben. Halte mich für verrückt. Aber so ist es.“

Er umfing ihr Gesicht mit beiden Händen, beugte sich vor und küsste sie.

Allmächtiger! Die Beine gaben unter ihr nach, als besäßen sie plötzlich keine Substanz mehr. Sie wäre zusammengesunken, hätte er sie nicht festgehalten und ihren Körper an seinen gedrückt. Der Geschmack seiner Lippen war betörend. Eine gewaltige Sehnsucht klaffte auf, als sie den Kuss erwiderte, sich für ihn öffnete und seine feuchte Wärme schmeckte.

Hör nicht auf. Bitte hör nicht auf.

Sie grub ihre Finger in sein Haar. Wollte ihn spüren, ihn an sich binden, irgendwie … doch nach viel zu kurzen Momenten wich er zurück. Sie schwankte. Erneut stiegen ihr die Tränen in die Augen. Niemand hatte sie je so geküsst. Es war atemberaubend gewesen. Vertraut. Unglaublich. Wenn sie sich jetzt aus den Augen verloren, würde sie die Sehnsucht niemals wieder loswerden.

Tu das noch mal. Halt mich fest. Halt mich einfach nur fest.

„Komm“, sagte Makah leise. „Ich bringe dich zurück.“

Auf dem Weg zum Hotel sprachen sie kein Wort. Sie wusste nicht, was sie fühlte, und wenn Makahs Schweigen bedeutete, dass es ihm genauso ging, machte das die Sache noch seltsamer.

Verlass mich nicht … verlass mich nicht …

„Wir sehen uns wieder“, sagte er an ihrem Ziel. „Ich weiß es.“

Saras Kehle zog sich zusammen. Verzweifelt schlug sie die Wagentür zu, klemmte sich die Tasche unter den Arm und rannte in Richtung Hotel. Tränen rannen über ihre Wangen. Nein, es war nur Schnee, der auf ihrem Gesicht schmolz. Sie ließ einen Fremden gehen, und doch fühlte es sich an, als würdesie ein Teil ihres Lebens verlieren.

Oben im Zimmer schälte sie sich aus der Kleidung, zog ein weißes Nachthemd über und ließ sich auf das Bett fallen. Die Stille schien zu schreien. Sie fühlte sich, als würde sie träumen und wärenicht fähig, aufzuwachen. Immer wieder sah sie dieselben Bilder, wenn sie die Augen schloss.Quanah, wie erauf seinem schwarzen Pferdthronte. Makah im Winterlicht. Die traurig in die Kamera blickende Naduah. Alte Schreibutensilien hinter Glas, deren Anblick ihr Herz mit sonderbarer Liebe flutete. Und wieder Makah. Der Schnee in seinem Haar. Sein Lächeln.

Er fuhr allein die weite Strecke in seinem uralten Pick-up. Auf sie wartete morgen der Flieger, der sie zurück in den Alltag bringen würde.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Frustriert fingerte sie nach der Kamera. Als sie sie einschaltete und auf die Bilderansicht wechselte, krempelte Sehnsucht ihre Eingeweide zusammen. Makah im zeitlosen Licht der frostigen Prärie. Seine Gestalt vor den verschneiten Hügeln. Melancholisch. Wunderschön. Wehmütig.

Das hier machte keinen Sinn, alles wurde nur schlimmer. Schlimm auf eine unerklärliche, tiefschürfende, grausame Art. Sie legte den Apparat beiseite und zog das Buch aus der Tasche. Lesen verschaffte Ablenkung. Oder auch nicht. Aus einem unerfindlichen Grund verwirrte sie das Bild des Mädchens am Fluss nur noch mehr. Was in aller Welt war los mit ihr? Zu viele Kopfschmerztabletten? Zu wenig Schlaf? Draußen heulte der Schneesturm, doch ihr wurde warm. Fast meinte sie, den Duft des Sommers wahrzunehmen. Wind säuselte, Schilf raschelte. Leises Wasserplätschern tropfte durch eine staubtrockene Stille. Da war das Bellen eines Hundes. Ihre Sinne trübten sich, und noch ehe das Buch auf ihre Brust hinuntergesackt war, schlief sie ein.

Cynthia, 1836

FortParker am Navasota River/Texas

A

ls der Tag sich dem Ende zuneigte, war alles friedvoll und erfüllt von sommerflüsternder Stille. Cynthia saß am Ufer des Flusses, vertieft in Träumereien, und plätscherte mit den Füßen im Wasser. Mückenschwärme tanzten über dem Schilf, gejagt von Schwalben, die aus dem tiefblauen, von Schäfchenwolken gesprenkeltenHimmel herabschossen, um Beute zu machen. Sommerwind zerzauste ihr langes Haar, das sie nur offen tragen durfte, weil sie noch ein Kind war, und er raschelte so seltsam in den Wipfeln der Baumwollpappeln, dass sie glaubte, der Wind und die Bäume unterhielten sich miteinander. Wovon sie wohl erzählten? Hatten sie schon hier gestanden, als man das Land noch gar nicht kannte? Vielleicht waren damals auch dort Pappeln, Wacholder und Eichen gewachsen, wo man jetzt die Felder bestellte. Vielleicht war hier früher alles voller Wald gewesen, und die Wilden mit den Tierhäuten und den Hörnern auf dem Kopf hatten darin gehaust.

Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Cynthia streckte sich. Jeder Muskel ihres Körpers schmerzte. Sie hatte bei der Kartoffelernte geholfen, das geschnittene Korn gemeinsam mit ihrer Cousine Rachel zu Garben gebunden, die Hühner gefüttert und die Kuh gemolken. Sie half so gut sie konnte, doch die Arbeit wurde niemals weniger. Ihr Vater ließ seinen Zorn an seiner Familie aus und fiel Abend für Abend todmüde ins Bett, ihre Mutter weinte sich in den Schlaf.

Ein Paradies hatte man ihnen versprochen, in dem sich einem mit wenig Mühe ein sorgloses Leben voller Überfluss eröffnete. Fruchtbares Land sollte es im Westen geben, Sonnenschein und Freiheit. Bekommen hatten sie etwas, das ihre Mutter als Vorhof der Hölle bezeichnete. Nichts war besser geworden. Nur schlimmer.

Aber in Momenten wie diesen, wenn der Fluss in der Abendsonne glitzerte, das Gras sich flüsternd wiegte und der Duft des Sommerabends aufstieg, dämmerte das Land so prachtvoll im goldenen Licht dahin, wie man es vom Paradies erwartete.

Cynthia hob einen Fuß aus dem Wasser und beobachtete, wie funkelnde Perlen von ihren Zehen tropften. Etwas keckerte ganz in der Nähe. Ein Streifenhörnchen, das durch das Geäst eines Ahornbaumes sprang. Wie gern wäre sie in seine Haut geschlüpft. Was taten diese Wesen weiter, als nach Essen zu suchen, zu spielen und zu schlafen? Manchmal klauten die Tierchen Nüsse aus der Schale, die auf dem Küchentisch stand, oder sie bedienten sich am Schweinetrog. Hin und wieder geriet auch mal eines in eine Falle oder wurde von einer Kornweihe erlegt, doch abgesehen davon war das Leben der Streifenhörnchen paradiesisch. Es war genauso paradiesisch wie das Dasein der Forellen, die in der Strömung des Flusses schwammen, oder wie das der Rotluchse, die in der Nacht um das Fort streiften.

Cynthias Gedanken begannen, um ihre Großmutter zu kreisen. Elenore war tot, obwohl sie noch lebte. Den ganzen Tag starrte die alte Frau ins Leere, als nähme sie nichts mehr wahr. Was, wenn sie sich bewegen und reden wollte, aber es nicht konnte? Die Vorstellung, im eigenen Körper gefangen zu sein, war so schrecklich, dass Cynthia nicht darüber nachdenken wollte. Leise sang sie ihr Lieblingslied, um die lebenden Toten aus dem Kopf zu vertreiben.

„Frà Martino, campanaro. Dormi tu? Dormi tu?Suona le campane, suona le campane!Din don dan, din don dan.”

Das Lied tröstete und tat weh. Ein Spanier hatte es ihr während der langen Wochen der Reise beigebracht. Kurz vor Erreichen ihres Ziels war er an einer Blutvergiftung gestorben. Cynthia vermisste ihn. Vor allem vermisste sie die Stimmung, die der Mann heraufbeschworen hatte, ganz gleich, wie mühsam der Tag gewesen war. Wenn am Abend viele Stimmen den Kanon gesungen hatten, waren in Cynthias Wahrnehmung die Glocken zu hören gewesen. Din don dan, din don dan. Alle hatten gelächelt. Alle waren glücklich gewesen. Für die Dauer des Liedes.

Ein Flusskrebs stakste gemächlich über die Kieselsteine. Cynthia beobachtete ihn voller Neid, so wie sie alle Tiere beneidete, die frei lebten. In ihren Träumen setzte ihr niemand Grenzen. Ihre Träume machten alles möglich, was die Wirklichkeit nicht zuließ. Was wäre, wenn sie jetzt einfach loslief? Auf den Horizont zu, so schnell, wie ihre Beine sie trugen? Immer weiter und weiter. Bis alles aufhörte.

„Abendessen!“, schallte die Stimme ihres kleinen Bruders zu ihr herüber. „Kommst du?“

Cynthia rollte mit den Augen. Die kostbare Zeit des Alleinseins war vorbei. Sie stand auf, streckte sich und klopfte den Staub von ihrem Baumwollkleid. Es war zerrissen und dreckig, aber niemand, am allerwenigsten sie selbst, störte sich daran.

Langsam ging sie, um noch eine Weile die Ruhe genießen zu können. Warm fühlte sich die staubige Erde unter ihren Füßen an, trocken und hart das Gras. Blickte man von hier aus auf das Fort, sah es friedvoll aus. Die Ansammlung wackliger Blockhäuser umsäumt von Mais-, Tabak- und Kornfeldern. Dahinter erstreckte sich in allen Gelb- und Brauntönenschimmernd die sonnenverbrannte Prärie. Eine Ebene aus mannshohem Büffelgras, die sich im Wind wellte wie das Meer und tausend Geheimnisse in ihren unendlichen Weiten verbarg. Man nannte sie die Great Plains. Die großen Ebenen.

