Beschreibung

Waries Dirie kehrt nach 20 Jahren erstmals nach Somalia zurück und trifft ihre Familie wieder. Nach so langer Zeit im Westen werden die Ankunft in ihrer Heimat und vor allem die Wiederbegegnung mit ihrer Mutter für Waris zur Herausforderung, sich mit ihrem früheren und ihrem neuen Leben auseinanderzusetzen. Waris Dirie vermittelt in der faszinierenden Fortsetzung ihrer Autobiographie "Wüstenblume" eine fesselnde und bewegende Sicht auf das Leben in ihrer Heimat: auf den Reichtum an großartigen Traditionen, aber auch auf die archaischen Rollenvorstellungen, die vor allem den Frauen noch heute grausame Fesseln anlegen.

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Seitenzahl: 368


Waris Dirie

Nomadentochter

Ins Deutsche vonTheda Krohm-Linke

Knaur e-books

Über dieses Buch

Waries Dirie kehrt nach 20 Jahren erstmals nach Somalia zurück und trifft ihre Familie wieder. Nach so langer Zeit im Westen werden die Ankunft in ihrer Heimat und vor allem die Wiederbegegnung mit ihrer Mutter für Waris zur Herausforderung, sich mit ihrem früheren und ihrem neuen Leben auseinanderzusetzen. Waris Dirie vermittelt in der faszinierenden Fortsetzung ihrer Autobiographie »Wüstenblume« eine fesselnde und bewegende Sicht auf das Leben in ihrer Heimat: auf den Reichtum an großartigen Traditionen, aber auch auf die archaischen Rollenvorstellungen, die vor allem den Frauen noch heute grausame Fesseln anlegen.

Inhaltsübersicht

Vorwort1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. KapitelEine BitteBildteilLeseprobe »Wüstenblume«
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Ein Mann kam zum Boten Gottes und sagte: »O Bote Gottes, wer hat meine Freundschaft am meisten verdient?« Der Prophet sagte: »Deine Mutter.« Der Mann fragte: »Und wer danach?« Der Prophet sagte: »Deine Mutter.« – »Wer danach?«, fragte der Mann wieder. Der Prophet sagte: »Deine Mutter.« – »Und wer dann?«, fragte der Mann. »Dann dein Vater.«

Somalische Überlieferung des Propheten Mohammed

Vorwort

Bitte schnallen Sie sich an, stellen Sie Ihre Lehne hoch, wir erwarten Turbulenzen«, hörte ich die Stimme des holländischen Piloten der KLM-Maschine auf dem Weg von Amsterdam nach Cardiff in Wales. Neben mir saß Aleeke, mein geliebter Sohn, der wie gebannt auf die Fensterscheibe blickte, auf welche Regentropfen prallten und sich wie kleine durchsichtige Äderchen verteilten.

Instinktiv legte ich meinen Arm schützend um mein Kind und zog es an mich. »Hab keine Angst, Aleeke, das ist nur ein kleines Gewitter, und bald sind wir da, in unserem neuen Zuhause.« Er presste seinen kleinen Kopf ganz fest an meine Brust, und ich konnte seinen Atem spüren.

Unser neues Zuhause und der Beginn eines weiteren Kapitels in meinem aufregenden Nomadenleben. Wie oft habe ich diese Worte in den letzten Jahren zu mir gesagt.

Ich spürte ein starkes Gefühl in mir hochkommen. Es war keine Trauer oder Angst, eher Aufregung vor dem neuen, unbekannten Ort, der bald unsere Heimat werden sollte. Aber vielleicht war ich auch einfach nur müde, ich hatte die letzten Nächte kaum geschlafen. Zu viele Gedanken schwirrten in meinem Kopf herum.

Ich erinnerte mich an die Geburt Aleekes in den USA. An Brooklyn, New York, an den Ort, den wir die letzten Jahre unsere Heimat genannt hatten. An meine Familie in Somalia, die ich endlich wiedersehen konnte, die übergroße Sehnsucht an ein gemeinsames Leben mit meinen Verwandten und an die letzten Wochen in Amsterdam, im Haus meines Bruders Mohammed.

Doch jetzt wollte ich weg. Nur mit meinem Sohn. Ein neues Leben mit ihm aufbauen. Einfach nur wir beide. An einem Platz, an dem wir unsere Ruhe haben würden und in Frieden miteinander leben könnten. Keine exklusiven Modeljobs, Castings, Fotoshootings und Fashionweeks. Ich hatte genug von dieser oberflächlichen und glamourösen Modewelt. Und ich brauchte auch dringend Ruhe und Abstand von meinem Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, kurz: FGM), den unzähligen Interviews, Fernsehauftritten und Präsentationen, in welchen ich meine intimsten Gefühle offenbaren musste.

Oft fühle ich mich mit meiner selbstgestellten Aufgabe überfordert, gegen FGM– das schlimmste Verbrechen, das man einer Frau antun kann – zu kämpfen. Am liebsten würde ich manchmal einfach vor mir selbst und meinem Leben weglaufen. Ich musste einfach nur weg. Ich brauchte Ruhe. Weg von meinem Leben, meiner Berühmtheit und von den vielen Menschen, die mich täglich auf mein Schicksal ansprechen.

Jetzt saß ich mit meinem kleinen Sohn in diesem Flugzeug auf dem Weg in ein neues Leben.

Cardiff, Wales – über diesen Ort wusste ich nicht viel. Meine beste Freundin in New York hatte mir diese Stadt empfohlen. Sie erzählte mir von der saftigen grünen Landschaft, in der sich viele Künstler, Literaten und Musiker angesiedelt hatten. Dies schien der richtige Ort zu sein, um meine Batterien aufzuladen. Und ich wusste von meinem Bruder Mohammed, dass in Cardiff mehr als 20 000 Somalis lebten, und ich hoffte damit ein Stück Heimat in Europa zu finden.

Meine gesamte Energie war in den letzten Monaten in mein neues Buch Nomadentochter geflossen, das in vielen Ländern vor kurzem auf den Markt gekommen war. Die Arbeit an diesem Buch hatte mich sehr viel Kraft gekostet. Die Gefühle, die Erinnerungen und die Bilder, die vor meinem geistigen Auge vorbeizogen. Von meinem Geburtsort, meiner Familie, der Zwangsheirat und der Flucht. Ob ich das jemals vergessen kann?

Aber eines stand fest. Ich brauchte neue Energie. Viele Interviews, Fernsehauftritte und Präsentationen würden auf mich zukommen, in jenen müsste ich erneut über meine seelischen und körperlichen Verletzungen reden.

 

Oft wache ich in der Nacht schweißgebadet von Albträumen auf, durch die schrecklichen Schreie der gequälten Mädchen, deren Genitalien aus purer Angst vor weiblicher Sexualität und Emanzipation verstümmelt und zerstört worden waren. Wann immer mich das Gefühl überkam, keine Kraft mehr zu haben, gaben mir die vielen unschuldigen Mädchen Antrieb weiterzumachen.

Die unsanfte Landung in Cardiff riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte aus dem Fenster und sah nur Nebel und Regen. Keine Landschaft, keine Häuser, nicht einmal das Flughafengebäude war zu erkennen. »Mama, sind wir da?«, fragte Aleeke. »Ja!«, antwortete ich und blickte in diese Nebelsuppe und eine ungewisse Zukunft. »Zieh deine Jacke an, mein Kind. Es ist sehr kalt draußen, und vergiss bitte nicht, deinen Teddybären einzupacken«, sagte ich mit sanfter Stimme zu meinem kleinen Engel.

Am Flughafen holte uns Thomas, ein walisischer Freund einer Bekannten, ab. Er nahm unsere Koffer und packte sie sorgfältig in den Kofferraum. Thomas hatte für uns ein Haus am Stadtrand gefunden und fuhr uns in unser neues Heim.

Es war bereits dunkel, und ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. Dichter Nebel hing in der Stadt, und obwohl ich mich bemühte, konnte ich kaum die Gebäude erkennen. Nach ungefähr einstündiger Fahrt bog Thomas in eine kleine Seitenstraße ein. Er drehte sich um, blickte über seine Schulter und sagte zu mir: »Hier ist die Deri Road, Ms. Dirie. Ihr neues Zuhause.« Ich spürte einen Kloß im Hals.

Er parkte das Auto vor einem alten Backsteingebäude mit grünen Fensterrahmen und sagte zu mir und meinem Sohn: »Wir sind angekommen. Ich hoffe, es gefällt euch.«

Aleeke war in meinem Arm eingeschlafen. Ich trug ihn vorsichtig in unser neues Zuhause. Thomas führte uns durch einen schmalen, aus Ziegeln gemauerten Gang. Die erste Tür auf der linken Seite führte zu einem großzügigen Wohnzimmer. Sofort fiel mir das dunkelgrüne, massive Sofa mitten im Zimmer auf, das mit unzähligen Polstern in unterschiedlichen Größen und Formen ausgestattet war. Vorsichtig legte ich Aleeke auf die Liegelandschaft.

Gegenüber vom Sofa entdeckte ich einen Kamin, in dem Thomas zuvor schon Feuer gemacht hatte. Ich liebe das Knistern von brennendem Holz. Sofort verspürte ich Wärme in mir, und ich ließ meine Blicke durch den Raum schweifen. Typisch englisch, dachte ich mir, als ich die Einrichtung begutachtete.

Eigentlich wollte ich mich nur kurz ausruhen, als ich mich zu Aleeke aufs Sofa setzte, doch ich musste eingeschlafen sein. Denn das Nächste, woran ich mich erinnerte, war die Stimme meines Sohnes: »Mama, Mama, ich habe Hunger. Ich will frühstücken.«

Erschrocken setzte ich mich auf, und bevor ich realisierte, wo ich eigentlich war, spürte ich schon Aleekes kleine Hände an mir ziehen. Durch die Fenster schien die Morgensonne ins Wohnzimmer. Ein bisschen verwirrt stand ich auf und suchte die Küche.

Lange musste ich nicht suchen, da Aleeke schon längst das ganze Haus durchforstet hatte, während ich noch schlief. Ich folgte seiner zarten Stimme instinktiv. Als ich in die Küche, die gleich neben dem Wohnzimmer lag, kam, wurde ich von den Sonnenstrahlen, die durch die großen Fenster in den Raum eindrangen, geblendet.

Aleeke begann zu quengeln und an meiner Kleidung zu zerren. »Mami, Mami, ich habe Hunger!«, rief er mir vorwurfsvoll zu. Ich begann die Küchenschränke nach Essen und Geschirr zu durchsuchen. Gott sei Dank hatte Thomas zuvor für uns eingekauft.

Es war ein wunderschöner Morgen. Vom Unwetter des vorangegangenen Tages war kaum etwas zu sehen. Der Garten war noch ein bisschen nass. Gedankenversunken schaute ich aus dem Fenster und beobachtete die Vögel und Schmetterlinge, die sich an den Sonnenstrahlen erfreuten und an den von Tautropfen glänzenden Blättern.

»Mami, Mami, ich will spielen.« Aleeke riss mich aus meinen Tagträumen. Ich ging zu meiner Tasche, um ein Spielzeug für ihn zu suchen, als mir mein Mobiltelefon in die Hände fiel. Der Akku war leer – Mist. Ich suchte eine Steckdose, um mein Handy aufzuladen, setzte mich hin und begann mit Aleeke »Mensch ärgere dich nicht« zu spielen.

Als wir gemütlich auf dem weichen Teppich saßen und ich Aleeke voll Stolz betrachtete, läutete mein Telefon. Am anderen Ende der Leitung war meine Agentur.

»Hey, Waris, gute Neuigkeiten, es wartet viel Arbeit auf uns, jede Menge Interviews, Fotoshootings und Fernsehauftritte.« Ich wollte gerade erwidern, dass dieses Leben ein für alle Mal der Vergangenheit angehöre, doch nach seinen Worten: »Dein neues Buch Nomadentochter ist jetzt schon ein Bestseller, du bist Nr. 1 in Charts …« rutschte mir der Hörer aus der Hand.

Wenig später klopfte jemand an meine Haustür. »Waris, Waris! Bist du zu Hause?«, rief eine Frauenstimme. Es war Hawo, eine somalische Bekannte meiner Schwägerin, die vorbeikam, um nach mir und Aleeke zu sehen.

Wir kochten uns Tee und sprachen über unsere Familien. Irgendwann sprachen wir über das unvermeidliche Thema, FGM. Ich fragte Hawo direkt, ob auch sie ihre Töchter »machen« hat lassen. Hawo antwortete mir: »Meine ältere Tochter ist gemacht, aber die kleine lasse ich nicht beschneiden. Ich habe dein Buch gelesen, und wir müssen gemeinsam gegen dieses Unrecht kämpfen. Waris, fast alle somalischen Mädchen hier in Eurpoa sind beschnitten, und niemand ahnt, dass dies auch hier gemacht wird, weder die Behörden noch die Jugendämter. Niemand hilft einem, wenn man dagegen ankämpft. Du musst auch hier etwas unternehmen, nicht nur in Afrika. Wir zählen auf dich, denn uns hört sowieso keiner zu!«

An diesem Tag habe ich beschlossen, meine eigene Organisation zu gründen. Die Desert Flower Foundation, um weltweit gegen dieses Verbrechen zu kämpfen. Bitte unterstützt meine Foundation im Kampf gegen dieses grausame Verbrechen. Der Kampf geht weiter!