Makah, 2011

„U

m Himmels willen!“ Isabella fiel aus allen Wolken, als sie die Tür öffnete. „Sag nicht, dass du in diesem Sturm die ganze Strecke gefahren bist?“

„Bin ich. Weil ich es nicht erwarten konnte, dir das hier zu geben.“Er schüttelte den Schnee aus den Haaren, zog ein Tütchen aus der Jackentasche und reichte es ihr.

Isabellas Gesicht entgleiste angesichts der Geldscheine, die sich darin befanden. Makah war stolz auf sich. Aber darüber würde er den höflichen Mantel des Schweigens decken.

„Das müssen doch mindestens … wie hast du das geschafft? Ach egal, komm erst mal rein. Wie bist du mit deinem Klappergestell überhaupt bis hierhergekommen?“

„Der Wagen würde mich nie im Stich lassen.“ Im Vorbeigehen fuhr er Isabella flüchtig über das Haar. Obwohl er kaum drei Jahre älter war als sie, fühlte er sich ihr gegenüber wie ein Vater. Sein Leben hätte er gegeben, um diese Frau zu beschützen. Niemand tat mehr für das Wohl ihrer Leute als sie. „Und was mein Geheimnis betrifft: Es beruht auf Charme. Ich habe mich eben von meiner besten Seite gezeigt.“

„Das glaube ich gern. Wie waren die Leute diesmal?“

„Ganz okay.“ Er zog Schuhe und Jacke aus, hing Letztere über die Garderobe und hielt auf das Sofa zu. Wärme war doch etwas Kostbares. Isabellas Häuschen brachte das Kunststück fertig, trotz billiger Sperrholzmöbel Komfort auszustrahlen. Vielleicht lag es daran, dass alles in Vanille- und Schokoladentönen gehalten war. Oder es waren ihre selbstgenähten Vorhänge samt den unzähligen Kunstgegenständen.

„Es gab jede Menge Esoterikfans und Rucksacktouristen.“ Mit einem Stöhnen fiel er in die braunen Polster des Sofas. Es würdemindestens eine Bombenexplosion brauchen, um ihn wieder zum Aufstehen zu bewegen. „Sie haben mir die Sachen nur so aus den Händen gerissen.“

„Es ist nichts mehr übrig?“

Im Licht der grellen Deckenlampe sah Isabellas Gesicht erschreckend hager aus. Für ihre zweiunddreißig Jahre sah sie zu alt aus.Während sie in ihren Küchenschränken wühlte, beobachtete Makah, wie sich ihr knochiger Körper unter dem schwarzen Wollkleid bewegte.

„Du hast alles verkauft? Restlos?“

„Yep. Alles weg.“ Müdigkeit überdeckte seine Sorgen um Isabella. Wenn er jetzt die Augen schloss, würde er bis morgen Mittag durchschlafen. Ein herrlicher Gedanke. Sein Kopf schwankte, während er angestrengt versuchte, nicht ins Koma zu fallen. Bilder zuckten durch seinen Kopf. Vergilbte Fotos von Quanah und Naduah. Sara, wie sie vor der Vitrine stand und mit den Tränen kämpfte. Sara, wie sie Quanah anstarrte, als erschütterte sie sein Anblick zutiefst. Das Zittern ihrer Hände, das Glitzern in ihren Augen. Eine abgegriffene Schreibfeder, die in ihm den Drang ausgelöst hatte, sie zu streicheln und nach einem Echo der Seele ihres Besitzers zu forschen. Geschriebene Worte auf altem Papier, die ihn mitten ins Herz trafen.

„Wahnsinn“, sagte Isabella wie aus weiter Ferne. „Willst duTee? Oder lieber Kaffee?“

„Dein Kaffee schmeckt wie Erdöl. Lieber Ersteres.“

„Hast du Hunger?“

„Machst du Witze? Hörst du es nicht?“

„Was?“

„In meinen Eingeweiden sind zwei Dutzend Kojoten eingesperrt. Ich habe mich nicht getraut, irgendwo anzuhalten, weil sonst der Wagen nicht mehr angesprungen wäre. Das Thermometer zeigte minus einundzwanzig Grad.“

„Verrückter Kerl.“

Isabella kramte Holzbrettchen, zwei Töpfe und eine Schüssel hervor. Dazu packte sie Gemüse, Süßkartoffeln und einen Tupperware-Behälter voll kleingeschnittenem Fleisch. Allein der Anblick ließ seinen Magen mit der Lautstärke eines Gewitters rumoren.