 

Waris Dirie, Juni 2013

www.desertflowerfoundation.org

 

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1

Wüstenträume

In Somalia sind Teufel weiß. Wir nennen sie djinn, und sie lauern überall. Einfach überall! Sie kriechen in Menschen und Tiere, verursachen Krankheiten, spielen ihnen Streiche und machen sie verrückt. Wenn du etwas irgendwo hinstellst und es ist auf einmal nicht mehr da, dann weißt du, ein djinn steckt dahinter. Meine Mutter hat ihnen immer zugerufen: »He! Teufel! Geh von meinen Sachen weg! Sie gehören dir nicht, du bist hier nicht erwünscht!« Dann hat sie mir gezeigt, dass man sich abwenden muss und am besten etwas anderes tut; wenn der djinn weg ist, findet man das Verlorene bald schon wieder. Meine Mutter wusste alles über djinns und wie man sie loswird. Sie kannte viele Zaubersprüche und Rezepte, mit welchen Blättern oder Rinden man den djinn vertreiben konnte, wenn man krank war. Sie sammelte Pflanzen, kochte Wurzeln oder gab sie uns roh zu essen. Besondere Blätter und Pilze verwahrte sie in Lederbeuteln. Im Rauch und in den Sternen konnte sie lesen und wusste stets den richtigen Zeitpunkt. Wegen ihrer magischen Kräfte wurde sie hoch geachtet, und die Leute brachten kranke Tiere zu ihr – ich erinnere mich gut daran aus der Zeit, als ich ein kleines Mädchen war.

Ich wurde in der somalischen Wüste geboren, und ich weiß nicht, wie viele Kinder meine Mutter auf die Welt gebracht hat. Denn viele Babys starben gleich nach der Geburt. Wie die meisten Somalis besaßen wir Kamele und Ziegen und lebten von deren Milch. Traditionsgemäß hüteten meine Brüder eher die Kamele, und wir Mädchen kümmerten uns um die kleineren Tiere.

Eines Tages, als ich seit ungefähr acht gu, also Regenzeiten, auf der Welt war, hütete ich, nicht weit vom Lager meiner Familie entfernt, unsere Ziegen. An diesem Morgen war ich über die steilen, sandigen Ufer des tuug, des trockenen Flussbetts, zu einem Platz geklettert, den ich am Tag zuvor entdeckt hatte. Dort gab es frisches Gras und ein paar Akazienbäume. Die größeren Ziegen richteten sich auf den Hinterbeinen auf und zogen die Äste herunter, sodass sie an den unteren Blättern knabbern konnten. In der Regenzeit weiden die Ziegen rings um das Lager, ohne dass man viel Scherereien mit ihnen hat; aber während der Dürreperiode muss man Grasflecken finden und auf sie aufpassen, weil dann auch die anderen Tiere hungrig sind. An diesem heißen Nachmittag saß ich im Schatten, sang und spielte mit den Puppen, die ich mir aus Stöckchen gebastelt hatte. Seit eh und je wusste ich, was ich werden wollte. Schon als kleines Kind hatte ich feste Vorstellungen. Auch mein künftiger Mann stand mir klar vor Augen. Ich spielte, dass ich ein Haus besaß. Kleine Steine waren meine Ziegen und größere waren Kamele und Rinder. Mein Haus war groß und rund. Mit nassem Sand ging es am besten, weil ich es dann genauso formen konnte wie unsere Hütte – nur dass meines besser war, weil ich es selbst gestalten konnte. Meine Mutter baute unser Haus aus Matten, die sie aus langen Gräsern flocht, sodass es schnell abgebaut und auf die Kamele verladen werden konnte, wenn wir weiterzogen. Mein Spielhaus war so sicher und schön wie ihres, mit einem Ehemann und Kindern. Wir lebten weit weg von meiner Familie.

Unter der Mittagssonne schien alles zu erstarren. Ich konnte in beide Richtungen des sandigen tuug schauen. Am Abend zuvor hatte ich auf dem Weg zurück ins Lager die bösen gelben Augen eines Hyänenrudels gesehen, die mich und die Ziegen beobachteten. Obwohl mein Vater gesagt hatte, sie kämen nicht näher, solange ich da wäre, hatte ich Angst. Sie sind gerissen, und wenn man sie nicht scharf im Auge behält, dann schnappen sie sich eine der Ziegen, während man auf die anderen achtet. Man muss sich groß und furchtlos geben, denn wenn sie Angst spüren, lassen sie einen nicht in Ruhe.

Whitey, die Lieblingsziege meiner Mutter, schaute hoch und witterte, deshalb sah auch ich mich um. Ein Mann kam am Rand des tuug entlang und zog an einem geflochtenen Strick ein Kamel hinter sich her. Für gewöhnlich folgen Kamele einem Leittier, das eine hölzerne Glocke trägt. Sie bimmelt hohl, und die anderen gehen einfach einzeln hinterher, in einer Reihe wie Elefanten – wobei sie sich am Schwanz des Vorgängers festhalten. Dieses ulkige Kamel zuckte und drehte sich auf eine merkwürdige Art zu einer Seite. Es wehrte sich nicht, sondern zitterte und hatte Schaum vor dem Maul. Ab und zu blieb es stehen. Das Tier war zweifellos von einem djinn besessen, ein Teufel steckte in seinem Leib. Ich sah zu, wie der Mann das arme Ding am Hang entlang hinter sich herzerrte. Plötzlich brach es zusammen. Er schrie und brüllte es an, es solle wieder aufstehen. Wild schlug er mit einem Stock auf seinen Bauch ein, aber das Kamel lag nur heftig zuckend im Sand. Ich glaubte zu erkennen, dass es eine hahl, ein schwangeres Weibchen war, ein wertvolles Tier. Der Mann setzte sich hin und barg den Kopf in den Händen. Es überraschte mich, einen erwachsenen Mann im Schmutz sitzen zu sehen. Nomaden bleiben immer stehen, und wenn sie sich ausruhen, heben sie einen Fuß an den anderen Schenkel und hängen die Arme über einen Stock über den Schultern. Manchmal hocken wir Frauen uns hin, aber Männer sitzen niemals auf der Erde. Auch geschlagen hatte hier noch keiner ein Kamel. In meiner Familie erachtete man Kamele als wertvoll. Mein Vater und meine Onkel waren streng mit unserer Herde; aber sie schlugen die Tiere nur wegen Eigensinn und Ungehorsam. Kamele können gemein sein, und ich hatte früh gelernt, mich vor ihren Tritten und Bissen in Acht zu nehmen.

Ich versteckte mich, damit er nicht merkte, dass ich ihn beobachtete. Vielleicht würde er auch mich schlagen. Am liebsten wäre ich nach Hause gerannt und hätte es meiner Mutter erzählt; aber ich wagte es nicht, die Ziegen allein zu lassen. Mein Vater würde außer sich sein vor Wut und mich verprügeln, wenn die Tiere davonliefen oder eine Hyäne sich eins schnappte. Also stand ich still wie eine Babygazelle hinter einem Busch und wagte kaum zu atmen.

Schließlich hörte die hahl auf zu zittern. Sie blickte sich einen Moment um und schien erst jetzt zu merken, dass sie auf dem Boden lag. Zuckend zog sie ihre Beine unter den Bauch und erhob sich. Zwar war sie so anmutig wie die meisten Kamele, aber Schaum und Geifer tropften ihr aus dem Maul. Auch der Fremde stand auf – fast so, als hätte er das schon viele Male mitgemacht – und zerrte sie weiter. Sie schleppten sich den tuug hinunter und an der anderen Seite wieder hoch, auf unser Lager zu. Bestimmt machte er sich große Sorgen um sein krankes Kamel; denn wenn es starb, würde er das Fohlen auch verlieren.

Länger als ich denken konnte, war es heiß und trocken gewesen. Ich wusste, dass meine Eltern sich Sorgen machten, obwohl sie nichts sagten. Wir hatten nicht viel Wasser, weil auch die Wasserlöcher im tuug immer mehr austrockneten. Schon ein paar Mal waren wir weitergezogen, um Wasser für die Tiere zu finden. In der Nacht war ein neu geborenes Kamelfohlen gestorben. Mein jüngerer Bruder, den wir Alter Mann nannten, weil seine Haare sehr früh weiß wurden, hatte es am Morgen gefunden. Alter Mann schien immer alles vor den anderen zu wissen, obwohl er noch so klein war. Mein Vater stubste das winzige Ding an, das nur aus Beinen und Hals bestand, und blickte zum wolkenlosen Himmel. Wenn es trocken war, sah er immer zum Himmel und betete zu Allah um Regen. Wir konnten das Fleisch nicht essen – weil es für uns als Muslime unrein ist, ein Tier zu essen, das nicht auf die richtige Art geschlachtet wurde. Die Geier kreisten schon so niedrig, dass ihre langen Flügel Schatten warfen, wenn sie über unsere Köpfe flogen. Ich erinnere mich noch gut an das Geräusch des heißen Windes und das leise Murmeln meiner Mutter, die betete.

Meine Mutter versäumte ihre täglichen Gebete nie, ganz gleich, wie verzweifelt die Lage war. Wenn man krank ist, muss man nur dreimal am Tag beten statt fünfmal, und man muss sich auch nicht zu Boden werfen; aber meine Mutter betete unbeirrt immer fünfmal. Bevor Moslems beten, waschen sie sich, damit sie sauber und rein sind, wenn sie mit Gott sprechen. Allah, möge diese Waschung meine Seele reinigen … Wir hatten kaum genug Wasser, um am Leben zu bleiben oder die Tiere zu tränken, also gab es keines zum Waschen. Wenn Mama kein Wasser fand, wusch sie sich mit Sand. Fünfmal am Tag grub sie den Sand unter einem Busch aus, an einer Stelle, über die noch niemand gelaufen war. Sie wusch sich damit die Hände wie mit Wasser, rieb es sich durchs Gesicht und über die Füße. Dann rollte sie ihre gewebte Gebetsmatte nach Osten aus, in Richtung der heiligen Stadt Mekka, kniete nieder und betete. Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet … Da wir keine Uhr besaßen, teilten wir die Zeit durch die täglichen fünf Gebete ein.

Wenn meine Mutter mit ihrer religiösen Verrichtung fertig war, rollte sie ihre Matte wieder ein und legte sie in unsere runde Hütte. Sie baute sie selbst mit den langen Wurzeln des galol-Baums. Die biegsamen Wurzeln grub sie aus und bog sie zu einer Kuppel. Darüber kamen die Matten, die sie aus Gräsern wob. Meine Mutter war diejenige, die die ganze Arbeit in der Familie erledigte. Sie kochte das Essen, nährte die Säuglinge, baute das Haus, wob die Matten, auf denen wir schliefen, und fertigte Körbe und Holzlöffel an. Sie war die Köchin, die Baumeisterin, die Ärztin und meine einzige Lehrerin. Meine Mutter sagte nichts zu dem toten Kamelfohlen, sie fuhr einfach in ihrem Tagwerk fort. »Gott helfe uns, dass die Ziegen heute Morgen Milch geben«, sagte sie. Das tat sie jeden Tag, wenn wir die Ziegen und die Kamele molken. Meine Mutter konnte gut mit Tieren umgehen – sie blieben ganz ruhig stehen, wenn sie sie berührte. Ich musste immer den Kopf des Tieres zwischen meine Beine in mein Kleid stecken und mich über seinen Rücken beugen, damit es nicht austrat oder in den Eimer schiss, wenn ich versuchte, es zu melken. Aber alle Tiere liebten es, neben ihr zu stehen und ihre seidigen Zitzen von ihr berühren zu lassen. Mutter war immer zu Scherzen aufgelegt und sang bei der Arbeit.

Whitey hatte an diesem Morgen die meiste Milch gegeben, und Mutter teilte sie für uns auf. Sie blickte meinem Vater direkt in die Augen, was sie selten tat, und als sie ihm ihre Schüssel Milch reichte, hielt sie seine Hände einen Moment lang fest. Mein Papa war so stark, dass er unsere größte Ziege hochheben konnte. Er war ein Darod. Die Darod sind der größte und stärkste Stamm in ganz Somalia. Mit Spitznamen heißen die Darod La’Bah, Löwen. Er war größer als jeder andere Mann, den ich kannte, und seine Augen waren so scharf, dass er schon von weitem eine weibliche Gazelle von einer männlichen unterscheiden konnte. Ich ahnte, dass er gut aussah, denn die Frauen gaben sich immer große Mühe, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Der Fremde führte das Kamel in unser Lager. Leider konnte ich ja die Ziegen nicht allein lassen; aber ich wollte schrecklich gerne wissen, was mit dem Griesgram und seinem merkwürdigen Kamel los war. Plötzlich sah ich Alter Mann am anderen Ufer des tuug entlangschlendern. Er sammelte Holz.

»Komm her, calli«, rief ich ihm zu und winkte. Warum sammelte er wohl jetzt Brennholz?

»Was ist los?«, schrie ich.

»Mutter will ein größeres Feuer«, erklärte er. »Ein Vetter hat ein krankes Kamel gebracht, damit sie es wieder gesund macht.« Alter Mann hatte ein süßes Gesicht unter seinen verblüffenden weißen Haaren, und mit seinen runden, weihrauchfarbenen Augen sah er aus wie meine Mutter, die immer die Schönste in unserer Familie gewesen war. Allerdings durfte man das nie sagen; sobald man es aussprach, würde ihm etwas Schlimmes zustoßen.