„Ich habe mit der Hälfte gerechnet“, sagte Isabella. „Hundert Dollar allerhöchstens. Hattest du viele Fans?“

„Es ging so.“ Er quälte sich hoch, obwohl keine Bombe explodiert war, nahm ein Messer aus der Schublade und machte sich daran, die Süßkartoffeln zu zerschneiden. Isabella lächelte ihm dankbar zu. „Zwei Frauen aus Frankreich brachten es fertig, den ganzen Tag auf der Bank vor meinem Stand zu sitzen und zu starren. Am Abend wollten sie mir etwas andrehen, was sich vegane Soja-Dinkel-Bratlinge schimpfte.“

„Hast du’s genommen?“

„Bist du des Wahnsinns? Dann trinke ich lieber deinen Kaffee.“

Isabella stieß ein Brummen aus und goss Öl in die Pfanne. Ihre Erschöpfung war schier greifbar, doch es brachte nichts, diese Frau in Schranken zu weisen. Die Besessenheit, eine bessere Welt zu erschaffen, würde ihr Untergang sein. Wie auch er es tat, steckte sie alle Energie in Projekte, die das Leben im Reservat verbessern sollten, aber Isabella gehörte zu den ewig frustrierten Menschen, für die ein Glas Wasser grundsätzlich halb leer und nie halb voll war. Früher hatte auch er zu diesen Exemplaren gehört. Aber er hatte gelernt, die Dinge zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Das hatte er seinem Vater zu verdanken. Makah erlaubte sich wehmütige Erinnerungen und dankte ihm stumm. Mit einem schlichten Grundsatz war es seinem Vater gelungen, ein zufriedenes Leben zu führen. Selbst dann noch, als der Krebs ihn und seine Frau dahingerafft hatte.

Denke nicht daran, was du nicht hast. Freue dich lieber an dem, was du hast.

Dieser Grundsatz hatte Makah mehr Zufriedenheit als alles andere geschenkt. Nie hatte er einen Menschen kennengelernt, der so viel inneres Glück ausstrahlte wie sein Vater. Weder Armut noch Krankheit oder Verlust hatten ihm die Freude am Dasein nehmen können. Für ihn war alles Schicksal gewesen. In allem lag ein Sinn.

Fürchte nicht die Zukunft, war eine weitere seiner Weisheiten gewesen. Sie führt dich an den Ort, an dem du zu Hause bist. Wo du immer zu Hause sein wirst. Es gibt nichts, vor dem du Angst haben musst. Glaub mir, wir sehen uns wieder.

Fürchte nicht die Zukunft. Einfach gesagt, schwer umzusetzen. Seine Gedanken wanderten ein wenig weiter, zurück in die Zeit, an die er sich grundsätzlich nur ungern entsann. Nach dem Tod seiner Eltern war er grandios an den Weisheiten seines Vaters gescheitert und in ein tiefes Loch gefallen. Es hatte eine Weile gedauert, bis er erkannt hatte, was wirklich zählte. Im Nachhinein tröstete er sich mit dem Gedanken, dass es keine Rolle spielte, wie oft man gestürzt war. Viel wichtiger war es, dass man es schaffte, wieder aufzustehen. Anstatt unerreichbaren Zielen nachzujagen und sich dafür zu hassen, die Schule abgebrochen zu haben, war er neben seiner Arbeit für den Ranchbesitzer Martin Ross auch Isabellas rechte Hand geworden. Menschen waren auf ihn angewiesen und warteten jeden Tag darauf, dass er zu ihnen kam. Er machte ihr Leben besser, und die Dankbarkeit, die man ihm dafür entgegenbrachte, erfüllte ihn mit tiefer Zufriedenheit.Alles war so, wie es sich seine Eltern für ihn gewünscht hatten.

Im Geiste hörte er Isabella kontern. „Aber vielen Bewohnern unseres Dorfes geht es beschissen. Es gibt schreiende Ungerechtigkeiten an allen Ecken und Enden.“

Wir tun, was immer wir tun können, um den Menschen das Leben zu erleichtern, antwortete er in Gedanken. Darin lenken wir unsere Energie, anstatt sie an Pläne zu verschwenden, die sowieso utopisch sind.

Leider, und hier versagte das Prinzip seines Vaters, konnte er Isabella nichts von diesen Überzeugungen abgeben. So oft hatte er versucht, seine Freundin aufzubauen. So oft hatte er ihr seine Art, die Dinge zu sehen, nahegebracht. Vergeblich.

Seine Gedanken schweiften zum tausendsten Mal an diesem Abend zu der Frau aus dem Museum ab. Mein Gott, er hatte sie tatsächlich geküsst. Und dann die Erlaubnis, ihn zu fotografieren. Noch dazu für einen Bildband, der möglicherweise bald in sämtlichen Buchläden des Landes auslag. Was war nur in ihn gefahren? Seine Forschheit verblüffte ihn im Nachhinein, doch er bereute es nicht. Im Gegenteil. Dachte er daran, wie Sara sich angefühlt hatte, wie sie geschmeckt hatte, spielten seine Hormone verrückt. Zu gern hätte er ihr kurzes Beisammensein weiter ausgeführt. Aber das wäre sinnlos gewesen. So, wie ihn seine Pflichten festhielten, führten die ihren sie nach New York zurück.