»Alter Mann«, schrie ich. »Komm her, du darfst auf die Ziegen aufpassen! Ich muss zu Mama.« Mein Bruder zögerte, aber er wollte schon längst alt genug sein, um auf die Ziegen aufpassen zu können. Bevor Jungen die angesehenste Aufgabe übernehmen, die Kamele zu hüten, kümmern sie sich um die Ziegen und Schafe. Normalerweise ließ ich ihn nicht in ihre Nähe und behauptete, er würde ihnen Angst einjagen. Aber heute wollte ich unbedingt wissen, was los war, und riskierte es sogar, verprügelt zu werden – falls Alter Mann eine der Ziegen verlor.

Damit niemand merkte, dass ich die Ziegen im Stich gelassen hatte, schlich ich vorsichtig auf unsere Hütte zu. Es kümmerte sich jedoch keiner um ein weiteres mageres Kind, das herumlief. Ich roch den Rauch des Feuers und den Duft von Tee. Meine ältere Schwester schenkte ihn gerade in eins von unseren zwei Gläsern. Sie hielt die Kanne hoch und goss den Tee in einem langen, dünnen Strahl ein, damit der heiße, würzige Duft in die Luft stieg. Dann servierte sie das Getränk meinem Vater und dem Fremden. Sie sah ihnen dabei nicht ins Gesicht, sondern blickte wie eine richtige Frau zu Boden. Ich fragte mich, warum nicht Mama den beiden Männern den Tee servierte.

Das trächtige Kamel stand neben unserer Hütte und begann schon wieder zu zucken und zu zittern. Es hatte einen richtigen Anfall! Meine Mutter hockte daneben in dem langen Nachmittagsschatten, den unsere Hütte warf, und beobachtete es. Sie verfolgte jede Bewegung so aufmerksam, als wolle sie das Kamel kaufen. Sein Fell war hellbraun, wie eine Löwenmähne, und es hatte einen ganz dicken Bauch. Das Fell wies Risse auf, und die Knie waren blutig vom Hinfallen. Der Anblick schien Mama zu erschrecken, aber sie hatte keine Angst. Leise schlich ich mich hinter sie. Ich wollte auch eine Heilerin werden und genau wissen, was sie tat.

Meine Mutter blickte zu den Männern hinüber, die Tee tranken. Der Fremde stellte sich als entfernter Vetter meines Vaters heraus. Er war nicht so groß wie mein Vater, hatte einen seltsam geformten Kopf und einen langen Hals wie ein Strauß. Sie beobachtete ihn, wie er seinen Tee trank und mit meinem Vater über irgendeine politische Partei und die Kämpfe im äthiopischen Ogaden redete, um ihn als Mensch einzuschätzen. Dann betrachtete Mutter das getrocknete Kamelblut und die Haare am Ende seines Stocks. Sie stand auf und trat langsam zu dem Kamel, wobei sie beruhigende Laute von sich gab. »Allah bah wain, Gott ist groß«, murmelte sie. Sie legte ihre Hand an die Backe des Kamels und fuhr ganz zart mit den Fingerspitzen über den langen Hals und die Schulter bis zum Bauch. Das Kamel wich nicht zurück, aber es zuckte die ganze Zeit. Mama tastete den Bauch ab, um das neue Leben zu spüren. Die Stute war so dünn, dass trotz der Trächtigkeit ihre Rippen hervorstanden. Jetzt legte Mama ihr Ohr an den Bauch, um dem Herzschlag des Fohlens zu lauschen. Dann trat sie langsam zurück und zerrieb etwas von dem Schaum, der aus den schwarzen Lippen des Tieres troff, zwischen den Fingern. Sie öffnete das Maul des Kamels und sah sich die dicke Zunge und die Zähne an. Als das Tier pisste, nahm sie ein wenig von dem nassen Sand und roch daran. Anschließend wartete sie auf den richtigen Zeitpunkt, weil sie die Sonne beobachtete, die langsam hinter den fernen Hügeln versank. Sie kannte den Lauf der Sterne und wusste, wann die gu-Regen in die hagaa oder Trockenzeit übergingen. Immer wusste sie, wann etwas getan werden musste und wann es besser war, zu warten.

Mama ergriff den geflochtenen Strick und zog daran, um das Kamel zum faardisimo, zum Hinsetzen, zu bewegen. Ich sah, wie sich die langen Ohren nach der Stimme meiner Mutter ausrichteten, als ob sich das Tier nach ihr sehnte. Schwerfällig setzte es sich hin. Zuerst kniete es sich auf die Vorderbeine, dann knickten die Hinterläufe ein, und es zog die Beine unter sich. Kamelen wird beigebracht, sich hinzuknien, weil sie zu hoch sind, um stehend beladen zu werden. Mama hockte sich hin, sodass ihr Gesicht genau in Augenhöhe des Tieres war.

Im Lager wurde es still. Die Männer hörten auf zu reden, die Frauen hörten auf, mit den Töpfen zu klappern. Selbst der Rauch des Feuers schien innezuhalten. Mama umschloss den Kopf des Kamels mit beiden Händen, als sei es ein Kind. Sie blickte ihm direkt in die Augen – dann gab sie ihm sanfte Klapse. »Verschwinde, du Teufel, verschwinde von hier! Du bist nicht erwünscht!« Irgendwie wusste sie genau, wie viele Klapse sie ihm geben musste und wie fest sie sein mussten, damit der djinn entwich. Dann nahm sie das Lederamulett mit den heiligen Worten des Korans, das sie um den Hals trug, und legte es dem Tier an die Nase, dem Eingang zur Seele. Das Kamel hielt völlig still – plötzlich hörte das Zittern auf, und es käute wieder, wie alle Kamele es tun, wenn sie sich ausruhen.

Mama stand auf und bedeckte ihr Gesicht mit ihrem chalmut, dem Schal, bevor sie zu meinem Vater und seinem Vetter trat. Mit gesenktem Blick sagte sie ihnen, ein böser Geist, ein djinn, sei in das Kamel gefahren und habe die Anfälle verursacht. »Sie wird bald ihr Fohlen zur Welt bringen«, fuhr Mama fort, »noch bevor der Mond dunkel ist. Der djinn, der die Anfälle verursacht hat, ist jetzt weg – aber die Kamelstute braucht Ruhe und zusätzliches Futter und Wasser, bis sie geworfen hat. Das wird ihr helfen, den djinn abzuwehren, wenn er zurückkommt.«

»Sie frisst nicht«, wandte der Vetter ein.

»Weil sie Angst hat vor dem Teufel«, erklärte meine Mutter. »Du musst sie streicheln und ruhig auf sie einreden, dann frisst sie auch und setzt wieder Fett an.«

»Hiiyea, ich verstehe!« Mein Vater und sein Vetter nickten gleichzeitig.

»Wir werden eine Ziege schlachten, ein Festmahl kochen und zu Allah beten, um den djinn fernzuhalten«, sagte mein Vater. Als er Ziege sagte, bin ich wohl zusammengezuckt, denn er blickte in meine Richtung und entdeckte mich. Bevor ich weglaufen konnte, hatte er mich grob am Arm gepackt. Er zog mich zu sich heran und schlug mir so fest ins Gesicht, dass ich das Blut schmeckte, das mir aus der Nase lief. Bevor er noch einmal zuschlagen konnte, entwand ich mich seinem Griff und rannte zurück zu der Herde. Auf dem Grund des tuug war es schon dunkel, und in dem schwindenden Licht konnte ich nichts mehr unterscheiden. Spitze Steine bohrten sich mir in die Fußsohlen, und die Dornen der galol-Büsche rissen mir die Haut auf. Baby, eine der Ziegen, meckerte. Wir nannten sie Baby, weil sie immer so viel Lärm machte. Alter Mann ging im tuug entlang, und die Ziegen folgten ihm gehorsam. Ich war so froh, sein silbriges Haar in der Dunkelheit zu sehen, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen. Mein Arm kam mir gebrochen vor, und ich wusste, mein Vater würde mich bei meiner Rückkehr wieder schlagen. Viel lieber hätte ich die Hände meiner Mutter auf meinem Gesicht gespürt. Warum war ein Kamel wichtiger als eine Tochter?

 

Vor fast zwanzig Jahren, als ich alt genug war, um verheiratet zu werden, lief ich vor meinem Vater und dem harten Leben in Somalia davon, aber die westliche Welt erwies sich dann in vieler Hinsicht als noch härter. Die Ohrfeige eines Vaters war immer noch besser als die Einsamkeit, die ich im modernen Westen vorfand. Allein in einem Hotelzimmer in Amerika oder England, das voller Teufel war, sehnte ich mich nach einer menschlichen Berührung – ja sogar nach einem Schlag eines geliebten Menschen. Meine Augen brannten und waren geschwollen vom Weinen, ich kam mir verloren vor; mein Leben hatte keine Richtung mehr. In Somalia ist die Familie alles, Beziehungen gelten als genauso lebenswichtig wie Wasser und Milch. Die schlimmste Beleidigung lautete: »Mögen Gazellen in deinem Haus spielen!« Das heißt, dass deine Familie dich verlassen soll. Gazellen sind scheu und würden sich einem bewohnten Haus nie nähern. Für uns Somalis ist Einsamkeit schlimmer als der Tod.

Meine Beziehung zu meinem Verlobten Dana klappte auch nicht, und ich wusste nicht, wie es meiner Familie ging. Einmal traf ich einen Somali und fragte ihn über Somalia aus, weil ich meine Mutter finden wollte. Seine Augen waren so leblos, als ob das Licht aus seinem Herzen gewichen sei. Er sagte: »Vergiss Somalia! Es existiert nicht mehr.« Ebenso gut hätte er mir mitteilen können, meine Mutter sei tot. Wenn es Somalia nicht mehr gibt, was bin ich dann? Meine Sprache ist einzigartig, unsere Kultur und Gebräuche sind einzigartig, selbst unser Aussehen ist es. Wie konnte ein Land einfach verschwinden wie Wasser aus einem tuug?

Jetzt schrieben wir das Jahr 2000, neunzehn Jahre waren vergangen, seit ich von zu Hause fortgelaufen war. Mein Land war von Krieg und Hunger zerrissen, und ich wusste nicht, was mit meiner Familie geschehen war.

Ich war nach Los Angeles eingeladen, um einen Vortrag über die Genitalverstümmelung an Frauen zu halten, und hatte eingewilligt – obwohl es mir schwerfiel, darüber zu sprechen. Ich war Sonderbotschafterin der UNO zum Thema Beschneidung, aber sobald ich darüber sprach, brachte es schmerzliche Erinnerungen mit sich. Ich hatte meine Mutter damals sogar um die Beschneidung gebeten, weil alle behaupteten, es würde mich sauber und rein machen. Ich war noch nicht viel größer als eine Ziege, als meine Mutter mich festhielt, während eine alte Frau meine Klitoris und die inneren Schamlippen abschnitt und die Wunde zunähte. Sie ließ nur eine winzige Öffnung für Urin und Menstruationsblut. Zu dieser Zeit hatte ich keine Ahnung, was passieren würde, weil wir niemals darüber redeten. Das Thema ist tabu. Meine schöne Schwester Halimo starb daran; niemand aus meiner Familie erwähnte es jemals, aber ich weiß ganz genau, dass sie entweder verblutet oder an einer Infektion gestorben ist. Die midgaan-Frauen, die die Beschneidung vornehmen, verwenden eine Rasierklinge oder ein an einem Stein gewetztes Messer. Die midgaan sind Unberührbare in der somalischen Gesellschaft, weil sie von einem Stamm kommen, der nicht vom Propheten Mohammed abstammt. Sie tragen danach eine Myrrhensalbe auf, um die Blutung zu stoppen, aber wenn etwas schiefläuft, haben wir kein Penicillin. Später dann, wenn ein Mädchen heiratet, versucht der Bräutigam in der Hochzeitsnacht die kleine Öffnung gewaltsam zu vergrößern. Falls die Öffnung zu schmal ist, trennt man sie mit einem Messer auf. Erst nach Jahren des Kampfes wurde mir klar, dass es eine echte Verstümmelung ist. Aber ich hatte immer noch Angst, darüber zu sprechen – ich fürchtete, mir würde etwas Schlimmes passieren, wenn ich das Schweigen bräche.

Es war schon spät, als ich im Hotel ankam, und ich wusste nicht, dass in vielen verschiedenen Sälen Veranstaltungen stattfanden. Schließlich wies man mir den Weg in den Ballsaal. Als ich die Flügeltüren öffnete, sah ich erstaunt, dass sich fünf- oder sechshundert Menschen in dem riesigen Raum befanden. Nancy Leno, die Organisatorin, saß mit den anderen Teilnehmern der Podiumsdiskussion bereits auf der Bühne. In Situationen wie dieser habe ich gelernt, mich so zu verhalten, als wüsste ich ganz genau, was ich tue. Ich holte tief Luft und stieg mit hoch erhobenem Kopf die Stufen zur Bühne hinauf. Nancy stand auf, um mich zu begrüßen. Sie gab mir ein sicheres Gefühl, und ihre Freundlichkeit nahm mir meine Nervosität.