Sara. Was für ein wundervoller Name. Er passte zu ihren weichen, bernsteinfarbenen Locken und den türkisblauen Augen.Noch immer spürte er ihren Kuss. Spürte ihren Körper, roch ihren Duft, hörte ihr Seufzen. Er kam sich vor wie ein verliebter Teenager, schlimmer noch, sie hatte in ihm etwas ausgelöst, das sich seiner Kontrolle entzog. Es war, als würdeer den Boden unter den Füßen verlieren. Oder als wäresie das fehlende Teil eines Puzzles, das er zeit seines Lebens versucht hatte, zusammenzusetzen. Nur, dass er erst heute erfahren hatte, dass dieses Puzzle überhaupt existierte.

Wie bescheuert.

„Autsch!“

Isabellas Stimme riss ihn in die Wirklichkeit zurück. „Was?“

„Du hast dir fast den Finger abgesäbelt.“

Sie deutete auf seine linke Hand. Ein Schnitt prangte auf seiner Daumenwurzel. Nicht tief, aber heftig blutend.

„Mist. Ich saue dir das Holzbrett ein.“ Mehr fiel ihm nicht dazu ein. Vermutlich hielt sein Gehirn nach der langen Fahrt nur noch notdürftig die Grundfunktionen aufrecht. Schmerzempfinden gehörte nicht dazu.

„Komm. Ich verarzte dich.“

Er ließ sich von Isabella auf einen der Küchenstühle bugsieren und fühlte sich wie ein mit Wasser vollgesogener Mehlsack. Zahllose Male war er von ihr zusammengeflickt worden. Sei es, weil er zu leidenschaftlich mit seinem Schnitzmesser hantiert hatte oder weil bei den Heimwerkerarbeiten, zu denen man ihn täglich rief, irgendetwas schiefgelaufen war. Diese Frau gehörte zu seinem Leben. Trotzdem lag es jenseits seiner Vorstellungskraft, mit ihr eine Beziehung einzugehen.

„Das ist ein Kinderpflaster, Isabella.“

„Ja und?“

„Es befinden sich blaue Eichhörnchen darauf. Damit kann ich mich nicht unter die Leute wagen. Du willst meinen Ruf ruinieren, was?“

„Welchen Ruf? Etwa den, dass du ewige Keuschheit geschworen hast? Oder den, dass du vom anderen Ufer bist?“

Plötzlich war er ein kleines Stück wacher. „Wie bitte?“

„Was erwartest du? Deine erfolglosen Verehrerinnen reden sich die Münder fusselig, woran es liegen könnte, dass du gegen weibliche Reize immun bist.“

Na bitte. Immerhin ein kleiner Fortschritt bei dem Versuch, in seine Freundin einen Hauch Lebensfreude zurückzubringen. Prüfend bewegte er seinen Daumen, auf dem nun blaue Eichhörnchen grinsten, während Isabella an den Tresen zurückkehrte und weiterschnippelte.

Der zaghaft erwachende Schmerz stieß etwas in seiner Erinnerung an. Sein Blick fiel auf das Kriegsschild, das ihm gegenüber an der Wand hing.

Déjà-vu!

Genau diesen Moment glaubteer, schon einmal erlebt zu haben. Der Geruch nach verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase. Dahinter der Duft nach Pferd, Salbei und Leder. Irgendwo in der Ferne erklangen Trommeln.

Alles klar.

Makah rieb sich die Schläfen. Er halluzinierte vor Erschöpfung. Oder es war der Blutverlust. Das Holzbrett sah aus, als hätte man darauf ein Dutzend Eichhörnchen filetiert.

„Bella“, murmelte er verwirrt, „es könnte sein, dass demnächst jemand bei dir auftaucht und nach mir fragt.“

„Was meinst du? Hast du jemanden kennengelernt?“

Er stutzte. Der Geruch wurde so intensiv, dass er in seiner Nase biss. „Ich glaube, das Fleisch brennt an.“

„Ich habe es noch gar nicht in die Pfanne getan. Wovon hast du gerade geredet?“

Er blinzelte. Vor seinen Augen begann es, zu flimmern. Körper und Geist starteten einen Rachefeldzug, der längst überfällig war, wenn er an den Stress der letzten Tage und Nächte dachte. Na wunderbar. Er sorgte sich wegen Isabellas Burnout und war selbst keinen Deut besser dran. Soviel zu seiner Überzeugung, er sei topfit.

„Eine Frau. Ich traf sie im Museum.“

„Diese Sonderausstellung, zu der du unbedingt wolltest?“

„Ja.“

„Und du hast deine Bekanntschaft hierher eingeladen?“

„Nein.“ Warum klang ihre Stimme plötzlich so kalt? „Nicht direkt. Aber vielleicht wird sie nach mir suchen.“

„Aha.“

Isabellas Gesten wurden fahrig. Er überlegte, sie darauf anzusprechen, doch für heute trachtete er nur noch nach zwei Dingen: einer warmen Mahlzeit und einemwarmenBett. Wie hatte der Volksmund Mark Twains Zitat so schön verändert? Was du heute kannst besorgen, verschiebe ruhig auf übermorgen.