Ich diskutierte mit einer Anwältin, die auf Asylrechtsfragen spezialisiert war, und einer sudanesischen Ärztin. Beide bestätigten mit Fakten und Zahlen meine Aussagen. Man schätzt, dass ungefähr siebzig Millionen Frauen Opfer althergebrachter Praktiken sind; die Wurzeln dieser Prozedur liegen jedoch im Dunkeln. Weltweit wird die Praxis unterschiedlich streng gehandhabt. Sunna heißt die Entfernung der Spitze der Klitoris. Bei der Ausschneidung werden auch die Schamlippen entfernt. Die schwerste Form der Verstümmelung erleiden die Mädchen in Somalia. Sie wird pharaonische Beschneidung oder Infibulation genannt. Die Klitoris und die gesamten inneren Schamlippen werden dabei weggeschnitten, und die Wunde wird so zugenäht, dass nur noch eine winzige Öffnung bleibt. Die Ärztin sagte, bei vierundachtzig Prozent der ägyptischen Mädchen zwischen drei und dreizehn würde die Beschneidung vorgenommen. Auch sei sie nicht mehr auf muslimische Länder beschränkt – mittlerweile haben schon über sechstausend Mädchen in westlichen Ländern diese Prozedur ebenfalls über sich ergehen lassen müssen.

Ich versuchte zu erklären, was mir als Kind in Somalia widerfahren war und welche Schwierigkeiten ich beim Wasserlassen und bei der Menstruation gehabt hatte. Meine Mutter sagte mir, ich solle nicht so viel trinken, damit die Öffnung klein bliebe, und ich solle auf dem Rücken schlafen, damit die Wunde flach und glatt verheile. Die Genitalien eines nicht beschnittenen Mädchens gelten als unrein und unschön. Sie glaubte, das würde meine Zukunft sichern – da Mütter für ihre Söhne beschnittene Frauen wollen. Sie glaubte auch, wie alle in meinem Volk, dass der Koran es befahl.

Über meine Genitalverstümmelung zu reden erschien mir als Segen und Fluch zugleich. Ich war froh, dass die Leute etwas über diese grausame Sitte wissen wollten; aber zugleich musste ich all die Schmerzen und das Elend, das sie über mein Leben gebracht hatte, noch einmal durchleben. Immer wenn ich über die Genitalverstümmelung an Frauen sprach, sagte ich damit etwas gegen meinen Vater, meine Mutter und den Glauben meines Volkes. Ich denunzierte meine Familie und eine Tradition, die ihnen sehr viel bedeutete. Ich wollte den Frauen helfen, die diese schmerzhafte Erfahrung gemacht hatten – aber dadurch wurde ich zur Feindin meines Volkes. Wenn ich noch bei meiner Familie gelebt hätte, hätte ich es sicher nicht gewagt, so in die Öffentlichkeit zu treten; wir sprechen natürlich nicht über solche Dinge. Deshalb hatte ich jedes Mal Angst, wenn ich dieses Thema vor einer größeren Zuhörerschaft anschnitt. In meiner Kultur gibt es Dinge, die tabu sind, wie der Tod oder die Schönheit eines Menschen. Wir haben viele Geheimnisse – denn wenn man sie ausspricht, passiert ganz bestimmt etwas Schreckliches. Ich wurde wütend, als die Anwältin sagte, weibliche Beschneidung sei eigentlich Folter. Meine Mutter hatte mich nicht foltern lassen. Sie glaubte doch nur, ich würde dadurch zu einer reinen Frau. Einer guten Gattin und Mutter. Einer Frau, die ihrer Familie zur Ehre gereichte.

Nach meinem Vortrag stellte das Publikum viele Fragen, aber ich schämte mich und hatte das Gefühl, kein Wort mehr hervorbringen zu können. Ich verließ den Saal durch die Seitentür, stieg in den Aufzug und fuhr in den neunzehnten Stock. In so hohen Gebäuden habe ich immer Angst. In meiner Kindheit war die Welt flach und offen; in einer kleinen Schachtel irgendwo hinaufzufahren, erfüllt mich mit Schrecken. Es ist so unnatürlich.

Meine Hand zitterte, als ich mit der Karte die Tür öffnete und das »Bitte nicht stören«-Schild an die Klinke hängte. Ich zog die braunen Vorhänge zu, um das Licht auszusperren. Es war ein klarer, wolkenloser Tag, der mich an meine Heimat im Süden Somalias erinnerte. Ich warf einen Blick in die Minibar, und ein djinn grinste mich an. Er sagte: »Willkommen! Willkommen!« Ich holte die kleinen Flaschen mit Gin, Rum und Scotch heraus und ging schwer beladen ins Bett. In jeder Flasche war ein anderer Teufel, und ich trank sie alle – eine nach der anderen.

Meine Mutter konnte die Teufel fernhalten, aber ich hatte keine Ahnung, wo sie lebte oder ob sie mich überhaupt noch kannte. Sie wusste nichts von Fotografien, geschweige denn von der Arbeit als Model. Meine Familie würde mir die Augen auskratzen, wenn sie wüsste, was ich über unsere Kultur sagte. Ich wollte gern eine Heilerin werden wie meine Mutter – aber mit meinen Vorträgen über die Genitalverstümmelung an Frauen beleidigte ich sie. Sie hat mir beigebracht, nie etwas Böses zu sagen, weil man seine Worte ins Universum hinausschickt und nicht wieder zurückholen kann. Auf einer Schulter sitzt ein schwarzer Engel, Malick, und ein weißer Teufel, Behir, sitzt auf der anderen. Wenn der weiße Teufel meine Mutter veranlasste, etwas Unfreundliches zu sagen, dann bat sie Malick, es wieder zurückzunehmen. »Nimm es zurück, nimm es zurück«, pflegte sie zu wiederholen, bevor es zu weit weg war. »Ich nehme es zurück, ich nehme es zurück«, weinte ich, aber leider war es schon zu spät. Die schrecklichen Dinge, die ich über mein Volk gesagt hatte, hallten bereits im Universum wider. Und ich konnte sie nicht zurücknehmen.

Am liebsten wäre ich für immer in meinem Zimmer geblieben. Ich zog mir die Decke über den Kopf und verkroch mich wie eine Schildkröte unter ihrem Panzer. Mit meiner Angst und Scham war ich ganz allein – eine wertlose Versagerin. Ein Schluchzen stieg in mir auf, das mir schon lange die Kehle zugeschnürt hatte. Furcht begleitete jeden meiner Gedanken. Als ich schließlich einschlief, träumte ich, ich könnte die Ziegen nicht mehr finden. Sie waren weggelaufen, und ich suchte sie überall. Meine Füße bluteten von spitzen Steinen und Dornbüschen, aber ich konnte die Ziegen nirgendwo finden. Ich hörte sie meckern, aber als ich aufwachte, war es mein eigenes Weinen.

Obwohl es mir eigentlich nichts bedeutete, was aus mir wurde, kam Selbstmord nicht in Frage. Meine Mutter hatte mir einmal erzählt, dass sich ein fünfzehnjähriges Mädchen verbrannt hatte, weil ihre Eltern ihr nicht erlaubten, den Jungen zu heiraten, den sie liebte. Sie beerdigten sie nicht, und selbst die Geier mieden ihre Leiche. Als ich in dem glänzend gefliesten Badezimmer den Hahn aufdrehte, um zu duschen, musste ich die ganze Zeit über daran denken, wie meine Mutter sich mit Sand wusch, und hier ließ ich das Wasser literweise in den Abfluss rinnen. Ich starrte mich im Spiegel an. Meine Mutter ist außergewöhnlich schön, aber sie hat noch nie ihr Gesicht gesehen. Ich betrachtete meinen Körper und schämte mich wegen meiner Beine. Auf Grund von Unterernährung in der Kindheit sind sie krumm, und manchmal habe ich deswegen Aufträge als Model verloren. Hungersnöte drohen in Somalia ständig wie die Teufel, die an Kreuzungen lauern. Ich fragte mich, wer von meiner Familie überhaupt noch am Leben war. Es gab nur selten Nachrichten, und wenn, erschütterten sie mich. Mein Bruder, Alter Mann, war tot, ebenso wie meine Schwestern Aman und Halimo. Den ulkigen Bruder meiner Mutter, Onkel Wold’ab, der genauso aussah wie sie, hatte ein Querschläger getroffen, der durch sein Küchenfenster in Mogadischu geprallt war. Auch meine Mutter war angeschossen worden, aber sie hatte überlebt. Von den anderen wusste ich nichts.

Als mein Vater versuchte, mich mit dreizehn an einen alten Stammesgenossen zu verheiraten, lief ich davon. In Somalia müssen Männer einen Brautpreis für eine Jungfrau bezahlen, und dieser kahlköpfige Alte, der sich beim Gehen auf einen Stock stützte, hatte mehrere Kamele für mich geboten.

Eine Frau hat in diesem Fall eigentlich keine Wahl – Frauen müssen einfach heiraten. Es gibt keinen anderen Weg, um in der Wüste zu überleben; unverheiratete Frauen können sich nur prostituieren oder betteln, eine andere Arbeit finden sie nicht. Irgendwie wusste ich, dass es nichts für mich war, Ziegen zu hüten und für einen alten Mann zu sorgen. Ich akzeptierte die Entscheidung meines Vaters also nicht, sondern lief weg. Meine Mutter half mir dabei, und ich weiß bis heute nicht, warum. Vielleicht wollte sie einfach nicht, dass ich einen schlechten Ehemann bekam. Sie brachte mir das folgende Lied bei:

 

Du bist es, die in die dunkle Nacht hinausgeht,

um einen schlecht gewählten Ehemann zu nehmen,

der dich mit dem Schäferstab züchtigt.

Und es ist dein Schleier, der unter den Schlägen zerreißt.

Jetzt, wo ich allein und betrunken mit all den Teufeln um mich herum in dem Hotelzimmer saß, hatte ich furchtbare Sehnsucht nach meiner Mutter. Ich wusste, dass sie mir würde helfen können. Nachdem ich meinen Sohn Aleeke zur Welt gebracht hatte, sehnte ich mich schmerzlich nach meiner Mutter, nach ihrer Umarmung und ihrer Stimme, die leise in mein Ohr flüsterte: »Es wird alles gut.« Egal, was du alles erlebt hast und wie schwierig dein Lebensweg auch sein mag – du willst deine Mutter um dich haben, wenn du selbst Mutter geworden bist. Immer wenn ich meinen kleinen Aleeke im Arm hielt, der jetzt vier Jahre alt ist, vermisste ich meine Heimat Afrika und meine Mutter, die ein Teil davon ist.

Meine Mutter glaubt mit jeder Faser ihres Herzens an Allah. Sie kann ohne Allah weder atmen noch irgendetwas tun. Sie kann kein Korn mahlen noch die Ziegen melken, ohne ihrem Gott dafür zu danken. So wurde auch ich erzogen, und dafür liebe ich sie. Durch das Leben in der westlichen Welt habe ich das Gefühl dafür verloren, bei jedem Schritt mit meinem Gott in Verbindung zu stehen. Mehr und mehr befürchtete ich nun, alles zu verlieren, wenn ich nicht in die Heimat meiner Seele, in die Wüste, zurückkehrte.

Der Name Waris bedeutet im Somalischen »Wüstenblume«. Die ovalen Blütenblätter der Wüstenblume sind hell orangefarben, und die kleinen Sträucher wachsen ganz flach, um sich in der Erde Allahs mit den Wurzeln festzuklammern. In Somalia vergeht manchmal ein ganzes Jahr zwischen zwei Regenzeiten, und dennoch bleibt die Pflanze irgendwie am Leben.

Wenn die Regenzeit endlich einsetzt, sieht man am nächsten Tag überall Blumen. Sie tauchen wie Schmetterlinge aus den Rissen in der Erde auf. Diese zarten kleinen Blüten überziehen die Wüste, in der sonst fast nichts gedeiht. Einmal hatte ich meine Mutter gefragt: »Warum hast du mich so genannt?«

Meine Mutter antwortete scherzhaft: »Wahrscheinlich, weil du etwas Besonderes bist.«

Ich glaube, mein Name weist darauf hin, dass ich überlebensfähig bin – wie eine Wüstenblume. Das sagt mir auch meine Seele. Manchmal habe ich nach all meinem Kummer und Leid das Gefühl, hundertdreißig Jahre alt zu sein – oder sogar noch älter. Ich weiß, dass ich einfach auf der Welt sein muss, und ich hege nicht den geringsten Zweifel, dass es mir grundsätzlich gelingen wird zu überleben. Warum meine Mutter gerade für mich den Namen der Wüstenblume gewählt hat, ist mir ein Rätsel. Aber er passt perfekt zu mir.

Wenn man in Somalia aufwächst, kennt man das Gefühl, aufzustehen und zu gehen, obwohl man keine Kraft hat. Und das tat ich jetzt auch. Ich schlüpfte aus dem Bett und ging los. Auf einmal war es wichtig, meine Mutter zu finden … doch wie? Meine Familie wiederzusehen erschien mir beinahe so unmöglich wie die Tatsache, dass aus dem Kamelmädchen ein Model geworden war.

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Eine Frau ohne Familie muss mit ihren Kindern auf dem Rücken tanzen.

Somalisches Sprichwort

2

Allein

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