„Wenn sie kommt, schick ich sie zu dir.“ Isabellas Stimme versuchte kläglich, Eifersucht mit Höflichkeit zu tarnen. „Jetzt gibt’s erst mal was zu essen. Sonst fällst du mir noch vom Fleisch.“

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, lehnte er sich zurück. Sämtliche Knochen taten ihm weh. Dank jahrelanger harter Arbeit hielt er eine Menge aus, aber der nicht enden wollende Winter brachte ihn an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Ein warmes Bad wäre genau das, was er brauchte. Die krankhaft romantische Witwe nebenan besaß eine fantastische Wanne. Aber wenn er sie benutzte, würde sie vermutlich die Badezimmertür mit einer Axt in Kleinholz verwandeln, um an ihn heranzukommen.

„Die Kältewelle soll bis Ende kommender Woche andauern“, sagte er zwischen zwei herzhaften Gähnern. „Für die nächsten Tage haben sie wieder Blizzards angekündigt. Diesem Land scheint entgangen zu sein, dass man es für seine milden Winter rühmt.“

Isabella pfefferte das Fleisch in die Pfanne, dass es nur so spritzte. „Habe ich gehört. Morgen bekommen wir noch mal eine Holzspende. Zwei Anhänger voll, die aufgeteilt werden müssen. Von dem Geld, das du mitgebracht hast, besorgen wirHeizöl. Ich gebe gleich morgen früh die Bestellung auf. Ach ja, und bei der armen Julie ist das Dach unter dem Schnee zusammengebrochen. Du wirst gleich morgen zu ihr fahren müssen.“

„Julie?“ Na wunderbar. Da war sie, die krankhaft romantische Witwe mit der fantastischen Badewanne. „Als ich vorgestern ihre Lampe repariert habe, starrte sie mir die ganze Zeit auf den Hintern. Und woanders hin.“

„Sie ist seit zwei Jahren allein. Sieh’s ihr nach.“ Isabella wischte sich mit dem Handrücken das Haar aus der Stirn und fuhr zu ihm herum. Verzweiflung verdunkelte ihren Blick. „Makah, da draußen erfrieren Leute. Ich habe erfahren, dass die Sozialhilfen noch weiter gekürzt werden sollen, um die Empfänger zum Arbeiten zu zwingen. Aber es gibt kaum Arbeitsstellen und wenn, sind sie mies bezahlt. Wo soll das noch enden? Ich kann nicht mehr. So sieht’s aus. Ein Schritt vorwärts, fünf Schritte zurück. Das ist mein Leben.“

Er erhob sich und ging zu ihr. Isabella sank in seine Arme und ließ ihn zum ersten Mal spüren, wie müde sie war. Ihr geflochtener Zopf streifte seinen Arm. Lange würde seine Freundin ihre Last nicht mehr tragen können. Aber wie sollte er ihr helfen? Seine gesamte Kraft legte er ihr bereits zu Füßen. Selbst wenn sie ihn mitten in der Nacht rief, kam er zu ihr. Ob er vor Müdigkeit kaum geradeaus gehen konnte oder nicht. Ob er krank war oder nicht. Mehr zu tun, als er bereits leistete, war kaum möglich. Es sei denn, er kämeganz ohne Schlaf aus. Würde er doch nur über Giraffengene verfügen. Wie er gelesen hatte, genügten diesen Geschöpfen vier Minuten Schlaf am Tag.

„Denk nicht daran, was du nicht schaffst, Bella. Konzentriere dich auf deine Erfolge. Davon kannst du jede Menge verzeichnen. Ohne dich ginge es den Menschen hier sehr viel schlechter. Sie vergöttern dich. Sie brauchen dich.“

„Ich weiß.“ Ihre knochigen Arme lagen gewichtslos auf seinen Schultern. „Aber es ist schwer, noch aufrecht zu gehen. Nur du gibst mir die Kraft.“

Jedes weitere Wort blieb ihm im Hals stecken. Er wiegte Isabella wie eine Tochter, ließ sie in sein Hemd schluchzen und versuchte, seiner Hilflosigkeit nicht Tür und Tor zu öffnen. Sein Vater hatte einiges an ihn vererbt, aber nicht seine fast magische Fähigkeit, andere Menschen mit seiner Zufriedenheit anzustecken. Hinter der Stille des Hauses glaubte er, Gras rauschen zu hören. Doch das war unmöglich. Es lag tiefer Schnee.

„Ruh dich aus.“ Isabella löste sich mit einem gequälten Laut von ihm. „Für dich gibt es nichts mehr zu tun. Und vergiss einfach, dass ich … ach shit, ich wollte dich nicht mit runterziehen.“

„Ich bin immer für dich da. Das weißt du hoffentlich.“ Makah plumpste auf das Sofa. Kaum nahmen ihn die weichen Polster auf, schaltete sein Gehirn auf Durchzug. „Du kannst dich jederzeit bei mir ausweinen“, nuschelte er im Halbschlaf. „Immer und überall.“

Er gähnte, schloss die Augen und spürte innerhalb von Sekunden, wie der Schlaf an ihm zog. Unmöglich, noch mal aufzustehen. Unmöglich, wach zu bleiben.

Nocona, 1836

N

ocona fand keine Ruhe.

Allein Mahtowins Stimme, die sich über das Prasseln des Feuers erhob, besänftigte seinen aufgewühlten Geist. Hier saß er zwischen all den Kriegern, deren Körper so prachtvoll mit den Zeichen ihres Stammes bemalt waren, atmete die Hitze der Nacht ein und war im Begriff, endlich ein Mann zu werden. Wie würde es sein, das Töten? Viele Jahrehatte er gemeinsam mit Zuzueca, seinem Vater, trainiert. Nocona wusste, dass er gut war. Aber war er gut genug, um im Krieg gegen die Gelben Haare zu bestehen? Nun, er würde es herausfinden. Sein Drang, sich zu beweisen, machte ihn halb verrückt vor Ungeduld. Noch besaß er keinen Schutzgeist, und das, obwohl er bereits fünfzehn Sommer zählte. Seine Visionssuche mochte vergebens gewesen sein, aber er fühlte sich mehr als bereit für den Kampf. Niemals würde er zurückbleiben. Er war alt genug, und er wollte den Kriegern beweisen, dass er würdig war, in ihre Kreise aufgenommen zu werden.

Adlerfedern, an Kriegslanzengeknüpft, wehten im Nachtwind. Neben ihm lag ein Schild, das man mit der dicken Nackenhaut eines Bisons bezogen hatte, darauf glänzte die Axt im Feuerschein, mit der er heute zum ersten Mal die Schädel seiner Feinde spalten würde. Nocona betrachtete den Schnitt an seiner Daumenwurzel, den er sich an der scharfen Schneide zugezogen hatte.

„Wem man mit einer solchen Waffe den Schädel spaltet“, hatte sein Vater ihm erzählt, „der stirbt sofort und so schnell, dass der Geist manchmal noch tagelang umherirrt, weil er nicht begreifen kann, dass sein Körper tot ist. Aber einmal gab es einen weißen Trapper, der mit der Axt im Schädel einfach weitergelaufen ist. Am Ende hat er sich die Waffe selbst aus dem Gehirn gezogen und den Brei von der Klinge gewischt, bevor er starb.“

Nocona war nicht sehr wohl, als dazu passende Bilder durch seinen Geist zuckten. Er zog die Beine an, legte die Arme um die Knie und konzentrierte sich auf Mahtowins Stimme. Die Wärme der Flammen kroch über seinen Körper, der bis auf einen Lendenschurz aus Gabelbockleder nackt war.

„Erst das Pferd“, erzählte die Medizinfrau, „hat die Nunumu zu dem gemacht, was sie sind. Unsere Vorfahren gaben ihm den Namen Büffelhund, weil sein struppiges Fell an räudige Hunde erinnerte und seine Gestalt an einen jungen Büffel. Sie töteten und aßen die Pferde, weil sie noch nicht ahnten, welche Kraft in ihnen verborgen lag. Doch als der erste Nunumueines von ihnen zähmte und mit ihm über die Prärie ritt, wurde das Band geknüpft, das für uns heute heilig ist. Die Pferde legten unserem Volk den Wind zu Füßen. Sie befreiten uns. Denn mit ihnen konnten wir jagen, so schnell wie die Wölfe. Wir konnten auf ihren Rücken fliegen, so weit wie die Adler, und wenn wir unsere Lager abbrachen, um den Herden zu folgen, mussten wir nicht mehr befürchten, dass die Last zu schwer wurde. Unsere kleinen Zelte wurden größer und prächtiger. Bald konnte eine vielköpfige Familie gut darin leben und im Winter auch die Pferde zu sich nehmen. Wir mussten unsere Alten und Kranken nicht mehr zurücklassen, wenn wir weiterzogen. Das Land öffnete weit seine Arme für uns, und Stämme, die sich nie zuvor gesehen hatten, begegneten einander. Wir lernten voneinander und gelangten zu immer größerem Wissen und immer größerer Stärke. All das verdanken wir den Pferden. Deshalb schützt sie, als wären es eure Kinder. Dankt ihnen jeden Tag und erinnert euch daran, wie schwach wir einst waren. Wenn sie heute Nacht sterben, ehrt sie wie gefallene Krieger und befreit ihre Seele, so wie ihr die Seelen eurer Liebsten befreien würdet. Bringt ihre Herzen mit, damit wir sie am Fluss begraben können.“

Mahtowin verstummte und schloss ihre Augen, ein Zeichen dafür, dass sie heute Abend nichts mehr sagen würde. Gespräche wurden wieder aufgenommen. Jemand spielte auf einer Flöte, im Gras sangen die Zikaden und vollendeten das Lied, das der Wind und die Ziegenmelker sangen.

„Wir werden sie niederbrennen“, rief ein Krieger. „Nichts wird übrig bleiben. Kein Mann, keine Frau, kein Kind. Lasst uns ihre Saat vernichten. Wir sind die Feuersbrunst, die das Land reinigt.“

„Es wird sein“, riefein anderer, „als hätten sie es niemals gewagt, ihr Fort auf unserem Land zu errichten. Tod den Haarlippen und ihrer Brut.“

„Mein Messer wartet schon darauf, ihre Kopfhaut abzuziehen.“Sein Vater ließ die Klinge schwungvoll durch die Luft sirren. Hass verzerrte sein Gesicht, als er sich mit der freien Hand auf die Brust schlug. „Ihr Blut wird die Erde tränken und sie düngen. Dort, wo die Haarlippen unser Land zerstört haben, wird das Gras höher denn je wachsen!“

Noconas Blut begann zu kochen. Oh ja, sie würden den Weißen zeigen, dass sie sich den Falschen zum Feind genommen hatten. Niemand, der klaren Verstandes war, legte sich mit den Kriegern der Nunumu an. Sie waren die Schrecken der Nacht, die lautlos kamen, den Tod säten und ebenso lautlos wieder verschwanden. Kein Gelbes Haar würde mehr die Erde mit seinen Hacken aufreißen, das Wild vernichten und hässliche, eckige Hütten bauen. Die Eindringlinge wussten es noch nicht, aber sie waren bereits tot.

Obwohl er keinen Hunger verspürte, füllte er seine Schale mit dem Eintopf, den seine Mutter aus gesalzenem Pemmikan, wilden Rüben und Erbsen zubereitet hatte. Petas sanfte Augen ruhten auf ihm. Eine Verzweiflung lag in ihrem Blick, die er ihr nicht nehmen konnte.

Morgen schon würde er kein Junge mehr sein, sondern ein Krieger. Oder er war tot. Ein Hauch von Beklemmung durchdrang seine Kampflust. Schmerzen waren es nicht, die er fürchtete. Keine körperliche Qual konnte schlimmer sein als der Gedanke, seine Familie niemals wiederzusehen. Vielleicht würde er nie wieder in sein Dorf zurückkehren und nie wieder am Feuer sitzen, sondern auf einem Schlachtfeld verbluten. Vielleicht würden die Weißen ihn in eines ihrer Gefängnisse stecken und ihn im Morgengrauen an einem Galgen aufknüpfen. Nocona erinnerte sich an seineKrankheit im letzten Winter, die fast sein Leben gefordert hatte. Der Fieberwahn, der ihn zwischen den Welten festgehalten hatte, war nur von einem erfüllt gewesen. Dunkelheit. Da waren keine sonnenüberfluteten Jagdgründe gewesen. Kein Licht und keine Wärme. Keine Büffelherden, die auf saftigen Ebenen grasten und keine geliebten Menschen, die einen empfingen. Nur finstere Leere, die ihn mit Entsetzen erfüllt hatte.

Ein weiches Maul berührte seinen Rücken und holte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Es glitt hinauf zu seinen Schultern, grub sich in sein Haar und schnaufte behutsam hinein.

„Tatezi.“ Nocona kraulte das Stirnhaar seines rauchgrauen Hengstes. „Mach dir keine Sorgen. Wir werden mit großer Ehre zurückkehren. Ich werde ab morgen ein Mann sein und du mein tapferes Kriegspferd.“

Das Tier schnaubte, schüttelte seine schwarze Mähne und kehrte zur Herde zurück, die am Rande des Dorfes graste. Der Gedanke, Tatezi im Hagel aus Kugeln, Pfeilen, Lanzen und Äxten zu verlieren, steigerte seinen Zorn auf die Haarlippen, die in die Ebenen strömten wie eine gierige Heuschreckenflut. Der Hengst und er waren gemeinsam aufgewachsen. Als Kind hatte er seinen Kopf auf den warmen Hals des Pferdes gebettet, um mit dem Gefühl und dem Geräusch seines Atems einzuschlafen. Er war auf seinem Rücken zum ersten Mal durch die Wälder südlich der großen Ebenen gestreift. Wenn das Schicksal es gut mit ihnen meinte, würden sie gemeinsam wohlbehalten heimkehren. Er musste töten, um nicht selbst getötet zu werden. Er musste die Eindringlinge vertreiben, weil man sonst sein Volk vertreiben würde. Die Geister waren auf ihrer Seite und würden ihnen den Sieg schenken.

Ungeduldig warf er die halbvolle Schale in das bereitgestellte Tongefäß, stand auf und verließ den Festplatz. Gleich würden die Kriegstänze beginnen, aber noch war er kein Krieger und seine Teilnahme an diesem Ritual nicht gestattet. Es gab nichts, das ihn noch hier hielt. Wenigstens während der letzten Momente wollte er allein sein und Zwiesprache mit der Stille halten.

Nocona ließ das Dorf hinter sich. Auf einem Hügel, wo ihm die Halme bis zur Brust reichten, wandte er sich um und betrachtete den Schein der Feuer. Sie malten einen goldenen Kreis in die Nacht und flackerten auf den bunt bemalten Tipis. Um das Dorf herum erstreckte sich unter dem Schein des Mondes nichts als Weite. Wind fuhr durch sein langes Haar wie unsichtbare Finger. Die tröstende Berührung des Großen Geistes, der ihm vermittelte, dass sie alle nur einem Pfad folgten. Dem ihres Schicksals. Noconas Blick schweifte durch die Nacht. Einschläfernd bewegte sich das Büffelgras unter dem sternengesprenkelten Himmel. Sein alles erfüllendes Rauschen schwoll auf und ab, tröstete seine Seele und trug sie hinaus in seine Heimat, deren Endlosigkeit ewig war und immer ewig sein würde.